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Adolf MOLNAR, 1905–1988

Adolf Molnar (1946)
Adolf Molnar (1946)

Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verschlug es den aus Wien stammenden Adolf Molnar 1939 nach Finnland. In den Jahren 1942 bis 1947 verdiente er dort seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller und auch als Übersetzer aus dem Finnischen und Schwedischen. Auf den Exilautor Molnar wurde man in Deutschland und Österreich erst in den 80er Jahren aufmerksam, nachdem im Luchterhand-Verlag seine Autobiographie Unstet und flüchtig (Uuf) erschienen war.

Seine pikaresk wirkende „Lebensgeschichte“ hat Adolf Molnar in Unstet und flüchtig detailreich selbst geschildert: Geburt am 10. März 1905 in Wien; Kindheit und Jugend im proletarischen Milieu des Fasanviertels (Khunngasse); 1911 bis 1919 nicht sonderlich erfolgreicher Besuch der Gemeindeschule Hegergasse; abgebrochene Lehre, Arbeit als Schankbursche, Wäscheausträger und Laufbursche; frühzeitige Bekanntschaft mit Polizeistationen und Justiz; 1923 Austritt des 18-jährigen aus der Evangelischen Kirche und Eintritt in die Kommunistische Partei Österreichs; Kaderschulung („Einer meiner besten Lehrer war Johannes Schmidt alias László Radványi, der Mann der Anna Seghers“, Uuf 71); Teilnahme an der Julirevolte von 1927 (Justizpalastbrand); 1927 bis 1929 Sportredakteur der Wiener Roten Fahne (für die er über die Moskauer Spartakiade berichtete); Mitglied der Stoßbrigade („einer singenden und theaterspielenden Propagandatruppe, alles höchst revolutionär“, Uuf 80); Arbeitslosigkeit, mehrjähriges Seemanns- und Vagabundenleben mit Aufenthalten in Deutschland, Holland, Frankreich, Italien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Norwegen, Schweden, Lettland, Russland, Finnland usw.; 1930 Ausschluss aus der KPÖ (Trotzkismus-Vorwurf), seither „parteiloser Kommunist“; 1934 Eheschließung mit Hanna Raimann auf dem Wiener Rathaus („es war eine Mischehe“, Trauzeuge Dr. med. Isidor Fassler[1], Uuf 97); März 1938 Flucht vor der rachsüchtigen Wiener SA nach Holland und ins damals noch zu Litauen gehörende Memelgebiet; Mitarbeit am Baltischen Beobachter, („einem von der litauischen Regierung ausgehaltenen Blättchen, das als Papierwellenbrecher eine Springflut aufhalten sollte […] So nebenbei bekam ich auch gut bezahlt“; Molnar 1981: 31); 24. März 1939 Flucht aus Memel „mit dem letzten unkontrollierten Morgenzug ohne Visum ins Litauische. […] Meine baltische Anabasis hatte begonnen“ (Uuf138f.); von Kretinga und Skuodas weiter über Riga und Tallinn nach Helsinki, von wo aus er in die nordschwedische Hafenstadt Luleå zu gelangen hoffte. Der finnische Grenzbeamte ließ sich Molnars vom jüdischen Hilfskomitee in Tallinn bezahlte Bahnfahrkarte Helsinki–Luleå zeigen, stempelte den in Riga mit nur einem Jahr Gültigkeitsdauer ausgestellten reichsdeutschen Pass und sagte: „Wenn wir Sie morgen noch in Helsinki finden, fliegen Sie für alle ewigen Zeiten aus Finnland hinaus.“ (Uuf 153)

Der Flüchtling Molnar hielt sich nicht an die Aufforderung, das Land sofort wieder zu verlassen, er blieb in Finnland, auf Dauer sogar, zunächst allerdings illegal:

Nach 15 Monaten Flucht und Emigration wollte ich ausspannen, aufatmen […]. Wenn schon die legale Emigration kein Zuckerschlecken ist, so ist es die illegale noch weniger. Jeder Tag muss aufs neue erkämpft werden. Man kämpft immer an zwei Fronten: An der politischen, das sind Papiere, Visa, Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, kurz der Kampf gegen die Staatsmacht, die ausnahmslos unfreundlich ist – und an der materiellen Front, das ist: woher das Geld für das nächste Nachtquartier und die nächste Zigarette bekommen. Ich wurstelte mich so durch. […] Meine Isolation war perfekt. Ich verstand weder den finnischen Rundfunk noch die finnischen Zeitungen […] (Uuf 159f.)

Molnar fand im Sommer 1939 Arbeit beim Zirkus Tivoli, als Löwenwärter. Der einflussreiche Chef des Familienunternehmens, Unto Sariola, verschaffte ihm die „heilige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, um die hunderttausend Emigranten mit Nägeln und Zähnen kämpften – hier fiel sie mir in den Schoß“ (Uuf 162). Mit den Schaustellern zog er kreuz und quer durch Finnland und lernte erstaunlich schnell die neue Sprache bzw. die neuen Sprachen:

Nach zwei Monaten konnte mich keiner mehr hinters Licht führen. Jede freie Minute saß ich mit dem Wörterbuch über den finnischen Zeitungen. Die Tivoliarbeiter hatten ihren Spaß mit mir und gaben mir die unmöglichsten Wörter zum Nachsagen auf. […] Ich war nun vier Monate in Finnland und hatte einiges von der Mentalität dieses damals für mich exotischen Volkes mitbekommen. Ich sprach Finnisch und Schwedisch [die zweite Landessprache, AFK] nicht immer zimmerrein, verstand jedoch jedes Wort. (Uuf 162 und 169)

Molnars Löwenwärter-Laufbahn endete, als am 30. November 1939 der 105 Tage dauernde finnisch-sowjetische Winterkrieg begann. Die „Weltgeschichte drehte mich durch ihre Fleischmühle“ (Uuf 178). Er meldete sich zu einer internationalen Freiwilligentruppe („Leute aus 25 Nationen“, Uuf 189), die nicht zum Fronteinsatz gegen die Rote Armee kam. Aber dass er bis März 1940 eine finnische Uniform getragen hatte und seine wahre politische Einstellung vor der finnischen Staatspolizei tarnen konnte, bewahrte ihn (sein Pass war abgelaufen) vor der Auslieferung an die Deutschen: „’Für uns gelten Sie jetzt als Staatenloser, Ihre Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung laufen weiter’“ (Uuf 205). Auch im sogenannten Fortsetzungskrieg, den Finnland vom Juni 1941 bis zum September 1944 an der Seite des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion führte, rettete sich Molnar als Freiwilliger in die finnische Armee, dieses Mal in ein schwedischsprachiges Regiment, das u. a. in den Schären vor der Halbinsel Hanko/Hangö und in Viipuri eingesetzt wurde. Um dem Dienst als „Patrouillenführer bei minus 40 Grad“ zu entkommen, erklärte er sich bereit, die Geschichte seines Bataillons zu schreiben:

Der Entschluss kam nicht von ungefähr. Schon früher hatte man mir in den Ohren mit der Begründung gelegen: Wer erzählen kann, kann auch schreiben. So einfach war es wieder nicht. Ein Buch zu schreiben schreckte mich ab. Es ist ein Unterschied, ob man in Istanbul oder Novisad, in Memel oder Malmö einige Spalten für eine Zeitung hinklottert, oder ob man in einem Land mit Kriegszensur ein militärisches Buch schreibt. […] Ich wurde vom Dienst befreit, Johnny lieh mir seine Schreibmaschine, ich setzte mich hin und schrieb: Wir lagen vor Hanko.

Als Johnny nach Helsinki reiste, nahm er ungefähr 120 Seiten des deutschsprachigen Manuskripts mit und zeigte sie dem finnischen Verleger Werner Söderström bzw. Direktor Jäntti. Der sagte nur: „Weiterschreiben und so schnell wie möglich.“

Das ermunterte mich, und ich beschleunigte mein Arbeitstempo. Es war meine letzte militärische Tätigkeit in der finnischen Armee […].

Das Buch wurde ein Erfolg. Landser und Generäle lasen es und lachten. Es war das frechste Buch, da je in Finnland unter der Kriegszensur geschrieben worden ist […] Die Armee hatte die Nase voll von den geschwollenen Phrasen, von Finnlands Freiheit und abendländischer Sendung […]. (Uuf 220)

Übersetzt wurde Molnars Kriegsbuch von Lauri Hirvensalo, der im Jahr zuvor für den WSOY-Verlag Hitlers Mein Kampf ins Finnische gebracht hatte.[2] 1943 erschien in Helsinki auch eine schwedischsprachige Ausgabe des Hanko-Buches. Der Emigrant Molnar war im Literaturbetrieb Finnlands angekommen. Der WSOY-Verlag bot ihm

finnische Bücher zur Übersetzung ins Deutsche an. Ich […] wurde Übersetzer und sogenannter freier Schriftsteller. Ich übersetzte Merenmaa, Wilkuna und Viljo Kojo und hatte – ausnahmsweise – Geld wie Heu. Um mein Künstlertum zu unterstreichen, kaufte ich den letzten blauen Borsalino im feinsten Hutgeschäft auf der Alexanderstraße. 1943 schrieb ich Sonne über dem Leben, mein Vagabundenbuch, und wurde Übersetzer im Finnischen Nachrichtenbüro. (Uuf 221)[3]

Bis September 1944 arbeitete Molnar für die Nachrichtenagentur Suomen Tietotoimisto, übersetzte publizistische Texte aus dem Finnischen und Schwedischen ins Deutsche. Mit einem Untergebenen der in Helsinki stationierten deutschen Propagandakompanie hörte er „Feindsender“ ab und „übersetzte ihm die skandinavischen und englischen Meldungen“ (Uuf 223). Sein letzter Auftrag für Suomen Tietotoimisto war die deutsche

Übersetzung der Rede des Präsidenten Mannerheim zum Waffenstillstand. Vermutlich schrieb sie sein Sekretär, und ihre Substantive waren die gleichen, die ich x-mal übersetzt hatte. Ich übersetzte mechanisch. Dann stutzte ich doch. Wieso unbeugsam wie Stahl? Mannerheim hin und her, Phrase bleibt Phrase, Stahl ist elastisch und beugt sich, also hart wie Stahl und damit basta. Meine Arbeit im Nachrichtenbüro war beendet. Ich reichte die Blätter über die Stuhllehne nach hinten. Das eilige Fräulein entriß sie mir und schickte sie in die Welt hinaus. Ich war arbeitslos – woher die Brötchen nehmen? (Uuf 230)

Molnar machte sich wieder ans Romanschreiben, auch wenn das schlechter bezahlt wurde als das Übersetzen und ihm die rechte Lust fehlte: „Tag für Tag, Blatt um Blatt, eine einzige lange Tretmühle ohne Ende, ein stumpfsinniges Fließband“ (Uuf 230). Auf insgesamt fünf Romane brachte es Molnar. Deutschsprachigen (Exil-) Verlagen hat er sie nicht angeboten, sie wurden aus den Typoskripten in beide Landessprachen übersetzt und in Helsinki zwischen 1942 und 1947 verlegt.[4] Eine derartige Erfolgsbilanz kann kaum ein zweiter Exilschriftsteller jener Zeit vorweisen, schon gar nicht einer von jenen, die erst im Exil selbst mit dem Schreiben begonnen haben. Molnar hatte sich in Finnland einen Namen gemacht. Er verfasste Artikel für schwedischsprachige Zeitungen, arbeitete als „Buchvermittler“ für Bermann-Fischer in Stockholm und Querido in New York und begutachtete für finnische Verleger „Stöße englischer und amerikanischer Literatur […] Das Einkommen strömte nicht mehr, aber es tropfte und reichte für Haferbrei und einheimischen Machorka“ (Uuf 231).

Seine vorerst letzte Übersetzung erschien im Helsinkier WSOY-Verlag 1947: die deutschsprachigen Textbausteine eines fünfsprachigen Bildbandes über finnischen Sport. Aus dem finnischen Typoskript wurde von vier Übersetzern ins Schwedische, Englische, Französische und Deutsche übersetzt. Molnars Sprache ist durch Pathos geprägt, das gleichwohl durch einen hintersinnig ironisierenden, stellenweise überzogen euphorischen Ton aufgehoben wird, mit Anleihen aus dem deutschsprachigen politischen Diskurs der damaligen Zeit. Für diese Elemente finden sich weder im Finnischen noch in den drei anderen Fassungen „Entsprechungen“, die auf eine Motivierung durch den Ausgangstext hindeuten würden. Das von dem einstigen Sportredakteur der Wiener Roten Fahne und dem von schwejkartigem Humor nicht freien einstigen Soldaten der finnischen Armee ins Deutsche gebrachte Vorwort liest sich so:

Tage des Glanzes und der Siege, aber auch Stunden des Kummers und der Rückschläge hat Finnlands Sport erlebt. Zu Beginn der Zwanzigerjahre stieg er leuchtend wie eine Rakete am Sporthimmel hoch. Das blaue Kreuz im weißen Feld [Finnlands Nationalfahne; AFK] eilte von Sieg zu Sieg, und erst in den Dreissigerjahren kam es im zwischenstaatlichen Sportleben zu einem Gleichgewicht der Kräfte.

Noch vor dem vergangenen Weltkrieg behauptete der finnische Sport seinen Platz an der Sonne, und erst die beiden Kriege Finnlands, reich an Opfern und Entbehrungen, drängten ihn zeitweilig in den Schatten. Die Jugend im besten Sportalter stand an der Front. Hoffnungsvolle Begabungen blieben auf dem Schlachtfeld, andere vertauschten für Jahre hinaus das Sportgerät mit der Waffe, den Sportplatz mit den Schützengräben und Unterständen.

Die ersten Nachkriegsjahre waren schwer, doch inzwischen ist ein neues Geschlecht auf den Plan getreten […] Dieses Buch bemüht sich, ein Bild des finnischen Sportes von heute zu geben, eine Rundschau über seine Kräfte und Aussichten im friedlichen Wettbewerb der Völker.[5]

Als Titel für den Bildband wählte Molnar die Formulierung „Finnlands Sport im Bild“ [„Suomi urheilee“, wörtlich auf Deutsch ≈ Finnland treibt Sport], was bereits eine stärker plakative Ausrichtung seiner Übersetzung verrät. Wo es in den anderen vier Fassungen heißt, dass der finnische Sommer kurz sei, wird er bei Molnar „mikroskopisch“, und wo es vom finnischen Parlament sachlich trocken heißt, dass es sich auch für Fragen des Sports interessiere („Finnish Parliament is interested in sports“), formuliert Molnar gleich zwei Sätze: „Die sportsüchtigste Volksvertretung der Welt dürfte wohl die finnische sein. Auf dem Sportplatz vergisst sie Parteizwist und Weltanschauungs­hader.“

Molnars Mittun im Übersetzungs- und Literaturbetrieb Finnlands endete 1947/48. Die finnisch- bzw. schwedischsprachigen Ausgaben seiner Prosabücher Das schwarze Schaf und Weg ohne Ziel hatten nicht mehr die fast ungeteilte Zustimmung der Kritiker gefunden (vgl. Kelletat 1981: 46f.) und in einer heftigen Debatte um die Frage, wie verständlich die moderne Dichtung sein sollte, hatte er sich als polemisch argumentierender Modernisten-Verreißer hervorgetan (vgl. Vanharanta 2004). Das wurde ihm übel genommen. Er gab das Schreiben auf, auch das Übersetzen, und zog noch einmal einen Sommer lang mit dem Zirkus Tivoli durch Finnland, um schließlich im Helsinkier Stadtteil Hakaniemi sesshaft zu werden, der damals wüstesten Gegend der finnischen Hauptstadt. Er

tauchte mit einem Kopfsprung ins finnische Proletariat; sozial war ich wieder da, wo ich hergekommen war, mein Gastspiel beim gesitteten Bürgertum war zu Ende und ich weinte ihm nicht nach. (Uuf 234)

Von seiner ins Exil nach England entkommenen Frau Hanna ließ er sich 1949 scheiden[6] und heiratete 1952 seine Helsinkier Lebensgefährtin, eine Finnlandschwedin. Zu Hause sprach Molnar Schwedisch, auf der Straße Finnisch und sein „Kontakt zur Muttersprache beschränkte sich auf das […] Lesen deutscher Bücher“ (Uuf 236). 1953 wurde er finnischer Staatsbürger und erhielt seine, das Geburtsdatum verratende Sozialnummer. In Erinnerung daran schrieb er in den 70er Jahren den Vierzeiler 100305 – 049 R:

Meine Sozialnummer trag ich

mit berechtigtem Stolz

sie gibt mir das Recht zu leben

und meinen Anteil am finnischen Holz

Er arbeitete als Hausmeister und dann bis zur Rente, bis 1972 als Kraftfahrer bei einer Firma für Kosmetika. Ab 1953 reiste er jeden Sommer mit Frau und Sohn Kari Gunnar (geb. 1947) nach Mittel- und Südeuropa, 1956 auch erstmals wieder nach Wien. Auf Drängen einiger Freunde, die er in der Helsinkier Deutschen Bibliothek kennengelernt hatte, begann er als 70-jähriger noch einmal mit dem Schreiben. Neben zahlreichen Gedichten entstand sein für das von Manfred Peter Hein herausgegebene Jahrbuch Trajekt geschriebener Bericht einer Flucht 1938/39, den er dann zu seiner, von der Kritik stark beachteten „Lebensgeschichte“ Unstet und flüchtig erweiterte.[7] 1983 folgte im Wiener Löcker-Verlag der Roman Des deutschen Volkes Wunderborn, „der nichtabreißende Monolog eines widerlichen Kleinbürgers, der von rot bis braun alles mitgemacht hat […], ein kongenialer Verwandter des Qualtingerischen ‚Herrn Karl’“ (Kling 1988: 36).

Geplagt von zunehmender Sehschwäche und wechselnden Altersleiden starb Adolf Molnar am 20. Juni 1988 in Espoo.

Von Molnars translatorischem Œuvre hat sich nur weniges erhalten. Von den Prosa-Übersetzungen der 40er Jahre (Martti Merenmaa, Kyösti Wilkuna und Viljo Kojo) wurden nur die Kojo-Erzählungen 1944 verlegt,[8] die Typoskripte der Übersetzungen sind verschollen. Auch seine auf Deutsch geschriebenen, ebenfalls verschollenen Prosatexte müssen als Teil seines übersetzerischen Handelns bzw. als Teile einer translatorischen Handlungskette verstanden werden, denn er hat sie – als Vorlagen für Übersetzungen – für Leser in Finnland verfasst, nicht für ein Publikum in Deutschland oder Österreich.Von den Arbeiten für das Nachrichtenbüro mag sich das eine und andere noch in finnischen Archiven auftreiben lassen. Die späten Lyrik-Übersetzungen (Kim Wahlroos) erschienen in der Düsseldorfer Underground-Zeitschrift Zwiebelzwerg, die sich jedoch in kaum einer Bibliothek findet. Um Molnars Nachlass hat sich intensiv Georg Gimpl (1949–2014), Lektor für deutsche Sprache und österreichische Literatur an der Universität Helsinki, bemüht, das von ihm gesammelte Material soll aber durch einen Wasserschaden zum Teil verloren gegangen sein. Einige Dokumente aus diesem Helsinkier Nachlass (darunter gut 50 Briefe) durfte Roland Bonimair für seine 2008 an der Universität Wien eingereichte germanistische Diplomarbeit Exil in Finnland. Adolf Molnar und sein autobiographischer Roman ‚Unstet und flüchtig’ kopieren und auswerten. Dieses Material soll der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien übergeben werden.

Für die Literaturgeschichte des Übersetzens im 20. Jahrhundert wird man Molnars Beitrag als eher marginal bewerten müssen. In einer Kulturgeschichte translatorischen Handelns unter den Bedingungen des Exils dürften sein Leben und Werk dennoch Beachtung verdienen, nicht nur weil es dem widerspricht, was man sich mit Blick auf die materiellen Bedingungen und den möglichen Spielraum des Exil-Übersetzens vorzustellen geneigt ist (vgl. Walter 1972: 207–209).

(Stand: März 2016)

 


[1] Isidor Fassler (Jude, Kommunist, Weltkriegsteilnehmer) wurde noch im März 1938 verhaftet, „vier Wochen später war er tot. Sie erschlugen ihn im ehemaligen Hotel Metropol, dem Hauptquartier der Gestapo. Nicht schnell. Langsam und mit preußischer Gründlichkeit. Sie gaben ihm Zeit, über Rasse und Weltanschauung nachzudenken. Dem Mord folgte der Rufmord. In einer Wiener Zeitung erschienen die Fotos von acht jüdischen Ärzten, darunter auch das Bild Fasslers, unter der Überschrift: ‚Acht jüdische Ärzte, die dem deutschen Volk nicht mehr schaden können.’“ (Uuf 107)

[2]Ab Anfang der 30er Jahre erschienen bei WSOY, dem neben Otava bedeutendsten finnischsprachigen Verlag, Hirvensalos Übersetzungen einzelner Romane von Hans Fallada (1933/34), Trygve Gulbranssen (1935), Knut Hamsun (1936), Prosper Mérimée (1937), Alexandre Dumas (1939), Edwin Erich Dwinger (1939), Ottfried Finckenstein (1939) und Stefan Zweig (1940).

[3]Molnars Vorgänger auf dem Übersetzerposten für Deutsch im Nachrichtenbüro war Friedrich Ege, kommunistischer Emigrant, der wegen „Kulturspionage“ verhaftet wurde. Seine Übersetzungen finnischer Literatur erschienen später vor allem in der DDR (vgl. Kervinen 2014).

[4]Zu Reaktionen der zeitgenössischen finnischen Kritik vgl. Kelletat 1981. – Dass Molnar seine Romane „in schwedischer Sprache“ geschrieben habe (Kling 1988: 36), trifft nicht zu.

[5]Zum Vergleich die finnische (Alkulause) und (offenkundig von einem Nicht-Muttersprachler erstellte) englische (Preface) Version dieser Textpassagen: „Suomen urheilulla on ollut loistavat päivänsä, mutta myös murheen hetkensä. Se häikäisi maailmaa 20-luvun alkuvuosina elinvoimallaan ja ainoalaatuisilla huippuluokan miehillään, mutta jatkuvasti kiristyvä kansojen välinen kamppailu urheilullisesta paremmuudesta tasoitti tilanteen 30-luvulla. Siitä huolimatta Suomen urheilu ennen suurta maailmansotaa oli edelleen iskukykyinen. Sitten tuli routakausi. Suuri määrä lahjakkaita urheilijanuorukaisia jäi taistelukentille – vielä suurempi joukko joutui vaihtamaan urheilukentät ja harjoitussalit ampumahautoihin ja suojakorsuihin. […] Sen vuoksi sodan jälkeiset ensimmäiset vuodet olivat Suomen urheilun routakautta. // Uusi polvi on nyt astumassa esiin […] Tämä teos pyrkii antamaan läpileikkauksen Suomen urheilun tämän hetken tilanteesta, sen voimasta ja mahdollisuuksista.“ - - - „Finnish sports have had their hours of glory, but also their moments of frustration. The world was dazzled in the early ’20’s by the brilliance of Finnish athletic performances. But the ever hotter struggle for international honors leveled out the situation in the next decade. Nevertheless, before the outbreak of the war the athletes of Finland were still in the thick of things. Then followed a period of decline. The youth of the land was forced to exchange athletic fields and gymnasia for trenches and dugouts. A large number of gifted athletes fell on the field of battle. […] This explains why the postwar period found Finnish sports in a bad slump. // A new generation of youth is now cropping up. […] This volume aims to give a cross-section of the present situation in Finnish sports, their resources and their future prospects.“

[6]Auch den drei Geschwistern von Hanna Reimann gelang nach 1938 die Auswanderung nach Australien, Bolivien und Mexiko, Molnars Schwiegereltern flüchteten nach Zagreb, wo sie im Holocaust umkamen. Getroffen haben sich Molnar und seine erste Ehefrau nach 1938 nicht mehr.

[7]Bonimair (2008: 116f.) listet 23 Rezensionen auf, darunter die von Egon Schwarz in der FAZ (5.10.1982) und von Ulrich Weinzierl in der NZZ (26.10.1982).

[8]Ob der Band „noch an Verlag und Buchhandel gekommen ist, war nicht festzustellen. Das Dt. Bücherverzeichnis erwähnt den Titel nicht“ (Kunze 1982: 69). Ein Exemplar des Buches findet sich in der Fennica-Sammlung der Deutschen Bibliothek (Helsinki).

 

Literatur:

Bonimair, Roland (2008): Exil in Finnland: Adolf Molnar und sein autobiographischer Roman Unstet und flüchtig. Diplomarbeit. Wien.

Kelletat, Andreas F. (1981): Adolf Molnár. In: Trajekt. Beiträge zur finnischen, lappischen und estnischen Literatur 1 (1981), S. 40–51.

Kling, Thomas (1988): Adolf Molnar. Ein Porträt. (Deutschlandfunk, Februar 1988). In: T. K.: Das brennende Archiv. Zusammengestellt von Norbert Wehr und Ute Langanky. Frankfurt/M. 2012, S. 35f.

Kunze, Erich (1982): Finnische Literatur in deutscher Übersetzung 1675–1975. Eine Bibliographie. Helsinki. (Helsingin yliopiston kirjaston julkaisuja, Bd. 46).

Molnar, Adolf (1981): Bericht einer Flucht 1938/39. In: Trajekt. Beiträge zur finnischen, lappischen und estnischen Literatur 1 (1981), S. 9–39.

– (1982): Unstet und flüchtig. Eine Lebensgeschichte. Darmstadt, Neuwied (= Uuf).

Vanharanta, Taina (2004): Adolf Molnár und die Modernismusdebatte im Herbst 1946. Fragmente. In: Mariann Skog-Södersved, Ewald Reuter, Brigitte von Witzleben (Hg.): Sternstunden. Vaasa, Germersheim, S. 52–55.

Walter, Hans-Albert (1972): Asylpraxis und Lebensbedingungen in Europa. Deutsche Exilliteratur 1933–1950, Bd. 2. Darmstadt, Neuwied.