Germersheimer ÜbersetzerlexikonGermersheimer Übersetzerlexikon

Clara BRAUNER, 1875–1940

Schutzumschlag der „Oblomow“-Ausgabe in der „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“, Zürich 1980.
Schutzumschlag der „Oblomow“-Ausgabe in der „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“, Zürich 1980.

I. Einleitendes

1875 in Minsk geboren, gehörte Clara Brauner zu den zahlreichen jüdischstämmigen Migranten, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit ihren Familien oder allein Osteuropa bzw. das Zarenreich aus wirtschaftlichen und politischen Gründen gen Westen verließen. Das von zu Hause „mitgenommene“ Russisch war dabei Voraussetzung und Grundlage für die übersetzerischen und literaturvermittlerischen Aktivitäten, die Clara Brauner, zum Teil gemeinsam mit ihrem Ehemann Alexander Brauner, um die Jahrhundertwende in Wien entfalten konnte. Beide gehörten also zu (auch) translatorisch handelnden literarischen Vermittlern, die selbst aus dem Land kamen, dessen Literatur sie in ihrer neuen Wahlheimat bekanntzumachen versuchten.

Ausführliche (auto)biographische Zeugnisse ihres Lebens konnten bis jetzt nicht ermittelt werden. In seinem Überblicksartikel Čechov i avstrijskaja literatura („Čechov und die österreichische Literatur“) im 1997 publizierten Sammelband über Čechovs Rezeption im Ausland Čechov i mirovaja literatura weist Nečeporuk darauf hin, dass über Clara Brauner, die neben Sologub auch Čechov übersetzt hat, bis jetzt (1997) nichts bekannt sei, und bringt dies in Zusammenhang mit dem von ihm behaupteten Umstand, die Übersetzer hätte man um die Jahrhundertwende noch als „intellektuelle Handwerker“ angesehen (Nečeporuk 1997: 235). In der Tat scheint es bis heute nur einen einzigen Lexikon-Eintrag über die Übersetzerin zu geben – im von Ilse Korotin herausgegebenen und 2016 veröffentlichten biographiA. Lexikon österreichischer Frauen. Im Artikel von Monika Hasleder werden leider fälschlicherweise die Daten zu Übersetzungen einer „Klara/Clara Brauner“[1] mit biographischen Daten aus amtlichen Quellen über eine andere Klara Brauner (geboren 1861 in Tarnowitz, gestorben 1938 in Wien) verknüpft, ohne nähere Prüfung der biographischen Plausibilität.

Der bemerkenswerte Lebensweg von Clara und Alexander Brauner lässt sich dennoch in Fragmenten anhand von Spuren nachzeichnen, die sie in offiziellen Dokumenten, Briefen, Erinnerungen Dritter, Periodika sowie verlegerischen Peritexten hinterließen. Einige biographische Details über Alexander Brauner lassen sich darüber hinaus anhand der Briefe verifizieren, die er im Zeitraum von 1897 bis 1912 an den von ihm übersetzten Fedor Sologub geschickt hat. Diese Korrespondenz hat sich im Nachlass des russischen Symbolisten im Puškinskij Dom (Sankt Petersburg) erhalten.[2] Im Gegensatz zu vielen nach Deutschland und Österreich ausgewanderten osteuropäischen Juden, die im 19. und 20. Jahrhundert weiter nach Westen, z. B. in die USA, zogen, musste die Familie Brauner Deutschland, in das sie in den 1920er Jahren aus Wien übergesiedelt war, wieder gen Osten verlassen: Sie gingen mit dem Sohn, dem Biologen Leo Brauner (1898–1974), in die junge türkische Republik ins Exil, wo sie beide gestorben sind.

II. Rekonstruktion der Identität

In der Trauungsmatrik der Prager israelitischen Kultusgemeinde aus dem Jahr 1897 (Bd. IX) findet sich ein Eintrag über die Eheschließung zwischen „Alexander recte Schaje Brauner, Ingenieur in Wien“ (geboren am 17. Oktober 1871 Odessa) und „Chaje/Clara/ Eljaschberg (Eliasberg)“ (geboren am 21. Januar 1875 in Minsk).[3] Der Vater von Clara Samuel Eljasch war laut Eintrag Kaufmann in Minsk, die Mutter hieß Beile Samuelovna (Schreibweise unsicher). Alexanders Vater war ebenfalls Kaufmann. Dies ist das früheste und mit Abstand wichtigste überlieferte amtliche Dokument, welches alle späteren Angaben über Alexander und Clara Brauner in einen plausiblen biographischen Zusammenhang einzuordnen erlaubt. Vor allem kann man anhand der Angaben darin alle anderen Brauners mit den Vornamen Clara/Klara bzw. Alexander, die im gleichen Zeitraum in Wien gelebt haben, ausschließen. Darüber hinaus lässt sich mit Hilfe einer, wenn auch nicht lückenlosen, diachronen Zusammenschau von Wohnadressen der Personen mit den Namen Alexander und Clara/Klara Brauner in Wien – aus Melderegistern, Adressbüchern, Zeitungsanzeigen einerseits und überlieferten Briefen an russische Schriftsteller wie Sologub und Čechov andererseits – nicht nur die Identität der beiden näher eingrenzen, sondern auch die Topographie ihres Lebens in groben Zügen nachzeichnen.

Die Namen Alexander und Clara/Klara Brauner tauchen in verschiedenen Kontexten zusammen auf, und zwar sowohl auf behördlicher Seite als auch auf der Seite der literaturgeschichtlichen Überlieferung, so dass man vermuten kann, dass es sich um ein übersetzerisch tätiges Ehepaar gehandelt hat. So gibt es eine von beiden gemeinsam angefertigte „autorisierte“ Übersetzung: einen Band mit Erzählungen von Sologub mit dem Titel Schatten, übersetzt „aus dem Russischen von Alexander und Clara Brauner“ (Wiener Verlag 1900). Auf der anderen Seite war in Wien laut städtischem Melderegister (ab ca. 1910 erhalten) ein Ingenieur Alexander Brauner samt Gattin Clara und Sohn Leo gemeldet. Der Abgleich dieser Angaben mit denen in der Trauungsmatrik sowie den Nachrufen auf den Sohn Leo Brauner (Ziegler 1974, Zinsmeister 1980) lässt keinen Zweifel daran, dass die Übersetzerin Clara Brauner mit dem Ingenieur Alexander Brauner verheiratet war.

Ein ziemlich eindeutiges Indiz für die Identität der beiden stellt u. a. die Tatsache dar, dass im Brief von A. Brauner an Sologub vom 27. Januar 1910 als Adresse „Wien XIII/7 Hauptstraße 105“ angegeben ist, womit nur die Hietzinger Hauptstraße gemeint sein kann (d. i. die Hauptstraße im XIII. Wiener Bezirk Hietzing; die Nr. 7 scheint auf die entsprechende sog. Katastralgemeinde hinzudeuten). Laut Auskunft des Wiener Melderegisters war ungefähr zur selben Zeit, nämlich bis 16. Mai 1911, unter derselben Adresse – Hietzinger Hauptstraße 105 – ein Ingenieur Alexander Brauner samt Gattin und Kind Leo (zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt, also ca. 1898 geboren) gemeldet.[4] Dass die Frau dieses Alexander Brauner die Übersetzerin Clara Brauner war, ist nicht nur durch den Vornamen des Sohnes Leo ersichtlich. Im Nachruf auf Leo Brauner aus dem Jahr 1979, verfasst von seinem Schüler H. D. Zinsmeister, heißt es über die in Wien verbrachte Kindheit des künftigen Biologen:

Hier konnte sich unter dem Einfluß des Vaters, der in Wien eine Motorenfabrik betrieb, die später für ihn so wertvolle technische Begabung ebenso entwickeln wie unter dem Einfluß seiner Mutter, einer vorzüglichen Übersetzerin der klassischen russischen Literatur, die musische Veranlagung und sein überdurchschnittlich ausgeprägtes Sprachgefühl. (459–460)

Dass dieser Ingenieur zugleich derjenige „Alexander Brauner“ sein soll, dessen Name in Peritexten von Übersetzungen oder literaturkritischen Beiträgen auftaucht und der sich von Wien aus auf übersetzerischem und vor allem publizistischem Wege für die Literaturvermittlung zwischen Russland und Österreich/Deutschland einsetzte, mutet zunächst merkwürdig an. Der translatorische Output von Alexander Brauner ist jedoch relativ überschaubar (Bibliographie von Alexander Brauner) und schließt die Kombination beider Tätigkeiten – Übersetzer und Ingenieur – nicht aus. Und in der Tat bestätigen die Briefe an Sologub diese Vermutung. In mehreren erwähnt Alexander Brauner seine Tätigkeit in einer Fabrik, die ihn täglich 8-10 Stunden koste und die er deswegen nicht möge, da sie ihm die kostbare Zeit raube, die er lieber für seine Familie und vor allem für die Literatur aufbringen würde (Sologub-Archiv). Im Brief vom 11. August 1911 nennt er schließlich das genaue Gebiet seiner Arbeit: Elektrotechnik. Und im Brief vom 26. Dezember desselben Jahres teilt Alexander Brauner Sologub mit, dass seine Gattin vorhabe, aus dem Deutschen ins Russische zu übersetzen, was für eine Übersetzerin aus Österreich zunächst ungewöhnlich klingt, vor dem Hintergrund ihrer Topobiographie – Herkunft aus Minsk – aber wieder plausibel erscheint, und fragt, ob Sologub die Korrektur übernehmen würde (Sologub-Archiv).

Alexander Brauner war bis ca. 1912 und dann nach dem Ersten Weltkrieg zu unterschiedlichen Zeiten Alleininhaber, Gesellschafter oder auch Geschäftsführer mehrerer Wiener Firmen, die auf Elektrotechnik, Motoren- und Maschinenbau spezialisiert waren. Auch der Name seiner Frau Clara Brauner taucht in diesem Kontext immer wieder auf, als Inhaberin oder vertretungsbefugte Gesellschafterin (vgl. etwa: Neue Freie Presse 4. Oktober 1907, S. 20; Amtsblatt zur Wiener Zeitung 25. Dezember 1907, S. 753; Der Bautechniker 7. Februar 1908, S. 117). Es ist davon auszugehen, dass sie ihn in seinen Geschäften – im Jahr 1903 etwa in Form einer Firma mit dem Namen „Ingenieur-Bureau Alexander Brauner“ (Neues Wiener Tageblatt 13. Dezember 1903) – auf die eine oder andere Weise unterstützte.

III. Translatorisches Handeln und Literaturvermittlung

Zur gleichen Zeit, um die Jahrhundertwende, erscheinen in Wiener Periodika – Wiener Rundschau, Die Zeit (Wochenschrift), Die Wage (sic!), Die Arbeiter-Zeitung usw. – von Alexander Brauner verfasste Beiträge zur russischen Literatur sowie – vor allem ab 1900 im Wiener Verlag – Übersetzungen der beiden Brauners von Sologub, Čechov, Evgenij Čirikov, Gor’kij, aber auch von älteren Schriftstellern des 19. Jahrhunderts wie Lev Tolstoj, Dostoevskij, Gončarov, Leskov.

Besonders hervorzuheben ist hier die translatorische und literaturvermittlerische Arbeit für die bis 1899 von Hermann Bahr (1863–1934) mitherausgegebene wöchentlich erscheinende politisch-literarische Zeitschrift Die Zeit, in der Bahr der Vermittlung slavischer Literaturen einen signifikanten Stellenwert beimaß (vgl. Csáky 2001: 10). Alexander Brauner trat dabei in der Rolle eines bidirektionalen Vermittlers auf, dessen Aktivitäten sowohl persönlich als auch textuell in ein Netzwerk von Verbindungen zwischen dem literarisch-kulturellen Leben in Wien und in Russland bzw. St. Petersburg „eingelassen“ waren. Wie sah diese Bidirektionalität konkret aus?

In Der Zeit veröffentlicht er in den Jahren 1898 bis 1901 literaturkritische Beiträge über Čechov, Gor’kij, einen Beitrag über Nihilismus und Marxismus im russischen Romane (Die Zeit, Nr. 331, 2. Februar 1901, S. 71–72), in dem er über den „Historiographen“ der Übergangszeit von den Narodniki zum Marxismus Egenij Čirikov berichtet und auf die zur gleichen Zeit in Der Zeit erscheinende Erzählung Der verlorene Sohn in der Übersetzung von Clara Brauner (Nr. 330, 331 und 332) aufmerksam macht. Zugleich werden in der Zeitschrift Besprechungen seiner Übersetzungen von Sologub-Texten gedruckt, dem einzigen Vertreter der Petersburger „Dekadenten“, der um diese Zeit in Österreich übersetzt und gelesen wurde (vgl. Ziegler 2001: 480f.). Einige Jahre davor kam nämlich Sologubs Roman Schwere Träume in der Übersetzung von A. Brauner (Leipzig: Ziegler 1897) heraus und 1900 folgte der Band Schatten mit Erzählungen, die bereits früher veröffentlicht worden waren und nun im 1899 gegründeten Wiener Verlag neu präsentiert wurden: Zu den Sternen in der Übersetzung von Alexander Brauner in der Wiener Rundschau, Nr. 1 (1896), 2 (1896) und 3 (1897), Ljoljetschka in der Übersetzung von Clara Brauner ebenfalls in der Wiener Rundschau, Nr. 13 (1898) und Schatten im von A. Brauner 1896 herausgegebenen Band Russische Novellen[5]. Daneben erschien in Der Zeit die von Clara Brauner angefertigte Übersetzung eines literaturkritischen Beitrags von Sologub über Lev Tolstoj (Die Welt Leo Tolstojs, Nr. 206, 10. September 1898, S. 167–168).

Einige Jahre zuvor schrieb Alexander Brauner Beiträge für die Petersburger Zeitschrift Severnyj vestnik („Nördlicher Bote“), die in den 1890er Jahren zum Zentralorgan der russischen Symbolisten und „Dekadenten“ wurde und in der auch Sologub seine Werke veröffentlichte. U. a. erschien dort 1895 A. Brauners Überblicksartikel Sovremennaja „Molodaja Germanija“ („Das zeitgenössische ‚Junge Deutschland‘“) über Entwicklungen in der Literatur Deutschlands und Österreichs, mit kritischen Ausführungen gerade zu Hermann Bahr (vgl. Ziegler 32ff.). Der Kontakt zu Severnyj vestnik war wohl über die Herausgeberin und Eigentümerin der Zeitschrift Ljubov Gurevič (vgl. Briefe an Gurevič in ihrem Archiv in IRLI, Bestandsnr. 89) zustande gekommen, die 1895 Wien besuchte und Alexander Brauner kennengelernt haben muss. Erwähnenswert in diesem Kontext ist außerdem die Tatsache, dass Alexander Brauner 1897 der gebürtigen Petersburgerin Lou Andreas-Salomé (1861–1937) die Kontaktdaten von Sologub gegeben hat (Sologub-Archiv). Brauner teilt im Brief vom 11. März 1897 Sologub mit, dass sie ihn kennenlernen möchte, und empfiehlt sie als „sehr, sehr begabte Schriftstellerin“. Salomé, die in Severnyj vestnik eigene Beiträge sowie Übersetzungen veröffentlichte (u. a. von Nietzsche), lernte bei ihrem Besuch in Sankt-Petersburg außer Sologub noch die beiden zentralen Akteure der Severnyj Vestnik kennen: Gurevič und Akim Volynskij (Chaim Flekser, 1861/63–1926).

Im Brief an Gurevič vom 24. Dezember 1895 (vgl. Grečiškin 1978: 12) charakterisiert A. Brauner im Ton eines lässigen Maximalismus den Roman Tjaželye sny (Schwere Träume), Sologubs Erstling, der ebenfalls in Severnyj vestnik veröffentlicht wurde, als „das Beste, was die Russen in letzter Zeit geschrieben haben“, trotz der gravierenden „typisch russischen Mängel“, die das Werk aufweise, wie „die maßlose Langatmigkeit und das gänzliche Fehlen schriftstellerischer Technik“, und nimmt ihn zugleich als „großen Dichter“ in Schutz vor der erwarteten Kritik seitens des ganzen „gesellschaftskritischen Packs“, „dieser ganzen Boborykins und Potapenkos“[6] (zit. nach ebd., Übers. von A. T.). In fast gleichen Worten bewirbt Alexander Brauner den Roman im Vorwort zu der von ihm 1896 herausgegebenen Sammlung Russische Novellen:

[...] Ssologub [ist] der Begabteste von allen gegenwärtig schreibenden Russen, besonders in seinem vor kurzem erschienenen Roman „Schwere Träume“ – nebenbei das Beste, was nach Turgenjew, Tolstoi und Dostojewski in den letzten 15–20 Jahren bei uns geschrieben wurde. Er hat ungeheuere Fehler, die dem deutschen Publikum, eher als den Russen, welche an dergleichen gewöhnt sind, auffallen müssen: endlose Breiten, wenig künstlerisches Maß, keine Technik... Aber was ist all das, im Vergleich zur Gewalt seiner Stimmungsbilder! (Brauner 1896: IV–V).

Mehr noch als diese Einschätzung zeigt folgendes Detail den besonderen Stellenwert, den Sologubs Werk auch in der späteren literarischen Tätigkeit der beiden Brauners einnahm. Der 1899 vom Journalisten Oskar Friedmann (1872–1929) gegründete und 1902 von Fritz Freund (1879–1950) übernommene Wiener Verlag, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das Zentrum der übersetzerischen Aktivität von Clara Brauner, platzierte zum Jahreswechsel in verschiedenen österreichischen Periodika mehrere wie Werbeanzeigen klingende Notizen.[7] Es wird darin der Anspruch angekündigt, nicht weniger als „die literarische Production Österreichs, speciell Wiens, für den Markt zu organisiren [sic]“, wobei zwei Grundpfeiler der Verlagstätigkeit ausgemacht werden: Zum einen sollen namhafte Vertreter der österreichischen Literatur publiziert werden, zum anderen soll der Versuch unternommen werden, „in möglichst repräsentativen Vertretern [...] jene Literatur des Auslandes vorzuführen, die dem Wiener Wesen sympathisch oder verwandt sein muß.“ Es werden sowohl mehrere Übersetzer genannt, die „die vorzüglichen Übersetzungen“ anfertigen sollen (u. a. Alexander Brauner sowie zwei wichtige Übersetzerinnen aus skandinavischen Sprachen Marie Herzfeld und Marie Franzos (Pseudonym Francis Maro)) als auch Autoren, deren Werke übersetzt werden sollen. Als der einzige „repräsentative Vertreter“ der russischen Literatur wird dabei Sologub genannt.

Jedoch haben die Bemühungen der beiden Brauners um die Vermittlung der Petersburger Moderne im deutschsprachigen Raum bzw. in Österreich keine nennenswerten Erfolge gezeitigt:

Die Literatur der russischen „Dekadenten“ der ersten Phase des russischen Symbolismus, die in Petersburg und Moskau um 1900 mit Publikationen, Zeitschriften, Verlagen vertreten waren, ist in Wien um 1900 praktisch unbemerkt geblieben beziehungsweise fand keine Resonanz. (Ziegler 2001: 481)

Denn im letzten Jahrzehnt vor der ersten russischen Revolution 1905 hat man in Deutschland und Österreich Čechov, vor allem aber in noch viel stärkerem Maße als diesen die sozialkritischen Tolstoj und Gor’kij sowie Schriftsteller aus dem Znanie-Kreis – noch im Nachklang des Naturalismus – rezipiert, vielfach übersetzt und aufgelegt sowie aufgeführt (vgl. Hoefert 1974). Die Berliner Uraufführung von Nachtasyl in der Übersetzung von August Scholz am 23. Januar 1903 begründete eigentlich erst Gor’kijs Weltruhm. Daneben wurden auch ältere Schriftsteller, die klassischen Realisten des 19. Jahrhunderts, in zahlreichen Übersetzungen angeboten. Diesem Rezeptionstrend konnte sich auch der Wiener Verlag, der in Wien und Leipzig gemeldet war und natürlich auch für den deutschen Markt produzierte, nicht entziehen. Das einzige Buch von Sologub, welches der Verlag auf den Markt brachte, war der bereits erwähnte Band Schatten mit schon früher publizierten Erzählungen (das Buch wurde im Berliner Ladyschnikow-Verlag, der die Publikationsrechte erworben haben muss, 1912 noch einmal gedruckt). Dies blieb auch die einzige Übersetzung von Alexander Brauner, die im Wiener Verlag erscheinen sollte – trotz der expliziten Erwähnung seines Namens in den oben genannten Werbetexten. Ansonsten kamen in der Übersetzung von Clara Brauner in der Reihe Bibliothek berühmter Autoren Prosawerke von Čechov (Das Kätzchen: Erzählung 1904 und 1906; Von der Liebe 1905) und Gor’kij (Geld: eine Erzählung 1903 und 1908; Ein Abenteuer und andere Novellen 1904) heraus.[8] Außerdem hat Clara Brauner für den Wiener Verlag Klassiker des 19. Jahrhunderts übersetzt: Leskov (Romane und Erzählungen in 7 Bänden 1904–1905), Gončarov (Oblomow 1902 – nach Angaben des Verlags die erste ungekürzte deutsche Ausgabe des Romans) und Dostoevskij (Der Idiot 1908). Daneben war sie zur gleichen Zeit für die Stuttgarter Deutsche Verlagsanstalt tätig. 1901 erschienen dort gleich drei Bücher von Gor’kij in ihrer Übersetzung (Zwei Novellen [Malwa und Konowalow] 190; Die Drei 1901 sowie Foma Gordjejew mit insgesamt fünf Auflagen 1901 und einer sechsten im Revolutionsjahr 1905).

Die Jahrhundertwende war für den deutschen Buchhandel durch eine neue kräftige Expansion gekennzeichnet: Es bot sich eine fast unüberschaubare Fülle an unternehmerischen Möglichkeiten an, aber auch der Konkurrenzdruck war enorm (vgl. Wittmann 1999: 295ff.). Eine der Aufgaben, die sich innovationsfreudige Verleger wie Samuel Fischer, Wilhelm Friedrich, Eugen Diederichs usw. stellten, war die Überwindung der Trennung zwischen dem „Massen-“ und dem „Kulturbuch“ (so die von Helmut von den Steinen in seiner Heidelberger Dissertation 1912 eingeführte Unterscheidung, vgl. ebd.: 302), d. h. das Bestreben, „Massenwirkung für anspruchsvolle Literatur“ (ebd.) zu erzielen, womit es natürlich seine besondere ökonomische Bewandtnis hatte. Der Wiener Verlag gehörte zweifelsohne zu dieser Art von Kulturverlagen und verstand sich durchaus als Gegengewicht zu den entsprechenden deutschen Verlagen, da er der Abhängigkeit der österreichischen Autoren von jenen entgegenzuwirken versuchte. In einem kleinen Artikel im Neuen Wiener Journal aus dem Jahr 1906 (15. April, S. 59), in dem die bisherige Tätigkeit des Verlags geschildert wird, heißt es (ein wenig unfreiwillig komisch): „Vor allem [...] war der Wiener Verlag bestrebt, billige Literatur in vortrefflicher Ausstattung zu billigem Preise zu bringen.“ Dabei sei es dem Verlag gelungen, „alles, was in der deutschen und österreichischen Literatur Klang und Ansehen genießt“, für die Mitarbeit zu gewinnen. In der Tat finden sich unter den Autoren des Wiener Verlags Schriftsteller wie Hermann Bahr, Schnitzler, Hofmannsthal, Musil u. v. m.

Aus dieser Zeit stammen auch Briefe, die Clara Brauner an Čechov geschrieben hat (s. Čechov i mirovaja literatura 2005: 440–442). Die Übersetzerin war offensichtlich bemüht, Čechov als Autor für den Verlag zu gewinnen und sich die Übersetzungsrechte vor allem für seine Theaterstücke zu sichern, da damit auch die lukrativen Aufführungsrechte auf österreichischen und deutschen Bühnen verknüpft waren. Aufgrund der um diese Zeit bestehenden urheberrechtlichen Situation in Österreich, Deutschland und Russland – das Deutsche Kaiserreich war Mitglied der Berner Übereinkunft, das Russische Reich und die Habsburger Monarchie nicht, wobei die österreichischen Verleger und Übersetzer auf den deutschen Markt aufgrund seiner Größe stark angewiesen waren – stellte Brauner aber, wie viele andere deutsche und österreichische Übersetzer, die aus dem Russischen übersetzen wollten und sich mit diesem Anliegen an russische Autoren wandten, die Bedingung, dass die deutsche Übersetzung vor dem russischen Original erscheinen sollte. Denn würde ein russischer Text zuerst auf Russisch in Russland erscheinen, könnte im Grunde jeder österreichische oder deutsche Verleger davon eine Übersetzung anfertigen lassen, ohne Rücksicht auf den Autor oder andere deutsche Verleger nehmen zu müssen. Die Sicherung eines exklusiven Übersetzungsrechts durch die Veröffentlichung der Übersetzung vor dem Original war vor allem für Theaterstücke sehr wichtig, weil damit auch die Verwertungsrechte im Bühnenvertrieb verbunden waren, mit entsprechenden Gewinnbeteiligungen für Verleger, Autor und Übersetzer.

Čechov, dessen Erzählungen im Wiener Verlag bereits vorher ohne entsprechende Autorisierung in der Übersetzung von Brauner erschienen waren (denn sie waren ja schon vorher längst auf Russisch publiziert worden) und der außerdem eine generelle Skepsis hegte gegenüber Übersetzern und deren Möglichkeiten, seine „über Russen“ und „für Russen“ geschriebenen Stücke im Ausland vermittelbar zu machen, ist auf das Angebot von Clara Brauner offenbar nicht eingegangen.

Insgesamt waren also die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts für Clara Brauner eine ausgesprochen intensive und produktive übersetzerische Zeit, die aber relativ schnell wieder vorbei war, aus Gründen, die nur vermutet werden können. Es ist durchaus möglich, dass die Zuarbeit in der Firma ihres Mannes die Übersetzerin so stark in Anspruch nahm, dass sie sich aus dem Feld der Literaturvermittlung zurückzog, oder dass es ihr nicht gelungen war, im hart umkämpften konkurrenzgetriebenen übersetzerischen Feld dauerhaft Fuß zu fassen (was etwa für die oben genannten Übersetzerinnen aus skandinavischen Sprachen Marie Herzfeld und Marie Franzos, die ebenfalls seit der Gründung des Wiener Verlags dabei waren, nicht galt – vor allem letzterer war es geglückt, eine im heutigen Sinne „vollblütige“ Berufsübersetzerin zu werden, vgl. Brighi 2017).

Der translatorische „Rückzug“ von Clara Brauner kann aber auch vordergründig mit den finanziellen Schwierigkeiten zu tun gehabt haben, in die der Wiener Verlag ab 1906 geriet. Am 8. Februar, ein Jahr nach dem erwähnten durchaus hoffnungsvollen Artikel im Neuen Wiener Journal, vermeldet das Neue Wiener Tagblatt (S. 10), dass sich die „Gesamtpassiven“ des Verlags auf eine halbe Million Kronen belaufen. Demgegenüber stünden Aktiva, die hauptsächlich aus „schwer realisierbaren Verlagswerken“ bestehen. „Große Einbußen“ soll der Verlag gerade durch die beiden Bibliotheken heimischer und berühmter Autoren erlitten haben.[9]

Im Mai 1906 verlor die Firma einen Prozess wegen ausgebliebener Tantiemenzahlungen an einen Autor (Neues Wiener Journal 3. Mai 1906, S. 7). Die Erklärungen des Verlegers, vorgetragen von seinem Anwalt, warum er den Autor über Neuauflagen seines Buches nicht informiert habe, wirkten dabei ziemlich unprofessionell: ihm, dem Verleger, habe ja „nichts am Gewinne“ gelegen, sondern an „der möglichsten Verbreitung des Romans“.

Nicht zuletzt die „wachsame“ Konkurrenz aus Deutschland trieb Freund in Erklärungsnöte: Im Oktober 1906 musste er sich erneut vor Gericht verantworten. Diesmal ging es um eine plagiierte Übersetzung von Mark Twain, die zuerst im Stuttgarter Verlag Robert Lutz erschienen war. Freunds Übersetzerin, die in der Berichterstattung über die Verhandlungen aus verständlichen Gründen nicht namentlich genannt wird (Neue Freie Presse 4. Oktober 1906, S. 10), habe, wie das für die Gerichtsverhandlung einberufene „Kollegium der literarischen Sachverständigen“ feststellen konnte, bei der Erstübersetzerin „Fräulein Jakobi“ abgeschrieben. Als Konsequenz war nicht nur ein Entschädigungshonorar an den Stuttgarter Verleger fällig. Freund verpflichtete sich auch, das Buch in Deutschland nicht mehr zu vertreiben.

Am 8. Mai 1908 war der Höhepunkt des Verlags-Krimis erreicht: Freund wurde persönlich wegen verschleppter Insolvenz („Kridavergehen“) zu drei Wochen strengen Arrests verurteilt (Neue Freie Presse 8. Mai 1908, S. 14), Das Neue Wiener Journal berichtete über das „Ende des Wiener Verlags“ (8. Mai 1908, S. 12). Und am 21. Februar 1909 findet sich eine kurze Notiz in der Abendausgabe des Neuen Wiener Tagblatts: „Der Wiener Verlag ist gänzlich aufgelassen worden von dem Übernehmer des Verlags.“

IV. Berliner Zeit, Exil in der Türkei

In den Daten des Wiener Melderegisters zu Alexander Brauner gibt es eine Lücke: Von 1912 bis 1916 war er offenbar woanders gemeldet. Ziegler (1974: 236) und Zinsmeister (1980: 460) berichten über die Übersiedlung der Familie Brauner nach Berlin zu Beginn der 1910er Jahre. 1915, also drei Jahre nach der Abmeldung in Wien, taucht der Name des Ingenieurs Alexander Brauner in den Berliner Adressbüchern auf, zuerst als „Sachverständiger für Maschinenbau, Elektrotechnik und industrielle Organisation“ (BAB 1915: 334), ein Jahr später schon als „Direktor der Hansa- und Brandenburg-Flugzeugwerke A. G.“ (BAB 1916: 314). Genannt wird eine Adresse in Charlottenburg, was wiederum zu den Erinnerungen über Leo Brauner passt: Nach der Übersiedlung der Eltern nach Berlin besuchte er das Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Charlottenburg (Ziegler 1974: 236). Über die Ernennung zum Direktor berichteten 1915 mehrere österreichische Zeitungen (z. B. Neues Wiener Tagblatt, 20. September 1915, S. 17) – im Zusammenhang mit der Gründung der Hansa und Brandenburgischen Flugzeugwerke, eine Aktiengesellschaft, die auf Initiative des österreichischen Financiers Camillo Castiglioni aus der Zusammenlegung mehrerer deutscher Firmen hervorgegangen war und im Ersten Weltkrieg Flugzeuge für das deutsche und österreichische Heer baute.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde es Deutschland verboten die Luftstreitkräfte zu unterhalten, so dass die Firma reorganisiert werden musste. Noch vor Ende des Krieges kehrten die Brauners nach Österreich zurück: 1916 (Wiederanmeldung in Wien) bzw. 1917 (letzter Eintrag im Berliner Adressbuch), wo Alexander spätestens ab 1917 erneut als Geschäftsführer verschiedener Firmen tätig war.

Noch bis 1922 finden sich in österreichischen Zeitungen Anzeigen des „technisch-wirtschaftlichen Konsulenten“ Alexander Brauner, der sich auf „Begutachtung, Organisation, Reorganisation und Bau industrieller Anlagen“ spezialisiert habe sowie auf „Verkaufs- und Einkaufsorganisation für Rußland, Polen und Randstaaten“ (so der Anzeigentext in Die Börse vom 2. März 1922, S. 11). Als Adresse des „Bureaus“ ist Hörlgasse 5 angegeben, was für den besagten Zeitraum mit den Daten aus dem Wiener Melderegister für Alexander und Clara Brauner übereinstimmt.

Das Ehepaar zog 1922 noch einmal nach Berlin um. Vermutlich wollten sich die Brauners dort im Ruhestand niederlassen. Denn in einem der früheren Briefe an Sologub erwähnte Alexander Brauner, dass er in Berlin seinen Urlaub verbringe (Sologub-Archiv, Brief vom 15. Januar 1897).

Ab 1926 tauchen in den Berliner Adressbüchern wieder Angaben zu einem Ingenieur Alexander Brauner auf (wohnhaft in Mittelstraße 11 in Lichterfelde), und zwar bis 1933 (der letzte Eintrag findet sich im Jahr 1934, allerdings unter einer Adresse in Spandau). Dass es sich um den Ehemann von Clara Brauner handelt, wird durch die Tatsache erhärtet, dass der Name unter dieser Adresse auch im Jüdischen Adressbuch für Groß-Berlin aus den Jahren 1929/30 (S. 47) und 1931/32 (S. 47) verzeichnet ist.

1927 erscheint im linken Berliner Malik-Verlag Das Werk der Artamonows in der Übersetzung von Clara Brauner, inzwischen 52 Jahre alt. Der österreichische Literaturkritiker und Übersetzer Fritz Rosenfeld (1902–1987) rezensiert dieses Buch in der Salzburger Wacht. Organ für das gesamte werktätige Volk im Lande Salzburg am 11. Februar 1927 voller Überschwang:

Die Darstellungskunst eines Maxim Gorki muß nicht von neuem gerühmt werden. Daß er mit unnachahmlicher Meisterschaft eine Zeit schildert, die aus den Fugen ist, daß er plastisch und lebendig Menschen gestaltet und große Szenen formt, die den Hauch unmittelbaren heißen Lebens ausströmen, das ist bei einem Dichter seines Formats selbstverständlich. […] Klara Brauner hat das Buch sorgfältig und flüssig übersetzt.

Gor’kijs Roman ist im Malik-Verlag als Teil der Gesammelten Werke in Einzelausgaben erschienen. Wieland Herzfelde (1896–1988), der Miteigentümer des Verlags, hat am 13. August 1926 mit Gor’kij einen Generalvertrag für die Herausgabe seiner Werke in deutscher Übersetzung unterzeichnet (Hauberg / Siati / Ziemke 1986: 80ff.) und konnte für diesen Roman, der als Band 10 der Gesamtausgabe herauskam, die inzwischen in Berlin ansässige Übersetzerin Clara Brauner gewinnen. Die enorme Resonanz gerade dieses Romans, in dem episch das Panorama der russischen Gesellschaft von der Bauern-Befreiung über den kapitalistischen Aufschwung bis zur Revolution 1917 am Beispiel einer Familie gezeichnet wird, zeigt nicht nur die Zahl der Rezensionen im deutschsprachigen Raum (allein für das Jahr 1927 verzeichnet die Gor'kij-Bibliographie von der Akademie der Wissenschaften in Berlin (DDR) neben der Rezension von Rosenfeld 24 weitere Rezensionen in deutschsprachigen Periodika, s. Czikowsky, Idzikowski, Schwarz 1968: 173ff.), sondern auch die Tatsache, dass er parallel zur Malik-Ausgabe auch in der wichtigsten deutschen Tageszeitung, dem Berliner Tageblatt, als Fortsetzungsroman veröffentlicht wurde.

Für alle anderen Bände nahm Herzfelde allerdings Dienste anderer Übersetzer in Anspruch, allen voran die des wichtigsten Gor’kij-Übersetzers und -Vermittlers August Scholz (1857–1923). Nach einer langen Pause war Das Werk der Artamonows eine der letzten veröffentlichten neuen Übersetzungen von Clara Brauner. In der Berliner Zeit, bis Anfang der 30er Jahre, sind noch zwei Roman-Übersetzungen, die bereits um die Jahrhundertwende im Wiener Verlag publiziert worden waren – Oblomow von Gončarov und Der Idiot von Dostoevskij – in den Berliner Verlagen Cassirer und Ladyschnikow neuaufgelegt worden. Doch von einem wirklichen Einstieg in die übersetzerische Szene Berlins konnte nicht die Rede sein – so hat Herzfelde z. B. für Gor’kijs Roman Foma Gordeev, den Clara Brauner, wie bereits erwähnt, 1901 für die Stuttgarter Deutsche Verlagsanstalt übersetzt hatte, den Berliner Übersetzer Erich Böhme (1879–1945) engagiert.

Die Familie des Sohnes Leo Brauner, der nach Studienaufenthalten in Wien und Greifswald 1922 in Jena promoviert wurde und seit 1926 mit Marianne Wiemer verheiratet war, verließ Deutschland im August 1933 (Ziegler 1974: 236), nachdem dem jungen, aber inzwischen habilitierten Botaniker „wegen nichtarischer Abstammung“ seine Assistentenstelle am Botanischen Institut Jena gekündigt worden war. Das Ehepaar ging zunächst nach Oxford, wo Leo Brauner eine Stelle am Botanischen Institut des Magdalen College erhielt. Clara und Alexander Brauner verließen Deutschland vermutlich 1934.

Inzwischen hatte sich in Zürich die sog. Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler im Ausland formiert, eine Selbsthilfeorganisation, die eng mit dem britischen Academic Assistance Council zusammenarbeitete und Wissenschaftlern, die zur Flucht aus Deutschland gezwungen waren, akademische Stellen in verschiedenen Ländern zu vermittelt suchte (vgl. Feichtinger 2001: 71ff.). Wie der Zufall es wollte, hatte es sich der Gründer der Republik Türkei Kemal Atatürk (1881–1938) 1931 zur Aufgabe gemacht, die Universitäten des Landes nach westlichem Vorbild zu modernisieren. Es fehlte jedoch das entsprechend qualifizierte Personal, um die neuen Lehrstühle zu besetzen. Die Situation änderte sich 1933, als über Tausend Wissenschaftler ihre Stellen an deutschen Universitäten verloren. Rasch entstand eine Kooperation zwischen der Notgemeinschaft und den zuständigen Stellen in der Türkei und es konnten bis 1939 ca. 100 Wissenschaftler an türkische Universitäten vermittelt werden. Unter den ersten von ihnen befand sich Leo Brauner, der bereits im Herbst 1933 den Ruf auf das Ordinariat für Allgemeine Botanik an der Universität Istanbul annahm (Ziegler 1974: 236). Laut Angaben des Exil-Archivs in Frankfurt am Main nahm die Republik Türkei insgesamt ca. 1000 überwiegend jüdische Flüchtlinge auf,[10] zu denen auch die Eltern von Leo Brauner zählten.

Der mit Hilfe der Witwe Marianne Brauner erstellte Eintrag zu Leo Brauner im Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration (IfZ 2016: 146) – hält die Todesjahre der Eltern fest: Alexander Brauner starb 1937 in Istanbul, Clara Brauner 1940 ebenfalls in Istanbul (vgl. auch Hoss 2007: 121). In seinen Briefen berichtet der Assyriologe Fritz Rudolf Kraus (1910–1991), der seit 1937 ebenfalls im türkischen Exil war und am Archäologischen Museum Istanbul eine befristete Anstellung finden konnte, von seinem Leben dort. Als seine „reichsdeutsche“ Vermieterin 1939, nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Eile ihre Wohnung aufgelöst hat, gelang es Kraus Ende September glücklicherweise eine neue Bleibe zu finden, als Untermieter bei Clara Brauner in einem Neubau im Istanbuler Stadtteil Cihangir. Er beschreibt seine Wirtin – Clara Brauner wohnte inzwischen allein, da Alexander 1937 verstorben war – als „feine alte Dame russischen Ursprungs“ (Schmidt 2014: 412) und als „sehr nette alte Jüdin aus Minsk“ (ebd.: 475). Die „Hinterzimmer der Wohnung, welche meine Wirtin bewohnt, bieten eine prachtvolle Aussicht auf den Bosporus“ (ebd.: 412). Dort starb Clara Brauner 1940. Kraus fand sie am 13. September 1940 tot in der Badewanne, „nach Feststellung der Ärzte [war] sie einem Herzinfarkt zum Opfer gefallen, ohne etwas vorher zu ahnen und ohne zu leiden“ (ebd.: 564).

Rekonstruierbare Topobiographie von Alexander und Clara Brauner
Rekonstruierbare Topobiographie von Alexander und Clara Brauner
(© für die Kartenvorlage: EDK)

 

Leo Brauner kehrte 1955 mit seiner Frau nach Deutschland zurück und übernahm das Ordinariat für Botanik an der Universität München. Er starb 1974 und wurde auf dem Neuisraelitischen Friedhof in München beigesetzt. Wie sich die Frau seines Schülers H. D. Zinsmeister in einem Brief an den Verfasser vom 31. Oktober 2015 erinnert, lebten Leo Brauner und seine Frau in München sehr zurückgezogen und wollten „über ihre schreckliche Vergangenheit nicht sprechen.“ Der Großteil seiner Familie sei im Holocaust umgekommen.

Clara Brauners Übersetzungen hat man nach dem Krieg vielfach nachgedruckt. U. a. fand ihre Oblomow-Übersetzung Aufnahme in die renommierte Reihe des Zürcher Manesse-Verlags Bibliothek der Weltliteratur.

(Veröffentlicht: Mai 2019)

 


[1] Aber auch diese Angaben sind nicht korrekt. So behauptet die Autorin, die erste Übersetzung von Clara Brauner sei die Erzählung Schatten von Sologub gewesen, erschienen 1900 im Wiener Verlag. Abgesehen davon, dass hier der Name Alexander Brauner unterschlagen wird, obwohl er in allen online verfügbaren deutschen und österreichischen Katalog-Einträgen zu diesem Erzählband mitgenannt wird (und zwar an erster Stelle – es ist sogar davon auszugehen, dass die Übersetzung gar nicht von Klara Brauner stammt, denn obwohl die vier enthaltenen Erzählungen den Übersetzern nicht einzeln zugeordnet sind, ist die Erzählung Schatten in der Übersetzung von A. Brauner in den von ihm bereits 1896 herausgegebenen Band Russische Novellen aufgenommen worden), lassen sich Brauners Übersetzungen spätestens ab 1898 in österreichischen Periodika, namentlich in der Wiener Rundschau, nachweisen (Sologubs Ljoljetschka, Nr. 13, 15. Mai 1898, und Čechovs Der Petschenjeg, Nr. 17, 15. Juli 1898).

[2] Handschriftenabteilung IRLI RAN, Bestandsnr. 289, Verzeichnisnr. 3, Mappe 90. Für den Hinweis danke ich Konstantin Azadovskij und Margarita Pavlova, die eine kommentierte Edition dieser Briefe sowie eine ausführliche Arbeit über die literarischen Kontakte zwischen Sankt Petersburg und dem Wien der Jahrhundertwende sowie über die Rolle Alexander Brauners in der Herstellung dieser Kontakte vorbereiten.

[3] Národní archiv: Úřední knihy (matriky a indexy), Praha – matriky oddaných, Inventarnummer 2693, S. 32, Eintragsnummer 168. Das Digitalisat zugänglich in der Datenbank des Národní archiv: (letzter Aufruf 19.10.2018). Für den Hinweis danke ich Wolf-Erich Eckstein, Wien.

[4] Für die Zeit vor 1910 haben sich keine Meldeunterlagen der Stadt Wien erhalten. In mehreren Briefen von Alexander Brauner an Sologub aus der Zeit zwischen 1897 und 1910 wird allerdings als Adresse „Severingasse 9“ angegeben, die nicht mit der Adresse – „Zollergasse 5“ – übereinstimmt, die in ebenfalls in diesem Zeitraum geschriebenen Briefen von Clara Brauner an Čechov genannt wird. Die letztgenannte Adresse findet sich dafür in Zeitungsanzeigen des Ingenieurs A. Brauner (vgl. z. B. in Die Zeit [Tageszeitung!] 10. Mai 1903, S. 26) sowie im Lehmann-Register für die Jahre 1903–1904. Diese Diskrepanz lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass A. Brauner eine Privat- und eine Geschäftsadresse benutzt haben könnte. In der Zeit von 1892 bis ca. 1900 war im Übrigen laut Zeitungsannoncen in unterschiedlichen Wiener Zeitungen unter der Adresse „Wien IX, Severingasse 9“ eine „Fabrik für elektrische Beleuchtung und Kraftübertragung“ untergebracht, was wiederum für den Ingenieur-Übersetzer Alexander Brauner spricht.

[5] Zu diesem Buch ließen sich zwei Rezensionen finden. In einer anonymen Notiz in der Kaufmännischen Zeitschrift vom 15. Juli 1897 (S. 123) heißt es: „Die ganze Eigenart russischer Dichtungen packt uns in diesen kleinen sechs Erzählungen, die Alexander Brauner in einem kleinen Bändchen vereinigt hat. Es ist wirkliches russisches Leben, das uns in ihnen entgegentritt, so daß wir die Gestalten und die Landschaft vor uns zu sehen vermeinen.“ Die Notiz offenbart die typische „Teleskopie“ in der Wahrnehmung übersetzter russischer Literatur durch das deutschsprachige Publikum, das weder des Russischen mächtig ist, noch die Möglichkeit hat in das „ferne Nachbarland“ (vgl. Hübner 2012: 605) selbst zu reisen. – In der anderen Rezension, aus der Arbeiter-Zeitung vom 20. September 1896, S. 5 wird A. Brauner des translatorischen Betrugs beschuldigt. Er schmuggelt in den Band offenbar eine eigene Erzählung, die er als übersetzten Text eines gewissen Alexander Mar ausgibt.

[6] Populäre realistische Schriftsteller in der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts.

[7] Neue Freie Presse vom 19. Dezember 1899, S. 7; Wiener Montags-Journal vom 25. Dezember 1899, S. 5; Wiener Bilder vom 25. Februar 1900, S. 12.

[8] Insgesamt wurden in dieser Reihe von ca. 50 Titeln 18 aus dem Russischen übersetzt, womit Russisch – noch vor den Übersetzungen aus dem Französischen – den ersten Platz belegt. Es handelt sich allesamt um Texte von Autoren, „denen in diesen Jahren eine kritische Einstellung gegenüber den politischen und sozialen Zuständen in Russland gemeinsam ist“ (Hübner 2012: 31f.). Darunter finden sich drei Titel von Leonid Andreev (1871–1919), außerdem sind u. a. die Znanie-Autoren Evgenij Čirikov (1864–1932) und Semen Juškevič (1868–1927), der „Narodnik“ Petr Jakubovič (1860–1911) und der Tolstojaner Ivan Naživin (1874–1940) vertreten. – Ferner gab es im Verlag Pläne, eine 15-bändige Dostoevskij-Ausgabe herauszubringen (Neues Wiener Journal 15. April 1906, S. 59), die aber nicht realisiert wurden.

[9] Dies scheint allerdings nicht für alle Titel der Reihe zu gelten. Die Innsbrucker Nachrichten vom 9. Februar 1906 (S. 9) berichten in diesem Zusammenhang im Gegenteil davon, dass von der Bibliothek berühmter Autoren in den letzten Jahren eine Million Exemplare verkauft werden konnte, was dem Verlag „schöne materielle Erfolge“ beschert haben soll.

[10] Vgl. ‹https://exilarchiv.dnb.de//DEA/Web/DE/Navigation/LaenderDesExils/Tuerkei/tuerkei.html› (letzter Zugriff 22. Februar 2019).

 

Literatur:

Brauner, Alexander [1896]: Vorwort. In: Russische Novellen. Herausgegeben von Alexander Brauner. Leipzig: Hermann Zieger, S. III–VI.

Brighi, Giada (2017): Marie Franzos, 1870–1941 [Übersetzerinporträt]. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX, online unter: ‹http://uelex.de/artiklar/Marie_FRANZOS› (letzter Stand April 2017).

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Hoefert, Sigfrid (1974): Einleitung. In: ders. (Hg.): Russische Literatur in Deutschland. Texte zur Rezeption von den Achtziger Jahren bis zur Jahrhundertwende. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, S. VII–XXV.

Hoss, Christiane (2007): Verfolgung und Emigrationswege der von Scurla benannten Flüchtlinge und ihrer Familien. In: Şen, Faruk / Halm, Dirk (Hg.): Exil unter Halbmond und Stern. Herbert Scurlas Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. Essen: Klartext-Verlag, S. 113–201.

Hübner, Friedrich (2012): Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen. Eine kommentierte Bibliographie. Köln, Weimar, Wien.

IfZ [Institut für Zeitgeschichte München] (2016): Brauner, Leo [Handbuch-Eintrag]. In: Strauss, Herbert / Röder, Werner (Hg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945. Bd. II. Jubiläums-Ausgabe. München: K.G. Saur, S. 146–147. (zuerst 1983)

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Diese Bibliographie wurde erstellt von Aleksey Tashinskiy.

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