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Cornelius BISCHOFF, 1928–2018

Cornelius Bischoff beim Sprung in den Bosporus in Tarabya (Foto aus dem Nachlass, © Karin Bischoff)
Cornelius Bischoff beim Sprung in den Bosporus in Tarabya (Foto aus dem Nachlass, © Karin Bischoff)

Yaşar Kemal, den man als den kurdischsten aller türkischen Autoren oder den türkischsten aller Kurden bezeichnet hat, nannte seinen Übersetzer Cornelius Bischoff einmal scherzhaft den türkischsten aller Deutschen oder den deutschesten aller Türken (Baumann/Bischoff 2008a: 11). Tatsächlich betrachtete Bischoff sowohl Deutschland als auch die Türkei, aus der seine Mutter stammte und wo seine Familie für mehrere Jahre Zuflucht vor den Nationalsozialisten fand, als seine Heimat; seine ab den 1970er Jahren begonnene Übersetzungstätigkeit wurzelt in der Familiengeschichte und in den Freundschaften, die Cornelius Bischoff am Bosporus schloss.

Geboren am 4. September 1928 in Hamburg-Harburg als Sohn von Eduard Bischoff (1906–1966) und Bertha Abramović (1907–1994), gelangte Cornelius Bischoff mit elf Jahren zusammen mit seiner Familie ins Exil in die Türkei. Die Eltern hatten sich in Istanbul kennengelernt, wo Eduard Bischoff als Zimmermannsgeselle Station machte,[1] siedelten sich dann aber gemeinsam in Deutschland an. Wegen der jüdischen Abstammung seiner Ehefrau[2] und da er selbst als Sozialdemokrat und Gewerkschafter keine Aufträge mehr bekam, floh die Familie 1939 aus Deutschland. Kurz zuvor war ein Freund der Familie von der Gestapo verhört und gefoltert worden.[3]

Der Vater fuhr der Familie unter dem Vorwand, er wolle in der Türkei eine Erbschaft antreten, voraus. Cornelius’ Tante väterlicherseits, Berta Kröger,[4] warnte seine Mutter einen Tag, bevor Juden das J in den Ausweis gestempelt wurde. So gelang die überstürzte Ausreise mit dem Zug zunächst nach Paris ohne Visum und dank eines mutigen Kontrolleurs der Deutschen Reichsbahn, der die für einen Besuch bei der Großmutter Donna Gatenyo ausgestellte Reiseerlaubnis von 1936 nicht beanstandete, obwohl ihn zwei Polizisten oder Gestapobeamte begleiteten (Bischoff in: Soley 1991). Vom Deutschen Konsulat in Paris erhielt Bertha einen „Arier“-Ausweis (die Türkei ließ zu diesem Zeitpunkt offiziell keine Juden einreisen), die Überfahrtkosten bezahlte die jüdische Gemeinde. So konnte sie nach einiger Zeit, in der Cornelius eine französische Schule besuchte,[5] mit ihm und seiner jüngeren Schwester Edith die Reise nach Marseille fortsetzen, wo sie den Passagierdampfer Theophile Gautier bestiegen (später ein Truppentransporter, der am 4. Oktober 1941 von den Engländern versenkt wurde).

In Istanbul kam die Familie wieder zusammen. Erst dort erfuhr Cornelius, der sich bis dahin für die Nazis begeistert hatte und darauf brannte, in die Hitlerjugend aufgenommen zu werden, vom Judentum seiner Mutter; später erkannte er, dass seine nationalsozialistische Beeinflussung für die Eltern ein weiterer Fluchtgrund gewesen sein mochte. In Istanbul wohnte die Familie im Viertel Asmalımescit, in dem auch viele der geflohenen Deutschen eine Bleibe gefunden hatten. Die Sommer verbrachte die Familie in dem Istanbuler Vorort Tarabya, wo Cornelius unbeschwert schwamm, Akkordeon spielte[6] und auf der Straße von den Kindern, von denen er sich herzlich aufgenommen fühlte, Türkisch und von der Hauswirtin Griechisch lernte (Baumann/Bischoff 2008b). Zu Hause in Hamburg sei in der Familie Deutsch gesprochen worden, lediglich von der Großmutter habe er einige serbische Ausdrücke gehört, erzählte Cornelius Bischoff im Interview (Baumann/Bischoff 2008a). Er besuchte in Istanbul das Sankt-Georgs-Kolleg, eine österreichische (also damals deutsche) Privatschule mit türkischen, armenischen, griechischen und jüdischen Schülern, die schon seine Mutter besucht hatte. Der Vater arbeitete als Bauleiter für eine Englisch-Schweizer Firma, die Öltanks im Bosporus errichtete, bis der englische Partner ihn dort als Deutschen nicht mehr duldete. Daraufhin gründete der Vater nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit zusammen mit einem Türken eine Tischlerei (Bischoff in: Soley 1991).

1944, als die Türkei auf Drängen der Alliierten Deutschland den Krieg erklärte, wurde die Familie verbannt. Beim Frühstück stellte man sie vor die Wahl, nach Deutschland auszureisen oder umgehend nach Çorum aufzubrechen (Bischoff in: Soley 1991).[7] In dieser anatolischen Garnisonsstadt, einem traditionellen Verbannungsort für Regimegegner, wo die Familie anfangs in einer ehemaligen Karawanserei untergebracht wurde (Bischoff in: Hazar 2001)[8], waren etwa zweihundert Deutsche interniert (insgesamt bot die Türkei etwa 1000 Verfolgten aus Deutschland und Österreich Zuflucht; Cornelius Bischoff spricht von etwa 800 Exildeutschen in der Türkei), darunter solche, die entweder schon 1933 im Rahmen von Kemal Atatürks Reformprogramm als Wissenschaftler zur Modernisierung der türkischen Universitäten ins Land eingeladen worden waren oder später durch Vermittlung der in der Schweiz ansässigen „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ aus Deutschland gerettet wurden (vgl. das Kapitel darüber in: Hillebrecht 2000).

Mit Unterstützung des Roten Halbmonds und anderer Hilfsorganisationen konnte die Familie Bischoff wie die anderen verbannten Deutschen eine Unterkunft mieten. Cornelius lernte Reiten und durfte aufgrund seiner guten Beziehungen zu anderen Jugendlichen und den Behörden die Umgebung des „damals Europäern weitgehend unbekannten Anatolien“ relativ frei erkunden und etwa die dortigen traditionellen Kämpfe der Gänseriche miterleben (Baumann/Bischoff 2008b; Bischoff in: Soley 1991). So erschien ihm diese Zeit als ein Abenteuer, und auch seine Schwester schloss mit einheimischen Kindern Freundschaft[9] – während die Eltern sich um das Überleben der Familie sorgten, weil sie offiziell nicht arbeiten durften, den Winter als hart erlebten und darunter litten, kein Radio hören zu dürfen.[10] Von Traugott Fuchs (1906–1997) lernte Cornelius Zeichnen und Malen, von einer anderen Lehrerin Französisch.

Bischoff_Abschlussdiplom
Bescheinigung des Abschlussdiploms vom 8. April 1954 (© Karin Bischoff)

Dies ermöglichte ihm, nachdem er später, unter Berufung auf einen der in Istanbul lebenden Brüder der Mutter, seine Freilassung beantragt hatte und zu seinem Onkel Janko[11] nach Istanbul übersiedelt war, die Aufnahmeprüfung an der französischen Missionsschule Saint-Michel zu bestehen. Dort legte er am 15. Juni 1948 das Baccalauréat sowie am 28. Oktober 1948 das staatliche türkische Abitur ab.

Da er von den britischen Besatzungsbehörden zunächst keine Rückkehrerlaubnis nach Hamburg bekam, begann er, vermutlich im September 1948, ein Jurastudium an der Istanbuler Universität, wo er unter anderem Römisches Recht bei Professor Andreas Bertalan Schwarz, einem der deutsch-jüdischen Wissenschaftler aus dem Atatürk-Programm, hörte. Später sagte er, es sei der Wunsch seiner Eltern gewesen, er solle „etwas Handfestes“ studieren, aber schon damals habe er zur Literatur tendiert (Baumann/Bischoff: 2008a).

1949 konnte er mit vom englischen Generalkonsulat ausgestellten Papieren nach Hamburg zurückkehren, das damals noch in Trümmern lag; seine Schwester Edith (1930–1983, verheiratete Kupas, ihr Mann Umberto hatte italienische und griechische Vorfahren)[12] blieb als Einzige der Familie, die von Anfang an ihre Rückkehr beabsichtigt hatte, in Istanbul; auch Cornelius zog es später immer wieder dorthin zurück. Er bezog über einen Freund des Vaters ein Zimmer in Harburg,[13] setzte sein Studium fort und schloss es 1954 mit dem Staatsexamen ab. Von 1954 bis 1956 war er Rechtsreferendar beim Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg. Nebenbei betätigte er sich als Dolmetscher für die türkische Botschaft und Firmen, die mit der Türkei Handel trieben. So gewann er als stellvertretender Betriebsleiter der Brecht Corporation

Einblicke in das Geschäft mit Saitlingen [...], Schafsdärme, die zur Wurstverarbeitung benötigt werden. Ich machte mich damit selbstständig und betrieb eine Zeitlang drei Imbissbuden, die ich von der Hamburger Hochbahn gepachtet hatte. (Baumann/Bischoff 2008b)

Zur Literatur kam er nach eigener Aussage über das Theater. Seine Witwe Karin berichtet, dass ein ehemaliger Hamburger Schulfreund Schauspieler geworden war und ihn zu den Premierenfeiern des Ernst-Deutsch-Theaters (vormals das Junge Theater, gegründet 1951) mitnahm, wo er mit dessen Leiter Friedrich Schütter Freundschaft schloss.[14] Für ihn übersetzte er das Musical Ali aus Keschan von Haldun Taner (1915–1986), „zu dem aber leider die damaligen Gastarbeiter nicht in Scharen kamen, obwohl die Geschichte in den Slums spielte“ (Baumann/Bischoff: 2008b). Weitere Theaterautoren, deren Stücke er später übersetzte, sind Necati Cumalı und Aysel Özakın.

Sein eigentliches Debüt als Übersetzer ergab sich durch seinen engsten Freund aus der Exilzeit, den Maler Orhan Peker (1927–1978). Dieser stellte ihn dem Autor des Kinderbuchs Gülibik, der Hahn, Çetin Öner (1943–2016), vor.[15] Bei Mezes und Rakı sei zwischen den dreien die Idee entstanden, er solle es ins Deutsche bringen. Für die Übersetzung gewann Bischoff nach mehreren Absagen von anderen Verlagen den Anrich Verlag, mit dessen Verleger Gerold Anrich er sich auf Anhieb gut verstand. Das Buch wurde 1977 veröffentlicht.[16] Die Übersetzung sei von der Universität Bologna und auch in New York gewürdigt worden, und „dass die Verfilmung zustande kam, hat eine eigene Geschichte und hat immer mit Freundschaft zu tun“, erinnert sich seine Witwe Karin. Ihr Mann habe das Buch Janos Pleva geschenkt, dem Sohn des Schauspielers Jörg Pleva. Dessen Mutter Ulrike war in zweiter Ehe mit Jürgen Haase verheiratet, Produzent und Angestellter der ProVobis in Hamburg. Dieser begeisterte sich für den Stoff und erkundigte sich bei dem Übersetzer nach den Rechten. 1981/82 kam es, auch durch das Engagement von Cornelius Bischoff, der seine Verbindungen in die Türkei spielen ließ und sich um Finanzierung vor allem seitens des NDR bemühte, zur deutsch-türkischen Koproduktion; Bischoff schrieb das Drehbuch und übernahm die Regieassistenz. Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet, so auch auf der Berlinale 1984. Ein zweiter Spielfilm mit dem Titel Eine Liebe in Istanbul kam 1990 in die Kinos. Er handelt von einem türkischen Mädchen und einem Deutschen, der sich in sie verliebt und ihr nach Istanbul folgt, erneut nach einer Vorlage von Çetin Öner, Drehbuch und Regieassistenz von Cornelius Bischoff, produziert und unter der Regie von Jürgen Haase. 2010 übersetzte Cornelius Bischoff ein weiteres türkisches Kinderbuch mit dem Titel Das Waisenküken von Rıfat İlgaz.

Von Aras Ören übersetzte er 1981 den Krimi Bitte nix Polizei (auch als Taschenbuch erschienen), für die Berliner Handpresse 1987 Aus dem Leben verbannt und 1999 Frühstück in Kas sowie 2014 für den Verbrecher Verlag die fantastische Erzählung Kopfstand. Wie Ören gehört auch die Autorin Aysel Özakin, deren Roman Der fliegende Teppich: auf der Spur meines Vaters in Cornelius Bischoffs Übersetzung 1987 in der Rowohlt-Reihe Neue Frau erschien, zur sogenannten „Migrantenliteratur“. Haldun Taners Erzählung Hexenzauber, 1985 abgedruckt in dem Band Lachend sterben, erschien in Cornelius Bischoffs Übersetzung als Vorabdruck in der Zeit (26. Februar 1982) und wurde von Herbert Wehner kommentiert (Volksblatt Berlin, 16. März 1982). 1997 schrieb die Deutsche Welle einen Wettbewerb für einen Literaturpreis für türkische Kurzromane, Erzählungen und Theaterstücke aus und publizierte die prämierte Auswahl in zwei Bänden unter den Titeln Holzvögel und Lebensspuren. Einer der Juroren, Yükzel Pazarkaya, bat eigens darum, Cornelius Bischoff solle die von ihm favorisierte Erzählung von Aslı Erdoğan noch einmal neu übersetzen, weil er sich in der vorherigen deutschen Fassung damit nicht in der Jury durchsetzen konnte. Durch Cornelius Bischoffs Übersetzung errang die heute sehr bekannte Schriftstellerin und Dissidentin den ersten Preis. Außerdem übersetzte Bischoff einen Essay von Orhan Pamuk für die Sammlung, die 2006 unter dem Titel Der Blick aus meinem Fenster auf Deutsch erschien, als der Autor mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Besonders verbunden ist Cornelius Bischoffs Schaffen jedoch mit dem Türkisch schreibenden kurdisch-stämmigen Autor Yaşar Kemal (1923–2015). Zu dessen Übersetzer wurde er auf Empfehlung des Verlegers Yilderim Dagyeli, der sich in Deutschland als Erster um Kemals Werke gekümmert hatte. Dagyeli war es auch, der dem Gründer des Zürcher Unionsverlag, Lucien Leitess, als dieser die deutschsprachigen Rechte erwarb und einen neuen Übersetzer für Kemal suchte, Bischoff empfahl.[17] Bischoff übersetzte sämtliche Romane dieses

mutigen Autors aus dem einfachen Volk, der mit Reportagen für eine Istanbuler Tageszeitung als einer der ersten viele entlegene Landstriche der Türkei beschrieben hat. Vor dem Schreiben hat er das Geschichtenerzählen als Barde gelernt, der singend von Dorf zu Dorf zog. Mit Memed dem Falken hat er einen Freiheitskämpfer erfunden, der Missstände und Ungerechtigkeiten anprangert. Wie sein Held musste auch Yaşar Kemal für seine offen geäußerte Kritik etwa an der Kurdenpolitik ins Gefängnis. Die Thematik seiner Insel-Geschichten [...], die gegenseitige Vertreibung von Griechen und Türken, ist eigentlich universell und gerade für deutsche Leser sehr interessant. (Baumann/Bischoff 2008b)

Bischoff und Kemal
Yaşar Kemal (links) und Cornelius Bischoff, Anfang der 1980er Jahre (Foto aus dem Nachlass, © Karin Bischoff)

Die Schauplätze der Romane Kemals hat Cornelius Bischoff alle persönlich aufgesucht, etwa den Fluss Savrun mit seinen Wasserwächtern, „um insbesondere seine präzisen, farbigen Naturbeschreibungen und Landschaftsbilder genau nachvollziehen zu können“ (Baumann/Bischoff 2008b). Er war mit dem Autor in ständigem freundschaftlich-kritischen Austausch, fragte ihn etwa danach, ob „der schlaue“ oder „der drahtige“ Memed, der im deutschen Titel zu Memed dem Falken wird, ein kurdischer Freiheitskämpfer sein solle (was ihm der Autor nicht beantwortete), korrigierte einen Fehler des Originals, wo es heißt, ein Mann erblicke beim Rudern vor sich eine Insel (Baumann/Bischoff 2008b), oder beriet mit ihm, wann es in einem bestimmten Kontext besser Kater oder Katze heißen solle (Bischoff und Kemal in: Soley 1991).

Gefragt, ob er es schwer finde, die sprachlichen Besonderheiten seines Autors einzufangen, und ob dieser aufgrund seiner dörflichen Herkunft und seiner Verwurzelung in der mündlichen Erzähltradition ausgefallene Wörter oder Wendungen verwende, erwiderte er:

Gelegentlich ist das zwar schon der Fall, wie etwa bei dem kurdischen Wort oylum, einem Pausenzeichen der Barden. Aber ich glaube, dass Yaşar Kemal übertreibt, wenn er das anatolische Türkisch mit seinen russischen, griechischen, turkmenischen und sogar sumerischen Einflüssen, das er schreibt, für bedeutend ausdrucksreicher hält als das – zugegebenermaßen vor längerer Zeit einmal um fremdsprachliche Ausdrücke bereinigte – höfische Türkisch. Heute haben sich diese Unterschiede weitgehend angeglichen, auch der Istanbuler Orhan Pamuk, von dem ich ebenfalls kleinere Sachen übersetzt habe, schreibt kein höfisches Türkisch mehr. (Baumann/Bischoff 2008b)

Als Kemal 1997 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht wurde, zu dem Günter Grass eine sehr politische Laudatio hielt,[18] war Cornelius Bischoff anwesend, seine Nichte Ethel Rizo übernahm das Dolmetschen.

Für sein eigenes Schaffen wurde Cornelius Bischoff vielfach ausgezeichnet: 1978 stand er auf der Ehrenliste zum Internationalen Jugendbuchpreis der Universität Padua, 1991 erhielt er den Förderpreis für Literatur und literarische Übersetzung der Hansestadt Hamburg, am 10. Oktober 1995 die Ehrenurkunde des Türkischen Ministeriums für Kultur, 2001 ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds e.V., 2004 die Ehrenplakette der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. für seine Verdienste als Übersetzer türkischer Literatur, am 9. November 2006 die Ehrenplakette des Atatürk Kultur Zentrums Deutschland, Hamburg. 2010 war er Ehrengast der türkischen Literaturwoche der Kulturhauptstadt Essen, 2011 ernannte ihn die Stadt Çorum zum Ehrenbürger, 2012 wurde er mit dem Literatur-Übersetzerpreis „Tarabya“ ausgezeichnet.

Cornelius Bischoff bezeichnete sich stets als Brückenbauer und erinnerte immer wieder daran, wie herzlich er als Kind und Jugendlicher im Exil aufgenommen worden war, während die umgekehrte Integration türkischer Migranten in Deutschland aus seiner Sicht so anders verlief. Unter dem Motto „ohne Übersetzer keine Weltliteratur“ betrachtete er seine Tätigkeit des literarischen Übersetzens, das man „im allgemeinen für einen mehr technischen Vorgang hält, der erst Aufsehen erregt, wenn sich eine Panne einstellt“,[19] als eine Wortkunst zur „Erzeugung analoger Wirkung mit anderen Mitteln“. Diese Definition von Paul Valéry zitiert Bischoff in einem auf Türkisch gehaltenen Vortrag im Rahmen des Internationalen Symposiums des Türkischen Kultusministeriums am 8. Januar 2002 in Ankara. Dort betont er, wie wichtig die Kenntnis nicht nur der Ziel-, sondern auch der Ausgangssprache sei und dass der literarische Übersetzer in der Lage sein müsse, „die Lebensformen in der Welt der Ausgangssprache zu verstehen und in die Welt der Zielsprache rüberzubringen“, oft mit veränderten Mitteln aufgrund der Unterschiede nicht zuletzt in der Grammatik. Hierfür gibt er Beispiele von Redewendungen, Liedzeilen oder Sprichwörtern, die in der Erfahrung der Türken als Reitervolk und in ihren islamischen Wertvorstellungen gründen. So reflektiert Bischoff in Abwandlung des berühmten Wittgenstein-Satzes darüber, inwiefern „die Grenzen meiner Sprache ... nicht ganz die Grenzen meiner Welt“ seien. Charakteristischerweise tut er dies, auch unter Berufung auf die eigene Erfahrung der Emigration, am Beispiel des heute unübersetzbaren türkischen Wortes „Gurbet“, in dem noch die Lebensform des Nomaden nachwirken könne, wie er meint, und das „Fremder“ bedeutet, in dem aber auch „Heimweh“ und „Elend“ im mittelhochdeutschen Sinn von „Ausland“ oder „Exil“ mitschwingt. So wie sich „Elend“ im Deutschen zu einem rein negativen Begriff gewandelt habe, verändere sich wohl auch das heutige Türkisch, und zwar je nachdem, ob es in Deutschland oder der Türkei gesprochen werde, auf unterschiedliche Weise.[20]

Cornelius Bischoff starb am 27. Juni 2018 in Seevetal. Sein Nachlass befindet sich im Besitz seiner Witwe Karin Bischoff.

(Stand: Juni 2020)

 


[1] Seine damalige Reise führte ihn auch nach Ankara, wo er am Bau des Dachs der deutschen Botschaft beteiligt war (vgl. Bischoff in: Solay 1991).

[2] Berthas Mutter Donna Abramović, geb. Levi Yeroham, stammte von sephardischen Juden ab, die im Mittelalter im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatten. Geboren wurde sie 1882 im serbischen Leskovac. Mit ihrem ersten Mann Raffael Abramović hatte sie die Tochter Bertha und zwei Söhne, Janko und Albert. Die Familie sprach Deutsch, Französisch, Serbisch, Spaniolisch und Türkisch.

Mit ihrem zweiten Mann, Michel Gatenyo (die vermutlich ursprüngliche, italienische Schreibweise seines Nachnamens lautet Gattegno, sein Vorname war ursprünglich Menachem), und den Kindern übersiedelte sie zunächst nach Konstantinopel und lebte dann ab den 1930er Jahren allein mit ihm in Paris; nach dem deutschen Einmarsch wurde sie vorübergehend in einem Sammellager interniert und kam erst kurz vor der drohenden Deportation wieder frei. Das Ehepaar lebte in der Rue de Belfort in der Nähe des Pariser Judenviertels Marais. Als Donna deportiert werden sollte, konnte sie in letzter Minute gerettet werden. Ihr Sohn Janko schickte eine italienisch verfasste und vom französischen Konsulat beglaubigte Urkunde der israelitischen Gemeinde aus Konstantinopel, die besagte, dass sie mit einem türkischen Staatsangehörigen verheiratet war. Mit diesem Schreiben und seinem türkischen Pass begab sich ihr Mann Michel direkt zum Sammellager, um seine Frau dort herauszuholen. Sie blieben mindestens bis 1947 in Paris. Nachdem Donna vorübergehend zu ihrer Tochter und deren Familie gezogen war, verbrachte sie ihren Lebensabend in einem Altersheim in Istanbul, wo sie 1972 starb. Fotos und Auskünfte zur Familiengeschichte verdankt die Verfasserin Cornelius’ Witwe Karin Bischoff, Seevetal, seiner Tochter Simone und seiner Nichte Ethel Rizo, Istanbul.

[3] Laut Karin Bischoff handelte es sich um den Hamburger Heinz Wolf, der in die Niederlande emigriert und zurückgekommen war, um seine Verlobte nachzuholen.

[4] Berta Kröger (1891–1962) wirkte als SPD-Politikerin in der Hamburgischen Bürgerschaft und betrieb im Stadtteil Wilhelmsburg einen Brotladen als Untergrundzentrale zur Verteilung von Flugblättern und zur Kommunikation. 1982 wurde ein Platz nach ihr benannt.

[5] Cornelius hatte laut seiner Frau vom Schulbesuch in Erinnerung, dass man in seinen Heften zahlreiche Fehler in Rot anstrich, da er ja die Sprache nicht konnte.

[6] In seinem Tagebuch heißt es in dem Eintrag vom 12. Februar 1944: „Heute hatte ich meine 1. Akkordeonstunde.“

[7] So Cornelius Bischoff in dem von ihm selbst realisierten deutsch-türkischen Fernsehdreiteiler Exil Türkei (TRT 1991). Dort interviewt er unter anderem die Wiener jüdische Architektin und Widerstandskämpferin Margarethe Schütte-Lihotzky, die Berufs- und Dorfschulen erbaute, die Tochter des Architekten Clemens Holzmeister, den Sohn des späteren Berliner Oberbürgermeisters Ernst Reuter, Edzard Reuter und die schwedisch-deutsche Lehrerin Leyla Kudret Erkönen, die zahlreiche deutsche Kinder im Exil in sämtlichen Fächern unterrichtete – Mathematik hatte sie selbst bei Thomas Manns Schwiegervater Alfred Pringsheim studiert.

[8] In dieser 3sat-Fernsehdokumentation (Regie Nedim Hazar, Produktion Pavel Schnabel) ist Cornelius Bischoff mit seinen Nichten zu sehen, wie er in einer Markthalle ein Gedicht von Orhan Peker über Kirschen zitiert.

[9] Ein Foto von ihr mit zwei Freundinnen, einem türkischen Mädchen und einer anderen Edith, auf der Straße von Çorum findet sich in (Hillebrecht 2000: 25).

[10] Ethel Rizo in Zuflucht am Bosporus darüber, wie ihre Großmutter Bertha die Verbannung empfand.

[11] „Seine Karriere machte Janko als erster Vertreter der Firma Nivea in der Türkei. Von diesem Posten wurde er aber wegen seiner jüdischen Herkunft während des 2. Weltkrieges von der Hauptfirma in Deutschland abgesetzt, und aus Protest entwickelte und vermarktete er sehr erfolgreich eine ähnliche Creme; so starb er als wohlhabender Mann in Istanbul.“ Albert, Cornelius’ anderer Onkel mütterlicherseits, „wanderte mit 18 Jahren nach Kuba aus, wo es ihm sehr gefiel und er sich niederließ, bis ein Hurrikan seine Ranch zerstörte. Daraufhin emigrierte er weiter in die USA. Seine Tochter Donita und ihre Familie leben in Kalifornien.“ Schriftliche Auskunft von Ethel Rizo.

[12] So die schriftliche Auskunft von Ethel Rizo sowie ihre Erklärung in Zuflucht am Bosporus darüber, wie die levantinische Abstammung der Familie half, die Ausschreitungen gegen die Griechen in den 1960er Jahren unbeschadet zu überstehen.

[13] In seinem Nachlass hat sich die Meldebestätigung in Hamburg vom 22. April 1949 erhalten.

[14] Ihm vermittelte Bischoff Wolfgang Petersen, den Sohn seiner damaligen Lebensgefährtin Erika Petersen, für eine Schauspielhospitanz, die den Beginn der Karriere des späteren weltberühmten Kinoregisseurs begründete, wie dieser sich in seinen Memoiren erinnert (Petersen 1997: 47 ff., Foto: 65 und 77). Cornelius Bischoff trat als Nebendarsteller in einigen Kurzfilmen Petersens auf („Der Eine, der Andere“, 1967, „Ich nicht“, 1968), die dieser Ende der 1960er Jahre als Student der Deutschen Film- und Fernsehakademie realisiert hatte.

[15] Mit Orhan Peker, seinem Istanbuler Mitschüler und Freund, blieb Cornelius Bischoff regelmäßig im brieflichen Austausch, auch als Peker zwischenzeitlich in Frankreich und Japan lebte. Eine Auswahl der Briefe erschien 1993 auf Türkisch unter dem Titel Cornelius’a mektuplar (Briefe an Cornelius) in einer Schriftenreihe der Bank Yapi ve Kredi, Istanbul.

[16] Bereits ein Jahr zuvor erschien Bischoffs Übersetzung einer Erzählung von Ülkü Tamer in einem Sammelband des Arena Verlags. Bei einem Besuch des Autors auf der Durchreise in den Türkei-Urlaub hatte Tamer ihn darum gebeten, weil er von dem Gülibik-Projekt erfahren hatte und ebenfalls mit Bischoff in einem Buch zusammen erscheinen wollte.

[17] Karin Bischoff ermöglichte ihrem Mann die selbstständige künstlerische Existenz, indem sie die Geschäftsführung der Imbisse allein übernahm.

[18] Online unter ‹https://www.deutschlandfunk.de/guenter-grass-laudatio-auf-yasar-kemal-ich-schaeme-mich.911.de.html?dram:article_id=317524› (letzter Aufruf 24. Juni 2020).

[19] Dies monierte er laut einer schriftlichen Auskunft von Karin Bischoff.

[20] Deutsche Fassung von Cornelius Bischoff, zur Verfügung gestellt von Karin Bischoff, 26. Mai 2020.

 

Literatur

Baumann, Sabine / Bischoff, Cornelius (2008a): Zu Tisch mit Cornelius Bischoff, Türkisch-Vermittler. Interview mit Cornelius Bischoff für die Reihe Doppelkopf des Hessischen Rundfunks (14. Oktober 2008).

Baumann, Sabine / Bischoff, Cornelius (2008b): Interview mit Cornelius Bischoff anlässlich des Ehrengastauftritts der Türkei bei der Frankfurter Buchmesse. In: Übersetzen 42 (2008), H.2, S. 11.

Hazar, Nedim (2001): Zuflucht am Bosporus. [Dokumentarfilm]. Regie, Produktion Pavel Schnabel. 3sat.

Hillebrecht, Sabine (Hg.) (2000): Haymatloz. Exil in der Türkei 1933–1945 [Ausstellungskatalog]. Berlin: Verein Aktives Museum.

Peker, Orhan (1993): Cornelius’a mektuplar [Briefe an Cornelius]. Istanbul: Yapi ve Kredi.

Petersen, Wolfgang (1997): Ich liebe die großen Geschichten. Vom Tatort bis nach Hollywood. Köln: Kiepenheuer& Witsch.

Soley, Arsal (1991): Exil Türkei [dreiteiliger Dokumentarfilm von und mit Cornelius Bischoff]. Drehbuch und Regie: Arsal Solay. TRT – Türkiye Radyo-Televizyon Kurumu. Online unter ‹www.youtube.com/watch?v=LjUW4jIQRdI›.

 

Bibliographie

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