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Elisabeth KAERRICK, 1886–1966

Elisabeth Kaerrick (aus dem Antrag auf Erteilung der estnischen Staatsbürgerschaft vom 19. November 1920; Quelle: Estnisches Nationalarchiv, Tallinn)
Elisabeth Kaerrick (aus dem Antrag auf Erteilung der estnischen Staatsbürgerschaft vom 19. November 1920; Quelle: Estnisches Nationalarchiv, Tallinn)

Für das Bild, das sich durch etliche Jahrzehnte des Russischen nicht kundige Leser von Leben und Werk Dostoevskijs machen konnten, sind die ab 1906 in Reinhard Pipers Verlag erschienenen Dostoevskij-Ausgaben, die im verlegerischen Peritext eine Person namens „E. K. Rahsin“ als Übersetzer ausweisen, von kaum zu überschätzender Bedeutung. „Dostojewskijs Romane wühlten uns auf. Die roten Piper-Bände leuchteten wie Flammenzeichen von jedem Schreibtisch“, erinnert sich Hans-Georg Gadamer 1965 an das Marburg der 20er Jahre (zit. n. Garstka 1998: 141)[1]. Dass es sich bei dem Namen „E. K. Rahsin“ um ein Pseudonym handelte, sprach sich in Literatenkreisen rasch herum, aber dass sich hinter diesem Decknamen die auf ihrer Unsichtbarkeit konsequent beharrende Elisabeth Kaerrick verbarg, war sogar 1960 noch nicht bekannt, als „E. K. Rahsin“ für ihr Dostoevskij gewidmetes, sich durch „getreue Verdeutschung“ auszeichnendes „Lebenswerk“ der Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen wurde. Auch zu diesem Zeitpunkt noch wahrten Kaerrick und der Piper-Verlag erfolgreich ihre Anonymität. Für die Preisverleihung verfasste Kaerrick alias Rahsin zwar eine Dankrede, dem Festakt selbst aber blieb sie fern.[2]

Erst seit Sichtung des mit dem Piper-Verlagsarchiv nach Marbach gelangten Kaerrick-Nachlasses sowie weiterer Funde in anderen Archiven lassen sich einige Stationen der Topo- und Sprachbiographie der Übersetzerin etwas deutlicher erkennen. Auch zum Wie ihres Übersetzens haben sich aufschlussreiche Dokumente erhalten.[3]

Geboren wurde Elisabeth („Less“) Kaerrick am 6. Januar 1886 in Pernau (estnisch Pärnu, russisch Pernow), einem damals ca. 13.000 Einwohner zählenden Hafen- und Badeort am Rigaischen Meerbusen, Kreisstadt im Nordwesten des zum russischen Kaiserreich gehörenden Gouvernements Livland.[4] Kaerrick war das fünfte und letzte Kind einer deutsch-baltischen Kaufmannsfamilie. Sie wuchs mehrsprachig auf: Deutsch war die Sprache der Familie, Estnisch die des Dienstpersonals[5] und Russisch war Unterrichtssprache des Mädchengymnasiums von Pernau, das sie bis 1902 besuchte. Von Gouvernanten und Hauslehrern mag sie weitere Sprachen gelernt haben, das Englische und Schwedische erwähnt sie 1915, das Französische u. a. 1927 in Briefen an den Verleger Piper. Ihre auch durch die Russifizierung vormals deutschsprachiger höherer Schulen geprägte Sprachbiographie gleicht der anderer aus den baltischen Provinzen Kurland, Livland oder Estland stammender Russisch-Übersetzer der Kaerrick-Generation wie Johannes von Guenther, Josi von Koskull oder Werner Bergengruen.[6] Ihre in Kindheit und Jugend „auf natürliche Weise“ bzw. erzwungenermaßen erworbene Mehrsprachigkeit hat Kaerrick nicht als Vorzug empfunden. In einem Brief an Ernst Barlach schreibt sie 1915:

Ich habe nicht das Glück gehabt, einsprachig aufzuwachsen. Vielleicht ist das sogar ein Fluch. Man ist dann in keiner einzigen Sprache souverän. Aber dafür lernt man schon als Kind: unterscheiden. Doch das ist ein Laster. Jedenfalls kein Glück. (Zit. n. Potapova 2007: 32)

Eine Universität scheint Kaerrick nicht besucht zu haben, ein geplantes Architektur-Studium in St. Petersburg zerschlug sich.[7] Auf einer Bildungsreise lernte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Lucy 1904/05 den in Frankreich lebenden, zehn Jahre älteren Bohemien und freischaffenden Kulturhistoriker Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925) kennen.[8] Der brachte, angestiftet von Lucy Kaerrick,[9] 1905 von Paris aus Reinhard Piper dazu, in seinem eben gegründeten Verlag eine umfangreiche, schließlich auf 22 Bände angewachsene Dostoevskij-Ausgabe zu veröffentlichen. In dieses Projekt und die aus ihm erwachsenen zahlreichen Überarbeitungen einzelner Dostoevskij-Texte war Elisabeth Kaerrick durch viele Jahrzehnte involviert.

Während sich die Zusammenarbeit zwischen Piper und Kaerrick aus ihrem Briefwechsel relativ gut rekonstruieren lässt,[10] ist über andere Aspekte ihres Lebens von der Jugendzeit in Livland bis zu ihrem Tod am 25. Juni 1966 in München nur wenig bekannt. Wovon hat sie gelebt? Wie war ihr privates Umfeld? Womit hat sie sich noch beschäftigt – außer dem Übersetzen?

Aus den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft haben sich einige von ihr aus München geschriebene Briefe an die Berliner Reichsschrifttumskammer (RSK) erhalten. Diese Josef Goebbels‘ Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellte Institution hatte u. a. allen Angehörigen der schreibenden und übersetzenden Zunft Genehmigungen oder Verbote für ihre Publikationsvorhaben zu erteilen. Im Januar 1938 bat Kaerrick, sie von der Pflicht zur Mitgliedschaft in der RSK zu befreien und ihr „die Übersetzung des Essays Franz von Assisi von D. Mereschkowski“ zu gestatten. Das gelang nicht ohne weiteres. Zunächst sollte sie einen „amtlich beglaubigten Abstammungsnachweis“ (vulgo: „Ariernachweis“) vorlegen. Da sich der aus Estland auf die Schnelle nicht beschaffen ließ, verfasste sie für die RSK am 31. März 1938 einen acht Seiten umfassenden Lebenslauf. Im Anschreiben versicherte sie, dass sie keine „Berufsschriftstellerin“ sei, seit 1925 auch nichts mehr übersetzt habe und im Begriff stehe, sich „ganz naturwissenschaftlichen Arbeiten zu widmen, also auch weiterhin nichts mehr zu übersetzen.“[11]

In diesem 1938 geschriebenen Lebenslauf heißt es u. a., dass sie 1903, ein Jahr nach ihrem Schulabschluss, in Pernau ein „deutsches Lehrerinnenexamen“ bestanden habe und anschließend

zu Verwandten auf eine sog. Bildungsreise nach Europa geschickt [wurde], wobei mich die romanischen Sprachen weniger interessierten als Geschichte, – Geschichte im weitesten Sinne des Wortes, als Welt-, Kultur-, Literatur- und Kunstgeschichte.

1905 habe sie „andere Balten, die sich mit Schriftstellerei und Übersetzungen befassten“, kennen gelernt und diesen „bei der Übersetzung von Theodor Roosevelts Hunting trip of a ranchman [geholfen], anonym und unentgeltlich.“ 1906 sei das Pernauer Unternehmen ihres Vaters („Flachsexport“) in große Schwierigkeiten geraten und sie habe „ans Geldverdienen denken“ müssen,

zunächst durch Unterricht (Sprachen). Bald darauf wurde mir weitere Mitarbeit an anderen Übersetzungen angeboten. Ich habe diese Arbeiten ungern angenommen, und die Fussnoten und sonstige „wissenschaftliche“ Feststellungen lagen mir mehr, als die Schreiberei als solche. Meine Mitarbeit blieb auch weiterhin auf meinen Wunsch anonym.

An welchen Übersetzungen sie ab 1906 mitgewirkt hat, verriet Kaerrick der RSK nicht. Konkret ist lediglich die Angabe, dass von ihr 1913 – zwischen 1909 und 1912 habe sie erneut in Pernau gelebt – in Finnland der Artikel Moderne deutsche und moderne finnländische Architektur geschrieben und in schwedischer Übersetzung unter dem Decknamen L. Gregor veröffentlicht worden sei.[12] Im Februar 1914 sei sie mit ihrem „russischen Auslandspass“ erneut nach Deutschland gekommen, habe im Herbst nach England weiterreisen wollen („zwecks Shakespearestudien und engl. Geschichte“), aber dann sei der Weltkrieg ausgebrochen und den habe sie „bei Verwandten in Berlin verbracht“. 1919 habe sie eine Einreiseerlaubnis nach Bayern erhalten – auf Einladung des Historikers „Dr. Albrecht Wirth (Vorkämpfer der Grossdeutschen Bewegung und Antisemit, gest. 1936)“. Bei ihm habe sie als dessen Sekretärin in Tittmoning an der Salzach gelebt, bis sie 1922 nach München umgezogen sei, „wo ich auf der bayer. Staatsbibliothek alles fand und finde, was ich zu meiner wissenschaftlichen Arbeit über ‚Dichtung und Geschichte‘ benötige.“

Auch für diese Zeitspanne verrät Kaerrick verständlicherweise nichts über ihre Arbeit an der Dostoevskij-Ausgabe, sie teilt der RSK lediglich mit, dass sie „zwischendurch […] auch von 1919–1925 anonym hier und da noch literarisch mitgearbeitet, Korrekturen gelesen, Erläuterungen […] gegeben [habe], je nachdem …“ Auffallend ist bei diesem Dokument aus dem Jahr 1938 ferner, wie ausufernd (und zugleich verschwiegen) Kaerrick ihr Anliegen vorträgt – und wie sie ihrer Unterwürfigkeit einen fast satirischen Klang beizumischen scheint, etwa wenn sie klagt:

Aber ich wusste nicht, dass man auch für eine einmalige Übersetzung die Mitgliedschaft zur Reichsschrifttumskammer erwerben und zu dem Zweck 14 Dokumente beschaffen muss, und dass die Photostate, die Übersetzung und die Beglaubigung durch den deutschen Konsul je 11 M. 60 Pfg. pro Dokument kosten. Das kann ich mir nicht leisten und ich habe ja gar nicht die Absicht, weitere derartige Arbeiten zu übernehmen.

Das Schreiben, in dem Kaerrick am Ende noch beschwor, „dass unter meinen Vorfahren keine Juden vorhanden sind. Ihren Berufen nach sind es lauter Hof- oder Gutsbesitzer, Förster, Domänenpächter und Bauern“, scheint den RSK-Mitarbeiter milde gestimmt zu haben, am 8. Oktober 1938 stellte er den „Befreiungsschein“ für die Veröffentlichung der Übersetzung aus.[13] Merežkovskijs Franz von Assisi-Essay erschien im Umfang von 297 Seiten noch im selben Jahr bei Piper; im Übersetzervermerk steht ihr echter Name und kein weiteres Pseudonym. Für eine zweite von Kaerrick geschriebene Merežkovskij-Übersetzung (Jeanne d’Arc) erhielt Piper keine Genehmigung, auch der Versuch, das Buch in einem Schweizer oder holländischen Verlag herauszubringen, scheiterte (Potapova 2017: 411 und 645).

Mit seinen Dostoevskij-Titeln tat sich der Piper-Verlag in der NS-Zeit schwer. Zwar konzipierte Kaerrick 1940 auf Vorschlag Pipers einen Auswahl-Band, für den sie als Titel Vereinzelung und Gemeinschaft vorschlug, was als Zustimmung zur Volksgemeinschafts-Phraseologie des Nationalsozialismus (miss)verstanden werden konnte,[14] aber der Plan wurde nicht realisiert, auch Neuauflagen einzelner Bände der Gesamtausgabe erschienen in der NS-Zeit nicht (Ziegler 2004: 32).

Ein zweites, diesmal nicht „mit vorzüglicher Hochachtung“ sondern mit „Heil Hitler!“ unterzeichnetes Kaerrick-Schreiben an die Reichsschrifttumskammer stammt aus den Tagen der Eroberung Sewastopols durch die deutsche Wehrmacht. Am 13. Juni 1942 ersuchte Kaerrick die RSK nun doch um „Aufnahme in die ordentliche Mitgliedschaft“, da sie weitere Texte im Piper-Verlag veröffentlichen wolle, zuerst eine

Auswahl aus den Schriften des Naturforschers Karl Ernst von Baer (1792–1876) […] Und da die heutigen Kämpfe auf der Krim und demnächst noch weiter östlich am Schwarzen Meer die Schriften Baers über diese Küstengebiete und ihre Schilderung bereits von Homer allgemein interessieren dürften, würde ich gern einen Bericht über diesen Teil seiner Schriften in einer Tageszeitung veröffentlichen.

In früheren Jahren habe ich gelegentlich kulturhistorische Arbeiten unter dem Namen L. Gregor veröffentlicht, und diesen Decknamen möchte ich auch fernerhin beibehalten. Ist hierzu eine gesonderte Eingabe erforderlich? Heil Hitler! Elisabeth Kaerrick

(Bundesarchiv, R 9361–V/6880)

Auch aus diesen Vorhaben scheint nichts geworden zu sein, weder ein Baer-Buch über die Krim noch in dieser Zeit unter dem Decknamen „L. Gregor“ publizierte Aufsätze konnten nachgewiesen werden. Ob Kaerrick Mitglied der RSK wurde und ob sie sich nach 1945 deshalb einem sogenannten Entnazifizierungsverfahren unterziehen musste, ist m. W. ungeklärt. Der Piper-Verlag galt den Alliierten als unbelastet, er wurde bereits 1946 wieder lizensiert (Piper 2001). Neuausgaben der Kaerrick/Rahsin-Übersetzungen gehörten zu Pipers ersten Nachkriegsprojekten. Der Idiot konnte „bereits 1946 auf Papiervorräten des ehemaligen NSDAP-Verlags Eher für Hitlers Mein Kampf gedruckt“ werden, vermerken mit Genugtuung Verleger und Verlagschronistin (Ziegler 2004: 37).

Über Kaerricks Leben in der Schlussphase des Krieges und den beiden Jahrzehnten bis zu ihrem Tod lassen sich Informationen in ihren 2017 von Galina Potapova in russischer Übersetzung herausgegebenen Briefen finden. Ihre Wohnung in München wurde bei einem Bombenangriff zerstört, mehrere in das kleine oberbayrische Dorf Egglhausen in Sicherheit gebrachte Kisten mit Büchern und ihrem Privatarchiv gingen durch den Einmarsch amerikanischer Truppen bzw. auf dem Rücktransport Richtung München verloren (Potapova 2017: 39 und 428). Ohne große Unterbrechungen bestehen blieb der Kontakt zu Reinhard Piper, später auch zu seiner Frau und dem Cheflektor des Verlags. Sie lebte wie ab 1922 weiterhin in München, jetzt in einer möblierten Wohnung und bis zu ihrem Lebensende in offenbar sehr bescheidenen Verhältnissen (vgl. Lemster 1986). Das ihr vom Piper-Verlag bezahlte Salär musste sie durch Privatunterricht aufbessern.

Richtig heimisch scheint sie sich in der jungen Bundesrepublik des Konrad Adenauer nicht gefühlt zu haben. Mehrfach beklagt sie in Briefen den – auch in Kreisen der akademischen Osteuropaerkundung und der russischen Emigration grassierenden – militanten Antikommunismus (vgl. Potapova 2017: 438 f.; Brief an Baumgart vom 8. Dezember 1957). Wenn Bergengruen 1960 seine Laudatio auf die Übersetzerin mit einer politischen Kontrastierung der „Werke des großen russischen Dichters“ Dostoevskij mit dem „hundertfach entstellten und befleckten Wort, das nun seit Jahrzehnten von Rußland aus in die Welt schallt,“ beschließt, so dürfte er damit die Einsichten und Intentionen Kaerricks vollkommen verfehlt haben.

Ohne jede institutionelle Anbindung betrieb Kaerrick durch Jahrzehnte kulturtypologische Forschungen zur „dynamischen Psychologie der Geschichte“. Deren methodischen Zuschnitt und ideengeschichtlichen Kontext hat Galina Potapova (2009) umfassend analysiert und beschrieben. Die anfangs noch starke Orientierung an Dostoevskij rückte dabei mehr und mehr in den Hintergrund. Im Zentrum ihrer Interessen stand Universal-Historisches:

Von Frobenius‘ Studien der „primitiven“ Kulturen Afrikas bis in die neueste Gegenwart mit den Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs. Hunderte Hefte mit Exzerpten häufen sich bei Kaerrick an, ohne die Fertigstellung ihres Werks voranzubringen – oder sogar eher mit dem gegenteiligen Effekt. (Potapova 2009: 111).

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An der eingangs erwähnten zwischen 1906 und 1919 herausgegebenen Dostoevskij-Ausgabe haben zu Beginn in unterschiedlicher Gewichtung Lucy und Elisabeth Kaerrick als Übersetzerinnen mitgewirkt, „unterstützt von Zuarbeitern aus dem Kreis der Exilrussen“ (Ziegler 2004: 34). Die Angabe „Uebertragen von E.K. Rahsin“ in den ersten Bänden der Piper-Ausgabe dürfte also eine ganze Gruppe von Übersetzern umfasst haben,[15] wobei der (des Russischen nicht mächtige) Herausgeber Moeller van den Bruck bei der Erstellung der deutschen Endversionen „glättend“ in die Texte eingegriffen hat (vgl. Garstka 1998: 72).

Der genauere Verlauf der Übersetzungsarbeit an den Dostoevskij-Bänden liegt weitgehend im Dunkeln. Festzustehen scheint, dass die damals noch sehr junge und im Übersetzen wenig erfahrene Kaerrick zunächst nur Rohversionen für Moeller van den Bruck erstellt hat, dass sie dann jedoch zunehmend eigenständig die einzelnen Piper-Bände immer neuen Revisionen unterzogen hat und für Reinhard Piper schließlich zur Dostoevskij-Alleinübersetzerin und Allein-Kommentatorin wurde. Erst durch ihre mehrmaligen Überarbeitungen sämtlicher Texte hat Kaerrick alias Rahsin im Lauf der Jahrzehnte einen eigenen, auch auf Dostoevskijs Stileigentümlichkeiten gestimmten „durchgehenden Ton“ entwickelt. So zumindest urteilt noch 1995 Ilma Rakusa in einer in der Zeit veröffentlichten Besprechung der 1994 im Ost-Berliner Aufbau-Verlag erschienenen 13-bändigen Dostoevskij-Ausgabe. Dass an dieser Werkausgabe

viele Übersetzer beteiligt waren – namentlich Margit Bräuer, Werner Creutziger, Günter Dalitz, Hartmut Herboth, Wilhelm Plackmeyer, Dieter Pommerenke und Georg Schwarz –, sorgt für ein insgesamt hohes übersetzerisches Niveau, läßt aber einen durchgehenden Ton vermissen. Einen solchen hat, trotz mancher Ungenauigkeiten und Eigenmächtigkeiten, E. K. Rahsin, die legendäre Übersetzerin der Gesamtausgabe bei Piper, von Buch zu Buch gehalten. Nivelliert ist hier nichts, die Sogwirkung eines fiebrigen Erzählkosmos allzeit präsent. (Rakusa 1995)[16]

Aus dem Anfang ihrer Arbeit hat sich ein handschriftlicher, 28 eng beschriebene Seiten umfassender Brief an Reinhard Piper erhalten, mit dem Kaerrick 1915 in einer eigenartigen Mischung aus Selbstbezichtigung und Selbstbewusstsein auf Vorwürfe reagierte, die ein „Gewährsmann“ des Verlegers gegen die 1909 in zwei Bänden erschienene Übersetzung Der Idiot erhoben hatte. Es dürfte sich um eine der aufschlussreichsten epitextuellen Quellen zu ihrer frühen Übersetzungsarbeit handeln. Kaerrick verstärkt die vorgebrachte Kritik zunächst noch, indem sie schreibt:

Dass gerade ich einmal die Übersetzung verteidigen soll, ist mir selbst eine Überraschung, denn gewiss ist niemand von ihren Fehlern so überzeugt und niedergeschmettert (umso mehr, als ich sie noch nicht einmal alle kenne) wie ich. Doch diese Anschuldigungen Ihres Gewährsmannes, dem die deutsche Sprache gewiss nähersteht als die russische, kommen an die Übersetzung eigentlich gar nicht heran. Die Fehler in der Übersetzung sind immer sprachliche, grammatische und einzig eine schreckliche Folge meiner mangelhaften Beherrschung der deutschen Sprache – besonders mangelhaft für einen Übersetzer. (DLA)

Im Anschluss kommentiert sie in 19 durchnummerierten Abschnitten Punkt für Punkt die Vorwürfe des Piper’schen „Gewährsmanns“. Das Eingeständnis, hier und da einen sprachlichen Missgriff getan zu haben, verbindet sie dann aber mit geradezu enzyklopädischen Informationen darüber, was man „dem deutschen Leser“ bzw. „im Interesse des Lesers“ alles an kulturgeschichtlichem Wissen vermitteln müsste, damit er das monierte Wort aus einem ursprünglich russischen Kontext heraus angemessen verstehen könnte. Ein Beispiel: Kritisiert wurde offenbar, dass sie statt „Beamtenkaste“ in ihrer Übersetzung das Wort „Beamtenschaft“ verwendet hatte. Sie beginnt mit einer – m. E. nur ironisch-sarkastisch zu verstehenden – Selbstbezichtigung:

Wenn ich nun die deutsche Sprache tadellos beherrschte […], hätte ich gewusst, dass es [das Wort „Beamtenschaft“] wohl nur unter den Deutschen in Russland für die russische Beamtenkaste gebräuchlich ist, in Deutschland wahrscheinlich nicht. Solche Fehler kann ich unbewusst sehr oft verbrochen haben. Gerade bei diesem Wort mit der Endsilbe „schaft“, die mir durch „skåp“ und „ship“ doppelt vertraut ist, spüre ich wieder einmal, dass mir das Schwedische und Englische näher liegt und mich wieder einmal falsch oder undeutsch beeinflusst hat. Ich weiss: Das darf nicht sein. (Ebd.)

Dann allerdings folgt ein langer Exkurs über die Geschichte der Barttracht russischer Beamter zwischen den Tagen Peters des Großen und Alexanders II. und was aus dieser Bart-Geschichte zu lernen wäre zwecks Einordnung eines unscheinbaren Hinweises in Dostoevskijs Roman: Nämlich dass die Romanfigur „Ptizyn an seinem kurzgeschnittenen Bart sofort als Privatmann, als ‚Nichtbeamter‘ erkannt“ wird. Dem Verleger Piper demonstriert Kaerrick an solchen Details implizit ihre für das Verständnis der Dostoevskij-Texte erforderliche Vertrautheit mit der Sozialgeschichte Russlands. Nicht die Sprache scheint ihr 1915 das Hauptproblem der Dostoevskij-Übersetzung zu sein, sondern die an einzelne Wörter und Szenen gebundenen Konnotationen bzw. Kontexte.

Kaerrick spricht 1915 in ihrem Brief an Reinhold Piper auch davon, dass sie nie verstanden habe, „weshalb Moellerbruck nicht längst einen anderen Übersetzer gewählt hat, wie es doch auch Ihr Wunsch von jeher ist.“ Ob der Verleger diesen Wunsch tatsächlich gehabt hat, sei dahingestellt, fest steht, dass er Kaerrick schließlich zur Hauptverantwortlichen seiner Dostoevskij-Ausgaben gemacht und sich mit ihr immer wieder über Einzelheiten der zahlreichen Neuausgaben und der Herausforderungen an die Übersetzerin ausgetauscht hat. Im April 1927 fasst Kaerrick in einem Brief an Piper – nun mit starkem Akzent auf den sprachlichen Herausforderungen – zusammen, was ihres Erachtens von einem Dostoevskij-Übersetzer verlangt werden müsste:

Zu einer Übersetzung Dostojewskis gehört 1) ein Chemiker, der die entsprechenden Worte findet, 2) ein Ingenieur, der das Rekonstruieren der Sätze übernimmt, 3) ein Künstler, der die „Wirkung“ arrangiert, Klangfarbe, Rhythmus beachtet usw. und dann noch 4) ein Kritiker, ein Kenner der deutschen Sprache, der zu beurteilen vermag, welche Gewagtheiten / Neubildungen noch und welche nicht mehr zulässig sind. (zit. n. Garstka 2006: 766)

Zum WIE ihres Übersetzens hat sich Kaerrick in Vorbemerkungen zu einzelnen Bänden geäußert. So heißt es 1924 in Band XXI der Sämtlichen Werke zu dem Roman Der Spieler:

Im Original kommen Brocken von verschiedenen Sprachen, Fremdwörter usw. vor, die beibehalten wurden, da sie zur Charakterisierung russischer Westler dienen und dem ganzen „Spieler“-Milieu den internationalen Anstrich geben. Ferner wurden einige schwer oder eigentlich überhaupt unübersetzbare Worte in russischer Form beibehalten, wie Franzusischka und Polatschki – Verkleinerungs- bzw. Hohnformen mit einer sonst nicht wiederzugebenden Portion Verachtung. Desgleichen blieben Babuschka und Matuschka unübersetzt, die ja wohl wörtlich Großmütterchen bzw. Mütterchen heißen, aber doch ganz allgemein im Sprachgebrauch als Anrede für alte Frauen benutzt, bzw. zur Bezeichnung eines ganz allgemein mütterlichen Verhältnisses verwendet werden. (Dostojewski 1924: XVI)

Spätestens Anfang der 50er Jahre, als die Erarbeitung einer neuen zehnbändigen Dostoevskij-Werkausgabe für den Piper-Verlag anstand, hat Kaerrick Dostoevskijs berühmtes „Stottern“ als Herausforderung an das Übersetzen ins Deutsche thematisiert. Am 20. März 1952 schrieb sie an den Verleger:

Die Übersetzung der Br[üder] Karam[asoff] fand von Mai bis Dezember 1907 statt! Die Korrektur wurde von anderen gelesen, die den russischen Text nicht kannten. So ist beim „Bügeln“ manches Wort unter den Tisch gefallen […]. Am Idiot ist inzwischen sprachlich gebügelt worden. So liest sich vieles sehr glatt. Aber glatt ist ja Dostojewski keineswegs! Ich stosse nun – beim Vergleich Satz für Satz mit dem Original – auf Stellen, die stilistisch geschickt zusammengefasst ungefähr dasselbe sagen, was Dostoj. viel weniger geschickt stottert (oder so ungefähr …), und damit ist das Problem da: das „glatte“ so lassen und nur stellenweise zurechtrücken? – oder alles gründlich überholen? (Zit. n. Garstka 1998: 71f. bzw. 2006: 768)

Ob und wie Kaerrick sämtliche Texte „gründlich überholt“ und auf einen „durchgehenden Ton“ (Rakusa 1995) gebracht hat, wäre durch einen umfassenden Vergleich der verschiedenen Ausgaben zu ermitteln.[17] Auch die Frage, ob und wie ihre zeitlich und räumlich weit ausgreifenden, ebenfalls durch Jahrzehnte betriebenen, aber nie publizierten kulturhistorischen Studien ihre Begleittexte zu den Dostoevskij-Bänden (Vorbemerkungen, Nachworte, Fußnoten usw.) oder sogar ihre Übersetzungsentscheidungen im Detail beeinflusst haben, muss einstweilen unbeantwortet bleiben. Dass die von ihr – auch in Auseinandersetzung mit Bachofens Matriarchat-Theorie sowie zeitgleich entstandenen Überlegungen Moeller van den Brucks, Oswald Spenglers und Wilhelm Worringers – entwickelte Kulturtypologie direkt mit ihren Dostoevskij-Lektüren verbunden ist (vgl. Potapova 2009, Kemper 2014), zeigt u. a. die Bemerkung in einem Brief, den Reinhard Piper 1923 an Ernst Barlach schrieb:

Fräulein Kaerrick […] hat ein großes Buch unter dem Titel Blätter zu Dostojewski in Arbeit, in dem aber so ziemlich die ganze Welt vorkommt. Sie ist entschieden ein eigenartiger und sehr respektabler Mensch. (Zit. nach Potapova 2009: 110)

So fraglos heutigen Betrachtern ihr unter dem Namen E. K. Rahsin verbreitetes translatorisches Werk und ihre kulturtypologischen Forschungen als direkt aufeinander zu beziehende Teile eines Gesamtwerks erscheinen mögen, so deutlich muss hervorgehoben werden, dass Kaerrick selbst diese beiden Aktivitäten strikt getrennt hielt. Mehr noch: Nicht das von ihr eher als Frondienst empfundene Übersetzen, sondern nur diese kulturwissenschaftlichen Studien galten ihr als ihr eigentliches Lebenswerk.[18] Daraus erklärt sich auch ihr Festhalten an ihrem Decknamen und ihr Unwille, 1960 den E. K. Rahsin zugesprochenen Übersetzerpreis persönlich entgegenzunehmen. Denn dann wäre es wahrscheinlich gewesen, dass man das Tun der Übersetzerin und das der Forscherin „in einen Topf geworfen“ hätte (vgl. Potapova 2017: 40). Dass in diesem Beitrag – entsprechend der Konzeption des Germersheimer Übersetzerlexikons – die Rahsin-Übersetzungen als translatorisches Œuvre Elisabeth Kaerrick zugeordnet werden und dass sie aus ihrer gewollten Unsichtbarkeit herausgeholt wird, kann als posthumer Gewaltakt der Übersetzerforschung charakterisiert und kritisiert werden.

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1960 wurde „Frau E. K. Rahsin“ der von der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gestiftete Übersetzerpreis verliehen.[19] Die Laudatio hielt der 1892 im livländischen Riga geborene und selbst als Übersetzer russischer Romane hervorgetretene Schriftsteller Werner Bergengruen. Seine Ansprache ist ganz auf die „monumentale“ Gesamtausgabe des Piper-Verlages abgestellt sowie darauf, den „hohen Rang“ der „Verdeutschungskunst“ Rahsins herauszustreichen. Da der Laudator inzwischen erfahren hatte, dass sich hinter diesem Pseudonym eine Frau verbirgt, die Architektur studiert haben soll, wurden diese Aspekte in seiner Lobrede besonders hervorgehoben: E. K. Rahsin habe sich

schon in jungen Jahren einen der großen russischen Gestalter und Verkünder erwählt und sich mit aller Selbstlosigkeit und Hingabe, deren ja vor allem die weibliche Natur fähig ist, dem Gedanken seiner Verdeutschung ‒ oder lassen Sie mich besser sagen: seiner Eindeutschung ‒ zu lebenslänglichem Dienst verpflichtet. Von Jahr zu Jahr, von Buch zu Buch, von einer Fassung zur anderen fortschreitend, hat sie in der Stille, unter nobler Zurückstellung der eigenen Person, in ebenso großartiger wie beispielloser Monogamie, unbeirrbar diesem Einen die Treue gehalten, als dessen Charakteristikum sie „das Ringen um neue Begriffe von Gut und Böse“ erkennt. Und wenn ich, was ja bei einer ehemaligen Architekturstudentin in besonderem Grade verlockend und erlaubt sein muß, ein Beispiel aus der Architektur heranziehen darf, so möchte ich sie mit einem der Dombaumeister früherer Zeiten vergleichen, deren ganzes Leben unabtrennbar mit einem bestimmten Sakralbau verbunden gewesen ist. […] Innerhalb eines solchen Lebenswerkes ist man nicht nur Übersetzer ‒ das wächst schon in ganz andere Dimensionen hinein. […] Ungezählte Leser in allen Ländern der deutschen Sprache haben sich ihr Bild nicht nur von Dostojewskij, sondern von der russischen Welt und von der vielberufenen, so eifrig, ja, so leidenschaftlich gern mißverstandenen russischen Seele nach ihren Unterweisungen geformt. (Bergengruen 1961)

Über Bergengruens „Monogamie“ habe sie nur lachen können, schreibt Kaerrick in einem Brief an ihren Lektor Reinhard Baumgart am 11. Mai 1960, von „‘Hingabe‘ und schöner Treue“ gebe es bei ihr „nix“. Sie sei „Dostoj. gegenüber genau so objektiv, wie ein Naturwissenschaftler vor dem Mikroskop.“ Natürlich habe sie in ihrer eigenen Ansprache nicht sagen können, „wie sehr ich den Kerl oft gehasst habe!“ (Garstka 1998: 67).

Einen deutlich anderen, nüchtern-wissenschaftlichen Ton schlägt sie in ihrer Dankrede Dostojewskij und die Dekabristen an, die von Baumgart verlesen wurde.[20] Auf ihre Arbeit an der Übersetzung ging sie mit nur einem einzigen Satz ein, in dem sie zugleich ihr eigentliches Anliegen formulierte: „Dostojewskij zu übersetzen, ist eine vergleichsweise einfache Arbeit; ihn ohne Vorurteil verstehen zu helfen, ist ungleich komplizierter.“ Zu diesem vorurteilsfreien Verstehen versucht sie dann helfend beizutragen, indem sie Dostoevskijs Leben und Werk gegen die herrschenden, einst auch von Stefan Zweig beförderten Vorstellungen („Dichter der Armut“) neu interpretiert – im Kontext der russischen (Dekabristenaufstand von 1825), aber auch der französischen politischen Geschichte (Revolution von 1789, gesellschaftliche Verhältnisse unter Napoleon III.):

Als er nach seinem sibirischen Jahrzehnt zurückkehrte, hatte Dostojewskij, dank seinen Erfahrungen mit den Sträflingen, für die romantischen Freiheitsillusionen, für die Koketterie der herrschenden Klassen mit dem Liberalismus nur noch beißenden Spott übrig, der sich in seinen gesellschaftskritischen Satiren entlud. Seit seinen ersten Auslandsreisen (ab 1862) war er außerdem geradezu gehetzt von der Angst, auch sein Rußland könnte mit seiner kommenden Revolution, die er bereits am Ende des Jahrhunderts erwartete, ebenso scheitern wie Frankreich mit seiner Revolution von 1789 und auch zu einem Bürgereldorado werden wie Paris unter Napoleon III. Aber wie diese Befürchtung klar ausdrücken, wie vor dieser Gefahr warnen, nicht abstrakt warnen, mit Formeln und Parolen, die doch nicht wirken, sondern anschaulich, bildhaft, damit es unmittelbar und persönlich ergreife, durch Beispiele etwa, durch Menschen vielleicht, deren Verhalten gefällt, einleuchtend und dadurch ansteckend wirkt? Und so schrieb er seine Dichtungen, die er Romane nannte, und die selbst heute noch vom breiten Publikum nur als „Romane“ gelesen werden. (Rahsin 1961)

Das also die Aufforderung der 1960 im 75. Lebensjahr stehenden Elisabeth Kaerrick an das deutsche Publikum: Ihre Übersetzungen nicht nur als „Romane“ zu lesen.

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Ein gesondertes buchwissenschaftliches Forschungsvorhaben wäre über den verlegerischen Erfolg der Rahsin/Kaerrick-Übersetzungen durchzuführen. Viele einzelne Bände erlebten zahlreiche Auflagen, sie erschienen in immer neuer Aufmachung als Taschenbücher und wurden in Lizenz von Buchgemeinschaften übernommen. Große Berühmtheit und Verbreitung erlangte die ebenfalls vielfach (zuletzt 2008) aufgelegte zehnbändige Ausgabe vom Ende der 50er Jahre. Auch den Sprung ins Hörbuch-Zeitalter scheinen Kaerricks 60 oder sogar über 100 Jahre alte Übersetzungen noch spielend geschafft zu haben. Die „Sogwirkung“ (Rakusa) ihres Dostoevskij hält offenkundig an.

(Stand: Mai 2018)

 


[1] „Im später berühmt gewordenen revolutionären Rot leuchten die Leinenbände allerdings erst ab der zweiten Auflage, 1920, mit Beginn des Erfolgs. Die Erstauflage erscheint zunächst in zurückhaltendem Dunkelblau.“ (Ziegler 2004: 31).

[2] Die Dankrede wurde von Reinhard Baumgart (Lektor im Piper-Verlag) verlesen (Ziegler 2004: 33). – Noch Ende der 60er Jahre behauptet der in der deutsch-russischen Übersetzer- und Verlagsszene gut vernetzte Johannes von Guenther, dass Alexander Eliasberg „unter einem Pseudonym für den Piper-Verlag die […] große Dostojewskij-Ausgabe“ übersetzt habe (Guenther 1969: 187). – Zur Frage, wann das Pseudonym vom Verlag gelüftet wurde, vgl. (als Terminus ante quem) Lemster 1986.

[3] Auf zahlreiche dieser Dokumente sowie auf die einschlägige Forschungsliteratur wurde ich durch Kristina Kozlovskayas 2017/18 am Arbeitsbereich Interkulturelle Germanistik des Germersheimer FTSK geschriebene MA-Abschlussarbeit aufmerksam. Ohne Kozlovskayas Archiv- und Literaturrecherchen wäre dieses UeLEX-Porträt nicht entstanden (Kozlovskaya 2018).

[4] Nach dem ersten Weltkrieg wurde das bisher vom deutsch-baltischen Adel verwaltete russische Ostseegouvernement Livland zwischen den neu gegründeten Staaten Lettland und Estland aufgeteilt. Pernau und Umgebung mit seiner überwiegend estnisch-sprachigen Bevölkerung kam zu Estland.

[5] In einem Brief an ihre Schwester Lucy schildert Kaerrick ca. 1909 ein kurzes, auf der Küchentreppe in estnischer Sprache geführtes Gespräch. Die Briefstelle lässt erkennen, dass Kaerrick die Orthographie des Estnischen nicht korrekt beherrschte, dass sie die Sprache aber verstand und sprechen und „nach Gehör“ schreiben konnte (DLA, A: Piper, Reinhard Verlag; Elisabeth Kaerrick). Ähnlich zu interpretieren ist die Vermeidung des Estnischen auf ihrem am 19. November 1920 gestellten Antrag auf Erteilung der estnischen Staatsbürgerschaft. Alle auf dem Formular auf Estnisch gestellten Fragen wurden von ihr auf Deutsch beantwortet; ihr Antrag wurde am 20. Januar 1921 abgelehnt, da sie nicht in Estland wohnhaft war (vgl. die in der familiengeschichtlichen Datenbank Geni unter Elisabeth Käärik / Kaerrick zu findenden Dokumente aus den Beständen des estnischen Nationalarchivs, ERA 957.9.25; 13.07.1920-18.02.1922; für den Hinweis danke ich Terje Loogus, Tartu, Mai 2018). Die deutsche Staatsangehörigkeit scheint Kaerrick nicht erworben zu haben, sie blieb bis zu ihrem Tod staatenlos (Garstka 1998: 69).

[6] Vgl. auch die Vita Rosa Luxemburgs (geb. 1871), die das Russische an der Höheren Schule in Warschau erlernte; anders gelagert sind die Sprachbiographien von aus deutschsprachigen Familien stammenden Übersetzern wie Henry von Heiseler (geb. 1875), Arthur Luther (geb. 1876) oder Reinhold von Walter (geb. 1882), die in Russland selbst zur Schule gegangen sind.

[7] Kozlovskaya (2018: 17f.) weist auf widersprüchliche Angaben in der Kaerrick-Literatur hin: Bergengruen (1960) erwähnt ein Architektur-Studium; Ziegler (2004: 33) behauptet, dass sie „in Dorpat Philosophie und Literaturgeschichte studiert“ habe. Im Archiv der Universität lassen sich jedoch keine entsprechenden Nachweise finden (Auskunft von Terje Loogus, Tartu/Dorpat, Mai 2018). In ihrem Lebenslauf von 1938 erwähnt sie kein Studium (vgl. Potapova 2014: 439 sowie Potapova 2017: 10, wo sie auf Kaerricks Brief an Anton Mirko Koktanek vom 10.02.1963 verweist). – Von ihrem Interesse an Fragen der Architektur zeugen zwei Aufsätze über moderne Architektur in Deutschland und Finnland, die sie 1913 in Helsinki in einer finnlandschwedischen Zeitschrift veröffentlichen konnte.

[8] Lucy Kaerrick wurde 1908 Moeller van den Brucks zweite Ehefrau. In erster Ehe war er mit der Übersetzerin Hedda Maase (1876–1960) verheiratet, der späteren Frau von Herbert Eulenberg. Zu Moeller van den Bruck s. Klemperer 1994, Garstka 1998 (17–53) und Kemper 2014.

[9] Vgl. Brief an Reinhard Piper vom 5. Oktober 1943.

[10] Eine umfangreiche Auswahl der Kaerrick-Briefe an Piper sowie weiterer Dokumente wurde 2017 in russischer Übersetzung von Galina Potapova, einer herausragenden Kennerin des Kaerrick-Nachlasses, veröffentlicht. – Nicht erhalten haben sich in ihrem Nachlass die Manuskripte ihrer Übersetzungen (vgl. Bülow 2014: 121).

[11] Brief an die Reichsschrifttumskammer, 31. März 1938; Bundesarchiv, R 9361-V/6880.

[12] Als Übersetzer ihres Aufsatzes nennt Kaerrick den finnlandschwedischen Lyriker Sigurd Boman (1879–1929), erschienen sei der Text in „Helsingfors“ und die Zeitung habe „Nya Dagbladet oder so ungefähr“ geheißen. Nachgewiesen werden konnte die Publikation bisher nicht.

[13] Zum Thema „Befreiungsschein“ bzw. Übersetzungspolitik der RSK insgesamt vgl. Kelletat 2015: 129–136.

[14] Vgl. Kaerricks Charakterisierung ihrer Textauswahl in einem Brief an Piper vom 29. November 1940: „Kurzum: sie [die Charaktere] lernen einsehen, dass auch der höchststehende Mensch nur in der Gemeinschaft schöpferisch tätig sein kann, dass es auf die Welle unter ihm ankommt, die allein ihn in die Unsterblichkeit heben kann […].“ (DLA) – Der Titelvorschlag erinnert an eine Formulierung aus Stefan Zweigs Dostojewski-Aufsatz von 1919.

[15] Daraus mögen die verwirrenden Übersetzer-Angaben in einzelnen Dostoevskij-Bänden resultieren. In der ersten Rodion Raskolnikoff-Ausgabe z. B. wird „Michael Feofanoff“ als Übersetzer genannt, in der 2. und 3. Auflage von 1919/20 gibt es keinen Übersetzervermerk, in der 4. (1922) wird „E.K. Rahsin“ genannt, in der 5. (1925) wieder „Feofanoff“, ab der 6. (1949) gleichbleibend Rahsin (Garstka 1998: 152).

[16] Stimmen aus weiteren Feuilleton-Übersetzungskritiken (u. a. Karl-Markus Gauß, Peter Urban) finden sich in Garstka (1998: 72–75).

[17] In ersten Ansätzen leistet dies Kozlovskaya (2018: 49–62) mit ihrem stichprobenartigen Vergleich von drei Kaerrick/Rahsin-Versionen des Romans Der Idiot (1909, 1946, 1958).

[18] Vgl. z. B. Brief an Hans-Joachim Schwierskott vom 16. März 1961 (DLA). – Eine genaue Beschreibung und ideen- bzw. zeitgeschichtliche Verortung ihrer nie zu einer geschlossenen Darstellung gelangten, sondern nur in Fragmenten überlieferten kulturgeschichtlichen Forschungen liefert Potapova 2009, darunter auch (S. 105–107) den Nachweis, dass Kaerricks „kulturtypologische Spekulationen“ bzw. ihre Dostojewski-Papiere Oswald Spengler (mitunter wortwörtlich!) wichtige Stichworte für dessen Der Untergang des Abendlandes geliefert haben, z. B. „unendliche Ebene“ als „Ursymbol des Russentums“, „horizontale Brüderlichkeit“ der Russen usw.

[19] In der vom Akademiepräsidenten Hermann Kasack unterzeichneten Urkunde heißt es: „Seit einem halben Jahrhundert hat sie ihre Arbeit als Übersetzerin dem Lebenswerk Dostojewskijs gewidmet und es durch ihre dem Geiste des großen Russen getreue Verdeutschung zum ersten Mal dem deutschen Leser vertraut gemacht. Für die Generation des ersten Weltkrieges und der Jahre danach bedeutete diese Begegnung ein bestimmendes, bis heute weiter wirkendes Erlebnis.“ (Zit. nach der Internet-Seite der Akademie).

[20] Die Rede wurde von Baumgart auch gekürzt, entfallen sind u.a Kaerricks Hinweise auf die anderen Übersetzer und Mitwirkenden an den Dostoevksij-Ausgaben des Piper-Verlags (vgl. Garstka 1998: 69).

 

Literatur:

Bergengruen, Werner (1961): Rede auf den Preisträger [E. K. Rahsin]. In: Jahrbuch 1960 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Heidelberg, Darmstadt: Lambert Schneider, S. 33–36. [Online-Version].

Bülow, Ulrich von (2014): Quellen für Übersetzungs- und Übersetzerforschung. Kursorische Anmerkungen zu den Beständen im Deutschen Literaturarchiv Marbach. In: Andreas F. Kelletat / Aleksey Tashinskiy (Hg.): Übersetzer als Entdecker. Ihr Leben und Werk als Gegenstand translationswissenschaftlicher und literaturgeschichtlicher Forschung. Berlin: Frank & Timme, S. 119–122.

Dostojewski, F. M. (1924): Der Spieler. Der ewige Gatte. Zwei Romane. 18.–22. Tausend. Übertragen von E. K. Rahsin. München: R. Piper. (= Sämtliche Werke. Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski hg. von Moeller van den Bruck. Zweite Abteilung: Einundzwanzigster Band). [EA 1910/1922].

Garstka, Christoph (1998): Arthur Moeller van den Bruck und die erste Gesamtausgabe der Werke Dostojewkskijs im Piper-Verlag 1906–1919. Frankfurt/M.: Peter Lang.

— (2006): „Den Osten aus der Tiefe erfassen“. Der „deutsche Dostoevskij“ im Piper-Verlag. In Karl Eimermacher / Astrid Volpert (Hg.): Stürmische Aufbrüche und enttäuschte Hoffnungen. Russen und Deutsche in der Zwischenkriegszeit. Paderborn: Fink, S. 749–782.

Guenther, Johannes von (1969): Ein Leben im Ostwind. Zwischen Petersburg und München. Erinnerungen. München: Biederstein.

Kelletat, Andreas F. (2015): Übersetzer im Exil (1933–1945): Erkundungen auf einem unbestellten Forschungsfeld. In: Moderne Sprachen, Jg. 59 (2015), Nr. 2, S. 125–147.

Kemper, Dirk (2014): Weltseitigkeit. Reinhard Piper, Arthur Moeller van den Bruck und die erste deutsche Dostoevskij-Ausgabe. In: Weltseitigkeit. Hg. von Dirk Kemper. Paderborn: Fink, S. 483–512.

Klemperer, Klemens von (1994): Moeller van den Bruck. In: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 650–652. [Onlinefassung].

Kozlovskaya, Kristina (2018): Die „Stimme“ der Übersetzerin Elisabeth Kaerrick alias E. K. Rahsin am Beispiel ihrer Übersetzungsrevisionen. Germersheim: Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft. [Masch.schr.].

Lemster, Michael (1986): Im Bauch des Walfischs. Die Dostojewski-Übersetzerin E. K. Rahsin. In: Neue Zürcher Zeitung, 16. Januar 1986.

Piper, Ernst (2001): Piper, Reinhard. In: Neue Deutsche Biographie, 20 (2001), S. 462 f. [Onlinefassung].

Potapova, Galina (2007): „Dostojewski ist nun einmal einer von den Walfischen, die sozusagen spielend ein Menschenleben alleine fressen.“ Die Dostoevskij-Übersetzerin Less Kaerrick – Versuch einer biographischen Skizze. In: Jahrbuch der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft, Jg. 14 (2007), S. 31–45.

— (2009): „Dynamische Psychologie der Geschichte.“ Das kulturtypologische System von Less Kaerrick. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Jg. 3 (2009), H. 1, S. 95–112. [Online-Ausgabe].

— (2014): Der Briefwechsel zwischen Oswald Spengler und der Dostoevskij-Übersetzerin Less Kaerrick. In: Zeitschrift für Slawistik, Jg. 59 (2014), H. 4, S. 437—479.

— (2017): Less Kerik. Dostoevskij i „drugaja Evropa“: aforizmy, stati, esse, dnevniki, putevaja proza, pisma. Sostavlenie, perevod s nemeckogo, predislovie i kommentarii G.E. Potapovoj. Sankt-Peterburg: Puškinskij Dom.

Rahsin, E. K. (1961): Dostojewski und die Dekabristen. In: Jahrbuch 1960 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Heidelberg, Darmstadt: Lambert Schneider, S. 37–42. [Online-Version].

Ziegler, Edda (2004): 100 Jahre Piper. Die Geschichte eines Verlags. München, Zürich: Piper.

 

Bibliographie

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