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Gisela DROHLA, 1924–1983

Gisela Drohla (© privat)
Gisela Drohla (© privat)

Gisela Drohla gilt für die 1960er und 70er Jahre als eine der bedeutendsten westdeutschen Übersetzer und Vermittler russischer Literatur. Nach eigenen Angaben beherrschte sie Russisch, Georgisch, Griechisch, Englisch, Bulgarisch und Französisch.[1] Trotz zahlreicher Publikationen in renommierten Verlagen wie Suhrkamp, Insel, Fischer, Kiepenheuer&Witsch oder Luchterhand blieben die biographischen Umstände der Übersetzerin in der Öffentlichkeit verschattet. Ihr übersetzerisches Handeln lässt sich jedoch ansatzweise aus in Verlagsarchiven aufbewahrten Dokumenten rekonstruieren.[2]

Gisela Drohla, geborene Ritzinger, wurde am 27.10.1924 in Nieder-Olm bei Mainz geboren und studierte von 1943 bis 1949 in Heidelberg klassische Altertumswissenschaften und Frühgeschichte. 1950 wurde sie mit der Dissertation Die Giebelfiguren der etruskisch-italischen Tempel (vorgelegt unter ihrem damaligen Familiennamen Meerwein) in Heidelberg promoviert. Nach Abschluss des Studiums beschäftigte sie sich mit griechischer Philosophie, Sprachphilosophie, slavischer Philologie, Byzantinistik und Kartvelistik (georgische Sprache und Literatur). Ab 1959 arbeitete sie als Übersetzerin und Redakteurin. Von 1959 bis 1965 war sie als externe Lektorin im Insel Verlag mit der Konzeption des russischen Programms sowie Editionen und Übertragungen russischer Werke betraut. Nach der Scheidung von ihrem zweiten Mann, Dr. Wolfgang Drohla, zog sie nach Marburg, wo sie in den 70er Jahren an einer Habilitationsschrift zur georgischen Literatur arbeitete. Ab 1972 war sie als Akademische Rätin an der Philipps-Universität Marburg tätig. In Folge ihrer Arbeitsbelastung kündigte sie den 1971 mit Suhrkamp geschlossenen Vertrag über das externe russische Lektorat, fungierte aber weiterhin als Beraterin des Verlags. Auf eigenen Wunsch wurde sie aus gesundheitlichen Gründen am 30. Juni 1981 als Akademische Rätin in den Ruhestand versetzt. Nach schwerer Krankheit verstarb sie 1983 im Alter von 59 Jahren.

Mit Gisela Drohla begann im Frankfurter Insel-Verlag 1959 die systematische Beschäftigung mit russischer Literatur. Drohla und Fritz Arnold, den Leiter des Verlags, verband ein offenes, freundschaftliches Verhältnis, das zur produktiven Zusammenarbeit beitrug. Aus dieser Zusammenarbeit entstand u. a. die Anthologie Russische Lyrik des XX. Jahrhunderts (1959). Die Anthologie stellte in bereits vorhandenen Übertragungen die wichtigsten Autoren des russischen „Silbernen Zeitalters“ vor: Fëdor Sologub, Aleksandr Blok, Sergej Esenin, Vladimir Majakovskij, Boris Pasternak, Osip Mandel’štam. Vielleicht auch in Ermangelung eines vermittelnden und einführenden Vorwortes fand die Anthologie keinen großen Anklang, auch wenn sie in weniger prominenten Zeitschriften positiv besprochen und die Auswahl sowie die Qualität der Übersetzung lobend herausgestellt wurden.[3] Enzensberger, der zur selben Zeit bei Suhrkamp als Lektor tätig war, orientierte sich in seinem Museum der modernen Poesie (1960) wohl an der Auswahl der Autoren, die Drohla vorgenommen hat: er nahm in seinen Sammelband dieselben russischen Lyriker auf (vermehrt um Velimir Chlebnikov), die auch in Drohlas Anthologie vertreten waren.

1959 bot ihr Arnold die Übersetzung des gerade in englischer Übersetzung erschienenen Romans Petersburg von Andrej Belyj an, für den auch andere westdeutsche Verlage Optionen hielten. Um der Konkurrenz zuvorzukommen, fertigte Drohla die deutsche Version in nur zweieinhalb Monaten an. Das führte zu einem Konflikt mit dem Heidelberger Slavisten Dmitrij Tschizevskij, der die Übersetzung selber betreuen wollte. Tschizevskij äußerte sich abfällig über die Qualität der deutschen Fassung,[4] doch überwog das Lob in den Besprechungen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Zeit. Horst Bienek schrieb in der FAZ (5.12.1959): „Gisela Drohla versuchte, den Intentionen Belyjs zu folgen, seinen Staccato-Sätzen nachzujagen und seine lyrischen Impressionen nachzuempfinden. Das mag mitunter sehr schwierig gewesen sein, denn Belyjs Sprache ist moderner und raffinierter als etwa die Pasternaks. Ihrer Übersetzerarbeit sollte man das Lob nicht versagen.“ In der Neuen Zürcher Zeitung (4.12.1959) hieß es: „Es ist erstaunlich, wie weit der Übersetzerin, Gisela Drohla, die Wahrung der sprachlichen Atmosphäre gelungen ist.“ Einzelne Kritiker behaupteten, Belyjs Roman sei eine literarische Sensation, sprachlich sehr modern im Sinne von James Joyce oder Alain Robbe-Grillet. Die Übersetzung wurde 1976 von Suhrkamp, zu dem seit 1963 der Insel-Verlag gehörte, ins Hauptprogramm übernommen.

Nach Petersburg übertrug Drohla für den Insel-Verlag den Roman Zavist‘ (Neid 1960; im selben Jahr auch bei Goldmann in der Übersetzung von Valerian P. Lebedew) des bis dahin völlig unbekannten sowjetischen Autors Jurij Olescha sowie Serebrjanyj golub‘ (Die silberne Taube) von Andrej Belyj. Beide Bücher verkauften sich erfolgreich, und im selben Jahr unterzeichnete Drohla einen Vertrag mit Insel, der sie zur Lieferung von 96 Bögen (1536 Seiten) pro Jahr verpflichtete.[5]

Gegen die ebenfalls interessierte Konkurrenz setzte sich Arnold auch mit dem Buch des sowjetisch-kirgisischen Autors Čingis Ajtmatov Džamilja durch (Dshamilja Insel 1962; zuvor VEB Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin/DDR 1960, in der Übertragung von Hartmut Herboth). Arnold berichtete Drohla, daß Louis Aragon die italienische Übersetzung gelesen habe und das Buch für den „schönste[n] Liebesroman der Welt“ halte: „Romeo und Julia und Paolo und Francesca verblassen neben Danjar und Dshamilja.“[6] Als er erfuhr, dass Drohla ihre Übersetzung bereits dem Piper-Verlag versprochen hatte, versicherte er ihr telegraphisch, dass sein Verlag ihr dasselbe, ungewöhnlich hohe Honorar zahlen würde. Drohla willigte ein. Der Roman wurde zum Bestseller und wird bei Insel/Suhrkamp bis heute in unzähligen Auflagen und Ausgaben nachgedruckt (die letzte 2016 in der Insel-Bücherei (Nr. 2009) erschienen).

Auf Olescha und Ajtmatov folgten mit Remisov und der Autorengruppe „Serapionsbrüder von Petrograd“ weitere Namen, die dem deutschen Publikum unbekannt waren. Drohlas Übertragungen fanden ein gutes Presseecho. Obwohl auch von anderen Verlagen umworben, bewarb sich Drohla um eine Lektoratsstelle bei Insel, weil dieser Verlag und Arnolds Engagement für die russische Literatur ihren eigenen Vorstellungen am weitesten entsprach.

Ihre Produktivität ließ jedoch nach der Vereinigung von Suhrkamp und Insel und dem Rücktritt Fritz Arnolds 1965 bei Suhrkamp nach. Es häuften sich Irritationen im Alltagsgeschäft: Drohla setzte sich dafür ein, dass Ossip Mandelstam zum Suhrkamp-Autor (und nicht zum Insel-Autor) werden sollte und übertrug für Suhrkamp Die Ägyptische Briefmarke (1965). Das Buch wurde aber ohne ihr Imprimatur und ohne Vertrag mit ihr gedruckt. Ein Jahr später, 1966, erschien bei Insel ihre Übersetzung von Anna Karenina, aber durch verlegerische Unachtsamkeit wurde sie auf dem Titelblatt zwar als Herausgeberin, nicht aber als Übersetzerin genannt. In einer Beraterfunktion, die ihr 1971 vom Verlagschef Siegfried Unseld fast aufgezwungen wurde, konnte sie ihre Vorstellungen von der Fortführung eines „klassischen“ Programms russischer Literatur nicht umsetzen. Unseld favorisierte einen Schwerpunkt im Bereich der sowjetischen Moderne, wogegen Drohla sich wehrte. 1973 beendete sie die Zusammenarbeit. Die Neuausgabe von Šklovskijs Sentimentaler Reise (1974) blieb das letzte, was sie für Suhrkamp machte.

Trotz ihrer ausgeprägten Neigung zur klassischen russischen Literatur ließ sie sich vom Luchterhand-Verlag bewegen, gegen ein hohes Honorar die sowjetischen Autoren Michail Bulgakov und Aleksandr Solženicyn zu übersetzen. Durch einen italienischen Kollegen gelangte der Verlag in den Besitz einer Manuskript-Fotokopie von Sobač’e serdce (Hundeherz), das in der UdSSR noch gar nicht veröffentlicht war, woraus sich rechtliche Schwierigkeiten ergaben.[7] Der russische Text sollte ursprünglich von dem DDR-Übersetzer Thomas Reschke ins Deutsche gebracht werden, der den Auftrag aber nicht übernehmen konnte, solange das Manuskript offiziell nicht freigegeben war. Reschke und Drohla hatten zudem kurz zuvor Streitigkeiten wegen jener Korrekturen und Ergänzungen in Reschkes Version des Meister und Margarita-Romans, die Drohla vorgenommen hatte. Reschke wies die Korrekturvorschläge zurück und warf seiner Kollegin vor, dass sie Bulgakovs Stil verkenne, woraufhin sich Drohla weigerte als Mitübersetzerin genannt zu werden, jedoch zugleich darauf bestand, als Übersetzerin der Ergänzungen erwähnt zu werden.[8]

Drohla hegte eine starke Abneigung gegen jede Art von Erläuterungen in literarischen Texten. Auch poetologische Aussagen zu ihrer eigenen übersetzerischen Praxis sucht man vergeblich. Ihre Übertragungsverfahren sind bisher nicht systematisch erforscht worden.[9] Auf die zeitgenössischen positiven Rezensionen ihrer Übersetzungen wurde bereits hingewiesen.

Ihre Übersetzung von Anna Karenina wurde in den 1960 und 1970er Jahre gelobt. Das Verdienst von Drohla an der Übersetzung dieses Romans lag daran, dass es die erste Übersetzung nach der Textfassung aus der 90-bändigen historisch-kritischen sowjetischen Akademieausgabe war.

Dadurch, dass der Verlag vergessen hat, Drohla als Übersetzerin anzusetzen, entstand das Missverständnis, es sei die alte Insel-Übersetzung von Röhl (1913), von Drohla lediglich redigiert.[10] In der Zeitschrift Die Barke wunderte man sich: „Was bedeutet hier „herausgegeben“, da ein Übersetzer nicht genannt ist? Wir haben wieder einmal den Drohla‘schen Text mit anderen Übersetzungen verglichen, und dabei stellte sich wie schon früher heraus, daß diese neue deutsche Version [...] sich glatt und mühelos liest, was einem jeden Roman gut bekommt und dem Leser in der Regel gefällt, auch dann, wenn andere Übersetzungen genauer sein sollten“ (1966, H. 3).

Was in den 60er und 70er Jahren Zuspruch fand, wurde jedoch bereits in den 90er Jahren als veraltet bezeichnet. Als Lektor für slavische Literaturen im Suhrkamp-Verlag empfahl Olaf Irlenkäuser 1997, Drohlas Übersetzungen nicht mehr zu drucken, sondern Petersburg und Anna Karenina neu übertragen zu lassen.[11]

(Stand: April 2016)

 


[1] Marburger Universitätsarchiv (Personalakte: 310 Nr. 6558).

[2] Vor allem aus den Beständen im Deutschen Literaturarchiv Marbach (Siegfried Unseld Archiv (SUA), Luchterhand-Archiv) und im Marburger Universitätsarchiv. Ob sich der Nachlass der Übersetzerin erhalten hat, ist nicht geklärt.

[3] Es erscheinen kleine Besprechungen in: Jugendbuchkurrier 1962; Neue Wege (Wien, November 1960); Besinnung 3/1960 (Erich Przywara); Der Europäische Osten (Juni 1960); Bücherei-Nachrichten (Salzburg, Juni 1960); Der Tagesspiegel (Berlin, 8. Mai 1960); Echo der Zeit (Recklinghausen, 27.03.1960).

[4] SUA: Suhrkamp / 01 VL /Allg. Korrespondenz: Gisela Drohla.

[5] Ebd.

[6] Ebd., Brief von Arnold an Drohla vom 30.03.1962.

[7] Brief von Elisabeth Borchers an Otto Walter vom 13.02.1968. In: DLA: Luchterhand /Allgemein II: Bulgakov, Michail.

[8] DLA: Luchterhand /Allgemein I: Bulgakov, Michail.

[9] Lediglich auf Drohlas Übersetzung eines nicht-literarischen Textes – Šklovskijs Theorie der Prosa (Fischer 1966) – geht Katrin Zuschlag in ihrer 2002 erschienenen Arbeit „Narrativik und literarisches Übersetzen. Erzähltechnische Merkmale als Invariante ‬‬‬‬‬der Übersetzung“ ein (202–206). Die Autorin spricht von einem „explizierende[n] Übersetzen“ im Gegensatz zum „ausgangstextnahen Übersetzen“, wie es Rolf Fieguth drei Jahre später praktiziert habe. „Auf diese Weise vereindeutlicht Drohla mitunter Passagen oder Termini, die im Original durchaus ambivalent sind (z. B. sjuzet wird als Handlung übersetzt, priem als Kunstgriff)“ (ebd.: 204). Bei den Zitaten beschränke sie sich auf freiere Übertragung unter Beibehaltung des Inhalts, was den explizierenden Charakter der Übersetzung zeige.

[10] Bücherschiff. Die deutsche Bücherzeitung (1966) H. 5.

[11] Belyj, Andrej: Petersburg. Roman in acht Kapiteln mit Prolog und Epilog. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Frankfurt/M.: Insel 2001. Die Neuübersetzung von Anna Karenina erschien bei Hanser: Tolstoi, Lew: Anna Karenina. Roman in acht Teilen. Übersetzt und kommentiert von Rosemarie Tietze. München: Hanser 2009.

 

Literatur:

Zuschlag, Katrin (2002): Narrativik und literarisches Übersetzen. Erzähltechnische Merkmale als Invariante ‬‬‬‬‬der Übersetzung‬. Tübingen: Gunter Narr, S. 203–206.‬‬‬‬‬‬

 

Bibliographie

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Diese Bibliographie wurde erstellt von Aleksey Tashinskiy und Natalia Kemper-Bakshi.

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