Germersheimer ÜbersetzerlexikonGermersheimer Übersetzerlexikon

Hans JACOB, 1896–1961

Hans Jacob (Quelle: Studentenkartei. Archiv und Sammlungen des Herzoglichen Georgianums München)
Hans Jacob (Quelle: Studentenkartei. Archiv und Sammlungen des Herzoglichen Georgianums München)

Hans Jacobs Tätigkeit als literarischer Übersetzer beschränkt sich auf die erste Hälfte seines Lebens, da er nach 1930 ausschließlich als Konferenzdolmetscher gearbeitet und keine Übersetzungen mehr publiziert hat. Zwischen seinem sechzehnten und seinem vierunddreißigsten Lebensjahr übersetzte er vor allem aus dem Französischen, vereinzelt aber auch aus dem Italienischen und Englischen. Als er 1933 ins Exil ging, arbeitete er vor allem als Konferenzdolmetscher.[1]

Jacob wurde am 20. November 1896 in Berlin geboren, sein Vater war ein wohlhabender Warenhausbesitzer, der sich das Leben nahm, als Jacob zehn Jahre alt war. Da seine Mutter schon vorher gestorben war, wuchs Jacob als Waise u. a. bei seinem Onkel auf, dem Berliner Anwalt Hugo Caro, der mit Herwarth Walden, Else Lasker-Schüler und vielen anderen Künstlern und Schriftstellern in Kontakt stand. Im Elternhaus waren Hans Jacob und seine Geschwister von frühester Kindheit an mit einem französischen Kindermädchen aufgewachsen und seine Gymnasialzeit verbrachte Jacob auf dem französischen Gymnasium in Berlin. In seinen Memoiren sagt Jacob dazu: „Unsere Eltern ließen uns ‚auf französisch‘ erziehen; wir wuchsen zweisprachig auf, ein Umstand, der mein Leben maßgebend beeinflußt hat“ (KmZ: 12). Und über den Einfluss des französischen Gymnasiums: „Da ich von Haus aus Französisch wie meine Muttersprache sprach, fühlte ich mich beim Unterricht wie zu Hause. [...] Moderne deutsche und französische Dichter wurden gelesen und kritisiert. In den oberen Klassen war der Unterricht das, was man heute ein Seminar nennen würde“ (KmZ: 34f.). Seine Französischkenntnisse waren jedenfalls schon zu Schulzeiten so gut, dass ihm Walden für seine Zeitschrift Der Sturm bereits 1912, als Jacob sechzehn Jahre alt war, die für die Außenwirkung der Zeitschrift äußerst wichtigen futuristischen Manifeste von Marinetti zu übersetzen gab. In der französischen Fassung waren diese Manifeste bereits 1909 erschienen, aber da Der Sturm im Jahr 1912 in Berlin eine gemeinsame Ausstellung mit den italienischen Futuristen organisierte, nahmen die Übersetzungen des Gymnasiasten zwischen März 1912 und März 1913 einen erheblichen Raum in der Zeitschrift ein. Jacob übersetzt in dieser Zeit neben mehreren langen Texten Marinettis auch noch das „Manifest der futuristischen Frau“ von Valentine de Saint-Point, Briefe von Rimbaud und Auszüge aus Jacques Rivières Baudelaire-Essay, der in Frankreich im selben Jahr erschienen war. Der Text von Rivière stammte aus einem Band mit dem Titel Études, den Jacob dann 1921 für den Kiepenheuer-Verlag in Potsdam vollständig übersetzte.

1912 sind auch schon erste Teile aus Jacobs Übersetzung von Huysmans À rebours erschienen, eine vollständige Ausgabe konnte er dann ebenfalls 1921 bei Kiepenheuer veröffentlichen. Seine Übersetzung war die erste vollständige deutsche Übersetzung, da in einer bereits vorliegenden Fassung ganze Passagen ausgelassen worden waren, wie er in seiner Autobiographie berichtet:

Ich war fasziniert von der Aufgabe, diesen Roman ins Deutsche zu übersetzen. Ich fand heraus, daß eine alte deutsche Ausgabe vorlag, deren Eigenart darin bestand, daß die schwierigen, „unübersetzbaren“ Teile einfach ausgelassen worden waren. So begann ich, Seite um Seite zu übersetzen. Ich arbeitete nur nachts. Erst im Jahr 1921 erschien meine damals [sc. vor dem Ersten Weltkrieg] begonnene Übersetzung von „A Rebours“ unter dem Titel „Gegen den Strich“ im Gustav Kiepenheuer Verlag. (KmZ: 42)

Das Übersetzen verstand er als eine eigenständige literarische Tätigkeit: „Ich war und bin heute noch fest überzeugt davon, daß Übersetzen, gut Übersetzen ein wesentliches literarisches Verdienst ist“ (KmZ: 29).

Nach dem Ersten Weltkrieg nimmt Jacob ein Studium der Romanistik in München auf, wo ihm Karl Vossler dazu rät, seine Studien zu Rimbaud nicht zu einer akademischen Doktorarbeit, sondern zu einer verkäuflichen Biographie zu machen. Auch diese Biographie erscheint, als dritte Buchpublikation des Jahres 1921, und zeugt, wie schon die zahlreichen langen Übersetzungen, die er vor dem Krieg neben seiner Belastung als Schüler am Gymnasium erarbeitet hatte, von der beachtlichen Fähigkeit zur Nachtarbeit, von der er selbst spricht. Ebenfalls 1921 erschien eine Übersetzung von Voltaires Bericht über seinen Berlin-Aufenthalt, zu der Ludwig Rubiner, den Jacob noch aus Vorkriegszeiten von der gemeinsamen Arbeit an Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion kannte, ein Vorwort beisteuerte. In den folgenden Jahren erschienen in rascher Folge eine von Hans Jacob übersetzte Ausgabe der Werke Alfred de Mussets und eine vierbändige Molière-Ausgabe, in der Jacob die Prosa-Passagen übersetzte, während Alfred Neumann und Alfred Wolfenstein die Verspassagen übernahmen. Über seine Akkordarbeit in dieser Zeit sagte er später selbst:

Ich übersetzte damals, von 1920 bis 1930, für den Kiepenheuer-Verlag und andere Verlage Band um Band. Der Verlag Die Schmiede gab in fünf Bänden einen von mir übersetzten „Unbekannten Balzac“ heraus. Der gleiche Verlag veröffentlichte meine Übersetzung der beiden Werke von Raymond Radiguet, „Den Teufel im Leib“ und „Das Fest“ („Le bal du Comte d’Orgel“). [...] Ich schrieb Aufsätze und Kritiken, war Dramaturg des Kabaretts „Die Rampe“, das die große Schauspielerin Rosa Valetti leitete. Sie spielte etwas später, unvergeßlich, die Rolle der untröstlichen Mutter in dem von mir übersetzten Stück „Das Leben, das ich dir gab“ [„La vita che ti diedi“] von Pirandello. (KmZ: 96f.)

Mitte der 1920er Jahre war Jacob nach Wien gezogen, wo zu seinen Bekannten Arthur Schnitzler gehörte, der ihm den Kontakt zum Zsolnay-Verlag vermittelte. Für Zsolnay sollte Jacob den kompletten Proust übersetzen und hätte damit die erste deutsche Proust-Gesamtausgabe vorgelegt. Das Unternehmen scheiterte allerdings, wie Jacob in seiner Autobiographie berichtet:

Kurze Zeit, nachdem ich durch Arthur Schnitzler Zsolnay kennengelernt hatte, schlug ich ihm vor, eine Ausgabe der Werke von Marcel Proust herauszugeben. Ich war sehr ehrgeizig: es sollte eine Gesamtausgabe werden. […] Ich konnte Zsolnay überzeugen. Er schickte mich nach Paris, um mit dem Verleger Prousts, Gaston Gallimard, dem Verleger der „Nouvelle Revue Française“, zu verhandeln. Mein Glück war, daß sich noch niemand um die Übersetzungsrechte ins Deutsche bemüht hatte. Der Zsolnay-Verlag erhielt die ausschließlichen Rechte der Übersetzung des Gesamtwerks von Proust ins Deutsche. Es lag auf der Hand, daß der Traum meines Lebens in Erfüllung gehen würde. Ich wollte die nächsten Jahre dieser Übersetzung widmen. Zsolnay gab mir einen höchst zufriedenstellenden Vertrag. Gallimard brach jedoch den Vertrag in einer geradezu beispiellosen Weise. In Frankreich herrschte Inflation; die im Vertrag mit Zsolnay von Gallimard selbst festgesetzte Anzahlung auf jeden einzelnen Band war dadurch lächerlich geworden. Statt einen neuen Vertrag anzubieten oder zu erbitten, verkaufte sich Herr Gallimard an den Meistbietenden, in diesem Falle an den Verlag „Die Schmiede“, ohne Zsolnay oder mich auch nur zu informieren. […] Die ersten beiden Bände der deutschen Ausgabe von Marcel Proust, die in der „Schmiede“ erschienen, waren von einem Unfähigen so schlecht übersetzt, daß sie aus dem Handel gezogen und eingestampft werden mußten. Dann übernahm, ohne recht vorwärtszukommen, der Piper-Verlag in München die Ausgabe, und dann kam Hitler. Erst jetzt [Anfang der 1960er Jahre], nach über dreißig Jahren, liegen lesbare, sogar gute Übersetzungen vor. (KmZ: 104f.)

Die beiden im Verlag Die Schmiede erschienenen Bände wurden nicht unbedingt von einem Unfähigen, sondern von zwei nicht ganz unbekannten Übersetzern ins Deutsche übertragen: der erste Band unter dem Titel Der Weg zu Swann 1926 von Rudolf Schottländer, der zweite unter dem Titel Im Schatten der jungen Mädchen 1927 von Walter Benjamin.

1926 musste Jacob dann bei einem Treffen des PEN-Clubs bei einem Festessen zu Ehren des damals sehr bekannten französischen Schriftstellers Jules Romains in Berlin die Rede Romains ins Deutsche und die Lobrede Ludwig Fuldas ins Französische übersetzen. Darauf wurde ihm von einem Mitarbeiter des Auswärtigen Amts eine Stelle als Konferenzdolmetscher angeboten, so dass er in den Jahren bis 1933 vorwiegend dolmetscherisch tätig war. Ein paar übersetzerische Arbeiten erledigte er allerdings auch in dieser Zeit noch. 1928 veröffentlichte er noch einen eigenen Roman mit dem Titel Christina oder Spiel des Zufalls, der im Berliner Scherl-Verlag in der Reihe Sport im Bild erschien, und 1930 legte er noch eine Übersetzung von Charles de Costers Tyl Ulenspiegel vor.

Ab 1933 beginnt Jacobs Exilzeit, die ihn u. a. nach Hollywood führte, vor allem aber nach Paris, wo er bis 1939 bleiben sollte. Für das französische Propagandaministerium unter Jean Giraudoux übersetzte er ab 1938 im Radio simultan Reden Hitlers und Mussolinis ins Französische. 1939 emigrierte er in die USA, wo er ebenfalls beim Radio beschäftigt war, bevor er dann ab 1946 wieder als Konferenzdolmetscher arbeitete. Seine Karriere beendete er als Chefdolmetscher bei der UNESCO in Paris, wo er am 6. März 1961 auch gestorben ist. Literarische Übersetzungen hat er nach 1930 keine mehr vorgelegt.

(Stand: Februar 2017)

 


[1] Mit diesen dolmetscherischen Aktivitäten und ihrer knappen Darstellung in Jacobs Autobiographie Kind meiner Zeit von 1961 hat sich Dörte Andres bereits mehrfach beschäftigt (vgl. Andres 2001).

 

Literatur:

Andres, Dörte (2001): Dolmetscher-Memoiristen – Zwischen alter ego und ego. In: Moderne Sprachen Jg. 45 (2001), Nr. 1, S. 23–37.

Jacob, Hans (1962): Kind meiner Zeit. Lebenserinnerungen. Köln. (zitiert als: KmZ)

 

Bibliographie

Zur detaillierten Bibliographie

Diese Bibliographie befindet sich noch im Aufbau.

Übersetzungen (Zeitschriften, Anthologien)