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Heddy PROSS-WEERTH, 1917–2004

Heddy Pross-Weerth (© Privat)
Heddy Pross-Weerth (© Privat)

Heddy Pross-Weerth, geboren am 1. September 1917 in Detmold, verstorben am 21. Juni 2004 in Mannheim, war eine der ersten bedeutenden aus der Slavistik kommenden ÜbersetzerInnen und VermittlerInnen russischsprachiger Gegenwartsliteratur.

Heddy Weerth stammte aus der bildungsbürgerlichen Familie Weerth, deren Vertreter sich verschiedentlich um das Land Lippe sowie darüber hinaus verdient gemacht haben. Der wohl berühmteste Vertreter der Familie, „der bedeutendste Dichter der deutschen Arbeiterklasse der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, enger Freund und Mitarbeiter von Marx und Engels, Georg Weerth (1822–1856), war Heddys Urgroßonkel. Laut Familienüberlieferung wanderten die Vorfahren der Mutter unter Katharina der Großen nach Russland aus. Der Urgroßvater Carl Guido von Schmidt (1817–1904), ein aus Sankt Petersburg stammender russlanddeutscher Professor der Chemie, kam Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Kindern nach Deutschland zurück. Der Vater Karl Weerth (1881–1960) war Altphilologe und Studienrat für Latein und Griechisch am Detmolder Leopoldinum. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er auf sein Gesuch hin in den Ruhestand versetzt. Die Mutter hieß Harriet Weerth, geborene Carius.

Diese Familiengeschichte lässt auf die Ursprünge zweier Charakteristika schließen, die für Pross-Weerths späteres Leben und Wirken prägend sind: die Verbindung zu Russland sowie eine bürgerlich-linksliberale Aufgeschlossenheit gegenüber dem sozialistischen Gesellschaftsmodell und dessen geistigen, vor allem literarischen Hervorbringungen.

Das Gymnasium in Detmold verließ Heddy Weerth 1935 mit der Unterprimareife. Nach einem Jahr Buchhändlerlehre in Marburg/Lahn folgte das Pflichtjahr als „Landjahrerzieherin“ in Schleswig-Holstein. Im März 1939 legte sie in Berlin eine Sonderreifeprüfung für das Studium der Erziehungswissenschaften ab. Sie wollte Volksschullehrerin werden und schrieb sich 1940 an der Hochschule für Lehrerbildung in München-Pasing ein. Dann jedoch wechselte sie zum Studium der (osteuropäischen) Geschichte, Germanistik und Slavischen Philologie in Münster, Berlin, Königsberg und Göttingen. Den längsten Abschnitt ihres Studiums (4 Semester) verbrachte Heddy Weerth an der Universität Königsberg (bis zum Wintersemester 1944/45). Dem waren kürzere Aufenthalte als Hauslehrerin in Königsberg im Hause von Berg vorausgegangen (1941 und 1942). In dieser Zeit nahm sie Kontakt zu der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel auf.[1] Es ist wahrscheinlich, dass Heddy Weerth während ihres Studiums in Königsberg auch Russisch-Kurse bei Nikolaus von Arsenjew, dem Leiter des 1941 gegründeten Dolmetscher-Instituts, besuchte sowie seine Vorlesungen zur russischen Kultur und Literatur hörte, die er bis 1944 hielt.

Zu den Dozenten, bei denen sie studierte, zählten die nationalsozialistisch engagierten Historiker Herbert Grundmann und Theodor Schieder, aber auch der Berliner russlanddeutsche Slavist Max Vasmer, der sich für einige 1939 verhaftete polnische Professoren eingesetzt hat (vgl. Loose 2005), des Weiteren der Königsberger Sprachwissenschaftler und Slavist Karl Heinrich Meyer. Nach Auskunft der Familie ging Heddy Weerth in erster Linie wegen einer Freundschaft nach Königsberg, die ihr Leben lang hielt, auch wenn die private Tatsache, dass eine westfälische Studentin die meiste Zeit ihres Studiums an einer „Ost-Universität“ verbringt, sich rein äußerlich nahtlos in den allgemeinen Kontext der Politik der Nationalsozialisten einfügen mag, die im Zuge „der gesteigerten Auseinandersetzung mit den östlichen Nachbarn“ (Camphausen 1990: 77) an deutsche Studenten den Appell richteten, „Ost-Semester“ zu absolvieren, damit sie „osttauglich“ werden, d. h. „verwendungs- und einsatzfähig für die großen Aufgaben, die dem deutschen Volke im deutschen und europäischen Osten bevorstehen […]“ (Wünsche 1944: Fol. 9). Was dieses Studium zeitigte – die in Göttingen 1945 vorgelegte Dissertation Wandlungen in der russischen Geschichtsschreibung und Geschichtsbetrachtung im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert lässt sich jedenfalls kaum in einem solcherart gezeichneten Kontext unterbringen. In der geistesgeschichtlich angelegten Arbeit beschreibt die junge Slavistin die durch Krisenerfahrung der Smuta-Zeit ausgelöste Herausbildung eines autonomen Geschichtsbewusstseins in Russland, eines kritischen Schauens auf die eigene Vergangenheit und Gegenwart, welches das Potential gehabt hätte, emanzipatorische Prozesse in der russischen Gesellschaft anzustoßen, jedoch aufgrund einer „autoritären Lösung“ dieser Krise nicht gefruchtet habe. Das moderne russische Geschichtsbewusstsein indes wird von der Verfasserin als Ergebnis einer späteren Exports aus dem Westen, vorwiegend durch deutsche Gelehrte, begriffen und somit implizit als etwas durchaus Übergestülptes gesehen. Diese Bemühung, den westeuropäisch „justierten“ Blick zurückzunehmen und zunächst den fremden Blick auf sein je Eigenes zur Entfaltung zu bringen, korrespondiert mit vielen späteren Fakten ihrer Wirk- und Werk-Biographie.

Von 1949 bis 1956 arbeitete Heddy Weerth als Redakteurin, Übersetzerin und Rezensentin des vom Informationsdienst des US-Hochkommissariats in Deutschland (HICOG), später von der amerikanischen Botschaft in Bonn herausgegebenen Informationsblatts Ost-Probleme. In dieser Wochenzeitschrift, die sich, so die Redaktionsnotiz, „ausschließlich mit Fragen des Weltkommunismus beschäftigt“, wurden Artikel aus ausländischen Zeitungen diverser politischer Ausrichtung (von kommunistischen, auch sowjetischen, über sozialdemokratische bis hin zu liberalen) in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Daneben arbeitete sie privat als Russisch-Lehrerin.

Von 1955 bis 1969 war sie mit dem Publizistikwissenschafter und Chefredakteur von Radio Bremen Harry Pross verheiratet. Später arbeitete sie als freiberufliche Übersetzerin, Literaturkritikerin und Essayistin. Sie verfasste Beiträge über russische und sowjetische Literatur und Kulturgeschichte für Zeitungen (FAZ, Stuttgarter Zeitung, Die Zeit, NZZ) und Zeitschriften (Osteuropa, Deutsche Rundschau, Neue Rundschau, Akzente) sowie Rundfunkanstalten, vor allem für Radio Bremen, wo sie neben ihrer freiberuflichen Arbeit von 1971 bis 1981 als Kulturredakteurin tätig war. In dieser Zeit unternahm sie zahlreiche Reisen in die Sowjetunion (auch auf offizielle Einladungen des Schriftstellerverbandes), u. a. nach Moskau, Sankt Petersburg, Sibirien, Kasachstan und Zentralasien. Die wohl wichtigste Reise, an der Vertreter der bundesdeutschen Öffentlichkeit wie Marion Gräfin Dönhoff und Martin Niemöller, aber auch Industrielle und Naturwissenschaftler teilnahmen, erfolgte 1967 auf Einladung des Sowjetischen Komitees zum Schutze des Friedens (dokumentiert im Sammelband Sowjet-Sibirien und Zentralasien heute, Frankfurt/M. 1967). In diesem Band schildert Pross-Weerth ihre Impressionen über die junge Generation sowjetischer Literaten und gelangt zu dem Schluss, dass nach der Entstalinisierung „die russische, vielmehr die gesamte sowjetische Literatur durchaus Zukunft hat“ (Pross-Weerth 1967: 155).

Um die Vermittlung – sowohl durch literaturkritische Beiträge wie durch zahlreiche Übersetzungen – dieser „sowjetrussischen“ Literatur, die „1954 […] ein einziger weißer Fleck auf der europäischen Literaturlandkarte“ war (Pross-Weerth 1974: 487), hat sich Heddy Pross-Weerth bis ins hohe Alter bemüht und verdient gemacht. Ihr war es wichtig, auch jene frühsowjetische und nachstalinistische Literatur zu vermitteln, die erstens nicht schon aufgrund bestimmter ideologischer oder außerliterarischer Faktoren („tragisches Schicksal des Autors“) – die „Dissidentenliteratur“ etwa – literarische Qualität zugesprochen bekam und als lesenswert angesehen wurde, und zweitens von westlichen Verlagen deswegen nicht gedruckt wurde, weil sie – was Pross-Weerth wiederum systemimmanent erklärt – „keine Schnulzen, mit deren Helden und ihren Schicksalen man sich so angenehm identifizieren kann,“ enthielt, auch „keine groben und scharfen Reize, an die wir gewöhnt sind: keine sentimental-verlogenen Katastrophen, keine psychopatholo­gischen Sensationen, keine Sexknüller“ (ebd.: 491).[2]

Dies hinderte sie allerdings nicht daran, auch explizit „anti-sowjetische“ Literatur zu übersetzen, Solženicyn etwa oder die Erinnerungen des Literatur- und Übersetzungswissenschaftlers Efim Ėtkind Unblutige Hinrichtung, die unter dem Pseudonym Warja Saacke (der Name ihrer Tochter) erschienen, da die Übersetzerin sonst Probleme bei der Wiedereinreise in die Sowjetunion bekommen hätte.[3] Heddy Pross-Weerth engagierte sich als Kritikerin und Übersetzerin für literarische Texte, die Informationen über das Land und die Menschen der sowjetischen Gegenwart vermitteln, sei es indem Bereiche thematisiert wurden, die unter Stalin tabuisiert waren, sei es indem die Autoren von einer „Lackierung der Wirklichkeit“ und dem heroischen Pathos „positiver Helden“ zur „Aufrichtigkeit in der Literatur“ übergegangen waren, das Individuum rehabilitierten und die „ganze Skala menschlicher Gefühle und Verhaltensweisen, zwischenmenschliche Konflikte in allen Lebensbereichen, Leid, Unglück, echte Tragik“ (Pross-Weerth 1979: 65) künstlerisch umsetzten.

Darin kommt auch schon Pross-Weerths Rezeptionshaltung gegenüber literarischen Werken zum Ausdruck, die sich sowohl literaturkritisch niederschlägt, in der Beurteilung von deren Qualitäten, als auch translatorisch, in der Auswahl der Texte und der bevorzugten Übersetzungsmethode, die sich als dokumentarisch beschreiben lässt.

Heddy Pross-Weerth gehörte als eine der ersten zu jener Reihe bedeutender westdeutscher ÜbersetzerInnen, die ihre Kenntnisse der russischen Sprache und Kultur zunächst durch ein Slavistik-Studium erworbenen haben. Ihre erste literarische Übersetzung aus dem Jahr 1949 (ausgewählte Erzählungen von Michail Žoščenko, zusammen mit Irina Finkenauer) erschien bezeichnenderweise in der Zeitschrift Ost-Probleme, die primär Einblicke in den sowjetischen Alltag gewähren wollte. Auch ihre weitere literaturkritische und übersetzerische Aktivität, die in den 70er und 80er Jahren den Höhepunkt erreichte, galt vornehmlich solcher Literatur, die als Informationsquelle über den „fernen Nachbarn“ (Hübner 2012: 605) wahrgenommen werden konnte. Es handelte sich vor allem um kritische sowjetische Literatur mit realistischem Anspruch aus der Tauwetter-Periode (Baklanov, Tendrjakov) bzw. Dissidentenliteratur mit stark dokumentarischen Zügen (Solženicyn, Kopelev), Memoiren­literatur (Kopelev, Orlova-Kopelev), politische Erinnerungen (Falin), Briefe (Cvetaeva, Pasternak), (auto)biographische Texte oder solche, in denen in unterschiedlichem Maße biographisches (Pasternak, Babel’) oder historisches Material (Solženicyn, Voznesenskaja) oder beides (Cypkin) in fiktionaler Prosa verarbeitet wird, schließlich so genannte Sittenschilderungen (Autoren der „Serapionsbrüder“-Gruppe wie Ven’jamin Kaverin und Konstantin Fedin).

Die Dominanz des 20. Jahrhunderts in ihrem translatorischen Œuvre hängt unmittelbar mit dieser dokumentarischen Haltung zusammen, wie das folgende Zitat aus einer Einführung in das von Pross-Weerth herausgegebene Lesebuch Das Leben ist schön und traurig mit Übersetzungen russischer Kurzgeschichten veranschaulicht. Im Vergleich zu Klassikern des 19. Jahrhunderts finde nämlich „die neuere russische und die sowjetische Literatur – obwohl von deutschen Verlagen gut präsentiert – […] wenig Beachtung. Dabei könnte die Lektüre sehr viel zum besseren Verständnis von Land und Leuten beitragen“ (Pross-Weerth 1989: 7). Analog wurden ihre Übersetzungen rezipiert. So schrieb Wolfgang Kasack 1977 in einer Rezension, dass Tendrjakovs Roman Nacht nach der Entlassung „unser Wissen um die UdSSR (vertieft) […] Die sorgfältige Übersetzung von Frau Pross-Weerth ist die Voraussetzung“ (Kasack 1977: 736).

Mit der wachsenden Zahl ihrer Übersetzungen entwickelte Heddy Pross-Weerth eine Art werkunabhängiges Korpus an eigenen translatorischen Peritexten, die als Anmerkungen innerhalb ihres translatorischen Œuvres „nomadisieren“ konnten und meist ausführliche Erläuterungen zu politisch aufgeladenen Begriffen, historischen Persönlichkeiten etc. darstellten – ein Verfahren, das die grundlegende Frage nach den translatorischen Text- und Werkgrenzen aufwirft und umfassender untersucht werden müsste. Diese Peritexte zeichnet eine dichte und anschauliche Ausdrucksweise aus, für die Pross-Weerth mit der Zeit ein feines Gespür entwickelt hat und die man z. T. durch ihre Bemühung erklären kann, auf engstem Raum einer Anmerkung komplexe „landeskundliche“ Sachverhalte für ein russlandinteressiertes nicht slavistisches Publikum darzulegen.[4]

Dieses thematische Feld bestimmte ihre übersetzerische Tätigkeit, in der sie dank solider Honorare für zahlreiche Radio-Beiträge relativ autonom war, auch nach Beginn der Umbruchszeit Ende der 80er Jahre. Eine besondere Leistung, die Pross-Weerth in dieser Zeit vollbracht hat, war die über 2800 Druckseiten umfassende, wiewohl unvollständig gebliebene Übersetzung des Mammutwerks Das Rote Rad von Solženicyn. Die Neuübersetzungen ausgewählter Erzählungen von Čechov im Jahr 2004 – ihre letzte translatorische Leistung – wirken unter chronologischem Aspekt wie eine Ausnahme. Doch auch Čechov, der seine „Stoffe“ aus „Beobachtungen des realen Alltagslebens“ gewann, sei „Genauigkeit der Darstellung von Lebenswahrheiten“ eigen, so dass jede Erzählung „ein Mosaiksteinchen der russischen Lebenswirklichkeit am Ende des 19. Jahrhunderts“ darstelle (Pross-Weerth 2004: 204–205).

Diese Betonung des Dokumentarischen (bzw. die Forderung danach) fand ihren Ausdruck in der Tendenz zur „sprachlichen Explizierung“ und Vervollständigung des im Ausgangstext nur Angedeuteten, wie das folgende Beispiel aus der Übersetzung der Erinnerungen von Raisa Orlova (S. 90) zeigen kann:

Pross-Weerth

„wörtliche“ Übersetzung

Original

Ein kleiner Platz in Rom, modern und alt zugleich. Gogols Bibliothek befindet sich in dieser Stadt. Hier hat Gogol Tote Seelen geschrieben.

Hier, in dieser Stadt, die der Dichter „Heimat meiner Seele“ genannt hat, vor dem Hintergrund vergangener imperialer Pracht, des memento mori“ und des „vae victis“, der Wiege des Christentums (nicht weit von diesem Platz entfernt ist das Colosseum, wo die ersten Christen Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden), vor all dem und besonders in Erinnerung an sein vergangenes Leben in Rußland, nahmen für Gogol Sobakjewitsch und Tschitschikow, die Kalesche, Petruschka und „Ptiza Trojka“* Gestalt an und fanden Eingang in diesen großen Roman.

* „Du vogelschnelle Trojka“ – volkstümliches Lob für einen Wagen oder Schlitten mit Drei-Gespann von besonders schnellen Pferden.

Ein kleiner Platz in Rom, modern und alt. Gogols Bibliothek in der Stadt, die er „Heimat meiner Seele“ genannt hat, in der er an Tote Seelen geschrieben hat.

Die Sonne, die einstige imperiale römische Größe, das „memento mori!“ und das „Wehe den Besiegten“, die Qualen der ersten Christen – unweit dieses Platzes [ist] das Colosseum, wo man sie Löwen zum Fraß vorgeworfen hat – aus all dem gingen in eigenartiger Vermischung mit Gogols früherem Leben in Russland nach und nach Čičikov und Sobakevič, Kalesche, Petruška, ptica-trojka hervor...

Маленькая римская площадь, современная и старинная. Библиотека Гоголя в городе, который он назвал "родиной моей души", где он писал Мертвые души.

Солнце, былое имперское римское величие, "memento mori!" и "горе побежденным", муки первых христиан, – недалеко от этой площади Колизей, где их бросали на растерзание львам, – из всего этого в причудливом сочетании с гоголевской прошлой русской жизнью возникали Чичиков и Собакевич, коляска, Петрушка, птица-тройка...

(Orlova 1984)

Analog traten bisweilen genuin ästhetische Aspekte der Original-Texte in den Hintergrund, was der allgemeinen Tendenz in der Wahrnehmung der russischen/sowjetischen Literatur in Deutschland entsprach, sich mehr auf die „Inhalte“ zu konzentrieren (vgl. Hübner 2012: 605f.). Als Beispiel sei ihre 1983 erschienene Übersetzung des autobiographischen Romans Leto v Badene von Leonid Cypkin angeführt, in der Pross-Weerth die komplexe, stellenweise verwirrende syntaktische Struktur des Textes mit seinen seitenlangen Sätzen, die eine Art Lektüre-Sog erzeugt, in eine leichter konsumierbare Prosa transponiert hat.[5]

Der im Umfang bescheidene Nachlass von Heddy Pross-Weerth, der u. a. unveröffentlichte, in ihren letzten Lebensjahren entstandene Übersetzungen enthält (überraschenderweise russische Autoren des 19. Jahrhunderts wie Puškin, Lermontov, Leskov), wurde dem Autor dieses Artikels freundlicherweise von Pross-Weerths Tochter Warja Saacke überlassen.

(Stand September 2016)

 


[1] Darauf lassen Postkarten schließen, die Agnes Miegel an sie schickte (Literaturarchiv Marbach). Was Anlass und der Gegenstand Korrespondenz waren, lässt sich nicht mehr ermitteln. Der Ton der kurzen Nachrichten legt nahe, dass das Verhältnis von freundlicher Zuneigung geprägt war.

[2] Obwohl diese Vermittlungsbemühungen – wie etwa ihr Beitrag über Pasternak vom 23. Mai 1958 für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart „Boris Pasternak: Ein unsensationelles Bild des russischen Dichters“ exemplarisch zeigt – von der Haltung geprägt waren, sich von beiden Seiten, der sowjetischen wie der „westlichen“, ideologisch nicht vereinnahmen zu lassen, wurden ihr von der offiziellen sowjetischen Literaturwissenschaft „ganz andere Ziele“ vorgeworfen, nämlich „antisozialistische Propaganda“ (Danilevskij 1961: 217) und „Verzerrung der sowjetischen Wirklichkeit“ (ebd.: 219). Gegen Ende ihres Radio-Beitrags, in dem sie von der „Offenheit“ der Pasternak‘schen Dichtung spricht, heißt es nämlich: „[Westliche Kritiker] kehren vielfach den Spiess der Sowjetkritik um. Heisst es in Moskau, der Dichter habe nicht vermocht, sich zu den fortschrittlichen Ideen des Kommunismus aufzuschwingen, so heisst es hier, er beziehe Stellung gegen das System. […] Das, was ist, ist aber ohne Harmonie. Wer nun die Dinge in eine Harmonie von Anschauungen zwingen will, sei es die Harmonie der bolschewistischen Ideologie, sei es die der westlichen Ideenwelt, verfehlt Pasternak unvermeindlich“ (zit. nach dem Manuskript aus dem Nachlass, S. 25–26).

[3]Information aus einem Gespräch mit Warja Saacke (26.04.2014).

[4] So findet man z. B. in den Memoiren von Schostakowitsch eine ausführliche Anmerkung über den Formalismus (1979: S. 302–303) mit ihren markigen Formulierungen („Die Termini „Formalist“ und „Formalismus“ wurden zum politisch-ideologischen Kainsmal“, ebd.). Diese Anmerkung taucht bereits im Anmerkungsapparat zur 1978, also vor den Memoiren publizierten Unblutigen Hinrichtung von Efim Etkind auf (S. 322).

[5] Vgl. Alfred Franks Neuübersetzung von Zypkin, Leonid: Ein Sommer in Baden-Baden. Berlin: Berlin Verlag 2006.

 

Literatur:

Danilevskij, R. (1961): Izučenie russkoj literatury v FRG (1958–1960). In: Russkaja literatura. Istoriko-literaturnyj žurnal, Jg. 5 (1961) 2, S. 210–221. (Online abrufbar unter: ‹http://lib.pushkinskijdom.ru/LinkClick.aspx?fileticket =QyViQohAp8Y%3d&tabid=10540›)

Camphausen, Gabriele (1990): Die wissenschaftliche historische Rußlandforschung im Dritten Reich 1933–1945. Frankfurt/M.

Hübner, Friedrich (2012): Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen. Eine kommentierte Bibliographie. Köln, Weimar, Wien.

Kasack, Wolfgang (1977): [Rezension des Romans Nacht nach der Entlassung von Tendrjakov]. In: Osteuropa 27 (1977) 8, S. 736.

Loose, Ingo (2005): Berliner Wissenschaftler im „Osteinsatz“ 1939–1945. Akademische Mobilität zwischen Berliner Universität und der Reichsuniversität Posen. In: Christoph Jahr (Hg.): Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Bd. I: Strukturen und Personen. Stuttgart, S. 49–70.

Orlova, Raisa (1984): Dveri otkryvajutsja medlenno. Benton (Vermont).

Pross-Weerth, Heddy (1967): Auf der Suche nach der Avantgarde. In: Herbert Mochalski, Eugen Kogon (Hg.): Sowjet-Sibirien und Zentralasien heute. Frankfurt/M., S. 151–155.

— (1974): Sowjetische Prosa in der Bundesrepublik seit 1954. In: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Jg. 21 (1974), S. 486–491.

— (1979): Von Stalins Tod bis zur Gegenwart. In: Gisela Lindemann (Hg.): Sowjetliteratur heute. München, S. 55–79.

— (1989): Einführung. In: Heddy Pross-Weerth (Hg.): Das Leben ist schön und traurig. Russisches Lesebuch. München, S. 7–18.

— (2004): Nachwort. In: Anton Tschechow: Diebe und andere Erzählungen. München, S. 200–206.

Wünsche der Albertus-Universität in Königsberg (Pr.) zur 400-Jahrfeier ihres Bestehens (1944) [Aktennotiz]. In: Bundesarchiv (Berlin-Lichterfelde): R 4901/14828 „Die Feierlichkeiten anlässlich des 400-jährigen Universitätsjubiläums“ 1944, Fol. 9 (Alte Signatur: Rep. 76 (D) 882).

 

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Diese Bibliographie wurde erstellt von Aleksey Tashinskiy

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