Germersheimer ÜbersetzerlexikonGermersheimer Übersetzerlexikon

Horst ENGERT, 1886–1949

Horst Engert (Quelle: Archiv der TU Kaunas)
Horst Engert (Quelle: Archiv der TU Kaunas)

Der Literaturwissenschaftler Horst Engert, der 1927 an die Universität in Kaunas berufen wurde, hat sich neben seiner germanistischen Lehre und Forschung mit dem Übersetzen zeitgenössischer litauischer Literatur beschäftigt. Dies ist als Pionierleistung zu bewerten, da auf Deutsch bisher nur Übersetzungen der traditionellen litauischen Volkspoesie sowie der im 18. Jahrhundert entstandenen Jahreszeiten von Donelaitis/Donalitius vorlagen.

Horst Engert wurde am 21. Mai 1886 als Sohn eines Bürgerschuldirektors in Frankenberg/Sachsen geboren. Er besuchte Schulen in seiner Heimatstadt und das Gymnasium zum Heiligen Kreuz in Dresden, wo er Latein, Griechisch und Französisch lernte. Nach dem Abitur, 1906, studierte er Rechts- und Staatswissenschaften, Philosophie, Germanistik, Geschichte und Pädagogik in Freiburg/Breisgau und Leipzig. Mit einer Studie über Die Tragik der dem Leben nicht gewachsenen Innerlichkeit in den Werken Gerhart Hauptmanns wurde er 1910 promoviert und arbeitete dann bis Mitte der 20er Jahre als Gymnasiallehrer in mehreren sächsischen Städten. Nach erfolgreicher Habilitation an der TH Dresden[1] übernahm er dort als Privatdozent Lehrveranstaltungen zur deutschen Literatur: Nibelungenlied, Weimarer Klassik, Prosa des 19. Jahrhunderts, Dramen des Naturalismus und Expressionismus (vgl. Tilitzki 2002: 494; Heidbreder 2003: 439f.).

Im Februar 1927 kam Engert an die Universität nach Kaunas, wo er durch 15 Jahre gemeinsam mit dem Schweizer Sprachwissenschaftler und Fremdsprachendidaktiker Gottlieb Studerus (1889–1972) am neu errichteten Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur tätig war (vgl. Heidbreder/Meiksinaitė 1995). Germanistische Publikationen hat Engert nach seinem Weggang von Dresden nicht mehr vorgelegt.[2] In das Litauische scheint er sich rasch eingearbeitet zu haben, schon 1930 veröffentlichte er seine ersten Übersetzungen litauischer Poesie.

In Kaunas, der prosperierenden Hauptstadt der 1918 entstandenen Republik Litauen, gab es eine große deutschsprachige Gemeinschaft und – nicht zuletzt unter dem jüdischen Bürgertum der Stadt (vgl. Kelletat 2011 und Eidukevičienė/Bukantaitė-Klees 2007) – ein ausgeprägtes Interesse an deutscher Kultur. In Gelehrten- und Intellektuellenkreisen war Engert eine geschätzte Person. Er war Mitglied des von Jonas Yčas gegründeten Verbandes für deutsch-litauische Kulturbeziehungen und hielt öffentliche Vorträge über die deutsche Literatur (vgl. Skliutauskas 1993). Engert pflegte auch eine freundschaftliche Beziehung zu dem Verleger- und Künstlerehepaar Max und Helene Holzman, die in Kaunas eine Buchhandlung für deutsche, französische und englische Literatur betrieben. Er trug seine Nachdichtungen bei Holzmans zu Hause vor und war oft in der Buchhandlung zu sehen (vgl. M. Holzman 1998: 96). Die Pribačis-Buchhandlung auf der Freiheitsallee war ein Treffpunkt für die Intellektuellen, die an guter Literatur interessiert waren.[3] Während nach 1933

Deutschland in der „Dumpfkultur“ des Naziregimes versank, hatte man im Ausland Zugang zur deutschen Exilliteratur, zur den Werken von Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Stephan [sic] Zweig, Franz Werfel, Berthold [sic] Brecht, Erich Kästner. Man diskutierte über Freud und die Psychoanalyse, kurz und gut, an vielseitigem deutschem Lesestoff bestand kein Mangel in Litauen, während vieles davon den Lesern in Deutschland erst in der Nachkriegsperiode zugänglich wurde. (M. Holzman 1998: 95)

Horst Engert, der in Kaunas die Jüdin Mira Lapaitė geheiratet hatte, gab 1937 seine deutsche Staatsangehörigkeit auf und nahm die litauische an.[4] Nachdem Wilna/Vilnius – in der Folge des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages vom September 1939 und der Aufteilung Polens – wieder an Litauen gefallen war, wurde der germanistische Lehrstuhl von Kaunas nach Vilnius verlegt. Bis Sommer 1941 unterrichtete Engert dort. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde er entlassen, seine Frau 1942 ins Ghetto eingeliefert und erschossen. In Helene Holzmans 1944/45 entstandenem Bericht über die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Litauen heißt es:

Man beorderte [Engert] zur Gestapo. Aber statt der erwarteten Genehmigung [dass seine Ehefrau nach erfolgter Sterilisation das Ghetto verlassen und wieder bei ihm wohnen dürfte] faßte man ihn sehr scharf an. Man verübelte ihm schwer, daß er als gewesener Reichsdeutscher, der als Germanist das Deutschtum zu repräsentieren habe, sich nach 1933 unterstanden hatte, eine Ostjüdin zu heiraten. […] Außerdem wisse man genau, daß er sich verschiedentlich abfällig über das Regime geäußert habe. Zum Beispiel habe er Litauern gegenüber geäußert, man müsse sich heutzutage schämen, Deutscher zu sein. (H. Holzman 2000: 193)

Bis Sommer 1944 musste sich Engert als Schreiber in der deutschen Feldkommandantur seinen Lebensunterhalt verdienen (vgl. Heidbreder/Meiksinaitė 1995:131). Bevor Vilnius am 3. Juli 1944 von der Roten Armee eingenommen wurde, flüchtete er nach Kaunas und hielt sich noch kurz bei Helene Holzman auf, die mit ihrer Tochter Margarete auf das Ende der deutschen Gewaltherrschaft und die Befreiung durch die Rote Armee wartete:[5]

Professor Engert erschien bei uns. Er hatte nur ein paar Handkoffer erraffen können. Alles übrige, seine große Bibliothek, seine Arbeiten, seine schön eingerichtete Wilnaer Wohnung hatte er zurückgelassen. Er hatte kein Verständnis für unsere erstaunte Frage, warum er nicht hierbleibe, und beschwor uns ebenfalls zu flüchten, denn nur die ersten russischen Truppen, die europäischen Russen, seien menschlich. Aber hinterher kämen die Asiaten, die, mit den Messern im Munde, nicht einen einzigen leben lassen würden. Wir wünschten ihm alles Gute und ließen ihn abreisen. (H. Holzman 2000: 277)

Engert kehrte nach Deutschland zurück. Über sein Leben in der Nachkriegszeit – er starb 1949 in Dresden – ist so gut wie nichts bekannt. Lediglich in Victor Klemperers Tagebüchern findet sich unter dem 6. August 1946 ein Hinweis auf einen Bittsteller an einem seiner beiden

lange[n] vielbesuchte[n] u. bewegte[n] Sprechstundentage in der VDH. X Bewerber um Lehrposten. Die dubiose Gestalt des Professors u. Studienrats Horst Engert. Hat vor der Hitlerei bei Janentzky, der ihn nicht mag, als Priv.Doz. begonnen. Buch über Gerhart Hauptmann 1922, sonst nichts. War dann Professor in Kowno. Hat dort in zweiter Ehe eine Jüdin geheiratet, die im KZ gestorben ist, war also Antinazi. Will aber nicht nach Kowno zurück, hat überhaupt offenbar Angst, irgendwie offiziell vor den Russen aufzutauchen. Will von mir nur Bescheinigung für die Bahn, daß er zu wissenschaftl. Zwecken (Verlegersuche) nach Berlin reise. Dunkle Sache. Hier ist Grützners Warnung „Vorsicht mit Unterschriften!“ am Platze. Engert: Wenig sympathisch aussehender dunkler Herr von 60 Jahren. Aber daß Janentzky gegen ihn, spricht für ihn. Für mich ein Fall von 77. (Klemperer 1999: 283).

Horst Engerts translatorisches Œuvre ist nicht sehr umfangreich. Begonnen hat er mit Übersetzungen litauischer Volkslieder, die 1930 in der „Monatszeitschrift für das Deutschtum Großlitauens“ Deutsche Genossenschaftsnachrichten für Litauen publiziert wurden. Engert knüpfte damit an eine gefestigte Tradition an, denn für literarisch Gebildete jener Zeit war Litauen in erster Linie „[…] das Land der Dainos, jener schlichten, aber höchst eigenartigen Volkslieder, die schon das Entzücken Lessings, Herders und Goethes erweckten“ (Engert 1935a und 1938: 105).

Als Übersetzer ist Engert aber vor allem durch seine unter dem Titel Aus litauischer Dichtung. Deutsche Nachdichtungen herausgegebene Anthologie hervorgetreten, die 1935 in Max Holzmans Verlagsbuchhandlung Pribačis in Kaunas erschien. „Aus litauischer Dichtung bringt das vorliegende Büchlein einige charakteristische Proben, um die Welt draußen auch auf diese Seite des kulturellen Schaffens des jungen litauische Staatsvolkes aufmerksam zu machen“, erklärt Engert im Nachwort (Engert 1935a und 1938: 112). In dem gut hundert Seiten umfassenden „Büchlein“ versammelte er zehn litauische Volkslieder und Texte von neun zeitgenössischen Autoren. Das war eine Pioniertat, zumal in der Anthologie die drei literarischen Hauptgattungen präsent sind: 17 Gedichte, ein längerer Prosatext und ein Auszug aus einem Drama. Die 1938 erschienene zweite Auflage wurde um zwei Volkslieder und einige Gedichte vermehrt und insofern verändert, „als in ihr eine andere Sage aus dem Buch von Krėvė und eine andere Szene aus dem Drama von Sruoga zum Abdruck gelangte“ (Engert 1938:112).

Bei der Zusammenstellung der Anthologie ging es Engert primär darum, bei Lesern, die deutsch sprachen oder wenigstens verstanden, des Litauischen aber nicht kundig waren, ein erstes Interesse für „das kulturelle Schaffen des jungen litauischen Staatsvolkes“ (Engert 1935a und 1938: 112) zu wecken.[6] Wie repräsentativ aber ist das Bild, das er von der litauischen Literatur vermitteln wollte? Die Zwischenkriegszeit (1919-1939) war für die litauische Literatur eine wichtige Periode, die durch die Spannung zwischen Tradition und Moderne bestimmt war (vgl. Bajarūnienė 2008: 10). Verschiedene Literaturströmungen und Etappen, die in der „westlichen“ Entwicklung einander nachgeordnet waren, traten im Zwischenkriegs-Litauen gleichzeitig in Erscheinung. Es existierten Romantizismus, Symbolismus und Avantgarde neben- und teilweise übereinander (vgl. Zürcher 2004:175). Von dieser ungewöhnlich „geballten“ Epoche vermittelt Engerts Textsammlung nur ein unvollständiges Bild. Denn er wählte ausschließlich solche Texte aus, die eher in der nationalen Tradition verankert waren. Seine Leser konnten beim ihm z. B. nichts davon erfahren, dass die Literatur Litauens in den 20er und 30er Jahren auch stark vom deutschen Expressionismus beeinflusst war. In der Anthologie finden sich keine Gedichte der sog. Vierwindler. Kazys Binkis, der im Zentrum der ersten litauischen Avantgardebewegung Vier Winde stand und mit seinen 100 Frühlingen (100 pavasarių) 1923 ein Meisterwerk der litauischen Moderne vorgelegt hat, ist bei Engert zwar mit zwei Gedichten präsent, diese Gedichte sind aber eher traditionell gehalten („Wandern werd’ ich sonder Sorgen/ Alle Wiesenblümelein“) und gehören zu Binkis’ früher Schaffensperiode.[7] Es entsteht der Eindruck, dass es Engert bei der Textauswahl vor allem darum ging, seine Leser „draußen in der Welt“ mit jener litauischen Literatur bekannt zu machen, die positive Ideale verbreitet, von der Stärkung nationalen Selbstbewusstseins zeugt und sich noch „von der in den Dainos begründeten Natursymbolik (nährt)“ (Engert 1935a und 1938: 106).

Engerts Volkslieder- und Gedichtübersetzungen sind vom Bemühen um eine möglichst „treue“ Reproduktion auch der jeweiligen Form geprägt. Seine zeitgleich mit den „Nachdichtungen“ entstandenen philologischen Studien zur Metrik der litauischen Kunstdichtung unterstützten seine übersetzerische Konzentration auf metrische Phänomene (vgl. Engert 1935b: 191). Sein Vorgehen bei der „Nachdichtung“ der Volkslieder beschrieb er im Nachwort:

Vers- und Strophenbau der Originale wurde auf das allergetreueste nachgebildet, so daß die deutschen Texte ohne jede Notenänderung auf die Originalmelodien zu singen sind. Wo im Litauischen End- und Binnenreime, End- und Binnenassonanzen auftreten, sind sie auch im deutschen Texte zu finden. Für die Wortwahl war neben dem logischen Sinn auch die suggestive Kraft der litauischen Wörter ausschlaggebend. Die litauischen Diminutivformen wurden deshalb möglichst durch Epitheta wiedergegeben, die der betreffenden Diminutivnuance des Litauischen entsprechen. So wurde es erreicht, daß selbst Antanina Domeikaitė, die in ihrer Münchener Dissertation Die litauischen Volkslieder in der deutschen Literatur (1928) zu einer recht resignierenden Beurteilung der bisherigen Übersetzungen gelangte, die hier vorgelegten Nachdichtungen als nahezu vollwertigen Ersatz der litauischen Texte anerkannte und auch bedeutende litauische Dichter von ihnen durchaus zufriedengestellt wurden. (Engert 1935a und 1938: 106f.).

Bei der Übersetzung neuerer Gedichte habe er dieselben Grundsätze wie bei den Dainos befolgt, aber Endassonanzen, wie sie die zeitgenössische litauische Lyrik grundsätzlich dem Reim gegenüber vorziehe, seien möglichst durch unreine Reime ersetzt worden, „da die Endassonanz anstelle des Endreimes für das deutsche Ohr heute fast unerträglich ist“ (Engert 1935a und 1938: 110). Philologische Kenntnisse erwiesen sich für Engerts translatorisches Handeln als Grundlage, die es ihm erlaubte, an seine Aufgabe reflektiert heranzugehen. Ihm waren die Schwierigkeiten bewusst, in einer Versübertragung für charakteristische Eigenheiten des Originals überzeugende Entsprechungen zu finden (vgl. Engert 1939: 388), aber er bemühte sich um eine aus seiner Sicht optimale Reproduktion von Inhalt und Form.

Über die Rezeption der Anthologie in Litauen ließ sich trotz umfangreicher Recherchen nichts finden. Auch die Frage, ob seine Nachdichtungen in Deutschland überhaupt zur Kenntnis genommen oder nicht vielmehr in erster Linie vom deutschsprachigen Lesepublikum in Litauen rezipiert wurden, bleibt offen. Aber die Tatsache, dass Engerts „Büchlein“ nach einem Jahr vergriffen war und bereits 1938 eine zweite, veränderte Auflage erlebte, zeugt davon, dass es auf Interesse gestoßen sein muss.

Dass einzelne litauische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler die Qualität seiner Übersetzungen gelobt haben („nahezu vollwertiger Ersatz der litauischen Texte“), hat Engert in seinem Nachwort selbst mitgeteilt (Engert 1935a und 1938: 107). Eine Bestätigung dieser Urteile findet sich in Rimvydas Šliažas’ Besprechung von Lucia Baldaufs 1972 im Münchener Fink-Verlag erschienener Anthologie Litauische Lyrik.[8] Die Baldauf’sche Übersetzung eines Maironis-Gedichts vergleicht Šliažas Vers für Vers mit Engerts Fassung desselben Gedichts und kommt zu dem Resultat, dass in Baldaufs Version „the poeticism of the poet’s language is gone“, indes Engert eine auch nach Jahrzehnten noch beeindruckende Übersetzung erstellt habe, „a Nachdichtung in the German language which does not merely transcribe a poem into prose and which preserves the greatest possible authenticity of the poet’s own images“ (Šliažas 1973). Ob dieses Urteil gerechtfertigt ist, kann der Leser an dem von Šliažas gewählten Beispiel der beiden Maironis-Übersetzungen selbst entscheiden:[9]

Lucia Baldauf (1972: 23)

 

Horst Engert (1938: 58)

 

Die Erde schlief ein. Nur des Himmels

Silberne Augen stehen weit offen,

Der sanfte Flügel eines Traumes

Zieht nicht das sehnend Herz in seine Bahn.

 

Einschlief die Erde. Doch die Nacht

Schließt nicht des Himmels Silberaugen,

Des Schlafes sanfter Flügel Macht,

Sie kann der jungen Brust nicht taugen.

 

Die Nacht vermag die Sterne nicht in Schlaf wiegen,

Das Herz vermag, was es begehrt, zu stillen nicht,

Was sucht es, wer wird das ergründen,

Wenn es versinkt in dem, was ihm gewesen?

 

Nicht löscht die Nacht nur einen Stern,

Nicht stillt das Herz sein heißes Sehnen;

Was Seele sucht, wer ahnt’s von fern,

Wenn sie versinkt in träumend Wähnen!

 

Doch wird das Morgenrot die Sterne löschen,

Was nachts geglüht, sinkt jetzt in Schlaf,

Allein das Herz, es findet keine Ruh,

Die Hoffnung blicket nicht in seine Tiefen.

 

Das Frührot flammt bald sonnenwärts

Und tilgt der nächt’gen Lichter Runde;

Nicht findet Ruh allein das Herz:

Hoffnung blickt nicht zu seinem Grunde! ...

 

Der Nachlass von Horst Engert hat sich nicht erhalten. Informationen über ihn finden sich in fachgeschichtlichen Darstellungen zur (litauischen) Germanistik (Heidbreder 2003 und 2008, Heidbreder/Meiksinaitė 1995). Gründlichere Studien zu seinen Übersetzungen bzw. Nachdichtungen liegen bisher nicht vor.

(Stand: März 2016)

 


[1] Zum Habilitationsverfahren sowie den aus seiner Sicht „verrückten“, von Engert gestellten Aufsatzthemen für Dresdner Abiturienten („Soll man seinen Freunden Glück wünschen?“, „Das Recht der Majorität“) äußert sich Victor Klemperer (Ordinarius an der TH Dresden) in seinen Tagebüchern 1923, 1924 und 1929 (Klemperer 1996: Bd. I 764 und 777, Bd. II 517).

[2] Am erfolgreichsten scheint seine 1925 in Leipzig erschienene 55 Seiten umfassende Nibelungenlied-Auswahl gewesen zu sein, von der bis Ende der 30er Jahre vier weitere Auflagen gedruckt wurden.

[3] „Eine Besonderheit war auch, daß die Bücher bei Pribačis nicht über den Ladentisch von gelangweilten Verkäufern gereicht wurden, […] sondern daß man in gelockerter Atmosphäre stundenlang bequem an kleinen Tischchen in den Büchern blättern konnte“ (M. Holzman 1998: 93)

[4] Darin lässt sich auch eine Distanzierung von den Auslandsdeutschen erkennen, deren wichtigste Organisation, der „Kulturverband der Deutschen Litauens“ bereits Mitte der 30er Jahre eine nationalsozialistisch und antisemitisch orientierte Politik verfolgte (vgl. Puidokienė 2011: 50).

[5] Helene Holzmans Ehemann, der Verleger und Buchhändler Max Holzman (geb. 1889), sowie ihre Tochter Marie (geb. 1922) waren 1941 nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Kaunas ermordet worden.

[6] Nicht nur um die Literatur ging es Engert bzw. dem Verlag, wie der sorgsam ausgewählte „Buchschmuck“ des Bandes zeigt: Das Umschlagbild stammt von Čiurlionis, die Initialen im Prosatext von Jonynas und die „Vignetten der Zwischentitel sind schmiedeeiserne Bekrönungen der berühmten litauischen Holzkreuze“ (Engert 1935a und 1938: 114).

[7] Über die Poetik der litauischen Avantgarde-Dichtung informiert Jan Peter Locher in einem Trajekt-Beitrag von 1986. – Wie sich die moderne litauische Poesie im Kontext der nordost-, ostmittel- und südosteuropäischen Avantgarde ausnimmt, kann in Heins Anthologie Auf der Karte Europas ein Fleck studiert werden, die mit Binkis‘ Verlaine-Gedicht von 1925 einsetzt: „Spitzkopf Verlaine, als Vers um Vers er gebar/ und zählte Tropfen an Tropfen vom Dach/ und auf dem Dach da oben die Starenschar:/ Nie kann perdu gehn Poesie ... so sann er nach. // Doch es wehte ein Wind und hob den Staub/ und wirbelte auf der Reime Wanderdüne./ Und kleiner Falter flattert flinker Schwalbe zum Raub./ Und zerfranst jazzt der Popenhüne. // Es reicht, und noch jede Zeit ist zu schad/ für stickiger Stuben Versgeflenne./ Hoch das Starenkästchen zu hängen gilts heutzutag/ an hochnäsig rank und schlanke Antenne.“ (Hein 1991: 7)

[8] Im Fink Verlag erschien 1966 auch Hermann Buddensiegs Nachdichtung des Jahreszeiten-Poems des zum litauischen „Nationaldichter“ erhobenen preußischen Pfarrerdichters Donalitius/Donelaitis (1714–1780).

[9] Der litauische Text lautet (zitiert nach Baldauf 1972: 22): „Užmigo žemė. Tik dangaus/ Negęsta akys sidabrinės,/ Ir sparnas miego malonaus/ Nemigdo tik jaunos krūtinės. // Neužmigdys naktis žvaigždės,/ Nei nuramins širdis troškimų;/ Dvasia ko ieško, kas atspės,/ Kai skęsta ji tarp atminimų! // Aušra saulėtekio nušvis,/ Ir užsimerks nakties šviesybės;/ Neras tik atilsio širdis:/ Viltis nežvelgs į jos gilybes! ...“

 

Literatur:

Bajarūnienė, Jadvyga (2008): Der deutsche Expressionismus in der litauischen Literaturkritik der Zwischenkriegszeit. In: Literatūra 50 (2008), H. 5, S. 9 –21. (http://www.literatura.flf.vu.lt/wp-content/uploads/2012/03/Lit_50_5_9-21.pdf).

Baldauf, Lucia (Hg.) (1972): Litauische Lyrik. Eine Anthologie litauisch–deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Lucia Baldauf. München.

Eidukevičienė, Rūta /Bukantaitė-Klees, Monika (Hg.) (2007): Von Kaunas bis Klaipėda. Deutsch-jüdisch-litauisches Leben entlang der Memel. Fernwald.

Engert, Horst (1935a): Aus litauischer Dichtung. Deutsche Nachdichtungen. Kaunas.

– (1935b): Metrische Studien zu Gedichten von Maironis. In: Darbai ir dienos 4 (1935), S. 191–217.

– (1938): Aus litauischer Dichtung. Deutsche Nachdichtungen. Zweite vermehrte und veränderte Auflage. Kaunas, Leipzig.

– (1939): Metrische Studien zu Gedichten von Maironis. In: Darbai ir dienos 8 (1939), S. 364–392.

Heidbreder, Michael (2003): Engert, Horst. In: König, Christoph (Hg.): Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Bd. 1. Berlin, New York, S. 439f.

– (2008): Germanistik an der Universität Vilnius. Wissenschaftsgeschichte eines Faches bis 1941. In: Kalbotyra 59 (2008), S. 109–118. (http://www.kalbotyra.flf.vu.lt/wp-content/uploads/2011/12/Kalbotyra_59_109-118.pdf).

Heidbreder, Michael; Meiksinaitė, Ina (1995): Zur Situation der Germanistik in Litauen. In: König, Christopher (Hg.): Germanistik in Mittel- und Osteuropa 1945–1992. Berlin. New York, S. 128–136.

Hein, Manfred Peter (Hg.) (1991): Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde (1910–1930). Zürich.

Holzman, Helene (2000): „Dies Kind soll leben.“ Die Aufzeichnungen der Helene Holzman 1941–1944. Hg. von Reinhard Kaiser und Margarete Holzman. Frankfurt/M.

Holzman, Margarete (1998): Die Verlagsbuchhandlung Pribačis in Kaunas 1923–1940. In: Annaberger Annalen. Jahrbuch über Litauen und deutsch-litauische Beziehungen 6 (1998), S. 89–101. (http://annaberger-annalen.de/jahrbuch/1998/Annaberg%20Nr.6%20Kap5.pdf).

Kelletat, Andreas F. (2011): Der Krieg und die Juden in Litauen. Deutsche Schriftsteller in Kowno/Kaunas 1915–1918 und 1941–1944. In: Annaberger Annalen. Jahrbuch über Litauen und deutsch-litauische Beziehungen 19 (2011), S. 209–242. (http://annaberger-annalen.de/jahrbuch/2011/AA19_14_Kelletat.pdf).

Klemperer, Victor (1996): Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum. Tagebücher 1918–1924. 2 Bde. Hg. von Walter Nowojski. Berlin.

– (1999): So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945–1949. 2 Bde. Hg. von Walter Nowojski. Berlin.

Locher, Jan Peter (1986): Zur Poetik der litauischen Avantgarde. In: Trajekt. Beiträge zur finnischen, finnlandschwedischen, lappischen, estnischen, lettischen und litauischen Literatur 6 (1986), S. 329–331.

Puidokienė, Inga (2011): Die deutsche Minderheit in Litauen 1918–1940. In: Annaberger Annalen. Jahrbuch über Litauen und deutsch-litauische Beziehungen 19 (2011), S. 29 – 67. (http://annaberger-annalen.de/jahrbuch/2011/AA19_5_Puidokiene.pdf).

Šliažas, Rimvydas (1973): [Rezension zu:] Litauische Lyrik. Eine Anthologie ausgewählt und übersetzt von Lucia Baldauf. München 1972. In: Lituanus. Literary Quarterly Journal of Arts und Sciences 19 (1973), Summer 1973 (http://www.lituanus.org/1973/73_2_08.htm).

Skliutauskas, Jokūbas (1993): Nelankomas kapas. Viena kūrybos ir kančios biografija [Unbesuchte Grabstätte. Ein Schaffens- und Leidensweg]. In: Lietuvos Rytas Nr. 137 vom 20.7.1993.

Tilitzki, Christian (2002): Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Teil 1. Berlin.

Zürcher, Christoph (2004): Der Frühling der litauischen Avantgarde. Zum frühen Werk von Kazys Binkis, Juozas Tysliava und Juoza Žlabys-Žengė. In: Hodel, Robert (Hg.): Zentrum und Peripherie in den slavischen und baltischen Sprachen und Literaturen. Bern u.a., S. 173–201.