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Karl KLAMMER, 1879–1959

Karl Lothar Klammer (© privat)
Karl Lothar Klammer (© privat)

Unter dem aus beruflichen Gründen angenommenen, leicht entschlüsselbaren Pseudonym K. L. Ammer veröffentlichte Karl Klammer (13.10.1879 Wien – 08.03.1959 Wien) zu Beginn des 20. Jahrhunderts Übersetzungen französischer Dichtung, die die Entwicklung der deutschsprachigen Lyrik nachhaltig geprägt haben.

Klammer entstammte dem bürgerlichen Milieu der Hauptstadt der Donaumonarchie. In der Familiengeschichte finden sich mehrere künstlerische Begabungen (z.B. ein Porzellanmeister, ein Maler, eine Pianistin). Im Maximiliangymnasium in der Wasagasse, das auch Stefan Zweig (eine Klasse unter Klammer) besuchte, wurden die musischen Talente gefördert. Schon als Schüler pflegte Klammer brieflichen Kontakt mit bedeutenden Vertretern der deutschsprachigen Literatur wie Stefan George, Richard Dehmel oder Detlev von Liliencron. Nach der Reifeprüfung folgte Klammer allerdings der Familientradition und trat in die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt ein. Auf seine Zugehörigkeit zur k.u.k. Armee und auf seine militärischen Titel war er zeitlebens stolz. Die Freiräume, die sich ihm als in Ostgalizien stationiertem Leutnant eröffneten, nützte er für jene Übersetzungen, die ihm einen festen Platz in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur verschaffen sollten.

Nach dem Ersten Weltkrieg quittierte Klammer den Militärdienst und übernahm die Leitung der kartographischen Anstalt Freytag & Berndt. Weitere Führungspositionen im Verlagsgewerbe folgten. Für Übersetzungen konnte er erst im Ruhestand wieder etwas Zeit erübrigen, es entstanden aber nur mehr einzelne Verdeutschungen französischer Gedichte, die in eine 1957 herausgegebene Anthologie Eingang fanden. Zu seinen Lebzeiten war man sich im Literaturbetrieb der Bedeutung Klammers noch durchaus bewusst; es gibt eine Reihe kleiner anerkennender Publikationen von Zeitgenossen aus den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Um einen autobiographischen Text gebeten, verfasste Klammer einen kurzen Lebensbericht (Klammer 1956), in dem er das Resümee zog: „Ich bin mir dessen in Bescheidenheit bewußt, daß ich im deutschen Schrifttum ein Outsider war, kein eigener Baum, sondern nur eine Art Schlingpflanze oder Liane“ (S. 359).

Durch die Veröffentlichung einzelner Übersetzungen von Gedichten moderner französischer Dichter wie Tristan Corbière, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud und Stéphane Mallarmé in (meist kurzlebigen) Literaturzeitschriften empfahl sich Klammer alsbald für größere Aufträge. Die Übersetzung der Gedichtsammlung Serres chaudes (1889) des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck, der damals als größter französischsprachiger Autor galt, stammt zum Großteil von Klammer, auch wenn der Vermittler der Übersetzungsrechte, der Schriftsteller, Übersetzer und Kulturhistoriker Friedrich von Oppeln-Bronikowski (1873-1936), sich das Placet als Herausgeber des 1906 bei Diederichs in Jena publizierten Bandes vorbehielt. Aus einem Brief des Dichters an Klammer wissen wir aber, dass er dessen Übersetzungen großen Respekt zollte.

Die Pionierleistung Klammers liegt jedoch in der Übersetzung einer repräsentativen Auswahl von Gedichten Arthur Rimbauds, weil diesen eine innovative Poetik zugrunde liegt, die Klammer trotz seiner eigentlich recht konservativen Vorstellungen von Literatur – wenn man seine eigenen Gedichte und seine Äußerungen über die Rolle des Dichters als Vergleichsmaßstab nimmt – erstaunlich adäquat umgesetzt hat. Der im Jahr 1907 im Insel-Verlag erschienene Band setzt sich aus drei Teilen zusammen. Er wird eingeleitet von einem Essay Stefan Zweigs und enthält sodann eine ausführliche Biographie, die im Wesentlichen auf der viele Dinge beschönigenden Lebensgeschichte Rimbauds aus der Feder von dessen Schwager Paterne Berrichon beruht. Der dritte Abschnitt besteht aus Übersetzungen von Gedichten aller Schaffensphasen. Die wenigen bis dahin ins Deutsche übersetzten, verstreut veröffentlichten Gedichte gehörten den frühen Texten an, in denen traditionelle Formprinzipien noch eine stärkere Rolle spielten. Klammer nimmt sich jedoch auch der Prosagedichte an, in denen es keine regelmäßig gebauten Verse und keine Reime gibt und in denen ein allenfalls nacherzählbarer Inhalt von lautlichen Assoziationen überlagert wird. Auch wenn die Umsetzung der Prinzipien mit den Einsichten in die neue Poetik nicht immer Schritt halten kann und die innertextlichen Bezüge in den deutschen Versionen vielfach gelockert werden, spricht aus den Übersetzungen doch ein grundsätzliches Verständnis für diese Art des Dichtens. Es ist klar, dass die philologische Interpretation über die Jahrzehnte Zusammenhänge erschlossen hat, die Klammer noch nicht sehen oder wissen konnte.

Ebenfalls im Jahr 1907 kam bei Zeitler in Leipzig die Übersetzung eines anderen französischen Dichters heraus, dessen Name damals auch nur einigen Spezialisten bekannt war: François Villon. Vier Jahre zuvor hatte der Wiener Romanist Wolfgang von Wurzbach, ein Jahrgangskollege Klammers, eine Edition der Werke des spätmittelalterlichen Vaganten vorgelegt, welche die Grundlage der Übersetzung bildete. In Frankreich war allerdings schon im 19. Jahrhundert eine mit vielen lokalhistorischen (seltener auch mit literarisch relevanten) Kommentaren versehene Edition publiziert worden, die die zahllosen Anspielungen auf Personen und Örtlichkeiten erhellte. Im Gegensatz zur Klammerschen Übersetzung Rimbauds, die seit längerer Zeit durch neuere, die symbolistische Poetik konsequenter umsetzende Versionen abgelöst wurde, ist die Villon-Übersetzung seit ihrer ersten Publikation kontinuierlich im Handel, fast immer sogar bei mehreren Verlagen gleichzeitig. Ihre besondere Bekanntheit verdankte sie eine Weile wohl auch der Tatsache, dass Bert Brecht eine Reihe von Versen in seine Dreigroschenoper übernommen hat, woraus ein turbulenter Plagiatsskandal entstand, den Klammer, von seinem bürgerlichen Beruf in Anspruch genommen, jedoch nur aus der Position eines amüsierten Beobachters verfolgte. Die Langlebigkeit der Villon-Übersetzung erklärt sich zweifellos aus der Tatsache, dass die Verse (wie im Original) metrisch sehr regelmäßig und daher flüssig lesbar sind. Ferner hat Klammer darauf geachtet, sie nicht mit Anspielungen zu überfrachten. Ein genauer Übersetzungsvergleich zeigt, dass Klammer wohl bemüht war, die Satire, insbesondere jene gegen Vertreter des Klerus, zu dämpfen. Für die in der Mehrzahl subversiven Maximen und „Lebensweisheiten“ Villons hat Klammer jedoch sehr eingängige Formulierungen gefunden, auf die auch modernere Übersetzer immer wieder zurückgegriffen haben.

Karl Klammer hat, gewissermaßen als Gelegenheitsübersetzer, dem deutschsprachigen Publikum mit Villon und Rimbaud zwei französische Dichter erschlossen, die zuvor auf Deutsch nur in Spurenelementen vorhanden waren. Villon wurde dank der Übersetzung Klammers in der Zwischenkriegszeit sehr populär, allerdings drängte die philologisch äußerst fragwürdige Nachdichtung von Paul Zech die Version Ammers (die gleichwohl vielfach als Inspirationsquelle diente) nach dem Zweiten Weltkrieg etwas in den Hintergrund. Von der Rimbaud-Übersetzung ist oft behauptet worden, dass sie die deutsche Lyrik des Expressionismus erst ermöglicht und Dichter wie Trakl oder Heym stark geprägt habe. Auch aus ihr hat sich Paul Zech für seine Nachdichtungen reichlich bedient.

Als Theoretiker hat sich Klammer nicht profiliert, vom Literaturbetrieb hielt er sich konsequent fern. Diese Abstinenz ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, dass Klammers Verdienste heute dem Vergessen anheimzufallen drohen.

 

Bibliographie

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Übersetzungen (Buchform)

Übersetzungen (Zeitschriften, Anthologien)

Sekundärliteratur