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Ludwig von ALVENSLEBEN, 1800–1868

Ludwig von Alvensleben mit seiner dritten Frau Emma Greiffeld (nach 1853, Quelle: Privatarchiv der Familie v. Alvensleben)
Ludwig von Alvensleben mit seiner dritten Frau Emma Greiffeld (nach 1853, Quelle: Privatarchiv der Familie v. Alvensleben)

Ludwig von Alvensleben war einer der produktivsten Übersetzer des 19. Jahrhunderts. Er gilt daher heute manchen als Prototyp des nur auf Quantität bedachten „Fabrikübersetzers“. Dass die Zeitgenossen seine Übersetzungstätigkeit nicht ganz so negativ einschätzten, lässt sich an seinerzeit veröffentlichten Rezensionen erkennen. Der Blick in die Bibliographie macht allerdings auch deutlich, dass sich seine Übersetzungen im Literaturbetrieb bzw. am Buchmarkt nicht lange halten konnten.

Ludwig Karl Friedrich Wilhelm Gustav von Alvensleben wurde am 3. Mai 1800 in Berlin geboren und studierte nach seinem Militärdienst in Leipzig Jura, ohne das Studium abzuschließen. Er betätigte sich ab Mitte der 20er Jahre in Leipzig als Schriftsteller, Herausgeber und vor allem als Übersetzer. 1836 war er für kurze Zeit Leiter des Meininger Hoftheaters, bevor er nach Wien umzog, wo er seine Schriftsteller- und Übersetzertätigkeit fortsetzte. 1848 wurde von Alvensleben wegen „revolutionärer Umtriebe“ in Wien festgenommen und zu einem Jahr Festungshaft verurteilt. Er starb am 4. August 1868 in Wien.

In seiner Vita fehlen „Hinweise auf eine intensive Sprachausbildung, längere Auslandsaufenthalte oder andere Gelegenheiten, Sprachkenntnisse zu perfektionieren“ (Bachleitner 1989: 25). Seine schriftstellerische Tätigkeit bewegte sich großenteils im Bereich der Unterhaltungsliteratur und umfasst neben zahlreichen Romanen auch „populäre Gebrauchsliteratur“, wie z. B. den Band Polterabend-Scherze (Lutz 2008: 114). Ein Teil seiner frühen Veröffentlichungen erschien unter den Pseudonymen Gustav Sellen (darunter zahlreiche Übersetzungen) oder Chlodwig (nur Originalwerke).

Von Alvenslebens übersetzerisches Œuvre umfasst ca. 120, oft mehrbändige Monographien sowie ca. 20 kürzere Übersetzungen (vgl. Bachleitner 1989: 41ff.). Allein im Jahr 1835 erschienen zehn von ihm übersetzte Werke. Als Originalsprache überwiegt das Französische, mit Abstand gefolgt vom Englischen. Besonders häufig übersetzte von Alvensleben populäre zeitgenössische Romane. Zur deutschen Werkausgabe von Eugène Sue steuerte er 14 Romane und sechs Novellen bei. Auch Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts (Molière, Defoe, Swift) ist vertreten, allerdings in weit geringerem Umfang. Neben Belletristik übersetzte von Alvensleben vor allem populäre Veröffentlichungen zu historischen Themen sowie Memoirensammlungen, bevorzugt von französischen Adeligen. Als umfangreichste Veröffentlichung dieses Genres seien die Memoiren der Herzogin von Abrantes erwähnt, die 1831–1838 in 25 Bänden erschienen.

August Prinz beschreibt in einer noch zu von Alvenslebens Lebzeiten erschienenen Abhandlung zur Geschichte des Buchhandels dessen Übersetzerwerkstatt explizit als „Übersetzungsfabrik“:

[...] es wurden ordentliche Uebersetzungsfabriken etablirt. Die erste Hauptunternehmung der Art war wohl das Auftreten des Herrn v. Alvensleben; aus Berlin verwiesen trat er in Leipzig unter dem Namen ‚Gustav Sellen‘ auf. In dem famosen Klitschergäßchen miethete er eine große Wohnung, in der er vier Schreiber zugleich beschäftigte, abwechselnd dem einen oder dem anderen dictirend. Wie die Uebersetzungen wurden, kann man sich leicht denken, doch war dies den Verlegern gleich; sie waren die ersten und zahlten an H. v. Alvensleben statt zwei Louis d’or nur einen für den Bogen. (Prinz 1855: 13)

Auch Bachleitner stellt in Bezug auf von Alvenslebens Übersetzungen einen ursächlichen Zusammenhang zwischen hoher Quantität und niedriger Qualität her. In diesem Kontext zitiert er die folgende Passage aus von Alvenslebens 1835 erschienener Übersetzung des Romans La lampe de fer (Die eiserne Lampe) von Michel Masson, in der der Übersetzer offenbar beim Diktieren den Überblick über die Syntax verloren hatte:

1425 wurde ein Mann, der angeklagt war, den Enthusiasmus der Soldaten durch seinen Muth erregt, auf sein Haupt die Liebe des Volkes gezogen zu haben, das er durch seine Mäßigung im Siege gewann, und endlich nach den Rechten seines Herrn gestrebt zu haben, indem er sich in der Achtung der Fremden über ihn stellte; – ein Mann also, sagten wir, verfolgte 1425 traurigen Schrittes den Weg nach Venedig. (zit. nach Bachleitner 1989: S. 28)

Da es im Rahmen des vorliegenden Artikels nicht möglich ist, eine umfassende Analyse der Übersetzungen von Alvenslebens durchzuführen, soll zumindest durch eine Auswertung zeitgenössischer Rezensionen versucht werden, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Übersetzungen seinerzeit in der Öffentlichkeit eingeschätzt wurden. Ausgehend von der Aufstellung bei Goedeke (1913: 417) wurden die Rezensionen der Blätter für literarische Unterhaltung durchgesehen. Diejenigen Rezensionen, in denen die Qualität der Übersetzung thematisiert wird, lassen sich grob in zwei Gruppen aufteilen:

In den Rezensionen der ersten Gruppe wird die Übersetzung nur kursorisch und pauschal charakterisiert, stets positiv bis sehr positiv, ohne Vergleich mit dem Original: „Die gut geschriebene und ebenso übersetzte Schrift [...]“ (1828: 836); „Die Uebersetzung liest sich leicht“ (1830: 771); „Die Uebersetzung liest sich sehr gut“ (1831: 308); „Die vorliegende Uebersetzung [...] ist musterhaft; wir wüßten nicht das Geringste daran zu tadeln“ (1833: 60); „Da nun das Buch auch einen guten Uebersetzer fand, ist an einer günstigen Aufnahme nicht zu zweifeln“ (1835: 788); „Die Uebersetzung ist fließend und gewandt wie sich das von L. von Alvensleben erwarten ließ“ (1852: 20).

Dass diese Rezensionen nicht auf einem Vergleich mit dem Original basieren, wird in den beiden folgenden Zitaten besonders deutlich: „Daß keine Längen [...] diese Erzählungen verflachen, ist vermutlich das Verdienst des Uebersetzers, bei dessen fließender Schreibart Einem nicht die Meinung kommen kann, kein Original zu lesen“ (1830: 588); „Die Uebersetzung liest sich gut; ob sie (was nicht unmöglich wäre) das Original durch Abkürzen und mitunter angebrachte Effecte verbesserte, läßt sich, bei der Unkunde von jenem, nicht mit Sicherheit behaupten“ (1831: 180).

Wenn auch die zitierten Rezensionen keine Detailaussagen dazu machen, wie von Alvensleben beim Übersetzen vorgegangen ist, so zeigt sich doch, dass er in der Öffentlichkeit keineswegs nur als oberflächlich arbeitender „Fabrikübersetzer“ wahrgenommen wurde.

In den Rezensionen der zweiten Gruppe wird die Übersetzung etwas differenzierter betrachtet und in Beziehung zum Original gesetzt. Hier finden sich sowohl positive als auch negative Urteile. Zunächst ein Beispiel für eine positive Einschätzung (rezensiert wurde eine Anthologie von aus dem Englischen übersetzten Erzählungen):

Die Uebersetzung ist gut und liest sich sehr flüßig, welches kein geringer Vorzug ist, da in dem Buche nicht weniger als neun Verfasser abwechseln, deren Eigenthümlichkeiten der Bearbeiter recht glücklich und klar hervortreten läßt. (1827: Beilage Nr. 11)

Während in diesem Fall die stilistischen Qualitäten der Übersetzung gelobt werden, wird in einer Besprechung der Memoiren der Restauration der Herzogin Abrantes gerade diese Qualität bestritten:

Die deutsche Übersetzung dieser Memoiren ist etwas sorgfältiger als die der früheren Memoiren unserer Herzogin; jedoch ist sie auch nur etwa von gröberen Verstößen frei; denn die Anmuth der Conversation und das leichte Geplauder, worin die Verf. fast Meisterin ist, hat die Übersetzung nirgend erreicht, es wol auch nicht einmal versucht zu erreichen. (1838: S. 32)

Eine negative Einschätzung gibt der folgende Rezensent auch zur Übersetzung der Memoiren des französischen Königs Ludwigs XVIII.:

[...] wie viel hätte dieses Werk gewonnen, wenn, anstatt hier eine nur zu flüchtige Übersetzung zu geben, eine mit Anmerkungen, Nachträgen und Berichtigungen ausgestattete Uebertragung mitgetheilt würde. (1834: S. 699)

Der zuletzt zitierte Rezensent hätte sich also für die Memoirenliteratur eine kommentierte Übersetzung gewünscht, was angesichts des großen Umfangs der Übersetzungen dieses Genres einen hohen zeitlichen Aufwand nötig gemacht hätte. Dennoch hat von Alvensleben zumindest in einem Fall eine – modern gesprochen – stärker philologische Herangehensweise an den Tag gelegt, und zwar bei der von ihm herausgegebenen und übersetzten Sammlung von Napoleon‘s Werken (1840). In der Einleitung beschreibt von Alvensleben als Herausgeber Ziel und Aufbau dieser Veröffentlichung:

Der Sammler dieser Werke, welche ein wichtiges Supplement zu den verschiedenen Memoiren über Napoleon bilden, ist nun bemüht gewesen, Alles zu sammeln, was der Feder dieses größten Mannes unseres Jahrhunderts als abgeschlossenes Ganze entsprang, und um eine trockene Zusammenstellung zu vermeiden, hat er zugleich die Hauptumstände dargestellt, unter denen die einzelnen Abhandlungen in das Leben gerufen wurden, weil nur dadurch Manches verständlich oder in das gehörige Licht gesetzt wird. (Alvensleben 1840: S. 4)

Das Werk enthält nicht nur historische Erläuterungen (für ein breites Publikum), sondern auch Anmerkungen mit Hinweisen zur Quellenlage, wie z. B.:

Entlehnt aus: Die Jugendjahre Napoleons, von dem Baron Coston, einem höchst interessanten Werke, welches mit unverkennbarer Genauigkeit gearbeitet ist, und aus den früheren und frühesten Lebensperioden Napoleons mehrere bisher noch unbekannte Züge enthält. Eine deutsche Uebersetzung erschien davon bei Paul Baumgärtner in Leipzig. (Alvensleben 1840: S. 7)

1842 folgte die ähnlich konzipierte Sammlung Napoleon‘s hinterlassene Werke. Kommentierend edierte Werke wie diese sind bei von Alvenslebens umfangreichem Œuvre aber eher die Ausnahme als die Regel. In einem anderen Fall nahm er zugunsten der leichteren Lesbarkeit eine „Entphilologisierung“ vor. Im Vorwort des Uebersetzers zu d’Arlincourts Buch Das rothe Italien begründet er, warum er in seiner Übersetzung die Einleitung des Verfassers weggelassen hat:

Der Verfasser leitete sein Werk mit einer Vorrede ein, welche beinahe zwei Druckbogen umfaßt. Ich ließ sie fort und glaube, meine Gründe dafür den Lesern darlegen zu müssen.

Die lange Einleitung enthielt durchaus nichts, was für das Werk selbst von Wichtigkeit war, sondern nur eine Beschreibung der Reisen, welche der Verfasser unternahm, um in den Besitz seiner Materialien zu gelangen. Sie konnte daher nicht zu dem besseren Verständnisse des Werkes dienen, wohl aber ein sehr nachtheiliges Vorurtheil gegen dasselbe erwecken, denn sie war mit großer Breite und Weitschweifigkeit geschrieben, während dagegen das Werk selbst sich durch einen Styl der Gedrängtheit und Kürze auszeichnet, wie man ihn nach dem der Vorrede nicht hätte vermuthen sollen. (Alvensleben 1851: III)

Als Autor gehörte von Alvensleben nach Bachleitner (1989: 25) „dem Typus des vielschreibenden, aber nicht allzu erfolgreichen Schriftstellers“ an. So überrascht es nicht, dass er mindestens in einem Fall auch zum Verfahren der „Pseudoübersetzung“ griff, um von der Popularität eines anderen Autors (im vorliegenden Fall einer Autorin) zu profitieren. 1830 erschien der Roman Die Todes-Wette mit der Angabe „Frei nach dem Englischen bearbeitet von L. von Alvensleben (Gustav Sellen)“. Als Autorin wurde die populäre britische Autorin von Schauerromanen Ann Radcliffe angegeben. Dieser Roman wird noch bei Bachleitner (1989: 42) sowie in der digitalisierten Fassung von 2004 als Übersetzung eines Romans von Radcliffe aufgeführt (bezeichnenderweise ohne Angabe eines englischen Originaltitels), obwohl sich bereits 1835 in Pierers Universal-Lexikon der Hinweis fand, dass es sich um eine „fingirte Übersetzung“ (Pierer 1835: 594) aus der Feder von L. von Alvensleben handelt. Von Alvensleben stand hierbei übrigens in einer gewissen Tradition, denn in den Jahren 1816 und 1818 waren bereits in Frankreich, wo Radcliffe sehr populär war, Pseudoübersetzungen unter ihrem Namen erschienen (vgl. Delisle/Woodsworth 2012: 208).

Auch bei einem äußerst produktiven „Fabrikübersetzer“ wie Ludwig von Alvensleben scheint es demnach zu einfach zu sein, hohe Quantität kategorisch mit niedriger Qualität gleichzusetzen. Wie sich die Herangehensweise an das Übersetzen bei von Alvensleben entwickelt hat, müsste durch Einzelanalysen genauer ermittelt werden. Solche gründlichere Beschäftigung mit seinen Übersetzungen könnte auch neue Einsichten in das vermeintliche bzw. tatsächliche Altern von Übersetzungen und Originalen erbringen.

(Stand: März 2018)

 

Literatur:

Alvensleben, Ludwig von (Hg.) (1840): Napoleon‘s Werke. Nach den vorhandenen Quellen chronologisch geordnet. Deutsch von L. von Alvensleben. Als Supplement zu Heyne’s Geschichte Napoleons. Chemnitz: Goedsche & Comptoir (zweite Ausgabe, in einem Band).

— (1850): Vorwort des Uebersetzers. In: Arlincourt, Charles Victor d‘: Das rothe Italien oder Geschichte der Revolutionen in Rom, Neapel, Palermo, Messina, Florenz, Parma, Modena, Turin, Mailand und Venedig seit der Papstwahl Pius IX. im Juni 1846 bis zu dessen Wiedereinzug in Rom im April 1850. Nach der dritten Originalauflage deutsch von L. von Alvensleben. Weimar: Voigt 1851, S. III–IV.

Bachleitner, Norbert (1989): „Übersetzungsfabriken“. Das deutsche Übersetzungswesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Jg. 14 (1989), H. 1, S. 1–49.

Blätter für literarische Unterhaltung. Leipzig: Brockhaus 1827ff.

Delisle, Jean / Woodsworth, Judith (Hg.) (2012): Translators through History. Revised edition. Amsterdam/Philadelphia: Benjamins.

Goedeke, Karl (1913): Grundrisz zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen. Zweite ganz neu bearbeitete Auflage. Bd. 10. Dresden: Ehlermann.

Lutz, Cornelia (2008): Alvensleben, (Karl) Ludwig (Friedrich Wilhelm Gustav) von. In: Kühlmann, Wilhelm (Hg.): Killy Literaturlexikon, Bd. 1. Berlin/New York: de Gruyter, S. 113–114.

Pierer, Heinrich August (Hg.) (1835): Universal-Lexikon. Altenburg: Literatur-Comptoir, Bd. 20, 1835.

Prinz, August (1855): Der Buchhandel vom Jahre 1815 bis zum Jahre 1843. Dritte verbesserte und vermehrte Auflage. Altona: Verlags-Bureau.

Radcliffe, Ann [scil. Ludwig von Alvensleben] (2004): Die Todes-Wette. Roman in zwei Bänden von A. Radcliff. Frei nach dem Englischen bearbeitet von L. von Alvensleben (Gustav Sellen). Meißen: Gödsche 1830 (2 Bde.); Ballinglough: Belser Wiss. Dienst. (Digitalisat).

 

Bibliographie

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