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Margarete STEFFIN, 1908–1941

Margarete Steffin (Quelle: Bertolt-Brecht-Archiv, FA 07/183, Datum unbekannt)
Margarete Steffin (Quelle: Bertolt-Brecht-Archiv, FA 07/183, Datum unbekannt)

Margarete Steffin wäre wohl in Vergessenheit geraten, hätte Bertolt Brecht sie sich nicht neuneinhalb Jahre lang als unverzichtbare Mitarbeiterin „gewogen“ gehalten. Erst mit der Herausgabe ihrer Nachgelassenen Texte (1991)[1] und der Briefe (1999) wurde sie aus dem Schatten Brechts herausgelöst: als eigenständige Schriftstellerin, auch als Übersetzerin. Steffins translatorisches Wirken beschränkte sich auf die Zeit des Exils, wohin sie Brecht und dessen Ehefrau Helene Weigel und deren Kindern Stefan und Barbara im Juni 1933[2] folgte – zunächst über Paris nach Dänemark (September 1933 – Mai 1939), dann weiter nach Schweden (Mai 1939 – April 1940) und nach Finnland (April 1940 – Mai 1941). Auf der Flucht in die USA, die man noch gemeinsam im Mai 1941 von Helsinki aus antrat, blieb die völlig erschöpfte Steffin in Moskau zurück, wo sie am 4. Juni 1941, dreiunddreißigjährig, ihrer „proletarische[n] Krankheit“ (Knopf 2012) erlag, einer Tuberkulose, die seit 1924 ihr Leben verschattet hatte.

Steffin, am 21. März 1908 in Berlin als Proletarierkind geboren und in Kellerwohnungen zwischen Rummelsburg und Ostkreuz aufgewachsen, schloss 1922 die Volksschule ab und begann anschließend eine zweijährige Lehre als Kontoristin und Buchhalterin im Globus-Verlag. Schon in der Schule hatte sie mit ihrer künstlerischen und sprachlichen Begabung auf sich aufmerksam gemacht. Doch verhinderte der entschieden bildungsferne Vater den Besuch des Lyzeums, zu dem die Lehrer dringend rieten. In Distanznahme zum Vater bildete sich Steffin selbständig weiter, besuchte Abendkurse, nahm privat Russischunterricht. Seit Ende der 20er Jahre engagierte sie sich in der Arbeiterbildungsbewegung, insbesondere im Sprechchor des kommunistischen Arbeitersportvereins „Fichte“, wo sie bald zur Solosprecherin avancierte. Als Laiendarstellerin der Jungen Volksbühne stand sie in der am 18. November 1932 uraufgeführten Agit-Prop-Revue Wir sind ja sooo zufrieden neben Ernst Busch, Helene Weigel und Blandine Ebinger auf der Bühne. Einer der Texter war Bertolt Brecht, der ihr die nächste Rolle antrug. In seinem Stück Die Mutter, das in der Regie von Emil Burri am 17. Januar 1932 im Berliner Komödienhaus Premiere feierte, spielte Steffin das Dienstmädchen – an der Seite der Weigel in der Titelrolle. Seither verband Brecht mit Steffin, seiner „Kleine[n] Lehrerin aus der Arbeiterschaft“, ein Liebes- und Arbeitsverhältnis, an welchem beide bis zu Steffins Tod festhielten.

Als Steffins Haupttätigkeit[3] darf man ihre (Zu-)Arbeit für Brecht bezeichnen; diese umfasste unter anderem Recherchen für verschiedene Projekte Brechts, die Führung seiner gesamten Korrespondenz, die Organisation seiner Manuskripte und das vorbereitende Übersetzen von (Quellen-)Texten. Das Übersetzen „eigener“ Texte war für Steffin reine Nebentätigkeit: „ich komme, weil ich so viel für brecht zu tun habe, leider gar nicht mehr zu meinen übersetzungsarbeiten, das tut mir leid. Aber in dem sanatorium kann ich dann ja nachholen.“ (Brief aus Svendborg an Walter Benjamin vom 24. August 1937, Steffin 1999: 249)[4] Zu ihren eigenen literarischen und übersetzerischen Arbeiten fand Steffin erst dann, wenn sie sich zur Behandlung ihrer Tuberkulose ins Krankenhaus oder Sanatorium und somit in räumliche Distanz zu Brecht begab: „Nun möchte ich gern ein Stück übersetzen, das ist vielleicht mutig, aber es freut mich sehr und Zeit habe ich ja. Die langen Abende!“ (Brief aus Thurö an Benjamin von Juli 1935, Steffin 1999: 138)

Steffins Ausgangstexte stammten aus sieben Sprachen – aus dem Dänischen, Russischen, Norwegischen, Schwedischen, Finnischen, Estnischen und Englischen. Das Dänische eignete sie sich autodidaktisch im Exil an; die Nähe des Dänischen zu den weiteren skandinavischen Sprachen erlaubte es ihr, auch aus dem Norwegischen und Schwedischen zu übersetzen. Bereits 1927 hatte sie sich mit Reiseplänen für die Sowjetunion getragen und ein halbes Jahr lang privaten Sprachunterricht bei einem russischen Emigranten genommen; ihre Russischkenntnisse vertiefte sie bei mehreren Sanatoriumsaufenthalten und Besuchen in der Sowjetunion. Mit Englisch kam sie im Exil durch Lektüre der englischen Presse in Kontakt; zudem sichtete sie für Brecht englische Quellen. Finnisch und Estnisch sprach sie nicht, arbeitete jedoch gemeinsam mit der finnisch-estnischen Schriftstellerin Hella Wuolijoki an den deutschsprachigen Fassungen finnischer und estnischer Ausgangstexte. Auch aus dem Schwedischen übersetzte sie, sowohl mit Brecht als auch mit der finnlandschwedischen Schriftstellerin Hagar Olsson.

Steffins translatorisches Wirken begann mit der russischen Übersetzung der Valentiniade Die G’spusi der Zenzi[5], die sie Ende 1934 mit anderen Gästen eines Sanatoriums in Arasindo, Georgien, für eine Laienaufführung ebendort anfertigte. Ihre letzte Übersetzung entstand 1941 in Zusammenarbeit mit Hella Wuolijoki, als sie gemeinsam deren finnischsprachiges Stück Niskavuoren nuori emäntä (Die junge Herrin von Niskavuori) ins Deutsche brachten.

Dass sich Steffin in ihrem tranlatorischen Wirken als „Dividuum“ begriff (eines von Brechts Lieblingswörtern), zeigen gerade ihre erste und letzte Übersetzung, die im Kollektiv oder doch in Kooperation mit einem Ko-Übersetzer entstanden. Gemeinsam mit anderen übersetzte sie nicht nur ins Deutsche, sondern gelegentlich auch in eine ihrer insgesamt drei aktiven Fremdsprachen (Dänisch, Russisch, Englisch). Zudem beteiligte sie sich an der Übersetzung aus Sprachen, die sie selbst kaum oder gar nicht beherrschte (Estnisch, Finnisch).

Einen erhellenden Einblick in das Wie der übersetzerischen Zusammenarbeit von Steffin und Brecht eröffnet ein in der Forschung bisher unbeachteter Fund aus dem Bertolt-Brecht-Archiv. Dem Typoskript der Kurzgeschichte Ist Gott ein Kapitalist? (Is God a Capitalist?) ist die Arbeitsteiligkeit seines Entstehens noch anzusehen. Auf Brechts Vorschlag („liebe grete, kannst du das für ‚Das Wort’ übersetzen und hinschicken?“[6]) übersetzte Steffin Ende 1936 die Geschichte des amerikanischen Kommunisten und Lehrers Louis Lerman aus dem Englischen, ließ viele Passagen des Originals stehen, tippte sie nur rot in ihre Übersetzung, nahm selbst erste handschriftliche Korrekturen vor und überarbeitete dann den gesamten Text noch einmal mit Brecht, der größere Änderungen ebenfalls handschriftlich in demselben Typoskript vermerkte. So entstand eine deutschsprachige Fassung der Geschichte, der man, wäre sie für den Druck eingerichtet, nicht ansähe, welche Wörter von Steffin, welche von Brecht stammen.

Typoskript Ausschnitt
Typoskript der Übersetzung Ist Gott ein Kapitalist? (Ausschnitt), BBA 0675/102

An Übersetzungsaufträge gelangte Steffin durch eigene Initiative oder durch Vermittlung Brechts; nur sporadisch traten Autoren oder Verlage an sie heran, um eine Übersetzung in Auftrag zu geben. Dass sie nur wenige Übersetzungen veröffentlichte, lag zum einen an den in „finsteren Zeiten“ erschwerten Publikationsmöglichkeiten, aber auch daran, dass sie etwa mit Michail Zoščenkos eine unglückliche Wahl traf, da dessen Satiren bereits in deutscher Übersetzung vorlagen, ohne dass der sowjetische Autor und seine Übersetzerin davon Kenntnis gehabt hätten (vgl. die Briefe an Benjamin aus Thurö von Juli 1935 und vom 15. September 1935, Steffin 1999: 138, 145). Zum anderen übersetzte Steffin Texte, die erst gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren. „Als ausschliessliche gegenleistung für erwiesene gefälligkeiten“ (Brief aus Kopenhagen an Brecht von November/Dezember 1935, Steffin 1999: 159) brachte sie Ruth Berlaus Roman Videre (Weiter) ins Deutsche, nahm diese Arbeit aber auch als Fingerübung, um sich nebenbei ins Dänische einzufinden; mit der aus dem Finnischen übersetzten Sägemehlprinzessin und dem aus dem Englischen übersetzten japanischen Stück Die Ausländerin Okichi lieferte sie lediglich die Vorlagen für Brechts Weiterbearbeitung der beiden Stücke zu seinem Puntila (vgl. Neureuter 1987: 30-41) und seiner Judith von Shimoda (vgl. Neureuters Nachwort in Brecht 2006: 129-158); die englischsprachige, von Steffin selbst verfasste Erzählung Über den Hund Yo-Yo war als Material für den Englischunterricht gedacht, den sie Brechts Tochter Barbara erteilte.

Da Steffins Nachlass nur lückenhaft erhalten ist[7], finden sich für einen Großteil ihrer Übersetzungen allenfalls Belege in ihren oder in Brechts Briefen. Walter Benjamin gegenüber erwähnte sie gelegentlich, woran sie gerade selbst arbeitete – ohne dabei je ins Detail zu gehen. Umso diffiziler sind die Fragen zu Übersetzungsproblemen, die sie in reger Korrespondenz mit dem dänischen Journalisten Knud Rasmussen[8] erörtert. So kommentiert sie in einem Brief von Ende 1939 dessen Vorschlag für den deutschen Titel des ersten Bandes (Ein kleines Würmchen) der Erinnerungen (Erindringer) Martin Andersen Nexøs: „’püppchen’ für ‚lille krä’ geht leider überhaupt nicht, das wörterbuch, das so etwas schreibt, verdient sofort verbrannt zu werden. das hat bei uns einen scheusslichen beiklang (und nur ausgenommen, wenn es kleine kinder für ihre puppen benutzen). ich fürchte, man muss einen ganz andern titel suchen.“ (BBA E9/16)

Es lassen sich 39 Texte nachweisen, die Steffin übersetzt hat oder an deren Übersetzung sie beteiligt war – Theaterstücke, Gedichte, Romane, Kurzprosa und eine Rezension. Mit den mehrere hundert Seiten umfassenden Erinnerungen Nexøs legte sie ihre umfangreichste Übersetzung vor, während Arnold Ljungdals Gedicht Frühlingsproklamation[9] kaum eine Seite umfasst. Ihre Befürchtung, bloß „für die schublade“ zu arbeiten (Briefe aus Lindingö an Benjamin vom 22. Juni 1939 und von Juli 1939, Steffin 1999: 304, 307), sollte sich bewahrheiten: Sechs kürzere Übersetzungen konnte sie in der Internationalen Literatur und in der Exilzeitschrift Das Wort, beide Moskau, sowie in der vom Schweizerischen Arbeiterbildungsausschuss gegründeten Illustrierten Der Aufstieg unterbringen. Ihre wichtigste bzw. umfangreichste Übersetzung, die vierbändigen Erinnerungen Nexøs, wurde nicht vollständig veröffentlicht. Die ersten beiden Bände konnte Steffin 1940 unter dem Titel Kindheit im Moskauer Verlag Meždunarodnaja kniga erscheinen lassen; die Drucklegung der letzten beiden Bände zerschlug sich im Moskau des Jahres 1941. Das wiederholt nach Moskau gesandte Manuskript scheint verloren zu sein.

Etwas mehr als die Hälfte der Typoskripte der Steffinschen Übersetzungen sind im Brecht-Archiv erhalten, zwei befinden sich in Privatbesitz und 15 Typoskripte müssen als verschollen gelten, so sie nicht doch noch in Nachlässen beteiligter Autoren, in Archiven der Erben Steffins oder in Moskauer Archiven gefunden werden.

(Stand: März 2017)

 


[1] Die Ausgabe der Nachgelassenen Texte (Steffin 1991) enthält ihre eigenen literarischen Arbeiten, nicht aber ihre Übersetzungen.

[2] Zur Zeit der Machtübernahme hielt sich Steffin in dem in der Schweiz gelegenen Sanatorium Agra auf; von dort kehrte sie nicht mehr nach Deutschland zurück, wo sie als Mitglied der KPD in Gefahr war, verhaftet zu werden.

[3] Ihre letzte Anstellung bei der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gehag kündigte Steffin am 29. September 1932, um fortan für Brecht als Sekretärin tätig zu sein.

[4] Die Schreibweise des Originals ist hier und im Folgenden beibehalten worden.

[5] Aus dem Sanatorium im georgischen Arasindo, wo sich Steffin von Oktober 1934 bis Januar 1935 aufhielt, schreibt sie im Dezember 1934 an Walter Benjamin: „Mit vieler Mühe haben wir die G’spusi der Zenzi, worin ich die L.[iesl] Karlstadt 1932 sah, übersetzt und sind jetzt am Einstudieren“ (Steffin 1999: 132).

[6] So lautet die handschriftliche Notiz Brechts auf dem Zeitungsausschnitt des Originals (New Masses vom 11. November 1936, welches mitsamt dem vierseitigen Übersetzungs-Typoskript im Bertolt-Brecht-Archiv (Manuskript BBA 0675/102-109, Original BBA 0675/100-101) aufbewahrt ist.

[7] Teile des Nachlasses blieben nach Steffins Tod in Moskau und konnten bis heute nicht ausfindig gemacht werden. Andere Teile wurden in den Brecht-Nachlass eingeordnet – sowohl Glücksfall als auch Hindernis. Allein der Verbindung Steffins zu Brecht ist zu verdanken, dass Briefe und Übersetzungen aufbewahrt wurden; zugleich fielen sie in die Verantwortung der Brecht-Erben, was den Zugang zu Steffins Teilnachlass erschwerte.

[8] Rasmussen veröffentlichte während des Krieges und danach unter dem Pseudonym Fredrik Martner.

[9] Die Bekanntschaft Arnold Ljungdals mit Brecht geht auf die Zeit des Stockholmer Exils zurück. Das Gedicht Vårproklamation / Frühlingsproklamation erschien 1940 zweisprachig mit dem Zusatz: „Uebertragen von Bertolt Brecht und Margarete Steffin“. 1951 erteilte Brecht die Genehmigung zum Neuabdruck in der Ostberliner Kulturbund-Zeitschrift Aufbau, erbat aber die Streichung seines eigenen Namens (vgl. Neureuter 2010).

 

Literatur:

Bertolt Brecht (2006): Die Judith von Shimoda. Nach einem Stück von Yamamoto Yuzo. In Zusammenarbeit mit Hella Wuolijoki. Rekonstruktion einer Spielfassung von Hans Peter Neureuter. Frankfurt/M.

El-Akramy, Ursula (1998): Transit Moskau. Margarete Steffin und Maria Osten. Hamburg.

Knopf, Jan (2012): Bertolt Brecht - Lebenskunst in finsteren Zeiten: Biografie. München.

Neureuter, Hans Peter (Hg.) (1987): Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Frankfurt/M.

— (2007): Brecht in Finnland. Studien zu Leben und Werk 1940-1941. Frankfurt/M.

— (2010): Eine Begegnung mit Brecht. In: Dreigroschenheft H. 2, 2010, S. 7-12.

Reiber, Hartmut (2008): Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin. Berlin.

Steffin, Margarete (1991): Konfutse versteht nichts von Frauen. Nachgelassene Texte. Hg. von Inge Gellert. Berlin.

— (1999): Briefe an berühmte Männer: Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Arnold Zweig. Hg. von Stefan Hauck. Hamburg.

 

Bibliographie

Zur detaillierten Bibliographie

Die Bibliographie befindet sich noch im Aufbau.

Übersetzungen (Buchform)

Originalwerke von Margarete STEFFIN

Sekundärliteratur