Germersheimer ÜbersetzerlexikonGermersheimer Übersetzerlexikon

Max MEYERHOF, 1874–1945

Max Meyerhof 1940 (© DAI Kairo)
Max Meyerhof 1940 (© DAI Kairo)

Der deutsch-ägyptische Augenarzt Max Meyerhof trat nicht nur als Forscher und Medizinhistoriker hervor, sondern auch als produktiver Orientalist und Übersetzer. Er arbeitete hauptsächlich mit den Sprachen Deutsch, Arabisch, Französisch und Englisch. Sein mehr als 300 Titel umfassendes Œuvre[1] zeugt von dem vielseitigen Schaffen Meyerhofs, das u. a. einen wichtigen Beitrag zum Wissenstransfer zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt darstellt.

Max Meyerhof wurde am 21. März 1874 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, die seit dem 18. Jahrhundert in Hildesheim lebte. Der Familie seines Vaters, Albert Meyerhof, sowie der seiner Mutter, Lina Spiegelberg, entstammen Künstlerinnen und Gelehrte auf unterschiedlichen Gebieten: Sein Onkel Otto Spiegelberg war Professor für Gynäkologie, sein Vetter Wilhelm Spiegelberg lehrte Ägyptologie und Otto Meyerhof, ein Vetter zweiten Grades, erhielt 1922 den Nobelpreis für Medizin. Meyerhof studierte ab 1892 Humanmedizin in Heidelberg, Freiburg, Berlin und Straßburg. Ab 1898 assistierte er an verschiedenen Augenkliniken in Berlin, Bromberg und Breslau, bevor er 1902 in Hannover eine eigene Praxis eröffnete. Einen entscheidenden Einfluss auf seinen späteren Werdegang als Orientalist hatte sein Vetter Wilhelm Spiegelberg (1870–1930), bei dem Meyerhof schon während der Studienzeit in Straßburg Ägyptologie-Vorlesungen besuchte. Während einer Ägyptenreise im Winter 1900/1901 wurde das Interesse des jungen Augenarztes für das damalige „Land der Blinden“ geweckt. Vermutlich haben ihn die dort gesammelten Eindrücke bewogen, 1903 nach Kairo überzusiedeln, wo er eine erfolgreiche Augenarztpraxis betrieb. Er wurde Mitglied der Ophthalmologischen Gesellschaft Ägyptens, ließ sich 1908/1909 zu deren Präsidenten wählen, war Mitbegründer einer Poliklinik für Arme und zählte 1913 zu den Herausgebern der Revue médicale d’Égypte. Während des Ersten Weltkriegs, der ihn im deutschen Sommerurlaub überraschte, arbeitete er als Arzt in einem Lazarett in Hannover. Erst 1922 konnte er, als einer der ersten Deutschen überhaupt, nach Ägypten zurückkehren. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit und medizinischen sowie medizinhistorischen Studien beschäftigte er sich verstärkt mit philologischen Fragen und pflegte engen Kontakt zu dem Kreis der Orientalisten an der neu gegründeten Universität Kairo und zu Gelehrten in aller Welt. Dieses „orientalistische“ Engagement brachte ihm 1928 den Ehrendoktor der Universität Bonn ein. 1932 erhielt Meyerhof einen Ruf auf den Lehrstuhl für Medizingeschichte der Universität Leipzig, den er jedoch ablehnte, weil er, so Wolfgang Raff, „die Zeichen des heraufziehenden Antisemitismus und die bevorstehenden Veränderungen im politischen und intellektuellen Leben Deutschlands richtig gedeutet hat; seine Verwurzelung in Ägypten dürfte eine ebenso große Rolle gespielt haben“ (Raff 1984: 125f). Er zog das Exil in Ägypten dem Leben im nationalsozialistischen Deutschland vor. In den folgenden Jahren gab Meyerhof, „betrübt und nach Überwindung innerer Kämpfe“, seine deutsche Staatsbürgerschaft auf (Littmann 1955: 136). Er setzte sich in einem jüdischen Hilfswerk für verfolgte und zur Emigration gezwungene Juden ein (Raff 1984: 126). Dank seiner guten Beziehungen in Ägypten erhielt er 1936 die ägyptische Staatsangehörigkeit. Seit 1931 war Meyerhof mit Elise Henning (1888–1971) verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Am 20. April 1945 starb Meyerhof. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Kairo beigesetzt.

Die Jewish Telegraphic Agency berichtete am 24. April 1945:

Impressive funeral services were held yesterday for Dr. Max Meyerhof, 70, one of the world’s most eminent eye specialists in Cairo’s Ashkenazi Synagogue. Dr. Meyerhof was affectionately known by thousands of Egyptians from all walks of life as „Dr. Max“.

Despite his seventy years he was considered a sort of magician for his operations which saved innumerable persons from blindness. He was also known as an outstanding Orientalist and wrote several books on the scientific heritage of the Arabs. He was a cousin of Professor Otto Meyerhof who received the Nobel Medical Prize in 1922.

Das Werk Meyerhofs umfasst Monografien, Abhandlungen, Aufsätze, Übersetzungen, Rezensionen sowie umfangreiche Briefkorrespondenzen in mehreren Sprachen. Neben der Muttersprache Deutsch lernte Meyerhof während seiner Schulausbildung Griechisch, Latein, Englisch und Französisch sowie Hebräisch im Privatunterricht. In Ägypten lernte Meyerhof ferner Arabisch, Italienisch und Neugriechisch (Littmann 1955: 135). Diese Mehrsprachigkeit diente ihm als Brücke zur damals multikulturellen Gesellschaft Ägyptens. Aufgrund seines Interesses für die arabische Medizin und ihre Geschichte begann Meyerhof sich intensiv mit der arabischen Schriftsprache zu befassen. Hilfreich waren dabei seine engen Beziehungen zu Orientalisten vor Ort, vor allem zu Enno Littmann (1875–1958), bei dem sich Meyerhof die Grundlagen des Hocharabischen aneignete. Littmann erinnert sich:

Als ich 1910 zum ersten Male an die von dem damaligen Prinzen Fuad begründete Arabische Universität berufen war, bat er mich um Unterricht in der klassischen arabischen Sprache, den ich ihm gern erteilte; es war rührend zu beobachten, wie er nun die Paradigmata deklinierte und konjugierte. Nur die Grundlagen der Sprache konnte ich ihm vermitteln; er selbst baute darauf unermüdlich weiter, sammelte arabische Handschriften und bearbeitete sie mustergültig. (Littmann 1955: 135)

Meyerhofs Werke zeugen von einem ausgeprägten Interesse sowohl an medizinischen und medizinhistorischen, als auch an kulturgeschichtlichen und anthropologischen Themen. Hervorzuheben sind die Arbeiten zum Wissenstransfer zwischen dem Orient und dem Okzident, sowie seine Studien zu einezelnen Gelehrten, z. B. Moses Maimonides (1135–1204), Hunain ibn Ishāq (808–873), Muhammad ibn Zakarīyā ar-Rāzī (864–925) und Ibn an-Nafīs (1213–1288).

Was seine übersetzerische Tätigkeit angeht, so lag der Schwerpunkt auf altarabischen naturwissenschaftlichen Fachtexten, vor allem im Bereich der Medizin und Pharmakologie. Meyerhofs Ziel war u. a., eine umfassende Geschichte der arabischen Medizin anhand altarabischer Handschriften zu verfassen (Raff 1984: 127) und dadurch die Verdienste der altarabischen islamischen Medizin im Westen bekannt zu machen. Zu diesem Zweck verfolgte er ein ambitioniertes Übersetzungsprojekt: Aufspüren, Erschließen, Emendation, Übersetzung und Herausgabe altarabischer Quellen. Nicht selten bildeten seine Übersetzungen die Grundlage für medizinhistorische Studien. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass die übersetzerischen Bemühungen Meyerhofs nicht als Mittel zum Broterwerb zu verstehen sind, da er wohl durch seine augenärztliche Praxis in Kairo materiell abgesichert war. Vielmehr erfolgten sie aus innerer Forschermotivation und Entdeckerfreude.

Die ersten Übersetzungen aus dem Arabischen ins Deutsche entstanden in Zusammenarbeit mit Curt Max Prüfer, Arabist und seinerzeit Dragomane am deutschen Konsulat. Zu nennen sind: Die Augenanatomie des Hunain bin Ishaq: nach einem illustrierten arabischen Manuskript (1910), Die aristotelische Lehre vom Licht bei Hunain bin Ishaq (1911) und Die angebliche Augenheilkunde des Tabit ibn Qurra (1911). Während es sich bei den ersten zwei Titeln um Übersetzungen im engeren Sinne handelt, legt Meyerhof bei dem dritten eine Zusammenfassung eines arabischen Fragments zur Augenheilkunde vor, das der Mathematiker, Mediziner und Philosoph Thabit ibn Qurra (826–901) verfasst hat.

Die in der zweiten Phase in Ägypten (ab 1922) entstandenen Übersetzungen betreffen u. a. das Leben und Werk des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (2. Jhdt. u. Z.), z. B. Über echte und unechte Schriften Galens nach arabischen Quellen (1928), Eine Augenbehandlung durch Galen, nach arabischer Quelle (1928) und Autobiographische Bruchstücke Galens aus arabischen Quellen (1929). Meyerhofs besonderes Interesse galt verloren gegangenen, aber aus arabischen Quellen rekonsturierbaren Werken des berühmten Griechen. So veröffentlichte er 1931 in Zusammenarbeit mit dem Orientalisten Joseph Schacht und Scheich Muhammad Siddiq, einem Schüler der Al-Azhar-Hochschule, die Abhandlung Galen über die medizinischen Namen: Arabisch und Deutsch. Es handelt sich um die deutsche Übersetzung der von Hunain ibn Ishaq angefertigten arabischen Übersetzung des ersten Buches von Galenos’ Werk. Weitere wichtige Arbeiten aus dieser Zeit sind Meyerhofs Übersetzung der Einleitung von Edrisis (1100–1166) Sammelbuch der Arzneimittel (1930) sowie Berunis (973–1048) Vorwort zur Drogenkunde (1932). In den 30er Jahren lässt sich bei Meyerhof ein merklicher Rückgang der Verwendung des Deutschen und ein verstärkter Gebrauch des Französischen und Englischen als Publikationssprache feststellen.

In einigen Paratexten berichtet Meyerhof über sein übersetzerisches Verfahren: „Die Übertragung ist eine sehr wörtliche; der Leser möge deshalb die stilistischen Mängel der Übersetzung verzeihen, welche sich dem Original so getreu als möglich anschmiegen sollte“ (Meyerhof 1910: 168). Die späteren Übersetzungen bleiben diesem Prinzip treu; in der Einleitung zu seiner Studie Die allgemeine Botanik und Pharmakologie des Edrisi spricht er von einer „möglichst wörtliche(n) Übertragung“ (Meyerhof 1930: 226), im Vorwort zu Galen über die medizinischen Namen heißt es von der Übersetzung, sie sei bestrebt, „dem Wortlaut des arabischen Textes zu folgen, ohne dem Deutschen Gewalt anzutun, und jeden arabischen Terminus so konsequent wie möglich stets durch dasselbe deutsche Wort wiederzugeben“ (Meyerhof/Schacht 1931: 1). Diese Übersetzung wurde 1932 von dem Orientalisten und Hunain-Spezialisten Gotthelf Bergsträßer (1886–1933) rezensiert. Er lobt die Übersetzer dafür, dass sie eine ganze Reihe von Schwierigkeiten gelöst und den Text in allem Wesentlichen richtig erfasst hätten, kritisiert aber ihr „gewaltsames“ Vorgehen an einzelnen Stellen und thematisiert die Konsequenzen für den Leser:

[A]nderwärts haben sie dem Wortlaut nur durch Gewaltsamkeiten in der Textherstellung oder der Übersetzung einen Sinn abzugewinnen vermocht. Zweifellos haben die Herausgeber selbst derartiges als Notbehelf empfunden und nur als solchen aufgenommen; aber die Gefahr ist immerhin groß, daß der eilige Benutzer, der eine verständliche Übersetzung oder einen glatten arabischen Text vorfindet, nicht die Textgrundlage der Übersetzung und die handschriftliche Basis des Textes nachprüft, und so zu Irrtümern verleitet wird; ganz abgesehen von den Lesern, die nur die Übersetzung zu benützen imstande sind. (Bergsträßer 1932: 333)

Neben seinen Erläuterungen zur Vorgehensweise beim Übersetzen in Vor- und Nachworten enthalten seine Publikationen zahlreiche weitere paratextuelle Elemente: Literatur-, Zeichen- und Abkürzungsverzeichnisse, gelegentlich ausführliche deutsche und arabische Indices für Eigennamen und Sachwörter, auch Register für griechische Fachwörter, die das arabische Original enthält (vgl. Meyerhof/Schacht 1931: 38–42). Darüber hinaus sind seine Übersetzungen im Allgemeinen reich an informativen Fußnoten, die Meyerhof verwendet, um Fachbegriffe zu erläutern, im Original unverständliche oder fehlerhafte Stellen zu kommentieren oder dem deutschen Leser kulturspezifische Hintergrundinformationen zu liefern. Nicht selten äußert er sich in Fußnoten punktuell auch zu übersetzerischen Entscheidungen.

Das Leben in Ägypten, das für Meyerhof zu einem sicheren Exilland wurde, lässt keine Spuren von Außenseitertum oder Ausgrenzung vermuten, sondern zeugt eher von intellektueller Selbstentfaltung und gesellschaftlicher Anerkennung. Beweis dafür dürfte nicht zuletzt der wissenschaftliche Salon gewesen sein, den Meyerhof in den letzten Jahrzehnten seines Lebens regelmäßig am Mittwochnachmittag abhielt. Die Verleihung des Ordre du Nil durch König Fuad, der Meyerhof damit in den Rang eines Kommandeurs erhob, ist ein klares Zeichen für die Wertschätzung, die Meyerhof in der ägyptischen Gesellschaft auf höchster Ebene genoss.

Später wurde er in das arabischsprachige Lexikon der Orientalisten Mawsuat al-Mustashriqin des ägyptischen Philosophen Abd al-Rahman Badawi (1917–2002) aufgenommen, der als junger Wissenschaftler Meyerhof in Kairo kennengelernt und dessen wichtige Studie Von Alexandrien nach Bagdad. Ein Beitrag zur Geschichte des philosophischen und medizinischen Unterrichts bei den Arabern (1930) ins Arabische übersetzt hat (Badawi 1993: 540–543). 1997 ließ das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt einen Teil der Studien und Übersetzungen Meyerhofs zur islamischen Medizin sammeln und in drei Bänden als Studies on the History of Islamic Medicine and related fields by Max Meyerhof neu auflegen. 2009 erschien in Kuwait eine arabische Studie über das Werk und Wirken Meyerhofs von Ahmad Sirri. Am Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) wird zurzeit an einer Meyerhof-Biographie gearbeitet.

(Stand: Oktober 2016)

 


[1] Der wissenschaftliche Teilnachlass Meyerhofs wird derzeit im Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) sukzessive aufbereitet.

 

Literatur:

Badawi, Abd al-Rahman (1993): Mawsuat al-Mustashriqin [Lexikon der Orientalisten]. Beirut: Dar al-ilm li-l-Malayin. 3. Aufl. (in arabischer Sprache).

Bergsträsser, Gotthelf (1932): Meyerhof/Schacht: Über die medizinischen Namen arabisch und deutsch. In: Orientalistische Literaturzeitung, Nr 5. Verlag der J.C. Hinrich‘schen Buchhandlung in Leipzig, S. 331–338.

Littmann, Enno (1955): Max Meyerhof 1874–1945. In: Paret, Rudi / Schall, Anton (Hg.): Ein Jahrhundert Orientalistik. Lebensbilder aus der feder von Enno Littmann und Verzeichnis seiner Schriften. Wiesbaden, S. 154–158.

Meyerhof, Max / Prüfer, Curt (1910): Die Augenanatomie des Hunain bin Ishaq: nach einem illustrierten arabischen Manuskript. Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin, Bd. IV. Leipzig, S. 163–190.

Meyerhof, Max (1930): Die allgemeine Botanik und Pharmakologie des Edrisi. Archiv für Geschichte der Mathematik, der Naturwissenschaft und der Technik, Bd. 12, Leipzig: Verlag von F.C.W. Vogel, S. 225–236.

Meyerhof, Max / Schacht, Joseph (1931): Galen über die medizinischen Namen: Arabisch und Deutsch. Abhandlungen der deutschen Akademie der Wissenschaften. Berlin: Verlag der Akademie der Wissenschaften in Kommission bei Walter de Gruyter.

Raff, Wolfgang (1984): Deutsche Augenärzte in Ägypten. Von Franz Ignaz Pruner bis Max Meyerhof (1831–1945). München (Hochschulschrift).

Sirri, Ahmad (2009): al-Mustashriq al-almānī Māks Māyirhūf (1874–1945) wa-turāṯ al-ṭibb al-arabī al-islāmī [Der deutsche Orientalist Max Meyerhof (1874–1945) und das Erbe der arabisch-islamischen Medizin]. Universität Kuwait: Maglis an-Nashr al-Ilmi [Ausschuss für wissenschaftliche Publikationen].

 

Bibliographie

Zur detaillierten Bibliographie

Diese Bibliographie befindet sich noch im Aufbau.

Übersetzungen (Buchform)

Sekundärliteratur