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Moustafa MAHER, 1936

Moustafa Maher (© privat)
Moustafa Maher hat sich nicht nur als Begründer der ägyptischen Germanistik, als bedeutender Literaturwissenschaftler, Denker und Kulturphilosoph einen Namen gemacht, sondern auch als Übersetzer und Übersetzungs­wissenschaftler. Sein Interesse gilt vor allem der Vermittlung zwischen dem deutschsprachigen und arabischsprachigen Kulturraum.

Moustafa Maher wurde am 12. Juni 1936 in Kairo geboren. In der Schule lernte er Englisch als erste und Französisch als zweite Fremdsprache. Schon zu dieser frühen Zeit lernte er Teile des Korans auswendig und wurde mit Zeugnissen klassischer arabischer Literatur vertraut. Mit 16 wurde er in die École Normale Supérieure in Kairo aufgenommen, wo er von 1952 bis 1956 Romanische Philologie, Arabistik, Philosophie, Geschichte, Psychologie und Pädagogik studierte. Während des Studiums machte er seine erste Europareise, die ihn 1955 nach Frankreich führte. Nach dem Staatsexamen wurde er Studienrat an einer Oberschule in Kairo. Neben seinem regulären Studium an der École Normale Supérieure begann er 1955 mit dem Erlernen des Deutschen an der Sprachenhochschule Madrasst Al-Alsun[1] in Kairo. 1958 ging er nach München, wo er am Goethe-Institut und an der Universität zum Deutschlehrer ausgebildet wurde. Nach Erlangung des Deutschlehrerdiploms setzte er sein Studium in Köln fort, wo er neben Germanistik auch Romanistik sowie Sprachen und Kulturen der islamischen Völker studierte. 1962 wurde er mit einer Dissertation über Das Motiv der orientalischen Landschaft in der deutschen Dichtung von Klopstocks ‚Messias’ bis zu Goethes ‚Divan’ promoviert.Im selben Jahr kehrte Maher mit seiner Frau Elsa Maher (geborene Elsa de Planque)als erster promovierter ägyptischer Germanist nach Kairo zurück. Er begann als Dozent mit dem Aufbau der Germanistik an der Sprachenhochschule Al-Alsun, wurde dort Professor und leitete von 1965 bis 1987 die germanistische Abteilung. 1977 konnte er die Übersetzungswissenschaft als Teildisziplin des germanistischen Studiengangs etablieren. Zahlreiche Gastdozenturen und Auslandsaufenthalte brachten ihn in Verbindung mit europäischen, vor allem deutschen Universitäten und Forschungsinstitutionen (vgl. Metwally/Khattab/Ayad 1997).

Seinen Kontakt zu dem Schriftsteller, Übersetzer, Literaturkritiker und Erziehungsminister Taha Hussein (1889–1973)[2], dessen Vorträge Maher im Französischlehrer-Verband in den Fünfziger Jahren in Kairo besuchte, bewertet Maher als ersten Ansporn zu seinem eigenen Übersetzen. In 25 Jahre Übersetzungstätigkeit. Ein Rückblick berichtet Maher, wie er mit der „nicht leichten Aufgabe“ begann, vor die Taha Hussein die jungen Französischlehrer 1953 stellte: „nicht nur die Fremdsprachen als wichtiges Kommunikationsvehikel zwischen den Kulturen zu lehren, sondern auch dem arabischen Leser die geistigen Güter anderer Länder durch Übersetzungen, Zusammenfassungen und Besprechungen zu vermitteln. [...] Ich beschloss damals, dem Aufruf Folge zu leisten und mich für die nicht leichte Aufgabe – so gut wie möglich – zu befähigen“ (Maher 1985: 293). Seine erste Übersetzung veröffentlichte Maher bereits mit 17: die arabische Version der Kurzgeschichte Le secret de maître Cornille von Alphonse Daudet. Nach seinem Frankreichbesuch folgten weitere Übersetzungen aus dem Französischen, u. a. Racines Iphigénie.

Ab 1961 wandte sich Mahers Übersetzungsinteresse dem Sprachenpaar Deutsch-Arabisch zu. Als einen „Strom von Geben und Nehmen“ (Maher 2000: 194) sieht er den Austausch und die Vermittlung zwischen Kulturräumen, die er durch Hin- und Herübersetzungen zwischen dem Deutschen und Arabischen zu fördern verstand. Mit der Herübersetzung, in seine Muttersprache Arabisch also, begann Maher 1961: Heinrich von Kleists Drama Der Prinz von Homburg. In den nächsten vier Jahrzehnten folgten zahlreiche Übersetzungen von alt- und mittelhochdeutschen Texten (Hildebrandslied, Hartmann von Aue), von Dramen aus der Zeit der Klassik und der Gegenwart (Lessing, Goethe, Kleist, Dürrenmatt, Frisch), von Romanen (Hesse, Kafka, Handke, Walser, Böll, Lenz, Grass, Jelinek), von Gedichten (Schiller, Krolow, Heidenreich) von Reisebeschreibungen (Niebuhr), von kultur- und literaturwissenschaftlichen Texten, dazu Anthologien mit deutscher Epik des Mittelalters sowie österreichischer Prosa und Lyrik der Gegenwart.Seine Übersetzungen versah er in der Regel mit ausführlichen Begleittexten (Einleitung, Nachwort, Interpretation, Erläuterungen). Im Sinne von Nehmen und Geben begann 1969 eine parallel laufende Phase der Hinübersetzung. Bei Mahers erster Übersetzung aus dem Arabischen ins Deutsche handelt es sich um ein Sachbuch über Geschichte, Geografie, Archäologie und Kunst: Das tausendjährige Kairo. 969–1969, veröffentlicht im Auftrag des ägyptischen Kulturministeriums.

In Zusammenarbeit mit dem Diplomaten und Journalisten Hermann Ziock entstand die 1974 in der Reihe Geistige Begegnung des Erdmann Verlags erschienene, 370 Seiten umfassende Anthologie Moderne Erzähler der Welt: Ägypten. Rund dreißig Erzählungen und Kurzgeschichten ägyptischer Gegenwartsliteraten wurden ausgewählt und von Maher ins Deutsche übersetzt. Neben Autoren, die aus Kairo (8) und Alexandria (3) stammen, wurde auch Ober- und Unterägypten eine Stimme gegeben, indem die Mehrzahl der übersetzten Autoren, darunter zwei Schriftstellerinnen, aus ländlichen Regionen stammt, so dass der Verlag für ein „repräsentatives Sammelwerk ägyptischer Gegenwartsprosa“ werben konnte. Der deutsche Leser konnte sich mit dem Schaffen solcher renommierter Schriftsteller bekannt machen wie Ihsan Abdel Kudus, Yussef As-Sebai, Yussuf Idris, Tharwat Abaza, Saleh Gawdat, Mustafa Mahmud und Abderrahman Esch-Scharkawi. In einem bio-bibliographischen Anhang stellte Maher die Schriftsteller und die ausgewählten Werke vor. Er versah die Anthologie ferner mit einem Glossar für kulturspezifische Wörter, z. B. Ya sattar – Früher: Ruf männlicher Besucher beim Eintritt ins Haus, damit die Frauen des Hauses sich in Sicherheit begeben konnten“; „Malas – Weites puffiges schwarzes Kleid der Landfrauen“.

1976 entstand die Übersetzung von Werken Taufik al-Hakims (1898–1987), einem der Erneuerer der arabischen Literatur und des arabischen Theaters. Mahers deutsche Fassung von dessen Drama Ya tali asch-schagra (Der Baum) wurde vom Südwestfunk gesendet. Es folgten weitere Hörspiele von Tharwat Abaza und Noman Aschur.

Dem frühen starken Einfluss von Taha Hussein auf den damals jungen Französischlehrer konnte sich der spätere Germanist und Übersetzer Moustafa Maher nicht entziehen. So setzte er sich in den achtziger Jahren zum Ziel, den zweiten und dritten Band von Taha Husseins autobiographischem Roman Al-Ayyam ins Deutsche zu bringen. Der erste Teil war bereits 1973 in der Übersetzung von Marianne Lapper im Ost-Berliner Aufbau Verlag unter dem Titel Kindheitstage erschienen. 1986 folgte nun in Mahers Übersetzung Jugendjahre in Kairo, dem er umfangreiche Erläuterungen sowie ein Nachwort zur Geschichte und Entwicklung der Al-Azhar Moschee/Universität beifügte, wo der junge Taha Hussein studiert hat. 1989 erschien Weltbürger zwischen Kairo und Paris, ebenfalls mit ausführlichen Erläuterungen und Nachwort über die Kulturphilosophie von Taha Hussein sowie seinen literarischen Stil.

Zu Mahers Œuvre gehört auch die mit dem Salzburger Germanisten Ulrich Müller gemeinsam erarbeitete Übersetzung des Epos von den Banu Hilal. Es handelt sich dabei um das bekannteste und bis jetzt immer noch mündlich tradierte arabische Sangvers-Epos. Der ägyptische Dichter Abd ar-Rahman Abnudi hatte jahrzehntelang Versionen des Epos als Zeugnisse ägyptischen und arabischen Kulturguts gesammelt und dieses Material 2008 für den ägyptischen Hörfunk adaptiert. Auf dieser Fassung beruht die deutsche Übersetzung.

In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts widmete sich Maher der Übersetzung des Korans ins Deutsche, die 1999 in Kairo im Auftrag des Obersten Rats für islamische Angelegenheiten unter dem Titel Sinngemäße deutsche Koranübersetzung erschien. Maher stützte sich dabei auf die arabische Exegese des Korans Al-Muntakhab, die der Oberste Rat für islamische Angelegenheiten veröffentlicht hatte. Mit seiner Übersetzung verfolgte Maher das Ziel, dem deutschsprachigen Leser, der kein Arabisch kann oder nur über geringe Arabischkenntnisse verfügt, „einen ersten Zugang zum Heiligen Buch des Islam zu ermöglichen“ (Maher 2006: 31). In einem 2006 in Kairo erschienenen Artikel Zu den Problemen und Erfahrungen der Koran-Übersetzung äußerte sich Maher zu seinem Hauptwerk: „Wenn ich meine Übersetzung als eine sinngemäße bezeichne, räume ich ein, dass einige formale Aspekte zu kurz kommen, und zwar zugunsten des Sinns“ (Maher 2006: 30). Denn wortwörtliche Wiedergabe und starke Fokussierung auf formale Aspekte haben nach Maher zu schwerwiegenden und folgenreichen Fehlern in früheren Koran-Übersetzungen geführt. Ein prägnantes Beispiel liefert der Vergleich zwischen der Übersetzung des Verses 54, Sure 2 durch Maher und Max Henning (1861–1927). Interessant ist hier das übersetzerische Verfahren bei der Wiedergabe der übertragenen Bedeutung des arabischen Verbs „qatala“ ins Deutsche („qatala“ bedeutet „töten“; im übertragenen Sinne „sich äußerst anstrengen“) sowie bei der Wiedergabe des Ausdrucks „das Kalb nehmen“ (bedeutet: das Kalb als Gott verehren):

Maher

Gedenkt wie Moses einst zu seinen Leuten sagte: Ihr habt euch an euch selbst vergangen, als ihr das Kalb vergöttertet. Bittet Gott um Vergebung und erlegt euch eine schwere, fast todbringende Buße auf!

Henning

O mein Volk, ihr habt euch dadurch versündigt, dass ihr euch das Kalb nahmt: Kehret um zu eurem Schöpfer und schlagt (die Schuldigen unter) euch tot.

Während Henning an dieser Stelle wortwörtlich übersetzt („schlagt euch tot“ bzw. „dass ihr euch das Kalb nahmt“), übersetzt Maher die übertragene Bedeutung des Verbs „qatala“ sinngemäß („erlegt euch eine schwere, fast todbringende Buße auf“), und entscheidet sich – der Verständlichkeit halber – für das Explizieren als übersetzerisches Verfahren („als ihr das Kalb vergöttert“) (Maher 2006: 34).

Ein weiteres interessantes Beispiel ist Mahers Entscheidung für die Übersetzung des Wortes „Allah“. Hier ließ er sich von „der Geläufigkeit der Zielsprache und von der Einheitlichkeit der Offenbarungsreligionen leiten“ (Maher 2006: 30), und benutzte in den meisten Fällen das Wort „Gott“ statt „Allah“. Damit wollte er ausdrücken, dass Juden, Christen und Muslime an den gleichen Gott glauben. Der Name Allah könnte, seiner Meinung nach, den Eindruck erwecken, es handele sich um einen anderen Gott als den der Christen und Juden (Maher 2006: 30).

Neben der praktischen Übersetzungstätigkeit hat sich Maher als Übersetzungstheoretiker profiliert. In seinem 2000 in den karlsruher pädagogischen beiträgen veröffentlichten Entwurf einer Übersetzungstheorie äußert sich Maher u. a. zur universalisierenden Wirkung des Übersetzens (Maher 2000: 194). Durch die Übersetzung werde das „Andere“ als Gegenpol zum „Eigenen“ sprachlich thematisiert. Dadurch, dass die Übersetzung nach Anerkennung und kreativer Auseinandersetzung mit dem Anderen strebe, erhalte sie ihre „Existenzberechtigung“ (ebd.: 177). Auch die „Existenz“ des Übersetzers selbst ist nach Maher legitim. Mit der Aussage „Als Übersetzer kann ich nicht sagen: Ich übersetze, also existiere ich nicht. Nein, ich übersetze, also bin ich!“brachte er – in einem Streitgespräch mit Samir Grees über Mahers arabische Übersetzung von Elfriede Jelineks Die Liebhaberinnen – seine Einstellung zur Rolle des Übersetzers zum Ausdruck (vgl. Maher/Grees 2012). Auf den Vorwurf, in seiner arabischen Version als vulgär empfundene Wörter ausgelassen zu haben, antwortete Maher: „Auslassen ist nicht das richtige Wort – ich fand Stellen, die dem Hauptziel der Übersetzung nicht dienen, nämlich, dass die Leser Jelinek verstehen. […] Ich glaube, dass es den künstlerischen Wert des Romans […] sogar erhöht, wenn ich die Worte auslasse, die dem arabischen Leser nicht nützen“ (ebd.: 200), denn sonst würde „ihm ein verkehrtes Bild der westlichen Kultur“ vermittelt und er würde „denken, diese Schriftstellerin sei eine schamlose Hure und Zuhälterin!“ (ebd.).

Mahers übersetzungspoetologische Äußerungen lassen schon früh eine gewisse „Entthronung des heiligen Originals“ erkennen. In Die Grenzen der sogenannten originalgetreuen Wiedergabe bei der Übersetzung von literarischen Texten spricht Maher von Grenzen, die bei der Übersetzung literarischer Texte zur Relativierung zwingen und bei Beurteilung von Übersetzungen berücksichtigt werden müssen. Nach ihm steht der Übersetzer immer vor Alternativen, er muss eigene Prioritäten setzen, was dazu führt, dass der Ausgangstext auf verschiedene Weise übersetzt werden kann (Maher 1997).

Für seine wissenschaftlichen Verdienste und seine Leistungen als Übersetzer und Vermittler zwischen den Kulturen wurde Maher vielfach ausgezeichnet. Seit 2010 wird das Gesamtwerk dieses Nestors der Übersetzung zwischen dem deutschsprachigen und arabischsprachigen Kulturraum im Rahmen eines Nationalen Übersetzungsprojekts in Ägypten neu aufgelegt (El-Sharkawy 2011: 203).

(Stand: Juli 2015)

 


[1]Älteste Sprachenhochschule Ägyptens, die als Übersetzerschule in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zuge der Bemühungen Muhammad Alis um die Modernisierung Ägyptens gegründet wurde.

[2] Über Taha Hussein soll der erste arabische Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfuz gesagt haben, dass Taha Hussein vor ihm den Nobelpreis verdient hätte.

 

Literatur:

El-Sharkawy, Nermine (2010): Wie bricht man Bahn? Tendenzen der deutsch-arabischen Übersetzungen. In: Schmitt, P. / Herold, S. / Weilandt, A. (Hg.): Translationsforschung. Tagungsberichte der LICTRA. Bd. 1, Frankfurt/M., S.197–207.

Maher, Moustafa (1985): 25 Jahre Übersetzungstätigkeit. Ein Rückblick. In: Sartorius, J. / Miller, N. (Hg.): Sprache im technischen Zeitalter 96. Köln/Wien, S. 293–296.

— (1997): Die Grenzen der sogenannten originalgetreuen Wiedergabe bei der Übersetzung von literarischen Texten. In: Gipser, D. / Shalabi, I. (Hg.): Das nahe Fremde und das entfremdete Eigene im Dialog zwischen den Kulturen. Hamburg und Kairo, S. 391–403.

— (2000): Entwurf einer Übersetzungstheorie. In: karlsruher pädagogische beiträge 50/51. Pädagogische Hochschule Karlsruhe, S. 175–198.

— (2006): Zu den Problemen und Erfahrungen der Koran-Übersetzung. In: Logos, Cairo University, Bd. 1, S. 3–47.

Maher, Moustafa / Grees, Samir (2012): Elfriede Jelinek, Die Liebhaberinnen. Ein Gespräch mit Moustafa Maher. In: Susanne Hagemann und Julia Neu (Hg.): Übersetzungsränder. Vor- und Nachworte, Interviews und andere Texte zum Übersetzen deutschsprachiger Literatur. Berlin: SAXA Verlag, S. 199–201.

Metwally, Nadia / Khattab, Aleya / Ayad, Aleya Ezzat (1997): Lebenslauf von Moustafa Maher. In: dies. (Hg.): Vom Wort zum Wort. Festschrift für Moustafa Maher zum sechzigsten Geburtstag. Kairoer Germanistische Studien. Jahrbuch für Sprach-, Literatur- und Übersetzungswissenschaft. Bd. 10. Kairo, S. 806–812.