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Rosa LUXEMBURG, 1871–1919

Rosa Luxemburg in ihrer Berliner Wohnung, 1907
Rosa Luxemburg in ihrer Berliner Wohnung, 1907

Zu Leben und Werk Rosa Luxemburgs ist seit über hundert Jahren eine Fülle an Büchern und Aufsätzen erschienen: über die Nationalökonomin und SPD-Politikerin, die marxistische Theoretikerin und Vertreterin des proletarischen Internationalismus, über die Antimilitaristin, die Kritikerin und Bewunderin Lenins, das Gründungsmitglied der KPD, die Spartakistin und Märtyrerin der Novemberrevolution von 1918. Wenig beachtet wurde in der Forschung bisher die Schriftstellerin Rosa Luxemburg und fast gänzlich unbeachtet blieb ihre umfangreiche und vielschichtige Arbeit als Übersetzerin.

Dass Rosa Luxemburg auch als herausragende Schriftstellerin Anerkennung finden sollte, hat als erster Karl Kraus gefordert. 1920 trug er in Berlin eine längere Passage aus einem Brief vor, den Luxemburg 1917 aus dem Breslauer „Weibergefängnis“ an Sophie Liebknecht geschrieben hatte. Noch nie habe auf seinen Lesungen ein Text solch tiefen Eindruck gemacht wie dieses „im deutschen Sprachgebrauch einzige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung“. Luxemburgs Brief gehöre in deutsche Schulbücher aufgenommen, „zwischen Goethe und Claudius“ (Kraus 1920: 5).

Auch wenn sich manch anderer Leser ihrer Gefängnisbriefe von deren sprachlichem Reichtum und der in ihnen erkennbar werdenden „anderen“ Rosa Luxemburg anrühren ließen (etwa Paul Celan oder Johannes Bobrowski), hat sich Kraus’ Forderung, sie als bedeutende Schriftstellerin ernst zu nehmen, nicht durchgesetzt. Die Beschäftigung mit ihrem Leben und Werk blieb auf das Politische fixiert (vgl. Badia 22002).

Der Revolution von 1918 verdankte Rosa Luxemburg das Ende ihrer seit April 1915 andauernden Haftzeit bzw. „Sicherheitsverwahrung“. Am 8. November 1918 wurde sie aus dem Gefängnis entlassen. Zwei Tage später war sie zurück in Berlin, wo sie, nach der Niederschlagung des Spartakusaufstands, am 15. Januar 1919 ermordet wurde.

Drei Jahre und vier Monate hat Luxemburg während des ersten Weltkriegs in Haftanstalten verbracht. Diese Zeit nutzte sie „zum Lesen, Denken und Schreiben“, wie es in einem ihrer ersten Gefängnisbriefe heißt (GB V, 51). Was sie in diesen Jahren gelesen, worüber sie nachgedacht und was sie geschrieben hat, wurde anhand ihrer in den Werkausgaben veröffentlichten Texte untersucht. Regelmäßig übersehen wird dabei jenes Buch, an dem sie vom Sommer 1916 bis zum Herbst 1918 gearbeitet hat: die 554 Druckseiten umfassende deutsche Version des zwischen 1906 und 1908 entstandenen ersten Bandes der Erinnerungen von Wladimir Korolenko.[1] Die 1919 bei Paul Cassirer in Berlin erschienene Geschichte meines Zeitgenossen wurde ebensowenig in Luxemburgs Gesammelte Werke aufgenommen wie ihre Prosa-Übersetzungen aus dem Französischen[2]. Dies zeugt von einer bestimmten Werk-Vorstellung der Herausgeber, einer Vorstellung, wonach Übersetzungen nicht zum Œuvre jener Personen gehören, die sie geschrieben haben.

Rosa Luxemburg war für übersetzerische Vorhaben gut gerüstet. Das ergibt sich aus ihrer Sprach- und Topobiographie: In ihrer aus der jüdischen Gemeinschaft stammenden, stark assimilierten Familie wurde Polnisch gesprochen und eifrig deutsche Literatur gelesen, vor allem Schiller. Die Schule besuchte sie in Warschau, Unterrichtssprache dort war Russisch. Schon mit neun Jahren soll sie russische und deutsche Gedichte ins Polnische übertragen haben (Nettl 1968: 67; Laschitza 2000: 25). Ihr Abiturzeugnis bescheinigte der 17-jährigen für die Sprachen Polnisch, Russisch, Deutsch und Französisch sehr gute Kenntnisse. Von 1889 bis 1898 lebte sie in Zürich, studierte dort in der Fremdsprache Deutsch, ging 1894 für ein Gastsemester nach Paris, kam 1898 nach Berlin, war 1905/06 für ein Dreivierteljahr in Polen, Russland und Finnland. Reisen führten sie zwischen 1900 und 1914 immer wieder von Berlin ins Ausland, etwa zu den Sozialistenkongressen in Paris, London, Amsterdam, Kopenhagen und Brüssel. Auf dem Stuttgarter Kongress (1907) dolmetschte sie auf einer Massenveranstaltung die Ansprache des französischen Antimilitaristen und Antinationalisten Gustave Hervé. Als Hervé den deutschen Genossen vorwarf, dass sie Angst vor dem Gefängnis hätten, unterbrach ihn zur allgemeinen Heiterkeit seine Dolmetscherin Luxemburg (die 1904 in Zwickau und 1906 in Warschau selbst im Gefängnis gesessen hatte) mit einem „Non!“ (Hirsch 1969: 81).[3]

Neben der Muttersprache Polnisch dürfte das Deutsche mit der Zeit ihre stärkste Sprache geworden sein, beide Sprachen benutzte sie für ihre Publikationen, Briefe schrieb sie auch auf Russisch und Französisch. Kenntnisse im Englischen muss sie nebenher erworben haben, für ihre Dissertation benutzte sie bereits englische Fachliteratur und später las sie eine Fülle englischer Romane im Original.

Noch während ihres Studiums hat Rosa Luxemburg mit der Arbeit als Redakteurin begonnen, zuerst für die 1893 bis 1896 im Pariser Exil produzierte Monatsschrift Sprawa Robotnicza („Arbeitersache“). Und gleich zu Beginn dieser Arbeit wird ein charakteristischer Zug ihres Wirkens erkennbar: Sie will ihre Leser auch über Vorgänge in anderen Ländern ins Bild setzen. „Ich will noch eine Spalte für kleine Notizen aus dem Französischen haben,“ schreibt sie am 11. März 1894 aus Paris an ihren Mentor, Mitstreiter und langjährigen Geliebten Leo Jogiches (GB I: 15). Auch sonst ist in den auf Polnisch geschriebenen, oft mit russischen Einsprengseln durchsetzten Briefen an Jogiches häufig von Übersetzungen aus dem Französischen, Russischen und Deutschen die Rede. Am 12. März 1894 z. B. heißt es:

Ich habe beschlossen, […] zur Abwechslung die Übersetzung eines Artikelchens von [Jules] Guesde […] zu bringen und eine kleine Notiz über die Frauen zu schreiben. Zusammen eine Spalte. Das wird die Nummer beleben, nicht wahr? (GB I: 17)

Kontinuierliches translatorisches Handeln prägt auch ihre Ende der 90er Jahre einsetzende Mitarbeit an Zeitungen der SPD. Mit einer regelrechten Internationalisierungskampagne beginnt sie 1898 in der Sächsischen Arbeiter-Zeitung. Sie berichtet über die Sozialdemokratische Bewegung in den litauischen Gouvernements Rußlands (GW VI: 111–113), über das „kleinliche, gehässige System der Germanisierung“ im Posener Gebiet (GW VI: 117f.), mehrmals über die Dreyfus-Affäre in Frankreich oder über das Wiedererscheinen sozialistischer Zeitungen in Italien (GW VI: 169f.). Manche dieser Auslandsberichte sind überwiegend wortwörtliche Übersetzungen, etwa ihr Text Der Sozialismus auf Guadeloupe über den „Vollblutneger“ Jean Hégésippe Legitimus, durch dessen Wahl in die französische Nationalversammlung „der Sozialismus in der Kolonie festen Fuß gefaßt hat [und] zu einer Macht geworden ist“ (GW VI: 129). Luxemburgs Beitrag besteht zu 3/5 aus einer (von ihr als direktes Zitat kenntlich gemachten) Übersetzung eines in der Reveil du Nord erschienenen Artikels. Genauso verfährt sie in dem Bericht Murawjew in Paris, nur dass es dieses Mal keine französischen, sondern russische Zeitungstexte sind, aus denen sie für die Sächsische Arbeiter-Zeitung übersetzt (GW VI: 239f.). Gleich 9/10 des Beitrags Antonio Labiola über Bernstein wurden von ihr aus dem Französischen übernommen (GW VI: 262–265).

Umfang und Intensität dieser translatorischen bzw. kulturvermittelnden Aktivitäten sind bisher kaum wahrgenommen, geschweige denn analysiert worden, auch weil die entsprechenden Texte nicht gesammelt und ediert waren bzw. sind. Undeutlich bleibt daher bis heute, wie stark Luxemburg stets für mindestens zwei Adressatenkreise geschrieben hat, einen deutschsprachigen und einen polnischsprachigen. Für die in Krakau zwischen 1902 und 1910 erscheinende Monatsrevue Przegląd Socjaldemokratyczny hatte sie den Ehrgeiz, „in jeder Nummer einen Artikel der namhaften Vertreter der Auslandsparteien“ zu bringen (GB VI: 161) und oft war sie es selbst, die diese Texte übersetzte. Durch die Auswahl der Beiträger, der Themen und deren Perspektivierung wollte sie auch ihre eigenen Positionen innerhalb der SPD stärken, etwa in der Frage des Massenstreiks, des Revisionismus, des Kolonialismus, des Nationalismus usw.

Dass sie durch Herkunft und Bildungsgrad (promovierte Frau in einem Land, in dem das Frauenstudium noch nicht möglich war), durch ihre Vielsprachigkeit und gelebte Interkulturalität im patriarchalischen Milieu der deutschen Sozialdemokratie seit ihrem ersten furiosen Auftritt auf dem Stuttgarter Parteitag im Oktober 1898 eine ebenso bewunderte wie kritisch beäugte Ausnahmeerscheinung blieb – vgl. neben den Standardbiographien auch Brandt 1990 –, bedarf kaum weiterer Erforschung. Jedoch könnte ihr Gesamtwerk aus translationshistorischer Perspektive neu gesichtet werden. Es ließe sich dann fragen, was sie eigentlich wann für wen und mit welcher Absicht übersetzt hat. Hierfür muss mit einem relativ weiten (wenn auch nicht kulturwissenschaftlich-metaphorischen) Übersetzungsbegriff gearbeitet werden, schon weil sich z. B. in ihren Auslandsberichten die Grenzen zwischen wörtlicher Wiedergabe, Paraphrase und kommentierender Zusammenfassung nicht immer klar erkennen lassen.

Analoges gilt für ihre 1898 in Leipzig veröffentlichte Abhandlung Die industrielle Entwicklung in Polen (GW I: 112–216). Denn auch diese Züricher Dissertation ist ein Resultat umfangreicher translatorischer Tätigkeit. Ziel der Doktorarbeit war es, westeuropäische Wissenschaftler, aber auch Politiker mit der industriellen Entwicklung im „russische[n] Hauptteil Polens“ vertraut zu machen – ausgehend von der Grundannahme, „daß die politische Physiognomie, die historischen Schicksale eines Landes für uns ein Buch mit sieben Siegeln (sind), wenn wir nicht sein wirtschaftliches Leben mit allen sich daraus ergebenden sozialen Folgen kennen“ (GW I: 115). Und dieses „wirtschaftliche Leben“ wird von ihr für die Jahre 1850 bis 1896 aus einer Fülle polnischer und russischer Quellen dargestellt, aus „vielfach einander widersprechenden statistischen Werken, polemischen Broschüren, Zeitungsnotizen, offiziellen und nicht offiziellen Berichten“ (GW I: 116). Durch die nationalökonomische (und wie man aus heutiger Sicht hinzufügen müsste: auch kulturwissenschaftlich-diskursorientierte) Analyse kann sie die immer enger werdende Verflechtung zwischen der polnischen und russischen Industrie aufzeigen. Das politische Ziel der polnischen „Bourgeoisie“ sei keineswegs die nationale Unabhängigkeit, sondern „die völlige Verzichtleistung auf die nationale Freiheit für das Linsengericht der russischen Absatzmärkte“ (GW I: 194). Die Interessengleichheit der polnischen und russischen Unternehmer werde dann allerdings auch – so heißt es, gut marxistisch prophezeit – ein „Endresultat“ erzeugen, das

in gleichem Maße von der russischen Regierung, der polnischen Bourgeoisie und den polnischen Nationalisten außer acht gelassen wird: die Vereinigung des polnischen und des russischen Proletariats zum künftigen Syndikus bei dem Bankrott zuerst der russischen Zarenherrschaft und dann der polnisch-russischen Kapitalherrschaft. (GW I: 211)

Für das letzte Kapitel ihrer Dissertation befasste sich Luxemburg mit den „ökonomischen Interessen Rußlands im Orient“, wo man „sich bereits auf den Weltmarkt hinauswagen und selbst den anderen kapitalistischen Nationen [England, Frankreich, Deutschland; AFK] auf fremdem Boden die Stirne bieten“ wolle (GW I: 198). Dass der Wettkampf der europäischen Mächte um globale Absatzmärkte schließlich in einen militärischen Konflikt, in einen weltweiten Krieg münden muss, sagt die Dissertation von 1898 noch nicht. Aber dieses Thema wird Luxemburg in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen, einschließlich der Frage, wie sich die europäischen Arbeiterparteien – mit dem Vorstand der mächtigen SPD an ihrer Spitze – angesichts dieser Bedrohung verhalten müssten.

Als es zum Schwur kam, in der Berliner Reichstagssitzung am 4. August 1914, wurde die jahrzehntelang hochgehaltene antikapitalistische und antinationalistische Losung von den Proletariern aller Länder, die sich vereinigen sollten, beiseite geschoben. Damit war die „Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie“ besiegelt, „ein Unglück für die Menschheit“ – so Luxemburg in ihrer 1916 veröffentlichten Junius-Broschüre (GW IV: 49–164, hier 53), die die Mär von der „Verteidigung des Vaterlandes“ zu widerlegen versucht und den „chauvinistischen Rausch“, das „Delirium des Nationalismus“ (ebd. 119) beschreibt sowie den Preis benennt: „Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen“ (ebd. 163).

Korolenko_Umschlag
Umschlag der 1970 im Frankfurter März-Verlag erschienenen Ausgabe der Geschichte meines Zeitgenossen in der Übersetzung von R. Luxemburg
Wie Nationalismus und Chauvinismus in das Denken und Fühlen eines einzelnen Menschen, eines sehr jungen zumal, einsickern können – das ist zentrales Thema in Korolenkos Erinnerungen. Aus der Perspektive des Kindes bzw. Gymnasiasten schildert er, wie sich „in meiner Seele ein ganz elementarer Kampf zweier verschiedener Strömungen ab(spielte): der romantisch-nationalistischen und der realistisch-sozialen“ (Korolenko 1919: 462). Nicht zuletzt dieser Aspekt dürfte es gewesen sein, der die Anti-Nationalistin Luxemburg dazu gebracht hat, das Buch zu übersetzen. In ihrer Einleitung zur Geschichte meines Zeitgenossen schreibt sie:

Korolenko ist eben seiner Abstammung nach Pole, Ukrainer und Russe zugleich, und schon als Kind mußte er dem Ansturm der drei „Nationalismen“ stand halten, von denen jeder ihm zumutete, „irgend jemanden zu hassen und zu verfolgen“. An der gesunden Menschlichkeit des Knaben scheiterten frühzeitig alle derartigen Versuchungen. Die polnischen Traditionen wehten ihn nur als letzter ersterbender Hauch einer geschichtlich überwundenen Vergangenheit an. Von dem ukrainischen Nationalismus fühlte sein gerader Sinn sich durch das Gemisch von maskeradenhaftem Geckentum und reaktionärer Romantik abgestoßen. Und die brutalen Methoden der offiziellen Russifizierungspolitik gegenüber den unterdrückten Polen wie den Unierten in der Ukraine waren eine wirksame Warnung vor dem russischen Chauvinismus für ihn. (Korolenko 1919: XXIX)[4]

Die einzelnen Etappen der Übersetzungsarbeit, das Drängen des Verlags und immer neue Verzögerungen (auch durch die Postzensur) lassen sich aus Luxemburgs Briefen rekonstruieren. Das viele Hin und Her hatte allerdings auch mit ihren Zweifeln zu tun, ob sie wirklich für das Übersetzen eines so anspruchsvollen literarischen Werks hinreichend gerüstet sei.

Urteile über die Qualität literarischer Übersetzungen finden sich in ihrer Privatkorrespondenz häufiger: Die Übersetzung „eines alten französischen Sonettbüchleins durch Rainer Maria Rilke“ bewertete sie 1918 als „meisterhaft“ (GB V: 389). Von einer Tyll Ulenspiegel-Ausgabe heißt es, dass „diese Übersetzung […] ein großes Kunstwerk“ sei (GB V: 366), eine Anna Karenina-Übersetzung hingegen fand sie „haarsträubend“ und sie holte dann auch noch, im November 1915, zu einem heftigen Rundumschlag aus:

Was ich irgend an Übersetzungen aus der russischen Literatur gelesen habe, es war immer ein arger Schund, denn diese Übersetzungen werden meist von russischen Hungerleidern mosaischer Konfession ausgeführt, die sich als solche einbilden, die deutsche Sprache zu kennen, dabei aber literarisch völlig ungebildet sind. (GB V: 88)

Literarische Unbildung, Nicht-Vertrautsein mit dem in der deutschen Literatur entwickelten Ausdrucksrepertoire, konnte man Luxemburg nicht nachsagen. Man mag zwar verblüfft sein über einzelne Lektüre-Lücken („Thomas Mann? Ich kenne noch nichts von ihm.“ 18. Februar 1917; GB V: 180) oder über ihre Ablehnung der Kunst der Moderne in Literatur und Malerei, aber mehr doch erstaunt (zumindest aus heutiger Sicht), was sie fortlaufend an literarischer Höhenkamm-Literatur auf Deutsch, Polnisch, Russisch, Französisch und Englisch gelesen hat und an Gelesenem parat hatte. Trotz dieser immensen Belesenheit und der aus ihr resultierenden literarischen Bildung hatte sie den Wunsch, ihre Korolenko-Übersetzung von Muttersprachlern gegenlesen zu lassen. Genutzt wurde dazu ein Freundes-Netzwerk, für dessen Funktionieren ihre Sekretärin Mathilde Jacob zuständig war. Am Ende allerdings wurde ihr die redigierende Zuarbeit der Freunde Luise Kautsky, Franz Mehring und Hans Diefenbach zu viel, sie wollte die Alleinherrschaft über ihr Werk zurückhaben. Ende Mai 1918 schrieb sie an Luise Kautsky:

Nun zu Korolenko […] Mit ist plötzlich klargeworden, daß ich es nicht zugeben darf, daß noch jemand an dem Manuskript feilt! Der Gedanke ist mir unerträglich, daß ich unter meinem Namen eine Arbeit herausgeben soll, die nicht bis zum Tipfelchen über dem i mein ist […] Ich will herauskommen telle quelle – mit allen Slawismen und sonstigen Schönheitsfehlern. Also bitte […] gib einfach den ganzen Kram […] an Cassirer zum Druck und vogue de la galère […] (GB V: 390f.)[5]

Der Name Korolenko wird in Luxemburgs Briefen am 9. August 1918 zum letzten Mal erwähnt, als sie Mathilde Jacob mehrere aus der Berliner Königlichen Bibliothek entliehene Bücher zurücksandte. Diese Bücher hatte sie für den im Juli 1918 entstandenen Einleitungs-Essay benötigt, in dem sie nicht nur Korolenkos Gesamtwerk und seinen Ort in der russischen Literatur zu beschreiben versuchte, sondern auch „das fein vibrierende soziale Gewissen“ (Korolenko 1919: XX) als Grundzug der russischen Literatur insgesamt charakterisierte. Wie stark dieser umfangreiche Essay durch den Blick auf aktuelle politische und soziale Entwicklungen (Stichwort: Russische Revolution) geprägt ist, zeigt ihr Vergleich zwischen Korolenkos Kindheits- und Jugenderinnerungen und Gorkis (1917 bei Ullstein in deutscher Übersetzung erschienener) Meine Kindheit:

[…] nur wer Gorkis Lebenserinnerungen gelesen [hat], kann seinen [des russischen Proletariats; AFK] wunderbaren Aufstieg aus dieser sozialen Tiefe zur vollen Sonnenhöhe moderner Bildung, genialer Kunst und einer wissenschaftlich fundierten Weltanschauung ermessen. Auch darin sind Gorkis persönliche Schicksale symbolisch für das russische Proletariat als Klasse, das sich mitten aus dem Rauhen und Krassen der äußeren Unkultur des Zarenreiches durch die harte Schule des Kampfes in erstaunlich kurzer Zeit von zwei Jahrzehnten zur geschichtlichen Aktionsfähigkeit emporgearbeitet hat. Sicher ein unbegreifliches Phänomen dies für alle Kulturphilister, die gute Straßenbeleuchtung, pünktlichen Eisenbahnverkehr und saubere Stehkragen für Kultur sowie fleißiges Klappern der parlamentarischen Mühlen für politische Freiheit halten. (Korolenko 1919: LII)

Der Abschnitt enthält ex negativo auch alles, was Luxemburg an der Führung der deutschen Sozialdemokratie zu kritisieren hatte: deren Nicht-Bereitschaft zum Kampf und zur Aktionsfähigkeit (Stichwort: Ablehnung des Massenstreiks, Bewilligung der Kriegskredite), deren Auffassung, auf parlamentarischem statt revolutionärem Weg die Interessen der Arbeiter durchsetzen zu können (Stichwort: Revisionismus) und deren nur noch rhetorische aber nicht mehr das tägliche politische Handeln leitende Ausrichtung an einer „wissenschaftlich fundierten Weltanschauung“ (Stichwort: faktische Leugnung des „Endziels“ Sozialismus und Akzeptieren des kapitalistischen Systems). Spürbar wird schließlich, wie fremd ihr – bei aller Bewunderung für die deutsche Höhenkamm-Kultur – die Deutschen und ihre Marotten (Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit usw.) geblieben waren. Wie ein Echo klingt ihr Spott über die „Kulturphilister“ auf das, was sie genau 20 Jahre zuvor, in einem ihrer ersten Briefe aus Deutschland, für Leo Jogiches formuliert hatte:

Hab keine Angst, ich werde mich hier schon nicht germanisieren, ich hasse Berlin und die Schwaben [ = Deutsche; AFK] aus ganzer Seele, der Schlag soll sie treffen. Aber deutsch quassele ich schon wie Bismarck selbst. (GB I: 131)

Die Veröffentlichung der Geschichte meines Zeitgenossen wurde am 11. Dezember 1918 im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel angekündigt (Feilchenfeldt/Brandis 22005: 277f.)[6], aber die Auslieferung des Buches verzögerte sich bis Ende März 1919, Rosa Luxemburg hat sie nicht mehr erlebt. Wie ihre Korolenko-Übersetzung in der Weimarer Republik rezipiert und unter welchen Bedingungen bzw. in welchen Kontexten die Geschichte meines Zeitgenossen nach 1945 mehrfach neu herausgegeben wurde – bis zu ihrem Ritterschlag durch die Aufnahme in die Weltliteratur-Bibliothek des Züricher Manesse-Verlags 1985, bleibt noch zu klären, ebenso die Frage, wie genau Rosa Luxemburg beim Übersetzen mit ihren jeweiligen Prätexten verfahren ist.

(Stand: März 2017)

 


[1] Gründlicher beschäftigt haben sich mit Rosa Luxemburg als Übersetzerin Erhard Hexelschneider (2004) und Andreas F. Kelletat (2016), speziell mit der Korolenko-Übersetzung auch Heinrich Riggenbach (1985).

[2] Im Oktober 1914 übersetzte Luxemburg die Erzählung Mateo Falcone von Prosper Mérimée. Sie erschien – ohne Angabe ihres Namens – in drei Ausgaben der Zeitschrift Für unsere Kinder. Beilage zur Gleichheit: Nr. 6/1914, 41–43, Nr. 7/1914, 49–52 und Nr. 8/1915, 57–59; zur Entstehung vgl. GB V, 13. – Ein Jahr später, im Oktober 1915, folgte die Übersetzung eines Abschnitts aus Les Dieux ont soif von Anatole France, die 1916 ebenfalls in einer Beilage (Für unsere Mütter und Hausfrauen) der von Clara Zetkin herausgegebenen Gleichheit veröffentlicht wurde. Vgl. Hexelschneider 2004: 146 f.

[3] Eine ähnliche Szene ist vom VI. Internationalen Sozialistenkongress in Amsterdam (August 1904) überliefert, auf dem Luxemburgs Opponent Jean Jaurès ziemlich spöttisch über Luxemburg sprach: „Als er seine Rede beendet hatte, war kein Übersetzer zur Hand. Da sprang Rosa auf und übertrug seine rhetorische Glanzleistung aus dem Französischen in ein ebenso vorzügliches Deutsch. Das war eine Geste von der Art – vouloir und pouvoir vereint –, wie sie die Zweite Internationale liebte (und wie man sie sich in Stalins Komintern einfach nicht vorstellen kann). Unter stürmischem Beifall dankte ihr Jaurès in wohlgesetzten Worten und meinte, daß ihre Solidarität stärker sei als alle Differenzen an der Oberfläche“ (Nettl 1968: 196).

[4] Das russische Original handelt zwar ausgiebig und in zahlreichen Abschnitten von dem starken Gegensatz zwischen Nationalem und Sozialem, aber dieser Gegensatz ist in der zitierten Textpassage nur in Luxemburgs Übersetzung explizit formuliert. Solche „Abweichungen“ vom Original dürften ein Spezifikum ihres als souverän zu charakterisierenden übersetzerischen Handelns sein.

[5] Von „einigen liebenswürdigen Fehlern der Übersetzerin“ Luxemburg spricht die erfahrene Russisch-Übersetzerin Heddy Pross-Weerth in ihrer Rezension der 1970 in Frankfurt/M. erschienenen Neuausgabe des Korolenko-Buches.

[6] Dort auch bibliographisch exakte Angaben zur Druckgeschichte der 1. und 2. Auflage sowie zur Aufnahme einzelner Kapitel der Einleitung bzw. der Korolenko-Übersetzung in Almanache und Zeitschriften des Cassirer-Verlags.

 

Literatur:

GB = Luxemburg, Rosa (1982–1993): Gesammelte Briefe Bd. I–V. Leitung der Redaktion: Annelies Laschitza und Günter Radzun. Berlin (DDR); Bd. VI. Hg. von Annelies Laschitza. Berlin.

GW = Luxemburg, Rosa (1970–1975 und 2014): Gesammelte Werke Bd. I–V. Leitung der Redaktion: Dr. Günter Radzun. Berlin (DDR); Bd. VI: 1893 bis 1906. Hg. u. bearb. von Annelies Laschitza und Eckhard Müller Berlin.

Badia, Gilbert (22002): Rosa Luxemburg. Aus dem Französischen von Klaus Fritz. In: Etienne François und Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte II. München. S. 105–121.

Brandt, Willy (1990): Rosa Luxemburg. In: Hans Jürgen Schultz (Hg.): Es ist ein Weinen in der Welt. Hommage für deutsche Juden unseres Jahrhunderts. Stuttgart. S. 100–119.

Feilchenfeldt, Rahel E. / Brandis, Markus (22005): Paul Cassirer Verlag. Berlin 1898–1933. Eine kommentierte Bibliographie. München.

Hexelschneider, Erhard (2004): Rosa Luxemburg und die Künste. Leipzig.

Hirsch, Helmut (1969): Rosa Luxemburg in Selbstzeugnissen und Bildern. Reinbek bei Hamburg.

Kelletat, Andreas F. (2016): Lesen, Denken und Schreiben – Rosa Luxemburg als Übersetzerin. In: Julia Richter u. a. (Hg.): (Neu-)Kompositionen. Aspekte transkultureller Translationswissenschaft. Liber amicorum für Larisa Schippel. Berlin. S. 151–178.

Korolenko, Wladimir (1919): Die Geschichte meines Zeitgenossen. Aus dem Russischen übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Rosa Luxemburg. 2 Bde. Berlin.

Kraus, Karl (1920): Vorlesungen (mit dem Brief Rosa Luxemburgs). In: Die Fackel 22 (1920), Nr. 546–550, Juli 1920, S. 5–9.

Laschitza, Annelies (2000): Im Lebensrausch trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Bibliographie. Berlin.

Nettl, Peter (1968): Rosa Luxemburg. Aus dem Englischen (1965) von Karl Römer. 2. Aufl. Köln, Berlin.

Pross-Weerth, Heddy (1970): Korolenko, Wladimir: Die Geschichte meines Zeitgenossen [Rezension]. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Juli 1970, Bilder und Zeiten, S. 5.

Riggenbach, Heinrich (1985): Zu unserer Ausgabe. In: Wladimir Korolenko: Die Geschichte meines Zeitgenossen. Aus dem Russischen übersetzt von Rosa Luxemburg. Zürich. S. 631–647.