Germersheimer ÜbersetzerlexikonGermersheimer Übersetzerlexikon

Wilhelm Christhelf Siegmund MYLIUS, 1754–1827

Wilhelm C. S. Mylius (Radierung von Daniel Berger. In: Litteratur- und Theaterzeitung für das Jahr 1784)
Wilhelm C. S. Mylius (Radierung von Daniel Berger. In: Litteratur- und Theaterzeitung für das Jahr 1784)

Wilhelm Christhelf Siegmund Mylius war ein bedeutender Übersetzer. Dass er heute selbst unter Experten für die Literaturgeschichte des 18. und frühen 19. Jahrhunderts kaum noch bekannt ist, dürfte daran liegen, dass er – anders als übersetzende Dichter oder Gelehrte wie Lessing oder Gottsched – ein hauptberuflicher Literaturübersetzer war. Für diese Gruppe aber gibt es in unseren Literatur- und Kulturgeschichten bisher keinen angemessenen Ort.

Über Myliusʼ Vita gibt es nur wenige verlässliche Informationen. Sein Geburtsdatum wird im Killy Literaturlexikon mit „2.5.1754 (1753?) Berlin“ angegeben (Meier/Marquart 2010: 478), in älteren Quellen (z. B. Neuer Nekrolog der Deutschen 1829: 343; Goedeke 1862: 1045) wird meist 1753 als Geburtsjahr genannt. Der als „Lessings Vetter“ bekannt gewordene Gelehrte, Schriftsteller und Übersetzer Christlob Mylius (1722–1754) wird in der Neuen Deutschen Biographie (Jäger 1997) als Myliusʼ Onkel bezeichnet, bei Wikipedia dagegen als Myliusʼ Vater. Gesichert scheint zu sein, dass Mylius zunächst in Berlin ein Jurastudium begann und 1774 nach Halle wechselte, wo er den Librettisten und Dramaturgen Johann Friedrich Schink kennen lernte. Er brach das Studium ab, kehrte nach Berlin zurück und machte sich als Literaturübersetzer selbständig. Daneben war er auch als Herausgeber (u. a. von Voltaires Schriften) tätig und schrieb Beiträge für verschiedene Zeitschriften, u. a. die Gelehrte Frauenzimmerzeitung und die Literatur- und Theaterzeitung (Goedeke 1916: 603). Die Übersetzertätigkeit war jedoch seine Haupteinnahmequelle, so dass man ihn mit Recht als „professionellen Übersetzer“ (Quester 2006: 165) bezeichnen kann. Er kam zu einem gewissen Vermögen, besaß in Berlin ein Haus am Schlossplatz, das er jedoch während der Napoleonischen Kriege 1806 weit unter Wert verkaufen musste (Neuer Nekrolog der Deutschen 1829: 343). Mylius starb am 31.03.1827 unverheiratet und verarmt in seiner Geburtsstadt Berlin. Wie es um die materiellen Lebensbedingungen des alternden professionellen Übersetzers Mylius bestellt war, lässt der 1829 erschienene Nachruf erkennen:

Der Verewigte hat sich durch die Uebersetzung des Gil Blas, des Candide, des Faschingkindes, des Peregrine Pickle, des Roderich Random und änhlicher der bessern alten Romane der Franzosen und Engländer bekannt gemacht. Er starb an einem Schlagfluß im Alter von 73 J. […] Er hatte das traurige Loos so vieler Gelehrten, daß er die letzten Jahre seines Lebens unter Sorgen und Mühseligkeiten schwinden sah. Eine zweite, selbst dritte Generation war herangewachsen, er war ver- oder ungekannt und nur Wenige schenkten ihm ihre Teilnahme […], aber er hätte es unstreitig verdient, daß man den trüben Abend seines Lebens durch größere Anerkennung dessen, was er früher geleistet, erheitert hätte. Diese Handlungsweise steht in einem schneidenden Contrast mit einem Zeitalter, wo Gemüthlichkewit das Paradewort ist. Hier hätte man sie zeigen sollen! (Neuer Nekrolog der Deutschen 1829: 343f.)

Mylius übersetzte in den Jahren 1777 bis 1804 mehr als 35, z. T. mehrbändige Monographien sowie mehrere kürzere Texte für Periodika. Als Ausgangssprache dominiert das Französische, mit Abstand gefolgt vom Englischen. Vereinzelt finden sich auch Übersetzungen aus dem Lateinischen. Im Folgenden werden einige wichtige Texte, nach Gattungen gegliedert, vorgestellt:

1. Literarische Übersetzungen im engeren Sinn (Belletristik).

2. Übersetzungen literarisch-philosophischer Texte der Aufklärung.

3. Nichtliterarische Übersetzungen.

4. Äußerungen zum Übersetzen.

1. Bei den literarischen Übersetzungen im engeren Sinn fallen einige Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts auf, von denen Mylius mehrere Theaterstücke (meist Komödien), Romane oder Erzählungen übersetzt hat (vgl. Bibliographie). Aus dem Französischen: Molière, Rétif de la Bretonne, Crébillon fils, Destouches, Lesage, Pigault-Lebrun, Hamilton, Laveaux. Aus dem Englischen: Smollett.

Auch wenn die Übersetzungen aus dem Englischen zahlenmäßig in der Minderheit waren, erwiesen sich insbesondere die Übersetzungen Smollets als wirtschaftliche Erfolge und steigerten Myliusʼ Bekanntheitsgrad (vgl. Willenberg 2008: 222). Und dies, obwohl Mylius darauf verzichtet hatte, Kürzungen zum Dienste der leichteren Lesbarkeit vorzunehmen, wie er in der Vorrede seiner Übersetzung von Roderick Random betonte: „Wer bei der Lesung dieser Scenen Anwandlungen von Langeweile fühlt, kann ja die wenigen Blätter leicht überschlagen“ (zit. nach Willenberg 2008: 295).

Neben der Übersetzung von Einzeltiteln fallen mehrere Sammelbände auf, wie z. B. die gemeinsam mit August Gottlieb Meißner (1753–1807) herausgegebenen Sammlungen Destouches für Deutsche (1779) und Molière für Deutsche (1780). Myliusʼ eigene Handschrift zeigt sich insbesondere auch in der sechsbändigen Anthologie Kleine Romane, Erzählungen und Schwänke. Aus verschiedenen Sprachen (1782–1789). Diese Anthologie enthält u. a. Übersetzungen von Texten von Voltaire, Gueullette, James Cook sowie mehrere anonyme Texte. Auch hier dominiert als Ausgangssprache das Französische, gefolgt vom Englischen. Im Vorbericht zum ersten Band betont Mylius die unterhaltende Funktion seiner Anthologie und grenzt diese von anderen Veröffentlichungen ab:

Man hat unter mancherlei Titteln verschiedne Samlungen der Art, aeltere so wol als neuere, die aber nicht viel Glueck gemacht, nicht lange Dauer gehabt haben, woran vermute ich weniger der Kaltsin des Publikums für diese Bastardarten der Geschichte, als die Auswal und der Vortrag schuld sind; einigen davon ist wol auch die Abweichung vom Plane nachtheilig gewesen, indem die Zusammentrager und Dolmetscher statt der versprochenen kleinen ergezenden Geschichten vielbaendige, langweilige Romane geliefert haben. Allʼ diese Fehler werdʼ ich moeglichsten Fleißes zu vemeiden suchen, und hauptsaechlich dafuer sorgen, daß meine Leser Abwechslung und bei bekanten Stuecken minderbekante, vielleicht auch voellig unbekante finden. (Mylius 1782: I–II)[1]

Bei einigen Texten der Anthologie hat der Übersetzer und Herausgeber Umgestaltungen vorgenommen. Dies gilt z. B. für einen Text aus Thomas-Simon Gueulettes Märchensammlung Mille et un quarts d’heures, contes tatares, bei dem Mylius u. a. folgende Änderungen vornahm:

Die deutsche Version bearbeitet sowohl die mehrteilige Form, die niedrige Stilebene und den schwankartigen Charakter der Erzählung. Die Folgen werden zu einer zusammenhängenden Handlung verschmolzen, der Erzählrahmen verschwindet. Ornamentale Exkurse des Originals über die Stadt und die Familien der Protagonisten, die orientalisches Kolorit verleihen, werden größtenteils gestrichen. (Quester 2006: 201)

Myliusʼ Molière-Versionen nehmen meist den Charakter einer Farce oder Posse an (vgl. Bitterling 1911: 11f.). So wird die Komödie Le Médecin malgré lui bei Mylius zu der Posse Hanswurst Doctor nolens volens (1777).

In anderen Übersetzungen griff Mylius weniger stark ein. Als Beispiel sei seine Version des Ritterromans Amadis aus Gallien genannt, die der verwendeten französischen Vorlage, der Traduction libre d’Amadis de Gaule von Tressan (1779) nach Barbers Darstellung sehr eng folgt: „Mylius’ translation is virtually interchangeable with Tressan’s adaptation“ (Barber 1982: 7).

Die zeitgenössische Kritik bewertete Myliusʼ Übersetzungen meist anerkennend. Beispielhaft sei ein Zitat aus den Büsten berlinischer Gelehrter und Künstler (1789) wiedergegeben:

Keine Stelle ist von dem Herrn Mylius verunglückt dargestellt, und viele sind verschönert worden. Seine Übersetzungen lesen sich wie Originale und beweisen seine große Kenntnis mit dem eigenthümlichen Geist beider Sprachen. (Zit. nach Maier 1909: 12)

Interessant ist ferner, dass Mylius in einigen seiner frühen Veröffentlichungen das Pseudonym Görg Bider verwendete. Wie der folgende Titel der 1777 in einem parodistisch altertümelnden Deutsch erschienenen Übersetzung von Erzählungen Antoine Hamiltons zeigt, nahm Mylius dadurch gleichsam eine andere Identität an:

Drei hüpsche kurzweilige Märlein. Gestellt und beschrieben durch’n Grafen Anton Hamilton. Nunmero aber ihro sonderbaren Lieblichkeit halber aus dem Franzschen ins’s Teutsche gedolmetscht, durch Görg Bider, dermalen Boten zu Lauchstädt, weiland erbern Schustergesellen. (Goedeke 1916: 634)[2]

2. Eine besondere Stellung im übersetzerischen Œuvre Myliusʼ nehmen Texte aus der französischen Aufklärung ein, darunter mehrere Texte Voltaires. Bereits 1778 publiziert Mylius eine Übersetzung der philosophischen Erzählung Candide (Kandide, oder: Die beste Welt). Diese Übersetzung ist der mit Abstand meist verbreitete Text Myliusʼ. Sie wurde in jüngster Zeit mehrfach neu aufgelegt, darunter auch in elektronischer Form sowie als Hörbuch (vgl. Bibliographie). Im Vergleich zu den oben genannten, belletristischen Übersetzungen, die vor allem unterhalten sollten und häufig gekürzt oder inhaltlich bearbeitet waren, wirkt Mylius Candide-Übersetzung eher philologisch. Auffällig sind vor allem die ab der dritten, überarbeiteten Auflage (1785) stark vermehrten Anmerkungen des Übersetzers. Zum einen finden sich Anmerkungen zu verschiedenen Fachausdrücken, wie im folgenden Beispiel zu dem Ausdruck Familiar (frz. familier) im Kontext der Inquisition:

Neben ihm sas ein schwarzrökkiges Männlein, ein Familiar der heiligen Inquisition.[...]

 

[Anmerkung:] Familiar ist bei den Ober- und Generalinquisitionsgerichten zu Lissabon und Madrid eine Person, die sich von diesen Gerichten theils als Kundschafter, theils als Volzieher ihrer Befehle gebrauchen lässt. In Spanien ist’s eine Bedienung, welche selbst Leute vom Stande als eine vorzügliche Ehre betrachten, indem niemand dazu gelangt, der nicht beweisen kann, daß er ein alter Christ und von reinem Blute sei, d. i. weder von Mauren noch von Juden abstamme. Dies ist nichts weiter als ein Ehrentitel. (Voltaire 1785: 30f.)

Zum anderen finden sich aber auch Anmerkungen, die sich auf zielsprachliche Ausdrücke beziehen und somit als Begründung einer übersetzerischen Entscheidung dienen, wie in den folgenden Beispielen, in denen Mylius die Verwendung von Regionalismen erläutert (die von der zeitgenössischen Kritik als „Provinzialwörter“ kritisiert wurden):

Unter der Zeit hat es manch Gekrette gegeben.

 

[Anmerkung:] Gekrette in der alten Sprache ein heftiger Wortwechsel, ist noch in Niedersachsen üblich. (Voltaire 1785: 43)


Ich habe statt ihrer weiter nichts gefunden als eine Flirtje und einen Abee Périgourdin.

 

[Anmerkung:] Flirtje, Niedersächsischer Ausdruck der den Grisette der Franzosen völlig entspricht. (Voltaire 1785: 164f.)

In den Jahren 1786 bis 1796 gab Mylius die 29-bändige Werkausgabe Voltaire’s sämmtliche Schriften heraus. Seinen Anteil an der Ausgabe beschreibt Goedeke (1916: 603) wie folgt: „M. ist Revisor des Werkes; übersetzt hat er Bd. 1/3, 20/1, 24/6; außerdem trug er die Anmerkungen zusammen.“ Ein langfristiger Erfolg war dabei insbesondere der Erzählung Zadig oder das Verhängnis. Eine morgenländische Geschichte beschieden, die noch 2015 in Myliusʼ Übersetzung neu aufgelegt wurde.

Eine weitere wichtige Übersetzung eines französischen Aufklärers ist die Übersetzung von Diderots Roman Jacques le Fataliste et son maître, die 1792 unter dem Titel Jakob und sein Herr. Aus Diderots ungedrucktem Nachlasse erschien. Der französische Ausgangstext, der erst 1796 postum in vollständiger Form erscheinen sollte, war bis dahin erst in einer vorläufigen Fassung in der Zeitschrift La Correspondance littéraire (1778–1783) erschienen. In der mit „M.“ signierten Vorrede der Übersetzung finden sich folgende Angaben zur Entstehungsgeschichte:

Jacques le Fataliste gehört unter die schätzbaren Stücke von Diderot’s ungedrucktem schriftstellerischen Nachlasse. Schwerlich möchte dieser kleine, philosophische Roman, je in der Ursprache gedruckt werden. Es existiren zwar wohl zwanzig Abschriften davon in Deutschland; allein sie existiren nur als ein heiliges, nie durch öffentlichen Druck zu veräußerndes dépot. Dem Übersetzer ist eine Abschrift zum Behuf seiner Übersetzung bloß unter dem feyerlichen Versprechen mitgetheilt worden, das französische Original nie der Presse zu übergeben. (Diderot 1793: Bd. 1, S. 3f.)

Es handelt sich also nicht nur um die erste vollständige Übersetzung in deutscher Sprache, sondern auch um eine Übersetzung, die vor dem Original gedruckt worden ist. Myliusʼ Übersetzung wurde, vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts, zahlreiche Male neu aufgelegt, inzwischen auch in digitaler Form (vgl. Bibliographie).

Ein weiteres Übersetzungsprojekt aus dem Umfeld der Aufklärung ist die Übersetzung der im Original auf Französisch erschienenen Werke Friedrichs II., die in den Jahren 1782 bis 1791 unter dem Titel Des Philosophen von Sanssouci sämtliche Werke. Neu übersetzt in zwölf Bänden erschien.

3. Abgesehen von den bereits erwähnten philosophischen Texten hat Mylius – gemessen am beträchtlichen Umfang seines Werks – nur wenige nichtliterarische Übersetzungen veröffentlicht. Bereits 1781 übersetze Mylius ein interessantes zeitgeschichtliches Dokument, die Rechnung seiner Finanzverwaltung Sr. Majestät dem König von Frankreich abgelegt von Jacques Necker, dem Finanzministers Ludwigs XVI.

Myliusʼ umfangreichste nichtliterarische Übersetzung ist die Übersetzung eines Reiseberichts des französischen Historikers Chantreau: Rußland aus philosophischem, historisch-statistischem und litterarischem Gesichtspunkt betrachtet auf einer Reise durch dies Land in den Jahren 1788 und 1789 (1794–1795, 3 Bde.). Nach Angaben von Chantreau beruht der französische Text auf einer nicht näher genannten niederländischen Vorlage.

4. Abhandlungen zum Thema Übersetzen hat Mylius nicht veröffentlicht. Gelegentliche übersetzungspoetologische Äußerungen finden sich in den Vorreden einiger Übersetzungen, besonders ausführlich in der Vorrede zu seiner bereits erwähnten Candide-Übersetzung. Knufmann zitiert die folgende Passage aus der Vorrede zur zweiten Auflage dieser Übersetzung (1782):

Ich glaube festiglich, daß ein Übersezer sich aufs genaueste an dem Originale halten, jede Wendung, jeden figurlichen Ausdruk desselben treulich übertragen mus, wenn jene dem Genius der Sprache nur nicht ganz und gar zuwider streitet, oder dieses etwas für den Geschmak seines Volks empörendes hat, das er sich nicht erkühnen darf, weder aufzuhellen, was der Autor in rätselhaftes Dunkel gehüllet hat, noch zu schwächen, wo er nervös, noch zu stärken, wo er matt ist, es sei denn, daß die Sprache ganz unüberwindliche Hindernisse ihm in den Weg legte, daß er das, was er an einem Orte schlechterdings zu geben nicht im Stande gewesen ist, auf eine andre Art wiedereinbringen mus z. B. Wortspiele u.d.g., und schlüslich, daß er stets den Engländer, Franzosen, Italiener oder Spanier mus durchschimmern lassen. Die allerpünktlichste Treue mus immer das Hauptgesetz sein. Mir dünkt’s nie ein Kompliment für eine Übersezung, wenn es heist, sie läss‘t sich völlig wie ein Original lesen; es ist dies ein sicherer Beweis, daß alle Nationaleigenheiten des Autors daraus glatt weggewischt sind... Ich verlange ferner, daß der ganze Sprachschaz ihm uneingeschränkt zu Gebote stehe, er mus nach seinen Bedürfnissen daraus wählen dürfen, Provinzialismen und Obsoleten, Sprüchwörter und Wortspiele, gleich viel, ob Schwabe, Österreicher oder Schweizer oder Niedersachse sie gebrauchet, sobald sie nur in seinen Kram taugen. Hierbei mus aber freilich glükliche Untermischung und weise Sparsamkeit sein Hauptaugenmerk sein. (Zit. nach Knufmann 1967: 2691)

Bemerkenswert an diesem „Glaubensbekenntnis“ (Knufmann 1967, 2691) ist insbesondere, dass mehrere Forderungen, insbesondere diejenige nach dem „Durchschimmern“ ausgangssprachlicher Strukturen, bereits auf die romantische Übersetzungstheorie verweisen, mehr als 30 Jahre vor Schleiermacher. Was die Forderung bezüglich des Ausnutzens des Potenzials der Zielsprache angeht, so wendet sich Mylius hier dezidiert gegen zeitgenössische Kritiker, die aus puristischen Gründen die Verwendung von Neologismen und „Provinzialwörtern“ in Übersetzungen kritisierten (vgl. Maier 1909, 12ff.)

Eine umfassendere Studie zu Myliusʼ beeindruckendem übersetzerischen Werk steht noch aus. Hilfreich hierfür wäre eine möglichst vollständige Digitalisierung seiner Übersetzungen.

(Stand: Mai 2018)

 


[1] Das Anthologie-Projekt scheint bei den Zeitgenossen Anerkennung gefunden zu haben. In einer Kurzbesprechung des 4. Bandes hieß es 1784: „Herr Mylius ist der Sammler. Ein guter Bürge für den Leser. Er, vereint mit den trefflichsten Uebersetzern, einem Reichardt, und andern, tischt hier wahre geschmackvolle Speisen auf, die jedem genießlich und behaglich seyn werden […] Mikromegas, von Voltaire. Treflich verdeutscht“ (Allgemeines Verzeichnis neuer Bücher 1784: 761).

[2] Der Titel erinnert an Friedrich Nicolais ebenfalls 1777 erschienenen, gegen Herder gerichteten Band Eyn feyner kleyner Almanach vol schönerr echterr liblicher Volckslieder, lustigerr Reyen vnndt kleglicherr Mordgeschichte, gesungen von Gabriel Wunderlich weyl. Benkelsengernn zu Dessaw, herausgegeben von Daniel Seuberlich, Schusternn zu Ritzmück an der Elbe. Bedrlynn unnde Stettynn 1777.

 

Literatur:

Allgemeines Verzeichnis neuer Bücher mit kurzen Anmerkungen. Achten Bandes 1. Stück. Leipzig: Siegfried Lebrecht Crusius 1784.

Barber, Sigmund John (1982): The „Amadis de Gaule“ of the Comte de Tressan and W.C.S. Mylius: An Analytical Comparison of the Sixteenth and Eightteenth Century „Amadis“ Editions. Ann Arbor (Michigan): University Microfilms International.

Bitterling, Richard (1911): Joh. Fr. Schink. Ein Schüler Diderots und Lessings. Beitrag zur Literatur- und Theatergeschichte der deutschen Aufklärung. Leipzig und Hamburg: Voss.

Diderot, Denis (1793): Jakob und sein Herr. Aus Diderots ungedrucktem Nachlasse. [Übers.: Wilhelm Christhelf Siegmund Mylius.] Hohenzollern [= Wien]: Wallishausser (2 Bde.).

Goedeke, Karl (1916): Grundrisz zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen. Dritte, neu bearbeitete Auflage. Bd. 4/1. Dresden: Ehlermann.

Jäger, Hans-Wolf (1997): Mylius, Christlob. In: Neue Deutsche Biographie 18, 1997, S. 666–667, ‹https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858605X.html› (1. März 2018).

Knufmann, Helmut (1967): Das deutsche Übersetzungswesen des 18. Jahrhunderts im Spiegel von Übersetzer- und Herausgebervorreden. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel – Frankfurter Ausgabe, Nr. 91, 1967, S. 2676–2716.

Maier, Albert (1909): Das Glossar zu den Märlein des Mylius [1777]. Ein wortgeschichtlicher Kommentar. Bonn: Georgi.

Meier, Andreas/Marquart, Lea (2010): Mylius, Wilhelm Christhelf Siegmund. In: Kühlmann, Wilhelm (Hg.): Killy Literaturlexikon. Berlin: De Gruyter, Bd. 8, S. 478–479.

Mylius, Wilhelm Christhelf Siegmund (1982): Vorbericht. In: Kleine Romane, Erzählungen und Schwänke. Aus veschiednen Sprachen. Berlin: Himburg, Bd. 1, S. I–VIII.

Neuer Nekrolog der Deutschen. Ilmenau: Voigt, Bd. 5/1, 1829, S. 343–344.

Quester, Yong-Mi (2006): Frivoler Import. Die Rezeption freizügiger französischer Romane in Deutschland (1730–1800). Mit einer kommentierten Übersetzungsbibliographie. Tübingen: Niemeyer.

Voltaire (1785): Kandide, oder: Die beste Welt. Dritte, revidirte Auflage. [Übers.: Wilhelm Christhelf Siegmund Mylius.] Berlin: Himburg.

Wikipedia: Wilhelm Christhelf Sigmund Mylius, ‹https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Christhelf_Sigmund_Mylius› (09. März 2018).

Willenberg, Jennifer (2008): Distribution und Übersetzung englischen Schrifttums im Deutschland des 18. Jahrhunderts. München: Saur.

 

Bibliographie

Zur detaillierten Bibliographie

Diese Bibliographie befindet sich noch im Aufbau.

Übersetzungen (Buchform)