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Wolfgang KASACK, 1927–2003

Wolfgang Kasack (Mitte) mit seinem Vater Hermann Kasack (links), Boris Pasternak und Gustaf Gründgens (links vorne) in Moskau 1959 (Quelle: russ. Zeitung „Krug“ (Nr. 3/53, 2001), Kasack-Archiv Mainz)
Wolfgang Kasack (Mitte) mit seinem Vater Hermann Kasack (links), Boris Pasternak und Gustaf Gründgens (links vorne) in Moskau 1959 (Quelle: russ. Zeitung „Krug“ (Nr. 3/53, 2001), Kasack-Archiv Mainz)

Wolfgang Kasack war einer der bedeutendsten Kenner russischer Literatur des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum. Neben seinem umfangreichen wissenschaftlichen und literaturkritischen Œuvre legte er eine größere Zahl literarischer Übersetzungen vor, die er als Beitrag zur Vermittlung russischer Literatur und Kultur verstand. Der größere Teil der Übersetzungen fällt in seine aktive Zeit als Professor für Slavische Philologie an der Universität zu Köln (1969–1992).

Wolfgang Kasack wurde am 20. Januar 1927 als Sohn des Schriftstellers Hermann Kasack in Potsdam geboren. Kurz vor Kriegsende, am 30. April 1945, wurde er von polnischen Soldaten gefangengenommen und dem sowjetischen Militär übergeben. Es folgte der Transport in ein zur Lagerverwaltung Kuibyschew (Samara) gehöriges Kriegsgefangenenlager (vgl. Kasack 2000). Hier erwarb er erste Russischkenntnisse, die ihm das Überleben unter den extremen Bedingungen des Lagers ermöglichten. Ungeachtet des erlebten Leids entdeckte Kasack sein Interesse für die russische Sprache und Kultur. Diese beiden Aspekte seiner frühen Biographie – das literarisch geprägte Elternhaus und die Russlanderfahrung – prädestinierten ihn eigentlich zum literarischen Übersetzer, der er aber erst wesentlich später und gewissermaßen im Nebenberuf wurde. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft im November 1947 musste er zunächst seinen Schulabschluss nachholen und nahm dann ein Diplomstudium als Übersetzer und Dolmetscher an der Universität Heidelberg auf, das er 1951 erfolgreich beendete (vgl. Kasack 2000). Es folgte ein Studium der Slavistik und Osteuropäischen Geschichte in Göttingen, wo er 1953 mit einer Arbeit über die Personendarstellung bei Nikolaj Gogol’ (Kasack 1957) promoviert wurde.

Nach zweijähriger Tätigkeit als Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Osteuropa in Tübingen begleitete er im September 1955 als Dolmetscher die Delegation, mit der Bundeskanzler Konrad Adenauer zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen nach Moskau reiste. Bald darauf wurde er Chefdolmetscher an der dortigen Botschaft der Bundesrepublik Deutschland (1956–1960). In diese Zeit fällt eine Begegnung, die Kasack später als Schlüsselerlebnis beschrieben hat:

Es war im Bolschoi Theater. Das Auswärtige Amt hatte das Hamburger Schauspielhaus mit Gustaf Gründgens im Rahmen des beginnenden Kulturaustauschs entsandt. Mit meinem Vater, Hermann Kasack, der mich in Moskau, wo ich an der Deutschen Botschaft tätig war, besuchte, erlebte ich die Aufführung. Kurz vor Beginn ging ein Raunen durch die Zuschauer, plötzlich erhob sich alles: Da erkannte ich den Eintretenden, Boris Pasternak. Er war der Geehrte. Eine mir unvorstellbare Situation. Das war ein offener, aber stummer Protest der russischen Intelligenz gegen die Sowjetregierung, die den im Westen gefeierten Nobelpreisträger unflätigst beschimpfte. In der Pause drängte ich meinen Vater hinter die Bühne, dort begegneten wir Pasternak. Die beiden Schriftsteller kamen ins Gespräch. Unvergeßlich Pasternaks gequälte Bemerkung, er könne meinen Vater nicht einladen, da seien „so viele andere Leute“. Mich schmerzte der Blick in die Augen des im eigenen Haus gefangenen Dichters. Später konnte ich das Ereignis einordnen. Damals waren sehr viele, auch anständige sowjetische Schriftsteller dem Befehl gefolgt und hatten Pasternaks Auslandsveröffentlichung des „Doktor Schiwago“ uni sono mit der KPdSU verurteilt. Bald danach aber hatten sie begriffen, daß er ja eigentlich ganz normal, eher verantwortungsbewußt gehandelt hatte: Im Dienste der wahren Literatur. Sie erkannten ihre Schuld - vor dem Menschen, vor der Literatur. Das Ereignis wurde zum Wendepunkt im Verhalten eines wichtigen Teiles der Intelligenz gegenüber dem Staat. [...] Ein Jahrzehnt später widmete ich meine Arbeitskraft solchen mutigen, ganz im Dienste der Literatur stehenden russischen Schriftstellern. (Kasack 1997)

Vor dem Wiedereintritt in die akademische Slavistik betreute Kasack in den Jahren 1960 bis 1968 für die Deutsche Forschungsgemeinschaft den wissenschaftlichen Austausch mit der Sowjetunion und war von daher mit dem Wissenschaftssystem der Sowjetunion bestens vertraut. 1967 legte er eine kleine Monographie über die Akademie der Wissenschaften der UdSSR vor (1972 erschien eine stark erweiterte 2. Ausgabe). Zugleich wandte er sich wieder der russistischen Literaturwissenschaft zu. Mit einer Schrift zu Konstantin Paustovskij (Kasack 1971) habilitierte sich Kasack und folgte 1969 einem Ruf an die Universität zu Köln, wo er neben Reinhold Olesch Leiter des Slavischen Instituts wurde und bis zu seiner Emeritierung 1992 tätig war.

Erste Übersetzungen hatte Kasack bereits 1961 vorgelegt (zum Teil gemeinsam mit Hermann Kasack; s. Bähr 1961). Jedoch gibt erst die literaturwissenschaftliche Annäherung an Paustovskij den eigentlichen Anstoß zu umfangreicheren Vermittlungsbemühungen um die russische Literatur.

Bei Paustovskij zeigt sich dann, wie sich bei Kasack wissenschaftliche, kritische und übersetzerische Tätigkeit verschränken, ein Muster, das sich bis Anfang der 1990er Jahre verfolgen lässt. So veröffentlicht Kasack noch während der Arbeit an der Habilitationsschrift eine Reihe von Artikeln über Paustovskij in der Neuen Zürcher Zeitung. Die in dieser Zeit entstehenden Übersetzungen, von denen fünf (Gelbes Licht, Der alte Nachen, Schnee, Jenseits des trüben San und Der alte Mann im Bahnhofsrestaurant) speziell für die Druckfassung der Habilitatonsschrift als repräsentative „Modellerzählungen“ (Kasack 1971: 6, 39f.) angefertigt wurden, werden später in den Auswahlband Erzählungen vom Leben (1978) eingehen.

Kasacks Interesse gilt insbesondere Autoren, die in der Folge des kulturpolitischen „Tauwetters“ nach Stalins Tod von der offiziell dekretierten Methode des Sozialistischen Realismus abrücken, indem sie ihre Prosa – insbesondere, wenn es um die Aufarbeitung der Stalinzeit geht – unter den Leitgedanken der „Aufrichtigkeit“ stellen, Autoren wie Veniamin Kaverin, Viktor Rozov, Vladimir Tendrjakov, Natal’ja Baranskaja und Vasilij Afonin. Zu den Autoren, die er durch Übersetzungen im deutschsprachigen Raum bekannt machen wollte, zählen aber auch Lyriker wie Evgenij Vinokurov, Vadim Šefner oder Iosif Brodskij, deren Texte z. T. dezidiert unpolitisch sind und sich dem Schreiben im Dienste der Partei verweigern. Zu den übersetzten Autoren hat Kasack sich stets auch als Literaturkritiker oder Literaturwissenschaftler geäußert – sei es im Feuilleton, in Nachworten zu Buchausgaben, in Beiträgen zu Lexika oder in wissenschaftlichen Aufsätzen und Monographien.

Anfang der 1970er Jahre erhält Kasack die Anfrage des Kröner-Verlages, ob er ein Lexikon der Sowjetliteratur herausgeben wolle. Kasack zeigt Interesse, regt aber an, das Lexikon nicht als Herausgeber zu betreuen, sondern als alleiniger Autor. Zudem kann er den Kröner-Verlag überzeugen, anstelle eines Lexikons der Sowjetliteratur ein Lexikon der russischen Literatur ab 1917 herauszubringen (Kasack 1976), welches neben der offiziellen russischsprachigen Sowjetliteratur die russische Exilliteratur sowie in der UdSSR unterdrückte Autoren und Werke mit einbezieht. Vorausgegangen ist die Ausbürgerung Aleksandr Solženicyns (1974), welche die Frage aufwirft, ob dieser noch zur „Sowjetliteratur“ zu rechnen sei. Solche Überlegungen münden in Kasacks Überzeugung, dass russische Literatur über ideologische und geographische Grenzen hinweg allein aufgrund der Sprache als Einheit zu betrachten sei. In einer Neuauflage eliminiert Kasack den politischen Einschnitt 1917 und erweitert das Buch zum Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts (Kasack 1992).

1972 begründet Kasack die Reihe Arbeiten und Texte zur Slavistik, die unter anderem dazu dient, Autoren, die Opfer der sowjetischen Zensur geworden waren, andernorts eine Stimme zu geben. Hier erscheinen im russischen Original Texte von Aleksandr Vvedenskij, Gennadij Ajgi, Vladimir Kazakov, Nikolaj Ėrdman, Michail Bulgakov, Konstantin Vaginov, Lev Lunc und Andrej Platonov.

Als engagierter Vermittler zeigt er sich auch 1977 in seiner entschiedenen Erwiderung auf Alfred Anderschs Behauptung, sowjetische Literatur werde im deutschsprachigen Raum systematisch „unterschlagen“ (Andersch 1977), die er mit einer Darstellung der breiten und vielfältigen Arbeit von Verlegern und Übersetzern belegt (Kasack 1977). Im selben Jahr nimmt er die Veröffentlichung seiner jährlichen Überblicke zu russischer Gegenwartsliteratur in deutschen Übersetzungen (Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Schweiz) in der Zeitschrift Osteuropa auf, die er bis 1991 fortführt (zusammengefasst in Kasack 1985 und 1991). Wohl wegen seiner unverhohlen kritischen Haltung gegenüber der sowjetischen Literaturpolitik verweigern ihm die Behörden seit den 1970er Jahren das Einreisevisum; erst 1987 kann er wieder nach Moskau reisen.

Mit der Übersetzung von Veniamin Kaverins Dvojnoj portret (Das doppelte Porträt, 1973) beginnt Kasacks Zusammenarbeit mit dem Insel- und Suhrkamp-Verlag. Für beide Verlage begutachtet er Texte, deren Übersetzung erwogen wird, und schlägt bisweilen selbst Bücher zur Veröffentlichung vor. Gelegentlich übernimmt er die Übersetzung selbst, wie etwa im Fall von Saša Sokolovs Škola dlja durakov (Die Schule der Dummen, 1977). Es ist diese Übersetzung, die wesentlich zu Kasacks Renommée als Übersetzer beitragen wird.[1]

In den 1980er Jahren wendet sich Kasack neben unterdrückten (Semen Lipkin) und offiziell scharf kritisierten sowjetischen Autoren (Anatolij Kim) verstärkt wieder der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts zu. Für die von Angela Martini betreute Gogol’-Werkausgabe bei Klett-Cotta übersetzt er die Komödie Revizor (Der Revisor) und den Roman Mertvye duši (Die toten Seelen) neu, für den Insel-Verlag einige kürzere Texte Dostoevskijs sowie den zweiten Teil des Epilogs von Lev Tolstojs Vojna i mir (Krieg und Frieden). Literarisches Übersetzen ist gelegentlich auch Bestandteil der akademischen Lehre, wofür er Texte heranzieht, an denen er gerade arbeitet.[2]

Mit Kasacks Emeritierung bricht seine Tätigkeit als literarischer Übersetzer weitgehend ab. Nach 1992 übersetzt er vor allem publizistische Texte Aleksandr Solženicyns, die ihn primär als Beiträge zum politischen Diskurs interessieren. In seinem letzten Lebensjahrzehnt wendet sich Kasack verstärkt religiösen Themen zu, so in der Arbeit zur Darstellung Christi (Kasack 1999) und in materialreichen Studien zum Tod in der russischen Literatur (Kasack 2005). In diesen Bereich gehört – gleichsam als Nebenprodukt – die Neuübersetzung von Dostoevskijs Romankapitel Velikij inkvisitor (Der Großinquisitor) aus Brat’ja Karamazovy (Die Brüder Karamazov), die postum erscheint. Es ist die letzte von drei kleineren Dostoevskij-Buchausgaben im Insel-Verlag (vgl. Die Sanfte 1988 und Bei Tichon 1991)[3]. Am 10. Januar 2003 stirbt Kasack in seinem Wohnort Much bei Köln.

Den Schwerpunkt seiner Textauswahl legte Kasack auf die erzählende Prosa des 20. Jahrhunderts und hier insbesondere auf die zeitgenössische Literatur. Texte wie Die Schule der Dummen, die an die Formexperimente der Moderne anknüpften, bilden dabei eher die Ausnahme. Lyrikübersetzungen finden sich nur sehr vereinzelt im Rahmen von Artikeln über die jeweiligen Dichter, die fast ausnahmslos in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen: Evgenij Vinokurov (1972), Iosif Brodskij (1972), Vadim Šefner (1973), Dmitrij Kedrin (1975), Gennadij Ajgi (1987), Ekaterina Tauber (in der deutschen Ausgabe von Kontinent, 1987), Vasilij Mazurin (1992). Zu den seltenen Dramenübersetzungen zählt Viktor Rozovs Der Kulturleiter (Zatejnik). Nahezu alle übersetzten Autoren finden Eingang in das Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts.[4] Die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts (Gogol’, Dostoevskij, Turgenev, Tolstoj) sowie wiederum einige des 20. Jahrhunderts (Brodskij, Paustovskij, Rozov, Solženicyn, Tendrjakov) sind zudem in seinem Handbuch Russische Autoren in Einzelporträts[5] zu finden. Die Intensität der Beschäftigung mit den Schriftstellern variiert von Fall zu Fall; besonders intensiv ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Dostoevskij, Tolstoj und Rozov (abgesehen von den in der Promotions- und Habilitationsschrift behandelten Gogol’ und Paustovskij), die publizistische mit Solženicyn. Kaum eine Übersetzung war reine Auftragsarbeit.[6] Vielmehr überwog das Interesse, russische Schriftsteller dem deutschsprachigen Publikum bekannt zu machen. Gelegentlich hatte wohl auch die persönliche Bekanntschaft oder Freundschaft mit den Autoren Einfluss auf die Entscheidung, einen Text zu übersetzen.

Bei der Übersetzung von Klassikern des 19. Jahrhunderts sah sich Kasack wie viele andere Übersetzer mit der Notwendigkeit konfrontiert, den historischen Abstand zur Entstehungszeit des Originals zu überbrücken. Kasack „modernisiert“ in moderater Weise, indem er z. B. bei umgangssprachlich markierten Dialog-Passagen typische Elemente des Gegenwartsdeutschen verwendet. Hier ein Beispiel aus dem ersten Akt der Komödie Der Revisor (1836):

Nichts haben wir erfahren. Und alles nur, weil du so blödsinnig eitel bist. Kaum hörst du, daß der Postmeister da ist, da drehst du dich schon vor dem Spiegel. Guckst von links, guckst von rechts. Bildest dir ein, daß er ein Auge auf dich geworfen hat. Doch kaum hast du dich umgedreht, da schneidet er dir Grimassen.

Вот тебе ничего и не узнали! А все проклятое кокетство; услышала, что почтмейстер здесь, и давай пред зеркалом жеманиться: и с той стороны, и с этой стороны подойдет. Воображает, что он за ней волочится, а он просто тебе делает гримасу, когда ты отвернешься.

Umgekehrt scheint Kasack in anderen Fällen bewusst von einer Modernisierung abgesehen zu haben, nämlich bei dem Tichon-Kapitel aus Dostoevskijs Besy sowie dem zweiten Teil des Epilogs zu Tolstojs Vojna i mir. Eben diese in Hermann Röhls 1921 bzw. 1920 im Insel-Verlag erschienenen Übersetzungen fehlenden Textabschnitte wurden von Kasack für die in den 80er Jahren verlegten Neuausgaben ergänzt.[7] Analog verfuhr er mit dem Text Die Schwelle, welcher 1987 in die von Theodor Commichau erstmals 1903 vorgelegte Sammlung der Gedichte in Prosa Ivan Turgenevs eingefügt wurde.

Charakteristisch für Kasacks Übersetzungen ist, dass sie Merkmale wenn nicht der gesprochenen Rede, so doch zumindest einer guten Sprechbarkeit aufweisen, die mit entsprechender Lesbarkeit korreliert. Dies hat seine Grundlage in seiner spezifischen Arbeitsweise, die darin bestand, dass Kasack, der ja auch als Dolmetscher tätig gewesen war, seine Übersetzungen in der Regel zunächst auf Band diktierte, um sie dann abschreiben zu lassen. Anschließend korrigierte er das Typoskript und ließ es von mindestens einer weiteren Person durchsehen, ehe es an den Verlag ging. Das Resultat überzeugte u. a. den Slavisten Reinhard Lauer, in dessen Rezension zu Die toten Seelen es heißt: „Als ausgewiesener Gogol-Kenner hatte Kasack in seiner Übersetzung dem mündlichen Erzählduktus des Romans besonderes Augenmerk gewidmet“ (Lauer 2009).

Vor besondere Herausforderungen stellte Kasack die Übersetzung des Romans Škola dlja durakov (Die Schule der Dummen, 1977), in dem der innere Dialog eines gespaltenen Bewusstseins inszeniert wird. In seinem Gutachten für den Suhrkamp-Verlag heißt es: „Die Übersetzung ist oft schwer, da Sokolow auch mit Wortassoziationen arbeitet und da vor allem vermieden werden muß, daß logisch mögliche Verbindungen vom ,normal‘ denkenden Übersetzer eingefügt werden, wo es der Autor vermied“ (Kasack-Archiv, Mappe „Sokolov, Saša“)[8]. Bei der Verleihung des Johann-Heinrich-Voss-Preises an Kasack charakterisiert Efim Ėtkind den Roman wie folgt:

[E]in neuartiges, syntaktisch unmögliches Buch, in dem alle Grenzen aufgehoben zu sein schienen zwischen Wirklichkeit und Phantasmagorie, Gesundem und Krankem, Normalem und Pathologischem, zugleich aber auch zwischen Poesie und Prosa [...]. Hätte Wolfgang Kasack diese Geschichte [...] ohne Vorbereitung übersetzen wollen, wäre er nicht weit gekommen. Um dieses stilistische Chaos zu bewältigen, mußte er die ganze russische Absurdität der zwanziger Jahre studiert, auch die Werke von Wwedenski und Charms und die viel späteren von Oboldujew und Kasakow herausgegeben [...] und andere, einfachere Bücher dieser Art übersetzt haben. Das Ergebnis [...] ist staunenswert: verwickelte, unmögliche, chaotische Sätze fügen sich einem ästhetischen Gesetz des Rhythmus, werden zu gesetzmäßigen Teilen der Erzählung [...]. (Ėtkind 1981)

Neben der Vertrautheit mit Sokolovs literarischen Vorläufern kam Kasack der persönliche Kontakt zum Autor zugute. Er korrespondierte 1977 mit Sokolov, der alle Fragen zu unklaren Textstellen im Roman mit ausführlichen Erläuterungen beantwortete (vgl. Kasack-Archiv, Mappe „Sokolov, Saša“). Von dem Bemühen um die Nachbildung der eigenwilligen Strukturen des Ausgangstextes sprechen auch die mitunter seitenlangen interpunktionslosen Sätze. Wie Kasack Sokolovs Spiel mit der Mehrfachbedeutung einzelner Wörter übersetzerisch fortführt, kann folgende Passage zeigen:

[...] wie ist dein Name ich heiße Zweig Wetka ich bin die Wetka der Zweig der Akazie ich die Wetka der Eisenbahn ich die Weta schwanger von einem zärtlichen Vogel mit dem Namen Nightingale ich bin schwanger vom künftigen Sommer und vom Unfall des Güterzuges da nehmt mich nehmt mich ich verblühe ja doch das ist gar nicht teuer [...] (16)

[...] как твое имя меня называют Веткой я Ветка акации я Ветка железной дороги я Вета беременная от ласковой птицы по имени Найтингейл я беременна будущим летом и крушением товарняка вот берите меня берите я все равно отцветаю это совсем недорого [...] (12)

Kasacks Übersetzung lässt erkennen, dass im Original mit der Polysemie des Wortes „vetka“ („Zweig eines Baumes / einer Eisenbahnlinie“; weiblicher Vorname, Diminutivform von Svetlana oder Violetta) gespielt wird, indem er die Doppelung „Zweig Wetka“ vornimmt. Das Zitat zeigt auch, wie Kasack, anstatt zu vereinfachen oder zu glätten, den rhythmischen Fluss des Ausgangstextes so weit wie möglich nachempfindet.

Einen quantitativ eher kleinen Teil seines translatorischen Œuvres stellen Lyrik-Übersetzungen dar. Während in der russischen Lyrik der 1970er Jahre (noch) streng strukturierte Verse mit festem Metrum und Endreim eher die Regel waren, wäre eine analoge zeitgenössische deutschsprachige Lyrik als unzeitgemäß wahrgenommen worden. Dieser Umstand wurde von Kasack nicht reflektiert, auch nicht als Begründung für die Verwendung freierer Formen herangezogen. Gleichwohl übersetzte er in der Regel reimlos und konzentrierte sich auf den „Bildgehalt“ der Gedichte. Zu Brodskijs Gedichten schrieb er 1972: „Sie sind nicht nur wegen des Reimes schwer zu übersetzen. Doch von der Kraft der Bilder läßt sich manches über die sprachliches Grenze des Russischen hinaus bewahren“ (Kasack 1972a). Ähnlich heißt es im selben Jahr zu Vinokurov: „Der Reim ist einfach, bisweilen fehlt er ganz. So bedeutet in der Uebersetzung der von ihm gebilligte Verzicht auf den Reim den geringsten Verlust“ (Kasack 1972). Bei den im Original reimlosen Texten Šefners, Kedrins, Ajgis und Mazurins entfiel diese Schwierigkeit.

Die meisten von Kasack übersetzten Bücher sind bei den Verlagen inzwischen vergriffen, lieferbar nur noch die 2009 erschienene Neuauflage von Gogols Die toten Seelen bei Reclam[9], die Jubiläumsausgabe von Sascha Sokolows Die Schule der Dummen (2011 in der Edition Suhrkamp) sowie Die Sanfte (1995) und Der Großinquisitor (2003) als Insel Taschenbücher. Vieles ist hingegen noch antiquarisch auffindbar und in zahlreichen Bibliotheken vorhanden, so dass dieser wichtige Teil übersetzter russischer Literatur sowohl interessierten Lesern wie auch der Forschung zugänglich bleibt.

Eine Untersuchung zur Stilistik von Kasacks Übersetzungen steht noch aus. Aufschlussreich könnte auch sein, sein hier nur angedeutetes Agieren auf verschieden Feldern – dem akademisch-philologischen, dem literaturkritischen und politisch-publizistischen, dem literarisch-übersetzerischen – genauer zu beleuchten, da dies sowohl bei Slavisten wie auch bei Übersetzern einen Sonderfall darstellt.

(Stand: Dezember 2016)

 


[1] In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Johann-Heinrich-Voss-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an Kasack (1981) ging Efim Ėtkind explizit und ausführlich auf diese Übersetzung ein. Helen von Ssachno schrieb in ihrer Rezension der Erstveröffentlichung: „Wolfgang Kasacks Übersetzung hat den Stimmungsrahmen, also das Wichtigste an diesem ätherisch präzisen Werk, getroffen. Und das ist schon sehr viel“ (Ssachno 1977), und Iris Radisch sprach anlässlich der Neuauflage 1993 von der „wunderbaren Übersetzung“ Kasacks (Radisch 1993).

[2] In dem Zusammenhang ist von Interesse, dass Kasack für den Katalog zu einer Ausstellung russischer Avantgardekünstler in Köln (1981) eine studentische Übersetzergruppe koordinierte (Von der Malerei zum Design. Russische konstruktivistische Kunst der Zwanziger Jahre. Ausstellung Oktober – Dezember 1981. Köln: Galerie Gmurzynska 1981). Seine eigene Übersetzung in dem Katalog ist eine der wenigen reinen Auftragsarbeiten. Eine weitere Übersetzergruppe leitete er noch einmal für den Katalog Šedevry iz Sobranija Barona Tissen-Bornemisa. Castagnola 1983.

[3] Die beiden ersten Dostojevskij-Übersetzungen wurden für die sechzehnbändige Insel-Werkausgabe von 1986 erstellt.

[4] Einzige Ausnahme ist Genrich Šachnovič, den Kasack mit zwei kleinen satirischen Texten 1979 in der Neuen Zürcher Zeitung vorstellte.

[5] Stuttgart: Reclam 1994; Es handelt sich um die erweiterte und überarbeitete Fassung von Die Klassiker der russischen Literatur. Düsseldorf: Econ 1986.

[6] Die späten Solženicyn-Übersetzungen waren zwar Auftragsarbeiten, denen Kasack jedoch durchaus Interessantes abgewinnen konnte.

[7] Das Tichon-Kapitel war in den russischen Ausgaben des Romans noch nicht enthalten, als Röhl an seiner deutschen Fassung Die Teufel arbeitete (1. Aufl., 3 Bde., Leipzig: Insel, 1920); der zweite Teil des Epilogs von Krieg und Frieden (1. Aufl., 3 Bde., Leipzig: Insel, 1915) wurde wohl von Insel aus verlegerischen Gründen fortgelassen.

[8] Das Archiv befindet sich im Institut für Slavistik, Turkologie und zirkumbaltische Studien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

[9] Die Ausgabe kam pünktlich zum 200. Geburtstag Gogol’s auf den Markt, entsprechend finden sich Rezensionen oft auch im Zusammenhang mit Gedenkartikeln zu Gogol’; die einzige substantielle Aussage zur Übersetzung macht Reinhard Lauer (s.o.).

 

Literatur:

Andersch, Alfred (1977): Unbekannte Sowjetliteratur. In: Die Zeit, 18. März 1977 (Online abrufbar unter: ‹http://www.zeit.de/1977/12/unbekannte-sowjet-literatur›).

Bähr, Hans Walter (1961) (Hg.): Die Stimme des Menschen. Briefe und Aufzeichnungen aus der ganzen Welt 1939–1945. München: Piper.

Ėtkind, Efim (1981): Über einen Brückenbauer. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Jahrbuch 1981. 1. Lieferung. Heidelberg, S. 73–78 (Online abrufbar unter: ‹http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/johann-heinrich-voss-preis/wolfgang-kasack/laudatio›).

Kasack, Wolfgang (1957): Die Technik der Personendarstellung bei Nikolaj Vasil’evič Gogol’. Wiesbaden: Harrassowitz 1957. VII, 170 S. (Bibliotheca Slavica).

— (1971): Der Stil Konstantin Georgievič Paustovskijs. Köln/Wien: Böhlau 1971. 369 S. (Slavistische Forschungen 11).

— (1972): Jevgenij Vinokurov. In: Neue Zürcher Zeitung. Inlandausgabe Nr. 25, 16. Januar 1972, S. 53; Fernausgabe Nr. 15, 16. Januar 1972, S. 51.

— (1972a): Iossif Brodski – Zur Emigration. In: Neue Zürcher Zeitung. Inlandausgabe Nr. 291, 25. Juni 1972, S. 51; Fernausgabe Nr. 172, 25. Juni 1972, S. 51.

— (1973): Wadim Schefner. In: Neue Zürcher Zeitung. Inlandausgabe Nr. 56, 4. Februar 1973, S. 53; Fernausgabe Nr. 33, 4. Februar 1973, S. 53.

— (1976): Lexikon der russischen Literatur ab 1917. Stuttgart.

— (1977): Wer lesen will, kann lesen. In: Die Zeit, 15. April 1977, S. 44 (Online abrufbar unter: ‹http://www.zeit.de/1977/17/wer-lesen-will-kann-lesen›).

— (1985): Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutscher Sprache. 350 Kurzrezensionen von Übersetzungen 1976–1983. München.

— (1991): Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutscher Sprache. 2. Band. 450 Kurzrezensionen von Übersetzungen 1984–1990. München.

— (1992): Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Vom Beginn des Jahrhunderts bis zum Ende der Sowjetära. Zweite, neu bearbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. München.

— (1994): Russische Autoren in Einzelporträts. Stuttgart.

— (1997): Schicksalhafte Begegnungen. Ein Blick in die russische Literatur und in mein Leben. Dankesrede anläßlich der Verleihung des Aleksandr-Men-Preises 1997 (Online abrufbar auf der Seite der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart unter: ‹http://www.akademie-rs.de/a-men-preis-1997-ka.html›).

— (1999): Christus in der russischen Literatur. Ein Gang durch die Literaturgeschichte von ihren Anfängen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. München.

— (2000): „Vnutrennjaja blizost’ k russkim načalas’ u menja v plenu“ [Gespräch mit Grigorij Krošin]. In: Rodnaja reč’. Hannover, S. 117–128; Nachdruck in: Neva. Sankt-Peterburg (2001) Nr. 3, S. 160–169 [Sonderheft: Berlin-Peterburg].

— (2005): Der Tod in der russischen Literatur. Aufsätze und Materialien aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Frank Göbler. München.

Lauer, Reinhard (2009): Nikolai Gogol: Die toten Seelen. Väterchen Frost ist Schnee von gestern. In: FAZ 31. März 2009. (Online abrufbar unter: ‹http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/nikolai-gogol-die-toten-seelen-vaeterchen-frost-ist-schnee-von-gestern-1928148.html›).

Radisch, Iris (1993): Der russische Schriftsteller Sascha Sokolow und sein unbekanntes Meisterwerk: Die Dummheit des Glücks. In: Die Zeit, 24. Dezember 1993. (Online abrufbar unter: ‹http://www.zeit.de/1993/52/die-dummheit-des-gluecks›).

Ssachno, Helen von (1977): Ein Grenzgänger. Zu einem erstaunlichen Roman des Sascha Sokolow. In: Süddeutsche Zeitung, 31. Dezember 1977.

 

Bibliographie

Zur detaillierten Bibliographie

Diese Bibliographie befindet sich noch im Aufbau.

Übersetzungen (Buchform)

Übersetzungen (Zeitschriften, Anthologien)

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Sekundärliteratur