Header Icon Header Icon

Suche in UeLEX

Helen Hessel, 1886–1982

30. April 1886 Berlin (Deutsches Reich) - 15. Juni 1982 Paris (Frankreich)

Vorbemerkung der Redaktion

Zuvor erschienen in: Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Rozmysłowicz, Tomasz: Translation und Exil (1933–1945) I: Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens. Berlin: Frank & Timme 2022, S. 421–422.

Helen Hessel kam 1986 als fünftes und jüngstes Kind des Berliner Bankiers Friedrich Wilhelm Carl Grund und seiner Frau Julie Anna, geb. Butte, zur Welt. Nach Abschluss der Charlottenschule studierte sie Malerei bei Käthe Kollwitz und ab 1912 bei Maurice Dennis in Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel kennen (sie heirateten zweimal und ließen sich zweimal scheiden: 1913-1921, 1922–1936). Mit ihm hatte sie die Söhne Ulrich (1914–?) und Stefan (1917–2013). 1919 beendete Helen ihre Karriere als Künstlerin und war einige Monate in Schlesien in der Landwirtschaft tätig. In der Zwischenkriegszeit veröffentlichte sie als Journalistin Artikel für Das Tagebuch (1922–1925), die Frankfurter Zeitung (1925–1937, von Paris aus als Kolumnistin für die Modebeilage) und Le Monde illustré (1932–1938).

In Paris verkehrte sie in Künstler- und Literatenkreisen und half Franz Hessel und Walter Benjamin bei deren Proust-Übersetzung. Sie ist außerdem Verfasserin eines dreisprachigen (Englisch, Französisch, Deutsch) Tagebuchs, als Pendant zu den Carnets ihres Liebhabers Henri-Pierre Roché (post­hum 1991 erschienen unter dem Titel Journal d’Helen. Lettres à Henri-Pierre Roché). Die Dreiecksbeziehung zwischen Helen, Franz und seinem besten Freund Henri-Pierre wurde Gegenstand des Romans Jules et Jim (1953) von Roché, den Francois Truffaut verfilmte und den man Helen Hessel zur Übersetzung ins Deutsche anbot, was sie ablehnte (1962). 1933 holte sie ihren älteren Sohn Ulrich, 1938 Franz Hessel aus Berlin nach Paris. Sie selbst wurde in Berlin, wohin sie ohne die beiden noch einmal zurückkehrte, Zeugin der Novemberpogrome und schrieb darüber einen Bericht für den New Yorker. 1939/40 verfasste sie zusammen mit Aldous Huxley einen Friedensappell an deutsche Frauen. Als Franz und Ulrich als feindliche Ausländer im Stade de Colombe interniert wurden, setzte sie sich für ihre Freilassung sowie für die von Walter Benjamin ein.

1940 flohen die Hessels nach Sanary-sur-Mer, wo später viele deutsche Emigranten Zuflucht suchten. Hier wurden Franz und Ulrich erneut inter­niert (Les Milles). Helen entzog sich der drohenden Internierung im Lager Gurs und beteiligte sich für den amerikanischen Sonderbotschafter Varian Fry an Untergrundaktionen zur Rettung Verfolgter des Naziregimes. Ihr 1945 entstandenes Theaterstück über Krieg und Judenhass mit dem Titel Blut blieb unveröffentlicht. Durch Einfluss ihres jüngeren Sohns, der bereits französischer Staatsbürger war, erhielt sie 1947 die französische Staatsbür­gerschaft. Nachdem sie einen Selbstmordversuch begangen hatte, holte Sté­phane, inzwischen bei der UNO in New York tätig, sie in die USA. Um nicht von ihrem Sohn abhängig zu sein, arbeitete sie in Kalifornien als Hausange­stellte, Gesellschaftsdame und Chauffeurin. 1950 kehrte sie endgültig nach Paris zurück, wo sie Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen anfertigte und 1982 starb.

Translatorisches

Für die dreisprachige Ausgabe (Französisch, Englisch, Deutsch) des Bandes Marcel Duchamp/Vitali Halberstadt: Opposition und Schwesterfelder sind versöhnt (Paris/Brüssel: L’Echiquier 1932), fungierte sie als Beraterin; zusam­men mit Vilma Fritsch übersetzte sie aus dem Englischen den Roman von Alec Waugh Island in the Sun; dieser erschien Deutsch unter dem Titel Insel in der Sonne (Baden-Baden: Holle-Verlag 1956); ebenfalls aus dem Engli­schen übersetzte sie – und ohne ihr Wissen überarbeitete der Verlag ihren Text unter Mitarbeit von Maria Carlsson, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Kurt Kusenberg, Gregor von Rezzori – Vladimir Nabokovs Lolita (Hamburg: Rowohlt 1959); aus dem Französischen übersetzte sie Paul Gauguin Noa Noa (München: Rogner und Bernhard 1969). Das Manuskript ihrer Lolita-Übersetzung (8 Hefte z. T. mit losen Blät­tern) befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach im Nachlass ihres Mannes Franz Hessel. Das dazugehörige Rowohlt-Archiv ist noch nicht zur Gänze erschlossen und die Bestände aus der fraglichen Zeit Ende der 1950er Jahre sind teilweise zerstört. Im Deutschen Exilarchiv ist nichts von Helen Hessel aufbewahrt.

Literatur

Peteuil, Marie-Françoise (2013): Helen Hessel – die Frau, die Jules und Jim liebte: eine Biographie. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Frankfurt/M.: Schöffling.

Zitierweise

Baumann, Sabine: Helen Hessel, 1886–1982. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 4. Juli 2022.