Header Icon Header Icon

Suche in UeLEX

Gustav Marckwort, 1890–1974

17. Juli 1890 Hannover (Deutsches Reich) - 18. August 1974 Helsinki (Finnland)

Vorbemerkung der Redaktion

Dieses Porträt entstand im Rahmen des DFG-geförderten D-A-CH-Projekts Exil:Trans (2019–2022) und erschien zuerst in: Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Rozmysłowicz, Tomasz: Translation und Exil (1933–1945) I: Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens. Berlin: Frank & Timme 2022, S. 433–438.

Gustav Friedrich Wilhelm Marckwort verbrachte die erste Lebenshälfte in Hannover. Er wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf, seine Mutter ge­hörte zur Nebelung-Familie, den Inhabern einer Druckerei sowie der 1840 gegründeten Nordhäuser Zeitung. In den 1920er Jahren lebte er in einer 10-Zimmer-Wohnung mit einer umfangreichen Bibliothek und konnte sich Reisen ins nahe und ferne Ausland leisten. International war auch sein Freundes- und Bekanntenkreis in Hannover: Engländer, Finnen, Italiener, Spanier, Türken – das Ganze in einer für moderne Kunst und Literatur (Ex­pressionismus, Dadaismus) aufgeschlossenen links-pazifistischen Bohème-Atmosphäre.

Charakteristisch für Marckwort war seine Begeisterung für das Lernen und Unterrichten von Sprachen. Als freiberuflicher Sprachlehrer (Kurt Schwitters hat bei ihm Französisch-Stunden genommen) und als Dozent an der Volkshochschule Hannover brachte er es auf (oft natürlich „nur“ passsiv beherrschte) 15 Sprachen, darunter so distante wie Hebräisch, Japanisch, Koptisch und Malaiisch. In seinem Nachlass finden sich auf Englisch, Fran­zösisch und Spanisch geschriebene Gelegenheitsgedichte.

Schon als Schüler entwickelte er ein starkes Interesse für Finnland und das Finnische. In den 20er Jahren hatte er mehrfach Gäste aus Finnland als Un­termieter in seiner Wohnung, darunter den Schriftsteller Viljo Kojo sowie Hilma Nyberg (1900–1956), die seine Ehefrau wurde. Spätestens ab 1924 kor­respondierte er mit finnischen Autoren, etwa mit Joel Lehtonen. 1925 er­schien im familieneigenen Verlag Theodor Müller (Nordhausen) seine Über­setzung eines expressionistischen Theaterstücks: Lauri Haarla: Sünde. Dra­ma in 4 Akten. Ein Widmungsexemplar hat sich in Thomas Manns Biblio­thek erhalten: „Herrn Thomas Mann überreicht vom Übersetzer G. Marck­wort, 12-5-1927.“ In der Nordhäuser Zeitung veröffentlichte er Anfang der 30er Jahre Artikel über die avantgardistische finnische Literatur und Berichte über Reisen durch Finnland: Zwischen Mitternachtsonne und Nordlicht – Lappland zur Oktoberzeit.

Gustav Marckwort war kein antifaschistischer Widerstandskämpfer. Er hätte sich 1933, wie es andere Familienmitglieder taten, mit den neuen Machthabern arrangieren können. Aber er wollte in Hitlers „Drittem Reich“ nicht leben. Gleich vielen aus seinem Hannoverschen Freundes- und Bekanntenkreis – etwa „die ‚Jüdin‘ Alice Eichwald-Meyer und ihr sehr sympathischer Mann, der Zahnarzt Dr. Ernst Meyer“1Zitat aus einem Brief an Manfred Peter Hein, 3. August 1960 (DLA Marbach). Weiter heißt es in dem Brief: „Die Meyers sind weit heimattreuer als ich. Sie sind schon vor Jahren (waren es 1956 bereits) aus Israel zurückgekommen.“ – floh er aus Deutschland. Er emigrierte 1934 nach Finnland, ins Heimatland seiner Ehefrau. Dort blieb er bis zu seinem Tod im Jahre 1974.

Die ersten fünf Jahre lebte Marckwort im Haushalt seines Schwiegervaters Karl Nyberg, Hafenkapitän im karelischen Viipuri/Wiborg, der zweitgrößten und „internationalsten“ Stadt im damaligen Finnland. Deutsch, Finnisch, Französisch, Russisch und Schwedisch konnte man dort sprechen. 1935 wur­de der Sohn von Gustav und Hilma Marckwort in Viipuri geboren: Auvo. Mit dem Sohn sprach Marckwort stets Deutsch, die Mutter Finnisch, die Eltern untereinander Deutsch. Auvo Marckwort veröffentlichte 2015 die fa­miliengeschichtliche Darstellung Saksalainen isäni ja minä (Mein deutscher Vater und ich), die wichtigste Quelle auch zu Marckworts übersetzerischem Tun.

Das Übersetzen dürfte – bezogen auf literarische Werke – in den Jahren 1934 bis 1939 einen Höhepunkt erreicht haben. Neben sporadischer Tätig­keit als Sprachlehrer und Verfasser von Artikeln für die Zeitschrift Karjala arbeitete er an deutschen Versionen lettischer Lyrik (Aspazija, Rainis, Volks­poesie) und vor allem an der Übersetzung des 1919/20 veröffentlichten, 600 Seiten starken, einen einzigen Tag im Leben des Kleinbauern und Schnaps­brenners Juutas Käkriäinen schildernden Putkinotko-Romans von Joel Leh­tonen. Die Übersetzungsrechte erteilte ihm Lehtonens Witwe mit Schreiben vom 21. Januar 1936. Veröffentlicht wurde die Übersetzung nie, denn (so Marckwort in einem Brief Mitte Januar 1940)

bei unserer Eilabreise am 30.11.1939 blieben alle meine Übersetzungen, alle li­terarischen Arbeiten in Wiborg zurück. Diese Arbeiten – die Putkinotkoüber­setzung sowie die begonnene Verdeutschung eines katalanischen Werkes – sind für mich unersetzbar, also von grösstem Wert. (Marckwort 2015: 69)

„Eilabreise“: Marckworts Lehnübersetzung des finnischen „hätälähtö“ meint die Evakuierung der Bevölkerung Viipuris am Tag des Angriffs der Roten Armee auf den Nachbarstaat Finnland. Finnland war im geheimen Zusatzprotokoll des zwischen dem Deutschem Reich und der Sowjetunion im August 1939 geschlossenen Nichtangriffsvertrags der sowjetischen „Interessensphäre“ zugeschlagen worden. Der sogenannte Winterkrieg endete Mitte März 1940 mit dem Verlust Viipuris und eines großen karelischen Gebiets. Im sogenannten Fortsetzungskrieg (22. Juni 1941 bis 19. September 1944) versuchte Finnland als „Waffenbruder“ des „Dritten Reiches“ u. a. die 1940 verlorenen Gebiete zurückzuerobern, ohne Erfolg. Viipuri wurde eine russische Stadt und Teil der Karelo-Finnischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Ab dem Frühjahr 1940 lebten die Marckworts in Helsinki. Das Feld der finnisch-deutschen Literaturbeziehungen wurde von nationalsozialistisch engagierten Mittlern wie V. A. Koskenniemi, Maila Talvio oder dem Ehepaar Johannes und Rita Öhquist beherrscht (vgl. Kelletat 1989). Gustav Marck­wort hielt sich von diesen Kreisen fern, er baute sich bis 1944 eine neue Exis­tenz als freiberuflicher Fachübersetzer auf.

Der in Moskau im September 1944 zwischen der Sowjetunion, Großbri­tannien und Finnland geschlossene Vorfriedensvertrag bedeutete für Marck­wort, der „in Deutschland den einen, in Karelien den anderen, kleineren Teil seines Vermögens verloren [hatte]“ (Hein 1974), eine weitere Katastrophe: Die britischen Vertreter in der von Shdanov geleiteten Alliierten Kontroll­kommission verlangten, dass nicht nur die in Finnland verbliebenen deut­schen Soldaten, sondern auch alle deutschen Zivilisten interniert werden müssen. Ihr Besitz fiel an die Sowjetunion. Dies betraf nicht nur Gustav Marckwort, sondern auch – abweichend von den Vorgaben der Kontroll­kommission – seine finnische Ehefrau und ihren in Finnland geborenen Sohn Auvo. Von Herbst 1944 bis März 1946 wurde die Familie in Internie­rungslagern festgehalten.

Nach der Freilassung musste der in lebenspraktischen Fragen nicht sehr gewandte Marckwort noch einmal bei Null beginnen, wobei er dem schon in Hannover eingeschlagenen Weg treu blieb: Er arbeitete erneut als freiberuf­licher Sprachlehrer und als Übersetzer. Zu Beginn bemühte er sich noch (er­folglos) um literarische Übersetzungen, in einem erhaltenen Briefentwurf an Mika Waltari schlägt er vor, dessen Sinuhe, der Ägypter-Roman ins Deutsche zu bringen, denn das Buch sei ein „finnischer Beitrag zur Weltliteratur“:

Um die Wahrheit zu sagen: zuerst erschreckte mich fast der Umfang. Als ich jedoch [mit der Lektüre; AFK] begonnen hatte, sah ich sofort, dass dieses Werk das Gegenteil von Langeweile bedeutet. […] In den zwölf Jahren meines Auf­enthalts in Finnland war es mir – aus Gründen, die für andere weniger inte­res­sant sind als sie für mich bedrückend waren – nicht möglich, deutsche Verleger für gute finnische Bücher zu gewinnen. Jetzt stehe ich mit entsprechenden Schweizer Kreisen in Beziehung. Ich nehme an, dass Sie daran interessiert sind, das Ihr Sinuhe in einem guten Schweizer Verlag herauskommt. […] Die Schweiz ist ja heute das kulturelle Zentrum für deutsche Literatur und wird das auch noch geraume Zeit bleiben. Auskunft über mich kann z.B. Viljo Kojo geben, der ehedem – als ich noch in Viipuri lebte – u.a. mein Schüler war. (Nachlass Marckwort, Deutsche Bibliothek Helsinki)

Der Roman erschien 1950 tatsächlich in einem Schweizer Verlag, allerdings nicht in Marckworts Version, sondern in einer, die aus dem Schwedischen übersetzt worden war.

Verstreute Hinweise auf seine Arbeit als Sprachlehrer, Übersetzer und Dolmetscher fin­den sich in seinen Briefen. In einem an seine Nichte Marjatta Hein gerich­teten Brief vom 8. Juni 1961 heißt es u. a.:

Ich sitze (und schwitze, bei der Dauerhitze) über einer medizinischen Übersetzung – die die Rektoratskanzlei geschickt hat (castellano > suomen kielelle) [aus dem Spanischen ins Finnische; AFK]. […] Heute rief der alte Herr an, für den Auvo oft gedolmetscht hat. Ich musste ihn enttäuschen. Falls ich es einrichten kann (wenn nämlich sein deutscher Geschäftsfreund in der Tat in den nächsten Tagen kommt), werde ich als Auvoersatz fungieren. Leicht ist das nicht zu machen, da ich allerlei Schüler habe und, vor allem, die Übersetzung drängt. Bei der muss man jedes Wort überlegen. (Vorlass M.P. Hein im DLA, Marbach)

Die Leidenschaft für fremde Sprachen und Kulturen hat Auvo Marckwort von seinem Vater geerbt. Er beließ es nicht beim freiberuflichen Dolmetschen und Übersetzen. Mit seiner Ehefrau, der Sprachlehrerin Raija Marckwort, gründete er 1977 in Helsinki ein eigenes auf Sprach- und Übersetzungsdienstleistungen spezialisiertes Unternehmen, das inzwischen von der nächsten Marckwort-Generation fortgeführt wird mit Weiterbildungsangeboten u. a. im Bereich der interkulturellen Wirtschaftskommunikation (vgl. Marckwortin tarina).

Gustav Marckwort starb am 18. August 1974 im Alter von 84 Jahren im Helsinkier Deutschen Altersheim. An seinem Sarg sprach der ihm durch zwei Jahrzehnte verbundene Dichter Manfred Peter Hein. Er erinnerte an Marck­worts Flucht aus Hannover und die Vertreibung aus Viipuri, an den „Mann der Sprachen und des Gesprächs“, den passionierten Lehrer, Briefeschreiber, Leser und Botaniker, den „Freund von Friedensideen und Feind des Krieges“:

Er starb arm, ein paar Bücher, ein Regal mit Broschüren sein ganzer nennenswerter Besitz, den er hinterließ. […] Illusionen ließ er wachsen und welken wie Pflanzen. Er hat viele gepflegt, aber keine Waffen draus geschmiedet. […] Er ist vielen, jedem, der sich nicht feindlich stellte, brüderlich begegnet, gewiss auch naiv und vielleicht drum heimlich belächelt, aber er hatte die Festigkeit, seinen ihm eigenen harten Kern, den er für sich dagegenhalten konnte. (Hein 1974)

Anmerkungen

  • 1
    Zitat aus einem Brief an Manfred Peter Hein, 3. August 1960 (DLA Marbach). Weiter heißt es in dem Brief: „Die Meyers sind weit heimattreuer als ich. Sie sind schon vor Jahren (waren es 1956 bereits) aus Israel zurückgekommen.“

Literatur

Hein, Manfred Peter (1974): In memoriam Gustav Marckwort. In: Mitteilungen aus der Deutschen Bibliothek (Helsinki), Jg. 8 (1974), S. 3.
Kelletat, Andreas F. (1989): Saksan kulttuuri jäi asevelisukupolvelle. In: Helsingin Sanomat, 4. Mai 1989.
Määttälä, Mikko (2011): Vihollisina vangitut. Internointileirit neuvostosuhteiden välikappaleina 1944–1947. Jyväskylä: Atena.
Marckwort, Auvo (2015): Saksalainen isäni ja minä. Tallinna: Kirjapaino AS Pakett.
Marckwortin tarina (o.J.). Online unter: ‹www.marckwort.fi/index.php?item=21› (letzter Aufruf 29. Juli 2021)

Sonstige Quellen

Mündliche Auskünfte von Auvo und Raija Marckwort (Helsinki, 3. März 2020) sowie von Manfred Peter Hein und Marjatta Hein.

Archive

Deutsche Bibliothek (Helsinki)
Deutsches Literaturarchiv (Marbach).

Zitierweise

Kelletat, Andreas F.: Gustav Marckwort, 1890–1974. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 22. Juli 2022.
BeschreibungGustav Marckwort mit Sohn Auvo in den 1940er Jahren (© Auvo Marckwort, Helsinki).
Datum23. September 2022
Gustav Marckwort mit Sohn Auvo in den 1940er Jahren (© Auvo Marckwort, Helsinki).

BIBLIOGRAPHIE

Übersetzungen (Buchform)

Übersetzungen (Zeitschriften, Anthologien)

Sonstige Übersetzungen

Detaillierte Bibliographie