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Ellen Stephan, 1937–2006

Berufe/Tätigkeiten
Sprachlehrerin, Berufsübersetzerin
Original- und Ausgangssprache(n)
Russisch
Schlagworte
Übersetzerisches ProfilDDR-Übersetzer Übersetzte GattungenFachtexte, Sachtexte

Ellen Stephan war Übersetzerin aus dem Russischen, Co-Autorin populärwissenschaftlicher Kinderbücher sowie Lehrerin in der DDR. Der Großteil ihres übersetzerischen Œuvres ist Resultat der gemeinsamen Arbeit mit ihrem Ehemann Burkhard Stephan, einem Ornithologen, Redakteur, Sachbuchautor sowie Übersetzer aus dem Russischen. Diese Zusammenarbeit hatte unmittelbaren Einfluss auf die Themen- und Genreausrichtung; vorwiegend hat sie Fach- und Sachtexte mit ornithologischen bzw. zoologischen Themen übersetzt. Unter ihren Übersetzungen finden sich Beiträge von angesehenen sowjetischen und russischen Biologen, darunter dem Aquarianer Dazkewitsch, dem Ornithologen Dolnik sowie dem bekannten, seinerzeit medial sehr präsenten Zoologen Nikolai Drosdow, dessen populärwissenschaftliche Sendung V mire životnych (In der Tierwelt) jahrzehntelang bei sowjetischen Kindern große Popularität genoss.

Ellen Stephan, geborene Hahn, wurde am 7. März 1937 in die Familie eines Buchhalters in Lößnitz im Erzgebirge hineingeboren. Mit sechs Jahren wurde sie eingeschult. Von 1953 bis 1955 besuchte sie eine Oberschule in Aue, die sie mit dem Abitur abschloss. Nach dem Schulabschluss erhielt sie am Pädagogischen Institut in Leipzig eine Ausbildung zur Russischlehrerin. Welche Beweggründe sie hatte, Russischlehrerin zu werden, ob diese mit der damaligen Nachfrage nach qualifizierten Russischlehrern, einem persönlichen Interesse an der Sprache und/oder pädagogischen Neigungen verbunden waren, ist nicht bekannt. Mit der Sprache war sie jedoch bereits vor ihrer Ausbildung vertraut, da sie diese wie viele andere DDR-Schulkinder ab der 5. Klasse erlernte.

Nach der dreijährigen Ausbildung zur Russischlehrerin kehrte sie ins Erzgebirge zurück. Obwohl sie zur Mittelstufenlehrerin ausgebildet worden war, erfolgte ihr erster Einsatz aufgrund des vorherrschenden Lehrerbedarfs an der Grundschule Gablenz im Kreis Stollberg. 1961 zog sie nach Berlin um, wo sie mit Burkhard Stephan zusammenlebte und ihre Arbeit als Russischlehrerin an einer Schule in Berlin-Weißensee für Schüler ab der fünften Klasse fortsetzte. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: dem erstgeborenen Sohn 1963 folgte 1965 der zweite Sohn. In dieser Zeit traten erste Symptome einer erst später bei ihr diagnostizierten schweren Erkrankung (MS) auf, die für ihr weiteres (Berufs-)Leben beeinträchtigende Folgen hatten sowie dieses in gewisser Hinsicht vorbestimmten.

Wegen des sich verschlechternden Gesundheitszustands war sie gezwungen, über mögliche Alternativen zur Lehrtätigkeit nachzudenken. Das Übersetzen schien eine optimale Lösung zu sein. Denn so konnte sie trotz der gesundheitlichen Probleme berufstätig bleiben und zugleich ihre Fähigkeiten und Kenntnisse bestmöglich einsetzen. 1965 traf sie die Entscheidung, ihre Tätigkeit als Lehrerin ganz aufzugeben. Die Stephans „suchten […] nach einer sinnvollen Beschäftigung für sie und fanden eine solche in Übersetzungen“ (Brief von Burkhard Stephan vom 06.09.2021). Bereits 1963 erschien im Leipziger Urania-Verlag in zehntausend Exemplaren ihre erste Übersetzung, ein Buch des sowjetischen Zoologen Uspenski: Unter Robben und Eismöwen. Expedition zur Bennett-Insel.

In dieser Zeit suchten auch die Biologiezeitschriften Aquarien Terrarien und Der Falke nach Übersetzern. Für letztere schrieb und übersetzte Burkhard Stephan bereits regelmäßig Beiträge und konnte durch die bestehende Kooperation mit der Redaktion Ellen Stephan als Übersetzerin vermitteln. 1964 erschien Ellen Stephans erste Übersetzung eines Beitrags von Uspenski in der Fachzeitschrift Der Falke. Ab da wurde das Übersetzen für die nächsten zwanzig Jahre ihres Lebens zu ihrer Hauptbeschäftigung, sie erhielt regelmäßig Übersetzungsaufträge von dieser Zeitschrift. Anfang der 70er Jahre übersetzte sie auch Beiträge für die Fachzeitschrift Aquarien Terrarien.

Beim Blick auf ihre Bibliographie stechen die 70er Jahre als die produktivsten ihres Schaffens heraus: Neben der Mitarbeit an den beiden Zeitschriften, für deren Herausgabe der Urania-Verlag zuständig war, entstand eine weitere Kooperation mit dem Kinderbuchverlag Berlin. Für diesen übertrug sie hauptsächlich populärwissenschaftliche Kinderbücher sowjetischer Autoren. So erschienen in gemeinsamer Übersetzung mit ihrem Ehemann 1971 Birke, Reh und Schwalbenschwanz von Juri Dmitriew sowie Biber, Schwan und Wasserfloh von Nikolai Ossipow, welche dann in die Sachbuchreihe Mein kleines Lexikon aufgenommen wurden. Es folgten 1972 die Übersetzung von zwei Büchern Jossif Chalifmans: Kleines Ameisenbuch sowie Kleines Bienenbuch.1Die Startauflagen dieser Bände lagen bei 20.000 bzw. 40.000 Exemplaren, für alle gab es mehrere Nachauflagen.

Bis ca. Mitte der 80er Jahre arbeitete Stephan freiberuflich von Zuhause aus, bis sie auch diese Tätigkeit krankheitsbedingt aufgeben musste.

Der vierte Band2Die Bände wurden nicht in numerischer Reihenfolge veröffentlicht: 1985 erschien Band 1, 1989 Band 4 (Galliformes, Gruiformes), 1990 Band 6.1 und 1995 Band 6.2. Die restlichen Bände des Handbuchs der Vögel der Sowjetunion wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht mehr in deutscher Übersetzung veröffentlicht. der im russischen Original zehnbändig geplanten Ausgabe des Handbuchs der Vögel der Sowjetunion, dessen Übertragung ins Deutsche sie gemeinsam mit dem Ornithologen Dieter Wallschläger unter der Leitung von Burkhard Stephan in Angriff nahm, war die letzte Übersetzung, an der sie mitwirkte. Der knapp 450 Seiten umfassende Band wurde 1989 im Verlag A. Ziemsen (Wittenberg) sowie als westdeutsche Lizenzausgabe im Aula-Verlag (Wiesbaden) veröffentlicht. Aufgrund wirtschaftlicher und politischer Veränderungen sowie der Auflösung des Ziemsen-Verlags (vgl. Links 2010: 238–240) wurde das Projekt gestoppt, nur vier der ursprünglich geplanten zehn Bände wurden herausgegeben.

Ende der 80er, nach mehreren Krankenhausaufenthalten, wurde Ellen Stephan auf eigenen Wunsch in einem Pflegeheim in Lößnitz untergebracht, in dem damals auch ihre Mutter, Marianne Hahn, lebte. Dort verstarb sie am 12. April 2006.

Ellen Stephans Weg in den Übersetzerberuf erweckt den Eindruck eines gängigen Musters: Dass eine Russischlehrerin zur Übersetzerin aus dem Russischen wurde, war in der DDR kein Einzelfall. Und dennoch ist Stephans Weg atypisch, weil sie als Russischlehrerin zur Übersetzerin von ornithologischen sowie zoologischen Fach- und Sachbüchern wurde, ohne eine Affinität zur Vogelkunde zu besitzen und die notwendigen Fachkenntnisse vorweisen zu können. Somit erklärt sich die Arbeitsteilung zwischen ihrem Mann und ihr: Ellen Stephan fertigte die Rohfassung an, Burkhard Stephan, der in den Jahren 1954 bis 1959 in Moskau zum Diplom-Biologen ausgebildet worden war, übernahm die Endkorrektur: „Ihr fehlten die Fachkenntnisse. Ich suchte ihr die passende Literatur heraus und überarbeitete dann die Übersetzungen. Das trifft für alle Beiträge und Bücher zu“ (Brief vom 15. März 2021). Ihr Mangel an Fachwissen konnte außerdem durch die Nutzung der umfangreichen Hausbibliothek ausgeglichen werden.

Einen weiteren Hinweis darauf, wie die Aufgaben im Tandem verteilt wurden, liefert ein 1969 im Rahmen des Druckgenehmigungsverfahrens erstelltes Gutachten. Dem Verlagsgutachten zum Kinder-Nachschlagewerk Biber, Schwan und Wasserfloh zufolge hatte Ellen Stephan die Rohübersetzung angefertigt und ihr Mann diese aufgrund seiner Fachkenntnisse im Bereich Biologie überarbeitet, unter Einbeziehung und Berücksichtigung aller Anmerkungen und Änderungsvorschläge seitens des Verlags (vgl. BArch: Druck-Nr. 270/74/71). Analoges galt für das Kindersachbuch Birke, Reh und Schwalbenschwanz.

In Zeitungsrezensionen finden sich keine Aussagen zur Qualität ihrer Übersetzungen. Lediglich die Gutachten vermitteln ein Bild von den Stärken und Schwächen ihrer Arbeit. So werden z. B. in einem 1979 erstellten Verlagsgutachten zu ihrer bereits 1974/75 entstandenen Übersetzung des gut 300 Seiten umfassenden Sacharnow-Jugendbuches Po morjam vokrug zemli (Auf den Meeren rund um die Welt) zwei Schwachpunkte benannt:

1. Die Übersetzung war vom sprachlich-stilistischen und vom fachterminologischen Gesichtspunkt aus zu wortwörtlich vorgenommen worden.
2. Die Übersetzerin verfügte über keinerlei fachspezifische Kenntnisse, was bei der Übertragung ins Deutsche zu inhaltlichen und terminologischen Fehlern führte.

Hinzu kam, dass auch der Originaltext selbst eine Reihe von Schwächen aufwies: Oberflächlichkeiten, Ungenauigkeiten, sachliche Fehler, Darstellung veralteter Geräte, überholte Daten, nicht genügend fundierte Aussagen auf Teilgebieten.
Davon zeugen auch die beiden eingeholten Fachgutachten […] Das Gutachten vom Institut für Meereskunde enthält 32 Seiten Einzelanmerkungen. Dr. Kühlmann (Naturkundemuseum) verfasste ein Gutachten von 5 Seiten und hatte handschriftlich notwendige und wünschenswerte Änderungen in fast jede Seite des Manuskripts eingetragen. (BArch: Druck-Nr. 270/110/80)

Die im Gutachten betonten fachkundlichen Mängel an meereskundlichem Fachwissen führten dazu, dass die inhaltliche wie sprachliche Qualität der Übersetzung unzureichend war. Zu beachten ist jedoch, dass der Verlag ausdrücklich darum gebeten worden war, den Text von einem Fachmann überprüfen zu lassen (Mitteilung von B. Stephan). Diese Überprüfung führte dazu, dass die Arbeit am Manuskript zunächst eingestellt wurde, zumal der Kinderbuchverlag erfahren hatte, dass der Moskauer Progress Verlag eine in Russland angefertigte Übersetzung von Po morjam vokrug zemli durch Kooperation mit der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG) in die DDR exportieren wollte. Erst 1978 wurde klar, dass es zu diesem Import nicht kommen würde, so dass der Kinderbuchverlag die Arbeit an Ellen Stephans Manuskript wieder aufnehmen konnte. Dass Auf den Meeren rund um die Welt schließlich erst 1983 (in 20.000 Exemplaren) an die Buchhandlungen ausgeliefert wurde, lag auch an der Beseitigung jener sachlichen Fehler, die bereits der russische Originaltext aufwies, was mehrfache Rücksprachen mit dem Autor erforderte. (vgl. BArch: Druck-Nr. 270/110/80).

An der Editionsgeschichte von Auf den Meeren rund um die Welt lässt sich u.a. auch erkennen, mit welchem Aufwand im Kinderbuchverlag Berlin (und wohl generell in Verlagen der DDR) Übersetzungen lektoriert wurden.

Die Beurteilung der beiden Chalifman-Übersetzungen – Kleines Ameisenbuch und Kleines Bienenbuch – fiel unterschiedlich aus. Aus den vom Verlag eingeholten Außengutachten geht hervor, dass die Übersetzung des Ameisenbuches sowohl fachlich, als auch sprachlich gelobt und als „nahezu druckreif“ (BArch: Druck-Nr. 270/88/72) bezeichnet wurde. Im Gegensatz dazu wies die Übersetzung des Bienenbuches sprachliche Mängel auf, z. B. mehrere Russizismen (vgl. BArch: Druck-Nr. 270/89/72). Beide Übersetzungen wurden in fachlicher Hinsicht als gelungen charakterisiert.

Da bisher keine umfassendere Analyse von Ellen Stephans übersetzerischen Strategien, ihrer Herangehensweise an die Texte unternommen wurde, stehen zur Charakterisierung ihres übersetzerischen Tuns nur wenige Quellen zur Verfügung. Von ihr selbst sind keine Äußerungen zu ihrer Arbeit als Übersetzerin überliefert. Auch wurden ihre Übersetzungen stets von ihrem Mann überarbeitet, so dass ihre eigene Stimme kaum herauszufiltern ist.

Das translatorische Werk von Ellen Stephan umfasst elf Übersetzungen in Buchform sowie über vierzig in Zeitschriften veröffentlichte Übersetzungen. Mehrere von ihr übersetzte Bücher erlebten mehrere Auflagen in der DDR, nach 1990 wurde allerdings keines neu herausgegeben.

Ellen Stephan gehörte zu den „Nur-Übersetzern“. Sie war keine Übersetzerin der „großen“ Dichter oder Schriftsteller, sie erhielt keine Preise für ihre übersetzerische Leistung, sie war kein Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR und/oder ein Teil des literarischen Netzwerkes der DDR, was ihr evtl. einigermaßen hätte dabei helfen können, aus dem Schattendasein als Übersetzerin herauszutreten. Daher erstaunt es nicht, dass bisher nur eine kurze Erwähnung ihrer Person in einer Fußnote eines wissenschaftlichen Artikels zur Kinder- und Jugendliteratur in der DDR zu finden war (Helm 2017: 189).

Danksagung: Prof. Burkhard Stephan hat durch seine Unterstützung und die Überlassung (sprach)biographischer Daten zu Ellen Stephan die Erstellung dieses Porträts ermöglicht. Ihm gebührt der Dank der Verfasserin.

Anmerkungen

  • 1
    Die Startauflagen dieser Bände lagen bei 20.000 bzw. 40.000 Exemplaren, für alle gab es mehrere Nachauflagen.
  • 2
    Die Bände wurden nicht in numerischer Reihenfolge veröffentlicht: 1985 erschien Band 1, 1989 Band 4 (Galliformes, Gruiformes), 1990 Band 6.1 und 1995 Band 6.2. Die restlichen Bände des Handbuchs der Vögel der Sowjetunion wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht mehr in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

Literatur

Helm, Wiebke (2017): Experimentierfeld Sachbuch. Heterogenes Erzählen und Darstellen in der Serie Mein kleines Lexikon. In: Schmideler, Sebastian (Hg.): Wissensvermittlung in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR. Göttingen: V&R unipress. S. 185–207.
Links, Christoph (2010): Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. 2., aktualisierte Aufl. Berlin: Ch. Links Verlag.

Sonstige Quellen

Briefwechsel der Verfasserin mit Prof. Burkhard Stephan, März – September 2021

Archive

Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Bestände des DDR-Kulturministeriums und der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (BArch)

Zitierweise

Kavaleuskaya, Maryia: Ellen Stephan, 1937–2006. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 27. Januar 2022.
BeschreibungEllen Stephan (Quelle: Privatarchiv Burkhard Stephan)
Datum24. März 2022
Ellen Stephan (Quelle: Privatarchiv Burkhard Stephan)

BIBLIOGRAPHIE

Detaillierte Bibliographie