<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Arabist/in &#8211; UeLEX</title>
	<atom:link href="https://uelex.de/berufe/arabist-in/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://uelex.de</link>
	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
	<lastBuildDate>Sat, 15 Nov 2025 06:50:11 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.8</generator>
	<item>
		<title>Naguib, Nagi</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/nagi-naguib/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Mar 2024 21:28:31 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009952</guid>

					<description><![CDATA[Nagi Naguib hat wie kaum ein anderer Pionierarbeit für die Vermittlung moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum geleistet. Die Bandbreite seines translatorischen Han­delns ist groß: Er war Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Hochschuldozent, Kurator von Literaturveranstaltungen, Herausgeber, Publizist, Verleger, Lektor. Über seine Lebensdaten, sei­nen Bildungs- und Berufsweg lassen sich jedoch weder in digitalen noch in Printmedien auf Deutsch [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Nagi Naguib hat wie kaum ein anderer Pionierarbeit für die Vermittlung moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum geleistet. Die Bandbreite seines translatorischen Han­delns ist groß: Er war Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Hochschuldozent, Kurator von Literaturveranstaltungen, Herausgeber, Publizist, Verleger, Lektor. Über seine Lebensdaten, sei­nen Bildungs- und Berufsweg lassen sich jedoch weder in digitalen noch in Printmedien auf Deutsch wie Arabisch korrekte und umfangreichere Informationen finden. Will man der biogra­phischen Notiz des Unionsverlags Glauben schenken, so soll er in Berlin studiert und – aus welchen Gründen auch immer – in München promoviert haben (Stand 3. April 2024). Im Nachruf von Gabriele Braune (1988: 11f.) lässt sich zwar ein erster Eindruck von Naguibs akademischer Laufbahn gewinnen, aber sie nennt z. B. nicht einmal sein (genaues) Geburtsdatum. Dass er dem Nachruf zufolge bei Walter Höllerer an der Freien Universität Berlin promovierte, kann nicht stimmen, da Höllerer an der Technischen Universität Berlin lehrte. Auf den Internetseiten des Verlags Edition Orient erfährt man lediglich, dass er Übersetzer und Verlagsgründer war (Stand 3. April 2024). Erste ver­lässliche Informationen zu den Eckdaten seines Lebens- und Bildungsweges finden sich im Archiv der Freien Universität Berlin. Ein detailreiches Bild von seinem Leben und Werk kann man sich nur machen dank des gut 20 Ordner umfassenden Nachlasses, den Christa Naguib fast vier Jahrzehnte im Andenken an ihren am 24. Mai 1987 verstorbenen Mann sorgfältig aufbewahrt hat.</p>



<p></p>



<p>1</p>



<p>Geboren am 27. Dezember 1931 in der oberägyptischen Stadt al-Minya, aufgewachsen in Kairo, stu­dierte Nagi Naguib von 1949 bis 1955 Anglistik und Pädagogik an der Ibrahim-Pascha-Univer­sität (heute: Ain-Schams-Universität) in Kairo. Dort erwarb er im Mai 1953 den Bachelor of Arts in English Literature and Education und im Oktober 1955 das Special Diploma in Education.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Wo nicht anders angegeben, stützt sich die übersetzerbiografische Darstellung auf Dokumente aus dem Nachlass Naguibs.</span> Doch als Lehrer zu arbeiten, scheint nicht Naguibs (erster) Berufswunsch gewesen zu sein. Denn schon früh bemühte er sich – folgt man einem (unveröffentlichten) Nachruf seines langjährigen Freundes Olav Münzberg – um ein Stipendium zur Fortsetzung seines Studiums in England.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Dafür spricht auch eine am 31. Oktober 1953 auf Englisch ausgestellte und an die University of London adressierte Version seines B. A.-Zeugnisses. &nbsp;</span>Während des Militärdienstes, den man in Ägypten nicht nach dem Schulabschluss, sondern nach dem Studium ableisten muss, kam Naguib der Suezkrieg dazwischen. Eine Pro­motion in dem Land, das 1956 gemeinsam mit Frankreich und Israel einen Angriffskrieg gegen Ägypten geführt hatte, war für Naguib nicht mehr möglich. Nach dem Militärdienst musste er seine Bemühungen um ein Promotionsstipendium in England aufgeben und begann als Lehrer an einer Oberschule in Kairo zu arbeiten.</p>



<p>Nach Deutschland und zum Deutschen kam Naguib dank eines Kooperationsabkommens zwischen der Vereinigten Arabischen Republik (einem Staatenbund zwischen Ägypten und Syrien von 1958 bis 1961) und der Bundesrepublik Deutschland, in dessen Rahmen Deutschlehrer für Schulen ausgebildet werden sollten. Der damals 29-jährige Naguib wurde vom Schuldienst be­urlaubt und konnte den vom Goethe-Institut (München und Berlin) organisierten Lehrgang für ausländische Deutschlehrer besuchen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Der Deutschunterricht wurde 1956 an den ägyptischen Oberschulen eingeführt. 1958 wurde die erste Gruppe ägyptischer Oberschullehrer, darunter Moustafa Maher, nach München geschickt, um dort den Lehrgang für ausländische Deutschlehrer zu absolvieren. (vgl. Maher/Ule 1979: 16)</span> In nur 20 Monaten, von Januar 1960 bis August 1961, hat sich Naguib gründliche Kenntnisse des Deutschen angeeignet. Davon zeugen sowohl die Gesamtnote „sehr gut“ auf seinem Sprachlehrerdiplom als auch der Abschlussbericht der Prü­fungskommission, die ihn zum Promotionsstudium ermunterte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Herr Nagib [= Naguib] überragt alle seine Kollegen durch sein Interesse für deutsche Literatur und Kultur und durch seine Fähigkeit, deren Gegenstände in geisteswissen­schaftlichen Kategorien zu erfassen. Er hat sich in relativ kurzer Zeit nicht nur eine ungewöhnliche Kenntnis der deutschen Literatur angeeignet, sondern zugleich ein be­merkenswertes Vermögen entwickelt, seine Einsichten in der dafür angemessenen Spra­che zu formulieren. So fiele ihm die Anfertigung einer Dissertation über ein deutsches literaturwissenschaftliches Thema leichter als allen übrigen; und wenn es darum ginge, jemand [sic!] zu finden, der seinen Landsleuten die modernen deutschen Auffassungen von Literatur und dem Umgang mit literarischen Werken vermittelt, so wäre er zwei­fellos der geeignete Mann dafür. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Eine weitere Beurlaubung lehnte die ägyptische Schulbehörde jedoch ab. Naguib schied da­raufhin aus dem Schuldienst aus und kehrte auf eigene Faust nach West-Berlin zurück, um an der Freien Universität über ein germanistisches Thema zu promovieren. Dort studierte er vom Winter­semester 1962/63 bis zum Sommersemester 1968 Germanistik, Arabistik und Anglistik. Nach Abschluss des Promotionsstudiums immatrikulierte er sich im Sommersemester 1970 für das Fach Soziologie und begründete seinen Fachwechsel handschriftlich wie folgt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Meiner bisherigen literarischen Ausrichtung stehe ich heute äußerst kritisch gegenüber. Für meine Tätigkeit auf dem Gebiet der vergleichenden [sic!] Literaturwissenschaft brauche ich ausreichende Kenntnis soziologischer Fragen und Problemstellungen. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Die Beherrschung des Deutschen, die ihn später zum Übersetzen literarischer Werke in die Fremdsprache qualifizieren sollte, wurde ihm bereits in den ersten Semestern seines Promotionsstudiums mehrfach bescheinigt. In den Auswahlprüfungen, die er ab 1963 Semester für Semester ablegen musste, um von der FU Berlin ein Stipendium und den Erlass der Studienge­bühren zu erhalten, wurden seine Deutschkenntnisse – wie die Protokollformulare festhalten – stets mit der höchsten Bewertung „gut“ versehen; im Protokoll vom 26. Feb­ruar 1964 wurde sogar „sehr“ handschriftlich hinzugefügt. Auch einer seiner akademischen Lehrer, der Germanist Lothar Markschies, bescheinigte ihm bereits nach dem ersten Semester, die deutsche Sprache in Wort und Schrift auf nahezu muttersprachlichem Niveau zu beherr­schen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Herr Nagi Naguib hat im WS 1962/1963 mein Proseminar „Cl. Brentano“ mit Erfolg besucht. Er beteiligte sich häufig am Seminargespräch und bewies hierbei die Fähig­keit, sich über ein Problem selbständig und im Zusammenhang zu äußern. Offensicht­lich kennt er keine Ausdrucksschwierigkeiten im Deutschen und beherrscht die Sprache soweit, daß er seine Aussagen mühelos übersetzen kann. Das gleiche gilt für seine schriftliche Leistung. Ihr ist weder der Sache nach noch in der Darbietung anzumerken, daß sie von einem Ausländer erbracht wurde. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Nicht nur im Fach Germanistik, sondern auch im Fach Arabistik, das Naguib an der damaligen islamkundlichen Sektion des Religionswissenschaftlichen Instituts belegte, konnte er gute Leistungen vorweisen. Eine davon bestand in der Übersetzung altara­bischer Gedichte ins Deutsche, was laut einer Bescheinigung vom 19. Juli 1963 (Prof. Walther Braune) als Ersatz für das gemäß Promotionsordnung verlangte Latinum galt.</p>



<p></p>



<p>2</p>



<p>Nach Annahme seiner Dissertation <em>Studien zu den Romanen Robert Walsers</em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="17"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup17">17</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="17">Die Dissertation ist 1970 unter dem Titel <em>Robert Walser. Entwurf einer Bewußtseinsstruktur</em> im Münchener Verlag Fink erschienen. In der biographischen Notiz auf den Internetseiten des Unionsverlags ist daher vermutlich der Erscheinungsort der Dissertation mit dem Ort der Promotion verwechselt worden (Stand 3. April 2024). </span>legte Naguib am 9. Juli 1968 die Doktorprüfung in den Fächern Germanistik und Arabistik mit dem Gesamtprä­dikat „magna cum laude“ ab. <span class="oes-note oes-popup" data-fn="18"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup18">18</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="18">Die Prüfungskommission bestand aus Eberhard Lämmert (Hauptreferat), Wilhelm Emrich (Korreferat), Eduard Neumann, Rudolf Macuch und Peter Szondi. (Vgl. FU Berlin UA: StudA-A, 2556).</span> Dass sich der promovierte Germanist nicht der Vermittlung deutschsprachiger Literatur ins Arabische, sondern der Vermittlung moderner arabischer Lite­ratur ins Deutsche widmete, ist auf mehrere Umstände zurückzuführen: Zum einen entschied er sich, nach der Promotion in der Bundesrepublik zu bleiben und nicht in seine Hei­mat zurückzukehren oder in ein anderes arabisches Land zu gehen; in Frage kamen – wie seine Bewerbungsunterlagen andeuten – unter anderem Libyen und der Libanon. Zum anderen mangelte es im deutschsprachigen Raum an Übersetzungen und Übersetzern moderner arabischer Literatur. Die ohnehin sehr begrenzte Auswahl moderner arabischer Literatur in deutscher Spra­che wurde überwiegend aus den Relaissprachen Englisch und Französisch übersetzt (vgl. Ma­her/Ule 1979). Ein offensichtlich entscheidender Faktor war der Umstand, dass der Abschluss von Naguibs Promotion mit der Rückkehr von Fritz Steppat aus Beirut 1968 und seiner an­schließenden Berufung als Ordinarius für Islamwissenschaft an die FU Berlin zusammenfiel.</p>



<p>Steppat, der als Wegbereiter der modernen multidisziplinären Orientforschung gilt (Reichmuth 2006: 4), setzte – laut einem unbetitelten und undatierten 11 Typoskriptseiten umfassenden Dokument<span class="oes-note oes-popup" data-fn="19"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup19">19</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="19">Das Dokument befindet sich im Nachlass von Nagi Naguib. Die darin aufgelisteten Publikationen lassen vermuten, dass es Mitte der 1970er Jahre entstanden sein muss.</span> &nbsp;– vier Schwerpunkte, die Lehre und Forschung am Institut für Islamwissen­schaft profilieren sollten. In diesem Rahmen sollten die islamisch geprägten Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens aus soziologischer, geschichtswissenschaftlicher, literaturwissen­schaftlicher und rechtswissenschaftlicher Perspektive erforscht werden. Zu jedem Schwerpunkt wurden laufende Forschungsprojekte vorgestellt und entsprechende Publikationen aufgelistet. Am Schwerpunkt „Funktionen und Formen moderner arabischer und türkischer Literatur“ war Naguib mit einem Habilitationsprojekt zum Thema „Literaturtheorie am Beispiel Ägyptens“ beteiligt. Bemerkenswert ist, dass zu den Publikationen des Schwerpunkts nicht nur wissen­schaftliche Aufsätze Naguibs u.&nbsp;a. über die ägyptischen Schriftsteller Nagib Machfus und Ab­dalhakim Kassem gehörten, sondern auch eine Anthologie zeitgenössischer ägyptischer Erzäh­lungen, die Naguib übersetzt hat und im Peter Hammer Verlag erscheinen sollte. Dies zeigt nicht nur die Offenheit der Forschungspraxis am Institut für Islamwissenschaft gegenüber Übersetzungen, sondern deutet auch auf die Verschränkung von literaturwissenschaftlichem und translatorischem Handeln bei Naguib hin. In der Anthologie, die erst 1980 nicht im Peter Hammer Verlag, sondern im Berliner Verlag Der Olivenbaum erscheinen sollte, sind junge Stimmen der ägyptischen Erzählliteratur der 1960er Jahre vertreten, über die Naguib nicht nur forschte, sondern ab dem Wintersemester 1971/72 auch Seminare und Übungen hielt, zunächst im Rah­men einer Qualifizierungsstelle von 1970 bis 1975, später im Rahmen von Lehraufträgen bis zu seinem Tod im Sommersemester 1987.</p>



<p>Während die moderne arabische Literatur am Institut für Islamwissenschaft der FU Berlin zum festen Bestandteil von Forschung und Lehre wurde, tat sich der westdeutsche Literaturbetrieb mit ebendieser Literatur schwer. Bis Ende der 1970er Jahre ließen sich die Übersetzungen moderner arabischer Literatur in der BRD an einer Hand abzählen: Maher und Ule (1979) listen zwei Buchübersetzungen in der BRD auf. Durch eigene Recherchen konnten zwei weitere Buchüber­setzungen (Verlag Der Olivenbaum 1978, 1979) ermittelt werden. Erst nach der Gründung des Verlags Edition Orient auf Initiative von Naguib 1980 in West-Berlin kam es allmählich zu einem quanti­tativen Anstieg deutscher Übersetzungen moderner arabischer Literatur. Dazu hat Naguib als Übersetzer bzw. Herausgeber mit sieben Büchern und als Verleger mit zwei weiteren von ihm nicht übersetzten Büchern bei­getragen. Das heißt: In den Jahren 1980 bis 1986 wurde in der Edition Orient unter der Feder­führung von Naguib mehr arabische Literatur in deutscher Übersetzung herausgebracht als in den zwei Jahrzehnten zuvor in der BRD und fast so viel wie in der DDR, wo bis 1978 acht Buchübersetzungen (vgl. ebd.) und 1980 der erste Nagib Machfus-Roman (<em>Der Dieb und die Hunde</em>) in der Übersetzung von Doris Erpenbeck (= Doris Kilias) erschienen waren. Doch wie kam Naguib auf die Idee, einen Verlag zu gründen, der sich die Verbreitung moderner ara­bischer Literatur im deutschsprachigen Raum auf die Fahnen schrieb?</p>



<p>Eine Antwort darauf lässt sich an einer umfangreichen Korrespondenz erahnen, die Naguib von 1969 bis 1976 geführt hatte. Daraus geht hervor, dass er mehrere Anläufe startete, auch mit Hilfe von Kontakten aus seinem weit verzweigten Netzwerk (Schriftsteller, Publizisten, Diplo­maten, Orientalisten), um zwei Herzensprojekte bei einem deutschsprachigen Verlag unterzu­bringen: Eine Anthologie zeitgenössischer Autoren aus dem Ägypten der 1960er Jahre, die erst 1980 unter dem Titel <em>Farahats Republik</em> im Berliner Verlag Der Olivenbaum erscheinen wird, sowie Nagib Machfus’Roman, der ab den 1980er Jahren in mehreren Ausgaben vorliegt: unter dem Titel <em>Hausboot am Nil</em> in der Edition Orient (1982), bei Volk und Welt (Lizenzausgabe 1985), Suhrkamp (Lizenzausgabe 2004) und unter dem Titel <em>Geschwätz auf dem Nil</em> in der zwei­sprachigen Reihe der Edition Orient (2009, 2017). Damit ist <em>Der Dieb und die Hunde</em> zwar der erste auf Deutsch veröffentlichte Machfus-Roman, aber dieser erste <em>übersetzte</em> Roman musste gut 12 Jahre auf einen Verlag warten.</p>



<p>Zu den Verlagen, denen Naguib beide Übersetzungsprojekte angeboten hatte oder anbieten ließ, gehörten Universitas (West-Berlin), Manesse, Wagenbach, Hanser, S. Fischer (Fischer Büche­rei/Fischer Taschenbuch), Jakob Hegner, Rowohlt, Luchterhand, Suhrkamp, C. Bertelsmann, Diogenes, Peter Hammer. Doch keiner dieser Verlage konnte sich letztlich entschließen, den bis dahin im deutschsprachigen Raum (völlig) unbekannten Nobelpreisträger von 1988 oder Er­zählungen junger zeitgenössischer Autoren aus dem Ägypten der 1960er Jahre zu veröffentli­chen. Es gab &#8211; wie die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, die die Anthologie als Manuskript kannte und sich für deren Veröffentlichung einsetzte, in einem Brief am 28. Oktober 1971 an Naguib schrieb – „keinerlei Qualitätszweifel“, weder an der Übersetzung als sol­cher noch an den ausgewählten Erzählungen bzw. Kurzgeschichten. Sie tröstete Naguib damit, dass sie auch von anderen ausländischen Autoren Klagen höre. Dass es nicht nur arabische, sondern überhaupt unbekannte fremdsprachige Autoren schwer hatten, auf dem bundes­deutschen Buchmarkt Fuß zu fassen, bestätigt auch Dieter E. Zimmer in der <em>Zeit</em> vom 5. März 1976:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Entdeckungslust der frühen Nachkriegsjahre ist dahin. Das Interesse ist erstarrt. Es richtet sich auf bestimmte Länder, während andere Kulturen immer weiter an den Rand unseres Gesichtsfelds rücken; auf bestimmte eingeführte Namen; auf bestimmte Ver­mittlungsformen. (Zimmer, zit. nach: Grössel 1976: 481)</p>
</blockquote>



<p>Folgt man dem Übersetzer Hanns Grössel, der von einem „Zustand eines literarischen Provin­zialismus“, der in den späten 1960er Jahren nach einer „außerordentlich rege[n] Übersetzungs- und Publikationstätigkeit [der Nachkriegszeit]“ (ebd.: 481) einsetzte, so ist das De­sinteresse an unbekannter fremdsprachiger Literatur in erster Linie auf öko­nomische Überlegungen zurück­zuführen. Die großen Verlage werden zur Rationalisierung „ohne Rücksicht auf die literarische Relevanz dessen, was dabei wegrationalisiert wird“ (ebd.: 487) gezwungen. Deutlich lassen sich solche Überlegungen an einer Absage des Fischer Taschen­buch Verlags am 7. Juni 1973 ablesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wir haben es mit viel Neugier und Interesse gelesen, für eine Veröffentlichung haben wir uns jedoch letztendlich nicht entschließen können. Denn wenn einige Texte sehr stark und überzeugend sind, bleiben andere zu fremd, um das Ge­schilderte oder Medi­tierte in der Vorstellung nachvollziehen zu können. Mit ausschlaggebend bei unseren Überlegungen war darüber hinaus, daß kein rechter Aufhänger für diese Anthologie zu finden ist, kein aktueller Bezug, keine Möglichkeit der Beziehung und Anreiz schaf­fenden Präsentation, die immerhin so attraktiv sein müßte, daß minimal ein Leserkreis von 20000 Inte­ressenten gewonnen werden kann. Vielleicht nehmen Sie auch Kontakt mit dem Erdmann Verlag auf, der sich ja ein wenig spezialisiert hat auf Erzählungen aus aller Welt.</p>
</blockquote>



<p>Nicht nur Fischer Taschenbuch, sondern auch nahezu alle großen Verlage, denen Naguib seine Übersetzungsprojekte anbot, verwiesen auf den staatlich geförderten Erdmann Verlag. Mit dem Verleger Horst Erdmann hatte Naguib – auf Anraten von Fritz Steppat – bereits im Mai 1969 Kontakt aufgenommen. Obgleich Naguib von Beginn an – wie man u. a. an seiner Korrespon­denz mit Ingeborg Drewitz ablesen kann – wegen der unzulänglichen Kommunikation und fehlen­den Expertise des Verlages äußerst unzufrieden war, ließ er sich zu einer Zusammenarbeit überreden. Angeboten hat er u. a. seine bereits abgeschlossenen Übersetzungsprojekte (<em>Geschwätz auf dem Nil</em> und <em>Farahats Republik</em>) und einen weiteren Machfus-Roman, der erst 1990 unter dem Titel <em>Kinder unseres Viertels</em> in der Übersetzung von Doris Kilias im Schweizer Unions­verlag erscheinen sollte. Im Gespräch waren darüber hinaus Autoren, die später in der zwei­sprachigen Reihe der Edition Orient mit Naguib als Übersetzer und/oder Herausgeber erschei­nen werden. Der Kontakt brach jedoch nach einem Zerwürfnis im Jahr 1973 endgültig ab, als Naguib den Verdacht hegte, er würde um seine konzeptionelle und übersetzerische Arbeit an der Anthologie gebracht.</p>



<p>Auch mit kleineren engagierten Verlagen waren beide Übersetzungsprojekte nicht zu realisie­ren. Der Kölner Verlag Jakob Hegner beispielsweise begründete seine Absage mit der starken Reduzierung des belletristischen Programms (Brief am 2. September 1972). Der Peter Hammer Ver­lag, der durchaus geneigt war, die Anthologie zu veröffentlichen, konnte eine Publikation nur mit einer (staatlichen) Förderung stemmen, weil „literarische Sammlungen und Anthologien auf dem bundesrepublikanischen Markt sehr geringe Chancen haben. Selbst bei angelegter Wer­bung ist der Erfolg gering“, so der Verleger Hermann Schulz in einem Brief am 7. Februar 1974. Naguibs diesbezügliche Bemühungen schlugen jedoch fehl: Weder die Mission der Liga der arabischen Staaten noch die Studienmission der Arabischen Republik Ägypten in Bonn wa­ren bereit, eine Garantieabnahme zu vereinbaren, das heißt, 300 bis 400 Exemplare aufzukaufen.</p>



<p>Es dauerte gut zehn Jahre, bis Naguib die Anthologie bei einem Verlag unterbringen konnte. Doch <em>Farahats Republik</em> war das dritte und letzte Buch, das 1980 der Berliner Verlag Der Oli­venbaum herausbrachte. Erst dann muss Naguib klar geworden sein, dass ohne einen eigenen Verlag die arabische Literatur kaum Chancen auf dem bundesdeutschen Buchmarkt haben würde. Mit der Gründung der Edition Orient erweiterte sich die Vermittlungstätigkeit Naguibs um die des Verlegers. Er war somit Übersetzer, Herausgeber und Verleger moderner arabischer Literatur in Personalunion.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="20"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup20">20</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="20">Hinzu kam auch die Rolle des Lektors, die in der Verlagskorrespondenz angedeutet und im Band 4 der zweisprachigen Reihe ausgewiesen ist. </span>Diese Rollen waren eng verzahnt mit seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit an der FU Berlin. Besonders deutlich wird dies am ersten Buch, das in der Edition Orient erschienen ist: <em>Die Öllampe der Umm Haschim</em> von Yahya Hakki.</p>



<p></p>



<p>3</p>



<p>Die Idee, einen Klassiker der modernen arabischen Literatur aus Ägypten zu übersetzen und zweisprachig herauszugeben, geht laut der Widmung der ersten Ausgabe von 1981 auf eine Gastprofessur Hakkis im Sommersemester 1979 am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin zurück.<em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="21"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup21">21</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="21"> </span></em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="22"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup22">22</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="22">„Die Idee zu diesem Band ist während des Aufenthalts von Yahya Hakki im Sommersemester 1979 in Berlin als Gastprofessor am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin entstanden. Er ist dem Autor, Prof. Dr. Fritz Steppat und den Teilnehmern der Veranstaltung von Yahya Hakki gewidmet.“ (Naguib 1980: 5) </span>Eingeladen wurde Hakki (1905–1992), wie es im Antrag vom 29. November 1978 an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) heißt, nicht nur wegen seiner heraus­ragenden Bedeutung als Schriftsteller in der modernen arabischen Literatur, sondern auch in seiner Funktion als Literaturkritiker, der wichtige Ämter im [staatlich gelenkten] Kultur- und Literaturbetrieb Ägyptens der 1950er und 1960er Jahre innehatte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="23"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup23">23</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="23">Eine literatursoziologische Analyse des Literaturbetriebs im postrevolutionären Ägypten ab 1952 liefert Jacquemond (2003).</span> Das Programm der Gastprofessur umfasste die Beteiligung an der Lehre und Forschung im Rahmen des oben genannten, im Aufbau befindlichen Lehr- und Forschungsschwerpunkts zur modernen arabischen Literatur. So bot Hakki – laut dem Abschlussbericht vom 1. August 1979 an die DFG – zusammen mit Naguib und Steppat eine auf Deutsch, Englisch und Arabisch abgehaltene Lehrveranstaltung mit dem Titel „Einführung in die moderne arabische Literatur“ für alle Stu­dierenden an. Parallel dazu wurde eine Übung angeboten, in der Steppat mit Studienanfängern einzelne literarische Texte in Übersetzung las, und eine zweite, in der Hakki mit fortgeschritte­nen Studierenden eine seiner Erzählungen im Original las und unter inhaltlichen und formalen Gesichtspunkten erörterte. Darüber hinaus stand Hakki für Fachgespräche mit Forschenden zur Verfügung, z. B. Naguib, der mit Hakki in „zahlreichen Zusammenkünften“ sein ebenfalls von der DFG gefördertes Habilitationsprojekt erörterte, so der bereits erwähnte Abschlussbericht. Aus dem Habilitationsprojekt, das unvollendet blieb, sind mehrere Beiträge in deutscher und meh­rere – mittlerweile vergriffene – Monographien in arabischer Sprache hervorgegangen, die un­ter arabischsprachigen Literaturkritikern und -interessierten bis heute als Geheimtipp gehandelt werden.</p>



<p>Das Beispiel Hakkis zeigt nicht nur, dass literaturwissenschaftlich-akademische Interessen Naguibs Übersetzungen motivierten, sondern auch, dass beide Tätigkeiten unterschiedlichen Logiken folgten. Denn obwohl Hakki Naguib während der Gastprofessur die Übersetzungsrechte an seinem Gesamtwerk schriftlich übertragen hatte, übersetzte Naguib lediglich einen Romanauszug, der unter dem Titel „Gestern und heute“ in der Anthologie <em>Farahats Republik</em> erschienen ist, und eine Erzählung Hakkis (<em>Die Öllampe der Umm Haschim</em>), um die es wohl im Abschlussbericht an die DFG ging. Aus dem wissenschaftlichen Interesse ist hingegen eine Monographie entstanden, die die sozialen, historischen und ökonomischen Voraussetzungen von Hakkis Gesamtwerk herausarbeitet und in den Kontext seiner Schriftstellergeneration im Ägypten der 1920er und 1930er Jahre einbettet (vgl. Naguib 1985). Das trifft ebenfalls auf Autoren und Werke aus dem 19. Jahrhundert zu, die Naguib im Rahmen seines Habilitations­projekts zur Sozialgeschichte moderner arabischer Literatur aus Ägypten erforschte, aber nicht übersetzte. Naguib scheint früh erkannt zu haben, dass sich nicht alles, was aus literaturwissenschaftlicher Sicht interessant ist, auch für das Übersetzen ins Deutsche eignet.</p>



<p>Zu den Auswahl­kriterien der von ihm übersetzten, herausgegebenen oder verlegten Bücher äußerte sich Naguib in einem Interview mit der ägyptischen Zeitung <em>al-Qahira</em> (Kairo) vom 4. Februar 1986: Er versuche – bei aller Subjektivität – Namen auszuwählen, die als Aushängeschild für die ara­bische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt dienen könnten, z. B. Naguib Machfus, Yusuf Idris oder Saadallah Wannous. Die Bekanntheit oder Beliebtheit eines Autors oder eines Werks in der arabischen Welt sei keine Garantie für einen Erfolg im deutschsprachigen Raum. Ein Werk müsse auch Eigenheiten aufweisen, die sich mit den sprachlich-ästhetischen Mitteln der Zielsprache vermitteln ließen; neoklassizistische Werke mit wenig Gehalt, die nur von den Ma­ximen der klassischen Rhetorik lebten, seien nicht für das Übersetzen geeignet. (Ali 1986: 41) Eine persönliche Präferenz, die Naguib im Interview nicht verrät, die sich jedoch bei der Betrachtung seines translatorischen Œuvres feststellen lässt, ist seine Neigung (als Überset­zer) zur Kurzprosa, den Machfus-Roman ausgenommen, zum Drama sowie zur Lyrik, die er in einer Anthologie einem größeren deutschen Lesepublikum vorstellen wollte – eines der vielen Projekte, die er vor seinem frühen Tod nicht mehr vollenden konnte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="24"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup24">24</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="24">Einzelne Gedichtübersetzungen wurden in der von Walter Höllerer herausgegebenen Zeitschrift <em>Sprache im technischen Zeitalter</em> (Nr. 96/1985) veröffentlicht.</span></p>



<p>Nicht nur das <em>Was</em> des translatorischen Œuvres folgte einer von den akademischen Interessen unabhängigen Logik, sondern auch das <em>Wie</em>. Dass Hakkis <em>Die Öllampe der Umm Haschim</em> in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen ist, mag den Eindruck erwecken, dass es sich hierbei um eine philologische, nur oder primär an Arabischlernende gerichtete Übersetzung handele. Diesen Eindruck verstärkt ein umfangreicher Anmerkungsapparat, der einzelne, insbesondere in den Dialogen vorkommende Erscheinungen des ägyptischen Dialekts erläutert. Gleichwohl betont der verlegerische Peritext, dass die Übersetzung auch für Leser ge­dacht sei, die einfach nur den deutschen Text lesen wollen (vgl. Hakki 1981: 144). In diese Richtung weist auch eine Rezension von 1982. Der Orientalist und Koranübersetzer Hartmut Bobzin kommt nach einem stichprobenartigen Ver­gleich zwischen Naguibs Übersetzung und der zuvor in der DDR in einem Sammelband er­schienenen Übersetzung von Wiebke Walther zu dem Urteil, dass Naguibs „Übersetzung insgesamt gesehen recht flüssig zu lesen, flüssiger sicher als diejenige von Walther, durch die wesent­lich öfter das arabische Gewand hindurchscheint“ (Bobzin 1982: 95). Trotz eines positiven Ge­samturteils über Auswahl, Zweisprachigkeit und Aufmachung des Bandes sowie über die Über­setzung insgesamt bemängelt Bobzin in seiner in der <em>Zeitschrift für Arabische Linguistik</em> veröffentlichten Rezension Ungenauigkeiten und Glättungen und führt dafür Beispiele an, die einzelne Vokabeln und Phrasen betreffen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Abgesehen davon, daß die Wörter von al-mubtalīn bis bayān nicht übersetzt sind, ver­wundert die Übersetzung von &#8218;akṯar ruǧūlatan mit &#8222;aufrechter&#8220;: warum nicht &#8222;männli­cher&#8220;? Naǧāba heißt nicht &#8222;Intelligenz&#8220;, sondern &#8222;Vornehmheit, Adel&#8220;, was einen ganz anderen Sinn ergibt! Ungenau ist aber auch die Übersetzung von &#8218;aqwam lisānan wa-&#8218;afṣaḥ nutqan, denn dies besagt m.&nbsp;E., daß er das (Hoch-)Arabische sowohl besser spricht (im Sinne der Sprachbeherrschung) als auch ausspricht. Diese wenigen Bei­spiele mögen ausreichen, um zu zeigen, daß die Übersetzung nicht immer genau genug ist. (ebd.: 95)</p>
</blockquote>



<p>In den relativ umfangreichen Nachworten zu den von ihm übersetzten oder herausgegebenen Büchern hat sich Naguib nicht zum <em>Wie</em> des Übersetzens geäußert. Wie gründlich er sich mit den Ausgangstexten befasst hat, lässt sich an der Korrespondenz mit den Autoren erkennen, mit denen er u. a. übersetzungsbezogene Fragen zur Lexik und Syntax der arabischen Texte diskutierte. Daraus lässt sich auch schließen, dass hinter Naguibs übersetzerischen Entschei­dungen andere Überlegungen standen als die wörterbuchmäßigen Entsprechungen, die dem Re­zensenten vorschwebten.</p>



<p>Naguib ließ sich auf Texte ein, von deren literarischer Qualität er überzeugt war. Als Literatur­übersetzer war er auch fast immer sein eigener Auftraggeber.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="25"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup25">25</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="25">Eine Ausnahme dürfte die Kurzgeschichte <em>Der Gaukler hat den Teller geraubt </em>von Nagib Machfus sein, die Naguib im Auftrag des <em>ZEIT</em>-Redakteurs Dieter E. Zimmer übersetzte und die am 5. Dezember 1980 im <em>ZEITmagazin</em> Nr. 50 veröffentlicht wurde. Naguib hatte allerdings bereits im Sommer 1969 die <em>ZEIT</em>-Redaktion auf Machfus aufmerksam gemacht. Der Feuilletonchef Rudolf Walter Leonhardt fand Machfus’ Erzählung <em>Anbar Lulu</em> in Naguibs Übersetzung, die der <em>Akzente</em>-Herausgeber Hans Bender zuvor der Länge wegen abgelehnt hatte (Brief vom 7. Juni 1969), „so vorzüglich wie aufschlußreich“ (Brief vom 13. Juni 1969) und ließ sie in der <em>ZEIT </em>Nr. 47/1969 abdrucken. </span>Nichtsdestotrotz war er als Frei­berufler auf mehrere Einnahmequellen angewiesen. So war er als vereidigter Übersetzer und Dolmetscher tätig und übersetzte auch Fach- und Gebrauchstexte. Diese Arbeit dürfte jedoch nur einen geringen Teil seiner beruflichen Tätigkeit ausgemacht haben. Einen beträchtlichen Teil machte hin­gegen sein Engagement für <em>Fikrun wa Fann</em> (<em>Kunst und Gedanke</em>) aus. Für die staatlich geförderte Kulturzeit­schrift für den Dialog mit der islamischen Welt begann Naguib Ende 1971 als Übersetzer (ins Arabische) zu arbeiten. Dass seine Mitwirkung an <em>Fikrun wa Fann</em> nicht irgendein Brotjob war, lässt sich an der Korrespondenz mit den Herausgebern Annemarie Schimmel und Albert Theile ab­lesen. Schon früh hatte Naguib versucht, mit eigenen Ideen die eher konservativ ausgerichtete Kulturzeitschrift moderner zu gestalten. Eine Neuausrichtung gelang ihm jedoch erst nach dem Ausscheiden von Theile und Schimmel im Jahr 1982. Naguib übernahm zusammen mit der Turkologin Erdmute Heller die Redaktion der Zeitschrift, die bis dahin – laut einem Gutachten eines arabischen Lesers aus Tunesien – wegen des historisch-akademischen Gehalts vieler Beiträge als „Museumindex“ über den Orient gewirkt hatte (Schreiben der Botschaft der BRD Tunis vom 21. September 1983). Unter Naguib und Heller bekam die Zeitschrift – wie Stefan Weidner prägnant resümiert – ein neues modernes Gesicht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Suddenly the names of leading cultural figures began to appear in the journal, people who would not have been included under Schimmel and Theile. Contributors included the philosophers Michel Foucault, Martin Heidegger and Jürgen Habermas, writers Günter Grass and Hans Magnus Enzensberger, literary critic Marcel Reich-Ranicki, film-makers Volker Schlöndorff and Margarethe von Trotta, artist Joseph Beuys, con­temporary Arab novelists such as Tayyib Salih and Yahyia Hakki, and a completely new generation of writers like Mohammed Bennis or Mohammed al-Ghuzzi – personalities who really determined contemporary intellectual life in Germany and the Islamic world. The classical Orientalist picture of the Arab world, which had previously shaped the journal, was suddenly subjected to friendly criticism. (Weidner 2013: 56)</p>
</blockquote>



<p>Bereits an einigen Namen, die Weidner anführt, ist die Verbindung zu Naguibs translatorischem Handeln erkennbar: Nicht nur Hakki, sondern auch der Sudanese Salih wurde mit einer Novelle in der zweisprachigen Reihe der Edition Orient dem deutschsprachigen Lesepublikum vorge­stellt. Auch der Name von Hans Magnus Enzensberger, den Naguib im Februar/März 1971 bei einem Besuch arabischer Schriftsteller in West-Berlin kennenlernte, weist auf eine weitere Facette von Naguibs Engagement für die moderne arabische Literatur hin.</p>



<p>Naguibs translatorisches Handeln ging nämlich über das Übersetzen, Herausgeben und Verle­gen hinaus: Ab den frühen 1970er war er als (Mit)-Initiator, (Mit)-Organisator und Referent an Literaturveranstaltungen beteiligt, die das Interesse an moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum wecken sollten. Über eine dieser Literatur­veranstaltungen berichtete beispielsweise der <em>Tagesspiegel</em> vom 30. Juni 1979. Dort kann man nachlesen, dass die Gastprofessur Hakkis auch außerhalb der FU Berlin ein Echo fand (vgl. Anders 1979). Zur Rolle des Initiators und Organisators bzw. Kurators verhalf Naguib ein Netzwerk von Kontakten im Kultur- und Literatur­betrieb in West-Berlin, Kairo, Wien und Beirut. Zu seinem breit gefächerten Netzwerk, das er sich ab den späten 1960er Jahren aufbaute, gehörten die Evangelische Akademie zu Ber­lin, die die literarisch-kulturelle Arbeit als Teil des interreligiösen Dialogs verstand, der Verband deutscher Schriftsteller, der Berliner Autorenverein Neue Gesellschaft für Literatur, das Berli­ner Künstlerprogramm des DAAD, Kunstverein Wien/Alte Schmiede, das Literarische Collo­quium Berlin und das Goethe-Institut Kairo sowie diverse kulturelle Institutionen und Einrich­tungen in Kairo und Beirut, die Studienmission der Arabischen Republik Ägypten in Bonn, die Mission der Liga der arabischen Staaten in Bonn sowie zahlreiche arabische Schriftsteller und Publizisten.</p>



<p>Zu Naguibs translatorischem Engagement, ein breites Publikum über die moderne arabische Literatur zu informieren, gehörten auch Rundfunkbeiträge, in denen er Autoren mit übersetzten Werkauszügen und erzählenden Rahmentexten vorstellte, z. B. für den Südwestfunk (1976) und den Bayerischen Rundfunk (1985). Flankierend dazu lässt sich seine publizistische Tätigkeit für arabische, insbesondere ägyptische (Kultur)Zeitschriften ausmachen, die er bereits nach Ab­schluss seiner Promotion Ende der 1960er Jahre begonnen und in seinen letzten Lebensjahren intensiv betrieben hat. Durch zahlreiche Beiträge zur arabischen Literatur, die eine eigene Stu­die wert sind, trat Naguib in der Rolle auf, die der Prüfungskommission des Lehrgangs für ausländische Deutschlehrer vorschwebte: Er vermittelte „seinen Landsleuten die modernen deutschen Auffassungen von Literatur und dem Umgang mit literarischen Werken“ (FU Berlin UA: StudA-A, 2556).</p>



<p></p>



<p>4</p>



<p>Die Geschichte des Übersetzens moderner arabischer Literatur ins Deutsche wurde noch nicht gründlich erforscht.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="26"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup26">26</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="26">Eine ältere Bibliographie moderner arabischer Literatur auf Deutsch findet sich in Maher / Ule (1979), zum Übersetzen arabischer Literatur in der DDR vgl. Tawfiq (2020), eine Analyse der neueren Entwicklungstendenzen liefert Hetzl (2021). </span>Das Leben und Werk Nagi Naguibs könnte hierfür Ausgangspunkt sein und Anschauungsmaterial bieten. Es wäre für eine solche Geschichte in dreierlei Hinsicht auf­schlussreich: In translationspolitischer Hinsicht ist Naguibs literarisch-translatorische Vermittlungs­arbeit in einen zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet, der von Spannungen zwischen der damaligen Führungsmacht der arabischen Welt, Ägypten, und der Bundesrepublik Deutsch­land geprägt war. Diese Spannungen standen sowohl im Zeichen des Kalten Krieges, zumal Ägypten unter Nasser (1954-1970) dem Ostblock zugerechnet wurde, als auch im Zei­chen des Nahostkonflikts, der mehrere dramatische Wendungen nahm: Junikrieg (1967), Münchener Attentat (1972), Oktoberkrieg (1973) und die anschließende Ölkrise, aber auch der israelisch-ägyptische Friedensvertrag (1978/79). Wissenschaftspolitisch ist Naguibs translato­risches Handeln mit dem Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin aufs engste verbunden, an dem die deutsche Orientalistik mit einer systematischen Erforschung der modernen arabischen Literatur begann. Naguibs Übersetzungen wurden als Bestandteil der For­schung angesehen. Er war also kein Forscher, der einfach so nebenher übersetzte. Aus literatur­soziologischer Sicht wäre zu untersuchen, ob und inwiefern sich der von Dieter E. Zimmer und Hanns Grössel (1976) konstatierte Rückgang von Übersetzungen fremdsprachiger Literaturen ins Deutsche ab den späten 1960er Jahren erhärten lässt und wie sich dieser ggf. auf die Chancen arabischer Literatur auf dem (west)deutschen Buchmarkt ausgewirkt hat. An Naguibs facettenreichem translatorischem Handeln lässt sich das Zusammenspiel dieser hier nur tentativ angerissenen politischen, wissenschaftsinstitutionellen und ökonomischen Rahmenbedingungen studieren, die für den Import moderner arabischer Literatur in den deutschsprachigen Raum ausschlaggebend waren (und wohl immer noch sind). Sein Leben und Werk ließe sich deshalb als ein noch zu schreibendes Kapitel deutsch-arabischer Kultur- und Translationsgeschichte le­sen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Boysen, Friedrich Eberhard</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/boysen-friedrich-eberhard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 22 Dec 2023 20:17:56 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009292</guid>

					<description><![CDATA[Boysen war Sohn eines Pastors. In Magdeburg besuchte er das Gymnasium, anschließend studierte er in Halle. Dort erwarb er sich durch Vermittlung von Christian Benjamin Michaelis gründliche orientalistische Fachkenntnisse. 1773 – vermutlich als Reaktion auf David Friederich Megerlins im Jahr zuvor erschienenes stark islamophobes Werk Die türkische Bibel oder des Korans allererste teutsche Uebersetzung aus [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Boysen war Sohn eines Pastors. In Magdeburg besuchte er das Gymnasium, anschließend studierte er in Halle. Dort erwarb er sich durch Vermittlung von Christian Benjamin Michaelis gründliche orientalistische Fachkenntnisse. 1773 – vermutlich als Reaktion auf David Friederich Megerlins im Jahr zuvor erschienenes stark islamophobes Werk <em>Die türkische Bibel oder des Korans allererste teutsche Uebersetzung aus der Arabischen Urschrift</em> – veröffentlichte Boysen in Halle seine wesentlich „freundlichere“ Koran-Version unter dem Titel <em>Der Koran, oder das Gesetz der Muselmänner, durch Muhammed, den Sohn Abdallah’s. Nebst einigen feyerlichen koranischen Gebeten, unmittelbar aus dem Arabischen übersetzt, mit Anmerkungen und Registern versehen und auf Verlangen herausgegeben</em> (2., verb. Aufl. 1775; neue Ausgabe 1828). Dies ist Boysens Hauptübersetzungsleistung.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nesselmann, Georg Heinrich Ferdinand</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/georg-heinrich-ferdinand-nesselmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Nov 2023 11:56:48 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009017</guid>

					<description><![CDATA[Ferdinand Nesselmann, geboren 1811 in einer Pfarrersfamilie in Elbing, studierte 1831 bis 1837 Mathematik und Orientalistik an der Albertina in Königsberg. Der Königsberger Universität blieb er durch sein ganzes Leben treu: an ihr wurde er 1837 mit einer Arbeit zum Sanskrit promoviert, war dann zunächst Privatdozent, an 1843 außerordentlicher und ab 1859 ordentlicher Professor für [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p id="ferdinand-nesselmann-geboren-1811-in-einer-pfarrersfamilie-in-elbing-studierte-1831-bis-1837-mathematik-und-orientalistik-an-der-albertina-in-konigsberg-der-konigsberger-universitat-blieb-er-durch-sein-ganzes-leben-treu-an-ihr-wurde-er-1837-mit-einer-arbeit-zum-sanskrit-promoviert-war-dann-zunachst-privatdozent-an-1843-ausserordentlicher-und-ab-1859-ordentlicher-professor-fur-arabistik-und-sanskrit-sein-auch-ubersetzerisches-interesse-galt-zu-beginn-seiner-laufbahn-griechischen-orientalischen-mathematikern-so-veroffentlichte-er-1842-auf-arabisch-und-deutsch-die-essenz-der-rechenkunst-von-beha-eddin-ben-alhossain-aus-amul-im-selben-jahr-erschien-seine-studie-mathematikhistorische-studie-die-algebra-der-griechen">Ferdinand Nesselmann, geboren 1811 in einer Pfarrersfamilie in Elbing, studierte 1831 bis 1837 Mathematik und Orientalistik an der Albertina in Königsberg. Der Königsberger Universität blieb er durch sein ganzes Leben treu: an ihr wurde er 1837 mit einer Arbeit zum Sanskrit promoviert, war dann zunächst Privatdozent, an 1843 außerordentlicher und ab 1859 ordentlicher Professor für Arabistik und Sanskrit. Sein (auch übersetzerisches) Interesse galt zu Beginn seiner Laufbahn griechischen orientalischen Mathematikern. So veröffentlichte er 1842 auf Arabisch und Deutsch die <em>Essenz der Rechenkunst von Beha-eddin ben Alhossain aus Amul</em>. Im selben Jahr erschien seine mathematikhistorische Studie <em>Die Algebra der Griechen</em>.</p>



<p id="ferdinand-nesselmann-geboren-1811-in-einer-pfarrersfamilie-in-elbing-studierte-1831-bis-1837-mathematik-und-orientalistik-an-der-albertina-in-konigsberg-der-konigsberger-universitat-blieb-er-durch-sein-ganzes-leben-treu-an-ihr-wurde-er-1837-mit-einer-arbeit-zum-sanskrit-promoviert-war-dann-zunachst-privatdozent-an-1843-ausserordentlicher-und-ab-1859-ordentlicher-professor-fur-arabistik-und-sanskrit-sein-auch-ubersetzerisches-interesse-galt-zu-beginn-seiner-laufbahn-griechischen-orientalischen-mathematikern-so-veroffentlichte-er-1842-auf-arabisch-und-deutsch-die-essenz-der-rechenkunst-von-beha-eddin-ben-alhossain-aus-amul-im-selben-jahr-erschien-seine-studie-mathematikhistorische-studie-die-algebra-der-griechen">Gleichzeitig wandte er sich sprachgeschichtlichen Themen zu, wobei sein Hauptinteresse den Sprachen seiner eigenen Ostseeregion galt: dem Altpreußischen (<em>Die Sprache der alten Preussen an ihren Überresten erläutert</em>, 1845; <em>Thesaurus linguae prussicae</em>, Berlin 1873), dem Lettischen und Litauischen. 1851 erschien sein <em>Wörterbuch der Littauischen Sprache</em>, 1853 seine <em>Dainos. Littauische Volkslieder</em> und 1869 die <em>Littauischen Dichtungen</em> des ostpreußischen Pfarrerdichters Christian Donalitius „nach den Königsberger Handschriften mit metrischer Übersetzung, kritischen Anmerkungen und genauem Glossar“, also das Versepos <em>Metai / Jahreszeiten</em>, das dann zum litauischen Nationalepos aufstieg und sein Autor als Kristijonas Donelaitis zum Nationaldichter.</p>



<p id="ferdinand-nesselmann-geboren-1811-in-einer-pfarrersfamilie-in-elbing-studierte-1831-bis-1837-mathematik-und-orientalistik-an-der-albertina-in-konigsberg-der-konigsberger-universitat-blieb-er-durch-sein-ganzes-leben-treu-an-ihr-wurde-er-1837-mit-einer-arbeit-zum-sanskrit-promoviert-war-dann-zunachst-privatdozent-an-1843-ausserordentlicher-und-ab-1859-ordentlicher-professor-fur-arabistik-und-sanskrit-sein-auch-ubersetzerisches-interesse-galt-zu-beginn-seiner-laufbahn-griechischen-orientalischen-mathematikern-so-veroffentlichte-er-1842-auf-arabisch-und-deutsch-die-essenz-der-rechenkunst-von-beha-eddin-ben-alhossain-aus-amul-im-selben-jahr-erschien-seine-studie-mathematikhistorische-studie-die-algebra-der-griechen">Dass Nesselmann sich auch als Orientalist als literarischer Übersetzer betätigte, zeigt der 1865 in Berlin erschienene, aus dem Persischen übertragene 311 Seiten starke Band <em>Der Rosengarten des Scheich Muslih-eddin Sa’di aus Schiras</em>.</p>



<p id="ferdinand-nesselmann-geboren-1811-in-einer-pfarrersfamilie-in-elbing-studierte-1831-bis-1837-mathematik-und-orientalistik-an-der-albertina-in-konigsberg-der-konigsberger-universitat-blieb-er-durch-sein-ganzes-leben-treu-an-ihr-wurde-er-1837-mit-einer-arbeit-zum-sanskrit-promoviert-war-dann-zunachst-privatdozent-an-1843-ausserordentlicher-und-ab-1859-ordentlicher-professor-fur-arabistik-und-sanskrit-sein-auch-ubersetzerisches-interesse-galt-zu-beginn-seiner-laufbahn-griechischen-orientalischen-mathematikern-so-veroffentlichte-er-1842-auf-arabisch-und-deutsch-die-essenz-der-rechenkunst-von-beha-eddin-ben-alhossain-aus-amul-im-selben-jahr-erschien-seine-studie-mathematikhistorische-studie-die-algebra-der-griechen">Nesselmann starb am 7. Januar 1881 in Königsberg.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bohlen, Peter von</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/bohlen-peter-von/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Jul 2023 17:23:18 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2008150</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Fähndrich, Hartmut</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/faehndrich-hartmut/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jul 2022 08:08:21 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2002152</guid>

					<description><![CDATA[Hartmut Fähndrich zählt zu den bedeutendsten Übersetzern aus dem Arabischen. Als Gymnasiast lernte er Bibel-Hebräisch und fühlte sich von dem „Anderssein der semitischen Sprachen“ angezogen. Diese Faszination führte zum Studium der Semitistik und Islamwissenschaften, doch erst die politische Situation Ende der 1970er Jahre brachte ihn zum modernen Arabisch. Seine Laufbahn als Literatur-Übersetzer begann in den [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Die Arbeit an diesem Porträt wurde vom Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Projekts <em>UeLEX-Neustart</em> gefördert.</p>


        </p>
    </div>


<p>Hartmut Fähndrich zählt zu den bedeutendsten Übersetzern aus dem Arabischen. Als Gymnasiast lernte er Bibel-Hebräisch und fühlte sich von dem „Anderssein der semitischen Sprachen“ angezogen. Diese Faszination führte zum Studium der Semitistik und Islamwissenschaften, doch erst die politische Situation Ende der 1970er Jahre brachte ihn zum modernen Arabisch. Seine Laufbahn als Literatur-Übersetzer begann in den 1980er Jahren mit Erzählungen des palästinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani und Romanen der Palästinenserin Sahar Khalufa.</p>



<p>Seither hat er mehr als siebzig Romane und zahllose kürzere Texte übersetzt, er sieht sich „als Brücke zwischen zwei Welten, zwischen zwei Kulturen, nämlich der arabischen und der deutschen“.</p>



<p>Hartmut Fähndrich, 1944 in Tübingen geboren, entstammt dem Bildungsbürgertum, der Vater war Offizier, die Mutter Kindergärtnerin, der Großvater mütterlicherseits Pfarrer. Ab 1955 besuchte er ein humanistisches Gymnasium, wo er neben Latein und Altgriechisch auch Englisch lernte: Das Interesse an Europa und den USA war, wie Fähndrich sagt, im Westdeutschland der 1950er und 1960er Jahre vorgegeben. Dass er als Siebzehnjähriger einen freiwilligen Zusatzkurs in Bibel-Hebräisch belegte, geschah „halb aus Interesse, halb aus Snobismus und vielleicht aus einem Hang zur Exotik“ (Jost 2019).</p>



<p>Es war eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Er wollte Sprachen studieren, und weil „Deutsch, Englisch, Französisch Massenfächer waren“, dachte er zunächst an Chinesisch, Japanisch oder Indisch, entschied sich aber wegen des bereits bestehenden Bezugs zu semitischen Sprachen letztlich für Semitistik, Islamwissenschaft und Philosophie in Tübingen (Eggmann, Fähndrich 2020). An den semitischen Sprachen habe ihn „ihr Anderssein“ faszinierte. Im Laufe seines Lebens erlernte er eine bemerkenswerte Anzahl Sprachen: Altgriechisch, Latein, Englisch, Französisch, Arabisch und Italienisch, Persisch und Türkisch. Während des Studiums befasste er sich mit Bibel-Aramäisch, Syrisch-Aramäisch, Akkadisch und Phönizisch. Die toten Sprachen seien für das Übersetzen hilfreich, so könne er Anspielungen auf klassische Elemente oder Topoi aus längst vergangenen Jahrhunderten leichter erkennen (ebd.).</p>



<p>An den westdeutschen Universitäten der 1960er und 1970er Jahre war die Islamwissenschaft ein reines Buchstudium. Es ging um alte Schriften, historische Texte und die Philosophen des 10., 11. und 12. Jahrhunderts; den zeitgenössischen Mittleren Osten überließ man Soziologen und Politologen. Keiner von Fähndrichs Professoren beherrschte modernes Arabisch, anders als bei den Anglisten oder Romanisten wurden die Studierenden nicht ermuntert, die Länder ihrer Sprache zu bereisen oder auch nur modernes Arabisch zu lernen.</p>



<p>Nach fünf Semestern wechselte Fähndrich 1968 mit einem Stipendium an die UCLA (University of California, Los Angeles). Er studierte Nahostwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft, lernte Türkisch und Persisch und spezialisierte sich auf die arabische Welt. Sein Schwerpunkt blieb die klassische Islamwissenschaft, insbesondere das so genannte „islamische Mittelalter“ des 7. bis 14. Jahrhunderts. Doch die Angebotsbreite der UCLA veränderte seinen Blick auf das Studienfach fundamental, besonders die Middle Eastern Studies, die sich auch mit den modernen arabischen Ländern befassten, empfand er als „Offenbarung“.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="6"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup6">6</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="6">Hartmut Fähndrich, “Translation: chance or destiny? How I was led to translate and publish contemporary Arabic literature into German.” Unveröffentlichter autobiographischer Essay, ca. 2008. Fähndrich hat mir den Text zur Verfügung gestellt. Darauf bezieht sich im Folgenden die Angabe: „Fähndrich 2008“.</span> Nach einem M.A. in Comparative Literature und dem Ph.D. in Islamic Studies<span class="oes-note oes-popup" data-fn="7"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup7">7</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="7">Fähndrich promovierte mit einer Arbeit über den Historiker und Verfasser Ibn Challikān.</span> kehrte er 1973 nach Europa zurück und widmete sich im Rahmen eines Sonderforschungsprojekts Medizingeschichte der Universität Bern dem Studium mittelalterlicher Texte.</p>



<p>Als er 1973 im Iran und im Libanon Manuskripte für das Forschungsprojekt suchte, war dies seine erste Reise in die islamische Welt. Einige Jahre später kam er nach Kairo und war schockiert: „Dieses Treiben, die ‚Unordnung‘, oft auch die Ärmlichkeit! [&#8230;] Ich musste tief Luft holen. Ich war ja noch voll in der klassischen arabischen Welt“ (zit. nach Jost 2019).</p>



<p>Seither reiste er mehrfach im Jahr in die arabischen Länder und hat sich das moderne Arabisch angeeignet. Doch dass er nie in einem arabischen Land gelebt hat, hänge ihm, wie er sagt, bis heute nach: Er beherrscht keinen der zahlreichen Dialekte flüssig und kann sich „im normalen Umgang nur zäh unterhalten“.</p>



<p>Er blieb in der Schweiz. Von 1978 bis zur Pensionierung im Jahr 2014 war er Dozent für arabische Sprache und Kulturgeschichte der arabischen Welt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, die seinen Lehrauftrag halbjährlich verlängerte, ihm aber in 36 Jahren nie eine Festanstellung gab. Das bedeutete einerseits eine permanente materielle Unsicherheit und eröffnete andererseits Zeit für anderes. Er unterrichtete an der Volkshochschule und wandte sich stärker seiner „alten, außer-universitären Leidenschaft, der Literatur“ zu. Dabei stellte er fest, dass</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>es quasi keinen deutschen Arabisten gab, der etwas über zeitgenössische arabische Literatur wusste. Es gab praktisch keine Publikationen, nichts Übersetztes. Die moderne Literatur fand nicht statt.</p>
</blockquote>



<p>In der DDR veröffentlichten Verlage wie Volk und Welt, Aufbau und Neues Leben in den 1970er Jahren zeitgenössische arabischsprachige Literatur des Maghreb, doch dorthin hatte Fähndrich damals keine Kontakte. In den Jahren zwischen dem Ende des universitären Forschungsprojekts und dem Fall der Mauer musste er sich in die für ihn neue Rolle als Übersetzer und Herausgeber hineinfinden.</p>



<p>In der Bundesrepublik der späten 1970er, frühen 1980er Jahre galt Arabisch, so Fähndrich, als die Sprache von Ländern, „wo es Öl und ständig irgendwelche Kriege“ gab.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Neben dem Sprachunterricht [an der ETH] hatte ich jedes Semester eine Vorlesung für Hörerinnen und Hörer aller Fakultäten anzubieten, zu Themen aus der nahöstlichen Kulturgeschichte und Politik sowie zum Islam. In der Auswahl der Themen war ich frei. (Fähndrich, Petzold 2020)</p>
</blockquote>



<p>Die Universität sah das Angebot als „nützliches Handwerkszeug“ für künftige Erdölingenieure, doch die Studenten und Studentinnen wollten mehr über eine Region erfahren, von der sie nichts wussten. Sie fragten, wie die Araber selbst die Welt sahen, wie sie dachten und fühlten, ob es neben der klassischen arabischen Literatur nicht auch Neueres gebe.</p>



<p>Nicht nur sie interessierten sich für authentische arabische Stimmen. Fähndrich arbeitete sich in die zeitgenössische arabische Literatur ein und wurde ab Anfang der 1980er Jahre zunehmend zum Kulturvermittler zwischen den arabisch- und den deutschsprachigen Ländern. Aufgrund einiger von ihm verfasster Rundfunksendungen über die Kultur und Literatur des Mittleren Ostens machten ihm gleich zwei Schweizer Verlage Übersetzungsangebote: Der Basler Lenos Verlag wollte Kurzgeschichten des palästinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani veröffentlichen, der Zürcher Unionsverlag einen Roman der Palästinenserin Sahar Khalifa.</p>



<p>Mit dem Übersetzen begann Fähndrichs weitergehendes Interesse an der modernen arabischen Literatur. Er habe nicht ahnen können, dass er „ein höchst produktiver bis fanatischer Übersetzer zeitgenössischer arabischer Literatur“ werden würde, aber „man muss dem Zufall auch etwas nachgeben“ (Eggmann, Fähndrich 2020). Seine erste Übersetzung eines zeitgenössischen literarischen Textes erschien 1982 in der Wochenendbeilage der <em>Basler Zeitung</em>: Ghassan Kanafanis Kurzgeschichte <em>Die vorbeiziehenden</em> <em>Mehlsäcke</em>. 1983 veröffentlichte der Lenos Verlag Kurzgeschichten von Kanafani, die gut aufgenommen wurden. In den folgenden vier Jahren kamen sechs palästinensische Titel in Fähndrichs Übersetzung auf den Markt – zwei Romane, zwei Bände Erzählungen und zwei Bände Kurzromane.</p>



<p>Der Übersetzerberuf eröffnete eine Alternative zur Universitätslaufbahn, trug ihm aber auch die mitleidige Herablassung von Islamwissenschaftlern ein (Fähndrich 2008). Viele Professoren an deutschsprachigen Fachbereichen wussten nichts über zeitgenössische arabische Literatur, die sie mit ihrem eurozentristisch geprägten Blick für irrelevant hielten. Diese Distanzierung war und ist durchaus gegenseitig. 1986 sagte Fähndrich, er halte es für sinnvoller, primäre Literatur zu übersetzen, als weitere Sekundärliteratur zu verfassen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es wird so viel geschrieben! [&#8230;] Eine neue Aufzählung, ein bisschen neu arrangiert, die alten Fakten. Ich meine, dass wir bei der ganzen Betrachtung der arabischen Welt die Araber ausgelassen haben. Die Araber kommen gar nicht zu Wort, weil sie niemand versteht. (Fähndrich, Frei Berthoud, Lerch 1986)</p>
</blockquote>



<p>Die Disziplinbezeichnungen Islamwissenschaft(en), Orientalistik und Orientwissenschaft(en) weist er scharf zurück:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Der Begriff Islamwissenschaft [ist] Ausdruck der verkürzten und einseitigen Art, wie der Nahe Osten im Westen wahrgenommen wird. Unser Blick auf die arabische Welt erfolgt primär durch die Brille der Religion, wir setzen den Nahen Osten automatisch mit dem Islam gleich und betrachten alle Araber in erster Linie als Muslime. [&#8230;] Es ist eine Verengung der Perspektive, die der vielfältigen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation im arabischen Raum nicht gerecht wird. Zum einen leben im Nahen Osten auch Christen, vor allem aber ist der Islam längst nicht für alle Araber der einzige oder entscheidende Identifikationsfaktor. (Fähndrich 2003)</p>
</blockquote>



<p>Er mag an der ETH Zürich <em>Dozent für Islamwissenschaft</em> gewesen sein, er selbst bezeichnet sich <em>–</em> analog zu<em> Romanist </em>oder <em>Anglist – </em>konsequent als <em>Arabist</em>. Dass er anfangs nur palästinensische Schriftsteller übersetzte, lag nicht daran, dass</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>mir nur Palästina am Herzen liegt. Prinzipiell liegt mir die ganze arabische Literatur am Herzen, aus den verschiedenen Gebieten und Bereichen, soweit ich sie sprachlich fassen kann. Insofern hätten es auch andere Autoren sein können, als ich mit dem Übersetzen anfing. (Fähndrich, Frei Berthoud, Lerch 1986)</p>
</blockquote>



<p>Durch diese Häufung von Aufträgen (möglicherweise gepaart mit dem Stocken der universitären Karriere) wurde er auf längere Sicht zu einer entscheidenden Figur der Literaturvermittlung: Er wurde Herausgeber der Reihe <em>Arabische Literatur bei Lenos</em>, in der zwischen 1984 und 2010 einhundert Titel erschienen, etwa die Hälfte in Fähndrichs Übersetzung. Er verfasste für nahezu alle Titel Nachworte, um den Autor/ die Autorin sowie die Situierung des Werks in der arabischen Literatur und Gesellschaft darzustellen; gelegentlich, wenn sie ihm nicht unmittelbar ersichtlich schienen, erläuterte er auch Werk und Thema. Die Auflagen dieser Bücher bewegten sich zwischen 1000 und 4000 Exemplaren. Einige Titel erschienen später als Taschenbuch, aber auch wenn sich Alaa al-Aswanis <em>Der Jakubijân-Bau</em> in Fähndrichs Übersetzung insgesamt etwa 25.000-mal verkaufte, gelang keinem Roman ein echter Durchbruch. Fähndrich selbst faszinierten besonders Gamal al-Ghitanis <em>Seini Barakat. Diener des Sultans, Freund des Volkes</em>, Ibrahim al-Konis <em>Die Magier</em> und Raja Alems <em>Das</em> <em>Halsband der Taube</em>.</p>



<p>Als Herausgeber, schrieb er 2004, müsse er auf mehreren Ebenen entscheiden. Er reise häufig in die arabische Welt, spreche mit Experten der zeitgenössischen arabischen Literatur und entscheide dann, „ob sich das eine oder andere Werk zum Übersetzen eignet und vom deutschen Leser verstanden wird oder nicht“ (Fähndrich 2005). Diese Titel übersetzte er selbst. Andere wurden dem Verlag von Übersetzerinnen und Übersetzern – Fähndrich schätzt deren Zahl auf ein halbes Dutzend – vorgeschlagen, über die Vergabe der Übersetzungsaufträge entschied der Verlag. Alle Titel der Reihe wurden von Lenos-Angestellten lektoriert, die kein Arabisch konnten.</p>



<p>Bald nach der Wende begann die Zusammenarbeit mit ostdeutschen Kolleginnen wie Doris Kilias, die zunächst für Volk und Welt, später für den Unionsverlag Nagib Machfus übersetzte. Doch Hartmut Fähndrich war in jenen Jahren nicht nur einer von mehreren Übersetzern. Der Arabisch-Übersetzer Stefan Weidner erläuterte 2003 in der vom VdÜ herausgegebenen Zeitschrift <em>Übersetzen</em>, welche Bedeutung und auch Macht Fähndrich in jenen Jahren hatte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[Er] arbeitet hauptberuflich als Übersetzer, wirkt aber auch als Ratgeber des Lenos-Verlags und sitzt in der Kommission, die über die Auswahl von Werken für die von der Europäischen Kulturstiftung (Amsterdam) geförderte Buchreihe „Zeugnisse vom Mittelmeer“ entscheidet, in der zahlreiche arabische Autobiographien erscheinen. Diesem Mann, der seit fast einem Vierteljahrhundert in dem Bereich tätig ist, verdankt das deutschsprachige Lesepublikum die Vermittlung (sei es als Übersetzer, sei es als Lektor, Ratgeber oder Schaltstelle) von schätzungsweise 30 &#8211; 40 % der in den letzten zwanzig Jahren aus dem Arabischen übersetzen Literatur. Für arabische Autoren ist Fähndrich die wichtigste Anlaufstelle. Aus demselben Grund ist er aber auch ein beliebtes Angriffsziel für Autoren, die sich übergangen fühlen. (Weidner 2003)</p>
</blockquote>



<p>Fähndrich selbst empfand es als Dilemma, dass die Übersetzer und Übersetzerinnen arabischer Literatur zum Nadelöhr für Autoren und Autorinnen werden, die auf eine Übersetzung ihrer Werke hoffen. Neben den kulturellen Erwartungen, Fantasien und Vorurteilen, die Europa den arabischen Ländern entgegenbringe, seien auch</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[&#8230;] Autoren und Verleger wie Hammer und Amboss darauf bedacht, den Übersetzer nach ihrem Interesse zu schmieden. Mit dem Autor hat ein Arabischübersetzer mehr zu tun als ein Übersetzer aus anderen Sprachen, weil er ihn oft als Scout ausfindig macht, zu ihm Kontakt herstellt und ihm viele Fragen stellt. Immer ist der Autor überzeugt, sein Werk sei bedeutend, großartig und übersetzenswert. Jeder Schriftsteller sehnt sich danach, aus dem Käfig seiner eigenen Sprache herausgeholt zu werden. Er träumt von Ruhm und Reichtum, und der Übersetzer wird dafür verantwortlich gemacht. Der [deutschsprachige] Verleger, im Fall des Arabischen fast ausschließlich Inhaber eines kleinen oder winzigen Verlags, hat auch seine Vorstellungen von den „Pflichten“ des Übersetzers. Er will schöne, ordentlich übersetzte, leicht und gut verkäufliche Texte erhalten. Teuer sollten sie auch nicht sein. (Fähndrich 2011)</p>
</blockquote>



<p>Das ist allerdings allen Kollegen vertraut, die aus einer, wie es im deutschen Verlagsbetrieb heißt, „kleinen“ Sprache übersetzen. Sie müssen wegen der geringen Zahl an Übersetzungsaufträgen einem ‚Brot-Beruf‘ nachgehen und quasi nebenbei Bücher finden, die für eine Übersetzung in Frage kommen könnten. Sie leisten die Arbeit von Literaturagenturen, indem sie für solche Titel einen Verlag suchen, und dann halten es viele Verlage für normal, Gutachten und Übersetzungsproben nicht zu honorieren, da sich Übersetzer und Übersetzerinnen, so die hundertfach gehörte Argumentation, „damit ja einen Auftrag beschaffen“.</p>



<p>Verlage waren lange auf Arabisch-Übersetzer als Scouts angewiesen, inzwischen aber, so Fähndrich, verzichten sie häufig auf deren Expertise, da sie meinen, sich durch englischsprachige Internetseiten allein einen Marktüberblick verschaffen zu können; Übersetzer und Übersetzerinnen werden bestenfalls noch um Gutachten gebeten. Stefan Weidner warnte schon vor über zwanzig Jahren, man könne aufgrund des zersplitterten arabischen Buchmarktes </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>von außen, d.h. ohne persönliche Kontakte, praktisch keinen Zugang zur arabischen Gegenwartsliteratur finden. Und wären Übersetzer nicht bereit (und finanziell in der Lage), diese Vermittlungsfunktionen mitzuübernehmen, so gäbe es außer von Nagib Machfus, dem ägyptischen Nobelpreisträger von 1988, wohl kaum in nennenswertem Maße, wie es mittlerweile der Fall ist, arabische Literatur auf deutsch zu lesen. Der Übersetzer muß die Bedingungen für sein Sein erst herstellen, und zugleich erfüllt er damit einen Kulturauftrag. (Weidner 1999).</p>
</blockquote>



<p>Mit diesem Kulturauftrag werden nicht nur die Übersetzerinnen, sondern auch die deutschsprachigen Verlage allein gelassen. Eine finanzielle und moralische Unterstützung durch die Herkunftsländer, wie sie beispielsweise bei Übersetzungen aus den nordischen Sprachen üblich ist, sei für Arabisch-Übersetzer utopisch. Das Thema, schrieb Fähndrich spürbar zornig,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[&#8230;] leads straight to the opening of the gates of criticism about the almost complete lack of Arab support, either individually or institutionally. During the twenty-five years that I have been working in this field the Arabs have been conspicuously absent. Except for a very few invitations to conferences about the Arab novel in Egypt and in Morocco or to book-fairs in the Emirates there has been absolutely no support from the Arab side. Organizations financing both translation and (in exceptional cases) the publication of such works were Swiss, German and Dutch. The lack of interest of ‘the Arab world‘ in what is happening with its literature (or whether anything is happening at all with it) is almost pathetic and, to the best of my knowledge, not equaled by any other linguistic region. It is a situation that would/could deter anybody from entering this field for lack of reward both moral and material, for the latter is also excessively meager and one may well speak about self(?)-exploitation of translators. (Fähndrich 2008)</p>
</blockquote>



<p>Das nahm er in seiner Dankesrede für die Verleihung der „Médaille Joseph Zaarour“ an der Université Saint Joseph in Beirut im Februar 2013 wieder auf:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[&#8230;] l’aide ou même l’intérêt des institutions arabes, gouvernementales ou autres, est déplorable ou plutôt presque inexistant. On nous invite, certes, nous les traducteurs et les traductrices de l’arabe, de temps en temps à une conférence comme celle-ci, chose agréable et gentille, bien sûr, mais qui n’est pas une substitution pour la coopération dans cette activité qu’est la traduction et que je considère comme essentielle dans le cadre de ce travail interculturel qu’on appelle le dialogue. (Fähndrich 2013)</p>
</blockquote>



<p>Es wirkt wie ein Paradoxon, dass institutionelle Förderungen weiterhin rar sind, Fähndrich aber 2018 vom Emirat Qatar als „herausragender Brückenbauer zwischen dem deutschsprachigen Publikum und der arabischen Literatur“ für sein Lebenswerk mit dem „Sheikh-Hamad-Preis für Übersetzung und Kulturaustausch“ ausgezeichnet wurde. Der mit 100.000 US-Dollar dotierte Preis ging in jenem Jahr auch an den Arabisch-Übersetzer Stefan Weidner. Solche Summen sind für Übersetzer mehr als unüblich, auch Fähndrich musste, wie erwähnt, seit den frühen 1980er Jahren seine Arbeit als Übersetzer für moderne Literatur mit den Einkünften aus seiner Lehrtätigkeit finanzieren und das Honorar seines Lehrauftrags mit Übersetzungsaufträgen aufstocken. Doch die Ehrung kam für ihn nicht überraschend, im Gegenteil: Er habe damit gerechnet, dass „ich mal drankomme, denn ich bin quantitativ einer der produktivsten Arabisch-Übersetzer weltweit. Punkt.“</p>



<p>Seit den späten 1970er Jahren befasst er sich in Essays, Artikeln, Vorträgen und Reden mit der arabischen Welt im Allgemeinen und der Rolle der Übersetzer aus dem Arabischen im Besonderen, es geht um Politik, Geschichte, Modernisierung, Kulturvermittlung und (manchmal) um die Bedeutung der Übersetzer. Es gebe etwas Missionarisches, „das man als Übersetzer auch hat, und auch als Arabist durchaus haben darf, Kenntnisse zu verbreiten, die nicht da sind“ (Eggmann, Fähndrich 2020). So erstaunt es kaum, dass er auf die Frage, was Arabischübersetzungen schwierig mache, erst „diffizile Sprachfragen“ nennt und dann, erheblich ausführlicher, dass sie „Kenntnisse der arabischen/islamischen/regionalen/lokalen Geschichte, Kultur, Tradition, Folklore u.v.a. zahlreicher, sehr unterschiedlicher Länder erfordern, außerdem Kenntnisse der Weltkultur und -politik“. Da es – anders als in anderen Ländern – im deutschsprachigen Raum keine Plattform für Themen der modernen arabischen Welt gab, wurde Fähndrich 1990 Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen, deren Präsident er bis 1996 war. Schwerpunkt der Gesellschaft war nicht die Literatur, sondern die Moderne, die Loslösung aus der klassischen Orientalistik.</p>



<p>Zwei eng miteinander verknüpfte Aspekte ziehen sich wie ein roter Faden durch die immense Zahl von Fähndrichs Veröffentlichungen: Zum einen</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>das ganze Klischeemonster, das in mitteleuropäischen Gehirnen in Bewegung gerät, wenn es um arabische Literatur geht. Erschreckendes lässt sich mühelos lostreten. Von Aladdin mit seiner Wunderlampe bis zu Sindbad mit seiner Seefahrermanie ist alles da, nur nichts Modernes. Diese weitestgehende Identifikation arabischer Literatur mit 1001 Nacht und dergleichen erschwert die Verbreitung zeitgenössischer arabischer Literatur im deutschen Sprachraum. (Fähndrich 1996)</p>
</blockquote>



<p>Über diese Klischees kann er aus dem Stehgreif detailreich und engagiert sprechen: Als bei den Wolfenbütteler Gesprächen 2010 der Referent des Eröffnungsvortrags nicht auftauchte, sprang er, so Miriam Mandelkow in ihrem Wolfenbüttel-Bericht, „spontan ein und hielt mit gelegentlichem Blick auf kleine, für ‚allfällige Gedanken‘ stets vorrätige Zettelchen einen hinreißenden Vortrag über das Bild des Orientalen in der westlichen Welt“ (Mandelkow 2010). <em>1001 Nacht</em> wurde erstmals Anfang des 18. Jahrhunderts übersetzt, und zwar ins Französische, diese Übersetzung habe das Geistesleben eines halben Kontinents beeinflusst.</p>



<p>Von Marokko bis zum Irak, von Oman bis Syrien leben rund 450 Millionen Menschen, deren Muttersprache Arabisch ist (Jost 2019), das sind zwanzig arabische Länder mit eigener Literaturproduktion. Als Nagib Machfus 1988 den Nobelpreis für Literatur. erhielt, knüpfte sich daran die Hoffnung, dass dies der arabischen Literatur beim deutschen Lesepublikum den Weg bereiten würde – das habe sich erfüllt, wenn auch „hardly noticeable, or visible only for people of good hope“ (Fähndrich 2008). Das traditionelle Übergewicht ägyptischer und libanesischer Autoren und Autorinnen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt habe sich aufgrund der Flüchtlingslage in Syrien und dem Irak etwas verschoben, inzwischen verlegen auch große Verlag Bücher aus Nordafrika, die in aller Regel aus dem Französischen übersetzt sind (Reiff 2014). Neben dem Lenos- und dem Unionsverlag engagieren sich im deutschen Sprachraum weitere Verlage für arabische Literatur, doch sie seien alle klein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was ich vermisse, ist ein kontinuierliches Interesse an arabischer Literatur. Ich würde mir wünschen, dass [ein Verlag] einmal fünf oder zehn Werke aus verschiedenen Teilen der arabischen Welt übersetzte. (Fähndrich, Reiff 2014)</p>
</blockquote>



<p>Bei einem Gespräch 2022 zog er ein bitteres Resümee: „Heute bekommen hier nur die arabischen Autoren Aufmerksamkeit, die sowieso schon im Westen sind.“</p>



<p>Fähndrichs wesentlicher Impuls zum Übersetzen ist nicht, wie bei manchen seiner Kollegen und Kolleginnen, die Hingabe an die Sprache und deren Möglichkeiten, sondern der Wunsch zu vermitteln:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Literatur ist meiner Meinung nach ein Ausdruck von Visionen und Fantasien anderer Teile der Welt, und mich interessiert die arabische Welt. Übersetzen ist meiner Ansicht nach wichtig, denn durch die arabische Literatur, die ich übersetze, übertrage ich diese Visionen und Gedanken aus jenem Fleck der Erde in meine Sprache. Das ist alles. In diesem Sinn betrachte ich mich selbst als Brücke zwischen zwei Welten, zwischen zwei Kulturen, nämlich der arabischen und der deutschen. (Fähndrich 2005)</p>
</blockquote>



<p>Als der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1997 das Übersetzerkolleg in Straelen besuchte, schilderte Fähndrich die schwierige und verantwortungsvolle Rolle der Übersetzer aus arabischen Sprachen und kritisierte scharf, dass von den Universitäten nur wenig Nachwuchs komme (Sprick 1997). Er sieht die Arbeit der Arabisch-Übersetzer politisch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wenn sich das geringe Interesse an der arabischen Literatur aus marktwirtschaftlicher Sicht vielleicht rechtfertigen lässt, so sollte die Rolle und Funktion von Literatur als Annäherungsmittel doch Grund genug dafür sein, sich verstärkt ihrer Übersetzung zu widmen, ganz unter dem Motto: Translating against the clash of civilisations! (Medghar 2010: 86)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="8"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup8">8</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="8">In Fußnote 190 erläutert der Verfasser: „Das ist ein Titel von einem Beitrag von Hartmut Fähndrich. In: Martinez, Miguel Hernando de Larramendi und Luis Miguel Pérez Canada (Hrsg.): <em>La traducción de literatura árabe contemporánea: antes y desputés de Naguib Mahfus. </em>Almud: Universidad de Castilla-La Mancha, Ediciones de la Universidad de Castilla-La Mancha, 2000, S. 71–77.“</span></p>
</blockquote>



<p>Zugleich hat Fähndrich oft angeprangert, dass arabische Autoren ausschließlich nach Inhalt und Aussage ihrer Bücher beurteilt werden; in Gesprächen wirkt er mitunter überrascht, dass auch die Anschläge vom 11. September 2001 daran nichts ändern konnten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Seit dem 11. September 2001 sollte alles anders sein. Das mag für manche Bereiche zutreffen. Für die Rolle, die Stellung oder das Interesse an arabischer Literatur stimmt es nicht. Zwar hat sich für kurze Zeit der Koran zum Bestseller gemausert und zwar gab es einen <em>rush </em>auf alles Mögliche über Islam und Muslime Gedruckte, aber von Literatur im Sinne von Belletristik war und ist da kaum die Rede. (Fähndrich 2002)</p>
</blockquote>



<p>Auch die Autoren fühlten sich „im Westen immer etwas unterbewertet. Statt ästhetische Fragen zu stellen, befragt man sie nach der Rolle der Opposition in ihrem Land“ (Reiff 2014). Doch eine solche Annäherung ist nicht unbegründet. Die „Beschäftigung mit Literatur in der Region Mittelost bzw. mit der Literatur aus dieser Region ist auch eine eminent politische Tätigkeit”, sagte Fähndrich 1996, er kenne „z. B. in Ägypten nur wenige AutorINNen, die nie im Gefängnis waren, und in Ägypten kommt man nicht ins Gefängnis wegen Geschriebenem, sondern wegen öffentlich manifestierten abweichenden politischen Meinungen“ (Fähndrich 1996: 7). Tatsächlich können mehrere Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die Fähndrich übersetzt hat, nicht in ihren Heimatländern, sondern nur in anderen arabischen Ländern publizieren; viele von ihnen leben inzwischen in Europa oder den USA (Fähndrich 2008).</p>



<p>In den ersten Jahren seiner Übersetzertätigkeit äußerte er sich in der Schweizer Presse ausführlich zu politischen Entwicklungen. Das tut er, anders als manche seiner Kollegen und Kolleginnen, spätestens seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Trotz seiner intimen Kenntnis der arabischen Staaten und trotz seiner Sprachkenntnisse nimmt er weder kritisch noch vermittelnd-erklärend Stellung zu den Verwerfungen, kriegerischen Auseinandersetzungen und Religionskonflikten in der Region, er kommentiert politische und gesellschaftliche Unterdrückung ebenso wenig wie die Situation der Flüchtlinge. Er sieht seine Rolle als jemand, der aufzeigt, welche soziale Rolle ein Schriftsteller in seiner Gesellschaft habe; es sei ihm immer wichtiger gewesen, darzustellen, was arabische Intellektuelle über ihre Welt sagen, als davon zu sprechen, was er über deren Welt denke. Über politisch verfolgte Autoren und das heutige Arabien äußere er sich nur noch in Nachworten und in anderen Publikationen.</p>



<p>Sein eigener Anspruch als Kulturvermittler und Brückenbauer ist also nicht (offen) politisch, was bemerkenswert ist, denn das zweite Thema, dem Fähndrich sich durchgehend widmet, ist die „skeptische, ja ablehnende Haltung gegenüber den arabischen Ländern generell“. Es verstehe sich fast von selbst, dass in den frühen 1980er Jahren palästinensische Autoren und Autorinnen „in Deutschland förmlich unter dem Ladentische verkauft wurden. Man könne hier doch nicht, so hiess es da, Literatur von Terroristen auf den Ladentisch legen“ (Fähndrich 1996: 7). Der Insel Verlag lehnte es 1986 ab, den israelischen Staatsbürger palästinensischer Herkunft Emil Habibi zu veröffentlichen: „Wir Deutschen können eine neutrale Einstellung zu Israel nicht haben, geschweige denn eine anklagende, und sei sie noch so schelmisch formuliert.“ Als Habibi 1992 den Israel-Preis für arabische Literatur erhielt, ließ Fähnrich es sich nicht nehmen, den Insel Verlag in einem scharf formulierten Brief auf seine „Fehleinschätzung“ und den Umstand hinzuweisen, dass „gewisse Teile der israelischen Bevölkerung offener [sind] als der Insel Verlag“.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">Schreiben von Dr. Claudia Schmölders an Hartmut Fähndrich, 5. August 1986. Schreiben von Hartmut Fähndrich an Dr. Claudia Schmölders 9.Januar 1993. Im Archiv Fähndrich.</span></p>



<p>Fähndrich hat bei zahlreichen Gelegenheiten daran erinnert, dass Deutschland, insbesondere die Bundesrepublik, lange bei allem, was in Nahost geschah, auf der Seite Israels stand. Er finde die besondere Haltung zu Israel nur zum Teil verständlich, da sie ausblendet, dass hier die Folgen eines europäischen Skandals einer Bevölkerung anderswo aufgebürdet wurden. Doch diese Haltung habe die Rezeption der zeitgenössischen arabischen Literatur immer negativ beeinflusst (Fähndrich 2008). Man berichte nicht über den Alltag in den arabischen Ländern und interessiere sich nicht für zeitgenössische arabische Literatur; „Klischees einerseits, Ignoranz andrerseits [prägten] das normale deutsche Verhältnis zur arabischen Literatur“ (Fähndrich 1996: 7).</p>



<p>Vor diesem Hintergrund war es eine bemerkenswerte Geste mit großer Symbolkraft, dass die in Israel lebende Hebräisch-Übersetzerin Ruth Achlama 1995 den Hieronymus-Ring an den Arabisch-Übersetzer Fähndrich weitergab.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">27. Bergneustädter Gespräch 1995. Übergabe des Hieronymus-Rings von Ruth Achlama an Hartmut Fähndrich. Laudatio von Ruth Achlama. In: Übersetzen, Jan.-März 1996, S. 5. Online: <a href="https://zsue.de/wp-content/uploads/2019/03/DerUebersetzer-1996-01.pdf">https://zsue.de/wp-content/uploads/2019/03/DerUebersetzer-1996-01.pdf</a> (letzter Aufruf Dezember 2021).</span> Dieser 1979 gestiftete, nach dem Schutzheiligen der Übersetzer benannte Wanderpreis ist eine besondere, unter Übersetzerinnen und Übersetzern hochgeschätzte Auszeichnung: Der aktuelle Träger, bzw. die Trägerin entscheidet allein, wer den Ring in den folgenden zwei Jahren tragen wird. Achlama hatte sich mit der Literatur des östlichen Mittelmeerraums befasst und war dabei auf Fähndrich gestoßen. Ihre Entscheidung habe ihn, wie er sagte, tief beeindruckt. Er wollte den Ring an jemanden weitergeben, der/die aus dem außereuropäischen Sprachbereich übersetzt, und so bekam ihn die junge Kollegin Stefanie Schäfer für ihre erste Übersetzung aus dem Afrikaans.</p>



<p>In Veröffentlichungen und Gesprächen, von denen viele im Internet zu finden sind, spricht Fähndrich vergleichsweise selten über die von ihm übersetzten Autoren und Romane, noch seltener äußert er sich zu translatorischen Fragen im engeren Sinne. Es gehe ihm beim Übersetzen „nicht vor allem um den Zauber der Sprache, sondern um die damit ausgedrückten Gegenstände“ (Fähndrich 2021); bei der Entscheidung, welche Titel für eine Übersetzung in Frage kommen, frage er sich immer,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>in wie weit das Buch in unserer Kultur verstanden werden kann, d.h. es darf nicht zu sehr von lokalen Eigenheiten geprägt sein. Wesentlich ist selbstverständlich die Qualität des Schreibens, ebenso die Frage, ob die Botschaft des Buches verstanden wird und welche Rolle das Buch im Ursprungsland spielt. Über all das erkundige ich mich bei Fachleuten und bei ‚meinen‘ Autoren, die ich mit wenigen Ausnahmen alle persönlich kenne. – Den Kontakt zwischen Autor und Übersetzer halte ich für unabdingbar. (Petzold, Fähndrich 2020)</p>
</blockquote>



<p>Der Arabist Peter Krois befragte ihn nach seiner Arbeitsweise und nennt sie „pragmatisch“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>In einem ersten Durchgang wird das Werk so wörtlich wie möglich übersetzt. Damit ist der Versuch verbunden, so viele Bedeutungselemente wie irgend möglich in die deutsche Sprache ‚mitzunehmen‘. [&#8230;] In einem zweiten Durchgang lässt Fähndrich dann das Original weg und bemüht sich um freiere Formulierungen, gleichsam eine stärkere Annäherung an die deutsche Sprache, wobei er versucht, die verschiedenen Bedeutungselemente, die er erkannt hat, wenn irgend möglich zu erhalten. Daran kann sich unter Umständen durchaus noch ein dritter Durchgang anschließen, dabei nimmt er auch wieder das Original zur Hand [&#8230;], um zu vermeiden, dass sich seine Übersetzung durch die Umformung des Textes im zweiten Durchgang zu weit vom Original entfernt hat. (Krois 2012: 332f.)</p>
</blockquote>



<p>Er wolle</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>möglichst „<em>textnah</em>“ übersetzen. Er lehnt die sogenannten „<em>großen Würfe</em>“, die sich „<em>weit vom Text</em>“ entfernen, ab. [&#8230;] Fähnrich sieht sich in seinen eigenen Worten als „<em>dienstbarer Geist für den Originaltext</em>“. Aus diesem Grund lehnt er erklärende Anmerkungen in der Übersetzung ab, sie machen aus seiner Sicht „<em>die Literatur kaputt.</em>“ (ebd.: 334)</p>
</blockquote>



<p>Selbstverständlich sieht er das Problem intertextueller Referenzen, mit denen deutschsprachige Leser nichts anfangen können (ebd.: 428). Er meint, der europäische Leser müsse sich „an ein gewisses Maß an Andersartigkeit gewöhnen [&#8230;], wenn er Literatur aus dem außereuropäischen Raum lese“ (ebd.: 348), sagt aber an anderer Stelle, eine Übersetzung dürfe nicht „zu fremd“ werden. Der deutsche Leser erwarte letzten Endes, ein deutsches Buch zu lesen (Fähndrich 2021).</p>



<p>In einem langen Übersetzerleben hat Hartmut Fähndrich über siebzig Romane und zahllose kürzere Texte von gut fünfzig Autoren übersetzt, vor allem Prosa von Marokko bis Irak; Lyrik fehlt, die sei ihm eher fremd. Obwohl „es per se eine Überforderung ist, sich mit der arabischen Welt auskennen zu wollen, man lebt mit dem Risiko, über Vieles wenig zu wissen“, hat er nie erwogen, seine Region einzugrenzen. Die zahlreichen Varianten des gesprochenen Arabisch habe er beim Übersetzen nie als problematisch oder gar hinderlich empfunden; wer aus dem Deutschen übersetze, verstehe ja auch alle Dialekte zwischen Friesland und Tirol.</p>



<p>2022 nahm er einen Umzug zum Anlass, seine 160 Regalmeter arabische und arabistische Literatur an das abu-dhabische Ministerium für Kultur und Tourismus zu verkaufen. Ob die 7000 – 8000 Bücher in den Bestand der Bibliothek eingegliedert oder als „Arbeitsbibliothek eines deutschen Arabisten in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts“ zusammenbleiben werden, ist noch offen. Dennoch ist für ihn, wie für viele Kollegen und Kolleginnen, das Rentenalter kein Grund, nicht mehr zu arbeiten und nicht mehr zu übersetzen. Aber er wolle „nicht wieder ein 500-Seiten Buch“ vor sich haben, „das bindet mich in Knechtsarbeit, das muss man so sehen, das ist eine regelmäßige Zwangsjacke für ein halbes Jahr“ (Eggmann, Fähndrich 2020). Doch 2021 konnte er sich einen jahrzehntelangen Traum erfüllen: Er hat unter dem Titel <em>Kleine Festungen</em> Geschichten von fünfzig Autoren und Autorinnen über die Kindheit und Jugend in der arabischen Welt gesammelt, übersetzt und herausgegeben.</p>



<p>Hartmut Fähndrichs persönlicher Schutzheiliger ist nicht der heilige Hieronymus, sondern der heilige Christophorus:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Bei ihm erschien eines Nachts Christus als Kind mit der Bitte, hinüber getragen zu werden. Christophorus tat, was sein Metier war: Er lud sich das Knäblein auf die Schulter, in der Erwartung, ein leichtes Stück Arbeit zu haben. Doch es kam anders: Unterwegs wurde die Last immer schwerer und der Träger erreichte nur japsend und mit Mühe das andere Ufer. </p>



<p>Wenn man dieses Bild an sich nimmt [&#8230;] dürfte es kaum ein eindrucksvolleres für die Tätigkeit Übersetzender geben. Rainer Maria Rilke hat in seinem Gedicht „Sankt Christophorus“ Wesen und Aufgabe des Mannes noch poetisch ausgearbeitet. Vier Zeilen davon skizzieren unübertroffen das Berufsbild Übersetzender: <em>So trat er täglich durch den vollen Fluss – / Ahnherr der Brücken, welche steinern schreiten, – / und war erfahren auf den beiden Seiten / und fühlte jeden, der hinüber muss.</em></p>



<p>Und dieses Berufsbild schliesst nicht nur den Transport von einem Ufer zum anderen ein, das ÜberTRAGen, sondern auch [&#8230;] das Bescheid-Wissen über das, was hinüber gebracht werden muss und was auf der anderen Seite ‚ankommt‘. Er ist auf beiden Seiten erfahren. (Fähndrich 2016)</p>
</blockquote>



<p>Dass das Kind, das zunächst so leicht erschien, auf dem Weg immer schwerer wird und der Träger das andere Ufer nur mit Mühe erreicht: Auch so sei es mitunter, das Übersetzen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Meyerhof, Max</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/meyerhof-max/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false"></guid>

					<description><![CDATA[Der deutsch-ägyptische Augenarzt Max Meyerhof trat nicht nur als Forscher und Medizinhistoriker hervor, sondern auch als produktiver Orientalist und Übersetzer. Er arbeitete hauptsächlich mit den Sprachen Deutsch, Arabisch, Französisch und Englisch. Sein mehr als 300 Titel umfassendes Œuvre1Der wissenschaftliche Teilnachlass Meyerhofs wird derzeit im Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) sukzessive aufbereitet.&#160;zeugt von dem vielseitigen Schaffen [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Der deutsch-ägyptische Augenarzt Max Meyerhof trat nicht nur als Forscher und Medizinhistoriker hervor, sondern auch als produktiver Orientalist und Übersetzer. Er arbeitete hauptsächlich mit den Sprachen Deutsch, Arabisch, Französisch und Englisch. Sein mehr als 300 Titel umfassendes Œuvre<span class="oes-note oes-popup" data-fn="2"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup2">2</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="2">Der wissenschaftliche Teilnachlass Meyerhofs wird derzeit im Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) sukzessive aufbereitet.</span>&nbsp;zeugt von dem vielseitigen Schaffen Meyerhofs, das u. a. einen wichtigen Beitrag zum Wissenstransfer zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt darstellt.</p>



<p>Max Meyerhof wurde am 21. März 1874 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, die seit dem 18. Jahrhundert in Hildesheim lebte. Der Familie seines Vaters, Albert Meyerhof, sowie der seiner Mutter, Lina Spiegelberg, entstammen Künstlerinnen und Gelehrte auf unterschiedlichen Gebieten: Sein Onkel Otto Spiegelberg war Professor für Gynäkologie, sein Vetter Wilhelm Spiegelberg lehrte Ägyptologie und Otto Meyerhof, ein Vetter zweiten Grades, erhielt 1922 den Nobelpreis für Medizin. Meyerhof studierte ab 1892 Humanmedizin in Heidelberg, Freiburg, Berlin und Straßburg. Ab 1898 assistierte er an verschiedenen Augenkliniken in Berlin, Bromberg und Breslau, bevor er 1902 in Hannover eine eigene Praxis eröffnete. Einen entscheidenden Einfluss auf seinen späteren Werdegang als Orientalist hatte sein Vetter Wilhelm Spiegelberg (1870–1930), bei dem Meyerhof schon während der Studienzeit in Straßburg Ägyptologie-Vorlesungen besuchte. Während einer Ägyptenreise im Winter 1900/1901 wurde das Interesse des jungen Augenarztes für das damalige „Land der Blinden“ geweckt. Vermutlich haben ihn die dort gesammelten Eindrücke bewogen, 1903 nach Kairo überzusiedeln, wo er eine erfolgreiche Augenarztpraxis betrieb. Er wurde Mitglied der Ophthalmologischen Gesellschaft Ägyptens, ließ sich 1908/1909 zu deren Präsidenten wählen, war Mitbegründer einer Poliklinik für Arme und zählte 1913 zu den Herausgebern der <em>Revue médicale d’Égypte</em>. Während des Ersten Weltkriegs, der ihn im deutschen Sommerurlaub überraschte, arbeitete er als Arzt in einem Lazarett in Hannover. Erst 1922 konnte er, als einer der ersten Deutschen überhaupt, nach Ägypten zurückkehren. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit und medizinischen sowie medizinhistorischen Studien beschäftigte er sich verstärkt mit philologischen Fragen und pflegte engen Kontakt zu dem Kreis der Orientalisten an der neu gegründeten Universität Kairo und zu Gelehrten in aller Welt. Dieses „orientalistische“ Engagement brachte ihm 1928 den Ehrendoktor der Universität Bonn ein. 1932 erhielt Meyerhof einen Ruf auf den Lehrstuhl für Medizingeschichte der Universität Leipzig, den er jedoch ablehnte, weil er, so Wolfgang Raff, „die Zeichen des heraufziehenden Antisemitismus und die bevorstehenden Veränderungen im politischen und intellektuellen Leben Deutschlands richtig gedeutet hat; seine Verwurzelung in Ägypten dürfte eine ebenso große Rolle gespielt haben“ (Raff 1984: 125f). Er zog das Exil in Ägypten dem Leben im nationalsozialistischen Deutschland vor. In den folgenden Jahren gab Meyerhof, „betrübt und nach Überwindung innerer Kämpfe“, seine deutsche Staatsbürgerschaft auf (Littmann 1955: 136). Er setzte sich in einem jüdischen Hilfswerk für verfolgte und zur Emigration gezwungene Juden ein (Raff 1984: 126). Dank seiner guten Beziehungen in Ägypten erhielt er 1936 die ägyptische Staatsangehörigkeit. Seit 1931 war Meyerhof mit Elise Henning (1888–1971) verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Am 20. April 1945 starb Meyerhof. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Kairo beigesetzt.</p>



<p>Die&nbsp;<em>Jewish Telegraphic Agency</em>&nbsp;berichtete am 24. April 1945:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Impressive funeral services were held yesterday for Dr. Max Meyerhof, 70, one of the world’s most eminent eye specialists in Cairo’s Ashkenazi Synagogue. Dr. Meyerhof was affectionately known by thousands of Egyptians from all walks of life as „Dr. Max“.</p>



<p>Despite his seventy years he was considered a sort of magician for his operations which saved innumerable persons from blindness. He was also known as an outstanding Orientalist and wrote several books on the scientific heritage of the Arabs. He was a cousin of Professor Otto Meyerhof who received the Nobel Medical Prize in 1922.</p>
</blockquote>



<p>Das Werk Meyerhofs umfasst Monografien, Abhandlungen, Aufsätze, Übersetzungen, Rezensionen sowie umfangreiche Briefkorrespondenzen in mehreren Sprachen. Neben der Muttersprache Deutsch lernte Meyerhof während seiner Schulausbildung Griechisch, Latein, Englisch und Französisch sowie Hebräisch im Privatunterricht. In Ägypten lernte Meyerhof ferner Arabisch, Italienisch und Neugriechisch (Littmann 1955: 135). Diese Mehrsprachigkeit diente ihm als Brücke zur damals multikulturellen Gesellschaft Ägyptens. Aufgrund seines Interesses für die arabische Medizin und ihre Geschichte begann Meyerhof sich intensiv mit der arabischen Schriftsprache zu befassen. Hilfreich waren dabei seine engen Beziehungen zu Orientalisten vor Ort, vor allem zu Enno Littmann (1875–1958), bei dem sich Meyerhof die Grundlagen des Hocharabischen aneignete. Littmann erinnert sich:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Als ich 1910 zum ersten Male an die von dem damaligen Prinzen Fuad begründete Arabische Universität berufen war, bat er mich um Unterricht in der klassischen arabischen Sprache, den ich ihm gern erteilte; es war rührend zu beobachten, wie er nun die Paradigmata deklinierte und konjugierte. Nur die Grundlagen der Sprache konnte ich ihm vermitteln; er selbst baute darauf unermüdlich weiter, sammelte arabische Handschriften und bearbeitete sie mustergültig. (Littmann 1955: 135)</p>
</blockquote>



<p>Meyerhofs Werke zeugen von einem ausgeprägten Interesse sowohl an medizinischen und medizinhistorischen, als auch an kulturgeschichtlichen und anthropologischen Themen. Hervorzuheben sind die Arbeiten zum Wissenstransfer zwischen dem Orient und dem Okzident, sowie seine Studien zu einzelnen Gelehrten, z. B. Moses Maimonides (1135–1204), Hunain ibn Ishāq (808–873), Muhammad ibn Zakarīyā ar-Rāzī (864–925) und Ibn an-Nafīs (1213–1288).</p>



<p>Was seine übersetzerische Tätigkeit angeht, so lag der Schwerpunkt auf altarabischen naturwissenschaftlichen Fachtexten, vor allem im Bereich der Medizin und Pharmakologie. Meyerhofs Ziel war u. a., eine umfassende Geschichte der arabischen Medizin anhand altarabischer Handschriften zu verfassen (Raff 1984: 127) und dadurch die Verdienste der altarabischen islamischen Medizin im Westen bekannt zu machen. Zu diesem Zweck verfolgte er ein ambitioniertes Übersetzungsprojekt: Aufspüren, Erschließen, Emendation, Übersetzung und Herausgabe altarabischer Quellen. Nicht selten bildeten seine Übersetzungen die Grundlage für medizinhistorische Studien. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass die übersetzerischen Bemühungen Meyerhofs nicht als Mittel zum Broterwerb zu verstehen sind, da er wohl durch seine augenärztliche Praxis in Kairo materiell abgesichert war. Vielmehr erfolgten sie aus innerer Forschermotivation und Entdeckerfreude.</p>



<p>Die ersten Übersetzungen aus dem Arabischen ins Deutsche entstanden in Zusammenarbeit mit Curt Max Prüfer, Arabist und seinerzeit Dragomane am deutschen Konsulat. Zu nennen sind:&nbsp;<em>Die Augenanatomie des Hunain bin Ishaq: nach einem illustrierten arabischen Manuskript</em>&nbsp;(1910),&nbsp;<em>Die aristotelische Lehre vom Licht bei Hunain bin Ishaq</em>&nbsp;(1911) und&nbsp;<em>Die angebliche Augenheilkunde des Tabit ibn Qurra</em>&nbsp;(1911). Während es sich bei den ersten zwei Titeln um Übersetzungen im engeren Sinne handelt, legt Meyerhof bei dem dritten eine Zusammenfassung eines arabischen Fragments zur Augenheilkunde vor, das der Mathematiker, Mediziner und Philosoph Thabit ibn Qurra (826–901) verfasst hat.</p>



<p>Die in der zweiten Phase in Ägypten (ab 1922) entstandenen Übersetzungen betreffen u. a. das Leben und Werk des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (2. Jhdt. u. Z.), z. B. <em>Über echte und unechte Schriften Galens nach arabischen Quellen</em> (1928), <em>Eine Augenbehandlung durch Galen, nach arabischer Quelle</em> (1928) und <em>Autobiographische Bruchstücke Galens aus arabischen Quellen</em> (1929). Meyerhofs besonderes Interesse galt verloren gegangenen, aber aus arabischen Quellen rekonsturierbaren Werken des berühmten Griechen. So veröffentlichte er 1931 in Zusammenarbeit mit dem Orientalisten Joseph Schacht und Scheich Muhammad Siddiq, einem Schüler der Al-Azhar-Hochschule, die Abhandlung <em>Galen über die medizinischen Namen: Arabisch und Deutsch</em>. Es handelt sich um die deutsche Übersetzung der von Hunain ibn Ishaq angefertigten arabischen Übersetzung des ersten Buches von Galenos’ Werk. Weitere wichtige Arbeiten aus dieser Zeit sind Meyerhofs Übersetzung der Einleitung von Edrisis (1100–1166) <em>Sammelbuch der Arzneimittel</em> (1930) sowie Berunis (973–1048) <em>Vorwort zur Drogenkunde</em> (1932). In den 1930er Jahren lässt sich bei Meyerhof ein merklicher Rückgang der Verwendung des Deutschen und ein verstärkter Gebrauch des Französischen und Englischen als Publikationssprache feststellen.</p>



<p>In einigen Paratexten berichtet Meyerhof über sein übersetzerisches Verfahren: „Die Übertragung ist eine sehr wörtliche; der Leser möge deshalb die stilistischen Mängel der Übersetzung verzeihen, welche sich dem Original so getreu als möglich anschmiegen sollte“ (Meyerhof 1910: 168). Die späteren Übersetzungen bleiben diesem Prinzip treu; in der Einleitung zu seiner Studie&nbsp;<em>Die allgemeine Botanik und Pharmakologie des Edrisi</em>&nbsp;spricht er von einer „möglichst wörtliche(n) Übertragung“ (Meyerhof 1930: 226), im Vorwort zu&nbsp;<em>Galen über die medizinischen Namen</em>&nbsp;heißt es von der Übersetzung, sie sei bestrebt, „dem Wortlaut des arabischen Textes zu folgen, ohne dem Deutschen Gewalt anzutun, und jeden arabischen Terminus so konsequent wie möglich stets durch dasselbe deutsche Wort wiederzugeben“ (Meyerhof/Schacht 1931: 1). Diese Übersetzung wurde 1932 von dem Orientalisten und Hunain-Spezialisten Gotthelf Bergsträßer (1886–1933) rezensiert. Er lobt die Übersetzer dafür, dass sie eine ganze Reihe von Schwierigkeiten gelöst und den Text in allem Wesentlichen richtig erfasst hätten, kritisiert aber ihr „gewaltsames“ Vorgehen an einzelnen Stellen und thematisiert die Konsequenzen für den Leser:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[A]nderwärts haben sie dem Wortlaut nur durch Gewaltsamkeiten in der Textherstellung oder der Übersetzung einen Sinn abzugewinnen vermocht. Zweifellos haben die Herausgeber selbst derartiges als Notbehelf empfunden und nur als solchen aufgenommen; aber die Gefahr ist immerhin groß, daß der eilige Benutzer, der eine verständliche Übersetzung oder einen glatten arabischen Text vorfindet, nicht die Textgrundlage der Übersetzung und die handschriftliche Basis des Textes nachprüft, und so zu Irrtümern verleitet wird; ganz abgesehen von den Lesern, die nur die Übersetzung zu benützen imstande sind. (Bergsträßer 1932: 333)</p>
</blockquote>



<p>Neben seinen Erläuterungen zur Vorgehensweise beim Übersetzen in Vor- und Nachworten enthalten seine Publikationen zahlreiche weitere paratextuelle Elemente: Literatur-, Zeichen- und Abkürzungsverzeichnisse, gelegentlich ausführliche deutsche und arabische Indices für Eigennamen und Sachwörter, auch Register für griechische Fachwörter, die das arabische Original enthält (vgl. Meyerhof/Schacht 1931: 38–42). Darüber hinaus sind seine Übersetzungen im Allgemeinen reich an informativen Fußnoten, die Meyerhof verwendet, um Fachbegriffe zu erläutern, im Original unverständliche oder fehlerhafte Stellen zu kommentieren oder dem deutschen Leser kulturspezifische Hintergrundinformationen zu liefern. Nicht selten äußert er sich in Fußnoten punktuell auch zu übersetzerischen Entscheidungen.</p>



<p>Das Leben in Ägypten, das für Meyerhof zu einem sicheren Exilland wurde, lässt keine Spuren von Außenseitertum oder Ausgrenzung vermuten, sondern zeugt eher von intellektueller Selbstentfaltung und gesellschaftlicher Anerkennung. Beweis dafür dürfte nicht zuletzt der wissenschaftliche Salon gewesen sein, den Meyerhof in den letzten Jahrzehnten seines Lebens regelmäßig am Mittwochnachmittag abhielt. Die Verleihung des&nbsp;<em>Ordre du Nil</em>&nbsp;durch König Fuad, der Meyerhof damit in den Rang eines Kommandeurs erhob, ist ein klares Zeichen für die Wertschätzung, die Meyerhof in der ägyptischen Gesellschaft auf höchster Ebene genoss.</p>



<p>Später wurde er in das arabischsprachige Lexikon der Orientalisten&nbsp;<em>Mawsuat al-Mustashriqin</em>&nbsp;des ägyptischen Philosophen Abd al-Rahman Badawi (1917–2002) aufgenommen, der als junger Wissenschaftler Meyerhof in Kairo kennengelernt und dessen wichtige Studie&nbsp;<em>Von Alexandrien nach Bagdad. Ein Beitrag zur Geschichte des philosophischen und medizinischen Unterrichts bei den Arabern</em>&nbsp;(1930) ins Arabische übersetzt hat (Badawi 1993: 540–543). 1997 ließ das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt einen Teil der Studien und Übersetzungen Meyerhofs zur islamischen Medizin sammeln und in drei Bänden als&nbsp;<em>Studies on the History of Islamic Medicine and related fields by Max Meyerhof</em>&nbsp;neu auflegen. 2009 erschien in Kuwait auf Arabisch ein Studie von Ahmad Sirri über das Werk und Wirken Meyerhofs. Am Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) wird zurzeit an einer Meyerhof-Biographie gearbeitet.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Maher, Moustafa</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/maher-moustafa/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false"></guid>

					<description><![CDATA[Moustafa Maher hat sich nicht nur als Begründer der ägyptischen Germanistik, als bedeutender Literaturwissenschaftler, Denker und Kulturphilosoph einen Namen gemacht, sondern auch als Übersetzer und Übersetzungs­wissenschaftler. Sein Interesse gilt vor allem der Vermittlung zwischen dem deutschsprachigen und arabischsprachigen Kulturraum. Moustafa Maher wurde am 12. Juni 1936 in Kairo geboren. In der Schule lernte er Englisch [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Moustafa Maher hat sich nicht nur als Begründer der ägyptischen Germanistik, als bedeutender Literaturwissenschaftler, Denker und Kulturphilosoph einen Namen gemacht, sondern auch als Übersetzer und Übersetzungs­wissenschaftler. Sein Interesse gilt vor allem der Vermittlung zwischen dem deutschsprachigen und arabischsprachigen Kulturraum.</p>



<p>Moustafa Maher wurde am 12. Juni 1936 in Kairo geboren. In der Schule lernte er Englisch als erste und Französisch als zweite Fremdsprache. Schon zu dieser frühen Zeit lernte er Teile des Korans auswendig und wurde mit Zeugnissen klassischer arabischer Literatur vertraut. Mit 16 wurde er in die École Normale Supérieure in Kairo aufgenommen, wo er von 1952 bis 1956 Romanische Philologie, Arabistik, Philosophie, Geschichte, Psychologie und Pädagogik studierte. Während des Studiums machte er seine erste Europareise, die ihn 1955 nach Frankreich führte. Nach dem Staatsexamen wurde er Studienrat an einer Oberschule in Kairo. Neben seinem regulären Studium an der École Normale Supérieure begann er 1955 mit dem Erlernen des Deutschen an der Sprachenhochschule Madrasst Al-Alsun<span class="oes-note oes-popup" data-fn="3"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup3">3</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="3">Älteste Sprachenhochschule Ägyptens, die als Übersetzerschule in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zuge der Bemühungen Muhammad Alis um die Modernisierung Ägyptens gegründet wurde.</span> in Kairo. 1958 ging er nach München, wo er am Goethe-Institut und an der Universität zum Deutschlehrer ausgebildet wurde. Nach Erlangung des Deutschlehrerdiploms setzte er sein Studium in Köln fort, wo er neben Germanistik auch Romanistik sowie Sprachen und Kulturen der islamischen Völker studierte. 1962 wurde er mit einer Dissertation über <em>Das Motiv der orientalischen Landschaft in der deutschen Dichtung von Klopstocks ‚Messias’ bis zu Goethes ‚Divan’</em> promoviert. Im selben Jahr kehrte Maher mit seiner Frau Elsa Maher (geborene Elsa de Planque) als erster promovierter ägyptischer Germanist nach Kairo zurück. Er begann als Dozent mit dem Aufbau der Germanistik an der Sprachenhochschule Al-Alsun, wurde dort Professor und leitete von 1965 bis 1987 die germanistische Abteilung. 1977 konnte er die Übersetzungswissenschaft als Teildisziplin des germanistischen Studiengangs etablieren. Zahlreiche Gastdozenturen und Auslandsaufenthalte brachten ihn in Verbindung mit europäischen, vor allem deutschen Universitäten und Forschungsinstitutionen (vgl. Metwally/Khattab/Ayad 1997).</p>



<p>Seinen Kontakt zu dem Schriftsteller, Übersetzer, Literaturkritiker und Erziehungsminister Taha Hussein (1889–1973)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="4"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup4">4</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="4">Über Taha Hussein soll der erste arabische Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfuz gesagt haben, dass Taha Hussein vor ihm den Nobelpreis verdient hätte.</span>, dessen Vorträge Maher im Französischlehrer-Verband in den 1950er Jahren in Kairo besuchte, bewertet Maher als ersten Ansporn zu seinem eigenen Übersetzen. In <em>25 Jahre Übersetzungstätigkeit. Ein Rückblick</em> berichtet Maher, wie er mit der „nicht leichten Aufgabe“ begann, vor die Taha Hussein die jungen Französischlehrer 1953 stellte: „nicht nur die Fremdsprachen als wichtiges Kommunikationsvehikel zwischen den Kulturen zu lehren, sondern auch dem arabischen Leser die geistigen Güter anderer Länder durch Übersetzungen, Zusammenfassungen und Besprechungen zu vermitteln. [&#8230;] Ich beschloss damals, dem Aufruf Folge zu leisten und mich für die nicht leichte Aufgabe – so gut wie möglich – zu befähigen“ (Maher 1985: 293). Seine erste Übersetzung veröffentlichte Maher bereits mit 17: die arabische Version der Kurzgeschichte <em>Le secret de maître Cornille</em> von Alphonse Daudet. Nach seinem Frankreichbesuch folgten weitere Übersetzungen aus dem Französischen, u. a. Racines <em>Iphigénie</em>.</p>



<p>Ab 1961 wandte sich Mahers Übersetzungsinteresse dem Sprachenpaar Deutsch-Arabisch zu. Als einen „Strom von Geben und Nehmen“ (Maher 2000: 194) sieht er den Austausch und die Vermittlung zwischen Kulturräumen, die er durch Hin- und Herübersetzungen zwischen dem Deutschen und Arabischen zu fördern verstand. Mit der Herübersetzung, in seine Muttersprache Arabisch also, begann Maher 1961: Heinrich von Kleists Drama <em>Der Prinz von Homburg</em>. In den nächsten vier Jahrzehnten folgten zahlreiche Übersetzungen von alt- und mittelhochdeutschen Texten (<em>Hildebrandslied</em>, Hartmann von Aue), von Dramen aus der Zeit der Klassik und der Gegenwart (Lessing, Goethe, Kleist, Dürrenmatt, Frisch), von Romanen (Hesse, Kafka, Handke, Walser, Böll, Lenz, Grass, Jelinek), von Gedichten (Schiller, Krolow, Heidenreich) von Reisebeschreibungen (Niebuhr), von kultur- und literaturwissenschaftlichen Texten, dazu Anthologien mit deutscher Epik des Mittelalters sowie österreichischer Prosa und Lyrik der Gegenwart.Seine Übersetzungen versah er in der Regel mit ausführlichen Begleittexten (Einleitung, Nachwort, Interpretation, Erläuterungen). Im Sinne von Nehmen und Geben begann 1969 eine parallel laufende Phase der Hinübersetzung. Bei Mahers erster Übersetzung aus dem Arabischen ins Deutsche handelt es sich um ein Sachbuch über Geschichte, Geographie, Archäologie und Kunst: <em>Das tausendjährige Kairo</em>. <em>969–1969, </em>veröffentlicht im Auftrag des ägyptischen Kulturministeriums.</p>



<p>In Zusammenarbeit mit dem Diplomaten und Journalisten Hermann Ziock entstand die 1974 in der Reihe&nbsp;<em>Geistige Begegnung</em>&nbsp;des Erdmann Verlags erschienene, 370 Seiten umfassende Anthologie&nbsp;<em>Moderne Erzähler der Welt: Ägypten.</em>&nbsp;Rund dreißig Erzählungen und Kurzgeschichten ägyptischer Gegenwartsliteraten wurden ausgewählt und von Maher ins Deutsche übersetzt. Neben Autoren, die aus Kairo (8) und Alexandria (3) stammen, wurde auch Ober- und Unterägypten eine Stimme gegeben, indem die Mehrzahl der übersetzten Autoren, darunter zwei Schriftstellerinnen, aus ländlichen Regionen stammt, so dass der Verlag für ein „repräsentatives Sammelwerk ägyptischer Gegenwartsprosa“ werben konnte. Der deutsche Leser konnte sich mit dem Schaffen solcher renommierter Schriftsteller bekannt machen wie Ihsan Abdel Kudus, Yussef As-Sebai, Yussuf Idris, Tharwat Abaza, Saleh Gawdat, Mustafa Mahmud und Abderrahman Esch-Scharkawi. In einem bio-bibliographischen Anhang stellte Maher die Schriftsteller und die ausgewählten Werke vor. Er versah die Anthologie ferner mit einem Glossar für kulturspezifische Wörter,&nbsp;z.&nbsp;B.&nbsp;„Ya sattar – Früher: Ruf männlicher Besucher beim Eintritt ins Haus, damit die Frauen des Hauses sich in Sicherheit begeben konnten“; „Malas – Weites puffiges schwarzes Kleid der Landfrauen“.</p>



<p>1976 entstand die Übersetzung von Werken Taufik al-Hakims (1898–1987), einem der Erneuerer der arabischen Literatur und des arabischen Theaters. Mahers deutsche Fassung von dessen Drama&nbsp;<em>Ya tali asch-schagra</em>&nbsp;(Der Baum) wurde vom Südwestfunk gesendet. Es folgten weitere Hörspiele von Tharwat Abaza und Noman Aschur.</p>



<p>Dem frühen starken Einfluss von Taha Hussein auf den damals jungen Französischlehrer konnte sich der spätere Germanist und Übersetzer Moustafa Maher nicht entziehen. So setzte er sich in den 1980er Jahren zum Ziel, den zweiten und dritten Band von Taha Husseins autobiographischem Roman <em>Al-Ayyam</em> ins Deutsche zu bringen. Der erste Teil war bereits 1973 in der Übersetzung von Marianne Lapper im Ost-Berliner Aufbau Verlag unter dem Titel <em>Kindheitstage </em>erschienen. 1986 folgte nun in Mahers Übersetzung <em>Jugendjahre in Kairo, </em>dem er umfangreiche Erläuterungen sowie ein Nachwort zur Geschichte und Entwicklung der Al-Azhar Moschee/Universität beifügte, wo der junge Taha Hussein studiert hat. 1989 erschien<em> Weltbürger zwischen Kairo und Paris, </em>ebenfalls mit ausführlichen Erläuterungen und Nachwort über die Kulturphilosophie von Taha Hussein sowie seinen literarischen Stil.</p>



<p>Zu Mahers Œuvre gehört auch die mit dem Salzburger Germanisten Ulrich Müller gemeinsam erarbeitete Übersetzung des&nbsp;<em>Epos von den Banu Hilal.&nbsp;</em>Es handelt sich dabei um das bekannteste und bis jetzt immer noch mündlich tradierte arabische Sangvers-Epos. Der ägyptische Dichter Abd ar-Rahman Abnudi hatte jahrzehntelang Versionen des Epos als Zeugnisse ägyptischen und arabischen Kulturguts gesammelt und dieses Material 2008 für den ägyptischen Hörfunk adaptiert. Auf dieser Fassung beruht die deutsche Übersetzung.</p>



<p>In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts widmete sich Maher der Übersetzung des Korans ins Deutsche, die 1999 in Kairo im Auftrag des Obersten Rats für islamische Angelegenheiten unter dem Titel&nbsp;<em>Sinngemäße deutsche Koranübersetzung&nbsp;</em>erschien.&nbsp;Maher stützte sich dabei auf die arabische Exegese des Korans&nbsp;<em>Al-Muntakhab</em>, die der Oberste Rat für islamische Angelegenheiten veröffentlicht hatte. Mit seiner Übersetzung verfolgte Maher das Ziel, dem deutschsprachigen Leser, der kein Arabisch kann oder nur über geringe Arabischkenntnisse verfügt, „einen ersten Zugang zum Heiligen Buch des Islam zu ermöglichen“ (Maher 2006: 31). In einem 2006 in Kairo erschienenen Artikel&nbsp;<em>Zu den Problemen und Erfahrungen der Koran-Übersetzung</em>&nbsp;äußerte sich Maher zu seinem Hauptwerk: „Wenn ich meine Übersetzung als eine&nbsp;sinngemäße bezeichne, räume ich ein, dass einige formale Aspekte zu kurz kommen, und zwar zugunsten des Sinns“ (Maher 2006: 30). Denn wortwörtliche Wiedergabe und starke Fokussierung auf formale Aspekte haben nach Maher zu schwerwiegenden und folgenreichen Fehlern in früheren Koran-Übersetzungen geführt.&nbsp;Ein prägnantes Beispiel liefert der Vergleich zwischen der Übersetzung des Verses 54, Sure 2 durch Maher und Max Henning (1861–1927). Interessant ist hier das übersetzerische Verfahren bei der Wiedergabe der übertragenen Bedeutung des arabischen Verbs „qatala“ ins Deutsche („qatala“ bedeutet „töten“; im übertragenen Sinne „sich äußerst anstrengen“) sowie bei der Wiedergabe des Ausdrucks „das Kalb nehmen“ (bedeutet: das Kalb als Gott verehren):</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<pre class="wp-block-verse">Maher

Gedenkt wie Moses einst zu seinen Leuten sagte: Ihr habt euch an euch selbst vergangen, als ihr das Kalb vergöttertet. Bittet Gott um Vergebung und erlegt euch eine schwere, fast todbringende Buße auf!</pre>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<pre class="wp-block-verse">Henning

O mein Volk, ihr habt euch dadurch versündigt, dass ihr euch das Kalb nahmt: Kehret um zu eurem Schöpfer und schlagt (die Schuldigen unter) euch tot.</pre>
</div>
</div>



<p>Während Henning an dieser Stelle wortwörtlich übersetzt („schlagt euch tot“ bzw. „dass ihr euch das Kalb nahmt“), übersetzt Maher die übertragene Bedeutung des Verbs „qatala“ sinngemäß („erlegt euch eine schwere, fast todbringende Buße auf“), und entscheidet sich – der Verständlichkeit halber – für das Explizieren als übersetzerisches Verfahren („als ihr das Kalb vergöttert“) (Maher 2006: 34).</p>



<p>Ein weiteres interessantes Beispiel ist Mahers Entscheidung für die Übersetzung&nbsp;des Wortes „Allah“. Hier ließ er sich von „der Geläufigkeit der Zielsprache und von der Einheitlichkeit der Offenbarungsreligionen leiten“ (Maher 2006: 30), und benutzte in den meisten Fällen das Wort „Gott“ statt „Allah“. Damit wollte er ausdrücken, dass Juden, Christen und Muslime an den gleichen Gott glauben. Der Name Allah könnte, seiner Meinung nach, den Eindruck erwecken, es handele sich um einen anderen Gott als den der Christen und Juden (Maher 2006: 30).</p>



<p>Neben der praktischen Übersetzungstätigkeit hat sich Maher als Übersetzungstheoretiker profiliert. In seinem 2000 in den&nbsp;<em>karlsruher pädagogischen beiträgen</em>&nbsp;veröffentlichten&nbsp;<em>Entwurf einer Übersetzungstheorie</em>&nbsp;äußert sich Maher u.&nbsp;a. zur universalisierenden Wirkung des Übersetzens (Maher 2000: 194). Durch die Übersetzung werde das „Andere“ als Gegenpol zum „Eigenen“ sprachlich thematisiert. Dadurch, dass die Übersetzung nach Anerkennung und kreativer Auseinandersetzung mit dem Anderen strebe, erhalte sie ihre „Existenzberechtigung“ (ebd.: 177). Auch die „Existenz“ des Übersetzers selbst ist nach Maher legitim. Mit der Aussage „Als Übersetzer kann ich nicht sagen: Ich übersetze, also existiere ich nicht. Nein, ich übersetze, also bin ich!“ brachte er – in einem Streitgespräch mit Samir Grees über Mahers arabische Übersetzung von Elfriede Jelineks&nbsp;<em>Die Liebhaberinnen</em>&nbsp;– seine Einstellung zur Rolle des Übersetzers zum Ausdruck (vgl. Maher/Grees 2012)<em>.&nbsp;</em>Auf den Vorwurf, in seiner arabischen Version als vulgär empfundene Wörter ausgelassen zu haben, antwortete Maher: „Auslassen ist nicht das richtige Wort – ich fand Stellen, die dem Hauptziel der Übersetzung nicht dienen, nämlich, dass die Leser Jelinek verstehen. […] Ich glaube, dass es den künstlerischen Wert des Romans […] sogar erhöht, wenn ich die Worte auslasse, die dem arabischen Leser nicht nützen“ (ebd.: 200), denn sonst würde „ihm ein verkehrtes Bild der westlichen Kultur“ vermittelt und er würde „denken, diese Schriftstellerin sei eine schamlose Hure und Zuhälterin!“ (ebd.).</p>



<p>Mahers übersetzungspoetologische Äußerungen lassen schon früh eine gewisse „Entthronung des heiligen Originals“ erkennen. In&nbsp;<em>Die Grenzen der sogenannten originalgetreuen Wiedergabe bei der Übersetzung von literarischen Texten</em>&nbsp;spricht Maher von Grenzen, die bei der Übersetzung literarischer Texte zur Relativierung zwingen und bei Beurteilung von Übersetzungen berücksichtigt werden müssen. Nach ihm steht der Übersetzer immer vor Alternativen, er muss eigene Prioritäten setzen, was dazu führt, dass der Ausgangstext auf verschiedene Weise übersetzt werden kann (Maher 1997).</p>



<p>Für seine wissenschaftlichen Verdienste und seine Leistungen als Übersetzer und Vermittler zwischen den Kulturen wurde Maher vielfach ausgezeichnet. Seit 2010 wird das Gesamtwerk dieses Nestors der Übersetzung zwischen dem deutschsprachigen und arabischsprachigen Kulturraum im Rahmen eines Nationalen Übersetzungsprojekts in Ägypten neu aufgelegt (El-Sharkawy 2011: 203).</p>



<p></p>



<p></p>



<p></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
