<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Gymnasiallehrer/in &#8211; UeLEX</title>
	<atom:link href="https://uelex.de/berufe/gymnasiallehrer-in/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://uelex.de</link>
	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
	<lastBuildDate>Fri, 27 Mar 2026 09:12:35 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.8</generator>
	<item>
		<title>Hofmiller, Josef (Version 1.0)</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/hofmiller-josef-version-1-0/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Dec 2025 23:11:37 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2013406</guid>

					<description><![CDATA[[Die UeLEX-Redaktion sucht jemanden, der zu Hofmiller als Übersetzer ein Biogramm oder sogar ein ausführlicheres Porträt erstellen möchte.]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>[Die UeLEX-Redaktion sucht jemanden, der zu Hofmiller als Übersetzer ein Biogramm oder sogar ein ausführlicheres Porträt erstellen möchte.]</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Junghans, Hans Martin</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/junghans-hans-martin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Apr 2025 07:35:34 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2012027</guid>

					<description><![CDATA[Hans Martin Junghans (Jg. 1903)1Das folgende Biogramm ist eine komprimierte Version des Aufsatzes von Henriette Riskær Steffensen (1992), die sich ihrerseits auf ihr 1984 von Junghans übermittelte autobiographische Angaben stützen konnte. , Sohn eines bereits 1915 verstorbenen Schulleiters, schaffte es unter schwierigen Bedingungen das Abitur abzulegen. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaft in Marburg und Kiel, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Hans Martin Junghans (Jg. 1903)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="3"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup3">3</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="3">Das folgende Biogramm ist eine komprimierte Version des Aufsatzes von Henriette Riskær Steffensen (1992), die sich ihrerseits auf ihr 1984 von Junghans übermittelte autobiographische Angaben stützen konnte.</span> , Sohn eines bereits 1915 verstorbenen Schulleiters, schaffte es unter schwierigen Bedingungen das Abitur abzulegen. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaft in Marburg und Kiel, Englisch, Religionslehre und Geschichte in Heidelberg und Greisfwald. 1930 bestand er die Lehramtsprüfung für Gymnasien in Preußen, 1928 wurde er in Greifswald mit einer germanistischen Arbeit (<em>Studien zum Meistersinger Jörg Schiller</em>, 1931) promoviert. Er unterrichtete an verschiedenen Schulen, wurde jedoch 1933 entlassen, obwohl er ein eher unpolitischer Mensch war.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="4"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup4">4</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="4">Die Entlassung durch den NSDAP-Reichsminister Bernhard Rust könnte wegen des antinationalsozialistischen Engagements eines Bruders von Junghans erfolgt sein, der wenige Tage nach Hitlers Regierungsantritt von der SS ermordet worden war.</span> Er war längere Zeit arbeitslos und konnte seine Familie (er hatte 1933 die Dänin Gunhild Berth geheiratet, das Paar hatte zwei Kinder) kaum ernähren. Junghans beschloss zu emigrieren, 1936 bekam er die Erlaubnis zur Auswanderung.</p>



<p>Die Familie zog zunächst in die damals nicht zum Deutschen Reich gehörende Stadt Danzig, von dort 1938 in die Schweiz und 1939 nach Dänemark. In der Zeit der deutschen Besetzung Dänemarks bekam Junghans 1942 von den dänischen Behörden die Arbeitserlaubnis, um am deutschen Gymnasium Deutsch, Religion und Geschichte zu unterrichten. Nach Ende des Kriegs wurde er Mitarbeiter der dänischen Flüchtlingsverwaltung für die mehr als 200.000 aus Ostpreußen evakuierten Deutschen (vgl. seine Übersetzung des Langberg-Buches von 1951).</p>



<p>In den 1950er Jahren entstanden seine Kierkegaard-Übersetzungen, die in der Gesamtausgabe des dänischen Philosophen und evangelischen Theologen veröffentlicht wurden.</p>



<p>Junghans starb am 28. März 1992.</p>



<p></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Specht, Gustav (Version 1.0)</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/specht-gustav-version-1-0/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Dec 2024 18:32:44 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2011372</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schottlaender, Rudolf</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/schottlaender-rudolf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Oct 2024 17:56:12 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2011112</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Goyert, Georg</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/goyert-georg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Oct 2024 17:25:16 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2011100</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Weinstock, Heinrich</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/weinstock-heinrich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Oct 2024 08:53:26 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2011095</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Silbermann, Edith</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/silbermann-edith/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 May 2024 13:15:40 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2010394</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Horvát, Henrik</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/henrik-horvat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Mar 2024 13:03:55 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2010040</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Naguib, Nagi</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/nagi-naguib/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Mar 2024 21:28:31 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009952</guid>

					<description><![CDATA[Nagi Naguib hat wie kaum ein anderer Pionierarbeit für die Vermittlung moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum geleistet. Die Bandbreite seines translatorischen Han­delns ist groß: Er war Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Hochschuldozent, Kurator von Literaturveranstaltungen, Herausgeber, Publizist, Verleger, Lektor. Über seine Lebensdaten, sei­nen Bildungs- und Berufsweg lassen sich jedoch weder in digitalen noch in Printmedien auf Deutsch [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Nagi Naguib hat wie kaum ein anderer Pionierarbeit für die Vermittlung moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum geleistet. Die Bandbreite seines translatorischen Han­delns ist groß: Er war Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Hochschuldozent, Kurator von Literaturveranstaltungen, Herausgeber, Publizist, Verleger, Lektor. Über seine Lebensdaten, sei­nen Bildungs- und Berufsweg lassen sich jedoch weder in digitalen noch in Printmedien auf Deutsch wie Arabisch korrekte und umfangreichere Informationen finden. Will man der biogra­phischen Notiz des Unionsverlags Glauben schenken, so soll er in Berlin studiert und – aus welchen Gründen auch immer – in München promoviert haben (Stand 3. April 2024). Im Nachruf von Gabriele Braune (1988: 11f.) lässt sich zwar ein erster Eindruck von Naguibs akademischer Laufbahn gewinnen, aber sie nennt z. B. nicht einmal sein (genaues) Geburtsdatum. Dass er dem Nachruf zufolge bei Walter Höllerer an der Freien Universität Berlin promovierte, kann nicht stimmen, da Höllerer an der Technischen Universität Berlin lehrte. Auf den Internetseiten des Verlags Edition Orient erfährt man lediglich, dass er Übersetzer und Verlagsgründer war (Stand 3. April 2024). Erste ver­lässliche Informationen zu den Eckdaten seines Lebens- und Bildungsweges finden sich im Archiv der Freien Universität Berlin. Ein detailreiches Bild von seinem Leben und Werk kann man sich nur machen dank des gut 20 Ordner umfassenden Nachlasses, den Christa Naguib fast vier Jahrzehnte im Andenken an ihren am 24. Mai 1987 verstorbenen Mann sorgfältig aufbewahrt hat.</p>



<p></p>



<p>1</p>



<p>Geboren am 27. Dezember 1931 in der oberägyptischen Stadt al-Minya, aufgewachsen in Kairo, stu­dierte Nagi Naguib von 1949 bis 1955 Anglistik und Pädagogik an der Ibrahim-Pascha-Univer­sität (heute: Ain-Schams-Universität) in Kairo. Dort erwarb er im Mai 1953 den Bachelor of Arts in English Literature and Education und im Oktober 1955 das Special Diploma in Education.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Wo nicht anders angegeben, stützt sich die übersetzerbiografische Darstellung auf Dokumente aus dem Nachlass Naguibs.</span> Doch als Lehrer zu arbeiten, scheint nicht Naguibs (erster) Berufswunsch gewesen zu sein. Denn schon früh bemühte er sich – folgt man einem (unveröffentlichten) Nachruf seines langjährigen Freundes Olav Münzberg – um ein Stipendium zur Fortsetzung seines Studiums in England.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Dafür spricht auch eine am 31. Oktober 1953 auf Englisch ausgestellte und an die University of London adressierte Version seines B. A.-Zeugnisses. &nbsp;</span>Während des Militärdienstes, den man in Ägypten nicht nach dem Schulabschluss, sondern nach dem Studium ableisten muss, kam Naguib der Suezkrieg dazwischen. Eine Pro­motion in dem Land, das 1956 gemeinsam mit Frankreich und Israel einen Angriffskrieg gegen Ägypten geführt hatte, war für Naguib nicht mehr möglich. Nach dem Militärdienst musste er seine Bemühungen um ein Promotionsstipendium in England aufgeben und begann als Lehrer an einer Oberschule in Kairo zu arbeiten.</p>



<p>Nach Deutschland und zum Deutschen kam Naguib dank eines Kooperationsabkommens zwischen der Vereinigten Arabischen Republik (einem Staatenbund zwischen Ägypten und Syrien von 1958 bis 1961) und der Bundesrepublik Deutschland, in dessen Rahmen Deutschlehrer für Schulen ausgebildet werden sollten. Der damals 29-jährige Naguib wurde vom Schuldienst be­urlaubt und konnte den vom Goethe-Institut (München und Berlin) organisierten Lehrgang für ausländische Deutschlehrer besuchen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Der Deutschunterricht wurde 1956 an den ägyptischen Oberschulen eingeführt. 1958 wurde die erste Gruppe ägyptischer Oberschullehrer, darunter Moustafa Maher, nach München geschickt, um dort den Lehrgang für ausländische Deutschlehrer zu absolvieren. (vgl. Maher/Ule 1979: 16)</span> In nur 20 Monaten, von Januar 1960 bis August 1961, hat sich Naguib gründliche Kenntnisse des Deutschen angeeignet. Davon zeugen sowohl die Gesamtnote „sehr gut“ auf seinem Sprachlehrerdiplom als auch der Abschlussbericht der Prü­fungskommission, die ihn zum Promotionsstudium ermunterte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Herr Nagib [= Naguib] überragt alle seine Kollegen durch sein Interesse für deutsche Literatur und Kultur und durch seine Fähigkeit, deren Gegenstände in geisteswissen­schaftlichen Kategorien zu erfassen. Er hat sich in relativ kurzer Zeit nicht nur eine ungewöhnliche Kenntnis der deutschen Literatur angeeignet, sondern zugleich ein be­merkenswertes Vermögen entwickelt, seine Einsichten in der dafür angemessenen Spra­che zu formulieren. So fiele ihm die Anfertigung einer Dissertation über ein deutsches literaturwissenschaftliches Thema leichter als allen übrigen; und wenn es darum ginge, jemand [sic!] zu finden, der seinen Landsleuten die modernen deutschen Auffassungen von Literatur und dem Umgang mit literarischen Werken vermittelt, so wäre er zwei­fellos der geeignete Mann dafür. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Eine weitere Beurlaubung lehnte die ägyptische Schulbehörde jedoch ab. Naguib schied da­raufhin aus dem Schuldienst aus und kehrte auf eigene Faust nach West-Berlin zurück, um an der Freien Universität über ein germanistisches Thema zu promovieren. Dort studierte er vom Winter­semester 1962/63 bis zum Sommersemester 1968 Germanistik, Arabistik und Anglistik. Nach Abschluss des Promotionsstudiums immatrikulierte er sich im Sommersemester 1970 für das Fach Soziologie und begründete seinen Fachwechsel handschriftlich wie folgt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Meiner bisherigen literarischen Ausrichtung stehe ich heute äußerst kritisch gegenüber. Für meine Tätigkeit auf dem Gebiet der vergleichenden [sic!] Literaturwissenschaft brauche ich ausreichende Kenntnis soziologischer Fragen und Problemstellungen. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Die Beherrschung des Deutschen, die ihn später zum Übersetzen literarischer Werke in die Fremdsprache qualifizieren sollte, wurde ihm bereits in den ersten Semestern seines Promotionsstudiums mehrfach bescheinigt. In den Auswahlprüfungen, die er ab 1963 Semester für Semester ablegen musste, um von der FU Berlin ein Stipendium und den Erlass der Studienge­bühren zu erhalten, wurden seine Deutschkenntnisse – wie die Protokollformulare festhalten – stets mit der höchsten Bewertung „gut“ versehen; im Protokoll vom 26. Feb­ruar 1964 wurde sogar „sehr“ handschriftlich hinzugefügt. Auch einer seiner akademischen Lehrer, der Germanist Lothar Markschies, bescheinigte ihm bereits nach dem ersten Semester, die deutsche Sprache in Wort und Schrift auf nahezu muttersprachlichem Niveau zu beherr­schen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Herr Nagi Naguib hat im WS 1962/1963 mein Proseminar „Cl. Brentano“ mit Erfolg besucht. Er beteiligte sich häufig am Seminargespräch und bewies hierbei die Fähig­keit, sich über ein Problem selbständig und im Zusammenhang zu äußern. Offensicht­lich kennt er keine Ausdrucksschwierigkeiten im Deutschen und beherrscht die Sprache soweit, daß er seine Aussagen mühelos übersetzen kann. Das gleiche gilt für seine schriftliche Leistung. Ihr ist weder der Sache nach noch in der Darbietung anzumerken, daß sie von einem Ausländer erbracht wurde. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Nicht nur im Fach Germanistik, sondern auch im Fach Arabistik, das Naguib an der damaligen islamkundlichen Sektion des Religionswissenschaftlichen Instituts belegte, konnte er gute Leistungen vorweisen. Eine davon bestand in der Übersetzung altara­bischer Gedichte ins Deutsche, was laut einer Bescheinigung vom 19. Juli 1963 (Prof. Walther Braune) als Ersatz für das gemäß Promotionsordnung verlangte Latinum galt.</p>



<p></p>



<p>2</p>



<p>Nach Annahme seiner Dissertation <em>Studien zu den Romanen Robert Walsers</em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="17"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup17">17</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="17">Die Dissertation ist 1970 unter dem Titel <em>Robert Walser. Entwurf einer Bewußtseinsstruktur</em> im Münchener Verlag Fink erschienen. In der biographischen Notiz auf den Internetseiten des Unionsverlags ist daher vermutlich der Erscheinungsort der Dissertation mit dem Ort der Promotion verwechselt worden (Stand 3. April 2024). </span>legte Naguib am 9. Juli 1968 die Doktorprüfung in den Fächern Germanistik und Arabistik mit dem Gesamtprä­dikat „magna cum laude“ ab. <span class="oes-note oes-popup" data-fn="18"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup18">18</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="18">Die Prüfungskommission bestand aus Eberhard Lämmert (Hauptreferat), Wilhelm Emrich (Korreferat), Eduard Neumann, Rudolf Macuch und Peter Szondi. (Vgl. FU Berlin UA: StudA-A, 2556).</span> Dass sich der promovierte Germanist nicht der Vermittlung deutschsprachiger Literatur ins Arabische, sondern der Vermittlung moderner arabischer Lite­ratur ins Deutsche widmete, ist auf mehrere Umstände zurückzuführen: Zum einen entschied er sich, nach der Promotion in der Bundesrepublik zu bleiben und nicht in seine Hei­mat zurückzukehren oder in ein anderes arabisches Land zu gehen; in Frage kamen – wie seine Bewerbungsunterlagen andeuten – unter anderem Libyen und der Libanon. Zum anderen mangelte es im deutschsprachigen Raum an Übersetzungen und Übersetzern moderner arabischer Literatur. Die ohnehin sehr begrenzte Auswahl moderner arabischer Literatur in deutscher Spra­che wurde überwiegend aus den Relaissprachen Englisch und Französisch übersetzt (vgl. Ma­her/Ule 1979). Ein offensichtlich entscheidender Faktor war der Umstand, dass der Abschluss von Naguibs Promotion mit der Rückkehr von Fritz Steppat aus Beirut 1968 und seiner an­schließenden Berufung als Ordinarius für Islamwissenschaft an die FU Berlin zusammenfiel.</p>



<p>Steppat, der als Wegbereiter der modernen multidisziplinären Orientforschung gilt (Reichmuth 2006: 4), setzte – laut einem unbetitelten und undatierten 11 Typoskriptseiten umfassenden Dokument<span class="oes-note oes-popup" data-fn="19"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup19">19</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="19">Das Dokument befindet sich im Nachlass von Nagi Naguib. Die darin aufgelisteten Publikationen lassen vermuten, dass es Mitte der 1970er Jahre entstanden sein muss.</span> &nbsp;– vier Schwerpunkte, die Lehre und Forschung am Institut für Islamwissen­schaft profilieren sollten. In diesem Rahmen sollten die islamisch geprägten Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens aus soziologischer, geschichtswissenschaftlicher, literaturwissen­schaftlicher und rechtswissenschaftlicher Perspektive erforscht werden. Zu jedem Schwerpunkt wurden laufende Forschungsprojekte vorgestellt und entsprechende Publikationen aufgelistet. Am Schwerpunkt „Funktionen und Formen moderner arabischer und türkischer Literatur“ war Naguib mit einem Habilitationsprojekt zum Thema „Literaturtheorie am Beispiel Ägyptens“ beteiligt. Bemerkenswert ist, dass zu den Publikationen des Schwerpunkts nicht nur wissen­schaftliche Aufsätze Naguibs u.&nbsp;a. über die ägyptischen Schriftsteller Nagib Machfus und Ab­dalhakim Kassem gehörten, sondern auch eine Anthologie zeitgenössischer ägyptischer Erzäh­lungen, die Naguib übersetzt hat und im Peter Hammer Verlag erscheinen sollte. Dies zeigt nicht nur die Offenheit der Forschungspraxis am Institut für Islamwissenschaft gegenüber Übersetzungen, sondern deutet auch auf die Verschränkung von literaturwissenschaftlichem und translatorischem Handeln bei Naguib hin. In der Anthologie, die erst 1980 nicht im Peter Hammer Verlag, sondern im Berliner Verlag Der Olivenbaum erscheinen sollte, sind junge Stimmen der ägyptischen Erzählliteratur der 1960er Jahre vertreten, über die Naguib nicht nur forschte, sondern ab dem Wintersemester 1971/72 auch Seminare und Übungen hielt, zunächst im Rah­men einer Qualifizierungsstelle von 1970 bis 1975, später im Rahmen von Lehraufträgen bis zu seinem Tod im Sommersemester 1987.</p>



<p>Während die moderne arabische Literatur am Institut für Islamwissenschaft der FU Berlin zum festen Bestandteil von Forschung und Lehre wurde, tat sich der westdeutsche Literaturbetrieb mit ebendieser Literatur schwer. Bis Ende der 1970er Jahre ließen sich die Übersetzungen moderner arabischer Literatur in der BRD an einer Hand abzählen: Maher und Ule (1979) listen zwei Buchübersetzungen in der BRD auf. Durch eigene Recherchen konnten zwei weitere Buchüber­setzungen (Verlag Der Olivenbaum 1978, 1979) ermittelt werden. Erst nach der Gründung des Verlags Edition Orient auf Initiative von Naguib 1980 in West-Berlin kam es allmählich zu einem quanti­tativen Anstieg deutscher Übersetzungen moderner arabischer Literatur. Dazu hat Naguib als Übersetzer bzw. Herausgeber mit sieben Büchern und als Verleger mit zwei weiteren von ihm nicht übersetzten Büchern bei­getragen. Das heißt: In den Jahren 1980 bis 1986 wurde in der Edition Orient unter der Feder­führung von Naguib mehr arabische Literatur in deutscher Übersetzung herausgebracht als in den zwei Jahrzehnten zuvor in der BRD und fast so viel wie in der DDR, wo bis 1978 acht Buchübersetzungen (vgl. ebd.) und 1980 der erste Nagib Machfus-Roman (<em>Der Dieb und die Hunde</em>) in der Übersetzung von Doris Erpenbeck (= Doris Kilias) erschienen waren. Doch wie kam Naguib auf die Idee, einen Verlag zu gründen, der sich die Verbreitung moderner ara­bischer Literatur im deutschsprachigen Raum auf die Fahnen schrieb?</p>



<p>Eine Antwort darauf lässt sich an einer umfangreichen Korrespondenz erahnen, die Naguib von 1969 bis 1976 geführt hatte. Daraus geht hervor, dass er mehrere Anläufe startete, auch mit Hilfe von Kontakten aus seinem weit verzweigten Netzwerk (Schriftsteller, Publizisten, Diplo­maten, Orientalisten), um zwei Herzensprojekte bei einem deutschsprachigen Verlag unterzu­bringen: Eine Anthologie zeitgenössischer Autoren aus dem Ägypten der 1960er Jahre, die erst 1980 unter dem Titel <em>Farahats Republik</em> im Berliner Verlag Der Olivenbaum erscheinen wird, sowie Nagib Machfus’Roman, der ab den 1980er Jahren in mehreren Ausgaben vorliegt: unter dem Titel <em>Hausboot am Nil</em> in der Edition Orient (1982), bei Volk und Welt (Lizenzausgabe 1985), Suhrkamp (Lizenzausgabe 2004) und unter dem Titel <em>Geschwätz auf dem Nil</em> in der zwei­sprachigen Reihe der Edition Orient (2009, 2017). Damit ist <em>Der Dieb und die Hunde</em> zwar der erste auf Deutsch veröffentlichte Machfus-Roman, aber dieser erste <em>übersetzte</em> Roman musste gut 12 Jahre auf einen Verlag warten.</p>



<p>Zu den Verlagen, denen Naguib beide Übersetzungsprojekte angeboten hatte oder anbieten ließ, gehörten Universitas (West-Berlin), Manesse, Wagenbach, Hanser, S. Fischer (Fischer Büche­rei/Fischer Taschenbuch), Jakob Hegner, Rowohlt, Luchterhand, Suhrkamp, C. Bertelsmann, Diogenes, Peter Hammer. Doch keiner dieser Verlage konnte sich letztlich entschließen, den bis dahin im deutschsprachigen Raum (völlig) unbekannten Nobelpreisträger von 1988 oder Er­zählungen junger zeitgenössischer Autoren aus dem Ägypten der 1960er Jahre zu veröffentli­chen. Es gab &#8211; wie die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, die die Anthologie als Manuskript kannte und sich für deren Veröffentlichung einsetzte, in einem Brief am 28. Oktober 1971 an Naguib schrieb – „keinerlei Qualitätszweifel“, weder an der Übersetzung als sol­cher noch an den ausgewählten Erzählungen bzw. Kurzgeschichten. Sie tröstete Naguib damit, dass sie auch von anderen ausländischen Autoren Klagen höre. Dass es nicht nur arabische, sondern überhaupt unbekannte fremdsprachige Autoren schwer hatten, auf dem bundes­deutschen Buchmarkt Fuß zu fassen, bestätigt auch Dieter E. Zimmer in der <em>Zeit</em> vom 5. März 1976:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Entdeckungslust der frühen Nachkriegsjahre ist dahin. Das Interesse ist erstarrt. Es richtet sich auf bestimmte Länder, während andere Kulturen immer weiter an den Rand unseres Gesichtsfelds rücken; auf bestimmte eingeführte Namen; auf bestimmte Ver­mittlungsformen. (Zimmer, zit. nach: Grössel 1976: 481)</p>
</blockquote>



<p>Folgt man dem Übersetzer Hanns Grössel, der von einem „Zustand eines literarischen Provin­zialismus“, der in den späten 1960er Jahren nach einer „außerordentlich rege[n] Übersetzungs- und Publikationstätigkeit [der Nachkriegszeit]“ (ebd.: 481) einsetzte, so ist das De­sinteresse an unbekannter fremdsprachiger Literatur in erster Linie auf öko­nomische Überlegungen zurück­zuführen. Die großen Verlage werden zur Rationalisierung „ohne Rücksicht auf die literarische Relevanz dessen, was dabei wegrationalisiert wird“ (ebd.: 487) gezwungen. Deutlich lassen sich solche Überlegungen an einer Absage des Fischer Taschen­buch Verlags am 7. Juni 1973 ablesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wir haben es mit viel Neugier und Interesse gelesen, für eine Veröffentlichung haben wir uns jedoch letztendlich nicht entschließen können. Denn wenn einige Texte sehr stark und überzeugend sind, bleiben andere zu fremd, um das Ge­schilderte oder Medi­tierte in der Vorstellung nachvollziehen zu können. Mit ausschlaggebend bei unseren Überlegungen war darüber hinaus, daß kein rechter Aufhänger für diese Anthologie zu finden ist, kein aktueller Bezug, keine Möglichkeit der Beziehung und Anreiz schaf­fenden Präsentation, die immerhin so attraktiv sein müßte, daß minimal ein Leserkreis von 20000 Inte­ressenten gewonnen werden kann. Vielleicht nehmen Sie auch Kontakt mit dem Erdmann Verlag auf, der sich ja ein wenig spezialisiert hat auf Erzählungen aus aller Welt.</p>
</blockquote>



<p>Nicht nur Fischer Taschenbuch, sondern auch nahezu alle großen Verlage, denen Naguib seine Übersetzungsprojekte anbot, verwiesen auf den staatlich geförderten Erdmann Verlag. Mit dem Verleger Horst Erdmann hatte Naguib – auf Anraten von Fritz Steppat – bereits im Mai 1969 Kontakt aufgenommen. Obgleich Naguib von Beginn an – wie man u. a. an seiner Korrespon­denz mit Ingeborg Drewitz ablesen kann – wegen der unzulänglichen Kommunikation und fehlen­den Expertise des Verlages äußerst unzufrieden war, ließ er sich zu einer Zusammenarbeit überreden. Angeboten hat er u. a. seine bereits abgeschlossenen Übersetzungsprojekte (<em>Geschwätz auf dem Nil</em> und <em>Farahats Republik</em>) und einen weiteren Machfus-Roman, der erst 1990 unter dem Titel <em>Kinder unseres Viertels</em> in der Übersetzung von Doris Kilias im Schweizer Unions­verlag erscheinen sollte. Im Gespräch waren darüber hinaus Autoren, die später in der zwei­sprachigen Reihe der Edition Orient mit Naguib als Übersetzer und/oder Herausgeber erschei­nen werden. Der Kontakt brach jedoch nach einem Zerwürfnis im Jahr 1973 endgültig ab, als Naguib den Verdacht hegte, er würde um seine konzeptionelle und übersetzerische Arbeit an der Anthologie gebracht.</p>



<p>Auch mit kleineren engagierten Verlagen waren beide Übersetzungsprojekte nicht zu realisie­ren. Der Kölner Verlag Jakob Hegner beispielsweise begründete seine Absage mit der starken Reduzierung des belletristischen Programms (Brief am 2. September 1972). Der Peter Hammer Ver­lag, der durchaus geneigt war, die Anthologie zu veröffentlichen, konnte eine Publikation nur mit einer (staatlichen) Förderung stemmen, weil „literarische Sammlungen und Anthologien auf dem bundesrepublikanischen Markt sehr geringe Chancen haben. Selbst bei angelegter Wer­bung ist der Erfolg gering“, so der Verleger Hermann Schulz in einem Brief am 7. Februar 1974. Naguibs diesbezügliche Bemühungen schlugen jedoch fehl: Weder die Mission der Liga der arabischen Staaten noch die Studienmission der Arabischen Republik Ägypten in Bonn wa­ren bereit, eine Garantieabnahme zu vereinbaren, das heißt, 300 bis 400 Exemplare aufzukaufen.</p>



<p>Es dauerte gut zehn Jahre, bis Naguib die Anthologie bei einem Verlag unterbringen konnte. Doch <em>Farahats Republik</em> war das dritte und letzte Buch, das 1980 der Berliner Verlag Der Oli­venbaum herausbrachte. Erst dann muss Naguib klar geworden sein, dass ohne einen eigenen Verlag die arabische Literatur kaum Chancen auf dem bundesdeutschen Buchmarkt haben würde. Mit der Gründung der Edition Orient erweiterte sich die Vermittlungstätigkeit Naguibs um die des Verlegers. Er war somit Übersetzer, Herausgeber und Verleger moderner arabischer Literatur in Personalunion.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="20"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup20">20</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="20">Hinzu kam auch die Rolle des Lektors, die in der Verlagskorrespondenz angedeutet und im Band 4 der zweisprachigen Reihe ausgewiesen ist. </span>Diese Rollen waren eng verzahnt mit seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit an der FU Berlin. Besonders deutlich wird dies am ersten Buch, das in der Edition Orient erschienen ist: <em>Die Öllampe der Umm Haschim</em> von Yahya Hakki.</p>



<p></p>



<p>3</p>



<p>Die Idee, einen Klassiker der modernen arabischen Literatur aus Ägypten zu übersetzen und zweisprachig herauszugeben, geht laut der Widmung der ersten Ausgabe von 1981 auf eine Gastprofessur Hakkis im Sommersemester 1979 am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin zurück.<em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="21"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup21">21</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="21"> </span></em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="22"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup22">22</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="22">„Die Idee zu diesem Band ist während des Aufenthalts von Yahya Hakki im Sommersemester 1979 in Berlin als Gastprofessor am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin entstanden. Er ist dem Autor, Prof. Dr. Fritz Steppat und den Teilnehmern der Veranstaltung von Yahya Hakki gewidmet.“ (Naguib 1980: 5) </span>Eingeladen wurde Hakki (1905–1992), wie es im Antrag vom 29. November 1978 an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) heißt, nicht nur wegen seiner heraus­ragenden Bedeutung als Schriftsteller in der modernen arabischen Literatur, sondern auch in seiner Funktion als Literaturkritiker, der wichtige Ämter im [staatlich gelenkten] Kultur- und Literaturbetrieb Ägyptens der 1950er und 1960er Jahre innehatte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="23"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup23">23</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="23">Eine literatursoziologische Analyse des Literaturbetriebs im postrevolutionären Ägypten ab 1952 liefert Jacquemond (2003).</span> Das Programm der Gastprofessur umfasste die Beteiligung an der Lehre und Forschung im Rahmen des oben genannten, im Aufbau befindlichen Lehr- und Forschungsschwerpunkts zur modernen arabischen Literatur. So bot Hakki – laut dem Abschlussbericht vom 1. August 1979 an die DFG – zusammen mit Naguib und Steppat eine auf Deutsch, Englisch und Arabisch abgehaltene Lehrveranstaltung mit dem Titel „Einführung in die moderne arabische Literatur“ für alle Stu­dierenden an. Parallel dazu wurde eine Übung angeboten, in der Steppat mit Studienanfängern einzelne literarische Texte in Übersetzung las, und eine zweite, in der Hakki mit fortgeschritte­nen Studierenden eine seiner Erzählungen im Original las und unter inhaltlichen und formalen Gesichtspunkten erörterte. Darüber hinaus stand Hakki für Fachgespräche mit Forschenden zur Verfügung, z. B. Naguib, der mit Hakki in „zahlreichen Zusammenkünften“ sein ebenfalls von der DFG gefördertes Habilitationsprojekt erörterte, so der bereits erwähnte Abschlussbericht. Aus dem Habilitationsprojekt, das unvollendet blieb, sind mehrere Beiträge in deutscher und meh­rere – mittlerweile vergriffene – Monographien in arabischer Sprache hervorgegangen, die un­ter arabischsprachigen Literaturkritikern und -interessierten bis heute als Geheimtipp gehandelt werden.</p>



<p>Das Beispiel Hakkis zeigt nicht nur, dass literaturwissenschaftlich-akademische Interessen Naguibs Übersetzungen motivierten, sondern auch, dass beide Tätigkeiten unterschiedlichen Logiken folgten. Denn obwohl Hakki Naguib während der Gastprofessur die Übersetzungsrechte an seinem Gesamtwerk schriftlich übertragen hatte, übersetzte Naguib lediglich einen Romanauszug, der unter dem Titel „Gestern und heute“ in der Anthologie <em>Farahats Republik</em> erschienen ist, und eine Erzählung Hakkis (<em>Die Öllampe der Umm Haschim</em>), um die es wohl im Abschlussbericht an die DFG ging. Aus dem wissenschaftlichen Interesse ist hingegen eine Monographie entstanden, die die sozialen, historischen und ökonomischen Voraussetzungen von Hakkis Gesamtwerk herausarbeitet und in den Kontext seiner Schriftstellergeneration im Ägypten der 1920er und 1930er Jahre einbettet (vgl. Naguib 1985). Das trifft ebenfalls auf Autoren und Werke aus dem 19. Jahrhundert zu, die Naguib im Rahmen seines Habilitations­projekts zur Sozialgeschichte moderner arabischer Literatur aus Ägypten erforschte, aber nicht übersetzte. Naguib scheint früh erkannt zu haben, dass sich nicht alles, was aus literaturwissenschaftlicher Sicht interessant ist, auch für das Übersetzen ins Deutsche eignet.</p>



<p>Zu den Auswahl­kriterien der von ihm übersetzten, herausgegebenen oder verlegten Bücher äußerte sich Naguib in einem Interview mit der ägyptischen Zeitung <em>al-Qahira</em> (Kairo) vom 4. Februar 1986: Er versuche – bei aller Subjektivität – Namen auszuwählen, die als Aushängeschild für die ara­bische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt dienen könnten, z. B. Naguib Machfus, Yusuf Idris oder Saadallah Wannous. Die Bekanntheit oder Beliebtheit eines Autors oder eines Werks in der arabischen Welt sei keine Garantie für einen Erfolg im deutschsprachigen Raum. Ein Werk müsse auch Eigenheiten aufweisen, die sich mit den sprachlich-ästhetischen Mitteln der Zielsprache vermitteln ließen; neoklassizistische Werke mit wenig Gehalt, die nur von den Ma­ximen der klassischen Rhetorik lebten, seien nicht für das Übersetzen geeignet. (Ali 1986: 41) Eine persönliche Präferenz, die Naguib im Interview nicht verrät, die sich jedoch bei der Betrachtung seines translatorischen Œuvres feststellen lässt, ist seine Neigung (als Überset­zer) zur Kurzprosa, den Machfus-Roman ausgenommen, zum Drama sowie zur Lyrik, die er in einer Anthologie einem größeren deutschen Lesepublikum vorstellen wollte – eines der vielen Projekte, die er vor seinem frühen Tod nicht mehr vollenden konnte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="24"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup24">24</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="24">Einzelne Gedichtübersetzungen wurden in der von Walter Höllerer herausgegebenen Zeitschrift <em>Sprache im technischen Zeitalter</em> (Nr. 96/1985) veröffentlicht.</span></p>



<p>Nicht nur das <em>Was</em> des translatorischen Œuvres folgte einer von den akademischen Interessen unabhängigen Logik, sondern auch das <em>Wie</em>. Dass Hakkis <em>Die Öllampe der Umm Haschim</em> in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen ist, mag den Eindruck erwecken, dass es sich hierbei um eine philologische, nur oder primär an Arabischlernende gerichtete Übersetzung handele. Diesen Eindruck verstärkt ein umfangreicher Anmerkungsapparat, der einzelne, insbesondere in den Dialogen vorkommende Erscheinungen des ägyptischen Dialekts erläutert. Gleichwohl betont der verlegerische Peritext, dass die Übersetzung auch für Leser ge­dacht sei, die einfach nur den deutschen Text lesen wollen (vgl. Hakki 1981: 144). In diese Richtung weist auch eine Rezension von 1982. Der Orientalist und Koranübersetzer Hartmut Bobzin kommt nach einem stichprobenartigen Ver­gleich zwischen Naguibs Übersetzung und der zuvor in der DDR in einem Sammelband er­schienenen Übersetzung von Wiebke Walther zu dem Urteil, dass Naguibs „Übersetzung insgesamt gesehen recht flüssig zu lesen, flüssiger sicher als diejenige von Walther, durch die wesent­lich öfter das arabische Gewand hindurchscheint“ (Bobzin 1982: 95). Trotz eines positiven Ge­samturteils über Auswahl, Zweisprachigkeit und Aufmachung des Bandes sowie über die Über­setzung insgesamt bemängelt Bobzin in seiner in der <em>Zeitschrift für Arabische Linguistik</em> veröffentlichten Rezension Ungenauigkeiten und Glättungen und führt dafür Beispiele an, die einzelne Vokabeln und Phrasen betreffen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Abgesehen davon, daß die Wörter von al-mubtalīn bis bayān nicht übersetzt sind, ver­wundert die Übersetzung von &#8218;akṯar ruǧūlatan mit &#8222;aufrechter&#8220;: warum nicht &#8222;männli­cher&#8220;? Naǧāba heißt nicht &#8222;Intelligenz&#8220;, sondern &#8222;Vornehmheit, Adel&#8220;, was einen ganz anderen Sinn ergibt! Ungenau ist aber auch die Übersetzung von &#8218;aqwam lisānan wa-&#8218;afṣaḥ nutqan, denn dies besagt m.&nbsp;E., daß er das (Hoch-)Arabische sowohl besser spricht (im Sinne der Sprachbeherrschung) als auch ausspricht. Diese wenigen Bei­spiele mögen ausreichen, um zu zeigen, daß die Übersetzung nicht immer genau genug ist. (ebd.: 95)</p>
</blockquote>



<p>In den relativ umfangreichen Nachworten zu den von ihm übersetzten oder herausgegebenen Büchern hat sich Naguib nicht zum <em>Wie</em> des Übersetzens geäußert. Wie gründlich er sich mit den Ausgangstexten befasst hat, lässt sich an der Korrespondenz mit den Autoren erkennen, mit denen er u. a. übersetzungsbezogene Fragen zur Lexik und Syntax der arabischen Texte diskutierte. Daraus lässt sich auch schließen, dass hinter Naguibs übersetzerischen Entschei­dungen andere Überlegungen standen als die wörterbuchmäßigen Entsprechungen, die dem Re­zensenten vorschwebten.</p>



<p>Naguib ließ sich auf Texte ein, von deren literarischer Qualität er überzeugt war. Als Literatur­übersetzer war er auch fast immer sein eigener Auftraggeber.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="25"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup25">25</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="25">Eine Ausnahme dürfte die Kurzgeschichte <em>Der Gaukler hat den Teller geraubt </em>von Nagib Machfus sein, die Naguib im Auftrag des <em>ZEIT</em>-Redakteurs Dieter E. Zimmer übersetzte und die am 5. Dezember 1980 im <em>ZEITmagazin</em> Nr. 50 veröffentlicht wurde. Naguib hatte allerdings bereits im Sommer 1969 die <em>ZEIT</em>-Redaktion auf Machfus aufmerksam gemacht. Der Feuilletonchef Rudolf Walter Leonhardt fand Machfus’ Erzählung <em>Anbar Lulu</em> in Naguibs Übersetzung, die der <em>Akzente</em>-Herausgeber Hans Bender zuvor der Länge wegen abgelehnt hatte (Brief vom 7. Juni 1969), „so vorzüglich wie aufschlußreich“ (Brief vom 13. Juni 1969) und ließ sie in der <em>ZEIT </em>Nr. 47/1969 abdrucken. </span>Nichtsdestotrotz war er als Frei­berufler auf mehrere Einnahmequellen angewiesen. So war er als vereidigter Übersetzer und Dolmetscher tätig und übersetzte auch Fach- und Gebrauchstexte. Diese Arbeit dürfte jedoch nur einen geringen Teil seiner beruflichen Tätigkeit ausgemacht haben. Einen beträchtlichen Teil machte hin­gegen sein Engagement für <em>Fikrun wa Fann</em> (<em>Kunst und Gedanke</em>) aus. Für die staatlich geförderte Kulturzeit­schrift für den Dialog mit der islamischen Welt begann Naguib Ende 1971 als Übersetzer (ins Arabische) zu arbeiten. Dass seine Mitwirkung an <em>Fikrun wa Fann</em> nicht irgendein Brotjob war, lässt sich an der Korrespondenz mit den Herausgebern Annemarie Schimmel und Albert Theile ab­lesen. Schon früh hatte Naguib versucht, mit eigenen Ideen die eher konservativ ausgerichtete Kulturzeitschrift moderner zu gestalten. Eine Neuausrichtung gelang ihm jedoch erst nach dem Ausscheiden von Theile und Schimmel im Jahr 1982. Naguib übernahm zusammen mit der Turkologin Erdmute Heller die Redaktion der Zeitschrift, die bis dahin – laut einem Gutachten eines arabischen Lesers aus Tunesien – wegen des historisch-akademischen Gehalts vieler Beiträge als „Museumindex“ über den Orient gewirkt hatte (Schreiben der Botschaft der BRD Tunis vom 21. September 1983). Unter Naguib und Heller bekam die Zeitschrift – wie Stefan Weidner prägnant resümiert – ein neues modernes Gesicht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Suddenly the names of leading cultural figures began to appear in the journal, people who would not have been included under Schimmel and Theile. Contributors included the philosophers Michel Foucault, Martin Heidegger and Jürgen Habermas, writers Günter Grass and Hans Magnus Enzensberger, literary critic Marcel Reich-Ranicki, film-makers Volker Schlöndorff and Margarethe von Trotta, artist Joseph Beuys, con­temporary Arab novelists such as Tayyib Salih and Yahyia Hakki, and a completely new generation of writers like Mohammed Bennis or Mohammed al-Ghuzzi – personalities who really determined contemporary intellectual life in Germany and the Islamic world. The classical Orientalist picture of the Arab world, which had previously shaped the journal, was suddenly subjected to friendly criticism. (Weidner 2013: 56)</p>
</blockquote>



<p>Bereits an einigen Namen, die Weidner anführt, ist die Verbindung zu Naguibs translatorischem Handeln erkennbar: Nicht nur Hakki, sondern auch der Sudanese Salih wurde mit einer Novelle in der zweisprachigen Reihe der Edition Orient dem deutschsprachigen Lesepublikum vorge­stellt. Auch der Name von Hans Magnus Enzensberger, den Naguib im Februar/März 1971 bei einem Besuch arabischer Schriftsteller in West-Berlin kennenlernte, weist auf eine weitere Facette von Naguibs Engagement für die moderne arabische Literatur hin.</p>



<p>Naguibs translatorisches Handeln ging nämlich über das Übersetzen, Herausgeben und Verle­gen hinaus: Ab den frühen 1970er war er als (Mit)-Initiator, (Mit)-Organisator und Referent an Literaturveranstaltungen beteiligt, die das Interesse an moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum wecken sollten. Über eine dieser Literatur­veranstaltungen berichtete beispielsweise der <em>Tagesspiegel</em> vom 30. Juni 1979. Dort kann man nachlesen, dass die Gastprofessur Hakkis auch außerhalb der FU Berlin ein Echo fand (vgl. Anders 1979). Zur Rolle des Initiators und Organisators bzw. Kurators verhalf Naguib ein Netzwerk von Kontakten im Kultur- und Literatur­betrieb in West-Berlin, Kairo, Wien und Beirut. Zu seinem breit gefächerten Netzwerk, das er sich ab den späten 1960er Jahren aufbaute, gehörten die Evangelische Akademie zu Ber­lin, die die literarisch-kulturelle Arbeit als Teil des interreligiösen Dialogs verstand, der Verband deutscher Schriftsteller, der Berliner Autorenverein Neue Gesellschaft für Literatur, das Berli­ner Künstlerprogramm des DAAD, Kunstverein Wien/Alte Schmiede, das Literarische Collo­quium Berlin und das Goethe-Institut Kairo sowie diverse kulturelle Institutionen und Einrich­tungen in Kairo und Beirut, die Studienmission der Arabischen Republik Ägypten in Bonn, die Mission der Liga der arabischen Staaten in Bonn sowie zahlreiche arabische Schriftsteller und Publizisten.</p>



<p>Zu Naguibs translatorischem Engagement, ein breites Publikum über die moderne arabische Literatur zu informieren, gehörten auch Rundfunkbeiträge, in denen er Autoren mit übersetzten Werkauszügen und erzählenden Rahmentexten vorstellte, z. B. für den Südwestfunk (1976) und den Bayerischen Rundfunk (1985). Flankierend dazu lässt sich seine publizistische Tätigkeit für arabische, insbesondere ägyptische (Kultur)Zeitschriften ausmachen, die er bereits nach Ab­schluss seiner Promotion Ende der 1960er Jahre begonnen und in seinen letzten Lebensjahren intensiv betrieben hat. Durch zahlreiche Beiträge zur arabischen Literatur, die eine eigene Stu­die wert sind, trat Naguib in der Rolle auf, die der Prüfungskommission des Lehrgangs für ausländische Deutschlehrer vorschwebte: Er vermittelte „seinen Landsleuten die modernen deutschen Auffassungen von Literatur und dem Umgang mit literarischen Werken“ (FU Berlin UA: StudA-A, 2556).</p>



<p></p>



<p>4</p>



<p>Die Geschichte des Übersetzens moderner arabischer Literatur ins Deutsche wurde noch nicht gründlich erforscht.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="26"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup26">26</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="26">Eine ältere Bibliographie moderner arabischer Literatur auf Deutsch findet sich in Maher / Ule (1979), zum Übersetzen arabischer Literatur in der DDR vgl. Tawfiq (2020), eine Analyse der neueren Entwicklungstendenzen liefert Hetzl (2021). </span>Das Leben und Werk Nagi Naguibs könnte hierfür Ausgangspunkt sein und Anschauungsmaterial bieten. Es wäre für eine solche Geschichte in dreierlei Hinsicht auf­schlussreich: In translationspolitischer Hinsicht ist Naguibs literarisch-translatorische Vermittlungs­arbeit in einen zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet, der von Spannungen zwischen der damaligen Führungsmacht der arabischen Welt, Ägypten, und der Bundesrepublik Deutsch­land geprägt war. Diese Spannungen standen sowohl im Zeichen des Kalten Krieges, zumal Ägypten unter Nasser (1954-1970) dem Ostblock zugerechnet wurde, als auch im Zei­chen des Nahostkonflikts, der mehrere dramatische Wendungen nahm: Junikrieg (1967), Münchener Attentat (1972), Oktoberkrieg (1973) und die anschließende Ölkrise, aber auch der israelisch-ägyptische Friedensvertrag (1978/79). Wissenschaftspolitisch ist Naguibs translato­risches Handeln mit dem Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin aufs engste verbunden, an dem die deutsche Orientalistik mit einer systematischen Erforschung der modernen arabischen Literatur begann. Naguibs Übersetzungen wurden als Bestandteil der For­schung angesehen. Er war also kein Forscher, der einfach so nebenher übersetzte. Aus literatur­soziologischer Sicht wäre zu untersuchen, ob und inwiefern sich der von Dieter E. Zimmer und Hanns Grössel (1976) konstatierte Rückgang von Übersetzungen fremdsprachiger Literaturen ins Deutsche ab den späten 1960er Jahren erhärten lässt und wie sich dieser ggf. auf die Chancen arabischer Literatur auf dem (west)deutschen Buchmarkt ausgewirkt hat. An Naguibs facettenreichem translatorischem Handeln lässt sich das Zusammenspiel dieser hier nur tentativ angerissenen politischen, wissenschaftsinstitutionellen und ökonomischen Rahmenbedingungen studieren, die für den Import moderner arabischer Literatur in den deutschsprachigen Raum ausschlaggebend waren (und wohl immer noch sind). Sein Leben und Werk ließe sich deshalb als ein noch zu schreibendes Kapitel deutsch-arabischer Kultur- und Translationsgeschichte le­sen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kannegießer, Karl Friedrich Ludwig</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/kannegiesser-karl-ludwig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Feb 2024 04:16:17 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009616</guid>

					<description><![CDATA[Karl Friedrich Ludwig Kannegießer wurde am 9. Mai 1781 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Wendemark bei Werben in der Altmark geboren. In Seehausen, Stendal und Berlin (Gymnasium zum grauen Kloster) besuchte er die Schule. In welchen Fremdsprachen er dort unterrichtet wurde, ist noch zu klären. 1802 begann er in Halle Theologie und Philosophie zu [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Karl Friedrich Ludwig Kannegießer wurde am 9. Mai 1781 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Wendemark bei Werben in der Altmark geboren. In Seehausen, Stendal und Berlin (Gymnasium zum grauen Kloster) besuchte er die Schule. In welchen Fremdsprachen er dort unterrichtet wurde, ist noch zu klären. 1802 begann er in Halle Theologie und Philosophie zu studieren. Schon damals soll ihn die „Lectüre des Dante lebhaft angezogen“ haben (Palm 1882: 78). Nach einer kurzen Zeit (1806) als Privatier in Weimar („zu der Zeit, als Schiller starb, [ich] trug diesen mit zu Grabe“<span class="oes-note oes-popup" data-fn="6"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup6">6</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="6">Undatierter handschriftlicher Lebenslauf von Kannegießer in der Autographensammlung Kestner der Universitätsbibliothek Leipzig, Signatur: Slg. Kestner/II/A/IV/1052/Nr. 1, Mappe 1052, Blatt Nr. 1</span>) und Lauchstädt wurde er 1807 Lehrer und blieb es durch 36 Jahre bis zur Pensionierung 1843. Seine Lehramtslaufbahn begann am Schindlerschen Waisenhaus in Berlin; 1811 wurde er Prorektor, 1814 Rektor des Prenzlauer Gymnasiums, 1822 Direktor und Professor des evangelischen Friedrichs-Gymnasiums in Breslau. An der Breslauer Universität hatte er zudem ab 1823 eine Dozentur für Neuere Literatur inne und habilitierte sich dort mit der lateinischen Schrift <em>De verbis impersonalibus</em>. Ab 1843 lebte er wieder in Berlin, wo er am 14. September 1864 starb.</p>



<p>Neben seinem Schulamt und seinen Pflichten als Ehemann von Jenny du Four (verstorben 1870) und Vater von sechs Kindern hat Kannegießer Zeit und Muße gefunden für erstaunlich umfangreiche literarische Aktivitäten. Dazu gehören seine <em>&nbsp;Italiänische Grammatik nebst Lesebuch und Wörterverzeichniß für Anfänger und Anfängerinnen </em>(Breslau 1836), Aufsätze über Goethes <em>Harzreise im Winter</em> (Prenzlau 1820) und dessen Lyrik generell (Breslau 1835) sowie eigene Dichtungen: Schicksals- und Geschichtsdramen, Trauerspiele, Terzinen. Von diesen Werken hieß es allerdings schon wenige Jahre nach seinem Tod, dass sie „auf keine höhere Bedeutung Anspruch machen können“ (Palm 1882: 79). Gilt also für Kannegießer die herablassende Formel vom Übersetzer, der auch selber schreibt? Das zumindest legt das <em>Brockhaus</em>-Biogramm von 1894 nahe, das keinen einzigen Titel seiner Originaldichtungen nennt, dann aber im Anschluss an den Satz „K[annegießer] ist hauptsächlich als Übersetzer bekannt“ eine lange Liste mit Namen von Autoren und Werken bringt, die in seinen deutschen Versionen zwischen 1808 und 1873 erschienen sind.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[Auf die] Übertragung von Beaumonts und Fletchers <em>Dramat[ischen] Werken</em> (2 Bde., Berl. 1808) folgten Dantes <em>Göttliche Komödie</em> (5. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1873) und dessen <em>Lyrische Gedichte</em> (2. Aufl., 2 Bde., ebd. 1842), die er mit K. Witte und W. von Lindemann bearbeitete, die Oden des Horaz (Prenzl. 1821), des Anakreon und der Sappho (ebd. 1827), ferner Übersetzungen von Chaucer, Byron, Frau von Staël, Leopardi, Silvio Pellico, Scott, Mickiewicz u. a. sowie aus dem Provençalischen <em>Gedichte der Troubadours</em> (2. Aufl. Tüb. 1855). (Brockhaus 1894: 95)</p>
</blockquote>



<p>Setzt man für das „u.&nbsp;a.“ im Brockhaus die Namen Erik Johan Stagnelius und Hans Christian Oersted ein, so hat man die neun Sprachen beisammen, aus denen Kannegießer Höhenkammtexte übersetzt und veröffentlicht hat: Altgriechisch, Latein, Italienisch, Provenzalisch, Französisch, Englisch, Polnisch, Dänisch und Schwedisch, wobei die aus dem Mittellateinischen und Mittelenglischen ins Deutsche gebrachten Texte nicht mitgezählt sind. Die zeitliche Streuung des von ihm Übersetzten ist neben der Sprachenvielfalt ebenfalls beeindruckend: Sie reicht von den ältesten in Europa überlieferten literarischen Texten (Homer, Sappho) über Dichtungen des Mittelalters (Troubadour-Lyrik) bis zu populären zeitgenössischen Werken wie Walter Scotts <em>Chronicles of the Canongate</em> (englisch 1826/27; deutsch 1828). Die chronologische Abfolge seiner in Buchform erschienenen Übersetzungen lässt sich am einfachsten – wenn auch keineswegs vollständig – anhand der 15 Einträge in Rössigs verdienstvoller Bibliographie <em>Literaturen der Welt in deutscher Übersetzung</em> (1997) rekonstruieren:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>1808: Francis Beaumont (1584–1616) <em>Die Braut, ein Trauerspiel</em>; 1814: Dante (1265–1321) <em>Die Göttliche Komödie</em>; 1820: Horaz (65–8 v.u.Z.) <em>Oden</em>; 1827: Dante <em>Lyrische Gedichte </em>(italienisch-deutsche Ausgabe); 1827 Chaucer (um 1343–1400) <em>Canterburysche Erzählungen</em>; 1830: Byron<em> Israelische Gesänge</em>; Adam Mickiewicz (1798–1855) <em>Konrad Wallenrod. Geschichtliche Erzählung aus Litthauen und Preussens Vorzeit</em>; Silvio Pellico (1789–1854) <em>Francesca von Rimini</em>; 1835: Pellico <em>Sämtliche Werke in einem Bande</em>; Giacomo Leopardi (1798–1837)<em> Gesänge</em>; 1845: Dante <em>Das Gastmahl</em>; Dante <em>Über die Monarchie</em> (aus dem Mittellateinischen); Dante<em> Über die Volkssprache</em> (aus dem Mittellateinischen); 1851: Erik Johan Stagnelius (1793–1823)<em> Lilien in Saron</em>; Stagnelius <em>Die Bacchantinnen</em>.</p>
</blockquote>



<p>Wolfgang Rössig beschränkt sich in seiner Bibliographie auf literarische Texte in engerem Sinne. Darum dürfte er Kannegießers 1830 in Zwickau in zwei Bänden erschienene Erinnerungen der Baronin von Staël-Holstein <em>Zehn Jahre in der Verbannung</em> unberücksichtigt gelassen haben wie auch die aus dem Dänischen erstellten Übersetzungen der Aufsätze des Naturphilosophen Hans Christian Oersted (Leipzig 1850).</p>



<p>Die meiste Beachtung haben zu Kannegießers Lebzeit wie auch nach seinem Tod seine Dante-Übersetzungen gefunden. Diese Beachtung ergab sich zum einen aus dem mit <a href="https://uelex.de/uebersetzer/schlegel-august-wilhelm/" data-type="uelex_article" data-id="11640">A.W. Schlegels</a> Aufsatz <em>Ueber die göttliche Komödie</em> von 1791 einsetzenden großen Interesse der Romantiker an Dantes Leben und Werk, zum anderen schlicht daraus, dass dieses epochale Werk noch kaum in deutschen Übersetzungen vorlag. Zwar war 1767 eine Gesamtübersetzung von Lebrecht Bachenschwanz erschienen<span class="oes-note oes-popup" data-fn="7"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup7">7</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="7">Heute (Stand 2024) gibt es 54, nicht mitgezählt Teilübersetzungen wie die von A.W. Schlegel oder Stefan George; vgl. die Liste auf der Internet-Seite der Deutschen Dante-Gesellschaft: www.dante-gesellschaft.de/uebersetzungen/</span>, aber das war eine Prosafassung, die keine Vorstellung von Dantes eigens für die <em>Commedia</em> entwickeltem Terzinen-Reimschema (ababcbcdcdedefefgf usw.; vgl. Müller 2015) vermitteln konnte. Sich genau diese Form für das Deutsche zu erarbeiten, war die Forderung der Romantiker,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="8"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup8">8</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="8">Vgl. den Abschnitt zum Thema Form in meinem UeLEX-Beitrag zu <a href="https://uelex.de/uebersetzer/gries-johann-diederich/" data-type="uelex_article" data-id="11624">Johann Diederich Gries. </a></span>und Kannegießer war der erste, der sich darin in einer durch mehrere Jahre entstandenen Gesamtübersetzung versucht hat. Eine eigene Studie wäre es wert, jene inhaltlichen und vor allem auch metrischen Veränderungen zu analysieren, die er in den fünf Auflagen seiner Terzinen-Nachdichtung der <em>Göttlichen Komödie</em> vorgenommen hat – unterstützt von Karl Witte, dessen Name ab der „zweite[n], vermehrte[n] und verbesserte[n] Auflage“ gleichberechtigt neben dem Namen Kannegießer auf dem Titelblatt steht.</p>



<p>Kannegießer und Witte blieben nicht die einzigen, die sich an der <em>Commedia</em> abmühten. Auf die Gesamtausgabe von 1809/21 folgten in nur zwanzig Jahren acht weitere, darunter die von Karl Streckfuß (1824/26) und von Philalethes (1840), wie sich der spätere (ab 1854) König Johann von Sachsen in seiner Rolle als Übersetzer nannte.</p>



<p>Im Marbacher Ausstellungskatalog von 1982 <em>Weltliteratur – Die Lust am Übersetzen im Jahrhundert Goethes</em> finden sich im Kapitel <em>„Die Werke der besten Italiänischen Dichter“</em> drei unterschiedliche Übersetzungen der Eingangsverse zum <em>Paradies</em>, Verse, die in Dantes italienischer Version</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>in abstrakten Begriffen die Gradation der Lichtmetaphysik umschreiben und den Schlußsatz des <em>Paradieses</em> präludieren, wo aus dem Ruhm Gottes, der sich als Licht stufenweise über die Welt ergießt, die Liebe wird, die die Sonne und die anderen Gestirne bewegt, diese Verse sind in ihrem scholastischen Duktus besonders schwierig zu übersetzen und geraten leicht in die Nähe einer umständlichen Traktatsprache. (Tgahrt 1982: 564)</p>
</blockquote>



<pre class="wp-block-verse"></pre>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<pre class="wp-block-verse has-small-font-size">Dante (1307 / 1321) 

La gloria di colui che tutto move
per l’universo penetra e resplende
in una parte più e meno altrove.
Nel ciel che più de la sua luce prende
fu’ io, e vidi cose che ridire
né sa né può chi di là sù discende,    


Kannegießer (1821)

Die Glorie deß, der das All regiert,
Durchdringt das Weltgebäu, obwohl den einen
Mehr als den andern Ort sein Strahlen ziert.
Im Himmel, den zumeist erhellt sein Scheinen,
War ich und schaute Dinge, die zu künden
Dem, der herabstieg, Kraft und Muth verneinen.</pre>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<pre class="wp-block-verse has-small-font-size">A.W. Schlegel (1791)

Die Hoheit dessen, welcher für und für
Was ist, bewegt, durchdringt das All der Dinge,
Und leuchtet stärker dort und schwächer hier.
Im Himmel, den sein vollstes Lob belebet,
War ich und sah, was, wer von jener Höhʼ
Herniedersteigt, umsonst zu nennen strebet;


Streckfuß (1826)

Der Ruhm deß, der bewegt das große Ganze,
Durchdringt das All, und diesem Theil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.
Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,
War ich und sah, was wieder zu erzählen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.</pre>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"></div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"></div>
</div>



<p>Nach dem leicht spöttisch klingenden Hinweis, dass Kannegießer seine Briefe „mit dem selten ausgelassenen Zusatz <em>Übersetzer des Dante</em>“ unterzeichnet habe, heißt es in Tgahrts Marbacher Katalog zu seiner Version:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Bei dieser Übersetzung wird ein Mißverständnis sichtbar, das durchgehend zu Fehlentscheidungen führte. Kannegießer hat nicht erkannt, daß hier das stufenweise Ausfließen des Lichtes und damit Gottes in die Welt evoziert wird. Daher kommt er zu dem unsinnigen adversativen „obwohl“ der zweiten Zeile und dem ästhetisierenden „ziert“. Das „zumeist“ ist wohl auf dieser Sprachstufe noch qualitativ gemeint, während es heute eher quantitativ verwendet wird. Auch die letzte Zeile zeigt, daß Kannegießer anscheinend wenig vertraut mit mittelalterlichem bzw. mystischem Denken war, denn es liegt nicht an Kraft und Mut, also subjektiven Vermögen, wenn die Erfahrungen des Paradieses nicht „erzählt“ werden können, sondern es ist das mystische Dilemma, das hier ins Spiel kommt: die Erfahrung des Göttlichen ist derart, daß sie mitgeteilt werden muß, obwohl zugleich die Unmöglichkeit dieser Mitteilung eingesehen wird, da sie alle Sprache übersteigt. (Ebd.: 567f.)</p>
</blockquote>



<p>Anerkennender fällt ein Vergleich aus, den der Romanist Olaf Müller 2015 in seiner Besprechung einer Neuübersetzung von Dantes <em>Rime</em> veröffentlicht hat. Auch hebt Müller hervor, dass Kannegießer erneut der erste war, der 1827 mit der Übertragung der <em>Rime </em>diesen weitaus unbekannten Teil des Danteschen Œuvres in einer deutsch-italienischen Ausgabe herausgegeben hat (Müller 2015). In einer auf „Breslau, October 1826“ datierten <em>Vorrede</em> gab Kannegießer einen persönlich-philologischen Bericht über die Entstehung der Übersetzung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Da ich bei der Beschäftigung mit der Göttlichen Komödie des Dante mich auch mit den übrigen Schriften dieses Dichters näher bekannt machte, entstand bald nach der Beendigung der [gründlich überarbeiteten, 1825 erschienenen; AFK] zweiten Auflage meiner Uebersetzung des größern Werks der Wunsch in mir, die Sammlung der lyrischen Gedichte, von denen bisher nur einzelne übersetzt waren, nicht blos vollständig zu übersetzen, sondern sie auch in der Urschrift herauszugeben und sei zu dem Ende in eine zeitgemäße Ordnung zu bringen, die falschen auszumerzen, den an so vielen Stellen verderbten Text zu verbessern und sie mit Einleitung und Erklärung zu versehen: eine Arbeit, die mir um so verdienstlicher erschien, je weniger Vorarbeiten dazu gemacht waren, und je gleichgültiger die Landsleute des großen Dichters diesen […] Theil seiner Werke behandelt haben. (Dante 1827: V)</p>
</blockquote>



<p>Unterstützt wurde Kannegießer von dem Reiseschriftsteller und Übersetzer Wilhelm von Lüdemann sowie vor allem von Karl Witte, dem für Jahrzehnte wohl bedeutendsten Dante-Kenner und Dante-Erklärer (vgl. Lamping 2016). Beide haben an der Ausgabe intensiv mitgewirkt, jedes Gedicht wurde „der gemeinschaftlichen Berathung und Beurtheilung unterworfen und nicht selten mehrmals umgeformt und die, freilich auch mangelhaften Arbeiten unserer Vorgänger, hauptsächlich Bode’s […], Förster’s und von Oeyenhausen’s zu Rathe gezogen“ (Dante 1827: VIII). Ein Viertel der Übersetzungen stammen überwiegend von den beiden Mitarbeitern und „sind mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen unterzeichnet“. Dass der Vorsatz, insbesondere die Form, sprich: die Versstruktur mit ihrer „Häufung der Reime“ in den deutschen Versionen genau nachzuschaffen, „die größten Hindernisse in den Weg legte“, wird offen eingeräumt. Fünfzehn Jahre später, 1842, haben Kannegießer und Witte Dantes „lyrische Gedichte“ erneut herausgegeben, dieses Mal ohne die italienischen Originale, dafür mit einem eigenen 240 Seiten starken Kommentarband, der die gesamte bis dahin europaweit erschienene Dante-Forschungsliteratur kritisch verwertet hat.</p>



<p>Wie stark sich die Versionen von 1842 von jenen der 1827er Erstausgabe unterscheiden, sei an zumindest einem Beispiel erkennbar gemacht. Außer den beiden Übersetzungen von Kannegießer/Witte werden auch die neueste deutsche Version (Vormbaum 2014; zitiert nach Müller 2015) und das italienische Original zum Vergleichen mitgeteilt:</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<pre class="wp-block-verse has-small-font-size">Kannegießer (1827)

Kam eines Tags zu mir Melancholei
Und sprach: Ich will ein wenig hier einkehren.
Und mich bedünkt es, als ob bei ihr wären
Der Schmerz und Zorn auf ihrer Pilgerei.

Und ich begann zu ihr: Fort, laß mich frei!  ­–
Und, wie ein Grieche, ließ sie Antwort hören,
Und im Gespräch mit mir sich ganz gewähren;
Da schaut’ und sah ich, Amor kam herbei,

Neu angethan mit einem schwarzen Kleide,
Und einen Hut hatt’ er auf’s Haupt gesetzt,
Und weinte sonder Falsch aus wahrem Leide.

Und ich: Was hat dich, armer Schelm, verletzt?
Und er darauf: Ich gräme mich und leide,
Denn, Bruder, unsre Herrin, stirbt anjetzt.


Vormbaum (2014)

Melancholie ist einst zu mir gekommen.
Sie sprach: „Ich will ein wenig bei dir sein.“
Es schien mir so, als habe Zorn und Pein
Sie sich als ihr Geleite mitgenommen.

„Geh weg von mir“, rief ich, von Zorn erglommen.
Als sie mit Hochmutsmiene schaute drein
und sprach mit großer Geste auf mich ein,
Blickte ich auf und sah Gott Amor kommen.

Der war in schwarze Kleidung eingehüllt,
Und auf dem Haupt den Hut hat er getragen;
Aus seinen Aug’ manch echte Träne quillt.

„Was bringst du, Bursche?“, fragte ich voll Zagen;
Drauf er: „Ich bin von Leid und Schmerz erfüllt,
Vom Tod der Herrin, Bruder, muss ich sagen.“ 
</pre>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<pre class="wp-block-verse has-small-font-size">Kannegießer / Witte (1842)

Kam eines Tags Melancholie zu mir,
Und sprach: „Ich will ein wenig Rast hier halten.“
Und wenn mich ncht mein Auge täuschte, wallten
Als Fahrtgenossen Schmerz und Zorn bei ihr.

Und ich begann darauf: „Fort, fort mit dir!“ –
Da hört’ ich sie wie einen Griechen walten,
Und ganz gemächlich ihre Red’ entfalten;
Doch da ich aufsah, war auch Amor hier,

Von einem schwarzen Kleide neu umfangen,
Und einen Hut hatt’ er aufs Haupt gesetzt,
Aufricht’ge Thränen näßten seine Wangen,

Und ich:  „Was hat dich, armer Schelm, verletzt?“
Und er antwortete:  „Mich muß wol bangen,
Denn, Bruder, unsre Herrin, stirbt anjetzt.“


Dante (1283 / 1293)

Un dí si venne a me Malinconia
e disse „Io voglio un poco stare teco“;
e parve a me ch’ella menasse seco
Dolore e Ira per sua compagnia.

E io le dissi: „Partiti, va’ via“;
ed ella mi rispose come un greco:
e ragionando a grande agio meco,
guardai e vidi Amore che venia,

vestito di un drappo nero,
e nel suo capo portava un capello
e certo lacrimava pur di vero.

Ed eo le dissi: „Che hai, cattivello?“
Ed el rispose: „Eo ho guai e pensero,
Ché nostra donna mor, dolce fratello“. 
</pre>
</div>
</div>



<p>In Friedmar Apels Band <em>Literarische Übersetzung</em> (1983: 86f.) hat es Kannegießer nicht in die Reihe der kanonisierten Literaturübersetzer geschafft. Denn anders als bei „Schlegel und Gries, mit Einschränkungen auch bei Voß“ gab es bei ihm keine „spracherweiternde, sprachbewegende Übersetzungskonzeption“ (ebd.: 78) ­– stattdessen einen „Rückfall des Erreichten […] gegenüber dem Stand der Literatursprache“. Ob dieses Qualitätsurteil Kannegießers Leistungen angemessen charakterisiert, wäre zu prüfen. Wichtiger noch für die Kulturgeschichte des Übersetzens scheint mir derzeit, dieses Œuvre aus translationshistorischer Perspektive insgesamt zu sichten, also nicht nur die Dante-Übersetzungen, sondern auch die Nachdichtungen z.&nbsp;B. der Sonette des Schweden Stagnelius<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">Kannegießer veröffentlichte 1851 sechs Bände (in einem) <em>Gesammelte Werke </em>von Stagnelius. Zu einer weiteren Übersetzung scheint es erst 2013 gekommen zu sein durch den Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke, der in im Vorwort seiner Stagnelius-Auswahl auch knapp auf Kannegießer eingeht (Stagnelius 2013: 9).</span>, die Erstübertragung der Verserzählung <em>Konrad Wallenrod</em> von Mickiewicz<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Laut Bibliographie von Kuczyński ist es Kannegießers einzige in Buchform erschienene Übersetzung eines polnischen Textes.</span>, die Übersetzung naturwissenschaftlicher Fachtexte wie der 1850 erschienene Sammelband mit Aufsätzen des Dänen Hans Christian Oersted oder auch seine Mitarbeit „in der Zwickauer Übersetzungsfabrik“, für die er Byrons Gedichte 1827 ins Deutsche gebracht haben soll (Palm 1882: 78).</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
