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	<title>politische/r Aktivist/in &#8211; UeLEX</title>
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	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
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		<title>Ege, Friedrich</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/ege-friedrich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Apr 2025 21:06:21 +0000</pubDate>
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		<title>Kern, R. Karl (1902-82)</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/kern-r-karl-1902-82/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Jan 2025 13:19:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Kern emigrierte 1938 nach Schweden. Als Literaturübersetzer wurde er einem größeren Publikum erst 1977 bekannt, als im Limes Verlag sein Band mit Übersetzungen der Gedichte Edith Södergrans (Feindliche Sterne) erschien.]]></description>
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<p>Kern emigrierte 1938 nach Schweden. Als Literaturübersetzer wurde er einem größeren Publikum erst 1977 bekannt, als im Limes Verlag sein Band mit Übersetzungen der Gedichte Edith Södergrans (<em>Feindliche Sterne</em>) erschien.</p>
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		<item>
		<title>Krakauer, Trude</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/krakauer-trude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Aug 2024 17:54:06 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[„Trude Krakauer versucht auf die ihr eigene Weise das Exilland [Kolumbien] für sich zu gewinnen: Sie übersetzt lateinamerikanische und spanische Autoren ins Deutsche, so Jorge Guillén, Guillermo Valencia, León de Greiff, Rubén Darío, José Asunción Silva, Rafael Pombo, Porfirio Barba Jacob, Blas de Otero.“ (Bolbecher 2013: 83) – Aber wo mögen diese Übersetzungen erschienen sein?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>„Trude Krakauer versucht auf die ihr eigene Weise das Exilland [Kolumbien] für sich zu gewinnen: Sie übersetzt lateinamerikanische und spanische Autoren ins Deutsche, so Jorge Guillén, Guillermo Valencia, León de Greiff, Rubén Darío, José Asunción Silva, Rafael Pombo, Porfirio Barba Jacob, Blas de Otero.“ (Bolbecher 2013: 83) – Aber wo mögen diese Übersetzungen erschienen sein?</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Elser, Petra</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/elser-petra/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Feb 2023 20:31:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Petra Elser gehört zu den wenigen Personen, die baskische Literatur direkt aus der Originalsprache ins Deutsche übersetzt haben. Aufgrund der Themen der von ihr übertragenen Literatur sowie ihrer Vergangenheit kann ihr übersetzerisches Œuvre als „politisch aufgeladen“ bezeichnet werden. Neben dem Übersetzen hat sie sich auch für das Erlernen des Baskischen engagiert. Petra Elser wurde am [&#8230;]]]></description>
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<p>Petra Elser gehört zu den wenigen Personen, die baskische Literatur direkt aus der Originalsprache ins Deutsche übersetzt haben. Aufgrund der Themen der von ihr übertragenen Literatur sowie ihrer Vergangenheit kann ihr übersetzerisches Œuvre als „politisch aufgeladen“ bezeichnet werden. Neben dem Übersetzen hat sie sich auch für das Erlernen des Baskischen engagiert.</p>



<p>Petra Elser wurde am 26. Mai 1963 in Frankfurt/M. geboren. In ihrer Jugend beteiligte sich die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin an der Frankfurter feministischen und autonomen Bewegung. Sie gehörte schon damals „einem Solidaritätskomitee mit dem Baskenland an, selbst dann noch, als bei anderen langsam Zweifel an den immer undifferenzierteren ETA-Anschlägen aufkamen“ (Wandler 2001).</p>



<p>Elser übersiedelte Anfang der 1990er Jahre nach Madrid, wo sie an der Universität einen Kurs über spanische Kultur belegte und in einer Privatschule Deutsch unterrichtete. Dort lernte sie Juan Luis Aguirre Lete (alias Insuntza) kennen, ein Führungsmitglied der bewaffneten Unabhängigkeitsbewegung im Baskenland. Mit ihm verband sie eine persönliche Beziehung, aus der 1995 der Sohn Jokil hervorging. 2002 heiratete das Paar im Gefängnis (Spiegel 2003).</p>



<p>Elser und Aguirre lebten seit 1994 in Pau im französischen Teil des Baskenlandes. Im November 1996 wurden sie bei einer Fahrzeugkontrolle im südfranzösischen Bayonne festgenommen. Zu diesem Zeitpunkt lag ein polizeilicher Steckbrief gegen Aguirre vor. Bei der Festnahme beteuerten beide, dass ihre Beziehung „rein persönlicher Art“ sei und Elser „keinerlei Verbindungen zur ETA“ habe (Dillman 1998). In der gemeinsamen Wohnung in Pau wurden Sprengstoff und Granaten sichergestellt. Elser bestritt wiederholt, jemals ETA-Mitglied gewesen zu sein. Laut Aussage eines Freundes von Elser stützte sich die Anklage gegen sie auf das unter Folter erzwungene Geständnis eines anderen ETA-Mitglieds (Peters 2002).</p>



<p>Vom 19. Oktober 1991 bis zum 4. April 1994 war Elser ferner Mieterin einer Madrider Wohnung, die zur Vorbereitung terroristischer Anschläge genutzt wurde (EFE 1998). Die spanische Justiz bezichtigte sie, im Januar 1994 an einem fehlgeschlagenen Attentat in Madrid mitgewirkt zu haben.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">Bei dem Versuch am folgenden Tag die Bombenladung zu entschärfen wurden 19 spanische Soldaten (teils schwer) verletzt (EFE 2000).</span></p>



<p>Nach ihrer Festnahme wurde Elser zu 30 Monaten Haft verurteilt, doch kurz darauf bis zu ihrer im November 2001 erfolgten Auslieferung nach Spanien unter Auflagen freigelassen (EFE 2000). Da sie bereits von einem französischen Gericht wegen „Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung mit terroristischen Zielen verurteilt“ worden war, musste sie von dem spanischen Nationalen Gerichtshof bereits am zweiten Verhandlungstag auf freien Fuß gesetzt werden, da eine Mehrfachbestrafung für das gleiche Delikt nicht zulässig ist (Spiegel 2003).</p>



<p>Erst im Pariser Gefängnis hat Elser – so hat sie es selbst geschildert – die baskische Sprache erlernt. Das Spanische beherrschte sie bereits von ihrer Madrider Zeit (Elser 2016). Im Internet finden sich vereinzelt baskisch-deutsche Videoaufnahmen, in denen sie sich in beiden Sprachen äußert. Das Baskische scheint sie frei sprechen zu können, aber es ist ein starker deutscher Akzent wahrnehmbar.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Vgl. <a href="https://101l.ahotsak.eus/elkarrizketak/petra-elser">https://101l.ahotsak.eus/elkarrizketak/petra-elser</a> (letzter Aufruf: 11. Mai 2023).</span></p>



<p>Elsers übersetzerische Tätigkeit begann 2007 mit zwei literarischen Werken: <em>Der Lärm der Grillen </em>von Edorta Jimenez und <em>Der gefrorene Mann </em>von Joseba Sarrionandia. Im Impressum des 428 Seiten starken Romans <em>Der gefrorene Mann</em> findet sich der Vermerk: „Die vorliegende Übersetzung gehört zu den ersten literarischen Übersetzungen aus dem Baskischen ins Deutsche überhaupt“. Joseba Sarrionandia wurde ebenfalls wegen seiner ETA-Mitgliedschaft verurteilt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sarrionandia, geboren 1958 in der Nähe von Bilbao, trat als junger Mann der ETA bei, für die er in den späten 1970er Jahren mehrere Banküberfälle verübte, in deren Folge er 1980 verhaftet und zu 22 Jahren Haft verurteilt wurde. Fünf Jahre später gelang ihm die Flucht, seitdem lebt er an unbekanntem Ort. (Knipp 14. Februar 2008)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="11"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup11">11</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="11">Im englischen Wikipedia-Eintrag liest man, dass 2016 bekannt geworden sei, dass Sarrionandia als Lektor an der Universität von Havanna in Cuba tätig sei <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Joseba_Sarrionandia">https://en.wikipedia.org/wiki/Joseba_Sarrionandia</a> (letzter Aufruf: 15. Mai 2023).</span></p></blockquote>



<p>Elser hat zwischen 2007 und 2012 fünf von ihr übersetzte Romane baskischer Autoren veröffentlicht. Deren Thematik war stets politisch ausgerichtet: das Baskenland und seine Unabhängigkeitsbestrebungen, die Zerstörung von Guernica, der Franquismus und die Unterdrückung der Basken. Eine weitere Gemeinsamkeit von Elsers Übersetzungen fällt ins Auge: vier von ihnen wurden in der <em>Zubiak</em>-Reihe von Pahl-Rugenstein veröffentlicht, einem Kölner Verlag mit einem dezidiert linken Profil.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="12"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup12">12</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="12">Im November 1989 räumte die Verlagsleitung ein, dass das Unternehmen in großem Umfang von der DDR finanziell unterstützt worden war.</span></p>



<p>In der Reihe <em>Zubiak</em> (baskisch für „Brücke“) erscheinen literarische Texte, die aus der Originalsprache Baskisch übersetzt worden sind, was eine Seltenheit auf dem deutschen Übersetzungsmarkt darstellt, denn „Übersetzer, die in der Lage sind, direkt aus dem Baskischen ins Deutsche zu übersetzen, sind rar“ (Schilly 2017: 83). Üblich sind Relaisübersetzungen mit dem Spanischen als Mittlersprache, was wiederum zu einer „Marginalisierung der baskischen Literatur“ in Deutschland beiträgt (ebd).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="13"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup13">13</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="13">Eine Ausnahme ist die bereits 1991 im Verlag für Interkulturelle Kommunikation erschienene, von Hans J. Vermeer direkt aus dem Baskischen übersetzte Sammlung <em>Ipuinak – Baskische Erzählungen</em>.</span></p>



<p>Wie den Klappentexten zu Elsers Übersetzungen zu entnehmen ist, soll mit der <em>Zubiak</em>-Reihe „eine Brücke […] in den deutschen Sprachraum“ geschlagen werden (vgl. Epaltza 2008; Harkaitz 2009). Die verlegerischen Peritexte machen ferner darauf aufmerksam, dass Elsers Übersetzungen mit Unterstützung durch die baskische Regierung sowie den Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) entstanden sind. Elser erhielt 2008 zudem das Johann-Joachim-Christoph-Bode-Stipendium des DÜF. Im Rahmen dieses Stipendiums wird „[e]in erfahrener Kollege […] dem Stipendiaten als Mentor zur Seite gestellt und soll ihn mit sicherer Hand über die Hürden und durch die Untiefen des Textes geleiten“; beide Seiten erhalten darüber hinaus eine finanzielle Zuwendung (Deutscher Übersetzerfonds 2012).</p>



<p>Zwei ihrer Übersetzungen entstanden in <a href="https://uelex.de/schlagworte/kollektives-uebersetzen/" data-type="t_uelex_subject" data-id="206214">Zusammenarbeit </a>mit anderen Literaturübersetzern: Den Roman <em>Der gefrorerene Mann</em> (Sarrionandia 2007)<em> </em>übersetzte Elser gemeinsam mit Raul Zelik und <em>Der Lärm der Grillen</em> (Jimenez 2007) mit Christiane Bendel. Raul Zelik ist ein Münchener Schriftsteller, Politikwissenschaftler und Übersetzer, der sich wie Elser für die politischen Anliegen der Basken engagiert hat.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Vgl. die Artikel zu Spanien, Katalonien und dem Baskenland auf der Internetseite Zeliks: <a href="https://www.raulzelik.net/baskenland-texte">www.raulzelik.net/baskenland-texte</a> (letzter Aufruf: 12. Mai 2023).</span> Christiane Bendel ist Diplomübersetzerin und Expertin für das Baskische, 2006 erschien von ihr eine Grammatik des Baskischen.</p>



<p>Baskische Literatur wird bisher nur sehr spärlich rezipiert, was dazu führt, dass sie „in Deutschland als politisch aufgeladen behandelt [wird], sei es, um wie im Falle der Missionierung, ebendies zu entkräften, sei es, wie im Falle der Politisierung, selbiges zu nutzen und dabei zu verstärken“ (Schilly 2017: 84f.):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Werke […] baskischer Autoren werden in der Regel wenig besprochen, und wenn doch, dann eher in kleineren Blättern und Nischen-Organen – zum Teil mit deutlicher politischer Orientierung – wie etwa dem „Antifa-Infoblatt“. […] Auf eine linkspolitische Vereinnahmung der baskischen Autoren auf deutscher Seite bzw. ein Verorten in politisch fundierten Alternativöffentlichkeiten deutet auch, dass sie auf einschlägige Veranstaltungen eingeladen werden, wie z. B. die sog, „Gegen Buch Masse“ begleitend zur Frankfurter Buchmesse […]. (Schilly 2017: 82)</p></blockquote>



<p>Wie Schilly (ebd.) hervorgehoben hat, treten Elsers vermeintliche ETA-Verbindungen in den Hintergrund angesichts ihrer Beherrschung des Baskischen, die es ihr ermöglicht, sich bei unterschiedlichen kulturellen Veranstaltungen als Mittlerin für baskische Autoren zu etablieren:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Gefördert durch den baskischen Verlag Elkartea und die baskische Regierung, tourten die beiden Autoren [Anjel Lertxundi und Aingeru Epaltza – IK] dann durch deutsche Städte […], begleitet von ihrer Übersetzerin Petra Elser. Dass wiederum etliche baskische Romane für Pahl-Rugenstein von ebendieser Petra Elser in das Deutsche übertragen wurden, die einst wegen einer vermeintlichen Verbindung zur ETA angeklagt war, dann aber mangels Beweisen freigesprochen wurde, ist ein Faktum, das wiederum politische Hintergründe haben mag, zumindest aber vordergründig auf die baskischen Sprachkenntnisse der Übersetzerin zurückzuführen ist. (Schilly 2017: 82)</p></blockquote>



<p>Die Marginalisierung von Direktübersetzungen aus dem Baskischen ins Deutsche war der Übersetzerin ebenfalls bewusst (Elser 2010: 815), weswegen sie die Übersetzerarbeitsgruppe <em>EuskAlema Übersetzerforum</em> mitgründete:<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">In ihrem Beitrag nennt sie eine heute nicht mehr abrufbare Internetseite, auf der wohl weiterführende Informationen zu dieser Arbeitsgruppe vorhanden waren; vgl. Elser (2010: 815).</span></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die heute als Übersetzer aus dem Baskischen ins Deutsche (sowie auch in alle anderen Sprachen außer dem Spanischen) tätigen Personen sind Autodidakten. Es gibt weder Studiengänge, noch Kurse, noch Publikationen, die dieses Thema behandeln. Bei den meisten Übersetzern handelt es sich um im Baskenland lebende Deutsche, die der baskischen Sprache mächtig sind. (Elser 2010: 816)</p></blockquote>



<p>Im Rahmen der <em>EuskAlema-</em>Arbeitsgruppe wurde der Versuch unternommen, „Methoden zur Schulung von Übersetzern in dieser Sprachkombination zu entwickeln und diese in der konkreten Arbeit an Texten zu unterstützen“ (ebd.: 816f.).</p>



<p>Petra Elser lebt im Baskenland. In Urnieta im Westen des spanischen Baskenlandes war sie 2009 an der Gründung der Organisation <em>Banaiz Bagara </em>beteiligt, die sich dem Lehren des Baskischen für Zuwanderer aus anderen Regionen und Ländern widmet (Euskarari 2014). Dass sie vorwiegend auf Baskisch kommuniziert und im Deutschen manchmal schon nach einzelnen Ausdrücken suchen müsse, hat sie 2016 in einem in San Sebastián erstellten Video berichtet (Elser 2016). Aber sie ist weiterhin als Aktivistin für das Baskenland tätig, indem sie sich für die Verbreitung baskischer Kultur, Literatur und Sprache in Deutschland engagiert. Im Mai 2022 nahm sie an der Freien Universität Berlin am „1. Treffen der Baskisch-Lektor:innen und Lehrer:innen im deutschsprachigen Raum“ teil und diskutierte in einem „Rundtischgespräch“ mit Lourdes Izagirre, Unai Lauzirika und Jonan Lekuek über „Baskischen Sprachunterricht im deutschsprachigen Kontext“.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Vgl. <a href="https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we05/institut/termine/2022-05-06-Treffen-baskischer-Lehrer_innen.html">www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we05/institut/termine/2022-05-06-Treffen-baskischer-Lehrer_innen.html</a> (letzter Aufruf: 11. Mai 2023).</span></p>



<p>Sie war ferner Mitorganisatorin der alternativen Buchmesse <em>Beyond Spain, Frankfurt Alternative Book Fair</em> 2022 in Bilbao, die sich als eine Gegenveranstaltung zur Frankfurter Buchmesse verstand, auf der 2022 Spanien Gastland war. Nach Bilbao wurden Vertreter der Autonomen Gemeinschaften des Baskenlandes, Galiciens und Kataloniens eingeladen. Der Schwerpunkt dieser Alternativveranstaltung lag auf der Auseinandersetzung mit dem Franquismus, Picassos Guernica, den Problemen der spanischen Demokratie sowie der Sprache, Musik und Kultur der zweisprachigen Gemeinschaften Spaniens (Garmendia 2022).</p>



<p>Baskische Autoren und Autorinnen greifen in ihrer Literatur häufig politische und soziale Themen auf; Elser hat sich dieser Thematik gestellt und versucht, die baskische Perspektive durch ihre Übersetzungen bekannter zu machen. Andererseits lassen die Paratexte der Übersetzerin erkennen, dass auch ihre eigenen politischen Überzeugungen die Wahl der zu übersetzenden Texte beeinflussten. So verwendet sie in ihrem Glossar zu <em>Der Lärm der Grillen</em> von Edorta Jimenez (2007) negativ konnotierte Begriffe zur Beschreibung von militärischen Aktivitäten auf Seiten der spanischen Zentralregierung (wie „brutal“ oder „ordinär und blutrünstig“), während analoge Aktivitäten auf Seiten des Baskenlandes mit positiv konnotierten Begriffen (wie „heldenhaft“) beschrieben werden. Eine ähnliche Positionierung der Übersetzerin zeigt sich auch in einer Fußnote in Laura Mintegis Werk <em>Ecce homo</em> (2012: 107), in der Elser den spanischen Gerichtshof <em>Audiencia Nacional </em>als ein „aus der Franco-Diktatur stammendes Sondergericht für die Verfolgung von Terror-, Drogen- und Wirtschaftsdelikten“ charakterisiert. Nach ihrer Auslieferung nach Spanien wurde Elser selbst von der <em>Audiencia Nacional</em> angeklagt, sodass ihr persönlicher Groll gegen die spanische Justiz an dieser Stelle die Oberhand über die Tatsache gewann, dass dieses Sondergericht erst 1977, also zwei Jahre nach Francos Tod und dem Ende des Franquismus in Spanien gegründet wurde (vgl. Krause 2020: 16ff.).</p>



<p>Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Petra Elser eine wichtige Vermittlerin baskischer Literatur und Kultur ist. Ihre Übersetzungen ins Deutsche sind durch eine Zeit geprägt, in der das Baskenland von Gewalt und politischer Instabilität geprägt war. In diesem Kontext hat sie mit ihrer Arbeit versucht, den Anliegen baskischer Autoren und Autorinnen in Deutschland Gehör zu verschaffen.</p>



<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Öhquist, Johannes</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/oehquist-johannes/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Aug 2022 14:10:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Johannes Wilhelm Öhquist wurde 1861 in Venjoki, Ingermanland, geboren. Nach dem Abitur 1881 in St. Petersburg studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in St. Petersburg, Moskau und schließlich in Helsinki, wo er 1887 das Examen in Rechtswissenschaften an der Kaiserlichen Alexander-Universität zu Helsingfors (Universität Helsinki) bestand. Von 1888 bis 1910 arbeitete Öhquist als Archivar in der [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Johannes Wilhelm Öhquist wurde 1861 in Venjoki, Ingermanland, geboren. Nach dem Abitur 1881 in St. Petersburg studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in St. Petersburg, Moskau und schließlich in Helsinki, wo er 1887 das Examen in Rechtswissenschaften an der Kaiserlichen Alexander-Universität zu Helsingfors (Universität Helsinki) bestand. Von 1888 bis 1910 arbeitete Öhquist als Archivar in der Kanzlei des russischen Generalgouverneurs, daneben auch als Lehrer für deutsche Sprache und Literatur an mehreren Schulen in Helsinki sowie, von 1895 bis 1919, als Lehrbeauftragter bzw. Lektor für deutsche Sprache an der Universität Helsinki. Zur gleichen Zeit profilierte sich Öhquist immer stärker durch sein weitgefächertes kulturpolitisches Engagement und trug in zahlreichen Rollen – als Dichter, Sachbuchautor, Publizist, Herausgeber, Übersetzer, Kunst- und Literaturkritiker sowie politischer Aktivist – beachtlich zur Entwicklung deutsch-finnischer Beziehungen bei. Vor dem ersten Weltkrieg setzte sich Johannes Öhquist (oft unter dem Pseudonym Wilhelm Habermas) mit seinen publizistischen Beiträgen und Übersetzungen für die Sichtbarmachung Finnlands in der deutschsprachigen Öffentlichkeit ein. Auch die <em>Erklärung</em> vom Januar 1910, d.h. die von 71 deutschen, österreichischen und Schweizer Gelehrten unterschriebene Manifestation gegen die Finnlandpolitik des russischen Zaren, ist auf seine Bemühungen zurückzuführen.</p>



<p>Die Vermittlertätigkeit und literarischen Aktivitäten setzte Öhquist ab 1918 als Presseattaché der finnischen Gesandtschaft in Berlin und unvermindert auch noch nach seiner Pensionierung im Jahre 1927 fort. In der Zwischenkriegszeit wurde er zusammen mit seiner dritten Ehefrau, der Übersetzerin <a href="https://uelex.de/uebersetzer/oehquist-rita/" data-type="uelex_article" data-id="2003035">Rita Öhquist</a> (geb. Winter, verw. Clausen), zu einer zentralen Relaisstelle für den finnisch-deutschen literarischen Austausch. Mit Öhquists Hilfe suchten deutsche Verlage sowohl Wege für die Verbreitung deutscher Literatur in Finnland als auch für die Verbreitung finnischer und skandinavischer Werke auf dem deutschen Buchmarkt. Johannes Öhquist verfasste Gutachten für deutsche und finnische Verleger und informierte sie über für das jeweilige Publikum interessante Werke. Nicht selten erschienen seine Urteile später als Rezensionen in deutschen und finnischen Tageszeitungen und Zeitschriften, für die Öhquist auch europäische, russische und amerikanische Neuerscheinungen rezensierte. Als Übersetzer konzentrierte er sich vor allem auf politisch-historische Sachtexte sowie auf finnische bzw. finnlandschwedische Lyrik. Von ihm übersetzte Autoren und Autorinnen waren u.a. Johan Ludvig Runeberg (1804–1877), Zacharias Topelius (1818–1898), Larin-Kyösti (1873–1948), L. Onerva (1882–1972) und V.A. Koskenniemi (1885–1962).</p>



<p>In den 1930er Jahren entwickelte sich Johannes Öhquist politisch zu einem Propagandisten des nationalsozialistischen Deutschland. Einen Höhepunkt fand das in seinem zwischen 1938 und 1943 ins Finnische, Finnlandschwedische, Französische, Niederländische und Rumänische übersetzte Buch <em>Das Reich des Führers. Ursprung und Kampf, Weltanschauung und Aufbau des Nationalsozialismus geschildert von einem Ausländer</em>. 1940 übersiedelten Johannes Öhquist und seine Frau nach Deutschland, von wo aus sie ihre finnisch-deutsche Vermittlungsarbeit bis zum Kriegsende, nun immer stärker im Dienste des „Dritten Reichs“, fortsetzten. Johannes Öhquists Versuche, nach 1945 als Autor und Übersetzer erneut einen Verlag zu finden, scheiterten, er starb 1949 in Wolfach im Schwarzwald. Rita Öhquists Position als wichtige Übersetzerin finnischer Literatur blieb bis zu ihrem Tod 1968 unangefochten.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Halpern, Olga</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/halpern-olga/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Aug 2022 05:56:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Ihren Lebensweg bis zur Flucht von Berlin nach Moskau im Februar 1933 hat Olga Halpern in einem für die Internationale Kontrollkommission der Komintern verfassten Lebenslauf beschrieben. Demnach wurde sie am 24. März 1887 als Tochter des Bankiers Josef Rapaport in Mogiljov (Podolien) geboren. Sie lernte zuhause bei deutschen Erzieherinnen und russischen Hauslehrern. Wegen einer Lungenerkrankung [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Biogramm entstand im Rahmen des DFG-geförderten D-A-CH-Projekts <em>Exil:Trans</em> (2019–2022) und erschien zuerst in: Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Rozmysłowicz, Tomasz (Hg.): Translation und Exil (1933–1945) I: Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens. Berlin: Frank &amp; Timme 2022, S. 417–420.<br></p>


        </p>
    </div>


<p>Ihren Lebensweg bis zur Flucht von Berlin nach Moskau im Februar 1933 hat Olga Halpern in einem für die Internationale Kontrollkommission der Komintern verfassten Lebenslauf beschrieben. Demnach wurde sie am 24. März 1887 als Tochter des Bankiers Josef Rapaport in Mogiljov (Podolien) geboren. Sie lernte zuhause bei deutschen Erzieherinnen und russischen Hauslehrern. Wegen einer Lungenerkrankung wurde sie 1901 für vier Jahre in die Schweiz geschickt, später war sie an den Universitäten Wien und Heidelberg als Gasthörerin eingeschrieben. 1910 heiratete sie im galizischen Stanislau den Rechtsanwalt und Großgrundbesitzer Dr. Hans Halpern. Aus der Ehe stammt die Tochter Lucy Bella Halpern. Während des ersten Weltkriegs lebte Halpern in Wien, 1918 ging sie mit ihrem Mann zurück nach Stanislau, von dort erneut nach Wien, wo sie (laut ungarischer Wikipedia) die Lehramtsprüfung ablegte. In Wien heiratete sie 1923 den Schriftsteller Andor Gábor (1884–1953) und kam in Kontakt zu weiteren emigrierten ungarischen Kommunisten. Sie engagierte sich im Hilfskomitee für das hungernde Russland und arbeitete für Randorganisationen der Kommunistischen Partei.</p>



<p>Im April 1926 zog sie nach Berlin um und trat noch im selben Jahr in die KPD ein. „Schriftstellerin“ steht in der Rubrik „Beruf“ in ihrem auf den Na­men Herta Stein 1929 ausgestellten Mitgliedsbuch. Neben der reinen Partei­arbeit (Zelle Reichsdruckerei) engagierte sie sich im Schutzverband Deut­scher Schriftsteller, war 1927/28 intensiv am Aufbau des Bundes proleta­risch-revolutionärer Schriftsteller beteiligt und erledigte ab 1929 vertrauliche Aufträge für die Botschaft der Sowjetunion. Gleich nach dem Reichstags­brand kam es zu einer Haussuchung, Andor Gábor musste fliehen und Olga Halpern wurde von der Politischen Polizei aufgefordert, „auf Grund meines polnischen Passes“ Deutschland zu verlassen. Das tat sie „mit Zustimmung der Parteizentrale“ am 23. März 1933.</p>



<p>Die folgenden zwölf Jahre lebte sie mit ihrem Mann in Moskau – mehrere Jahre zusammen mit Johannes R. Becher und Lilly Korpus im zehnten Stock des Schriftstellerhauses in der Lawruschinskij pereulok. 1941 wurden sie nach Taschkent evakuiert. Neben ihrer Arbeit als Übersetzerin und Redakteurin übernahm Halpern in Moskau wie zuvor in Berlin organisatorische Aufga­ben, u.a. als Sekretärin der deutschen Sektion der Internationalen Vereini­gung Revolutionärer Schriftsteller. Auch dadurch hatte sie zahlreiche Kon­takte zu anderen Emigranten: Becher, Erpenbeck, Günther, Hay, Huppert, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/becher-lilly-version-1-1/" data-type="uelex_article" data-id="2006180">Lilly Korpus</a>, Kurella, Lukács, Ottwalt, Scharrer, Weinert, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/zinner-hedda/" data-type="uelex_article" data-id="11589">Hedda Zinner</a> usw.</p>



<p>Halpern und Gábor überlebten trotz einzelner Anfeindungen die Mitte der 1930er Jahre einsetzenden „Parteisäuberungen“, denen viele ihrer aus Deutsch­land und Ungarn emigrierten Genossen zum Opfer fielen. Im Juli 1945 folgte Halpern ihrem bereits im Frühjahr nach Ungarn zurückgekehrten Mann. Andor Gábor starb 1953, Olga Halpern kümmerte sich um seinen Nachlass und die Herausgabe seiner Werke und initiierte 1958 den Andor Gábor-Lite­raturpreis. In Gábors Nachlass (Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest) finden sich viele an Olga Halpern gerichtete Briefe aus den Jahren 1949–1967, die ihre fortdauernde Verbundenheit mit den deutschen literari­schen Exilkreisen belegen, darunter über hundert Briefe von <a href="https://uelex.de/uebersetzer/becher-lilly-version-1-1/" data-type="uelex_article" data-id="2006180">Lilly (Korpus-)Becher</a>.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="translatorisches"><strong>Translatorisches</strong></h4>



<p>Mit der Übersetzung russischer Gegenwartsliteratur hat Halpern in den 1920er Jahren in Berlin begonnen. 1927 erzielte gleich ihre erste größere Übersetzung – der 464 Seiten umfassende Roman <em>Zement</em> von Fjodor Gladkow – hohe Auflagen und deutliche Anerkennung durch die Kritik. Walter Benjamin rühmte Halperns „vollendete Übersetzung“, die u.a. Gladkows Leistung, „den Argot der Bolschewiken in die Literatur“ eingebracht zu haben, für des Russischen nicht mächtige Leser erfahrbar werden lasse. Sieben weitere von Halpern übersetzte Bücher sowjetischer Autoren – darunter 1930 der zweite Band von Scholochows <em>Der stille Don</em> – erschienen bis zum Ende der Wei­marer Republik in Berlin und Wien. Der Scholochow-Band sowie die <em>Ze­ment</em>-Ausgabe von 1927 wurden 1932 außerdem in Moskau verlegt, ebenso 1932 zeitgleich mit der Berliner Ausgabe ein weiterer Gladkow-Roman: <em>Neue Erde</em>. Die drei Übersetzungen veröffentlichte die Verlagsgenossenschaft aus­ländischer Arbeiter in der UdSSR (Vegaar). Bei der Vegaar erschienen zwi­schen 1934 und 1937 weitere Halpern-Übersetzungen, von denen eine in Zu­sammenarbeit mit Hilde Angarowa entstand. Nach durch die „Säuberungs“-Aktionen bedingter Auflösung der Vegaar und erzwungener Produktions­pause folgten zwischen 1939 und 1941 bei Meshdunarodnaja Kniga / Das in­ternationale Buch von ihr ins Deutsche gebrachte Bücher von Ehrenburg, Fa­dejew und Scholochow. Halpern-Übersetzungen (mitunter Vorabdrucke aus den Buchausgaben) finden sich zusätzlich in den Moskauer Exilzeitschriften <em>Das Wort</em> und <em>Internationale Literatur</em>.</p>



<p>Von Halpern scheint es keine eigenen Aussagen zu ihrem übersetzeri­schen Tun zu geben, sieht man von einer Wortmeldung am 8. September 1936 ab: „Ich arbeite als Übersetzerin […]. Der Verlag [die Vegaar] gibt mir immer die besten Bücher, ich habe einen Wirkungskreis wie kaum jemand“ (Müller 1991:&nbsp;525). Im Mai desselben Jahres hatte Johannes R. Becher in der <em>Internationalen Literatur </em>unter dem Titel <em>Dem unbekannten Mitarbeiter – Olga Halpern zum 50. Geburtstag </em>(es war allerdings erst ihr 49.) ein Porträt veröffentlicht. Darin heißt es u.a.,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>daß die erwachende Sowjetliteratur in ihr <em>den</em> Genossen gefunden hat, der es ihr durch seine Uebersetzungen ermöglichte, im Westen einzurücken. Wir deutschen Schriftsteller beneiden ein wenig unsere [russischen] Freunde, eine solche Uebersetzerin gefunden zu haben. Und vielleicht hat unsere Genossin Olga auch diesen Geburtstagswunsch: „Uebersetzt uns so, wie ich mich bemüht habe Euch zu übersetzen.“ Gewissenhaft, unter strenger Beibehaltung der spezifischen dichterischen Eigentümlichkeiten, ohne willkürliche Auslassungen oder scheinpoetische Zutaten: nur so übersetzt findet ein Dichter auch eine Heimat in einer anderen Sprache… (Becher 1936: 103)</p>
</blockquote>



<p>31 Jahre später erneuerte Becher im <em>Neuen Deutschland</em> (23. März 1967) die­ses Lob mit einem <em>Gruß an eine ferne Freundin – zum 80. Geburtstag von O. Halpern</em>. Am 24. März 1967, wenige Tage vor ihrem Tod, wurde Halpern „für hervorragende kulturpolitische Leistungen […] die Johannes-R.-Becher-Me­daille des Deutschen Kulturbundes in Gold verliehen“ (Urkunde im Buda­pester Nachlass).</p>



<p>Weitere Hinweise auf Halpern finden sich in einem Erinnerungstext ihrer Enkeltochter Magda Gábor (1986), in Autobiografien wie <a href="https://uelex.de/uebersetzer/zinner-hedda/" data-type="uelex_article" data-id="11589">Hedda Zinners </a><em>Selbstbefragung</em> (1989: 96f. u.ö.) und in der Fachliteratur zum Exilland Sow­jetunion (Pike 1981, Barck/Jarmatz 1989, Müller 1991). Gründlichere trans­lationshistorische Studien (einschließlich Archivrecherchen in Berlin, Mos­kau und Budapest) stehen aus.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Luxemburg, Rosa</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/luxemburg-rosa/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Zu Leben und Werk Rosa Luxemburgs ist seit über hundert Jahren eine Fülle an Büchern und Aufsätzen erschienen: über die Nationalökonomin und SPD-Politikerin, die marxistische Theoretikerin und Vertreterin des proletarischen Internationalismus, über die Antimilitaristin, die Kritikerin und Bewunderin Lenins, das Gründungsmitglied der KPD, die Spartakistin und Märtyrerin der Novemberrevolution von 1918. Wenig beachtet wurde in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Zu Leben und Werk Rosa Luxemburgs ist seit über hundert Jahren eine Fülle an Büchern und Aufsätzen erschienen: über die Nationalökonomin und SPD-Politikerin, die marxistische Theoretikerin und Vertreterin des proletarischen Internationalismus, über die Antimilitaristin, die Kritikerin und Bewunderin Lenins, das Gründungsmitglied der KPD, die Spartakistin und Märtyrerin der Novemberrevolution von 1918. Wenig beachtet wurde in der Forschung bisher die Schriftstellerin Rosa Luxemburg und fast gänzlich unbeachtet blieb ihre umfangreiche und vielschichtige Arbeit als Übersetzerin.</p>



<p>Dass Rosa Luxemburg auch als herausragende Schriftstellerin Anerkennung finden sollte, hat als erster Karl Kraus gefordert. 1920 trug er in Berlin eine längere Passage aus einem Brief vor, den Luxemburg 1917 aus dem Breslauer „Weibergefängnis“ an Sophie Liebknecht geschrieben hatte. Noch nie habe auf seinen Lesungen ein Text solch tiefen Eindruck gemacht wie dieses „im deutschen Sprachgebrauch einzige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung“. Luxemburgs Brief gehöre in deutsche Schulbücher aufgenommen, „zwischen Goethe und Claudius“ (Kraus 1920: 5).</p>



<p>Auch wenn sich manch anderer Leser ihrer Gefängnisbriefe von deren sprachlichem Reichtum und der in ihnen erkennbar werdenden „anderen“ Rosa Luxemburg anrühren ließen (etwa Paul Celan oder Johannes Bobrowski), hat sich Kraus’ Forderung, sie als bedeutende Schriftstellerin ernst zu nehmen, nicht durchgesetzt. Die Beschäftigung mit ihrem Leben und Werk blieb auf das Politische fixiert (vgl. Badia&nbsp;<sup>2</sup>2002).</p>



<p>Der Revolution von 1918 verdankte Rosa Luxemburg das Ende ihrer seit April 1915 andauernden Haftzeit bzw. „Sicherheitsverwahrung“. Am 8. November 1918 wurde sie aus dem Gefängnis entlassen. Zwei Tage später war sie zurück in Berlin, wo sie, nach der Niederschlagung des Spartakusaufstands, am 15. Januar 1919 ermordet wurde.</p>



<p>Drei Jahre und vier Monate hat Luxemburg während des ersten Weltkriegs in Haftanstalten verbracht. Diese Zeit nutzte sie „zum Lesen, Denken und Schreiben“, wie es in einem ihrer ersten Gefängnisbriefe heißt (GB V, 51). Was sie in diesen Jahren gelesen, worüber sie nachgedacht und was sie geschrieben hat, wurde anhand ihrer in den Werkausgaben veröffentlichten Texte untersucht. Regelmäßig übersehen wird dabei jenes Buch, an dem sie vom Sommer 1916 bis zum Herbst 1918 gearbeitet hat: die 554 Druckseiten umfassende deutsche Version des zwischen 1906 und 1908 entstandenen ersten Bandes der Erinnerungen von Wladimir Korolenko.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="7"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup7">7</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="7">Gründlicher beschäftigt haben sich mit Rosa Luxemburg als Übersetzerin Erhard Hexelschneider (2004) und Andreas F. Kelletat (2016), speziell mit der Korolenko-Übersetzung auch Heinrich Riggenbach (1985).</span>&nbsp;Die 1919 bei Paul Cassirer in Berlin erschienene&nbsp;<em>Geschichte meines Zeitgenossen</em>&nbsp;wurde ebensowenig in Luxemburgs&nbsp;<em>Gesammelte Werke</em>&nbsp;aufgenommen wie ihre Prosa-Übersetzungen aus dem Französischen<span class="oes-note oes-popup" data-fn="8"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup8">8</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="8">Im Oktober 1914 übersetzte Luxemburg die Erzählung&nbsp;<em>Mateo Falcone</em>&nbsp;von Prosper Mérimée. Sie erschien – ohne Angabe ihres Namens – in drei Ausgaben der Zeitschrift&nbsp;<em>Für unsere Kinder. Beilage zur Gleichheit</em>: Nr. 6/1914, 41–43, Nr. 7/1914, 49–52 und Nr. 8/1915, 57–59; zur Entstehung vgl. GB V, 13. – Ein Jahr später, im Oktober 1915, folgte die Übersetzung eines Abschnitts aus&nbsp;<em>Les Dieux ont soif</em>&nbsp;von Anatole France, die 1916 ebenfalls in einer Beilage (<em>Für unsere Mütter und Hausfrauen</em>) der von Clara Zetkin herausgegebenen&nbsp;<em>Gleichheit</em>&nbsp;veröffentlicht wurde. Vgl. Hexelschneider 2004: 146 f.</span>. Dies zeugt von einer bestimmten Werk-Vorstellung der Herausgeber, einer Vorstellung, wonach Übersetzungen nicht zum Œuvre jener Personen gehören, die sie geschrieben haben.</p>



<p>Rosa Luxemburg war für übersetzerische Vorhaben gut gerüstet. Das ergibt sich aus ihrer Sprach- und Topobiographie: In ihrer aus der jüdischen Gemeinschaft stammenden, stark assimilierten Familie wurde Polnisch gesprochen und eifrig deutsche Literatur gelesen, vor allem Schiller. Die Schule besuchte sie in Warschau, Unterrichtssprache dort war Russisch. Schon mit neun Jahren soll sie russische und deutsche Gedichte ins Polnische übertragen haben (Nettl 1968: 67; Laschitza 2000: 25). Ihr Abiturzeugnis bescheinigte der 17-jährigen für die Sprachen Polnisch, Russisch, Deutsch und Französisch sehr gute Kenntnisse. Von 1889 bis 1898 lebte sie in Zürich, studierte dort in der Fremdsprache Deutsch, ging 1894 für ein Gastsemester nach Paris, kam 1898 nach Berlin, war 1905/06 für ein Dreivierteljahr in Polen, Russland und Finnland. Reisen führten sie zwischen 1900 und 1914 immer wieder von Berlin ins Ausland, etwa zu den Sozialistenkongressen in Paris, London, Amsterdam, Kopenhagen und Brüssel. Auf dem Stuttgarter Kongress (1907) dolmetschte sie auf einer Massenveranstaltung die Ansprache des französischen Antimilitaristen und Antinationalisten Gustave Hervé. Als Hervé den deutschen Genossen vorwarf, dass sie Angst vor dem Gefängnis hätten, unterbrach ihn zur allgemeinen Heiterkeit seine Dolmetscherin Luxemburg (die 1904 in Zwickau und 1906 in Warschau selbst im Gefängnis gesessen hatte) mit einem „Non!“ (Hirsch 1969: 81).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">Eine ähnliche Szene ist vom VI. Internationalen Sozialistenkongress in Amsterdam (August 1904) überliefert, auf dem Luxemburgs Opponent Jean Jaurès ziemlich spöttisch über Luxemburg sprach: „Als er seine Rede beendet hatte, war kein Übersetzer zur Hand. Da sprang Rosa auf und übertrug seine rhetorische Glanzleistung aus dem Französischen in ein ebenso vorzügliches Deutsch. Das war eine Geste von der Art –&nbsp;<em>vouloir</em>&nbsp;und&nbsp;<em>pouvoir</em>&nbsp;vereint –, wie sie die Zweite Internationale liebte (und wie man sie sich in Stalins Komintern einfach nicht vorstellen kann). Unter stürmischem Beifall dankte ihr Jaurès in wohlgesetzten Worten und meinte, daß ihre Solidarität stärker sei als alle Differenzen an der Oberfläche“ (Nettl 1968: 196).</span></p>



<p>Neben der Muttersprache Polnisch dürfte das Deutsche mit der Zeit ihre stärkste Sprache geworden sein, beide Sprachen benutzte sie für ihre Publikationen, Briefe schrieb sie auch auf Russisch und Französisch. Kenntnisse im Englischen muss sie nebenher erworben haben, für ihre Dissertation wertete sie bereits englische Fachliteratur aus, und später las sie eine Fülle englischer Romane im Original.</p>



<p>Noch während ihres Studiums hat Rosa Luxemburg mit der Arbeit als Redakteurin begonnen, zuerst für die 1893 bis 1896 im Pariser Exil produzierte Monatsschrift <em>Sprawa Robotnicza</em> („Arbeitersache“). Und gleich zu Beginn dieser Arbeit wird ein charakteristischer Zug ihres Wirkens erkennbar: Sie will ihre Leser auch über Vorgänge in anderen Ländern ins Bild setzen. „Ich will noch eine Spalte für kleine Notizen aus dem Französischen haben“, schreibt sie am 11. März 1894 aus Paris an ihren Mentor, Mitstreiter und langjährigen Geliebten Leo Jogiches (GB I: 15). Auch sonst ist in den auf Polnisch geschriebenen, oft mit russischen Einsprengseln durchsetzten Briefen an Jogiches häufig von Übersetzungen aus dem Französischen, Russischen und Deutschen die Rede. Am 12. März 1894 z. B. heißt es:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich habe beschlossen, […] zur Abwechslung die Übersetzung eines Artikelchens von [Jules] Guesde […] zu bringen und eine kleine Notiz über die Frauen zu schreiben. Zusammen eine Spalte. Das wird die Nummer beleben, nicht wahr? (GB I: 17)</p>
</blockquote>



<p>Kontinuierliches translatorisches Handeln prägt auch ihre Ende der 1890er Jahre einsetzende Mitarbeit an Zeitungen der SPD. Mit einer regelrechten Internationalisierungskampagne beginnt sie 1898 in der <em>Sächsischen Arbeiter-Zeitung</em>. Sie berichtet über die <em>Sozialdemokratische Bewegung in den litauischen Gouvernements Rußlands</em> (GW VI: 111–113), über das „kleinliche, gehässige System der Germanisierung“ im Posener Gebiet (GW VI: 117f.), mehrmals über die Dreyfus-Affäre in Frankreich oder über das <em>Wiedererscheinen sozialistischer Zeitungen in Italien</em> (GW VI: 169f.). Manche dieser Auslandsberichte sind überwiegend wortwörtliche Übersetzungen, etwa ihr Text <em>Der Sozialismus auf Guadeloupe</em> über den „Vollblutneger“ Jean Hégésippe Legitimus, durch dessen Wahl in die französische Nationalversammlung „der Sozialismus in der Kolonie festen Fuß gefaßt hat [und] zu einer Macht geworden ist“ (GW VI: 129). Luxemburgs Beitrag besteht zu 3/5 aus einer (von ihr als direktes Zitat kenntlich gemachten) Übersetzung eines in der <em>Reveil du Nord</em> erschienenen Artikels. Genauso verfährt sie in dem Bericht <em>Murawjew in Paris</em>, nur dass es dieses Mal keine französischen, sondern russische Zeitungstexte sind, aus denen sie für die <em>Sächsische Arbeiter-Zeitung</em> übersetzt (GW VI: 239f.). Gleich 9/10 des Beitrags <em>Antonio Labiola über Bernstein</em> wurden von ihr aus dem Französischen übernommen (GW VI: 262–265).</p>



<p>Umfang und Intensität dieser translatorischen bzw. kulturvermittelnden Aktivitäten sind bisher kaum wahrgenommen, geschweige denn analysiert worden, auch weil die entsprechenden Texte nicht gesammelt und ediert waren bzw. sind. Undeutlich bleibt daher bis heute, wie stark Luxemburg stets für mindestens zwei Adressatenkreise geschrieben hat, einen deutschsprachigen und einen polnischsprachigen. Für die in Krakau zwischen 1902 und 1910 erscheinende Monatsrevue&nbsp;<em>Przegląd Socjaldemokratyczny</em>&nbsp;hatte sie den Ehrgeiz, „in jeder Nummer einen Artikel der namhaften Vertreter der Auslandsparteien“ zu bringen (GB VI: 161) und oft war sie es selbst, die diese Texte übersetzte. Durch die Auswahl der Beiträger, der Themen und deren Perspektivierung wollte sie auch ihre eigenen Positionen innerhalb der SPD stärken, etwa in der Frage des Massenstreiks, des Revisionismus, des Kolonialismus, des Nationalismus usw.</p>



<p>Dass sie durch Herkunft und Bildungsgrad (promovierte Frau in einem Land, in dem das Frauenstudium noch nicht möglich war), durch ihre Vielsprachigkeit und gelebte Interkulturalität im patriarchalischen Milieu der deutschen Sozialdemokratie seit ihrem ersten furiosen Auftritt auf dem Stuttgarter Parteitag im Oktober 1898 eine ebenso bewunderte wie kritisch beäugte Ausnahmeerscheinung blieb – vgl. neben den Standardbiographien auch Brandt 1990 –, bedarf kaum weiterer Erforschung. Jedoch könnte ihr Gesamtwerk aus translationshistorischer Perspektive neu gesichtet werden. Es ließe sich dann fragen, was sie eigentlich wann für wen und mit welcher Absicht übersetzt hat. Hierfür muss mit einem relativ weiten (wenn auch nicht kulturwissenschaftlich-metaphorischen) Übersetzungsbegriff gearbeitet werden, schon weil sich z. B. in ihren Auslandsberichten die Grenzen zwischen wörtlicher Wiedergabe, Paraphrase und kommentierender Zusammenfassung nicht immer klar erkennen lassen.</p>



<p>Analoges gilt für ihre 1898 in Leipzig veröffentlichte Abhandlung <em>Die industrielle Entwicklung in Polen</em> (GW I: 112–216). Denn auch diese Züricher Dissertation ist ein Resultat umfangreicher translatorischer Tätigkeit. Ziel der Doktorarbeit war es, westeuropäische Wissenschaftler, aber auch Politiker mit der industriellen Entwicklung im „russische[n] Hauptteil Polens“ vertraut zu machen – ausgehend von der Grundannahme, „daß die politische Physiognomie, die historischen Schicksale eines Landes für uns ein Buch mit sieben Siegeln [sind], wenn wir nicht sein wirtschaftliches Leben mit allen sich daraus ergebenden sozialen Folgen kennen“ (GW I: 115). Und dieses „wirtschaftliche Leben“ wird von ihr für die Jahre 1850 bis 1896 aus einer Fülle polnischer und russischer Quellen dargestellt, aus „vielfach einander widersprechenden statistischen Werken, polemischen Broschüren, Zeitungsnotizen, offiziellen und nicht offiziellen Berichten“ (GW I: 116). Durch die nationalökonomische (und wie man aus heutiger Sicht hinzufügen müsste: auch kulturwissenschaftlich-diskursorientierte) Analyse kann sie die immer enger werdende Verflechtung zwischen der polnischen und russischen Industrie aufzeigen. Das politische Ziel der polnischen „Bourgeoisie“ sei keineswegs die nationale Unabhängigkeit, sondern „die völlige Verzichtleistung auf die nationale Freiheit für das Linsengericht der russischen Absatzmärkte“ (GW I: 194). Die Interessengleichheit der polnischen und russischen Unternehmer werde dann allerdings auch – so heißt es, gut marxistisch prophezeit – ein „Endresultat“ erzeugen, das</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>in gleichem Maße von der russischen Regierung, der polnischen Bourgeoisie und den polnischen Nationalisten außer acht gelassen wird: die Vereinigung des polnischen und des russischen Proletariats zum künftigen Syndikus bei dem Bankrott zuerst der russischen Zarenherrschaft und dann der polnisch-russischen Kapitalherrschaft. (GW I: 211)</p>
</blockquote>



<p>Für das letzte Kapitel ihrer Dissertation befasste sich Luxemburg mit den „ökonomischen Interessen Rußlands im Orient“, wo man „sich bereits auf den Weltmarkt hinauswagen und selbst den anderen kapitalistischen Nationen [England, Frankreich, Deutschland; AFK] auf fremdem Boden die Stirne bieten“ wolle (GW I: 198). Dass der Wettkampf der europäischen Mächte um globale Absatzmärkte schließlich in einen militärischen Konflikt, in einen weltweiten Krieg münden muss, sagt die Dissertation von 1898 noch nicht. Aber dieses Thema wird Luxemburg in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen, einschließlich der Frage, wie sich die europäischen Arbeiterparteien – mit dem Vorstand der mächtigen SPD an ihrer Spitze – angesichts dieser Bedrohung verhalten müssten.</p>



<p>Als es zum Schwur kam, in der Berliner Reichstagssitzung am 4. August 1914, wurde die jahrzehntelang hochgehaltene antikapitalistische und antinationalistische Losung von den Proletariern aller Länder, die sich gegen ihre Ausbeuter vereinigen sollten, beiseite geschoben. Damit war die „Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie“ besiegelt, „ein Unglück für die Menschheit“ – so Luxemburg in ihrer 1916 veröffentlichten&nbsp;<em>Junius</em>-Broschüre (GW IV: 49–164, hier 53), die die Mär von der „Verteidigung des Vaterlandes“ zu widerlegen versucht und den „chauvinistischen Rausch“, das „Delirium des Nationalismus“ (ebd. 119) beschreibt sowie den Preis benennt: „Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen“ (ebd. 163).</p>


<div class="oes-panel-container oes-panel-container-image" id="figure_2000622"><div class="oes-accordion-wrapper"><div class="oes-accordion-panel oes-panel active"><figure class="oes-panel-figure "><div class="oes-panel-image oes-modal-toggle"><div class="oes-panel-image-container oes-modal-toggle-container"><img decoding="async" id="oes-panel-image-center" src="https://uelex.de/wp-content/uploads/2021/12/download-7.jpg" alt=""><span class="fa fa-expand"></span></div></div><div class="oes-modal-container"><span class="oes-modal-close dashicons dashicons-no"></span><div class="oes-modal-image-container"><img decoding="async" class="oes-modal-image-2000622" src="https://uelex.de/wp-content/uploads/2021/12/download-7.jpg" alt="" id="oes-modal-image-center"></div><div class="oes-modal-content-text oes-modal-content-text-2000622 active"><div class="oes-modal-content-subtitle"></div><table class="oes-table-pop-up"><tr><th>Beschreibung</th><td>Umschlag der 1970 im Frankfurter März-Verlag erschienenen Ausgabe der Geschichte meines Zeitgenossen in der Übersetzung von R. Luxemburg</td></tr><tr><th>Datum</th><td>28. März 2022</td></tr></table></div></div><figcaption><div class="oes-panel-figcaption oes-panel-figcaption-2000622 active"><div class="oes-modal-figcaption-credit">Umschlag der 1970 im Frankfurter März-Verlag erschienenen Ausgabe der Geschichte meines Zeitgenossen in der Übersetzung von R. Luxemburg</div></div></figcaption></figure></div></div></div>


<p>Wie Nationalismus und Chauvinismus in das Denken und Fühlen eines einzelnen Menschen, eines sehr jungen zumal, einsickern können – das ist zentrales Thema in Korolenkos Erinnerungen. Aus der Perspektive des Kindes bzw. Gymnasiasten schildert er, wie sich „in meiner Seele ein ganz elementarer Kampf zweier verschiedener Strömungen ab[spielte]: der romantisch-nationalistischen und der realistisch-sozialen“ (Korolenko 1919: 462). Nicht zuletzt dieser Aspekt dürfte es gewesen sein, der die Anti-Nationalistin Luxemburg dazu gebracht hat, das Buch zu übersetzen. In ihrer Einleitung zur <em>Geschichte meines Zeitgenossen</em> schreibt sie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Korolenko ist eben seiner Abstammung nach Pole, Ukrainer und Russe zugleich, und schon als Kind mußte er dem Ansturm der drei „Nationalismen“ stand halten, von denen jeder ihm zumutete, „irgend jemanden zu hassen und zu verfolgen“. An der gesunden Menschlichkeit des Knaben scheiterten frühzeitig alle derartigen Versuchungen. Die polnischen Traditionen wehten ihn nur als letzter ersterbender Hauch einer geschichtlich überwundenen Vergangenheit an. Von dem ukrainischen Nationalismus fühlte sein gerader Sinn sich durch das Gemisch von maskeradenhaftem Geckentum und reaktionärer Romantik abgestoßen. Und die brutalen Methoden der offiziellen Russifizierungspolitik gegenüber den unterdrückten Polen wie den Unierten in der Ukraine waren eine wirksame Warnung vor dem russischen Chauvinismus für ihn. (Korolenko 1919: XXIX)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Das russische Original handelt zwar ausgiebig und in zahlreichen Abschnitten von dem starken Gegensatz zwischen Nationalem und Sozialem, aber dieser Gegensatz ist in der zitierten Textpassage nur in Luxemburgs Übersetzung explizit formuliert. Solche „Abweichungen“ vom Original dürften ein Spezifikum ihres als souverän zu charakterisierenden übersetzerischen Handelns sein.</span></p>
</blockquote>



<p>Die einzelnen Etappen der Übersetzungsarbeit, das Drängen des Verlags und immer neue Verzögerungen (auch durch die Postzensur) lassen sich aus Luxemburgs Briefen rekonstruieren. Das viele Hin und Her hatte allerdings auch mit ihren Zweifeln zu tun, ob sie wirklich für das Übersetzen eines so anspruchsvollen literarischen Werks hinreichend gerüstet sei.</p>



<p>Urteile über die Qualität literarischer Übersetzungen finden sich in ihrer Privatkorrespondenz häufiger: Die Übersetzung „eines alten französischen Sonettbüchleins durch Rainer Maria Rilke“ bewertete sie 1918 als „meisterhaft“ (GB V: 389). Von einer&nbsp;<em>Tyll Ulenspiegel</em>-Ausgabe heißt es, dass „diese Übersetzung […] ein großes Kunstwerk“ sei (GB V: 366), eine&nbsp;<em>Anna Karenina</em>-Übersetzung hingegen fand sie „haarsträubend“ und sie holte dann auch noch, im November 1915, zu einem heftigen Rundumschlag aus:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was ich irgend an Übersetzungen aus der russischen Literatur gelesen habe, es war immer ein arger Schund, denn diese Übersetzungen werden meist von russischen Hungerleidern mosaischer Konfession ausgeführt, die sich als solche einbilden, die deutsche Sprache zu kennen, dabei aber literarisch völlig ungebildet sind. (GB V: 88)</p>
</blockquote>



<p>Literarische Unbildung, Nicht-Vertrautsein mit dem in der deutschen Literatur entwickelten Ausdrucksrepertoire, konnte man Luxemburg nicht nachsagen. Man mag zwar verblüfft sein über einzelne Lektüre-Lücken („Thomas Mann? Ich kenne noch nichts von ihm.“ 18. Februar 1917; GB V: 180) oder über ihre Ablehnung der Kunst der Moderne in Literatur und Malerei, aber mehr doch erstaunt (zumindest aus heutiger Sicht), was sie fortlaufend an literarischer Höhenkamm-Literatur auf Deutsch, Polnisch, Russisch, Französisch und Englisch gelesen hat und an Gelesenem parat hatte. Trotz dieser immensen Belesenheit und der aus ihr resultierenden literarischen Bildung hatte sie den Wunsch, ihre Korolenko-Übersetzung von Muttersprachlern gegenlesen zu lassen. Genutzt wurde dazu ein Freundes-Netzwerk, für dessen Funktionieren ihre Sekretärin Mathilde Jacob zuständig war. Am Ende allerdings wurde ihr die redigierende Zuarbeit der Freunde Luise Kautsky, Franz Mehring und Hans Diefenbach zu viel, sie wollte die Alleinherrschaft über ihr Werk zurückhaben. Ende Mai 1918 schrieb sie an Luise Kautsky:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nun zu Korolenko […] Mit ist plötzlich klargeworden, daß ich es nicht zugeben darf, daß noch jemand an dem Manuskript feilt! Der Gedanke ist mir unerträglich, daß ich unter meinem Namen eine Arbeit herausgeben soll, die nicht bis zum Tipfelchen über dem i mein ist […] Ich will herauskommen telle quelle – mit allen Slawismen und sonstigen Schönheitsfehlern. Also bitte […] gib einfach den ganzen Kram […] an Cassirer zum Druck und vogue de la galère […] (GB V: 390f.)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="11"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup11">11</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="11">Von „einigen liebenswürdigen Fehlern der Übersetzerin“ Luxemburg spricht die erfahrene Russisch-Übersetzerin Heddy Pross-Weerth in ihrer Rezension der 1970 in Frankfurt am Main erschienenen Neuausgabe des Korolenko-Buches.</span></p>
</blockquote>



<p>Der Name Korolenko wird in Luxemburgs Briefen am 9. August 1918 zum letzten Mal erwähnt, als sie Mathilde Jacob mehrere aus der Berliner Königlichen Bibliothek entliehene Bücher zurücksandte. Diese Bücher hatte sie für den im Juli 1918 entstandenen Einleitungs-Essay benötigt, in dem sie nicht nur Korolenkos Gesamtwerk und seinen Ort in der russischen Literatur zu beschreiben versuchte, sondern auch „das fein vibrierende soziale Gewissen“ (Korolenko 1919: XX) als Grundzug der russischen Literatur insgesamt charakterisierte. Wie stark dieser umfangreiche Essay durch den Blick auf aktuelle politische und soziale Entwicklungen (Stichwort: Russische Revolution) geprägt ist, zeigt ihr Vergleich zwischen Korolenkos Kindheits- und Jugenderinnerungen und Gorkis (1917 bei Ullstein in deutscher Übersetzung erschienener)&nbsp;<em>Meine Kindheit</em>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[…] nur wer Gorkis Lebenserinnerungen gelesen [hat], kann seinen [des russischen Proletariats; AFK] wunderbaren Aufstieg aus dieser sozialen Tiefe zur vollen Sonnenhöhe moderner Bildung, genialer Kunst und einer wissenschaftlich fundierten Weltanschauung ermessen. Auch darin sind Gorkis persönliche Schicksale symbolisch für das russische Proletariat als Klasse, das sich mitten aus dem Rauhen und Krassen der äußeren Unkultur des Zarenreiches durch die harte Schule des Kampfes in erstaunlich kurzer Zeit von zwei Jahrzehnten zur geschichtlichen Aktionsfähigkeit emporgearbeitet hat. Sicher ein unbegreifliches Phänomen dies für alle Kulturphilister, die gute Straßenbeleuchtung, pünktlichen Eisenbahnverkehr und saubere Stehkragen für Kultur sowie fleißiges Klappern der parlamentarischen Mühlen für politische Freiheit halten. (Korolenko 1919: LII)</p>
</blockquote>



<p>Der Abschnitt enthält ex negativo auch alles, was Luxemburg an der Führung der deutschen Sozialdemokratie zu kritisieren hatte: deren Nicht-Bereitschaft zum Kampf und zur Aktionsfähigkeit (Stichwort: Ablehnung des Massenstreiks, Bewilligung der Kriegskredite), deren Auffassung, auf parlamentarischem statt revolutionärem Weg die Interessen der Arbeiter durchsetzen zu können (Stichwort: Revisionismus) und deren nur noch rhetorische aber nicht mehr das tägliche politische Handeln leitende Ausrichtung an einer „wissenschaftlich fundierten Weltanschauung“ (Stichwort: faktische Leugnung des „Endziels“ Sozialismus und Akzeptieren des kapitalistischen Systems). Spürbar wird schließlich, wie fremd ihr – bei aller Bewunderung für die deutsche Höhenkamm-Kultur – die Deutschen und ihre Marotten (Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit usw.) geblieben waren. Wie ein Echo klingt ihr Spott über die „Kulturphilister“ auf das, was sie genau 20 Jahre zuvor, in einem ihrer ersten Briefe aus Deutschland, für Leo Jogiches formuliert hatte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Hab keine Angst, ich werde mich hier schon nicht germanisieren, ich hasse Berlin und die Schwaben [ = Deutsche; AFK] aus ganzer Seele, der Schlag soll sie treffen. Aber deutsch quassele ich schon wie Bismarck selbst. (GB I: 131)</p>
</blockquote>



<p>Die Veröffentlichung der&nbsp;<em>Geschichte meines Zeitgenossen</em>&nbsp;wurde am 11. Dezember 1918 im&nbsp;<em>Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel</em>&nbsp;angekündigt (Feilchenfeldt/Brandis&nbsp;<sup>2</sup>2005: 277f.)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="12"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup12">12</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="12">Dort auch bibliographisch exakte Angaben zur Druckgeschichte der 1. und 2. Auflage sowie zur Aufnahme einzelner Kapitel der Einleitung bzw. der Korolenko-Übersetzung in Almanache und Zeitschriften des Cassirer-Verlags.</span>, aber die Auslieferung des Buches verzögerte sich bis Ende März 1919, Rosa Luxemburg hat sie nicht mehr erlebt. Wie ihre Korolenko-Übersetzung in der Weimarer Republik rezipiert und unter welchen Bedingungen bzw. in welchen Kontexten die&nbsp;<em>Geschichte meines Zeitgenossen</em>&nbsp;nach 1945 mehrfach neu herausgegeben wurde – bis zu ihrem Ritterschlag durch die Aufnahme in die Weltliteratur-Bibliothek des Züricher Manesse-Verlags 1985, bleibt noch zu klären, ebenso die Frage, wie genau Rosa Luxemburg beim Übersetzen mit ihren jeweiligen Prätexten verfahren ist.</p>
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