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	<title>Freiburg im Breisgau &#8211; UeLEX</title>
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	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
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		<title>Bergmann, Wolf 1904–1972</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/bergmann-wolf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 10:54:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Wolf Bergmann war ein Freiburger Germanist und Dichter, der zusammen mit seiner jüdischen Frau mit Unterstützung von Albert Schweitzer ins Exil ging und mit ihr 1937 nach Funchal auf Madeira gelangte. Dort schlug er sich als Sprachlehrer durch und fertigte gelegentlich Übersetzungen aus dem Französischen oder ins Englische an. Vor allem aber schrieb er weiterhin [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Porträt entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts <em><a href="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025" data-type="link" data-id="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025">Post-Exil: Trans (2025-2027)</a></em>.</p>


        </p>
    </div>


<p>Wolf Bergmann war ein Freiburger Germanist und Dichter, der zusammen mit seiner jüdischen Frau mit Unterstützung von Albert Schweitzer ins Exil ging und mit ihr 1937 nach Funchal auf Madeira gelangte. Dort schlug er sich als Sprachlehrer durch und fertigte gelegentlich Übersetzungen aus dem Französischen oder ins Englische an. Vor allem aber schrieb er weiterhin Gedichte auf Deutsch und unterhielt Verbindungen zu evangelischen Kreisen in Deutschland und Freunden wie dem Maler Ludwig Meidner und dem Romanisten Ernst Robert Curtius oder dem französischen Germanisten Robert Minder. In Lissabon wurde er 1960 zum Leiter des Goethe-Instituts, bei dem er, als es noch Instituto Alemão hieß, bereits seit 1954 als Lehrer und Leiter der Sprachkurse sowie im Kulturprogramm tätig war. In Vorträgen beschäftigte er sich mit Übersetzungen aus dem Portugiesischen und trat in der Nachkriegszeit mit einer Auswahl portugiesisch-sprachiger Gedichte für die Schweizer Zeitung <em>Die Tat</em> auch selbst als Übersetzer hervor.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Lebensweg</strong></h2>



<p>Wolf Bergmann (1904–1972) wurde in Freiburg geboren und wuchs dort und in Straßburg auf.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Er hat dann Ger­mani­stik, Romanistik und Ge­schichte in Freiburg, Berlin, Paris, später in Würzburg studiert. Würz­burg, Fran­ken, war für ihn noch einmal eine prägende Erfah­rung. Eine umfangreiche Doktorarbeit über Georg Heym wurde 1933 von dem Frankfurter Litera­turwissenschaftler, Prof. Dr. Paul Schultz, angenom­men. Zur mündli­chen Prü­fung kam es nicht mehr, da ihm die Sensibi­lität für die politische Situation das Leben in Deutschland unmöglich machte. Die enge Freundschaft mit einer Jüdin, Charlotte Ma­nasse, be­stärkte ihn in seiner Besorg­nis. Er verließ Deutsch­land. Rom, das heimatliche Elsass, Basel waren die ersten Sta­tionen des Exils. 1936 in Hüningen im Elsass heirate­ten er und Char­lotte, die, inzwischen pro­movierte Augen­ärztin, eben­falls in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte. Kirchlich ge­traut wurden sie im Basler Münster von Eduard Thur­neysen, dem Karl Barth ver­bundenen späteren Theologie­professor, mit dem Wolf Bergmann sich angefreundet hatte.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mit Hilfe Albert <em>Schweitzers</em> gelang Anfang 1937 die Auswanderung nach Madeira. Dort musste das Ehepaar in bescheidensten Verhältnissen leben. Dank der portu­giesi­schen Aus­länderbehörde war die Aufenthaltsbewil­li­gung zu kei­nem Zeitpunkt ein Problem. Allerdings war es für die Ehe­frau nur kurze Zeit möglich, als Augen­ärztin zu prak­tizie­ren, da ihr die portugiesischen Examina fehlten. Sie nachzuholen, war nicht finanzierbar. Den Lebensunterhalt ver­diente sich das Ehepaar mit Sprachunter­richt. Freundschaften mit Portugie­sen und Ausländern entstan­den. Die Schottische Kirche in Funchal war ein regelmäßi­ger Kontakt. Trotz­dem war die geistige Isolierung von Deutschland und der Ab­bruch der Beziehung zu vielen Freunden eine bittere Exils­erfahrung. [sic!] Der Zusammen­bruch der deut­schen geisti­gen Traditionen und aller Werte in dem verbrecherischen na­tionalsozialisti­schen Regime haben Wolf Bergmann tief erschüttert. 1941 wurde beiden die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen,</p>
</blockquote>



<p>schrieb Georg Laitenberger, von 1974 bis 1986 Pastor der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde von Lissabon, in der <em>Portugal-Post</em> Nr. 25 der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft (Laitenberger 2004: 6a).</p>



<p>Zu Albert Schweitzer führte Charlotte Bergmann in ihren Erinnerungen aus, dass dieser mit ihrem Vater, einem Würzburger HNO-Arzt, befreundet war und ihr und ihrem Mann daher beratend und finanziell zur Seite stand und die beiden auch nach dem Krieg auf Madeira besuchte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Laut telefonischer Auskunft des Deutsch-Portugiesen Bernardo Jerosch Herold, der mit Bergmann befreundet war und seinen Nachlass aufbewahrte, hat Schweitzer dem Ehepaar einen Koffer mit der Aufschrift <em>Lambarene</em> geschenkt, der sich im Besitz von Jerosch Herolds Tochter befindet.</span> Zu seiner Sprachbiographie bemerkt sie, dass Wolf Bergmann sich im Selbststudium Englisch beigebracht hatte und dies auf Madeira fortsetzte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wolf, der als Humanist nur Griechisch, Latein und Französisch gelernt hatte, büffelte fleissig die englische Sprache, ich half ihm bei der Aussprache. Abgesehen davon machte er täglich eine Stunde Latein und Griechisch, „um nicht zu verdummen“. (Bergmann o. J.: 19)</p>
</blockquote>



<p>Sie beschreibt, wie das Ehepaar die örtliche Schottische Kirche auch nach Kriegsausbruch weiter besuchen konnte. 1941 seien sie ausgebürgert worden, um dieselbe Zeit hätten sie die Kinder der englischen „evacuees“ aus Gibraltar in verschiedenen Fächern unterrichtet und sich so über Wasser gehalten (ebd.).</p>



<p>Nach Kriegsende habe ihr Mann Berufungen als Germanist an deutsche Universitäten aufgrund seines Anti-Nazitums abgelehnt und Deutschland erst 1952 wieder besucht, wo er in Bonn den SPD-Juristen Arndt und seinen alten Lehrer und guten Freund Ernst Robert Curtius getroffen habe. Sie selbst hatte zuvor den bedeutenden Maler und Freund Ludwig Meidner, der Wolf Bergmann in den 1920er Jahren porträtiert hatte, in London besucht, ihr Mann war dafür zu krank gewesen.</p>



<p>Bis zum Anbruch seines Exils konnte Bergmann bei dem zunächst in Straßburg und dann in Leipzig ansässigen Heitz Verlag einen Band <em>Verse und Gedichte</em> (1930), <em>Sechs Sonette und andere Gedichte</em> (1934) und <em>Das Waldhaus. Gedichte</em> (1936) veröffentlichen. Wie er an Heinrich Hassmann, mit dem er bis kurz vor seinem Tod korrespondierte, am 11. Mai 1936 aus seinem Basler Exil schrieb, sah er sich als Dichter in einer Tradition, die bewusst die lauten Töne vermied:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Und dazu strebe ich eine beruhigende, ganz bewußt ins Kleine und Freundliche gehende Kunst an. Mit George und auch Rilke, mit allen Größenwahnsinnigen und Dunklen, allen Wilden und Tragischen, allem Aufsuchen stürmischer oder qualvoller Dinge, habe ich nichts mehr zu tun. Wenn ich lese, lese ich fast nur noch Rückert, und außer Goethe oder Stifter habe ich in der deutschen Dichtung kaum noch Götter. Meine Rückert-Verehrung zieht naturgemäß eine Beschäftigung mit dem Gedanken der Weltliteratur nach sich, und von des fränkischen Meisters freundlich-stillen Genius lasse ich mich wieder leiten ins nahe und ferne Morgenland, nach Persien, Indien und bis nach China. Behutsam bin ich darauf bedacht, daß es dabei ja immer so zugehe, den Blick vom Freundlichen nicht abgehen zu lassen und den Glauben ans Gütige in irdischer Welt nicht zu versuchen. (Hassmann 1984)</p>
</blockquote>



<p>1948 bot Bergmann dem Verleger Ernst Bauer seine Gedichte zur Veröffentlichung in dessen nach dem Krieg in Ulm gegründeten Aegis-Verlag an. Ohne Erfolg. Allerdings verband Bauer seine Absage mit der Anfrage, ob Bergmann stattdessen für ihn Prosa aus Portugal auswählen und übersetzen wolle:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Erlauben Sie mir nun noch einige Fragen. Haben Sie, sehr geehrter Herr Bergmann, niemals Prosa geschrieben? Vielleicht bestünden auf diesem Gebiet bessere Möglichkeiten. – Ausserdem bringen wir hier im Verlagsrahmen seit zwei Jahren eine Zweisprachenreihe heraus, in der bis jetzt etwa 40 Bändchen [sic! bis Ende 1948 lagen bei Aegis 32 vor, SB] zweisprachig mit klassischen französischen, englischen, italienischen, russischen und spanischen Texten erschienen sind. Polnische, tschechische, schwedische, dänische Texte befinden sich in Vorbereitung. Portugiesische sind geplant, oder besser vorgesehen, doch haben wir das Geeignete noch nicht gefunden. Was wir brauchen, sind Novellen, möglichst von Autoren, bei denen die Schutzfrist (wegen devisen- und urheberrechtlicher Schwierigkeiten) verstrichen ist, d. h. also solche, die vor mehr als 50 Jahren gestorben sind. In Betracht kommen nur wirklich gute Werke mit einer straffen, gefälligen Handlung und einem Stil, der in klares Hochdeutsch leicht übertragen werden kann. Können sie uns nicht in dieser Beziehung einige Vorschläge machen?<span class="oes-note oes-popup" data-fn="11"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup11">11</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="11">Bauer, Ernst (1948): Brief an Wolf Bergmann in Funchal auf Madeira (Nachlass im Privatbesitz von Joachim Bauer, Laichingen)</span></p>
</blockquote>



<p>Daraus wurde jedoch nichts. Möglicherweise ging der Brief verloren, denn er findet sich an keiner Stelle in Bergmanns verstreutem Nachlass. 1951 konnte Bergmann die Gedichte, deren Titel <em>Atlantische Landschaft</em> die Entstehung im und den Einfluss des Exils verrät, im Hamburger Ellermann Verlag veröffentlichen.</p>



<p>1954 wurde er am Instituto Alemão in Lissabon zunächst Deutschlehrer und zwei Jahre später Leiter der Deutschkurse für Erwachsene, 1960 folgte er dem ersten Direktor Manfred Kuder nach. Ab etwa 1962 wurde das Instituto dem Goethe-Institut unterstellt, dessen erster Leiter er somit war (Laitenberger 2004b). An dieser Wirkungsstätte pflegte Bergmann Kontakte zur örtlichen Technischen Hochschule, organisierte ein Kulturprogramm und hielt Vorträge zur deutschen Literatur. „Er war nicht mehr nur Emigrant, der Asyl brauchte, sondern musste in der politischen Situation der späten Salazarzeit öffentlich wirksam werden“, schrieb Georg Laitenberger anlässlich einer Gedenkfeier zu seinem 100. Geburtstag. Laitenberger zitiert aus einem Brief Bergmanns, der die Nelkenrevolution ja nicht mehr erleben sollte und die Erbschaft der Salazar-Zeit als „schwere Last“ beschrieb. Bergmann fragte sich, ob die von Caetano geweckten Hoffnungen und Erwartungen, „zu entfernen, was das Land mit Apathie lähmte“, eingelöst werden würden. Für Laitenberger bewies er damit „wieder etwas von der politischen Sensibilität, die ihn nie verlassen hat“. Über eine spätere Kritik an Bergmann seitens seines Nachfolgers Curt Meyer-Clason äußerte sich Laitenberger empört:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Leider schien der Nachfolger von W.B. in der Institutsleitung, Curt Meyer-Clason, zu denen zu gehören, die die eigene Verstrickung dem Emigranten übelnehmen und ihm die Glaubwürdigkeit, die der Emigrant durch Gradlinigkeit und Eindeutigkeit der Lebensentscheidung gewonnen hat, nicht verzeihen können. In einer Veröffentlichung (<em>Portugiesische Tagebücher</em>, S. 18–22) hat er W.B. und seine Arbeit als Institutsleiter posthum karikiert, für den unkundigen Leser geistreich-originell klingend, aber in Wahrheit nur den Eindruck der eigenen uninformierten, unsensiblen und ungebildeten Arroganz erweckend.“ (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Bergmanns Verhältnis zu den Deutschen in Portugal seinerseits war zwiespältig, wie er gegenüber seinem Freund Heinrich Hassmann in einem Brief vom 24. März 1967 aus Lissabon ausführte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Meine Position hier ist recht sonderbar: So komme ich mit Leuten, die einmal ausgesprochene „Parteileute“ waren, mehr als gut aus und werde eigentlich von diesen weitaus besser verstanden als von ehemaligen „Mitläufern“.</p>



<p>Letzte nehmen mir ihr Mitläufertum sehr übel. Die mildeste Form ihrer Verwirrtheit mir gegenüber ist, daß ich ihnen schillernd vorkomme, weltfremd usw. Die Art, sich an mir dafür schadlos zu halten, daß sie sich damals erniedrigen mußten, ohne zu den Veranstaltern gehören zu können, ist die häufigste. Mitläuferei ist eben etwas sehr Arges. Daß mein nationales Gewissen ruhig sein kann, das versetzt sie in eine gar schlimme Haltung. Würden sie kennen, was in Gerhard Nebels Buch „Portugiesische Tage“ über mich zu lesen steht, wäre es für mich noch ärger: dort figuriere ich als „Montanus“, wohl etwas zu positiv beschrieben, als Schicksal aber ganz richtig erkannt.</p>
</blockquote>



<p>Gerhard Nebels Buch <em>Portugiesische Tage</em> erschien 1966 in Hamburg. Darin lobte er die Portugiesen für ihr Ausharren in den afrikanischen Kolonien, da die Bewohner dort sonst in ihre vorherige Anarchie zurückverfielen (Nebel 1966: 14). In dem Kapitel „Saudade“, in dem die Begegnung mit Bergmann geschildert wird, bedauert Nebel die Abspaltung Portugals von den überlegenen Spaniern und sucht die Mentalität des Landes in Rasse-Begrifflichkeiten zu fassen. Immerhin schilderte Nebel, der in einem Brief vom 9. Juni 1962 an Bergmann dessen Gedichte etwas arrogant als von Theodor Däubler beeinflusst bezeichnete,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="12"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup12">12</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="12">„… die Herkunft von Däubler ist anzumerken, aber es fehlen die Däublerschen Schlacken. Däubler schien ja doch ganz kritiklos gegen sich zu sein, man musste die Edelsteine aus einer Halde auflesen. Dagegen welche zarte Kraft in Ihren Bildern – ich bin ganz begeistert, welche Herzensreinheit!“</span> Bergmann unter dem Spitznamen Montanus freundlicher als <a href="https://uelex.de/uebersetzer/meyer-clason-curt/" data-type="uelex_article" data-id="2000502">Curt Meyer-Clason</a>, der ihm kurz vor seinem Tod begegnete und unterstellte, kein Interesse am Gastland zu haben und zum Organisieren eines Kulturprogramms zu eigenbrötlerisch zu sein (vgl. Meyer-Clason 1979).</p>



<p>Doch Bergmann, von dessen Kulturprogramm noch die Rede sein wird, führte seine Arbeit als Kulturvermittler trotz seiner Skepsis gegenüber dem Salazar-Regime fort und blieb auch nach seiner Pensionierung im Jahr 1969 bis zu seinem Tod 1972 weiter in Portugal, wo er auf dem Deutschen Friedhof Lissabons beerdigt wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vorträge, Gelegenheitstranslation, Übersetzungspoetologie und Korrespondenz</strong></h2>



<p>Auf Madeira war Englisch zur Unterrichtssprache der Bergmanns geworden, und Wolf Bergmann hatte in diesem Zusammenhang auch aus dem Deutschen in diese zweite Sprache seines Exils übersetzt, wie er Heinrich Hassmann am 3. Januar 1947 schilderte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Prosa in einem dichterischen Sinne habe ich nicht geschrieben, es sei denn, man nehme zwei Vorträge als eine solche; diese aber waren nicht nur in englischer Sprache abgefaßt, sondern hatten auch halbwissenschaftlichen Charakter.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich bekam plötzlich Lust zu solchen Sachen, als im Jahre 1944 jene deutschen Offiziere das Land von seinem Unterdrücker befreien wollten. Die Vorträge hießen: „Hölderlin, a myth of purity“ und „What is a Lied?“ Beides vollzog sich in einer sehr feierlichen Umgebung mit Kerzenbeleuchtung und nachfolgendem Supper, eben so, wie englische Menschen derlei gerne vollzogen sehen.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Eine Schülerin von mir, selber von engelhaft-hölderlinschem Aussehen, sagte im Hölderlin-Vortrag einige von dessen Oden und Hymnen, die ich ins Englische übersetzt hatte, her.An Übersetzertätigkeit habe ich überhaupt Einiges hinter mich gebracht, nämlich drei Geschichten von Adalbert Stifter, die ich in Gemeinschaft mit einer hierfür hochbegabten englischen Schülerin übertrug; diese Arbeiten werden momentan in England begutachtet und sind bereits für eine Publikation aussichtsreich beurteilt worden. Dieselbe Schülerin übersetzt jetzt selbständig, nur kontrolliert von mir, den so wichtigen und mehr als zeitgemäßen „Abdias“ von Stifter.&nbsp;</p>
</blockquote>



<p>In Lissabon hielt Bergmann auf Deutsch Vorträge zu verschiedenen Themen, darunter auch zum Übersetzen: „Georg Heym“ (über dessen Lyrik hatte er promoviert), „Deutsche Prosa aus dem 20. Jahrhundert“, „Die Texte in Carl Orffs<em>Trionfi</em>&nbsp;–&nbsp;<em>Catulli Carmina</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Trionfo di Afrodite</em>“, „Aus der Dichtung des Barock“, „Reinhold Schneider – Gedenkstunde anl. seines Todes“, „Otto von Taube, ein deutscher Dichter und Camoes-Übersetzer“ (Kuder 1960).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="13"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup13">13</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="13">Das Typoskript eines Berichts, den Manfred Kuder 1960 verfasst hat, in dem Bergmanns Vorträge aufgelistet sind, wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Berliner Historikerin Annette Godefroid, die Teile des Archivs der Bartholomäus-Bruderschaft der Deutschen in Lissabon digitalisiert hat.</span></p>



<p>Im Vortrag zu Taubes 80. Geburtstag würdigt Bergmann Leben und Werk des baltischen Dichters, der wie er selbst in der Nachkriegszeit in der evangelischen Zeitschrift&nbsp;<em>Eckhart</em>&nbsp;veröffentlichte und der&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>den Verlust der Heimat und die Vernichtung von Vorrechten aus der Geburt frühzeitig hinnehmen mußte. Auch dies ließ ihn Schicksal, Geschichte und Recht immer wieder befragen. (Bergmann 1959)</p>
</blockquote>



<p>Dies waren Themen, die auch Bergmann selbst im Exil umkreiste. Für Bergmann hatte sich in Taubes estländischer Heimat trotz der Zugehörigkeit zum Russischen Imperium der Geist des deutschen Mittelalters und eine spezifische Liebe zum Süden und zur Latinität erhalten. Auf diese war Bergmann im eigenen Exil getroffen&nbsp;und an ihr hielt er fest. Es&nbsp;magauch etwas von Überlegungen zum eigenen Lebensweg und der Entscheidung für Geisteswissenschaft, Poesie und Übersetzung mitschwingen, wenn Bergmann Taubes Abkehr von der juristischen Laufbahn beschreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Fioretti des Heiligen Franz hatte er in seinen Referendarjahren übersetzt und auf einem Kongreß in Assisi den Beifall der Franziskusforscher erhalten. Da jetzt eine in ihm brennende ‚Hochglut des Lyrischen‘ nach Ausdruck verlangte, entschloß er sich, den Staatsdienst aufzugeben. (ebd.)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Die&nbsp;<em>Fioretti</em>&nbsp;wurden auch für die oben erwähnte Aegis-Zweisprachenreihe übersetzt, und zwar von Edmund Th. Kauer als Band 15 (1947).</span></p>
</blockquote>



<p>Neben den Romanen hebt Bergmann Taubes Übersetzungen hervor und erwähnt dabei dessen Freund und Weggefährten Reinhold Schneider, der zum christlich-konservativen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gerechnet wird. Mit ihm, ebenso wie mit Taube, hatte Wolf Bergmann, wie aus seinem Nachlass hervorgeht, über viele Jahre hinweg korrespondiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nicht zufällig ist im Leben des Dichters [Otto von Taube] seine Freundschaft mit Reinhold Schneider ein an geistigen Bezügen bedeutender Tatbestand. Und wie wir nicht aufhören können, dem von uns gegangenen Alemannen dafür dankbar zu bleiben, daß er in von Tiefsinn erfüllten Büchern Portugals Geist dem deutschen Bewußtsein nahebrachte, haben wir es dem Balten Otto von Taube zu danken, daß er mit seinen Camoesübersetzungen der deutschen Liebe zu Portugal ein Denkmal errichtete, wie es vorher nicht bestanden hatte. (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Taubes Übersetzungspoetik erläutert Bergmann so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was den Übersetzer leitete, ist dieses: der Inhalt muß möglichst genau, aber ebenso dem Geiste nach da sein. Das verlangt Ernst bis ins Kleinste des Technischen, dann das Entscheidende an Tonfall und Rhythmus, das nur aus dem Seelischen kommen kann. Wortstellung und Satzeinteilung werden so gewahrt, daß sich auch ungewohnte syntaktische Figuren behaupten. Es ist poetisches Deutsch, woraus Eigentümlichkeiten fremder Herkunft und anderer Zeit hervorschimmern. (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Bergmann war wichtig zu betonen, dass Taubes Übersetzungen nichts Museales hätten, sondern „lyrisches Fluidum“, „lyrischen Schwung“ und „kräftige Anschaulichkeit“, und er gab Übersetzungsbeispiele dafür,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>wie der gedankliche Inhalt eines vielleicht weniger bekannten Textes […] auch im Deutsch eines Mannes wie Otto von Taube lyrisch zu schwingen vermag. Es handelt sich um das Thema der Linderung des Schmerzes durch Schmerz. Wie in der Vorlage sind auf die aneinandergereihten Substantiva kräftigste Akzente gesetzt, sie sind nicht hergezählt im Sinne des Metrums, sie haben rhythmischen Drang. (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Bergmann korrespondierte, wie aus seinem Nachlass im Deutschen Literaturarchiv hervorgeht, außerdem bereits seit 1937 mit René Schickele und besonders häufig mit dem französischen Germanisten Robert Minder, der damals an der Universität von Nancy lehrte, und tauschte sich auch mit diesem über die portugiesische Sprache und ebenfalls über den Renaissancedichter Camões aus.</p>



<p>In einem Französisch verfassten Brief vom Dezember 1946 fragt Minder an, ob er Bergmanns Gedichte an Alfred Döblin zur Veröffentlichung in dessen Literaturzeitschrift schicken dürfe.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Minder erzählte Bergmann auch von einer Begegnung mit Alfred Döblin 1937 in Paris. Nach dem Krieg setzte sich die Korrespondenz mit Minder fort. Minder schrieb Bergmann am 16. Februar 1946 einen Brief nach Funchal in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch über seine Scheidung und dass er nochmal Döblin getroffen habe, „un homme fier et charmant“, der jetzt in Baden-Baden sei. Er selbst habe sich einige Monate lang verstecken müssen, weil man ihn gesucht habe.</span></p>



<p>Und am 27. Mai 1950 bittet er Bergmann um einen Beitrag für die Zeitschrift&nbsp;<em>Nouvelle Revue Litteraire</em>, den er übersetzen lassen wolle. Mit einer Postkarte vom Juli bedankte er sich bei dem Verfasser:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Absolut der richtige Ton: einfach, tief, echt. Ich danke Dir tausendmal. ‚Hommage à C.‘ wird erst anfang Okt. erscheinen: die Zeit dafür erwies sich als ungünstig im Juli, wo alles schon in Ferien ist.</p>
</blockquote>



<p>Bergmann hielt den Kontakt zur Literaturwissenschaft und auch zu deutschen Intellektuellen aufrecht, darunter sein Weggefährte, der Romanist Ernst Robert Curtius. Dieser stellte ihm am 1. September 1952 ein Empfehlungsschreiben aus, in dem er seine Freundschaft mit Bergmann seit 1927 bekräftigt und von der gemeinsamen deutsch-elsässischen Herkunft spricht, aus der beider Bemühen um die deutsch-französische Verständigung rühre. Er habe Bergmanns Sprach- und Literaturstudien und seine schriftstellerische Produktion über all die Jahre verfolgt.</p>



<p>Auch mit dem bereits erwähnten Reinhold Schneider und Schriftstellern in Deutschland und der Schweiz korrespondierte Bergmann.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Ab den 1960er Jahren auch mit den Schriftstellerinnen und Schriftstellern Ilse Aichinger und Günter Eich, Thea Sternheim, Karl August Horst, Siegfried Lang, Peter Huchel und Hans Erich Nossack.</span> Schneider bescheinigte Bergmanns Gedichten, im metaphorischen Sinne Übersetzungen zu sein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Sie bringen aus Madeira der deutschen Sprache und Anschauungswelt Geschenke, derengleichen sie meines Wissens noch nie empfangen hat. Es spricht nur für die Gedichte, dass sie sich nicht so leicht erschliessen, dass man sie mehrmals lesen möchte, um sie sich zu gewinnen. Die Verbindung der antiken mit der atlantischen Welt ist Ihnen gelungen. Es ist eine Geistestat. Und da Sie etwas neues geleistet haben, so wurde Ihnen auch ein neuer Klang geschenkt. (18. Oktober 1956)</p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Übersetzer und Vermittler portugiesischsprachiger Lyrik</strong></h2>



<p>Zumindest in einem Fall hat Bergmann im Post-Exil auch im wörtlichen Sinne übersetzt,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="17"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup17">17</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="17">Zuvor hatte er auch schon einmal aus dem Französischen übersetzt. Am 23. Dezember 1933 teilte Bergmann seinem Freund Heinrich Hassmann mit: „Im Auftrag meines Vetters in Rom übersetze ich ein schönes und herrliches Werk ‚Die Poesie des Quatrocento‘ von Antoine-Frédéric Ozanam.“ (Hassmann 1984) Eine Veröffentlichung ließ sich aber nicht nachweisen. Und auch Nachkriegsübersetzungen aus dem Griechischen der Antike dienten als Vorübungen für die eigene dichterische Tätigkeit und waren nicht zur Veröffentlichung gedacht.</span> und zwar – da er ja selbst Lyriker war – Gedichte aus dem Portugiesischen ins Deutsche.&nbsp;In der Rubrik „Kunst – Literatur – Forschung“ der Zürcher Zeitung&nbsp;<em>Die Tat</em>&nbsp;(14. Jg., Nr. 158, S. 11) erschien am 19. Juni 1949 eine ganze Seite von Wolf Bergmann unter dem Titel „Gedichte aus Portugal und Brasilien“. In Bergmanns Nachlass im Deutschen Literaturarchiv haben sich Briefe des Redakteurs Max Rychner erhalten, dem Bergmann eigene Gedichte zugeschickt hatte, der sie abdruckte und außerdem am 23. September 1947 – ebenso wie ein Jahr später Ernst Bauer für den Aegis-Verlag – Übersetzungen aus dem Portugiesischen erbat. Nachdem er diese erhalten hatte, fragte Rychner am 17. Februar 1949, ob der Übersetzer nicht auch noch eine kurze Einführung dazu schicken könne: „Man muss doch dem Leser einen Zugang zeigen in die Welt dieser Dichtung.“</p>



<p>Bergmann kam dem Wunsch nach und leitete seine Gedichtübersetzungen ein mit einem Hinweis auf die portugiesische Goethe-Rezeption und das Übersetzen im politischen Kontext:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Portugal wird wahrscheinlich in diesem Goethe-Jahr<span class="oes-note oes-popup" data-fn="18"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup18">18</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="18">Zum 200. Geburtstag des Dichters.</span> seine literarische Sensation haben. Professor Quintela von der Universität Coimbra veranstaltet gerade den Neudruck einer vergessenen&nbsp;<em>Faust</em>-Übersetzung. Beide Teile der Tragödie waren schon vor siebzig Jahren erschienen, doch ist die außergewöhnliche Arbeit nie recht bekanntgeworden, ehe das Buch fast unauffindbar wurde: teils sah der Uebersetzer, Agostinho d’Ornellas, ein madeirensischer Grandseigneur, dem an einem Namen in der Literatur nichts lag, seine Aufgabe als getan an, als er den Druck hatte herstellen lassen, teils war die literarische Lage des Landes, das sich aufs lebhafteste von Frankreich angesprochen fand, der Aufnahme nicht günstig.</p>
</blockquote>



<p>Bergmann selbst wünschte sich gewiss eine der Aufnahme seiner Texte günstige literarische Lage im deutschsprachigen Raum. Er fährt fort mit einer Würdigung der&nbsp;<em>Faust</em>-Übersetzung, in der man sicher auch seinen eigenen Anspruch, seine eigene Übersetzungspoetik erkennen kann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Diesmal könnte es anders sein. Denn die Leistung d’Ornellas‘ erfüllt sehr hohe Forderungen der Uebersetzungskunst: sie hat den unverzagten Ernst für das Kleine im Artistischen und läßt zugleich die Gegenwart eines monumentalen Ganzen, die das Fluidum jedes alterslosen Werks ausmacht, nie vermissen.</p>
</blockquote>



<p>Der portugiesischen Sprache d’Ornellas bescheinigt er eine „außergewöhnliche Biegsamkeit“ und eine „einzigartige Geübtheit im Vers“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Denn Portugal ist nicht nur ein literarisches Land, sondern hat fast immer seine seelischen und geistigen Energien auf die&nbsp;<em>Lyrik</em>&nbsp;konzentriert. Nie entbehrte diese der Hilfe der Kritiker, die hier eine so lebendige Tradition besitzen und von dogmatischen Denksystemen, die mit Poesie nichts zu tun haben, frei sind.</p>
</blockquote>



<p>Wolf Bergmann erweist sich hier als jemand, der offen für die Kultur des Exillandes und die „gefundene“ Sprache war und der den dortigen Umgang mit Literatur als bereichernd und befreiend empfand.</p>



<p>1949 erschienen in der Zeitung&nbsp;<em>Die Tat</em>&nbsp;Übersetzungen von Armindo Rodrigues („Das häßliche Mädchen“), Armando Côrtes-Rodrigues (Aus:&nbsp;<em>Gesänge der Nacht</em>), Cecilia Meireles („Gesang“, „Abschied“, „Wandel“ – letzteres, „Passeio“, auch im Original abgedruckt), Carlos Queiroz („Puppentheater“), Pedro Homem de Melo („Friedhof“). Die sieben Gedichte werden eingerahmt von Erläuterungen zur portugiesischen Mentalität, wie sie sich vor allem im Fado niederschlage, den Bergmann poetisch und zugleich präzise beschreibt. Weiterhin äußert er sich zur Anknüpfung der Moderne an die Tradition, die in Portugal nie ganz abgelegt werde, und bescheinigt den Portugiesen einen besonderen Sinn für Schönheit. In seinem Essay zitiert er weitere Gedichte der übersetzten Dichter sowie Zeilen des allenthalben als Avantgardisten gefeierten Fernando Pessoa, „dessen epigrammartige Gedichte mit ihren wie gehauchten Reimen man sich nicht zu übersetzen getraut“.&nbsp;Die Gedichte seien „der hier benützten Sammlung ‚Liricas Portuguesas‘, ausgezeichnet redigiert von dem madeirensischen Dichter Cabral do Nascimento“, entnommen. Bergmann erläutert, warum in der portugiesischen Lyrik häufig zusammen mit dem Reim auch auf andere Formelemente verzichtet werde, und nennt als Beispiel</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Carlos Queiroz, preisgekrönter Lyriker, intellektuell, oft ironisch und scheinbar unbesorgt um Form; doch vernimmt man vielleicht auch noch in der Uebersetzung ein ausdruckgewilltes Staccato des Originals „Puppentheater“.</p>
</blockquote>



<p>Die Traditionsbewusstheit der portugiesischen Dichtung beschreibt Bergmann so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Dichter in Portugal lieben das Neue, wenn es ihnen als das Reifere von etwas Vergangenem erscheint; sie gehören eben einer Nation an, die vierhundert Jahre politischer Geschichtslosigkeit hinter sich hat und dennoch nicht unterging.</p>
</blockquote>



<p>Ob in diesem Kommentar neben der Einordnung der portugiesischen Literatur in „eine erschimmernde Zeitlosigkeit“ aufgrund der historischen Zusammenhänge verschiedener Fremdherrschaften auch eine Andeutung auf das gerade besiegte „Dritte Reich“ mitschwingt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auf jeden Fall feiert Bergmann die in Rio geborene Autorin azorianischer Abstammung Cecilia Meireles als eine besonders wichtige Vertreterin der portugiesischen Lyrik:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nach dem Chor eines sich noch bewußter gewordenen portugiesischen Symbolismus ist Cecilia Meireles dessen großartige Einzelstimme.&nbsp;</p>
</blockquote>



<p>An ihren Gedichten schätzt er die „sanft tastende Sinnlichkeit“ und die „wundervoll einfache Sprache“: Ihr Subjektivismus“ könne tatsächlich</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>einem insularen Weltgefühl zugeschrieben werden, welches das Portugal des atlantischen Ozeans so gut kennt: auf diesen Inseln mit ihren Wolken und Vulkanen, mit den Walfischen und der oft furchtbaren See ist man, sehr im Unterschied zum Madeirenser in seiner ausgewogenen Kalypsolandschaft, von der Melancholie des Ungetümen und Grenzenlosen umgeben. […] „Im Ozean der Traurigkeit“, sagt ein Meergedicht der Cecilia Meireles, „öffnen die zarten Deltas des Glücks ihre Arme …“</p>
</blockquote>



<p>Das mag auch eine Beschreibung von Bergmanns Gefühlen im Exil gewesen sein, in dem er sich, abgeschnitten von der Heimat, Dankbarkeit für kleine Glücksmomente bewahren konnte.<br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wallfisch, Curt Heinrich</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/wallfisch-curt-heinrich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Aug 2025 11:21:07 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2012480</guid>

					<description><![CDATA[Heinrich Wallfisch war ein Rechtsanwalt, der Anfang 1939 seiner Verfolgung als Jude durch Flucht über Holland nach Antwerpen entgehen konnte, dort aber verhaftet wurde und mehrere Gefangenenlager im besetzten Frankreich durchlitt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, wo er 1947 mit seiner Frau in der französischen Besatzungszone in Bühl wieder zusammenkam, betätigte er sich bereits ab [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Porträt entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts <em><a href="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025" data-type="link" data-id="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025">Post-Exil: Trans (2025-2027)</a></em>.</p>


        </p>
    </div>


<p>Heinrich Wallfisch war ein Rechtsanwalt, der Anfang 1939 seiner Verfolgung als Jude durch Flucht über Holland nach Antwerpen entgehen konnte, dort aber verhaftet wurde und mehrere Gefangenenlager im besetzten Frankreich durchlitt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, wo er 1947 mit seiner Frau in der französischen Besatzungszone in Bühl wieder zusammenkam, betätigte er sich bereits ab Ende der 1940er Jahre zeitweise als Übersetzer aus dem Französischen und brachte literarische Werke von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ins Deutsche. Außerdem bearbeitete er für den Ullstein Verlag einen Französisch-Sprachkurs. Seine Übersetzungen wurden mehrfach neu aufgelegt.</p>



<p><br><strong>Lebens- und Leidensweg</strong></p>



<p><br>Curt Heinrich Wallfisch wurde am 7. Juli 1894 in Plauen (heute einem Stadtteil von Dresden) als Sohn des Kaufmanns Hermann Wallfisch und dessen Ehefrau Helene Ida, geb. Schwabe, geboren. Dem Rechtshistoriker Hubert Lang zufolge studierte Wallfisch bis 1922 Jura in Freiburg, Königsberg und Leipzig und war seit 1925 als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Seine Kanzlei betrieb er als Einzelanwalt. Vermutlich war er Frontkämpfer, denn er konnte nach 1933 weiter als Anwalt arbeiten. Wallfisch beriet auswanderungswillige Juden, so u. a. auch den bereits ausgewanderten Kollegen Alfred Jacoby gegenüber der Devisenstelle. (Lang 2014: 624f.)<br></p>
</blockquote>



<p>1928 heiratete Wallfisch die Mannheimerin Maria Kallenberger. Im Nachruf unter der Überschrift „Er war Anwalt, Künstler und Mensch“ liefert der mit „tk“ zeichnende Redakteur<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">„Das Kürzel ‚tk‘ steht vermutlich für Theo (eigtl. Theodor) Kemper (1916 Duisburg – 1982 Bühl). Kemper kam Mitte der 1950er Jahre nach Bühl, wo er für den <em>Acher- und Bühler Boten</em> als Redakteur und Fotograf tätig war.“ Marco Müller, dem Leiter des Stadtarchivs Bühl, bin ich für diese Auskunft per E-Mail vom 4. September 2025 sowie für zahlreiche Lebensdokumente, das Foto und den Hinweis auf die Freiburger Entschädigungsakte dankbar. </span>des <em>Acher- und Bühler Boten</em> im Februar 1963 ergänzende und zum Teil abweichende Angaben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Der erste Weltkrieg, aus dem er als einer der letzten Austauschgefangenen 1920 erst zurückkehrte, unterbrach sein Studium. Von 1924 an hatte er zusammen mit einem anderen Rechtsanwalt ein Büro in Leipzig. Dort machte er sich auch 1928 selbstständig. Durch die politischen Verhältnisse wurde Heinrich Wallfisch Ende 1938 gezwungen, Deutschland zu verlassen. In Holland fand er Aufnahme, aber von dort wurde er kurz nach Kriegsbeginn für mehr als vier Jahre in ein Konzentrationslager gebracht. Als er die Freiheit wiedererlangte, ließ er sich in Frankreich nieder. 1947 kam Heinrich Wallfisch nach Bühl und eröffnete eine Rechtsanwaltspraxis. Für einen angesehenen Verlag war er auch als Übersetzer tätig, denn er, der die Weite der Welt liebte, war zugleich ein Freund guter Literatur, der Kunst überhaupt. Schon vor dem zweiten Weltkrieg erschien von ihm übrigens das Handwörterbuch ‚1000 Worte Französisch‘. Viele Arbeiten von ausländischen Schriftstellern wurden erst durch seine Mithilfe deutschen Lesern zugänglich.</p>
</blockquote>



<p>Die in Freiburg aufbewahrte umfangreiche Wiedergutmachungsakte half diese Angaben zu präzisieren und ergab, dass Wallfisch mehrere Konzentrations- und Arbeitslager in Südfrankreich überlebte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Aus ihr geht außerdem hervor, dass er auch für seinen in Straßburg lebenden, aus Leipzig stammenden und über Prag nach Frankreich geflohenen Mandanten Sally Feigenbaum einen Antrag auf Wiedergutmachung stellte.</span> Mit der Badischen Landesstelle für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus und dem Badischen Ministerium für Finanzen führte er einen intensiven Briefwechsel: Die Akten der Eheleute umfassen zusammen rund 700 Seiten. Der Antragsteller musste zahlreiche Rückfragen dazu beantworten, ob die Lager, in denen er sich seine Gesundheitsleiden zugezogen hatte, in deutscher oder nicht vielmehr doch in französischer Hand gewesen seien. Um die Anerkennung seiner Verfolgung und um finanzielle Entschädigung der in Haft erlittenen Gesundheitsschäden musste Wallfisch jahrelang ringen. In den Arolsen Archives haben sich außerdem Dokumente erhalten, denen zufolge Wallfisch nach seinen Angehörigen suchen ließ. Darunter findet sich auch ein von den französischen Besatzungsbehörden ausgestellter Ausweis mit dem zweiten erhaltenen Foto des Exilrückkehrers.Das erste Foto stammt aus Privatbesitz und wurde für diesen Artikel von Marco Müller, dem Leiter des Stadtarchivs Bühl, zur Verfügung gestellt.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="11"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup11">11</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="11">Dank gebührt neben Marco Müller auch Christian Herbarth vom Deutschen Exilarchiv Frankfurt am Main in der Deutschen Nationalbibliothek, der auf der Grundlage meiner Recherchen einen Personeneintrag für Heinrich Wallfisch angelegt und den Namen mit den entsprechenden Übersetzungen verknüpft hat.</span></p>



<p>Laut der Wiedergutmachungsakte galt Wallfisch durch die nationalsozialistischen Gesetze als „Volljude“,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="12"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup12">12</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="12">Laut Hubert Lang hatten sich seine Eltern als „Dissidenten“ bezeichnet, ihren jüdischen Glauben also abgelegt.</span> und seine Anwaltskanzlei, die schon einige Zeit lang christliche Mandanten verloren hatte, wurde bei den Novemberpogromen 1938 verwüstet und seine Fachbibliothek vernichtet. Erst nachdem ihn ein Gutachten der „Reichsstelle für Sippenforschung“ erreicht hatte, verließ er am 2. März 1939 Deutschland, überquerte die holländische Grenze bei Bentheim, fuhr von Oldenzaal auf der holländischen Seite nach Amsterdam weiter und erlangte dort ein Touristenvisum für Belgien, wo er in Antwerpen bei einer Madame Parren in der Jacob Jordaen Straat Nr. 50 wohnte. Er wurde in Abwesenheit aus der Anwaltsliste gestrichen, die Ehe wurde 1942 auf Druck der Behörden geschieden. Im April 1946 heiratete er Maria, die im Leipziger Adressbuch von 1940 als Witwe aufgeführt war (Lang 2014: 624), erneut. Dafür kam er zunächst vorübergehend aus Frankreich nach Deutschland mit einem Laissez-Passer, einer Reisegenehmigung, für die er sich vom Pariser Oberrabbiner Dr. Weil sein Judentum bescheinigen lassen musste.</p>



<p>Seine in Leipzig ausgebombte Frau sei vor den Russen geflohen und habe in Bühl Arbeit in der Rüstungsindustrie gefunden, heißt es in Heinrich Wallfischs Briefen in der Akte. Nach Bühl, das nach dem Krieg in der französisch besetzten Zone lag, folgte er ihr, als er im Sommer 1947 endgültig zurückkehren konnte. Dort wurden die beiden zunächst als <em>Displaced Persons</em> untergebracht. Wallfischs Vater stammte aus Schlesien<span class="oes-note oes-popup" data-fn="13"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup13">13</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="13">Da Schlesien inzwischen zu Polen gehörte, habe er trotz des Einsatzes von Freunden nicht an die Geburtsurkunde seines 1862 geborenen Vaters Dr. Hermann Wallfisch gelangen können, schreibt Heinrich Wallfisch in einer Eidesstattlichen Versicherung.</span> seine aus dem tschechischen Olmütz. Seine Cousine und ihr Mann wurden nach Wallfischs Auskunft in Auschwitz ermordet, die Tochter seines Bruders Hellmut konnte nach Palästina emigrieren.</p>



<p>Seine eigene Flucht musste er gegenüber den baden-württembergischen Behörden, die offenbar die Verantwortung auf den belgischen oder französischen Staat abzuwälzen hofften, wiederholt beschreiben: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es ging dann ein Leidensweg los. Ich kam dann nach Belgien zu Verwandten, aber ich hatte ja nichts. Ich habe flämische Kinder für die französische Schule vorbereitet und verdiente etwas (ungefähr eine Mahlzeit täglich).</p>
</blockquote>



<p>1940 wurde er in Antwerpen ausgebombt und von Zivilbeamten verhaftet, die alle Juden im Stadthuis zusammentrieben. Es folgte Lagerhaft in dem als „Hölle von Perpignan“ bekannten St. Cyprien, in Gurs und Château-Bégué – Cazaubon sowie ein Arbeitskommando in Buzy, Basses Pyrenées. Die Résistance hatte ihm ein gefälschtes Dokument ausgestellt, das ihn zu „Henri Vallier“ und 8 Jahre älter machte, um ihn auch als Franzosen vor dem Arbeitseinsatz zu schützen. Diese lebensrettende falsche <em>Carte d’Identité</em> hat er von den deutschen Behörden zurückerbeten, sie ließ sich nicht mehr auffinden. Durch den „Überfall eines Maquis“<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">In der Akte wird Capitaine Georges Luino La Chapelle de la Tour du Pin (Isère) als Bürge genannt. Sorrel (2023) geht in einem Buch über den ebenfalls von Wallfisch als Bürgen genannten Abbé Glasberg auf die Befreiung jüdischer Gefangener, darunter auch Wallfisch durch einen Maquis ein.</span> (wahrscheinlich ist damit eine Rettungsaktion durch die Résistance gemeint) wurde er im Sommer 1944 vor der Deportation in ein Vernichtungslager gerettet. Nach schwerer Bergwerksarbeit, bei der er stundenlang bis zur Taille im Wasser stehen musste, war er stark abgemagert, litt an Asthma und Herzschwäche. Auch die Leber war durch eine Malaria-Erkrankung geschädigt, sodass er mehrmals an Gelbsucht erkrankte. Nach der Befreiung Frankreichs schlug Heinrich Wallfisch sich nach Paris durch, wo er „eine Reihe von Berufen“ ausübte, von denen er sich „jedoch nicht ernähren konnte“, unter anderem gab er „Deutschunterricht an einem franz. Mädchenlyzeum: das war meine netteste Zeit“ (Dokument Nr. 216). Sprachunterricht als Brotberuf in Antwerpen und Paris waren Betätigungen, die ihm nach der Rückkehr aus dem Exil womöglich für seine translatorische Tätigkeit zugutekamen.</p>



<p>Erst nach zahlreichen Aufforderungen und Mahnungen an die deutschen Behörden, die all seine Angaben in Zweifel zogen, Zeugnisse, ärztliche Gutachten und eidesstattliche Erklärungen etwa seiner Geschwister und Freunde dazu verlangten, dass er vor der Flucht bei guter Gesundheit war, und ihm nur zögerlich einzelne Summen auszahlten, wurde ihm Anfang Dezember 1962 eine Berufsunfähigkeitsrente bewilligt, wenige Monate später, am 24. Februar 1963, verstarb der Antragsteller. Wallfischs Witwe und ihre Anwälte mussten zahlreiche weitere Anträge stellen.</p>



<p><strong>Als Übersetzer literarischer Werke von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir</strong></p>



<p>Für Nachkriegsdeutschland waren die französischen Existenzialisten einflussreiche, wichtige Autoren. Laut Rowohlt-Verlagsgeschichte bemühte sich der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt bereits 1948 um die Rechte an den Werken von Albert Camus und Jean-Paul Sartre (Gieselbusch et al. 2008: 146). Sartre wurde von dem Schriftsteller und Autor humoristisch-fantastischer Kurzgeschichten Kurt Kusenberg betreut. Der „frankophile und kunstsinnige“ (ebd.) Kusenberg war in Bühl zur Schule gegangen (Pearson 1992: 11) und im Februar 1947 nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in einem amerikanischen Lager in der Nähe von Neapel ins Elternhaus nach Bühl zurückgekehrt (ebd.: 18).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Laut Mohr et al. (2002) führten Kusenbergs Kriegserfahrungen dazu, dass er sich später für Pazifismus und gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland aussprach.</span> <a href="https://uelex.de/uebersetzer/heinrich-maria-ledig-rowohlt/" data-type="uelex_article" data-id="2007359">Heinrich Maria Ledig-Rowohlt</a>, der nach dem Ausschluss seines Vaters Ernst Rowohlt aus Goebbels Reichsschrifttumskammer die Geschäfte des Rowohlt-Verlages unter dem Dach der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart bis in die Kriegszeit weitergeführt hatte, erhielt bereits im November 1945 in Stuttgart eine Lizenz in der amerikanischen Zone und gründete eine Filiale des Verlags in Baden-Baden, am Sitz der französischen Militärregierung, um auch eine Lizenz für die französische Zone zu bekommen. Bis 1950, als Ernst Rowohlt die Filialen wieder unter einem Dach in Hamburg zusammenführte, repräsentierte Kusenberg die Baden-Badener Filiale (Pearson 1992: S. 18f.). Man kann davon ausgehen, dass Kusenberg und Wallfisch sich in der nahe Baden-Baden gelegenen Kleinstadt Bühl kennenlernten und dass es so zur Beauftragung des Exilrückkehrers Wallfisch als Übersetzer kam.</p>



<p>1949 erschien seine Übersetzung von Jean-Paul Sartres wohl bekanntestem Roman <em>La nausée</em> unter der „Dep. Nr. 8769“und dem deutschen Titel <em>Der Ekel</em>. Außerdem übersetzte Wallfisch (bis auf die Titelgeschichte, die Hans Reisiger ins Deutsche brachte) vier Erzählungen von Jean-Paul Sartre, die 1950 in einem Band unter dem Titel <em>Die Mauer</em> auf Deutsch erschienen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Der bedeutende Übersetzer von Walt Whitman und Gustave Flaubert Hans Reisiger war mit Thomas Mann befreundet und wurde in dessen Roman <em>Dr. Faustus</em> als Rüdiger Schildknapp verewigt. Manns Aufforderung, ins Exil zu gehen, folgte Reisiger nicht. Nach dem Krieg wurde er Lektor bei Rowohlt. Reisiger übersetzte die Titelgeschichte, Wallfisch die anderen vier Erzählungen des Bandes.</span> Der Übersetzer wurde jeweils oben auf der Impressumseite genannt.</p>



<p>Bereits im Juni 1948 war in Heft 11 des zweiten Jahrgangs der monatlich erscheinenden Rowohlt-Hauszeitschrift <em>Story – Erzähler des Auslands</em> Wallfischs Übersetzung einer dieser Erzählungen, „Das Zimmer“, als Titelgeschichte auf den Seiten 3–11 unter Nennung seines Namens am Ende der Erzählung als Vorabdruck erschienen. Wahrscheinlich hatte der Abdruck dieser französischen Geschichte in Übersetzung dazu geführt, dass Rowohlt die Zeitschrift überhaupt drucken konnte. Denn am 24. Januar 1948 hatte Ledig-Rowohlt bei Kusenberg angefragt,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>ob es wohl möglich wäre, die Franzosen für ‚story‘ zu interessieren. „Ich habe jetzt noch Papier für 2 Hefte von je 40 000 Auflage und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wäre man allenfalls dort bereit, bei jeweiliger Veröffentlichung von zwei französischen Autoren, auch der ‚story‘ Papier zuzuschießen?‘“ (Gieselbusch et al. 2008: S. 146)</p>
</blockquote>



<p>1950 erschien bei Rowohlt dann der Reisebericht <em>L&#8217;Amerique au jour le jour </em>von Sartres Lebensgefährtin Simone de Beauvoir unter dem deutschen Titel <em>Amerika Tag und Nacht</em> in Heinrich Wallfischs Übersetzung.</p>



<p>Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sind zwei Briefe aufbewahrt, einer von Wallfisch vom 3. November 1955 an den Rowohlt Verlag, bei dem die Sartre-Übersetzungen erschienen, und eine Antwort des Verlags vom 11. November desselben Jahres. In seinem Schreiben empfahl Wallfisch unter Verweis auf eine Rezension in <em>Le Monde</em> den Roman <em>L’Alouette au miroir</em> von Christine de Rivoyre zur Publikation. Im Antwortschreiben vom 11. November bedankte sich der Lektor Dr. Willi Wolfradt für den Hinweis und entschuldigte sich im Voraus, dass die Bearbeitung dauern könne, aber er werde das Buch beim französischen Verlag Plon bestellen. Erst 1969 erschien eine Übersetzung der französischen Autorin bei Rowohlt, aber nicht von Heinrich Wallfisch, der 1963 verstorben war. Aus dieser Minimalkorrespondenz geht aber immerhin hervor, dass er mit dem Lektorat weiterhin Kontakte pflegte. Dank der Lektüre französischer Zeitungen und weil er auch das Urteil und den Rang einzelner Kritiker einordnen konnte, wurde er auf literarische Werke aufmerksam und brachte sich als Übersetzer dafür ins Spiel.</p>



<p>Der oben zitierte Nachruf erwähnt auch das 1952 wieder aufgelegte erfolgreiche Wörterbuch <em>1000 Worte Französisch</em>, das man ebenfalls zu den Produkten der translatorischen Tätigkeit Wallfischs zählen kann. Bei dieser populären Nachkriegsausgabe (1954 lag die Auflage bereits bei 179.000 Exemplaren, gedruckt in der ehemaligen Ullstein-Druckerei im Berliner Stadtteil Tempelhof, die von den Besatzungsbehörden genutzt wurde) handelt es sich um einen unterhaltsamen illustrierten Kurs mit Aussprachetipps – etwa, dass man sich die Nase zuhalten solle, um die Nasallaute des Französischen hervorzubringen. Anders als der Nachrufverfasser schreibt, gab es diesen Kurs bereits in der Vorkriegszeit. Erschienen war er erstmals 1924 im Berliner Ullstein-Verlag in 13 Heften. Die Nachkriegsausgabe vermerkt: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die <em>1000 Worte Französisch </em>wurden ursprünglich von Dr. Ernst Wallenberg und Christian Bouchholtz bearbeitet. Die vorliegende Auflage bearbeitete Heinrich Wallfisch.</p>
</blockquote>



<p>Ernst Wallenberg (1878–1948) war leitender Angestellter des Ullstein-Verlags und Redakteur bekannter Zeitschriften gewesen und im Exil in New York gestorben. Der Autor Christian Bouchholtz war unter anderem Redakteur der <em>BZ am Mittag</em> gewesen und hatte die Bücher <em>Schüsse vor Warschau</em> (1916), <em>Kurfürstendamm</em> (1921) und <em>Der Mann mit dem bösen Blick</em> (1921) veröffentlicht. Was mit Bouchholtz geschah und wie es dazu kam, dass Heinrich Wallfisch an ihrer beider Stelle die Nachkriegsauflage bearbeitete, ließ sich nicht ermitteln.</p>



<p>Zu seiner literarischen Arbeit schrieb Wallfisch am 9. Februar 1958 an das Landesamt für Wiedergutmachung in Freiburg i. Br., dass er sich ihr aus gesundheitlichen Gründen zugewendet habe, da es sich um eine im Vergleich zum Anwaltsberuf leichtere Tätigkeit handelte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Als ich im Sommer 1947 aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrte, und als ich 1948 wieder daran ging, eine Anwaltskanzlei zu eröffnen, war ich bereits ein schwerkranker Mann. Sie wissen, dass Herr Med.-Rat Dr. Pawlowski den Ausbruch meiner Krankheit auf den 1.1.1942 fixiert hat. Ich selbst habe bei meiner Heimkehr nicht geglaubt, dass ich noch werde praktizieren können, denn es kam ja neben meiner rein körperlichen Behinderung noch dazu, dass ich 9 Jahre aus dem Beruf heraus war, dass ich nachstudieren und mich mit dem gänzlich veränderten Rechtsleben vertraut machen musste. So habe ich mich fürs erste der Literatur zugewendet. Dies war eine Schreibtischarbeit ohne Termine, Konferenzen, Reisen, Plädoyers, – ohne Treppensteigen, Besuche in Gefängnissen u.s.w., und ich wäre dabei geblieben, wenn diese Arbeit nicht so elend bezahlt worden wäre. Wir konnten nicht davon leben, wir waren völlig vermögenslos, in Leipzig und Antwerpen total ausgebombt, wir besassen keinen Teller und kein Kopfkissen –: kurz, ich musste wieder um meine Zulassung als Anwalt eingeben. […] Ich muss aber bei der Bewertung meiner sozialen Stellung nochmals zurückkommen auf meine literarische Tätigkeit als freier Mitarbeiter im Rowohlt Verlag (Hamburg) und im Ullstein Verlag (Berlin). Ich habe mir nach meiner Emigration als Übersetzer schöngeistiger, literarischer Werke und als Verfasser einer Sprachlehre (Ullstein) einen Namen gemacht, der über die Grenzen unserer Heimat hinausgeht. Ich bin in Deutschland der erste Übersetzer des bekannten Existential-Philosophen Jean-Paul Sartre und seiner Gattin Simone de Beauvoir gewesen, und meine Arbeiten haben im In- und Ausland Beachtung gefunden. –</p>
</blockquote>



<p>Inwiefern er „der erste Übersetzer“ gewesen sein soll, geht zumindest aus dem von ihm beigefügten Verlagsprospekt, in dem er seine Werke handschriftlich rot unterstrichen hat, nicht hervor. Der Hamburger (mit Susanna Rademacher verheiratete) Übersetzer, Lektor und Schriftsteller (und Mitglied der Gruppe 47) Hans Georg Brenner (1903–1961), der außerdem noch Werke von Albert Camus, Valéry Larbaud oder Jean Genet übersetzte und ebenfalls Lektor bei Rowohlt war, hat mehr Werke von Sartre als Wallfisch übersetzt. Die ebenfalls unbehelligt durchs ‚Dritte Reich‘ gekommene Romanistin und Übersetzerin Eva Rechel-Mertens (1895–1981) übersetzte im Vergleich zu Wallfisch mehr von Simone de Beauvoir. Und Hans Reisiger muss als Ko-Übersetzer des Erzählungsbandes, der in dem Verlagsprospekt nicht genannt wird, ebenfalls noch erwähnt werden. Aber auch in chronologischer Hinsicht war Wallfisch nicht der erste Sartre-Übersetzer. Das Theaterstück <em>Die ehrbare Dirne</em> war bereits 1947 auf Deutsch von H. Rienau erschienen, der oder die außerdem in der Nachkriegszeit von Sartre den Roman <em>Die schmutzigen Hände</em> und von Yves Jamiaque das Stück <em>Der Kyborg oder Die Reise in der Vertikalen</em> aus dem Französischen sowie von Diego Fabbri das Theaterstück <em>Verführer</em> aus dem Italienischen übersetzt hatte. Sartres Essay <em>Die Judenfrage</em> war 1948 in der Übersetzung der Schweizerin Hedi (Hedwig) Wurzian im Zürcher Europa-Verlag erschienen. Dafür blieben Heinrich Wallfischs Übersetzungen lange auf dem Markt: Noch 1981 wurde seine Version der Erzählungen im Band <em>Die Mauer</em> im 103. Tausend und seine Version des Romans <em>Der Ekel</em> im 275. Tausend verkauft. Und noch 1994 legte Rowohlt seine deutsche Fassung von de Beauvoirs Reisebericht <em>Amerika Tag und Nacht</em> neu auf. In der DDR publizierte der Aufbau Verlag 1982 in einer Lizenzausgabe vier Erzählungen („Das Zimmer“, „Herostrat“, „Intimität“ und „Die Kindheit eines Chefs“) in Wallfischs Übersetzung neben Neuübersetzungen des Romans <em>Der Ekel</em> und der ursprünglich von Hans Reisiger übersetzten Erzählung „Le Mur“ (unter dem neuen deutschen Titel „Die Wand“) von Uli Aumüller. Und der Deutsche Audio Verlag verwendete Wallfischs Fassung des Romans <em>Der Ekel</em> noch 2017 für eine Hörbuchausgabe in Ganzlesung.</p>



<p>Vielleicht wollte Wallfisch gegenüber den Behörden, vor denen er sich rechtfertigen musste, mit dem Adjektiv „der erste“ aber auch einfach seine Qualität als Übersetzer unterstreichen. Aus dem Prospekt geht hervor, dass die <em>Basler Zeitung</em> seine Fassung von <em>Der Ekel</em> „eine ausgezeichnete deutsche Übertragung“ nannte und die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung</em> das Buch ebenfalls rezensierte: „Die Formulierungen“, heißt es dort über Sartres Erzählkunst, und das muss für die besprochene deutsche Ausgabe zumindest ebenfalls gelten, „treffen mit brutaler Eleganz ins Herz der Dinge.“</p>



<p>Im ersten Doppelheft von 1990 der Zeitschrift <em>Der Übersetzer</em> äußerte sich der damals frisch mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnete Sartre-Übersetzer <a href="https://uelex.de/uebersetzer/koenig-traugott/" data-type="uelex_article" data-id="11615">Traugott König</a> hingegen kritisch zu der Frage, „Warum viele alte Sartre-Übersetzungen durch neue ersetzt werden“, und schrieb:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die erste Rezeption geschah bald nach dem Krieg — als diese im Grunde strenge Philosophie und Moral weitgehend als Ermunterung zu einer bindungslosen antibürgerlichen Lebensweise aufgefaßt wurde, was zu den bekannten Erscheinungen der existentialistischen Mode bei Jugendlichen dieser Jahre führte. Die Hauptrolle spielten dabei sicher Sartres frühe Stücke und sein Film ‚Das Spiel ist aus‘, an deren Aufführungen sich eine ganze Generation noch heute nostalgisch erinnert. (König 1990: 1)</p>
</blockquote>



<p>König erläuterte, dass man bei den Übersetzungen der Nachkriegszeit an die innere Emigration angeknüpft habe, bezieht sich aber im Wesentlichen in seiner Kritik auf Justus Strellers Übersetzung von <em>Das Sein und das Nichts</em>, in der zentrale Passagen gestrichen und grundlegende Begriffe vernebelt worden seien. Der aus Biberach stammende Streller war, anders als Wallfisch, in der Tat nie im Exil gewesen und hatte anders als dieser das philosophische, nicht das literarische Werk übersetzt.</p>



<p><strong>Fazit</strong></p>



<p>Der in Dresden geborene und in Leipzig als Rechtsanwalt tätige Heinrich Wallfisch konnte sich nach seiner Rückkehr aus dem französischen Exil aufgrund der lokalen Nähe zum in Baden-Baden für die französische Besatzungszone lizensierten Rowohlt Verlag und dessen in seiner neuen Heimat Bühl ansässigen Lektor Kurt Kusenberg als Übersetzer literarischer Werke von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir einen Namen machen und einen populären Französisch-Kurs des Ullstein Verlags neu bearbeiten. Dafür kamen ihm seine im Exil gestärkten Französisch-Kenntnisse zugute. Er hätte seine literarische Tätigkeit gerne länger und hauptberuflich ausgeübt, kehrte aber aufgrund der schlechten Bezahlung zum Anwaltsberuf zurück und erstritt für das erlittene Unrecht Wiedergutmachung. Seine Übersetzungen sind trotz Neuübersetzungen von Sartres philosophischem Werk lange über seinen Tod hinaus lieferbar geblieben.</p>



<p><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Jungfer, Victor</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/jungfer-victor/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Dec 2024 16:29:49 +0000</pubDate>
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		<title>Schottlaender, Rudolf</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/schottlaender-rudolf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Oct 2024 17:56:12 +0000</pubDate>
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		<title>Cohn, Werner</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/cohn-werner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Oct 2024 19:59:12 +0000</pubDate>
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		<title>Reblitz, Irma</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/reblitz-irma/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Oct 2024 09:21:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Irma Reblitz stammt aus bürgerlichen Verhältnissen. Sie wurde am 16. März 1939 in Ludwigshafen geboren. 1943 floh die Familie aus der zerbombten Industriestadt nach Unterfranken, kehrte dann aber nach Ludwigshafen zurück. Dort machte Reblitz ihr Abitur, ihre Schulfremdsprachen waren Latein, Französisch und ein wenig Englisch.1Die für dieses Biogramm zusammengetragenen Informationen beruhen vor allem auf einem [&#8230;]]]></description>
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<p>Irma Reblitz stammt aus bürgerlichen Verhältnissen. Sie wurde am 16. März 1939 in Ludwigshafen geboren. 1943 floh die Familie aus der zerbombten Industriestadt nach Unterfranken, kehrte dann aber nach Ludwigshafen zurück. Dort machte Reblitz ihr Abitur, ihre Schulfremdsprachen waren Latein, Französisch und ein wenig Englisch.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="3"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup3">3</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="3">Die für dieses Biogramm zusammengetragenen Informationen beruhen vor allem auf einem von mir mit Gaia (Irma) Reblitz am 7. Oktober 2024 in Heidelberg geführten Gespräch (S.&nbsp;K.-L.), einen Wikipedia-Eintrag zu ihr gibt es bisher (Oktober 2024) nicht.</span></p>



<p>Sie studierte Philosophie, Geschichte und Romanistik (Schwerpunkt Französisch) in Bonn, Freiburg und West-Berlin. Für ein Jahr ging sie mit einem Stipendium nach Paris, wo sie am Institut Phonétique ein Abschlusszeugnis (<em>certificat</em>) erhielt. Zurück nach Berlin setzte sie ihr Studium fort, reiste viel und verdiente ihren Unterhalt als freischaffende Übersetzerin und Journalistin. Auch in die DDR unterhielt sie Kontakte, für 1965 ist z. B. ein – gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Henrich von Nussbaum durchgeführter – Besuch bei <a href="https://uelex.de/uebersetzer/bobrowski-johannes/" data-type="uelex_article" data-id="2008346">Bobrowski </a>dokumentiert.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="4"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup4">4</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="4">Vgl. die im März 1965 auf einer Schmuckkarte („800 Jahre Messestadt Leipzig / 20 Jahre Volkssolidarität für Einheit und Frieden“) von dem Ehepaar Reblitz/Nussbaum gemeinsam mit Bobrowski geschriebenen Grüße an Klaus Völker (West-Berlin): „tot ist halb so gut wie schön / von Deinem lieben Johannes // Völker – höret die Signale …! Irma R[eblitz] // In Ihren Kreisen be/verfangen, H. v. Nussbaum“. (Abbildung aus dem Privatarchiv Klaus Völker; Text auch in Bobrowski 2017: IV, 573).</span></p>



<figure class="wp-block-image size-large is-style-default"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="655" src="https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/JB-Karte-1965-1024x655.png" alt="" class="wp-image-2011036" srcset="https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/JB-Karte-1965-1024x655.png 1024w, https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/JB-Karte-1965-300x192.png 300w, https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/JB-Karte-1965-768x491.png 768w, https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/JB-Karte-1965.png 1063w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><sup>Von Irma Reblitz mitunterschriebene Grußkarte an Klaus Völker, März 1965. (Privatarchiv Völker)</sup></figcaption></figure>



<p>Irma Reblitz hatte regen Kontakt zur APO bzw. in die linke Studentenszene. 1968 veröffentlichte sie in <em>Diskus – Frankfurter Studentenzeitung</em> einen umfangreichen Aufsatz über Claude Simon: <em>Von der Wirklichkeit der Kunst</em>.</p>



<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img decoding="async" width="589" height="807" src="https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/Diskus-2.png" alt="" class="wp-image-2011040" style="width:523px;height:auto" srcset="https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/Diskus-2.png 589w, https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/10/Diskus-2-219x300.png 219w" sizes="(max-width: 589px) 100vw, 589px" /></figure>



<p>In ihrem Essay schildert sie Simons künstlerische Entwicklung bzw. seine „Poetologie“, wie sie sich an neun Hauptwerken ablesen lasse, von <em>Le Tricheur</em> (1945) bis zu <em>Histoire</em> (1967). Die alleinige Zuordnung dieser „gewichtigen Bücher“ zur „Schule“ des Nouveau Roman (Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet) hält Reblitz für „wenig erhellend“ und „fragwürdig“. Aus Translationssicht interessant ist auch ihre Kritik daran, dass von Simons Büchern „hierzulande erst vier, und in falscher Reihenfolge“ erschienen seien (Reblitz 1968). Wie es in einem Text aus dem Jahr 1968 kaum anders sein kann, fragt Reblitz auch nach der politischen Haltung des französischen Autors und lässt dabei ihre eigene ästhetische Grundhaltung erkennen. Simon gehöre nämlich nicht zu jenen Schriftstellern, die</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Sprache nur als Mittel für Mitteilung zu politischen oder sozialen Zwecken einsetzt, gebraucht, und wie oft verbraucht, mißbraucht. Dermaßen die Welt zu bestimmen und mit Bedeutung auszustopfen, sei Aufgabe von Essayisten, Pamphletisten und Ideologen. […] Romane, die sich damit begnügen, Helden des Sozialismus oder auch Existentialismus lehrreich zu erfinden oder nachzuzeichnen und in immer gleichen Schemata den Weg zum Positiven zu entfalten, laufen in den Augen Simons Gefahr, nicht nur schnell von der Zeit eingeholt und überholt, sondern genauso konsumiert zu werden wie die als „Rechtfertigungsideologie“ gerade verworfenen, zu Herzen gehenden Schnulzen vom armen Mädchen und guten Mann. Diese Art „revolutionären“ Schrifttums ändert die gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wenig wie die vorangegangene gutbürgerliche Heide-, Wald- und Wiesenidylle; vielmehr beruhigt und lähmt sie den Leser vollends. Das Klischeedenken verschüttet die Chance zu echtem Erleben, zu Intuition und Selbsterkenntnis. Das Bewußtsein bleibt ewig ein Nachtrag zum Sein. „Dichtung“ aber „eilt voraus“ (Celan). Simon hat sich […] damit gegen die Rolle des schreibenden Agitators im Namen und an die Adresse der hungernden Massen [entschlossen], zu der <a href="https://uelex.de/uebersetzer/koenig-traugott/" data-type="uelex_article" data-id="11615">Sartre </a>in geradezu romantischer Verkennung der Realität aufrief. (Ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Im Sommer 1968 nahm sie an der legendären Philolosophie-Sommerschule auf der jugoslawischen Adriainsel Korčula teil. Thema war 1968 „Marx und die Revolution“. Die marxistischen und sozialistischen Philosophieexperten aus Ost und West wurden während des Seminars vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei überrascht. Sie setzten ein „an die Weltöffentlichkeit“ gerichtetes Protestschreiben auf, das neben zahlreichen Prominenten wie Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Iring Fetscher, Lucien Goldmann, Agnes Heller auch von Irma Reblitz unterzeichnet wurde.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Dieser „unrechtmäßige Akt“ der sowjetischen Staats- und Parteiführung „führ[e] dem Sozialismus […] weltweit einen schrecklichen Schlag zu“, heißt es darin, weshalb es „die Zukunft der weltweiten sozialistischen Bewegung“ dringend erfordere, „den antisozialistischen und undemokratischen Charakter dieser militärischen Okkupation aufs energischste offenzulegen.“ Auch drückten die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner ihre ausdrückliche Solidarität „mit den progressiven und sozialistischen Kräften dieses Landes sowie mit der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei“ aus, „die einen glänzenden Kampf für die Verwirklichung des authentischen Sozialismus“ begonnen hätten. (Stojaković 2023)</p>
</blockquote>



<p>Das politische Engagement von Irma Reblitz ist auch an den von ihr aus dem Französischen und Spanischen übersetzten Büchern erkennbar: Texte von Sartre (<em>Der Intellektuelle und die Revolution</em>), Che Guevara, Fidel Castro, Régis Debray.</p>



<p>Ab 1970 lebte sie in Köln, war als freischaffende Übersetzerin tätig, wurde 1971 Mitglied im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) und arbeitete intensiv mit dem Westdeutschen Rundfunk zusammen. Für ihn führte sie Interviews und übersetzte und begutachtete Hörspiele. 1974 erschien im Luchterhand Verlag als ihre letzte Übersetzung die deutsche Version von Claude Simons Roman <em>Les corps conducteurs</em> (1971) unter dem Titel <em>Der Leitkörper</em>. Für die Taschenbuchausgabe von 1985 wurde der Buchtitel in <em>Die Leitkörper</em> korrigiert. Teile ihres Sartre-Bandes <em>Der Intellektuelle und die Revolution</em> von 1971 wurde Mitte der 1990er Jahre in die bei Rowohlt erschienene <a href="https://uelex.de/literatur/plaedoyer-fuer-die-intellektuellen-reblitz/">Sartre-Werkausgabe </a>übernommen.</p>



<p>Bereits 1973 war Reblitz aus persönlichen Gründen in die USA ausgewandert. Sie heiratete Jes Richardson und bekam zwei Kinder. Das Leben in den Vereinigten Staaten war geprägt von mehrfachem Ortswechsel: Kalifornien (Monte Rio: Restaurantbesitz in Duncans Mills), Oregon, Arizona, Hawaii (2005–2010) und unterschiedlichen Tätigkeiten. Sie arbeitete als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, als Köchin (acht Jahre lang Restaurantbesitzerin bis 1983), Sozialarbeiterin und Kinderpsychologin. Sie malt seit ihrer Jugend und ist weiterhin künstlerisch tätig. Stark beeinflusst ist sie inzwischen durch Kulturen der indigenen Völker Amerikas und spirituelle Gemeinschaften, was sich auch am Wechsel ihres Vornamens von „Irma“ zu „Gaia“ zeigt. Derzeit (Herbst 2024) lebt sie im kalifornischen Berkeley.</p>



<p>Ihre Zeit als politisch engagierte Übersetzerin und Journalistin muss man mit ihrer Übersiedlung nach Amerika als abgeschlossen betrachten. In Germanistik-Kreisen wird im Rahmen der Bobrowski-Forschung regelmäßig aus ihren beiden 1965 geführten Interviews mit dem 1965 verstorbenen Dichter zitiert, konnte ihm Irma Reblitz doch starke Formulierungen zu seiner zentralen Thematik sowie der Poetik seiner Lyrik und Prosa entlocken.</p>
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		<title>Enzensberger, Hans Magnus</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/enzensberger-hans-magnus-version-1-0/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Nov 2023 21:52:55 +0000</pubDate>
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		<title>Marschall von Bieberstein, Michael</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/michael-marschall-von-bieberstein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Apr 2023 19:15:22 +0000</pubDate>
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		<title>Knapp, Otto</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/otto-knapp/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Apr 2023 07:46:38 +0000</pubDate>
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		<title>Sander, Ernst</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/sander-ernst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Dec 2022 18:12:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Der Schriftsteller und Verlagslektor Ernst Sander gehörte im 20. Jahrhundert zu den sehr produktiven Übersetzern englischer, amerikanischer und französischer Literatur. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet in der Rubrik &#8222;beteiligt an&#8220; 433 Veröffentlichungen, angefangen mit der 1919 erschienenen Übersetzung von Oscar Wildes&#160; The Priest and the acolyte bis zu den 13 für das Jahre 2022 [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Der Schriftsteller und Verlagslektor Ernst Sander gehörte im 20. Jahrhundert zu den sehr produktiven Übersetzern englischer, amerikanischer und französischer Literatur. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet in der Rubrik &#8222;beteiligt an&#8220; 433 Veröffentlichungen, angefangen mit der 1919 erschienenen Übersetzung von Oscar Wildes&nbsp; <em>The Priest and the acolyte</em> bis zu den 13 für das Jahre 2022 gemeldeten Neuausgaben bzw. Neuauflagen seiner Maupassant-, Flaubert-, Verlaine- und Thyde Monnier-Übersetzungen. Das Stadtarchiv und die Stadtbibliothek Braunschweig verfügen über eine umfangreiche Ernst Sander-Sammlung, deren übersetzungswissenschaftliche Auswertung noch aussteht.</p>
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