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	<title>Ägypten (Exil) &#8211; UeLEX</title>
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	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
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		<title>Meyerhof, Max</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/meyerhof-max/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Der deutsch-ägyptische Augenarzt Max Meyerhof trat nicht nur als Forscher und Medizinhistoriker hervor, sondern auch als produktiver Orientalist und Übersetzer. Er arbeitete hauptsächlich mit den Sprachen Deutsch, Arabisch, Französisch und Englisch. Sein mehr als 300 Titel umfassendes Œuvre1Der wissenschaftliche Teilnachlass Meyerhofs wird derzeit im Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) sukzessive aufbereitet.&#160;zeugt von dem vielseitigen Schaffen [&#8230;]]]></description>
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<p>Der deutsch-ägyptische Augenarzt Max Meyerhof trat nicht nur als Forscher und Medizinhistoriker hervor, sondern auch als produktiver Orientalist und Übersetzer. Er arbeitete hauptsächlich mit den Sprachen Deutsch, Arabisch, Französisch und Englisch. Sein mehr als 300 Titel umfassendes Œuvre<span class="oes-note oes-popup" data-fn="2"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup2">2</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="2">Der wissenschaftliche Teilnachlass Meyerhofs wird derzeit im Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) sukzessive aufbereitet.</span>&nbsp;zeugt von dem vielseitigen Schaffen Meyerhofs, das u. a. einen wichtigen Beitrag zum Wissenstransfer zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt darstellt.</p>



<p>Max Meyerhof wurde am 21. März 1874 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, die seit dem 18. Jahrhundert in Hildesheim lebte. Der Familie seines Vaters, Albert Meyerhof, sowie der seiner Mutter, Lina Spiegelberg, entstammen Künstlerinnen und Gelehrte auf unterschiedlichen Gebieten: Sein Onkel Otto Spiegelberg war Professor für Gynäkologie, sein Vetter Wilhelm Spiegelberg lehrte Ägyptologie und Otto Meyerhof, ein Vetter zweiten Grades, erhielt 1922 den Nobelpreis für Medizin. Meyerhof studierte ab 1892 Humanmedizin in Heidelberg, Freiburg, Berlin und Straßburg. Ab 1898 assistierte er an verschiedenen Augenkliniken in Berlin, Bromberg und Breslau, bevor er 1902 in Hannover eine eigene Praxis eröffnete. Einen entscheidenden Einfluss auf seinen späteren Werdegang als Orientalist hatte sein Vetter Wilhelm Spiegelberg (1870–1930), bei dem Meyerhof schon während der Studienzeit in Straßburg Ägyptologie-Vorlesungen besuchte. Während einer Ägyptenreise im Winter 1900/1901 wurde das Interesse des jungen Augenarztes für das damalige „Land der Blinden“ geweckt. Vermutlich haben ihn die dort gesammelten Eindrücke bewogen, 1903 nach Kairo überzusiedeln, wo er eine erfolgreiche Augenarztpraxis betrieb. Er wurde Mitglied der Ophthalmologischen Gesellschaft Ägyptens, ließ sich 1908/1909 zu deren Präsidenten wählen, war Mitbegründer einer Poliklinik für Arme und zählte 1913 zu den Herausgebern der <em>Revue médicale d’Égypte</em>. Während des Ersten Weltkriegs, der ihn im deutschen Sommerurlaub überraschte, arbeitete er als Arzt in einem Lazarett in Hannover. Erst 1922 konnte er, als einer der ersten Deutschen überhaupt, nach Ägypten zurückkehren. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit und medizinischen sowie medizinhistorischen Studien beschäftigte er sich verstärkt mit philologischen Fragen und pflegte engen Kontakt zu dem Kreis der Orientalisten an der neu gegründeten Universität Kairo und zu Gelehrten in aller Welt. Dieses „orientalistische“ Engagement brachte ihm 1928 den Ehrendoktor der Universität Bonn ein. 1932 erhielt Meyerhof einen Ruf auf den Lehrstuhl für Medizingeschichte der Universität Leipzig, den er jedoch ablehnte, weil er, so Wolfgang Raff, „die Zeichen des heraufziehenden Antisemitismus und die bevorstehenden Veränderungen im politischen und intellektuellen Leben Deutschlands richtig gedeutet hat; seine Verwurzelung in Ägypten dürfte eine ebenso große Rolle gespielt haben“ (Raff 1984: 125f). Er zog das Exil in Ägypten dem Leben im nationalsozialistischen Deutschland vor. In den folgenden Jahren gab Meyerhof, „betrübt und nach Überwindung innerer Kämpfe“, seine deutsche Staatsbürgerschaft auf (Littmann 1955: 136). Er setzte sich in einem jüdischen Hilfswerk für verfolgte und zur Emigration gezwungene Juden ein (Raff 1984: 126). Dank seiner guten Beziehungen in Ägypten erhielt er 1936 die ägyptische Staatsangehörigkeit. Seit 1931 war Meyerhof mit Elise Henning (1888–1971) verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Am 20. April 1945 starb Meyerhof. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Kairo beigesetzt.</p>



<p>Die&nbsp;<em>Jewish Telegraphic Agency</em>&nbsp;berichtete am 24. April 1945:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Impressive funeral services were held yesterday for Dr. Max Meyerhof, 70, one of the world’s most eminent eye specialists in Cairo’s Ashkenazi Synagogue. Dr. Meyerhof was affectionately known by thousands of Egyptians from all walks of life as „Dr. Max“.</p>



<p>Despite his seventy years he was considered a sort of magician for his operations which saved innumerable persons from blindness. He was also known as an outstanding Orientalist and wrote several books on the scientific heritage of the Arabs. He was a cousin of Professor Otto Meyerhof who received the Nobel Medical Prize in 1922.</p>
</blockquote>



<p>Das Werk Meyerhofs umfasst Monografien, Abhandlungen, Aufsätze, Übersetzungen, Rezensionen sowie umfangreiche Briefkorrespondenzen in mehreren Sprachen. Neben der Muttersprache Deutsch lernte Meyerhof während seiner Schulausbildung Griechisch, Latein, Englisch und Französisch sowie Hebräisch im Privatunterricht. In Ägypten lernte Meyerhof ferner Arabisch, Italienisch und Neugriechisch (Littmann 1955: 135). Diese Mehrsprachigkeit diente ihm als Brücke zur damals multikulturellen Gesellschaft Ägyptens. Aufgrund seines Interesses für die arabische Medizin und ihre Geschichte begann Meyerhof sich intensiv mit der arabischen Schriftsprache zu befassen. Hilfreich waren dabei seine engen Beziehungen zu Orientalisten vor Ort, vor allem zu Enno Littmann (1875–1958), bei dem sich Meyerhof die Grundlagen des Hocharabischen aneignete. Littmann erinnert sich:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Als ich 1910 zum ersten Male an die von dem damaligen Prinzen Fuad begründete Arabische Universität berufen war, bat er mich um Unterricht in der klassischen arabischen Sprache, den ich ihm gern erteilte; es war rührend zu beobachten, wie er nun die Paradigmata deklinierte und konjugierte. Nur die Grundlagen der Sprache konnte ich ihm vermitteln; er selbst baute darauf unermüdlich weiter, sammelte arabische Handschriften und bearbeitete sie mustergültig. (Littmann 1955: 135)</p>
</blockquote>



<p>Meyerhofs Werke zeugen von einem ausgeprägten Interesse sowohl an medizinischen und medizinhistorischen, als auch an kulturgeschichtlichen und anthropologischen Themen. Hervorzuheben sind die Arbeiten zum Wissenstransfer zwischen dem Orient und dem Okzident, sowie seine Studien zu einzelnen Gelehrten, z. B. Moses Maimonides (1135–1204), Hunain ibn Ishāq (808–873), Muhammad ibn Zakarīyā ar-Rāzī (864–925) und Ibn an-Nafīs (1213–1288).</p>



<p>Was seine übersetzerische Tätigkeit angeht, so lag der Schwerpunkt auf altarabischen naturwissenschaftlichen Fachtexten, vor allem im Bereich der Medizin und Pharmakologie. Meyerhofs Ziel war u. a., eine umfassende Geschichte der arabischen Medizin anhand altarabischer Handschriften zu verfassen (Raff 1984: 127) und dadurch die Verdienste der altarabischen islamischen Medizin im Westen bekannt zu machen. Zu diesem Zweck verfolgte er ein ambitioniertes Übersetzungsprojekt: Aufspüren, Erschließen, Emendation, Übersetzung und Herausgabe altarabischer Quellen. Nicht selten bildeten seine Übersetzungen die Grundlage für medizinhistorische Studien. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass die übersetzerischen Bemühungen Meyerhofs nicht als Mittel zum Broterwerb zu verstehen sind, da er wohl durch seine augenärztliche Praxis in Kairo materiell abgesichert war. Vielmehr erfolgten sie aus innerer Forschermotivation und Entdeckerfreude.</p>



<p>Die ersten Übersetzungen aus dem Arabischen ins Deutsche entstanden in Zusammenarbeit mit Curt Max Prüfer, Arabist und seinerzeit Dragomane am deutschen Konsulat. Zu nennen sind:&nbsp;<em>Die Augenanatomie des Hunain bin Ishaq: nach einem illustrierten arabischen Manuskript</em>&nbsp;(1910),&nbsp;<em>Die aristotelische Lehre vom Licht bei Hunain bin Ishaq</em>&nbsp;(1911) und&nbsp;<em>Die angebliche Augenheilkunde des Tabit ibn Qurra</em>&nbsp;(1911). Während es sich bei den ersten zwei Titeln um Übersetzungen im engeren Sinne handelt, legt Meyerhof bei dem dritten eine Zusammenfassung eines arabischen Fragments zur Augenheilkunde vor, das der Mathematiker, Mediziner und Philosoph Thabit ibn Qurra (826–901) verfasst hat.</p>



<p>Die in der zweiten Phase in Ägypten (ab 1922) entstandenen Übersetzungen betreffen u. a. das Leben und Werk des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (2. Jhdt. u. Z.), z. B. <em>Über echte und unechte Schriften Galens nach arabischen Quellen</em> (1928), <em>Eine Augenbehandlung durch Galen, nach arabischer Quelle</em> (1928) und <em>Autobiographische Bruchstücke Galens aus arabischen Quellen</em> (1929). Meyerhofs besonderes Interesse galt verloren gegangenen, aber aus arabischen Quellen rekonsturierbaren Werken des berühmten Griechen. So veröffentlichte er 1931 in Zusammenarbeit mit dem Orientalisten Joseph Schacht und Scheich Muhammad Siddiq, einem Schüler der Al-Azhar-Hochschule, die Abhandlung <em>Galen über die medizinischen Namen: Arabisch und Deutsch</em>. Es handelt sich um die deutsche Übersetzung der von Hunain ibn Ishaq angefertigten arabischen Übersetzung des ersten Buches von Galenos’ Werk. Weitere wichtige Arbeiten aus dieser Zeit sind Meyerhofs Übersetzung der Einleitung von Edrisis (1100–1166) <em>Sammelbuch der Arzneimittel</em> (1930) sowie Berunis (973–1048) <em>Vorwort zur Drogenkunde</em> (1932). In den 1930er Jahren lässt sich bei Meyerhof ein merklicher Rückgang der Verwendung des Deutschen und ein verstärkter Gebrauch des Französischen und Englischen als Publikationssprache feststellen.</p>



<p>In einigen Paratexten berichtet Meyerhof über sein übersetzerisches Verfahren: „Die Übertragung ist eine sehr wörtliche; der Leser möge deshalb die stilistischen Mängel der Übersetzung verzeihen, welche sich dem Original so getreu als möglich anschmiegen sollte“ (Meyerhof 1910: 168). Die späteren Übersetzungen bleiben diesem Prinzip treu; in der Einleitung zu seiner Studie&nbsp;<em>Die allgemeine Botanik und Pharmakologie des Edrisi</em>&nbsp;spricht er von einer „möglichst wörtliche(n) Übertragung“ (Meyerhof 1930: 226), im Vorwort zu&nbsp;<em>Galen über die medizinischen Namen</em>&nbsp;heißt es von der Übersetzung, sie sei bestrebt, „dem Wortlaut des arabischen Textes zu folgen, ohne dem Deutschen Gewalt anzutun, und jeden arabischen Terminus so konsequent wie möglich stets durch dasselbe deutsche Wort wiederzugeben“ (Meyerhof/Schacht 1931: 1). Diese Übersetzung wurde 1932 von dem Orientalisten und Hunain-Spezialisten Gotthelf Bergsträßer (1886–1933) rezensiert. Er lobt die Übersetzer dafür, dass sie eine ganze Reihe von Schwierigkeiten gelöst und den Text in allem Wesentlichen richtig erfasst hätten, kritisiert aber ihr „gewaltsames“ Vorgehen an einzelnen Stellen und thematisiert die Konsequenzen für den Leser:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[A]nderwärts haben sie dem Wortlaut nur durch Gewaltsamkeiten in der Textherstellung oder der Übersetzung einen Sinn abzugewinnen vermocht. Zweifellos haben die Herausgeber selbst derartiges als Notbehelf empfunden und nur als solchen aufgenommen; aber die Gefahr ist immerhin groß, daß der eilige Benutzer, der eine verständliche Übersetzung oder einen glatten arabischen Text vorfindet, nicht die Textgrundlage der Übersetzung und die handschriftliche Basis des Textes nachprüft, und so zu Irrtümern verleitet wird; ganz abgesehen von den Lesern, die nur die Übersetzung zu benützen imstande sind. (Bergsträßer 1932: 333)</p>
</blockquote>



<p>Neben seinen Erläuterungen zur Vorgehensweise beim Übersetzen in Vor- und Nachworten enthalten seine Publikationen zahlreiche weitere paratextuelle Elemente: Literatur-, Zeichen- und Abkürzungsverzeichnisse, gelegentlich ausführliche deutsche und arabische Indices für Eigennamen und Sachwörter, auch Register für griechische Fachwörter, die das arabische Original enthält (vgl. Meyerhof/Schacht 1931: 38–42). Darüber hinaus sind seine Übersetzungen im Allgemeinen reich an informativen Fußnoten, die Meyerhof verwendet, um Fachbegriffe zu erläutern, im Original unverständliche oder fehlerhafte Stellen zu kommentieren oder dem deutschen Leser kulturspezifische Hintergrundinformationen zu liefern. Nicht selten äußert er sich in Fußnoten punktuell auch zu übersetzerischen Entscheidungen.</p>



<p>Das Leben in Ägypten, das für Meyerhof zu einem sicheren Exilland wurde, lässt keine Spuren von Außenseitertum oder Ausgrenzung vermuten, sondern zeugt eher von intellektueller Selbstentfaltung und gesellschaftlicher Anerkennung. Beweis dafür dürfte nicht zuletzt der wissenschaftliche Salon gewesen sein, den Meyerhof in den letzten Jahrzehnten seines Lebens regelmäßig am Mittwochnachmittag abhielt. Die Verleihung des&nbsp;<em>Ordre du Nil</em>&nbsp;durch König Fuad, der Meyerhof damit in den Rang eines Kommandeurs erhob, ist ein klares Zeichen für die Wertschätzung, die Meyerhof in der ägyptischen Gesellschaft auf höchster Ebene genoss.</p>



<p>Später wurde er in das arabischsprachige Lexikon der Orientalisten&nbsp;<em>Mawsuat al-Mustashriqin</em>&nbsp;des ägyptischen Philosophen Abd al-Rahman Badawi (1917–2002) aufgenommen, der als junger Wissenschaftler Meyerhof in Kairo kennengelernt und dessen wichtige Studie&nbsp;<em>Von Alexandrien nach Bagdad. Ein Beitrag zur Geschichte des philosophischen und medizinischen Unterrichts bei den Arabern</em>&nbsp;(1930) ins Arabische übersetzt hat (Badawi 1993: 540–543). 1997 ließ das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt einen Teil der Studien und Übersetzungen Meyerhofs zur islamischen Medizin sammeln und in drei Bänden als&nbsp;<em>Studies on the History of Islamic Medicine and related fields by Max Meyerhof</em>&nbsp;neu auflegen. 2009 erschien in Kuwait auf Arabisch ein Studie von Ahmad Sirri über das Werk und Wirken Meyerhofs. Am Deutschen Archäologischen Institut Kairo (DAIK) wird zurzeit an einer Meyerhof-Biographie gearbeitet.</p>
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		<title>Steinen, Helmut von den</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/steinen-helmut-von-den/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Unter den drei deutschen Übersetzern, die sich zwischen 1936 und 1946 – allesamt im Exil, alle dem weiteren Umkreis Stefan Georges zugehörig – mit dem Werk des Alexandriners Konstantinos Kavafis (1863–1933) beschäftigten, hat sich Helmut von den Steinen als Verfasser der eigenständigsten Nachdichtung durchgesetzt.1Die beiden anderen sind Walter Jablonski (1892–1967): Gedichte des Kavafis. Jerusalem: Freund [&#8230;]]]></description>
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<p>Unter den drei deutschen Übersetzern, die sich zwischen 1936 und 1946 – allesamt im Exil, alle dem weiteren Umkreis Stefan Georges zugehörig – mit dem Werk des Alexandriners Konstantinos Kavafis (1863–1933) beschäftigten, hat sich Helmut von den Steinen als Verfasser der eigenständigsten Nachdichtung durchgesetzt.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Die beiden anderen sind Walter Jablonski (1892–1967): <em>Gedichte des Kavafis</em>. Jerusalem: Freund 1942, und Wolfgang Cordan (1909–1966): <em>Konstantin Kavafis: Der Wein der Götter</em>. Maastricht: Kentaur-Druck 1947. Vgl. zur Einschätzung der Übersetzungen durch Karl Wolfskehl die entsprechenden Passagen in Friedrich Voits&nbsp;<a href="https://uelex.de/uebersetzer/wolfskehl-karl/" data-type="uelex_article" data-id="11567">Wolfskehl-Porträt</a>.</span>&nbsp;Zuerst als einsprachige Teilausgabe 1953 im Suhrkamp-Verlag und schließlich komplett 1985 (154 autorisierte Gedichte) in der Amsterdamer Castrum Peregrini Presse erschienen, gilt sie bis heute als klassisch, repräsentativ, „meisterhaft“, „virtuos“, eine „außerordentliche poetische Leistung“.</p>



<p>Der in Marburg an der Lahn geborene von den Steinen kam aus einer wissenschaftsaffinen, künstlerisch sensibilisierten bildungsbürgerlichen Berliner Familie. Seine reformgymnasiale Schulzeit verbrachte er in Potsdam bzw. Charlottenburg, im Anschluss beschäftigte er sich hauptsächlich mit volkswirtschaftlichen Studien in Zürich, Heidelberg und München. Mit einer Arbeit über das zeitgenössische Verlagswesen wurde er 1912 als Nationalökonom bei Alfred Weber in Heidelberg promoviert. Anfang der 1920er Jahre studierte er in Marburg Klassische Philologie, „konnte das Studium wohl aber nicht ganz abschließen, weil ihm das Geld ausging.“<span class="oes-note oes-popup" data-fn="11"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup11">11</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="11">Mitteilung von Torsten Israel, der Zugang zum Familienarchiv hatte, in einem Schreiben vom 19. Dezember 2019.</span> Bis 1934 war er ethnologisch (des Vaters Karl von den Steinens Fach!) als freier Mitarbeiter an Leo Frobenius’ Forschungsinstitut für Kulturmorphologie („Afrika-Institut“, heute: Frobenius-Institut in Frankfurt am Main) beschäftigt. Dass ihn Sprachen beschäftigten und ihm besonders leicht fielen, geht aus einer Hesiod-Übersetzung hervor, die 1930 zweisprachig erschien, sowie aus der Tatsache, dass er während des Ersten Weltkriegs, den er durch eine Abordnung nach Bulgarien überstand, innerhalb zweier Jahre die Landessprache nicht nur sprechen, sondern auch schreiben gelernt hatte. Viel später und unter eigenwilligen Bedingungen – in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre in einem britischen Militärcamp der Suez-Zone, anschließend an der Universität Kairo – sollte er schließlich als Dozent für Alte Sprachen wirken.</p>



<p>In der Heidelberger Studienzeit jedenfalls hatten sich, vielleicht auch angestoßen von seiner Mutter, einer erklärten Anhängerin Stefan Georges, Freundschaften zum engeren oder weiteren Kreis des Meisters ergeben (vgl. Hartmann 2012). Durch diese Kontakte erhielt von den Steinen, so in Wolfgang Frommels Nachruf zu lesen, „einen unmittelbaren Eindruck von der erzieherischen Kraft des Dichters selbst“ (Frommel 1959: 67). Persönlich ist er George offenbar nie begegnet. Im Dunstkreis eines kooperativen Netzwerks schrieb er als inzwischen polyglotter Publizist (Französisch, Englisch, Bulgarisch, Russisch, Italienisch, Altgriechisch) Beiträge für die jungkonservative Zeitschrift&nbsp;<em>Das Gewissen</em>, später auch Rundfunksendungen im Auftrag von Wolfgang Frommel (1902–1986).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="12"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup12">12</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="12">Die Themen der Sendungen könnten unterschiedlicher nicht sein, vgl. dazu im Einzelnen Kambas (2010: 307, Fn. 70), darunter auch, mit Sendetermin am 20. März 1935:&nbsp;<em>Vom Geheimnis des griechischen Sprachklangs</em>. – Zu Frommels Rundfunkarbeit für den Südwestfunk und den Reichssender Berlin sowie die Beteiligung „verwaister Georgeaner“ (u. a. Ernst Kantorowicz, Kurt Hildebrandt, Marx Kommerell, Rudolf Fahrner und Helmut von den Steinen) an seinen&nbsp;<em>Mitternachtssendungen</em>&nbsp;vgl. Raulff (2009: 455).</span>&nbsp;Neben seiner wissenschaftlichen Qualifizierung bzw. publizistischen Tätigkeit wurde er mit weiteren Georgeanern bekannt, namentlich mit Friedrich Wolters (1876–1930) und&nbsp;<a href="https://uelex.de/uebersetzer/wolfskehl-karl/" data-type="uelex_article" data-id="11567">Karl Wolfskehl</a>&nbsp;(1869–1948). Mit Letzterem korrespondierte er später während beider Exilzeit (s. Blasberg 1988: 223–239).</p>



<p>Vermutlich erstmals während der Weltkriegsjahre in Sofia war er in Berührung mit Kulturen des früheren Osmanischen Reichs, so auch mit Griechenland gekommen. Ethnologisch manifestiert sich eine Neugier auf die zeitgenössische Volkskultur im Vorwort zu einer 1929 erschienenen Sammlung mit griechischen, türkischen sowie jüdisch-spaniolischen Volksmärchen und Schwänken, die Paul Hallgarten auf der Insel Rhodos gesammelt hat.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="13"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup13">13</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="13">In der Einführung finden sich (S. 18f.) grundlegende Überlegungen zur phonographischen Aufzeichnung, Verschriftlichung und Übersetzung der mündlich tradierten Geschichten.</span>&nbsp;Die definitive Hinwendung zum Neugriechischen wurde jedoch von außen befördert: Unter dem wachsenden Druck des NS-Staats verließ der Sohn einer jüdischen Mutter Deutschland, 1935 erst zu einer Exkursion nach Abessinien, anschließend ging es fast nahtlos Richtung Griechenland, wo er vermutlich im März 1936 eintraf.</p>



<p>Was hat ihn ausgerechnet in den mediterranen Südosten gezogen? Mag der „aeginatische Plan“ (Blasberg 1988: 238), über den er und Karl Wolfskehl Mitte der 1930er Jahre in Italien nachdachten, mitgespielt haben? Mit derselben Leichtigkeit wie Bulgarisch muss er das Neugriechische erlernt haben, autodidaktisch versteht sich. Der März 1936 jedenfalls ist von ihm auch als Zeitpunkt der ersten Kavafis-Lektüre benannt, was eine Parallelität zum Spracherwerb nahelegt. Im Athener Kavafis-Archiv erhaltene Briefe auf Griechisch aus dem Jahr 1937 zeugen jedenfalls von verblüffender Fertigkeit in Grammatik und Syntax und einem ausdifferenzierten Vokabular. Ab Herbst lebt er in Athen und nimmt seine neue Aufgabe in Angriff: Die Übertragung der Kavafis-Gedichte auf der Grundlage der in Alexandria erst zwei Jahre zuvor erstmals erschienenen originalen Buchausgabe; er unterrichtet als Privatlehrer Deutsch, schreibt und spricht gelegentlich für den Rundfunk. Es entwickeln sich Kontakte mit griechischen Autoren, etwa zu Nikos Kazantzakis (1883–1957) oder Pantelis Prevelakis (1909–1986). Dokumentiert aus dieser Phase sind auch zwei Besuche (5. November und 3. Dezember 1940) bei Giorgos Seferis (1900–1971), damals als Georgios Seferiadis leitender Beamter des Presseministeriums. Man unterhält sich u.&nbsp;a. über die deutsche Übertragung des später berühmt gewordenen Gedichts&nbsp;<em>Der König von Asine</em>, das im Frühjahr 1940 im Band&nbsp;<em>Logbuch</em>&nbsp;erschienen war. Bei dieser Gelegenheit äußert von den Steinen sein Bedauern, aus Altersgründen dem griechischen Widerstand nicht „dienen“ zu können.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Giorgos Seferis, Μέρες Γ΄ (Tage III, 16.4.1934–14.12.1941). Athen: Ikaros, 1984, S. 261; 264. Dieser Wunsch wird – aus Zensurgründen auf Englisch – auch in der Korrespondenz mit Karl Wolfskehl wiederholt, vgl. von den Steinens Brief vom 12. Juli 1941 aus Jerusalem: „ I hope to get free [aus dem britischen Internierungslager; A.&nbsp;S.] before a very long time and to consecrate myself entirely to the struggle of my countrymen (the Greek, of course!).“ (Blasberg 1988: 225).</span></p>



<p>Der Einmarsch der Wehrmacht vertreibt ihn am 18. April 1941 aus Griechenland. Von den Briten über Kairo nach Palästina verbracht, wird er dort als Civil Internee 14 Monate festgehalten; dann geht es über Kenia ins Internee Camp No. 6 in Uganda, wo von aus er am 9. März 1943 über den Deputy Censor in Kampala einen englisch verfassten Brief an Giorgos Seferis, „Director of Press“, Greek General Consulate, Kairo schickt: „Das antike Griechenland ist mir sehr gegenwärtig an den Quellen des Nils und Homer mein täglicher Gefährte.“<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Bisher unveröffentlichtes Schreiben aus dem Seferis-Archiv der Gennadios-Bibliothek Athen (Übers. aus dem Engl.: A. S.).</span> Er bittet Seferis um Übersendung eines Exemplars der Kavafis-Gedichte, da sein eigenes in Athen verblieben sei; unbekannt, ob darauf reagiert wurde. 1944 kann er nach Jerusalem zurückkehren, wo er sich nach eigenem Bekunden „vor einer Wand“ wiederfindet, bestehend aus den faktischen Lebensbedingungen seiner „realen Geworfenheit“ ohne „konkrete Aussicht auf Änderung dieses Materiendrucks“ (Blasberg 1988: 230) einerseits, einer Fülle von nicht oder halb verwirklichten eigenen Projekten andererseits. Dazu kommt, dass Wolfskehl ihm am 25. April 1946 definitiv das längst versprochene Vorwort für seine geplante Kavafis-Ausgabe absagt: „Es geht nicht, meine Kräfte nehmen ab, die eigene Arbeit beansprucht vollauf, was sich erübrigt“ (ebd.: 231). Jetzt konzentriert sich von den Steinen auf seine „Hauptarbeit“: den „Versuch, meine deutsche und jüdische Position als geistiges Wesen zu klären.“ Wie nie zuvor wird er, dessen Vorfahren bereits 1820 konvertiert waren, sich jetzt seines Judentums bewusst: „Unendlich viel Geschichte, die ich ja schändlich ignorierte, habe ich nachgelernt.“ Er konzipiert ein „Bekenntnisbuch“ auf Englisch in sieben Kapiteln mit dem Titel: <em>The School of Silence, a German contribution to the Remoulding of Man</em>, das im Herbst 1947 „auf 900 Manuskriptseiten angeschwollen“ (ebd.: 237) ist. Exakt in diesem Herbst begibt er sich mit dem „nötigen ägyptischem (sehr nachpharaonischen) Visum“ nach Geneifa in der Suez-Kanalzone, um deutschen Kriegsgefangenen des britischen Camps 380 und „gelagerten Stratioten Britanniens“ im British Middle East College „Deutsch, Französisch, Latein, Griechisch, Weltgeschichte und Weisheitsliebe“ (ebd: 236) zu vermitteln.</p>



<p>1949 übernimmt er ein Lektorat für Alte Sprachen an der Fu’ad-Universität, heute Universität Kairo. Wiederholt macht er ab nach 1950 Reisen u.&nbsp;a. nach Athen, in der Absicht, sich erneut auf Dauer in Griechenland niederzulassen. Zwei umfangreiche Romane des Freundes Nikos Katzantzakis erscheinen Mitte der 1950er Jahre in seiner Übersetzung und werden jahrzehntelang wiederaufgelegt, auch seine 700 Druckseiten umfassende Myrivilis-Übersetzung aus dem Jahr 1955 (<em>Die Madonna mit dem Fischleib</em>; Manesse Bibliothek der Weltliteratur) kann bereits rein quantitativ als herausragende übersetzerische Leistung bezeichnet werden.</p>



<p>Von den Steinen bemüht sich in den 1950er Jahren darum, seiner Stimme im sich formierenden bundesdeutschen Literaturbetrieb Gehör zu verschaffen, davon zeugen u. a. Briefe an den Gründer der Zeitschrift <em>Akzente</em> Walter Höllerer (1922–2003) oder die Herausgeber der Kultur- und Literaturzeitschrift <em>Merkur</em>; er kämpft um eine Professur für deutsche Sprache und Literatur am Athener Polytechnikum. Sein plötzlicher Tod am 26. Dezember 1956 auf Rhodos beendet diese Aktivitäten. Von den Steinen, verschiedentlich als „intellektueller Outsider“, „Freigeist“, „Einzelgänger“ oder „Nonkonformist“ bezeichnet, soll in Athen beigesetzt sein.</p>



<p>Wolfgang Frommels anonym veröffentlichter Nachruf im&nbsp;<em>Castrum Peregrini</em>&nbsp;zeichnet ein facettenreiches Bild der Persönlichkeit von den Steinens:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Auf der menschlichen Ebene war er von Widersprüchlichkeiten und Gegensätzen bestimmt. Wenn er mit seiner großen schweren Gestalt, dem mächtigen, fast kahlen runden Kopf, bürgerlich konfektionsmäßig gekleidet ins Zimmer trat, wäre es schwierig gewesen, ihn sozial einzuordnen. Das fleischige bleiche Gesicht mit dem braunen Schnurrbart, die seltsam geschnittenen Augen mit einem oft unheimlich forschenden, dann wieder gläsernen unpersönlichen Blick, dazu eine eigentümlich stilisierte Art des Sprechens, als ob er Sätze von einem unsichtbaren Manuskript abläse, die Schroffheit seiner Formulierungen, und andererseits sein sehr sicheres weltmännisches Auftreten: das alles verlieh ihm einen fremdländischen Zug, und man hätte vielleicht zuerst geglaubt, einen Mann der Wirtschaft, den Herausgeber eines grossen Journals, vielleicht aber auch einen in Zivil gekleideten Offizier der östlichen Mittelmeerländer vor sich zu haben. (Frommel 1959: 69f.)</p>
</blockquote>



<p>Getrost kann Kavafis als „Entdeckung“ von den Steinens in seiner Athener Anfangszeit gelten, über die er bald seinen Briefpartnern aus dem George-Kreis, Karl Wolfskehl und Wolfgang Frommel, berichtete. Für Rückfragen zum Original stand ihm anfangs Nikos Kazantzakis zur Seite. Schon 1937 hatte sich der Übersetzer schriftlich an die Kavafis-Erben wegen der Rechte an der deutschen Fassung gewandt und offenbar bereits ab 1938 versucht, für „seinen“ Kavafis den Basler Benno Schwabe-Verlag zu gewinnen. Über dessen ablehnende „Basler Stotzigkeit“ äußerte sich der inzwischen nach Auckland emigrierte Wolfskehl „erbost“ (Blasberg 1988: 224), zumal seine damals noch zugesagte Einleitung so etwas wie der Schirm der Edition geworden wäre. Bei weiteren Versuchen stieß von den Steinen „auf völlige Fremdheit gegenüber meinem Alexandriner. Man findet ihn zugleich zu ideal und zu phallisch“ (ebd.: 233). 1953 kam schließlich, nach Einzelpublikationen in der&nbsp;<em>Neuen Rundschau</em>&nbsp;von 1951, die Teilausgabe im Suhrkamp-Verlag zustande (86 von 154 autorisierten Gedichten). Darin ist der Bezug auf George und die Antike als Leitbild, aus dem Entstehungskontext der Übersetzung überhaupt nicht wegzudenken, kaum mehr erkennbar. Vielmehr wird der Beitrag des Dichters zur „fremden Moderne“ akzentuiert, auf deren Hintergrund sich lediglich Elemente einer gleichsam neuen (klassischen) Antike abzeichnen. Von den Steinens Kavafis-Ausgabe bei Suhrkamp bildet 1953 eine der vielen Wegmarken für die kulturelle Öffnung der jungen BRD zur internationalen Moderne. Mit der Aufnahme von sechs Gedichten aus diesem Band in das legendär gewordene, von Hans Magnus Enzensberger 1960 herausgegebene&nbsp;<em>Museum der modernen Poesie</em>&nbsp;war Kavafis im deutschen Sprachraum endgültig kanonisiert.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Außer Kavafis ist an griechischen Autoren im&nbsp;<em>Museum der modernen Poesie</em>&nbsp;nur noch Seferis mit vier Gedichten vertreten, übersetzt aus dem Englischen von Christian Enzensberger (1931–2009).</span></p>



<p>Die Auswahlausgabe von 1953 hat auch unmittelbare literarische Spuren hinterlassen: In sein Gedicht <em>Bei der Lektüre eines spätgriechischen Dichters</em> aus den <em>Buckower Elegien</em> (1953) hat <a href="https://uelex.de/uebersetzer/brecht-bertolt/" data-type="uelex_article" data-id="11583">Bertolt Brecht </a>einzelne Formulierungen, ja ganze Zeilen aus dem Gedicht <em>Troer</em> von Kavafis / von den Steinen übernommen (Brecht 1988: 312), darunter zum Vergleich die ersten fünf Zeilen aus dem <em>Troer</em>-Gedicht von Kavafis / von den Steinen (Kavafis 1953: 15):</p>



<pre class="wp-block-verse"><em>Bei der Lektüre eines spätgriechischen Dichters</em>
In den Tagen, als ihr Fall gewiss war
Auf den Mauern begann schon die Totenklage
Richteten die Troer Stückchen grade, Stückchen
In den dreifachen Holztoren, Stückchen.
Und begannen Mut zu haben und gute Hoffnung.
Auch die Troer also…
</pre>



<pre class="wp-block-verse"><em>Troer</em>
Unsere Bemühungen, die von Schicksalsduldern,
Unsere Bemühungen sind wie jene der Troer.
Stückchen richten wir grade, Stückchen
Nehmen wir über uns und beginnen,
Mut zu haben und gute Hoffnungen.</pre>



<p>So sehr von den Steinen 1953 der verlegerischen Interessenlage, dem Zeitgeist bzw. der damit einhergehenden Aversion gegenüber George’schem Gedankengut Tribut geleistet haben mag, so deutlich revidiert er die Perspektive auf den Alexandriner in einer&nbsp;<em>Einführung</em>, die post mortem dem 1962 im Verlag Castrum Peregrini Presse publizierten Kavafis-Band mit den in der Suhrkamp-Ausgabe von 1953 noch fehlenden 68 Gedichten vorangestellt wurde.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="17"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup17">17</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="17">Die bei Suhrkamp 1953 und im Verlag Castrum Peregrini Presse 1962 veröffentlichten Übersetzungen erscheinen gesammelt 1985. Von den Steinens Einleitung zu dieser Gesamtausgabe (S. 5-23) ist identisch mit der der Ausgabe von 1962.</span>&nbsp;Dem Leitbild Antike folgend wird Kavafis als „letzter Verkünder mit einer eigenen und doch vom Urlicht stammenden Botschaft“ (Kavafis 1985: 21) entmodernisiert und zugleich in der Nachfolge Stefan Georges als Brennpunkt für eine (geistige) Erneuerung Europas aus dem Osten aktualisiert. Die Germanistin Chryssoula Kambas identifiziert in diesem Zusammenhang eine „Schieflage der deutschen Geschichte von Kavafis-Ausgaben“, entstanden aus der „okkupierenden Einbindung des griechischen Dichters in die George-Tradition“ (Kambas 2010: 295).</p>



<p>Zur Übersetzung selbst äußert sich von den Steinen im letzten Absatz seiner „Einführung zu den Gedichten des Konstantin Kavafis“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die deutsche Ausgabe sucht – wozu der Reichtum des Deutschen eine Möglichkeit zu geben scheint – aufs strengste dem griechischen Sinn bis in jede Nuance zu folgen, sowie den Rhythmen und Reimen (mit wenigen Ausnahmen) bis in jede Einzelheit. Wie erwähnt, kann natürlich die besondere Magie des griechischen Sprachamalgams von keinem anderen Idiom erzielt werden: der deutsche Text klingt darum vielleicht etwas zu robust, vielleicht etwas zu lyrisch, nicht geisterhaft, nicht ironisch genug. Die antiken Namen, die zum Schatz der deutschen Tradition gehören (Peleus, Sarpedon u.&nbsp;a.) wurden in dieser Gestalt beibehalten, die spätantiken Personennamen und alle byzantinischen Bezeichnungen dagegen möglichst nahe der neugriechischen Aussprache wiedergegeben, die zur Atmosphäre gehört und allein hier Willkürlichkeiten vermeidet. (Kavafis 1962: 22f.)</p>
</blockquote>



<p>Seit 2012 werden von den Steinens nachgelassene Platon-Übersetzungen von Torsten Israel editorisch aufbereitet; bisher (2019) sind zwei von sechs angekündigten Bänden erschienen. Ein Teil des Nachlasses befindet sich im Privatarchiv von Prof. Reimar Schefold (Amsterdam); eine „Reihe von Schriften, Übersetzungen und Briefen“, von der Familie der Neogräzistin Isidora Rosenthal-Kamerinea „zu treuen Händen überlassen“ (Rosenthal-Kamarinea 1982: 15), wurde nach deren Ableben offenbar entsorgt. Man muss davon ausgehen, dass ein nicht unerhebliches Volumen an Schriften und Übersetzungen verschollen ist, nicht zuletzt bedingt durch von den Steinens langjähriges Exil und den zeitweiligen Abbruch aller beruflichen Kontakte in den deutschsprachigen Raum.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="18"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup18">18</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="18">So ist im Nachruf der Zeitschrift <em>Castrum Peregrini</em> die Rede von einer „dichterischen Fortführung von Goethes unvollendetem Schauspiel <em>Die natürliche Tochter</em>“ – das 37 Seiten umfassende Manuskript liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach – „[…] dazu kommen eigene Verse, u. a. m.“ (Frommel 1959: 68). Ein im Marbacher Archiv liegender Brief von den Steinens an Wolfskehl vom 12. Juli 1941 vermerkt ein „new drama“ (<em>Reimar</em>, unveröffentlichtes Manuskript), ein Brief von Wolfskehl aus Auckland vom 18. April 1944 erwähnt Gedichte unter dem Titel <em>Das Jahr von Saint Jean d´Acre</em> (Blasberg 1988: 227). In Briefen des kretischen Schriftstellers Pantelis Prevelakis und in dessen Archiv sind Übersetzungen seiner Werke durch von den Steinen erwähnt (das Theaterstück <em>Das heilige Schwert</em>, Romane <em>Der Baum</em> und <em>Die Stadt</em>, Vortragsmanuskript). Das von Frommel und Rosenthal-Kamarinea genannte <em>Weißbuch</em> in der Übersetzung von den Steinens liegt, allerdings ohne dessen Namen anzuführen, im Archiv des griechischen Außenministeriums: Koenigliches Ministerium des Auswaertigen / Diplomatische Dokumente: <em>Der italienische Überfall auf Griechenland</em>, Athen, 1940. – In Athen haben sich ferner Teile der Bibliothek von den Steinens erhalten (vgl. Israel 2017).</span></p>
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