<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Übersetzer in die Fremdsprache Deutsch &#8211; UeLEX</title>
	<atom:link href="https://uelex.de/schlagworte/uebersetzer-in-die-fremdsprache-deutsch/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://uelex.de</link>
	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
	<lastBuildDate>Sun, 12 Apr 2026 13:49:08 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.8</generator>
	<item>
		<title>Strasser, Nadja</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/strasser-nadja/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 21:41:15 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2013467</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Einstein, Maria (Version 1.0)</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/einstein-maria/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Jan 2026 15:59:50 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2000022</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Prosopogramm entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts <a href="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025"><em>Post-Exil: Trans (2025-2027)</em>.</a></p>


        </p>
    </div>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Atabay, Cyrus</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/atabay-cyrus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[sbaumann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Apr 2025 19:40:24 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2011937</guid>

					<description><![CDATA[Cyrus Atabay, geboren am 6. September 1929 in Teheran, wurde von seinem Vater, der in den 1930er Jahren in Berlin Medizin studiert hatte, 1937 zum Schulbesuch nach Berlin geschickt.1Die biographischen Angaben folgen weitgehend Atabays autobiographischer Notiz anlässlich seiner Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im Herbst 1993, erneut veröffentlicht 1997.Er besuchte das [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Cyrus Atabay, geboren am 6. September 1929 in Teheran, wurde von seinem Vater, der in den 1930er Jahren in Berlin Medizin studiert hatte, 1937 zum Schulbesuch nach Berlin geschickt.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="2"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup2">2</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="2">Die biographischen Angaben folgen weitgehend Atabays autobiographischer Notiz anlässlich seiner Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im Herbst 1993, erneut veröffentlicht 1997.</span>Er besuchte das Arndt-Gymnasium in Dahlem und blieb bis zum Kriegsende in Deutschland. Im Sommer 1945 kam er zurück nach Persien, wo er seine Muttersprache erst wieder neu erlernen musste. Da sein Persisch für den Schulbesuch nicht ausreichte, wurde er auf eigenen Wunsch auf eine Schule in der Schweiz geschickt. In Zürich schrieb er in deutscher Sprache seine ersten Gedichte. 1952 begann er mit einem Germanistik-Studium in München. Erste eigene Gedichtbände erschienen in angesehenen Verlagen (Limes, Hanser).</p>



<p>Seit Anfang der 1960er Jahre lebte Atabay abwechselnd in Teheran und in London, wo er u.&nbsp;a. in Kontakt zu den Exilautoren Elias Canetti und Erich Fried kam. In Teheran gehörte er zu einem Kreis junger Schriftsteller, die seine Gedichte ins Persische brachten und mit deren Unterstützung er ihre Gedichte ins Deutsche übersetzte. So entstand die 1968 im Claassen Verlag veröffentlichte Anthologie <em>Gesänge von Morgen. Neue iranische Lyrik</em>.</p>



<p>Nach der iranischen Revolution von 1978 verließ Atabay Persien. In Großbritannien bekam er als nunmehr staatenloser Neffe von Schah Mohammad Reza Pahlavi politisches Asyl. 1983 siedelte er nach München über, wo er nach allerlei Hin und Her und Ernennung zum Ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste eine Aufenthaltserlaubnis erhielt (vgl. Reich-Ranicki 1982). 1990 wurde er mit dem Chamisso-Preis geehrt und 1993 in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen.</p>



<p>Seit 1981 erschienen seine Bücher vornehmlich in der Düsseldorfer Eremiten-Presse, mit deren Verlegern Friedolin Reske und Jens Olsson ihn eine langjährige Freundschaft verband (vgl. Olsson 1997). Insgesamt 14 bibliophil gestaltete Bücher hat Atabay in der Eremiten-Presse veröffentlicht, darunter sieben Bände mit Übersetzungen klassischer persischer Dichtung: Abul Ala Al-Ma’arri (10./11. Jh.), Omar Chajjam (11./12. Jh.), Rumi (13. Jh.), Hafis (14. Jh.) und Obeyd-e-Zakani (14. Jh.).</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Übertragungen ergänzte Cyrus Atabay durch kluge, aufschlussreiche Nachworte, sodass ich ihn einmal scherzhaft einen <em>poeta doctus</em>, einen „gelehrten Poeten“ nannte. Aber das hörte er nicht gern. Er beanspruchte nichts anderes, als originärer Dichter zu sein. Seine Übertragungen, sein eindringliches Erschließen persischer Lyrik wollte er auf keinen Fall losgelöst von seiner eigenen Dichtung, sondern als deren Fortführung gedeutet wissen. (Horst 1997: 58)</p>
</blockquote>



<p>Zum Wie seines Übersetzens hieß es im Juli 1995 in einem Brief an Friedolin Reske – mit Blick auf seinen Rumi-Band <em>Ich sprach zur Nacht. Hundert Vierzeiler</em>, der posthum 1996 zur Frankfurter Buchmesse erschien:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>So viel ich weiss, wählte ich für die Übersetzung die einfachsten Wörter, die einfachste Diktion: nur keine Rhetorik, nur keine Lügen! (Zit. in Olsson 1997: 94)</p>
</blockquote>



<p>Cyrus Atabay starb im Alter von 66 Jahren am 26. Januar 1996 in München, auf dem Nordfriedhof wurde er beigesetzt. Anderthalb Jahre später gab Werner Ross den Sammelband <em>Poet und Vagant – Der Dichter Cyrus Atabay</em> mit Aufsätzen von 22 Freunden und Weggefährten des „persischen Prinzen“ heraus. Das Thema Übersetzen wird leider in keinem der Beiträge gründlicher behandelt. Auch in den bald drei Jahrzehnten seither sind m. W. keine Studien zu seinen Übersetzungen erschienen. Auch um seine eigenen Gedichte haben sich Germanistik und Komparatistik bisher nicht großartig gekümmert (Ausnahmen: Masson 2002 und Chiellino 2016). Das mag an nicht vorhandenen Persisch-Kenntnissen liegen, ein Problem, auf das Christoph Meckel, der Atabay seit 1956 kannte, in seinen <em>Merkmalminiaturen </em>hinwies:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Kennt man einen Menschen, dem man nicht folgen kann in die andere Sprache? Man folgt ihm, mit gutem Willen und etwas Talent, in Ideologie oder Religion, in die Privatheit und in den Traum, in Beruf und Handwerk, Hoffnung, Sorge, weit hinaus in eine gemeinsame Sprache, aber nicht in eine, die man nicht kennt. „Die Auswirkung persischer Dichtung auf Atabay“, welcher Deutsche beurteilt das. (Meckel 1997: 76 f.)</p>
</blockquote>



<p>Vielleicht werden sich eines Tages iranische Germanisten und Übersetzungsforscher in Teheran oder Isfahan mit den persisch-englisch-deutschen Verflechtungen im Leben und Werk Cyrus Atabays beschäftigen können.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rothbart, Irma</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/rothbart-irma/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Aug 2024 21:19:33 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2010689</guid>

					<description><![CDATA[Irma Rothbart (geboren am 30. November 1896 in Budapest, gestorben am 27. Mai 1967 in Zagreb) übersetzte in den 1930er Jahren zahlreiche Prosatexte ihres Ehemanns Ervin Sinkó (1898–1967) aus dem Ungarischen ins Deutsche, darunter den 1260 Typoskriptseiten umfassenden Roman Optimisták (Die Optimisten). Die im Pariser (1932–1935, 1937–1939) und Moskauer Exil (1935–1937) unternommenen Versuche, für Die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p id="uelex-redaktionelles-id"></p>



<p>Dieses Porträt entstand im Rahmen des DFG-geförderten D-A-CH-Projekts <em>Exil:Trans</em> (2019–2022). Eine Langversion erschien zuerst unter dem Titel <em>Verheddert im Netzwerk der Genossen. Ervin Sinkó und seine Übersetzerin Irma Rothbart im Pariser und Moskauer Exil der 1930er Jahre </em>(Kelletat 2023).</p>


        </p>
    </div>


<p>Irma Rothbart (geboren am 30. November 1896 in Budapest, gestorben am 27. Mai 1967 in Zagreb) übersetzte in den 1930er Jahren zahlreiche Prosatexte ihres Ehemanns Ervin Sinkó (1898–1967) aus dem Ungarischen ins Deutsche, darunter den 1260 Typoskriptseiten umfassenden Roman <em>Optimisták </em>(Die Optimisten). Die im Pariser (1932–1935, 1937–1939) und Moskauer Exil (1935–1937) unternommenen Versuche, für <em>Die Optimisten</em> einen Verlag zu finden, scheiterten, obwohl der Roman u. a. in Romain Rolland, André Malraux, Béla Kun oder <a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">Alfred Kurella</a> namhafte Fürsprecher gefunden hatte. Lediglich das Romankapitel <em>Georg Kosma</em> wurde 1936 in der Moskauer (Exil-)Zeitschrift <em>Internationale Literatur</em> veröffentlicht. Das Gesamttyposkript der Übersetzung ist verschollen.</p>



<p>Irma Rothbart (verheiratete Irma Rothbart-Sinkó) wuchs im vielsprachigen Temeswar auf, das damals Teil des Königreichs Ungarn war. Ihre Eltern waren Janka Rothbart (geborene Rosenwald) und der wohlhabende Unternehmer Jakab Rothbart.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="37"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup37">37</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="37">Illyés (1979: 503) bezeichnet Jakab Rothbart als „reichen Getreidehändler“; genauere Informationen finden sich im Nachruf, der am 11. Dezember 1931 in der Zeitschrift <em>Uj Kelet</em> („Der Neue Osten“) veröffentlicht wurde: geboren in Dusafalva oder dem nahegelegenen Nagyvárad (= Großwardein, rumänisch Oradea), Schulbesuch in Temeswar, zu Ausbildungszwecken längerer Aufenthalt in Paris, 1896 bis 1931 Leitung einer Alkoholfabrik, führendes Mitglied der Handels- und Industriekammer, im Vorstand mehrerer Banken und Unternehmen, Vizepräsident der Börse, Vorsitzender der Josefstädter jüdischen Gemeinde in Temeswar, Mitglied im Stadtrat, Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe, wichtige Rolle bei der Organisation der Jewish Agency in Siebenbürgen.</span>Über Rothbarts Kindheit ist wenig bekannt, insbesondere nichts darüber, welche Sprachen sie in ihrer Familie und in der Schule gelernt hat; in Betracht kommen Deutsch, Ungarisch, Rumänisch und Französisch. Zum Studium der Philologie (Ungarisch und Deutsch) ging sie während des Ersten Weltkriegs nach Budapest. Geschockt vom Anblick verletzter Soldaten in einem Lazarettzug entwickelte sie sich zur Pazifistin und Sozialistin und wechselte ihr Studienfach von der Philologie zur Medizin. </p>



<p>1918 kam sie in Kontakt zu jungen Schriftstellern aus dem Umfeld von Lajos Kassáks „bis zum Extrem antimilitaristischer und antibourgeoiser“ (Sinkó 1990a: 148) Avantgarde-Zeitschrift und Künstlergruppe <em>MA </em>(„Heute“) (vgl. Forgács/Miller 2013: 1128–1136). Den radikalsten Mitgliedern dieses Kreises (Komját, Lengyel, Révai und Sinkó) ermöglichte Rothbart 1918 die Gründung der theoretisch ausgerichteten kommunistischen Zeitschrift <em>Internacionále</em>, indem sie eine Scheinehe mit dem Ingenieur Gyula Hevesi einging und ihre Mitgift zur Finanzierung des Projekts verwandte (Deák 2019: 37; Darabos 2017: 177).</p>



<p>Damals dürfte Rothbart auch Anschluss an jene Intellektuellen gefunden haben, die sich im sogenannten Sonntagskreis um Béla Balázs, Arnold Hauser, György (Georg) Lukács und Károly (Karl) Mannheim versammelt hatten (vgl. Karádi/Vezér 1985). Die mehrheitlich aus assimilierten ungarisch-jüdischen Familien stammenden Bürgersöhne und Bürgertöchter (u. a. Edit Hajós und Anna Lesznai) erfuhren durch den Krieg und die Revolution in Russland – Entmachtung der Bourgeoisie und Errichtung der Räteherrschaft – eine stürmische Radikalisierung. Sie erwarteten eine europa- oder sogar weltweite Fortsetzung des in Russland unter Lenins Führung begonnenen Prozesses, den Anbruch eines neuen Zeitalters, und sie wollten das Ihre dazu beitragen, damit es auch in Ungarn zu einer Übernahme der Staatsmacht durch das Proletariat käme.</p>



<p>Das Hinüberwechseln aus der behüteten Welt eines großbürgerlichen Elternhauses in die Welt der „Diktatur des Proletariats“ vollzog im Chaos der zerfallenden Habsburger Doppelmonarchie auch Irma Rothbart. In der Ära der Ungarischen Räterepublik – 21. März 1919 bis 1. August 1919 – arbeitete sie unter Lukács im Volkskommissariat für Unterrichtswesen, wurde Leiterin der Abteilung für Propaganda unter Jungarbeitern,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="38"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup38">38</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="38">Der ungarische Dramatiker Julius Hay berichtet in seiner Autobiografie <em>Geboren 1900 </em>über seine von der „Medizinstudentin Mitzi Rothbart“ geleitete Arbeit als „Jungarbeiter-Propagandist“ (Hay 1971: 58).</span> hielt Referate auf den Kongressen des Landesverbandes der Jungarbeiter und fuhr im Juni 1919 mit einer Delegation der Ungarischen Kommunistischen Partei zur Beisetzung von <a href="https://uelex.de/uebersetzer/luxemburg-rosa/" data-type="uelex_article" data-id="11569">Rosa Luxemburg</a> nach Berlin (Deák 2019: 40). Nach dem Zusammenbruch der Räterepublik und dem Beginn des Weißen Terrors (vgl. Bodó 2018) wurde sie verhaftet (Sinkó 1990b: 233), konnte aber 1920 nach Wien entkommen. Dort lebte sie mit anderen Anhängern der Räterepublik (u. a. Ernő/Ernst Mannheim und József Revai) in einem Flüchtlingslager (Barackensiedlung Grinzing; vgl. Kerekes 2018) und arbeitete einige Monate für János Lékai im Wiener Sekretariat der Kommunistischen Jugendinternationale. 1920 heiratete sie den zwei Jahre jüngeren Schriftsteller Ervin Sinkó (Künstlername für Franz Spitzer), der in den 1930er Jahren mit seinem autobiografisch fundierten Roman <em>Optimisták </em>die umfangreichste, erste und wohl auch bedeutendste literarische Darstellung der Ungarischen Räterepublik schaffen sollte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="39"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup39">39</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="39">Eine Darstellung der Struktur, der Handlung und der Hauptfiguren des (Schlüssel-)Romans hat Stefan Gužvica (2024a) veröffentlicht.</span></p>



<p>Lukács hat in Wien versucht, Irma Rothbart für einen Verbleib in der Kommunistischen Partei, die sie am 19. Juni 1920 verlassen hatte (Neubauer/Török 2009: 52), zu gewinnen. Anknüpfend an ein Gespräch schrieb sie am 24. Juni 1920 dem „lieben Genossen Lukács“, dass sie fest an den Sieg des Kommunismus glaube, aber seiner Aufforderung zu weiterer Mitarbeit in der Partei nicht nachkommen werde. Denn ihr Gewissen könne sie nicht dem Parteigehorsam unterordnen. Das sage sie nicht dem Parteiführer Lukács, sondern ihrem geschätzten Lehrer, den ihre Entscheidung schmerzlich berühren werde (Wortlaut des ungarischen Originals in Sinkó 1990b: 450f.).</p>



<p>Das moralische Problem, vor das sich Rothbart und Sinkó gestellt sahen, hatte Lukács 1919 in seinem „der jungen Generation der kommunistischen Partei“ gewidmeten <em>Internacionále</em>-Beitrag <em>Taktika és ethika</em> („Taktik und Ethik“) an der Frage nach dem „individuellen Terror“ diskutiert (Lukács 1975: 43–62). In Wien wurde das Thema, ob der Zweck (Erlangung der Staatsmacht) jegliches Mittel heilige oder ob das Tötungsverbot uneingeschränkt zu gelten habe, weiter besprochen. Angeknüpft wurde bereits bei den Diskussionen in Budapest u. a. am Mythos von der Ermordung des Holofernes bzw. an Hebbels <em>Judith</em>-Tragödie, dem Monolog im dritten Akt: „Und wenn Gott zwischen mich und die mir auferlegte Tat die Sünde gesetzt hätte – wer bin ich, daß ich mich dieser entziehen könnte?“ (Hebbel zit. n. Lukács 1975: 53). Als einen „Gedanken größter menschlicher Tragik“ bezeichnete Lukács das im Frühjahr 1919 (ebd.).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="40"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup40">40</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="40">1935 las Béla Kun in Moskau das Typskript der <em>Optimisták</em>. Im Gespräch mit Sinkó und Rothbart erzählte er, wen er alles in den Romanfiguren erkannt hatte: „Die überraschendste Entdeckung war für mich die Figur Vértes’ [= Georg Lukács]. Ich wußte gar nicht, daß man im innersten Zentrum der Diktatur, dort im Hotel ‚Hungária‘, zwei Türen von meinem Zimmer entfernt, Nacht für Nacht diskutierte, um aus dem Marxismus eine marxistische Theologie zu entwickeln und theologische Probleme in marxistische Probleme zu verwandeln.“ (Sinkó 1990a: 117; vgl. Kassák 2021: 113).</span> Nach dem Scheitern der Räterepublik und gründlicherer Lenin-Lektüre erteilte Lukács im Sommer 1920 im Wiener Exil den „Illusionen über Demokratie, über friedlichen Übergang zum Sozialismus“ eine klare Absage:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nur eine nüchtern-sachliche Taktik, die jedes legale und illegale Mittel, ausschließlich von Zweckmäßigkeitsgründen geleitet, abwechselnd anwendet, wird [das] Erziehungswerk des Proletariats in gesunde Bahnen lenken können. (Lukács 1981: 414)</p>
</blockquote>



<p>Auf dieses zur Erkämpfung der Staatsmacht ausgerichtete Zweck-Mittel-Konzept ihres Lehrers konnten sich Rothbart und Sinkó, dieser „unschuldvollste Mensch auf der Welt“ (Gyömrői 1985: 106), nicht einlassen. Gemeinsam verließen sie 1920 Wien und lebten ein Jahr inkognito im inzwischen zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gehörenden Szabadka/Subotica, dem vormaligen Maria-Theresiopel. Nach der Entdeckung des Ehepaars durch die Polizei und angesichts der drohenden Auslieferung der ‚Judeobolschewisten‘ an das durch Weißen Terror und brutalen Antisemitismus beherrschte Ungarn kehrten die beiden nach Wien zurück. Dort lebten sie im Grinzinger Lager, Baracke 23, fünf weitere Jahre. Auf einer im Sommer 1922 aufgenommenen Fotografie sieht man Irma Rothbart und Ervin Sinkó zusammen mit den Emigranten Jelena Andreewna Grabenko (verheiratete Lukács), Dorothea und Károly Garai, Ernő/Ernst Mannheim und József Révai.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="41"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup41">41</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="41">Vgl. die Beschreibung der Fotografie in einem in Dresden geschriebenen Brief von Dorothea Garai an Ervin Sinkó vom 21. März 1963, gut 40 Jahre später! (Sinkó 2006: 262) In diesem Brief berichtet Garai auch über ihre Arbeit als Übersetzerin für die „Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR“ (VEGAAR) sowie als Dolmetscherin u. a. für Gewerkschaftsdelegationen im Moskau der Jahre 1928 bis 1937.</span> Die Auseinandersetzungen über Fragen der revolutionären Gewaltanwendung führten Mitte der 1920er Jahre bei Rothbart und Sinkó zum Konzept eines ethischen Kommunismus und zu einer Hinwendung zu christlichen Positionen. In seinem 1935 in Paris geschriebenen autobiografischen Porträt <em>Szemben a bíróval</em> (Vor dem Richter) schildert Sinkó diese radikale Abkehr von der Gemeinschaft der Budapester Berufsrevolutionäre, seinen „Weg über die Diktatur zu Christus“ (Sinkó 1985: 62):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Jede gegen Gewalt angewendete Gewalt ist die Anerkennung des Gewaltprinzips, und jeder Versuch, das Böse mit Bösem zu vernichten, nährt das Böse nur weiter, und mir schien, das Beste, was ein zum Dienen bereiter Mensch tun könne, sei, Tolstoi folgend mit seinem Leben, im eigenen Alltagsleben Christus’ Beispiel zu verwirklichen. […] Ohne die frühere Gemeinschaft blieb ich allein […] mit meinem Glauben […]. Doch ich bekam für die große Aufgabe, in der unmenschlichen Welt menschlich zu leben,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="42"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup42">42</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="42">Anspielung auf Endre Adys 1916 geschriebenes Gedicht<em> Ember az embertelenségben</em> („Mensch in der Unmenschlichkeit“); eine Nachdichtung Franz Fühmanns in Ady (1977: 66f.).</span> mehr als einen Helfer, ich bekam einen Lebensgefährten, meine Frau, die selbst auch Kommunistin gewesen war, selbst den weißen Terror überlebt hatte […]. Uns gegenseitig bestärkend, versuchten wir in unserem bewegten Emigrantenleben das zu verwirklichen, was wir für unsere einzige Aufgabe hielten […]. Wir wußten, was nicht erlaubt war […]. Es war nicht erlaubt, zur Waffe zu greifen, es war nicht erlaubt, aus Sorge für die morgigen Tage unser Brot heute nicht zu teilen […] nicht erlaubt, nur für uns gegenseitig da zu sein. […] Dies waren jene Wiener Jahre, in denen wir mehr oder weniger außerhalb des Rahmens der bürgerlichen Gesellschaft gemeinsam mit polnischen, deutschen, balkanischen und ungarischen kommunistischen Emigranten von Gelegenheitsarbeiten, minimalen Unterstützungen und der gegenseitigen Armut – denn auch das kann man – lebten. (Ebd.: 61f.)</p>
</blockquote>



<p>Sinkó zeichnete 1924/25 als Herausgeber der in Wien erscheinenden Zeitschrift <em>Testvér </em>(Der Bruder) und veröffentlichte dort ca. fünfzig Artikel u. a. zu Meister Eckhart, Matthias Claudius, Angelus Silesius oder Sören Kierkegaard (Sinkó 1990b: 608–610). Irma Rothbart war in <em>Testvér </em>unter dem Pseudonym Klára Kertész mit vier Beiträgen vertreten (ebd.: 463).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="43"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup43">43</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="43">Zur programmatischen Ausrichtung der Zeitschrift vgl. Kerekes (2018: 67f.); dort auch Hinweise auf ungarische Sekundärliteratur.</span>Vor allem aber setzte sie ihr Medizinstudium fort. Im Februar 1926 wurde sie an der Universität Wien promoviert, ihre Famulatur absolvierte sie im Städtischen Krankenhaus von Sarajewo (Jugoslawien). Nach erneuten kürzeren Aufenthalten in Wien und Graz<span class="oes-note oes-popup" data-fn="44"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup44">44</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="44">Die Wiener <em>Medizinische Wochenschrift</em> (Nr. 30/1927, S. 1009) vermeldet unter dem 23. Juli 1927, dass sich „Dr. Irma Rothbart Spitzer“ in Graz als Ärztin niedergelassen habe.</span> arbeitete sie bis 1931 als Ärztin in dem fast ausschließlich von Batschka-Schwaben bewohnten Dorf Prigrevica Sveti Ivan (St. Johann an der Schanze) in der Vojvodina, unweit von Apatin, dem Heimatort Sinkós, der sich nun ganz dem Schreiben widmete. Von Prigrevica Sveti Ivan ging es – unter Zurücklassung fast aller Bücher (Sinkó 1990a: 82) – nach viereinhalb Jahren und einem Zwischenaufenthalt in Zürich erneut für anderthalb Jahre nach Wien. Eine ihr nach dem Tod des Vaters zugefallene Erbschaft ermöglichte Rothbart dort eine Zusatzausbildung zur Röntgenologin am renommierten Institut Holzknecht (Sinkó 1990b: 490).</p>



<p>Neben ihrer medizinischen Fortbildung begann Rothbart 1931, kürzere Prosatexte ihres Mannes aus dem Ungarischen ins Deutsche zu übersetzen. Die erste dieser Übersetzungen erschien – signiert mit dem Pseudonym Klára Kertész – unter dem Titel <em>Der graue Alltag</em> im April 1931 in der Zürcher Zeitschrift <em>Frauenrecht</em>. Im Oktober folgte in der <em>Wiener Arbeiter-Zeitung</em> die Erzählung <em>Andreas wird bewaffnet</em>, jetzt signiert mit „Irma Rothbart“. Knapp zwanzig von ihr ins Deutsche gebrachte Texte mit Titeln wie <em>Peter ist arbeitslos</em>, <em>Der Unpolitische</em> oder <em>Kleines Ereignis: Budapest 1919</em> verzeichnet die Sinkó-Bibliografie (Sinkó 1990b: 612–614). Darunter finden sich auch die elf Kapitel von <em>Menschen und Fahnen. Eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Kriege</em>, veröffentlicht in Fortsetzungen zwischen Mai 1934 und März 1935. Publiziert wurden die Texte – oft mit der Angabe „Autorisierte Übersetzung aus dem Ungarischen von Irma Rothbart“ – in Wiener Zeitungen wie <em>Das kleine Blatt</em>, <em>Der Wiener Tag</em>, <em>Der Kuckuck</em>, <em>Arbeiter-Zeitung</em> und <em>Der Bücherwurm</em>, aber auch in der Schweiz (<em>Frauenrecht</em>, Zürich; <em>Arbeiter-Zeitung</em>, Basel) und in Deutschland, wo 1931 die Weihnachtserzählung <em>Gyurka springt für Jesus ein</em> in einer Beilage der Bielefelder <em>Volkswacht </em>erschien. In überregionalen deutschen Tageszeitungen oder gar in führenden Literaturzeitschriften wurden Rothbarts Übersetzungen nicht gedruckt und die Honorare für den Originalautor wie für die Übersetzerin dürften nicht üppig gewesen sein.</p>



<p>Gleich nach dem Berliner Reichstagsbrand und in nicht unberechtigter Furcht vor einer Ausbreitung des vom Deutschen Reich her drohenden Faschismus sind Rothbart und Sinkó „aus der stickigen Atmosphäre Wiens“ (Sinkó 1990a: 20) nach Paris übergesiedelt. Dort lebten die beiden von „oft grotesken Gelegenheitsarbeiten“ Rothbarts (ebd.). Für ihren Beruf als Ärztin bekam sie keine Arbeitserlaubnis. Ervin Sinkó brachte an einem „frühen Wintermorgen des Jahres 1934“ (ebd.: 6) seine in der dörflichen Abgeschiedenheit von Prigrevica Sveti Ivan begonnene Niederschrift des Romans <em>Optimisták </em>zum Abschluss. Aber:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was war das Manuskript schon wert, von der Frau des Autors – der Armen – fein säuberlich auf manchmal schwer zu beschaffendem, schönem weißem Papier getippt? Was sollte ein 1200 Seiten starkes Romanmanuskript, wenn es zu den übrigen Manuskripten kam, die auf dem Schrank oder unter dem Bett in einem von schweren Lasten und vielen Reisen arg mitgenommenen Massengrab, genannt Vulkanfiberkoffer, ihr Dasein fristeten? Die Frage […] hat einmal der ungarische Lyriker Andre Ady auf eine kurze Formel gebracht: „Was ist der Mensch wert, wenn er Ungar ist?“ (Ebd.: 7)</p>
</blockquote>



<p>Und wie viel weniger noch war dieser Ungar wert, wenn keine Aussicht bestand, seinen in dreieinhalb Jahren entstandenen Roman in Horthys faschistoidem Ungarn oder im monarchofaschistischen Jugoslawien herausbringen zu können? Den Ausweg wusste Irma Rothbart. Sie begann – noch während Sinkós Arbeit an den Schlusskapiteln – die <em>Optimisták </em>ins Deutsche zu übersetzen (ebd.: 16), weil es „auf jeden Fall leichter wäre, auf der großen Welt jemanden zu finden, der Deutsch lesen konnte, als […] einen, der Ungarisch verstand“ (ebd.: 13). Dennoch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ins Deutsche? Im Jahre 1934, als man in Deutschland selbst bereits gedruckte Werke, falls sie etwas taugten, auf den Scheiterhaufen warf? Einen ungarischen Roman ins Deutsche übersetzen, als ein Heer von deutschen Schriftstellern mit in ganz Europa bekannten Namen, in die Emigration getrieben, nicht einmal mit Originalmanuskripten etwas anfangen konnte? Verfluchte ich die schweren Koffer nicht schon jetzt bei jedem unserer häufigen Umzüge? Besaßen wir überhaupt noch einen Koffer, in dem sich keine Manuskripte befanden? (Ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Sinkó hatte 1934 keinerlei Kontakte zur französischen Literaturszene. Seine Versuche, bei französischen Verlagen oder Zeitschriften Interesse für seinen Roman zu wecken, scheiterten. Doch dann ergab sich vermittelt durch den „roten Grafen“ Mihály Károly<span class="oes-note oes-popup" data-fn="45"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup45">45</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="45">Károly hatte im November 1918 in Budapest die Volksrepublik ausgerufen („Asternrevolution“) und lebte seit Juli 1919 im Pariser Exil.</span>ein Kontakt zu Romain Rolland, dem friedensbewegten Nobelpreisträger von 1915 und weithin geachteten sowjetfreundlichen Schriftsteller. Durch seine Fürsprache erschienen nun zahlreiche Sinkó-Texte in französischen Zeitungen, darunter in <em>Europe </em>der von Jean Guéhenno angeregte, von Yvonne Pujade übersetzte und von Rolland sprachlich redigierte autobiographische Schlüsseltext <em>En face du juge</em> (<em>Szemben a bíróval</em>). <span class="oes-note oes-popup" data-fn="46"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup46">46</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="46">In der erstmals 1985 veröffentlichten, aus dem ungarischen Original erstellten deutschen Übersetzung <em>Vor dem Richter </em>fehlen zwei auf Rollands Anraten geschriebene Schlusspassagen mit Sinkós (angesichts der Ausbreitung des Faschismus und der drohenden Kriegsgefahr) Absage an das Prinzip der Gewaltlosigkeit (vgl. Sinkó 1985: 66 und Sinkó 1935: 71f.)</span> Vor allem aber gelangten Sinkó und Rothbart im Mai 1935 nach Moskau, wo sie sich nach 15 drückenden Exiljahren eine neue dauerhafte Existenz aufzubauen versuchten.</p>



<p>Während sich Sinkó – unterstützt u. a. von Béla Kun und <a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">Alfred Kurella</a> – um die deutsche und russische Veröffentlichung seines Romans über die ungarische Räterepublik in sowjetischen Verlagen bemühte, arbeitete Irma Rothbart als Ärztin, was ihr, anders als zuvor in Paris, umstandslos gestattet wurde. Was Sinkó und Rothbart in den zwei Jahren bis zu ihrer Ausweisung aus der Sowjetunion im April 1937 erlebten, hat Sinkó in einem auf Ungarisch geschriebenen Tagebuch festgehalten. Dieses Tagebuch wurde – von Sinkó 1953/55 ergänzt um einzelne Kontextualisierungen sowie die Vor- und Nachgeschichte des Moskauer Aufenthaltes<span class="oes-note oes-popup" data-fn="47"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup47">47</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="47">In der von mir konsultierten textkritischen ungarischen Ausgabe von 1988 findet sich ein philologischer Bericht des Sinkó-Experten István Bosnyák: Er hat die im Zagreber Nachlass erhaltenen Tagebuchaufzeichnungen aus den 1930er Jahren und sonstigen Materialien (Briefe von Rolland, Verlagsgutachten und -verträge, Zeitungsausschnitte usw.) herangezogen (vgl. Sinkó 1988: 653–655). In der von Bosnyák edierten Neuausgabe sind die von Sinkó 1953/55 hinzugefügten, ca. 100 von insgesamt 600 Druckseiten umfassenden Textteile kursiv gesetzt. So verfährt auch die von George Deák (leider nur zu zwei Dritteln) übersetzte und mit einer profunden Einleitung versehene amerikanische Ausgabe von 2018. Es lassen sich in diesen beiden Ausgaben also deutlich die von Sinkó nachträglich geschriebenen Ergänzungen bzw. Erinnerungen ausmachen.</span> 1955 in kroatischer Übersetzung in Zagreb verlegt (<em>Roman jednog romana. Bilješke iz moskovskog dnevnika od 1935 do 1937 godine</em>; 546 S.). 1961 folgte in zwei Bänden im jugoslawischen Újvidék/Novi Sad die erste ungarische Ausgabe (508 u. 376 S.), die dann von Edmund Trugly aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt und leicht gekürzt 1962 in Köln veröffentlicht wurde: <em>Roman eines Romans. Moskauer Tagebuch</em>.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="48"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup48">48</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="48">Ob Sinkó 1955 bei der Festlegung des Titels <em>Egy regény regénye</em> Thomas Manns 1949 erschienenen <em>Roman eines Romans</em> über die Entstehung des <em>Doktor Faustus</em> vor Augen hatte, kann ich nicht sagen. </span> Diese deutsche Version, aus deren 1990 erschienenem und mit einem Nachwort von Alfred Kantorowicz versehenem fotomechanischen Nachdruck (Sinkó 1990a)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="49"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup49">49</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="49">Die Angabe im verlegerischen Peritext  – „Übersetzt aus dem Serbokroatischen von Edmund Trugly jun.“ – beruht auf einem Irrtum. Trugly hat den ungarischen Originaltext ins Deutsche gebracht. </span>in diesem UeLEX-Beitrag zitiert wird, wurde in den Jahrzehnten vor Öffnung der Moskauer Archive primär dazu genutzt, eine auf zeitgenössischen Quellen beruhende Vorstellung von den Exilbedingungen in der Sowjetunion in den Anfangsjahren des Stalinkults und der stalinistischen „Säuberungen“ zu gewinnen (vgl. Kantorowicz 1977; Sinkó 1976; Walter 1972: 346f.; Walter 1984: 212–220).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="50"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup50">50</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="50">Auch zwei neuere deutschsprachige Beiträge zu Sinkó (Hesse 2017: 454–471; Hesse 2018) stützen sich auf diese deutsche Übersetzung von 1962.</span><code> </code>In Ungarn konnte zensurbedingt die ungarische Originalversion erst 1979 erscheinen.</p>



<p>In seinen Moskauer Tagebuchnotizen hat Ervin Sinkó detailreich die unglaublichen „Irrfahrten“ (Sinkó 1990a: 78) seines Romans bzw. der von Irma Rothbart erstellten deutschen Übersetzung festgehalten (vgl. Kelletat 2023: 412–420, 424–427). Daneben werden viele andere Themen und Ereignisse angesprochen: Spaziergänge der beiden durch die Stadt; Theater-, Opern- und Filmaufführungen („‚Peter‘ mit Franziska Gaál in der Hauptrolle […] ist der einzige ausländische Film, der in den hiesigen Kinos gespielt wird“; Sinkó 1990a: 271); der gemeinsame Besuch im nach Gorki benannten Kulturpark („Triumph der Konzeption des Kindergartens“; ebd.: 139); die satirisch beschriebene Friedhofsbegegnung mit dem Bildhauer Iwan Dmitrijewitsch Schadr, der das Grabmal für Stalins verstorbene Frau Nadjeshda Allilujewa geschaffen hat (ebd.: 192–195); die Teilnahme an einem auch von „vielen jungen Männern und Frauen“ besuchten orthodoxen Gottesdienst (ebd.: 229–231); Gespräche mit deutschen Komintern-Mitarbeitern im Hotel Lux samt Erstaunen darüber, dass man sogar dort damit rechnet, „daß in den Heizkörpern Abhörgeräte untergebracht sind“ (ebd.: 136); die Besichtigung des hochmodernen, weltweit einzigartigen „Abortariums“ und die völlig überraschende wenige Tage darauf erfolgende Wiedereinführung des Abtreibungsverbots (ebd.: 90 u. 108); Alfred Kurellas eloquente Rechtfertigung dieser „Restauration der Familie, der Ehe“ (ebd.: 134f.); die „Emanzipation der Frau“, die in der sozialistischen Revolution „irgendwo steckengeblieben“ sei: „In den führenden Positionen der Regierung und der Partei ausschließlich Männer“ (ebd.: 147); die erfolglos bekämpfte Lieblingslektüre der Mittelschuljugend: „Krimis und Gruselgeschichten“ aus der Zarenzeit statt Awdejenkos <em>Ich liebe</em>, dessen Held freilich „vor allem in seine Maschinen verliebt ist“ (ebd.: 204); der Lohn eines „tschernorabotschij“, eines ungelernten Arbeiters (64 Rubel), im Vergleich zu einer Stenotypistin (125 Rubel) (ebd.: 159) und der fürstlichen Honorierung eines in vier Wochen Arbeit erstellten Filmskripts (10 000 Rubel); die niedrige „Arbeitsleistung des durchschnittlichen Sowjetarbeiters, des Bauern von gestern“, im Vergleich zu Arbeitern in kapitalistischen Unternehmen (ebd.: 143); die Militarisierung der Kinderliteratur (ebd.: 303); Begegnungen mit offiziell nach Moskau eingeladenen französischen Schriftstellern (ebd.: 297 u. 333–339); das Erstaunen Malraux’ während einer von hunderten Autoren besuchten Versammlung des sowjetischen Schriftstellerverbands zu Fragen des Formalismus und Realismus: „Tout ça écrit?“ (ebd.: 338); die „ein wenig zu auffällig organisierte Fröhlichkeitspropaganda“, die Kurella als „eine der Erscheinungsformen des neuen Humanismus“ erklärt – Sinkó und Rothbart „könnten gar nicht ermessen, wie schrecklich die schwierigen Jahre des ersten Fünfjahrplans und die Kollektivierung im Leben dieses Volkes waren, das jetzt erst richtig lernen muß, sorglos zu lachen“ (ebd.: 168); usw. usf.</p>



<p>Um die deutsche Übersetzung des Sinkó-Romans in Moskau veröffentlichen zu können, verlangte Otto Bork<span class="oes-note oes-popup" data-fn="51"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup51">51</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="51">Otto Bork, geboren am 5. September 1893 in Böllberg bei Halle (Saale), trat 1919 der KPD bei, war seit 1920 unter dem Parteinamen Otto Unger Funktionär der KPD, tätig zunächst in der Jugendarbeit, später im militärpolitischen Apparat der Partei. 1932 wurde er Prokurist sämtlicher Zeitungsverlage der KPD. 1933 kam er durch Verrat ins KZ, konnte aber 1934 nach Moskau emigrieren, wo er für die VEGAAR arbeitete. Im November 1937 wurde Unger vom „Volkskommissariat für innere Angelegenheiten“ (NKWD) verhaftet, am 19. März 1939 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag erschossen (vgl. Weber/Herbst 2008: 958f.) </span> von der „Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR“ (VEGAAR) u. a. eine schriftliche Erklärung Béla Kuns, der mächtigsten Figur der Ungarischen Räterepulik und seit 1924 Führungsmitglied der Komintern, dass er keine Einwände gegen die Veröffentlichung des Buches habe. Als diese „Bumaschka“ im Juni 1935 vorlag, wollte der Verlag den Vertrag mit Sinkó noch immer nicht ausstellen, sondern beauftragte im Juli und August 1935 nacheinander die Autoren Hans Günther und Alfred Kurella mit der Erstellung weiterer Gutachten. Am 16. August 1935 ergriff Kurella „mit beispielloser Kühnheit“ (ebd.: 259) für <em>Die Optimisten</em> Partei. Sinkó und Rothbart sahen in Kurella, der heute meist als verknöcherter, spätstalinistischer DDR-Literaturfunktionär erinnert wird, über ihre Moskauer Zeit hinaus einen verlässlichen Freund. Ob er das tatsächlich war, ist schwer einzuschätzen. Etwas skeptisch machen kann einen das, was Kurella am 8. September 1936 in der geschlossenen Parteiversammlung der deutschen Kommission des Sowjet-Schriftstellerverbandes über die beiden gesagt hat:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Noch ein Wort über den Genossen Ervin Sinkó. Ich denke, daß man ihn heranziehen muß, er ist ein guter Genosse und ein sehr guter Schriftsteller. Die Genossen werden auch sein Buch kennen. Der einzige wunde Punkt ist seine Frau, die ihren Stimmungen nach eine ewige Meckerin ist […]. Und die auf ihn einen ungünstigen Einfluß ausübt. Er spricht sehr gut deutsch. Ich habe ihn mit verschiedenen Genossen in Verbindung gebracht. Er ist hier. (zit. n. Müller 1991: 505)<br></p>
</blockquote>



<p>In seinem Gutachten (Wortlaut Sinkó 1990a: 260–264) wies Kurella von Günther vorgeschlagene Kürzungen strikt zurück, empfahl stattdessen eine „Teilung in zwei Bände“, für die er „eine recht schnelle Herausgabe“ wünschte (ebd.: 264). Ausdrücke wie „Leninburschen“, gegen die Einwände erhoben worden waren, erklärte er zu einer Frage der Terminologie und somit der Übersetzung. Zu Rothbarts Übersetzung schrieb er am Ende seines Gutachtens:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[Sie] ist im ganzen sehr gelungen und scheint ein treues Bild vom Sprachstil des Originals zu geben. Dieser Stil zeichnet sich durch große Einfachheit und Bildhaftigkeit und durch eine sehr stark gestaltende Formulierung der Dialoge aus. Das macht das Buch auch für den einfachen Leser sehr zugänglich. Immerhin spürt man zuweilen, daß die Übersetzung von einem Ausländer gemacht ist, der in Österreich aufgewachsen ist. Manchmal greift die Sprache am richtigen Ausdruck vorbei. Deshalb bedarf die ganze Übersetzung vor Drucklegung einer aufmerksamen Durcharbeitung unter Mitwirkung des Autors. (Ebd.: 264)</p>
</blockquote>



<p></p>



<p>Wie auch immer: Die beiden positiven Gutachten von Günther und Kurella reichten Otto Bork nicht aus. Der Vertrag, hieß es nun, müsse von Borks Chef unterschrieben werden, um rechtskräftig zu werden. „Er heißt Krebs.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="52"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup52">52</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="52">Michail Kreps (in der Exilliteratur oft als Krebs, manchmal auch als Krenz bezeichnet; vgl. Schick 1992: 1 u. 7), geboren 1895, lettischer Kommunist, war Leiter der Verlagsabteilung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) und Direktor der VEGAAR. Kreps wurde am 27. Juli 1937 verhaftet und am 27. Oktober 1937 erschossen (vgl. Vollgraf/Sperl/Hecker 2001: 415). </span>Nomen est omen?“ (ebd.: 265) – Kurella berichtet aus den Ferien von einem Brief Rollands, in dem von „guten Nachrichten […] über die baldige Veröffentlichung der ‚Optimisten‘“ die Rede sei; „woher und von wem erhält Rolland diese guten Nachrichten?“ (Ebd.: 266).</p>



<p>Am 3. Oktober 1935 wurde der Vertrag für die Herausgabe der deutschen Übersetzung des Romans von der VEGAAR unterschrieben. Diese Übersetzung allerdings sollte laut Vertrag bis zum 1. Januar 1936 um gut ein Drittel auf „fünfundreißig Bogen zu je 40 000 Anschlägen“ (= 560 Seiten à 2 500 Zeichen) reduziert werden (ebd.: 285).<br><br>Ihre Moskauer Eindrücke besprachen die beiden 1935 häufig mit Bruno Steiner, einem österreichischen Ingenieur, der bereits seit fünfzehn Jahren in der Sowjetunion lebte (vgl. ebd.: 120–123) und Haus und Haushalt mit Isaak Babel teilte, der dann ebenfalls den Autor der <em>Optimisten </em>kennenlernen wollte. Im Herbst 1935, als eine von der VEGAAR verlangte Kürzung der deutschen Übersetzung von 1200 auf 800 Typoskriptseiten anstand, musste Steiner für längere Zeit nach Wien und überließ seine Wohnung mit Babels Einverständnis Sinkó und Rothbart. Bei nächtlichen Treffen in der Küche entstand eine Freundschaft zwischen den dreien. Der <em>Roman eines Romans </em>ist dadurch auch eine wichtige Quelle für die Babel-Biografik (vgl. Krumm 2005: 158, 167 u. 177f.). Und in jedem Beitrag über Sinkó wird Babels „Charakterisierung“ seines ungarischen Schriftstellerkollegen zitiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Aber Erwin Isidorowitsch! Wie kann man bloß Attribute – eines unmöglicher als das andere! – so häufen wie Sie! Ungar sein ist an sich schon ein Unglück, aber das geht ja irgendwie noch, aber Ungar und Jude sein – das geht auf keine Kuhhaut! Ungar und Jude und kommunistischer ungarischer Schriftsteller – das grenzt schon an Perversität. Aber Ungar, Jude, kommunistischer ungarischer Schriftsteller und dazu noch jugoslawischer Staatsbürger – und das heute –, dagegen nimmt sich die Phantasie von Sacher-Masoch selig einfach wie ein unschuldiger kleiner Pinscher aus!“ Er mußte die Brille ablegen – er lachte, daß ihm die Tränen kamen. Ich habe noch nie einen Menschen so mit dem ganzen Körper lachen sehen. […] Alles deutet darauf hin, daß diese Nacht der Beginn einer Freundschaft gewesen ist. (Sinkó 1990a: 296f.)</p>
</blockquote>



<p>Babel unterstützte Sinkó bei dessen Bemühungen, bei Mosfilm Drehbücher unterzubringen (vgl. Hesse 2017: 465–471), und vermittelte Sinkós autobiografisches Porträt an die Redaktion der <em>Krasnaja Now</em> (Rotes Neuland). Die Veröffentlichung dieses Textes wäre, so Babel Ende Januar 1936, deshalb wichtig, weil dadurch der Weg für die russische Ausgabe der <em>Optimisten</em> frei werden würde. „Macht jemand den Anfang und die anderen sehen, daß alles glatt geht, bekommen auch sie ‚Mut‘“ (Sinkó 1990a: 302). Am 2. Februar konnte Babel berichten, dass einer der Redakteure die Erzählung „bereits gelesen habe und sie so interessant finde, daß er trotz alledem ihre Veröffentlichung befürwortet habe“ (ebd.: 307).</p>



<p>Mit dem „trotz alledem“ dürften auch jene kulturpolitischen Verhärtungen gemeint gewesen sein, die im Anschluss an den vernichtenden <em>Prawda</em>-Artikel vom 28. Januar 1936 über Schostakowitschs Oper <em>Lady Macbeth von Mzensk</em> („Chaos statt Musik“) nicht mehr zu übersehen waren. Eine Woche später sagte Irma Rothbart bei einem der nächtlichen Gespräche in der gemeinsamen Küche,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>sie habe den Eindruck, daß die Kampagne gegen Schostakowitsch lediglich den Auftakt zu einer umfassenden Kampagne bilde, und fragte Babel, ob er auch der gleichen Meinung sei. / „Ich verstehe nur eines nicht: Wie kann man das Leben mit einer so klugen Frau wie dieser Irma Jakowlewna bloß aushalten?“ entgegnete Babel an mich gewandt; diese scherzhafte Bemerkung, über die er sich köstlich amüsierte, war eine Antwort und zugleich auch keine Antwort. (ebd.: 315)</p>
</blockquote>



<p>Die mit Babel geteilte Wohnung in der Bolschoj Nikoloworybinskij pereulok, der Großen Nikoloworobinsker Gasse, war vor allem auch jener Ort, an dem durch drei Monate in relativer Ruhe an der von der VEGAAR verlangten Kürzung der <em>Optimisten </em>gearbeitet werden konnte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich schrieb einige Kapitel völlig neu, um den Umfang wie gewünscht verringern zu können. M. mußte den ganzen Roman noch einmal – zum drittenmal!<span class="oes-note oes-popup" data-fn="53"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup53">53</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="53">Die erste deutsche Übersetzung erstellte Rothbart in Paris, auf eine zweite konnte ich keinen Hinweis finden; dass im Winter 1935/36 eine dritte entstand, wird so auch im ungarischen Original behauptet: „harmadszor!“ (Sinkó 1988: 358). </span>– übersetzen, außerdem half sie mir bei der Kürzung der übrigen Kapitel. (Wir mußten so kürzen, daß nichts Wesentliches verlorenging.) Pohl<span class="oes-note oes-popup" data-fn="54"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup54">54</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="54">Otto Pohl, geboren am 28. März 1872 in Prag, absolvierte dort sein Jura-Studium, wurde Sozialdemokrat, Redakteur der <em>Arbeiter-Zeitung</em> und war ab 1920 in verschiedenen Funktionen in Moskau tätig (u. a. als Gesandter Österreichs). Mit seiner Stieftochter, der Übersetzerin <a href="https://uelex.de/uebersetzer/schwarz-lotte/" data-type="uelex_article" data-id="2002283">Lotte Schwarz</a>, gab er von 1929 bis 1934 die <em>Moskauer Rundschau</em> heraus. Mit seiner Lebenspartnerin Margarethe Schwarz-Kalberg emigrierte er 1937 nach Paris; 1938 wurde ihm nach der Okkupation Österreichs durch das Deutsche Reich das österreichische Ruhegehalt gestrichen; gemeinsam schieden Pohl und Schwarz-Kalberg am 9. Juli 1941 auf der Flucht vor den deutschen Häschern in Vaison-la-Romaine (Südfrankreich) aus dem Leben (vgl. Kelletat 2022: 450 sowie die Informationen zu Pohls Nachlass im Österreichischen Staatsarchiv: ‹www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=1405›; letzter Aufruf: 21. April 2022).</span> korrigierte die deutsche Übersetzung, er fahndete gleichzeitig nach Sätzen, die in eine noch kompaktere Form gebracht werden konnten, sowie nach Möglichkeiten, neue Absätze zu vermeiden. Als wir mit diesen Arbeiten fertig waren, brachte M. [= Mizzi = Irma Rothbart] das Manuskript zu Bork – ich hatte dazu einfach nicht mehr die Kraft. (Ebd.: 285)</p>
</blockquote>



<p>Zu bedenken ist dabei, dass Irma Rothbart die Übersetzungsarbeit neben ihrem Hauptberuf als Ärztin bzw. ausländische Expertin in „Professor Fränkels Krebsinstitut“ erledigte (ebd.: 132). Da Sinkó zunächst vergeblich auf Honorare wartete und ihr Monatslohn (150 Rubel) zum Leben nicht reichte, hatte sie bereits Ende Juni 1935 noch „ein paar Stunden röntgenologische Arbeit in der Poliklinik des ‚Scharikopodschipnik‘, der Kugellagerfabrik, übernommen“ (ebd.: 141). Ihr Monatsgehalt auf beiden Arbeitsstellen deckte jedoch nicht einmal „unseren Anteil am Haushaltsgeld für zwei Wochen – und wir leben schon seit einem Monat auf Babels Kosten“ (ebd.: 349).</p>



<p>Dennoch: Nach fünfzehn Monaten immer neuer Anläufe hatten Sinkó und Rothbart den Eindruck, dass sie es doch noch geschafft hätten, in der Sowjetunion ein neues Leben anzufangen. Sie arbeitete als Ärztin „in einem wissenschaftlichen Institut von Rang“ und er hatte dank eines erfolgreich erledigten Auftrags für Mosfilm so hohe Einnahmen, dass „endlich auch einmal wir sorglos in Urlaub fahren konnten“ (ebd.: 365). Trotz verstörender Moskauer Erlebnisse blieben sie überzeugt, mit ihrer Auswanderung in die Sowjetunion die richtige Entscheidung getroffen zu haben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Von der Minute an, als unser Zug über die Brücke jenes Flusses rollte, der die Sowjetunion vom Königreich Rumänien trennte, war alles, was wir sahen und erlebten, Propaganda für jene andere, im Aufbau befindliche Welt, aus der wir kamen. (Ebd.: 363)</p>
</blockquote>



<p>Den Urlaub wollten sie in einem siebenbürgischen Kurort, im seit 1919 zu Rumänien gehörenden Borszék, verbringen, dort auch Bruno Steiner, dem Mitte Juni 1936 völlig überraschend die Wiedereinreise in die Sowjetunion verwehrt worden war (ebd.: 357), und Sinkós Eltern treffen. Aber es kam nur zu einer Begegnung mit Steiner, der sich – nach fünfzehn Jahren Moskau – in Wien „wie ein Verbannter“ vorkam, der „in dieser Welt der Börsenspekulanten und Geschäftemacher“ seinen Platz nicht mehr finden konnte (ebd.: 366). Dann wurden sie von der Siguranca, der politischen Polizei, als unerwünschte Ausländer aus Rumänien ausgewiesen (ebd.). Kurz vor ihrer Rückkehr in die Sowjetunion lasen sie am Bahnhof von Kischinew die Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, dass in fünf Tagen „ein Prozess gegen Sinowjew, Kamenew, Smirnow und dreizehn weitere Mitangeklagte beginnen würde“ (ebd.: 371). Den Rest ihres Urlaubs verbrachten sie am Schwarzen Meer in Odessa, mit Isaak Babel als Fremdenführer durch die Stadt seiner Jugend.</p>



<p>Ende März 1937, als von den jeweils Verantwortlichen die deutsche und auch die russische Herausgabe der <em>Optimisták </em>mit immer neuen fadenscheinigen Begründungen<em> </em>aufgeschoben worden war (vgl. Kelletat 2023: 424–427),<span class="oes-note oes-popup" data-fn="55"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup55">55</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="55">Diese Scheu der Verlagsleute vor der Übernahme von Verantwortung war gewiss kein Einzelfall. Trude Richter erzählt in ihren Erinnerungen an die Exiljahre in Moskau über die Schwierigkeiten, die ihr Lebenspartner Hans Günther mit seinem Buch <em>Der Herren eigner Geist. Die Ideologie des Nationalsozialismus</em> hatte: „Bereits 1934 lag das Manuskript fertig vor, aber mit dem Erscheinen haperte es. Obwohl sämtliche Lektoren des Verlages Ausländischer Arbeiter in Moskau [sic!] von dem Projekt sehr angetan waren, wollte doch keiner die Verantwortung einer Veröffentlichung übernehmen. So wanderte die Handschrift weiter von einer Instanz zur nächst höheren, stets mit demselben Ergebnis, bis sie endlich auf dem Schreibtisch des Genossen Dimitroff landete. Dieser las sie hintereinander in einer Nacht durch und schrieb mit Rotstift darunter: ‚Unverzüglich veröffentlichen in vier Sprachen.‘ Am nächsten Tag drehten sich die Räder reibungslos […]“ (Richter 1990: 278f.). </span>wurden Rothbart und Sinkó – wie viele andere Ausländer in jener Zeit – aufgefordert, binnen 14 Tagen die Sowjetunion zu verlassen. Freunde und Kollegen in Moskau um Hilfe zu bitten, war aussichtslos und eine Rückkehr nach Jugoslawien kam wegen der in die Pässe gestempelten Sowjetvisen nicht in Betracht. Sie mussten wieder nach Frankreich, aber das französische Konsulat in Moskau erklärte, nur auf Anweisung aus Paris die erforderlichen Einreisevisen ausstellen zu dürfen. Irma Rothbart erreichte in einem nächtlichen Telefongespräch einen ihr entfernt bekannten kommunistischen Arztkollegen in Paris und bat um Hilfe. Seine Reaktion: „Vous pouvez compter sur nous pour que tout ce qui est possible soit fait pour vous.“ (ebd.: 425).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="56"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup56">56</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="56">Übersetzt in Sinkó 1990a: 425: „Sie können sich auf uns verlassen, wir werden alles, was möglich ist, für Sie tun.“</span> An dieser spontanen Hilfsbereitschaft erkannten Rothbart und Sinkó erstmals, in welche Gefahr sie geraten waren<span class="oes-note oes-popup" data-fn="57"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup57">57</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="57">Dass 1937 auf einem Personalbogen der Komintern unter dem Namen Ervin Sinkó vermerkt war: „des Trotzkismus verdächtigt“, konnten die beiden seinerzeit natürlich nicht wissen (vgl. Buckmiller/Meschkat 2007).</span> und als „wie beängstigend dramatisch auch in Paris Genossen die Ereignisse in der Sowjetunion empfanden“ (ebd.). Vier Tage vor Ablauf der Frist bekamen sie das Visum für Frankreich. Nun mussten noch die Durchreisevisen für Österreich und die Schweiz, Geld für die Reisekosten und die Erlaubnis zur Ausfuhr der Manuskripte und Bücher besorgt werden. Für Letzteres war eine Sonderabteilung im Gebäude des Volkskommissariats für Volksbildung zuständig, aber „Lift nje rabotajet“ (ebd.: 426):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>M. und ich schleppten uns mit denselben Vulkanfiberkoffern, die wir vor zwei Jahren in Rouen qualvoll die steile Eisentreppe des Frachters „Witebsk“ [mit dem sie von Frankreich nach Leningrad gekommen waren] hochgeschleppt hatten, um mit ihnen nach Moskau zu fahren, jetzt die Treppe zur dritten Etage des Volkskommissariats für Volksbildung hinauf. Als zusätzliche Last schleppten wir diesesmal noch Exemplare kompletter und gekürzter Fassungen des Manuskripts der <em>Optimisten</em> in verschiedenen Sprachen […]. Und das alles nur, um die Genehmigung zu erwirken, diesen verdammten großen Manuskripthaufen, der sich seit fünfzehn Jahren nur vermehrt und mir immer mehr zu einem dummen Fluch wurde, dorthin zurückzuschleppen, woher wir gekommen waren. (Ebd.)<br></p>
</blockquote>



<p>Das Tagebuch war nicht in einem dieser Koffer, es wurde per Luftpost an einen Pariser Freund geschickt. Am 14. April 1937 verließen Rothbart und Sinkó Moskau, was dem Paar – anders als vielen ihrer Moskauer Bekannten wie Béla Kun<span class="oes-note oes-popup" data-fn="58"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup58">58</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="58">Am 5. September 1936 wurde Béla Kun auf der Zusammenkunft des Zentralkomitees des Politbüros seiner offiziellen Funktionen enthoben, aber noch zum Direktor des Verlags Gesellschaft und Ökonomie (<em>Szocekgiz</em>) ernannt. Am 28. Juni 1937 erfolgte die Verhaftung durch den NKWD, am 29. August 1938 wurde er erschossen (vgl. Székely 2008; Studer 2020: 543f.). </span>oder Isaak Babel<span class="oes-note oes-popup" data-fn="59"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup59">59</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="59">Isaak Babel wurde am 15. Mai 1939 verhaftet und beschuldigt, für den Westen spioniert zu haben. Unter schwerer Folter gestand er, Mitglied einer trotzkistischen Gruppe gewesen zu sein. Während der Gerichtsverhandlung widerrief er das Geständnis. Er wurde er am 26. Januar 1940 für schuldig befunden und am darauffolgenden Tag erschossen. Seine Witwe erfuhr erst 15 Jahre später von seinem Tod. Babels Manuskripte wurden bei seiner Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst beschlagnahmt und später verbrannt.</span> – das Leben rettete. Zum Abschied am Weißrussischen Bahnhof hatten sich noch einige Bekannte eingefunden. Unter ihnen ein Freund aus den Budapester Revolutionstagen, Károly Garai, der Sinkó „ernst, fast flehentlich“ bat: „Du wirst uns draußen nicht in Schande bringen, nicht wahr?“ (ebd.: 428)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="60"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup60">60</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="60">„Karcsi Garai ist ein reiner und guter Mensch“, notierte Sinkó nach einem gemeinsam verbrachten Abend im Juli 1935 (Sinkó 1990a: 216). Garai war in der Weimarer Republik auch in der KPD aktiv. 1933 kam er als politischer Flüchtling in die Sowjetunion, war 1935 unter dem Namen Karl Kürschner Redakteur, 1937 Chefredakteur der Moskauer <em>Deutschen Zentral-Zeitung </em>(vgl. zur DZZ Tashinskiy 2022), wurde im Oktober 1937 verhaftet, 1939 von einem NKWD-Tribunal freigesprochen, arbeitete in der ungarischen Redaktion im Allunions-Rundfunkkomitee, wurde erneut verhaftet und starb am 20. März 1942 im Gulag (vgl. Walter 1984: 234). </span>Ein Komintern-Mitarbeiter wollte Sinkó allein sprechen und trug ihm eine Nachricht für Malraux auf: Der solle in Interviews nicht mehr so unbedacht über die Zusammenarbeit von Revolutionären und Trotzkisten in Spanien sprechen, sonst könnten von ihm in der Sowjetunion keine Texte mehr veröffentlicht werden. Auch Alfred Kurella, der sich vorbehaltlos für die Veröffentlichung von Rothbarts deutscher Version der <em>Optimisták </em>eingesetzt hatte, war erschienen. Er überreichte Sinkó das im Vorjahr veröffentlichte Buch <em>Lettres de Lénine à sa famille, présentées par Henri Barbusse avec la collaboration de Alfred Kurella</em> mit der Widmung „Der Optimist / des Optimisten / dem Optimisten / der Optimisten“ (ebd.).</p>



<p>Die beiden blieben zunächst in Paris. Irma Rothbart durfte zwar nach wie vor nicht als Ärztin arbeiten, aber sie übersetzte „Auszüge für irgendeine chemische Zeitschrift“ (ebd.: 457) und übernahm Schreibarbeiten: „M. klappert auf der Schreibmaschine, täglich zehn Stunden lang“ (ebd.). Sie selbst schrieb im Nachtrag zu einem Brief Sinkós an Alfred Kurella (Paris, 5. Oktober 1937):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Lieber Alfred, […] was mich betrifft, lebe ich in einer Babylonischen Sprachverwirrung: ich übersetze aus dem Ungarischen ins Deutsche u. Französische, aus dem Deutschen ins Französische, aus dem Russischen ins Französische … Aber es geht uns trotz allem gut. Ja, was Sie vielleicht interessieren wird: Ich habe gehört, dass Romain Rolland nach Frankreich übersiedeln wird. / Viele Grüße an alle / von Mizzi. (Sinkó 2001: 398)</p>
</blockquote>



<p>Insgesamt konnten sie hoffen, in Paris einen „Lebensstandard der mehr oder minder konsolidierten Armut zu erreichen“ (Sinkó 1990a: 457). Auch zu deutschen Emigranten hatten sie Kontakt, Rothbart übersetzte Sinkós Kurzroman <em>Sorsok </em>(Schicksale) für Anna Seghers,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="61"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup61">61</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="61">Mit Anna Seghers, damals noch Netty Reiling, waren Sinkó und Rothbart schon Mitte der 1920er Jahre bekannt. In einem Brief an Sinkó vom 23. November 1924 berichtet László Radványi, dass (seine Verlobte) Netty ein Märchen für Sinkós Zeitschrift <em>Testvér </em>geschrieben und dass er selbst mehrere Abonnenten angeworben habe, u. a. Károly (Karl) Mannheim (Sinkó 2001: 294f. u. 517f.). – Mit Seghers, einer „robusten Natur“, sprach Sinkó 1937 auch über die verstörenden Entwicklungen in der Sowjetunion: „sie gestand mir überlegen-merkwürdig lächelnd mit einer Vertraulichkeit, die nur unter alten Freunden möglich ist: ‚Meine Methode: Ich verbiete mir mit Erfolg, über derartiges nachzudenken‘“ (Sinkó 1990a: 437). </span>die das Buch „eventuell bei einem Stockholmer deutschen Emigrantenverlag unterbringen könnte“ (ebd.: 458).</p>



<p>Den Sommer 1939 verbrachten Sinkó und Rothbart am Mittelmeer, in Sanary-sur-Mer. Franz Werfel hatte eine Stenotypistin gesucht und ihm war Rothbart empfohlen worden. Der Lohn, den ihr Werfel zahlte, reichte für beide zum Leben (ebd.). Bei Gesprächen mit Werfel und seiner Frau ging es wieder einmal um Veröffentlichungschancen für <em>Die Optimisten</em>. Werfel erwartete seinen amerikanischen Verleger und machte Sinkó Hoffnungen, dass der auch sein Verleger werden könnte. Ein anderer Besuch kam dann jedoch dem Verleger zuvor: Ribbentrops Besuch in Moskau. Den Beginn des Krieges erlebten Sinkó und Rothbart in Paris. Der <em>Roman eines Romans</em> schließt mit dem Eintrag zum 4. September 1939:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>In Sanary hatte M. keine Zeit, für mich Maschine zu schreiben. Werfel diktierte ihr seinen neuen Roman – ein Hohes Lied auf die „ewigen Werte“ des Katholizismus. Meine Manuskripte türmten sich währenddessen zu Bergen. Heute begann ich, M. zu diktieren. In Sanary hatte ich das zwölfte Kapitel der Vierzehn Tage beendet. Für mindestens fünf Tage war also Stoff zum Diktieren da. Fünf Tage! Werden wir überhaupt noch fünf Tage leben? (Ebd.: 474)</p>
</blockquote>



<p>Über einen weiteren, ebenfalls erfolglos gebliebenen Versuch, für die deutsche Übersetzung seines Romans einen Verleger zu finden, hat sich Sinkó im<em> Roman eines Romans</em> ausgeschwiegen. Es geht um seine Teilnahme an dem literarischen Preisausschreiben, zu dem die in New York ansässige, von Hubertus Prinz zu Löwenstein 1935 gegründete American Guild for German Cultural Freedom 1937 eingeladen hatte. Bis zum 1. Oktober 1938 konnten in deutscher Sprache Manuskripte von Bewerbern beliebiger Nationalität, die aus ihrer „ursprünglichen Heimat aus politischen Gründen vertrieben“ worden waren, eingereicht werden (Lehmann 1993: 374f.). Die äußerst hohe Preissumme von 4520 US-Dollar<span class="oes-note oes-popup" data-fn="62"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup62">62</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="62">Die von der American Guild ab Januar 1938 zunächst jeweils für ein Vierteljahr gezahlten „Arbeitsbeihilfen“ beliefen sich auf 25 bis 50 Dollar pro Monat (Lehmann 1993: 123f.). Brecht bekam im finnischen Exil von der Guild 1940 eine „Scholarship“ von 60 Dollar im Monat, was in Finnmark umgerechnet einem „mittleren bis gehobenen Gehalt“ entsprach (Neureuter 2007: 310).</span>setzte sich aus Honorar-Vorschüssen mehrerer Verlage zusammen, die das gekrönte Werk auf Englisch (Little, Brown &amp; Co., New York, bzw. William Collins, London), Französisch (Albin Michel, Paris), Deutsch (Querido-Verlag, Amsterdam) und Holländisch (Sijthoff-Verlag, Leiden) herausgeben wollten. Das Preisrichtergremium war denkbar prominent zusammengesetzt: Thomas Mann (Vorsitzender), Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Alfred Neumann, Rudolf Olden (ebd.). Bis zum Einsendeschluss gingen in New York 171 Manuskripte (Romane und Sachbücher) von deutschen Exilschriftstellern ein.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="63"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup63">63</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="63">Darunter waren: Günther Anders, Hannah Arendt, Johannes R. Becher, Franz Blei, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/brecht-bertolt/" data-type="uelex_article" data-id="11583">Bertolt Brecht</a>, Oskar Maria Graf, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/hoegner-wilhelm/" data-type="uelex_article" data-id="2002186">Wilhelm Hoegner</a>, Maria Lazar, Soma Morgenstern, Robert Neumann, Karl Otten, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/steinen-helmut-von-den/" data-type="uelex_article" data-id="11637">Helmut von den Steinen</a>, Ernst Weiß, Johannes Wüsten, Paul Zech und Max Zimmering. </span>Aus Paris (25 Boulevard Brune) schickte im September 1938 auch ein „Erwin Sinkó (Franz Spitzer)“ ein aus zwei Bänden bestehendes Typoskript nach New York mit dem Titel <em>Die Optimisten</em>. Als Pseudonym hatte Sinkó „X. Y. Z.“ gewählt.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="64"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup64">64</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="64">Das Archiv der American Guild gelangte 1970 an die Deutsche Bibliothek in Frankfurt/M. Im dortigen Exilarchiv 1933–1945 findet man es unter der Signatur EB 70/117, die Sinkó betreffenden Dokumente unter der Nr. D 09.15.0001–D 09.15.0009 (vgl. auch Sinkó 2006: 519). Zum Exilliteratur-Preisausschreiben insgesamt vgl. Lehmann (1993: 370–399 u. 561f.). </span> Als Übersetzung eines ungarischen Originals hat Sinkó den Text nicht ausgewiesen; von einem „Pseudooriginal“ (in Analogie zur „Pseudoübersetzung“) muss man wohl trotzdem nicht sprechen, denn Sinkó dürfte sehr intensiv an der Ausarbeitung auch der deutschen Version beteiligt gewesen sein. Für die Vorauswahl im Preisausschreiben waren je zwei Personen zuständig, im Fall der <em>Optimisten </em>Richard A. Bermann und Thomas Mann. Der bekam die beiden Bände im November 1938 nach Princeton zugeschickt. „Ladung Konkurrenz-Manuskripte“, steht in Manns Tagebuch unter dem 11. November (Mann 1980: 319). Am 12. Januar notierte er: „Glimmendes Kaminfeuer. Beschäftigung mit Roman-Manuskripten, unter Widerstand, Mißmut. Heimweh nach der Schweiz“ (ebd.: 347), am 18. Januar: „Beschäftigung mit Konkurrenz-Manuskripten“ (ebd.: 349). Eine explizite Stellungnahme zu den <em>Optimisten </em>hat sich von Thomas Mann weder in seinem Tagebuch noch im Archiv der Guild erhalten, wohl aber die knappe Einschätzung durch den Zweitgutachter Richard A. Bermann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Optimisten / Autor: X. Y. Z.: Untertitel: „Historischer Roman.“ Die Historie, die hier erzählt wird, ist die ungarische Revolution von 1919 – gesehen aus der eigenen Perspektive des Budapester Kaffeehauses. Der Autor versteht es sehr wohl, menschliche Wesen zu schildern und Gedanken künstlerisch zu gestalten. Es ist ein Buch von Wert, aber es ist sehr breit und setzt bei dem Leser eine zu genaue Kenntnis des spezifischen Milieus voraus. Richard A. Bermann (DEA, Archiv der American Guild, EB 70/117 – D.09.15.0001–D.09.15.0009)</p>
</blockquote>



<p>Im März 1939 bekam Sinkó die Mitteilung, dass <em>Die Optimisten</em> wieder „zu seiner Verfügung“ stünden. Er bat mit Schreiben vom 26. März, das Manuskript an „Amalia Jaszi c/o George Jaszi“ in Cambridge/Mass. zu senden. Nach einigem Hin und Her zwischen Paris, New York und Cambridge, wer die Portokosten für die Zustellung der beiden Bände übernehmen müsse, ging das Manuskript am 16. Mai 1939 an Amalia Jaszi, die zuvor geschrieben hatte: „You can of course send me the manuscript of my friend Ervin Sinko – I am rather eager to read it“ (ebd.).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="65"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup65">65</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="65">Amalia Jaszi dürfte identisch sein mit Anna Lesznai, geborene Amália J. Moskowitz, aufgewachsen auf dem Landgut Leznai ihres Vaters, in zweiter Ehe mit Oszkár Jászi verheiratet, in dritter Ehe mit Tibor Gergely, mit dem sie 1939 in die USA flüchtete. Sinkó und Rothbart kannte sie aus ihrer Teilnahme am Budapester Sonntagskreis (vgl. die Lesznai betreffenden Passagen in Karádi/Vezér 1985 u. Conrad 2017: 133) sowie ihrer Mitwirkung an Sinkós in Wien 1924/25 herausgegebener Zeitschrift <em>Testvér </em>(vgl. Kerekes 2018: 67). </span>Ob sich das Guild-Typoskript der <em>Optimisten </em>in Amerika erhalten hat, konnte bisher nicht geklärt werden.</p>



<p>Von Paris aus gelang Rothbart und Sinkó nach Kriegsbeginn die Flucht ins Königreich Jugoslawien. Mit der Gründung des kroatischen Ustascha-Staates war Irma Rothbart als Jüdin und Kommunistin auch hier gefährdet, sie floh in den westlichen Teil Bosniens und ließ sich für 61 Tage in einer Kommune in Drvar nieder. In dieser Zeit führte sie ein Tagebuch, das 1987 veröffentlicht wurde. Sie arbeitete dort als Ärztin und in der illegalen kommunistischen Partei. Ihren Mann traf sie in der kroatischen Stadt Knin wieder, dort wurden beide im November 1942 von italienischen Faschisten festgenommen und in ein Konzentrationslager, erst auf der kroatischen Insel Brač, dann auf Rab verbracht, wo sie im Widerstand aktiv waren. Nach der Niederlage Italiens organisierten sie die Flucht aus dem Lager und schlossen sich den jugoslawischen Partisanen an. Irma Rothbart wurde Leiterin eines Partisanen-Spitals der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee, sie war Leutnant und wurde mit dem Orden des Volkshelden ausgezeichnet. Rothbarts gesamte Familie war – mit Ausnahme ihrer Mutter Johanna – im Holocaust ermordet worden (vgl. Gužvica: 2024b).</p>



<p>Mit dem Kriegsende begannen für das Paar endlich etwas ungefährdetere und ruhigere Jahre. Rothbart übernahm Aufgaben beim Aufbau des Gesundheitswesens und beschäftigte sich weiterhin mit Übersetzungen, nun auch aus dem Serbokroatischen ins Ungarische. Sinkó konnte mit Unterstützung von Miroslaw Krleža eine literarische Laufbahn in Titos Jugoslawien beginnen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="66"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup66">66</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="66">Rothbart übersetzte Miroslav Krležas Antikriegs-Erzählungen <em>Hrvatski bog Mars</em> (Der kroatische Gott Mars) ins Ungarische; die Ausgabe (207 S.) erschien 1952 in Újvidék/Novi Sad.</span> Er wurde 1945 Mitglied im Kroatischen Schriftstellerverband, 1951 korrespondierendes und 1960 Vollmitglied der Jugoslawischen Akademie der  Wissenschaften und Künste in Zagreb. Seine Erzählungen, Gedichte und Essays erschienen in Jugoslawien auf Serbokroatisch und Ungarisch. An der Universität Novi Sad wurde 1959 eine ungarische Abteilung eröffnet, die u. a. Lehrer für die Schulen in der Vojvodina ausbilden sollte. Deren Leitung wurde Sinkó übertragen. Er lebte abwechselnd in Zagreb und Novi Sad. Dank einer Rezension von Tamás Aczél über die 1961 im Forum-Verlag (Novi Sad) erschienene zweibändige Ausgabe <em>Egy regény regénye</em> („Roman eines Romans“) wurde man auch in Westdeutschland auf Sinkó und seine Moskauer Tagebücher aufmerksam.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="67"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup67">67</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="67">Die Rezension von Aczél erschien am 1. Juli 1961 in der Londoner exilungarischen Literaturzeitschrift <em>Irodalmi Újság</em> („Literatur-Zeitung“). Eine deutsche Übersetzun<a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">g dieses Textes veröffentlichte zeitnah die <em>Welt </em>(das exakte Datum konnte noch nicht ermittelt werden; v</a>gl. Sinkó 2006: 128 u. 131).</span> Zu dem Kölner Verleger Berend von Nottbeck (Verlag Wissenschaft und Politik) entstand eine freundschaftliche Beziehung. Nach Erscheinen des <em>Romans eines Romans</em> in Nottbecks Verlag ergaben sich weitere Kontakte u. a. zu westdeutschen Gewerkschaftlern. Auch „drüben“ in der DDR, schrieb „Mizzi Sinkó“ am 29. September 1963 an Nottbeck,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>wird es von unseren Landsleuten gierig verschlungen, wo sie es nur zu lesen bekommen – man versichert uns, „alle“ haben es dort gelesen. <a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">Kurella </a>hat auch uns nicht geschrieben, seitdem er das Buch erhalten hat<span class="oes-note oes-popup" data-fn="68"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup68">68</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="68">Schon dass Rothbart und Sinkó nicht im Bruderland Ungarn, sondern im mit der Sowjetunion verfeindeten Jugoslawien lebten, dürfte Kurella verdächtig vorgekommen sein. In einem Brief vom 12. Februar 1975 an das „Politbüro beim ZK der SED – Büro Hager – 102 Berlin, Marx-Engels-Platz“ äußert er sich über den „Renegaten“ Sinkó: „Ervin Sinko, von Geburt Ungar, kam während der Emigrationsjahre nach Moskau, und zar [sic!] Ende der dreißiger Jahre mit einem Empfehlungsbrief von Romain Rolland und erhielt Asyl. Mit ihm hatte ich viel zu tun, worüber ich auch Auskunft geben könnte. Von E. Sinko liegt ein dicker autobiographischer Roman vor: Roman eines Romans. Er schildert darin seine Emigration nach Moskau und die Meinungsverschiedenheiten, die zwischen den verschiedenen Mitgliedern der in Moskau im Exil lebenden Parteiführern [bestanden]. – Sinko erhielt die Erlaubnis zur Wiederausreise.“ (BArch NY 4131/10/0127)</span> […] Und ein merkwürdiges Phänomen: es melden sich längst für uns verschollene Menschen aus der Zeit vor 30 und 40 Jahren, die durch das Buch erfahren haben, dass wir am Leben sind und schicken uns ihre erschütternden Biographien. Nur aus Steiners Familie meldet sich niemand. (Sinkó 2006: 296)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="69"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup69">69</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="69">Die letzten Briefe von Bruno Steiner kamen aus Haifa (22. November 1939 und 27. Mai 1940). Er riet Sinkó und Rothbart dringend ab, nach Palästina zu kommen, hoffte selbst auf ein  Einreisevisum nach Amerika und bat die beiden, brieflichen Kontrakt zu seinem jüngsten Bruder, Walter Steiner, und dessen Familie in Prag herzustellen, denn für ihn war „Korrespondenz mit dem feindlichen Ausland verboten“ (Sinkó 2001: 422).</span></p>
</blockquote>



<p>Zu den „erschütternden Biographien“ gehörte gewiss jene von Dorothea Garai, der Witwe von Károly Garai, der seinerzeit zur Verabschiedung an den Zug in Moskau gekommen war. Seine Frau hatte nach seiner und ihrer eigenen Verhaftung 19 Jahre lang in Straflagern bzw. sibirischer Verbannung leben müssen. Erst 1956 durfte sie in die DDR ausreisen, wo sie allerdings nie heimisch wurde.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Lieber Erwin Sinkó! Sind Sie es?? Baracke 23, 1922?<span class="oes-note oes-popup" data-fn="70"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup70">70</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="70">„Den Namen Baracke 23 hatten sie sich gegeben zu Ehren und im Andenken an die 23 führenden Politiker der Räteregierung, Ottó Korvin an der Spitze, die sich nicht hatten retten können und erschossen worden waren, als Horthy an die Macht kam.“ – So Karl-Heinz Jakobs in seinem auf Gespräche mit und Texte sowie Briefe von Dorothea Garai zurückgehenden Roman <em>Leben und Sterben der Rubina</em> (1999: 37), der auch Episoden aus dem Exilleben von Sinkó und Rothbart wiedergibt. </span>Durch einen Zufall hörte ich diesen Namen unter ‚Neue Bücher‘ im Radio. Wenn Sie es sind, werden Sie mir antworten? Dodo Garai (Brief aus Dresden, 2. Februar 1963; Sinkó 2006: 247)</p>
</blockquote>



<p>Rothbart und Sinkó haben ihr geantwortet und sie hat dann in sehr ausführlichen Briefen über die Zeit in der Sowjetunion, über ihre Einsamkeit in Dresden und über ihr Nicht-Gehörtwerden in der DDR berichtet. Erst im Frühjahr 1964 gelang es ihr, den <em>Roman eines Romans</em> zu lesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Liebste Mizzi, ich saß in dem Lesesaal, und mir kamen manchmal die Tränen – wie schwer hattest vor allem Du es! Und bei alledem, ihr hattet nicht nur Glück überhaupt, ihr hattet das Glück, zusammen zu sein und zusammen bleiben zu können – das ist das allermeiste. – Ja, wirklich, es ist unvorstellbar, welches Glück ihr hattet! Ich habe gestaunt, einfach gestaunt. (Brief vom 12. April 1964; Sinkó 2006: 323)</p>
</blockquote>



<p>Ervin Sinkó starb am 26. März 1967 in Zagreb. Am 5. April bedankte sich Irma Rothbart für ein aus Budapest an sie gerichtetes Beileidschreiben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Lieber Genosse Lukács, Ihr Brief hat mich ganz besonders berührt und ich bedanke mich für diese Anrede, und dafür, dass Sie über sich geschrieben haben. Denn im Großen und Ganzen hatten Sie auch solange eine Lebenspartnerin wie ich einen Lebenspartner. Und auch sie musste gewusst haben, dass es als Aufgabe wie als Arbeit nicht wenig ist, einem anderen Menschen vollkommen zur Seite zu stehen. Selbst in meinem Fall war es das nicht, obwohl man unser Leben nicht mit dem Ihren vergleichen kann. Am schwierigsten ist für mich, dass ich Ervins Pläne kannte, er hatte noch ziemlich viele, schöne Pläne. Er arbeitete an einem Roman, in dem der Berufsrevolutionär das zentrale Problem gewesen wäre. Die vorletzte Unterhaltung mit Ihnen hatte ihn zu dem Entschluss gebracht, darüber zu schreiben, wenngleich er mit Ihnen nicht vollkommen einer Meinung war. Von dem Ganzen wurde sozusagen nur ein Vorspiel fertig. Auch einen Berzsenyi-Band plante er, und noch vieles anderes. Am Tag nach der Beerdigung begann ich, die Papiere zu sortieren, und solange ich damit noch zu tun haben werde, habe ich noch etwas zu tun. All das natürlich völlig anonym, weil ich die Rolle der Schriftsteller-Witwe aus ganzem Herzen hasse, und ich bin auch nicht voreingenommen: Fertige Werke gibt es nicht. Nur von dem Menschen gibt es unzählige Zeichen, und davon soll etwas bleiben, wenn es denn bleibt! Ihnen wünsche ich weiterhin Kraft zur Arbeit wie bislang stets. Mit Dank, hochachtungsvoll, Irma<span class="oes-note oes-popup" data-fn="71"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup71">71</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="71">Auf ein Digitalisat des im Lukács-Archiv (Budapest) aufbewahrten handschriftlichen Briefs stieß ich im Internet (‹http://real-ms.mtak.hu/20722/›; letzter Aufruf: 17. Mai 2021). Für die Übersetzung aus dem Ungarischen danke ich Éva Zádor.</span></p>
</blockquote>



<p>Nachdem sie den Nachlass ihres „Lebenspartners“ geordnet und an das Archiv der Jugoslawischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Zagreb übergeben hatte, schied Irma Rothbart am 27. Mai 1967 freiwillig aus dem Leben.<br><br>1984 wurde Sinkós Nachlass in Zagreb systematisiert, katalogisiert und in 22 Archivkästen verstaut; ein Nachlassverzeichnis hat Ivan Meden veröffentlicht. Die Manuskripte und Typoskripte (Erzählungen, Theaterstücke, Essays, Tagebücher usw.) sind überwiegend auf Ungarisch geschrieben. Im Nachlass gibt es einige weitere von Irma Rothbart ins Deutsche übersetzte Texte ihres Ehemanns, die seinerzeit nicht veröffentlicht wurden, außerdem ca. 700 Typoskriptseiten einer von ihr aus dem Serbokroatischen angefertigten ungarischen Übersetzung der Tagebücher von Vladimir Dedijer sowie eigene Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1920, 1926 und 1941 (Meden 1984: 113–116 u. 124–126). Irma Rothbarts gewichtigste Übersetzung ins Deutsche, der Roman <em>Die Optimisten</em>, muss als verschollen betrachtet werden.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="72"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup72">72</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="72">„[&#8230;] weder das Budapester Petőfi Museum, noch die Kroatische Akademie der Künste (die Sinkós Nachlaß verwaltet), verfügt über das Manusrkipt von Irma Rothbarts Übersetzung der &#8222;Optimisten&#8220;. Schade!“ E-Mail von György Dalos, 9. Februar 2021.</span></p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading">Danksagung</h2>



<p>Für Hinweise, Kritik, Hilfestellungen und Ermunterung bei den umfangreichen Recherchen danke ich Werner Abel, Iris Bäcker, Julija Boguna, Lisette Buchholz, György Dalos, George Deak, Pino Dietiker, Regina Elzner, Jenny Erpenbeck, Fritz Kroehnke, Lídia Nádori, Hans Peter Neureuter, Hazel Rosenstrauch, Marina Rougemont, Klaus von Schilling, Andreas Tretner, Klaus Völker, Irene Weber Henking, Éva Zádor und insbesondere Jouko Nikkinen.</p>



<p><br><br><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nagel, Ivan</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/ivan-nagel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 Apr 2024 10:01:13 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2010070</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Naguib, Nagi</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/nagi-naguib/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Mar 2024 21:28:31 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009952</guid>

					<description><![CDATA[Nagi Naguib hat wie kaum ein anderer Pionierarbeit für die Vermittlung moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum geleistet. Die Bandbreite seines translatorischen Han­delns ist groß: Er war Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Hochschuldozent, Kurator von Literaturveranstaltungen, Herausgeber, Publizist, Verleger, Lektor. Über seine Lebensdaten, sei­nen Bildungs- und Berufsweg lassen sich jedoch weder in digitalen noch in Printmedien auf Deutsch [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Nagi Naguib hat wie kaum ein anderer Pionierarbeit für die Vermittlung moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum geleistet. Die Bandbreite seines translatorischen Han­delns ist groß: Er war Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Hochschuldozent, Kurator von Literaturveranstaltungen, Herausgeber, Publizist, Verleger, Lektor. Über seine Lebensdaten, sei­nen Bildungs- und Berufsweg lassen sich jedoch weder in digitalen noch in Printmedien auf Deutsch wie Arabisch korrekte und umfangreichere Informationen finden. Will man der biogra­phischen Notiz des Unionsverlags Glauben schenken, so soll er in Berlin studiert und – aus welchen Gründen auch immer – in München promoviert haben (Stand 3. April 2024). Im Nachruf von Gabriele Braune (1988: 11f.) lässt sich zwar ein erster Eindruck von Naguibs akademischer Laufbahn gewinnen, aber sie nennt z. B. nicht einmal sein (genaues) Geburtsdatum. Dass er dem Nachruf zufolge bei Walter Höllerer an der Freien Universität Berlin promovierte, kann nicht stimmen, da Höllerer an der Technischen Universität Berlin lehrte. Auf den Internetseiten des Verlags Edition Orient erfährt man lediglich, dass er Übersetzer und Verlagsgründer war (Stand 3. April 2024). Erste ver­lässliche Informationen zu den Eckdaten seines Lebens- und Bildungsweges finden sich im Archiv der Freien Universität Berlin. Ein detailreiches Bild von seinem Leben und Werk kann man sich nur machen dank des gut 20 Ordner umfassenden Nachlasses, den Christa Naguib fast vier Jahrzehnte im Andenken an ihren am 24. Mai 1987 verstorbenen Mann sorgfältig aufbewahrt hat.</p>



<p></p>



<p>1</p>



<p>Geboren am 27. Dezember 1931 in der oberägyptischen Stadt al-Minya, aufgewachsen in Kairo, stu­dierte Nagi Naguib von 1949 bis 1955 Anglistik und Pädagogik an der Ibrahim-Pascha-Univer­sität (heute: Ain-Schams-Universität) in Kairo. Dort erwarb er im Mai 1953 den Bachelor of Arts in English Literature and Education und im Oktober 1955 das Special Diploma in Education.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Wo nicht anders angegeben, stützt sich die übersetzerbiografische Darstellung auf Dokumente aus dem Nachlass Naguibs.</span> Doch als Lehrer zu arbeiten, scheint nicht Naguibs (erster) Berufswunsch gewesen zu sein. Denn schon früh bemühte er sich – folgt man einem (unveröffentlichten) Nachruf seines langjährigen Freundes Olav Münzberg – um ein Stipendium zur Fortsetzung seines Studiums in England.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Dafür spricht auch eine am 31. Oktober 1953 auf Englisch ausgestellte und an die University of London adressierte Version seines B. A.-Zeugnisses. &nbsp;</span>Während des Militärdienstes, den man in Ägypten nicht nach dem Schulabschluss, sondern nach dem Studium ableisten muss, kam Naguib der Suezkrieg dazwischen. Eine Pro­motion in dem Land, das 1956 gemeinsam mit Frankreich und Israel einen Angriffskrieg gegen Ägypten geführt hatte, war für Naguib nicht mehr möglich. Nach dem Militärdienst musste er seine Bemühungen um ein Promotionsstipendium in England aufgeben und begann als Lehrer an einer Oberschule in Kairo zu arbeiten.</p>



<p>Nach Deutschland und zum Deutschen kam Naguib dank eines Kooperationsabkommens zwischen der Vereinigten Arabischen Republik (einem Staatenbund zwischen Ägypten und Syrien von 1958 bis 1961) und der Bundesrepublik Deutschland, in dessen Rahmen Deutschlehrer für Schulen ausgebildet werden sollten. Der damals 29-jährige Naguib wurde vom Schuldienst be­urlaubt und konnte den vom Goethe-Institut (München und Berlin) organisierten Lehrgang für ausländische Deutschlehrer besuchen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Der Deutschunterricht wurde 1956 an den ägyptischen Oberschulen eingeführt. 1958 wurde die erste Gruppe ägyptischer Oberschullehrer, darunter Moustafa Maher, nach München geschickt, um dort den Lehrgang für ausländische Deutschlehrer zu absolvieren. (vgl. Maher/Ule 1979: 16)</span> In nur 20 Monaten, von Januar 1960 bis August 1961, hat sich Naguib gründliche Kenntnisse des Deutschen angeeignet. Davon zeugen sowohl die Gesamtnote „sehr gut“ auf seinem Sprachlehrerdiplom als auch der Abschlussbericht der Prü­fungskommission, die ihn zum Promotionsstudium ermunterte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Herr Nagib [= Naguib] überragt alle seine Kollegen durch sein Interesse für deutsche Literatur und Kultur und durch seine Fähigkeit, deren Gegenstände in geisteswissen­schaftlichen Kategorien zu erfassen. Er hat sich in relativ kurzer Zeit nicht nur eine ungewöhnliche Kenntnis der deutschen Literatur angeeignet, sondern zugleich ein be­merkenswertes Vermögen entwickelt, seine Einsichten in der dafür angemessenen Spra­che zu formulieren. So fiele ihm die Anfertigung einer Dissertation über ein deutsches literaturwissenschaftliches Thema leichter als allen übrigen; und wenn es darum ginge, jemand [sic!] zu finden, der seinen Landsleuten die modernen deutschen Auffassungen von Literatur und dem Umgang mit literarischen Werken vermittelt, so wäre er zwei­fellos der geeignete Mann dafür. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Eine weitere Beurlaubung lehnte die ägyptische Schulbehörde jedoch ab. Naguib schied da­raufhin aus dem Schuldienst aus und kehrte auf eigene Faust nach West-Berlin zurück, um an der Freien Universität über ein germanistisches Thema zu promovieren. Dort studierte er vom Winter­semester 1962/63 bis zum Sommersemester 1968 Germanistik, Arabistik und Anglistik. Nach Abschluss des Promotionsstudiums immatrikulierte er sich im Sommersemester 1970 für das Fach Soziologie und begründete seinen Fachwechsel handschriftlich wie folgt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Meiner bisherigen literarischen Ausrichtung stehe ich heute äußerst kritisch gegenüber. Für meine Tätigkeit auf dem Gebiet der vergleichenden [sic!] Literaturwissenschaft brauche ich ausreichende Kenntnis soziologischer Fragen und Problemstellungen. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Die Beherrschung des Deutschen, die ihn später zum Übersetzen literarischer Werke in die Fremdsprache qualifizieren sollte, wurde ihm bereits in den ersten Semestern seines Promotionsstudiums mehrfach bescheinigt. In den Auswahlprüfungen, die er ab 1963 Semester für Semester ablegen musste, um von der FU Berlin ein Stipendium und den Erlass der Studienge­bühren zu erhalten, wurden seine Deutschkenntnisse – wie die Protokollformulare festhalten – stets mit der höchsten Bewertung „gut“ versehen; im Protokoll vom 26. Feb­ruar 1964 wurde sogar „sehr“ handschriftlich hinzugefügt. Auch einer seiner akademischen Lehrer, der Germanist Lothar Markschies, bescheinigte ihm bereits nach dem ersten Semester, die deutsche Sprache in Wort und Schrift auf nahezu muttersprachlichem Niveau zu beherr­schen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Herr Nagi Naguib hat im WS 1962/1963 mein Proseminar „Cl. Brentano“ mit Erfolg besucht. Er beteiligte sich häufig am Seminargespräch und bewies hierbei die Fähig­keit, sich über ein Problem selbständig und im Zusammenhang zu äußern. Offensicht­lich kennt er keine Ausdrucksschwierigkeiten im Deutschen und beherrscht die Sprache soweit, daß er seine Aussagen mühelos übersetzen kann. Das gleiche gilt für seine schriftliche Leistung. Ihr ist weder der Sache nach noch in der Darbietung anzumerken, daß sie von einem Ausländer erbracht wurde. (FU Berlin UA: StudA-A,2556)</p>
</blockquote>



<p>Nicht nur im Fach Germanistik, sondern auch im Fach Arabistik, das Naguib an der damaligen islamkundlichen Sektion des Religionswissenschaftlichen Instituts belegte, konnte er gute Leistungen vorweisen. Eine davon bestand in der Übersetzung altara­bischer Gedichte ins Deutsche, was laut einer Bescheinigung vom 19. Juli 1963 (Prof. Walther Braune) als Ersatz für das gemäß Promotionsordnung verlangte Latinum galt.</p>



<p></p>



<p>2</p>



<p>Nach Annahme seiner Dissertation <em>Studien zu den Romanen Robert Walsers</em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="17"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup17">17</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="17">Die Dissertation ist 1970 unter dem Titel <em>Robert Walser. Entwurf einer Bewußtseinsstruktur</em> im Münchener Verlag Fink erschienen. In der biographischen Notiz auf den Internetseiten des Unionsverlags ist daher vermutlich der Erscheinungsort der Dissertation mit dem Ort der Promotion verwechselt worden (Stand 3. April 2024). </span>legte Naguib am 9. Juli 1968 die Doktorprüfung in den Fächern Germanistik und Arabistik mit dem Gesamtprä­dikat „magna cum laude“ ab. <span class="oes-note oes-popup" data-fn="18"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup18">18</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="18">Die Prüfungskommission bestand aus Eberhard Lämmert (Hauptreferat), Wilhelm Emrich (Korreferat), Eduard Neumann, Rudolf Macuch und Peter Szondi. (Vgl. FU Berlin UA: StudA-A, 2556).</span> Dass sich der promovierte Germanist nicht der Vermittlung deutschsprachiger Literatur ins Arabische, sondern der Vermittlung moderner arabischer Lite­ratur ins Deutsche widmete, ist auf mehrere Umstände zurückzuführen: Zum einen entschied er sich, nach der Promotion in der Bundesrepublik zu bleiben und nicht in seine Hei­mat zurückzukehren oder in ein anderes arabisches Land zu gehen; in Frage kamen – wie seine Bewerbungsunterlagen andeuten – unter anderem Libyen und der Libanon. Zum anderen mangelte es im deutschsprachigen Raum an Übersetzungen und Übersetzern moderner arabischer Literatur. Die ohnehin sehr begrenzte Auswahl moderner arabischer Literatur in deutscher Spra­che wurde überwiegend aus den Relaissprachen Englisch und Französisch übersetzt (vgl. Ma­her/Ule 1979). Ein offensichtlich entscheidender Faktor war der Umstand, dass der Abschluss von Naguibs Promotion mit der Rückkehr von Fritz Steppat aus Beirut 1968 und seiner an­schließenden Berufung als Ordinarius für Islamwissenschaft an die FU Berlin zusammenfiel.</p>



<p>Steppat, der als Wegbereiter der modernen multidisziplinären Orientforschung gilt (Reichmuth 2006: 4), setzte – laut einem unbetitelten und undatierten 11 Typoskriptseiten umfassenden Dokument<span class="oes-note oes-popup" data-fn="19"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup19">19</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="19">Das Dokument befindet sich im Nachlass von Nagi Naguib. Die darin aufgelisteten Publikationen lassen vermuten, dass es Mitte der 1970er Jahre entstanden sein muss.</span> &nbsp;– vier Schwerpunkte, die Lehre und Forschung am Institut für Islamwissen­schaft profilieren sollten. In diesem Rahmen sollten die islamisch geprägten Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens aus soziologischer, geschichtswissenschaftlicher, literaturwissen­schaftlicher und rechtswissenschaftlicher Perspektive erforscht werden. Zu jedem Schwerpunkt wurden laufende Forschungsprojekte vorgestellt und entsprechende Publikationen aufgelistet. Am Schwerpunkt „Funktionen und Formen moderner arabischer und türkischer Literatur“ war Naguib mit einem Habilitationsprojekt zum Thema „Literaturtheorie am Beispiel Ägyptens“ beteiligt. Bemerkenswert ist, dass zu den Publikationen des Schwerpunkts nicht nur wissen­schaftliche Aufsätze Naguibs u.&nbsp;a. über die ägyptischen Schriftsteller Nagib Machfus und Ab­dalhakim Kassem gehörten, sondern auch eine Anthologie zeitgenössischer ägyptischer Erzäh­lungen, die Naguib übersetzt hat und im Peter Hammer Verlag erscheinen sollte. Dies zeigt nicht nur die Offenheit der Forschungspraxis am Institut für Islamwissenschaft gegenüber Übersetzungen, sondern deutet auch auf die Verschränkung von literaturwissenschaftlichem und translatorischem Handeln bei Naguib hin. In der Anthologie, die erst 1980 nicht im Peter Hammer Verlag, sondern im Berliner Verlag Der Olivenbaum erscheinen sollte, sind junge Stimmen der ägyptischen Erzählliteratur der 1960er Jahre vertreten, über die Naguib nicht nur forschte, sondern ab dem Wintersemester 1971/72 auch Seminare und Übungen hielt, zunächst im Rah­men einer Qualifizierungsstelle von 1970 bis 1975, später im Rahmen von Lehraufträgen bis zu seinem Tod im Sommersemester 1987.</p>



<p>Während die moderne arabische Literatur am Institut für Islamwissenschaft der FU Berlin zum festen Bestandteil von Forschung und Lehre wurde, tat sich der westdeutsche Literaturbetrieb mit ebendieser Literatur schwer. Bis Ende der 1970er Jahre ließen sich die Übersetzungen moderner arabischer Literatur in der BRD an einer Hand abzählen: Maher und Ule (1979) listen zwei Buchübersetzungen in der BRD auf. Durch eigene Recherchen konnten zwei weitere Buchüber­setzungen (Verlag Der Olivenbaum 1978, 1979) ermittelt werden. Erst nach der Gründung des Verlags Edition Orient auf Initiative von Naguib 1980 in West-Berlin kam es allmählich zu einem quanti­tativen Anstieg deutscher Übersetzungen moderner arabischer Literatur. Dazu hat Naguib als Übersetzer bzw. Herausgeber mit sieben Büchern und als Verleger mit zwei weiteren von ihm nicht übersetzten Büchern bei­getragen. Das heißt: In den Jahren 1980 bis 1986 wurde in der Edition Orient unter der Feder­führung von Naguib mehr arabische Literatur in deutscher Übersetzung herausgebracht als in den zwei Jahrzehnten zuvor in der BRD und fast so viel wie in der DDR, wo bis 1978 acht Buchübersetzungen (vgl. ebd.) und 1980 der erste Nagib Machfus-Roman (<em>Der Dieb und die Hunde</em>) in der Übersetzung von Doris Erpenbeck (= Doris Kilias) erschienen waren. Doch wie kam Naguib auf die Idee, einen Verlag zu gründen, der sich die Verbreitung moderner ara­bischer Literatur im deutschsprachigen Raum auf die Fahnen schrieb?</p>



<p>Eine Antwort darauf lässt sich an einer umfangreichen Korrespondenz erahnen, die Naguib von 1969 bis 1976 geführt hatte. Daraus geht hervor, dass er mehrere Anläufe startete, auch mit Hilfe von Kontakten aus seinem weit verzweigten Netzwerk (Schriftsteller, Publizisten, Diplo­maten, Orientalisten), um zwei Herzensprojekte bei einem deutschsprachigen Verlag unterzu­bringen: Eine Anthologie zeitgenössischer Autoren aus dem Ägypten der 1960er Jahre, die erst 1980 unter dem Titel <em>Farahats Republik</em> im Berliner Verlag Der Olivenbaum erscheinen wird, sowie Nagib Machfus’Roman, der ab den 1980er Jahren in mehreren Ausgaben vorliegt: unter dem Titel <em>Hausboot am Nil</em> in der Edition Orient (1982), bei Volk und Welt (Lizenzausgabe 1985), Suhrkamp (Lizenzausgabe 2004) und unter dem Titel <em>Geschwätz auf dem Nil</em> in der zwei­sprachigen Reihe der Edition Orient (2009, 2017). Damit ist <em>Der Dieb und die Hunde</em> zwar der erste auf Deutsch veröffentlichte Machfus-Roman, aber dieser erste <em>übersetzte</em> Roman musste gut 12 Jahre auf einen Verlag warten.</p>



<p>Zu den Verlagen, denen Naguib beide Übersetzungsprojekte angeboten hatte oder anbieten ließ, gehörten Universitas (West-Berlin), Manesse, Wagenbach, Hanser, S. Fischer (Fischer Büche­rei/Fischer Taschenbuch), Jakob Hegner, Rowohlt, Luchterhand, Suhrkamp, C. Bertelsmann, Diogenes, Peter Hammer. Doch keiner dieser Verlage konnte sich letztlich entschließen, den bis dahin im deutschsprachigen Raum (völlig) unbekannten Nobelpreisträger von 1988 oder Er­zählungen junger zeitgenössischer Autoren aus dem Ägypten der 1960er Jahre zu veröffentli­chen. Es gab &#8211; wie die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, die die Anthologie als Manuskript kannte und sich für deren Veröffentlichung einsetzte, in einem Brief am 28. Oktober 1971 an Naguib schrieb – „keinerlei Qualitätszweifel“, weder an der Übersetzung als sol­cher noch an den ausgewählten Erzählungen bzw. Kurzgeschichten. Sie tröstete Naguib damit, dass sie auch von anderen ausländischen Autoren Klagen höre. Dass es nicht nur arabische, sondern überhaupt unbekannte fremdsprachige Autoren schwer hatten, auf dem bundes­deutschen Buchmarkt Fuß zu fassen, bestätigt auch Dieter E. Zimmer in der <em>Zeit</em> vom 5. März 1976:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Entdeckungslust der frühen Nachkriegsjahre ist dahin. Das Interesse ist erstarrt. Es richtet sich auf bestimmte Länder, während andere Kulturen immer weiter an den Rand unseres Gesichtsfelds rücken; auf bestimmte eingeführte Namen; auf bestimmte Ver­mittlungsformen. (Zimmer, zit. nach: Grössel 1976: 481)</p>
</blockquote>



<p>Folgt man dem Übersetzer Hanns Grössel, der von einem „Zustand eines literarischen Provin­zialismus“, der in den späten 1960er Jahren nach einer „außerordentlich rege[n] Übersetzungs- und Publikationstätigkeit [der Nachkriegszeit]“ (ebd.: 481) einsetzte, so ist das De­sinteresse an unbekannter fremdsprachiger Literatur in erster Linie auf öko­nomische Überlegungen zurück­zuführen. Die großen Verlage werden zur Rationalisierung „ohne Rücksicht auf die literarische Relevanz dessen, was dabei wegrationalisiert wird“ (ebd.: 487) gezwungen. Deutlich lassen sich solche Überlegungen an einer Absage des Fischer Taschen­buch Verlags am 7. Juni 1973 ablesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wir haben es mit viel Neugier und Interesse gelesen, für eine Veröffentlichung haben wir uns jedoch letztendlich nicht entschließen können. Denn wenn einige Texte sehr stark und überzeugend sind, bleiben andere zu fremd, um das Ge­schilderte oder Medi­tierte in der Vorstellung nachvollziehen zu können. Mit ausschlaggebend bei unseren Überlegungen war darüber hinaus, daß kein rechter Aufhänger für diese Anthologie zu finden ist, kein aktueller Bezug, keine Möglichkeit der Beziehung und Anreiz schaf­fenden Präsentation, die immerhin so attraktiv sein müßte, daß minimal ein Leserkreis von 20000 Inte­ressenten gewonnen werden kann. Vielleicht nehmen Sie auch Kontakt mit dem Erdmann Verlag auf, der sich ja ein wenig spezialisiert hat auf Erzählungen aus aller Welt.</p>
</blockquote>



<p>Nicht nur Fischer Taschenbuch, sondern auch nahezu alle großen Verlage, denen Naguib seine Übersetzungsprojekte anbot, verwiesen auf den staatlich geförderten Erdmann Verlag. Mit dem Verleger Horst Erdmann hatte Naguib – auf Anraten von Fritz Steppat – bereits im Mai 1969 Kontakt aufgenommen. Obgleich Naguib von Beginn an – wie man u. a. an seiner Korrespon­denz mit Ingeborg Drewitz ablesen kann – wegen der unzulänglichen Kommunikation und fehlen­den Expertise des Verlages äußerst unzufrieden war, ließ er sich zu einer Zusammenarbeit überreden. Angeboten hat er u. a. seine bereits abgeschlossenen Übersetzungsprojekte (<em>Geschwätz auf dem Nil</em> und <em>Farahats Republik</em>) und einen weiteren Machfus-Roman, der erst 1990 unter dem Titel <em>Kinder unseres Viertels</em> in der Übersetzung von Doris Kilias im Schweizer Unions­verlag erscheinen sollte. Im Gespräch waren darüber hinaus Autoren, die später in der zwei­sprachigen Reihe der Edition Orient mit Naguib als Übersetzer und/oder Herausgeber erschei­nen werden. Der Kontakt brach jedoch nach einem Zerwürfnis im Jahr 1973 endgültig ab, als Naguib den Verdacht hegte, er würde um seine konzeptionelle und übersetzerische Arbeit an der Anthologie gebracht.</p>



<p>Auch mit kleineren engagierten Verlagen waren beide Übersetzungsprojekte nicht zu realisie­ren. Der Kölner Verlag Jakob Hegner beispielsweise begründete seine Absage mit der starken Reduzierung des belletristischen Programms (Brief am 2. September 1972). Der Peter Hammer Ver­lag, der durchaus geneigt war, die Anthologie zu veröffentlichen, konnte eine Publikation nur mit einer (staatlichen) Förderung stemmen, weil „literarische Sammlungen und Anthologien auf dem bundesrepublikanischen Markt sehr geringe Chancen haben. Selbst bei angelegter Wer­bung ist der Erfolg gering“, so der Verleger Hermann Schulz in einem Brief am 7. Februar 1974. Naguibs diesbezügliche Bemühungen schlugen jedoch fehl: Weder die Mission der Liga der arabischen Staaten noch die Studienmission der Arabischen Republik Ägypten in Bonn wa­ren bereit, eine Garantieabnahme zu vereinbaren, das heißt, 300 bis 400 Exemplare aufzukaufen.</p>



<p>Es dauerte gut zehn Jahre, bis Naguib die Anthologie bei einem Verlag unterbringen konnte. Doch <em>Farahats Republik</em> war das dritte und letzte Buch, das 1980 der Berliner Verlag Der Oli­venbaum herausbrachte. Erst dann muss Naguib klar geworden sein, dass ohne einen eigenen Verlag die arabische Literatur kaum Chancen auf dem bundesdeutschen Buchmarkt haben würde. Mit der Gründung der Edition Orient erweiterte sich die Vermittlungstätigkeit Naguibs um die des Verlegers. Er war somit Übersetzer, Herausgeber und Verleger moderner arabischer Literatur in Personalunion.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="20"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup20">20</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="20">Hinzu kam auch die Rolle des Lektors, die in der Verlagskorrespondenz angedeutet und im Band 4 der zweisprachigen Reihe ausgewiesen ist. </span>Diese Rollen waren eng verzahnt mit seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit an der FU Berlin. Besonders deutlich wird dies am ersten Buch, das in der Edition Orient erschienen ist: <em>Die Öllampe der Umm Haschim</em> von Yahya Hakki.</p>



<p></p>



<p>3</p>



<p>Die Idee, einen Klassiker der modernen arabischen Literatur aus Ägypten zu übersetzen und zweisprachig herauszugeben, geht laut der Widmung der ersten Ausgabe von 1981 auf eine Gastprofessur Hakkis im Sommersemester 1979 am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin zurück.<em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="21"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup21">21</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="21"> </span></em><span class="oes-note oes-popup" data-fn="22"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup22">22</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="22">„Die Idee zu diesem Band ist während des Aufenthalts von Yahya Hakki im Sommersemester 1979 in Berlin als Gastprofessor am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin entstanden. Er ist dem Autor, Prof. Dr. Fritz Steppat und den Teilnehmern der Veranstaltung von Yahya Hakki gewidmet.“ (Naguib 1980: 5) </span>Eingeladen wurde Hakki (1905–1992), wie es im Antrag vom 29. November 1978 an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) heißt, nicht nur wegen seiner heraus­ragenden Bedeutung als Schriftsteller in der modernen arabischen Literatur, sondern auch in seiner Funktion als Literaturkritiker, der wichtige Ämter im [staatlich gelenkten] Kultur- und Literaturbetrieb Ägyptens der 1950er und 1960er Jahre innehatte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="23"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup23">23</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="23">Eine literatursoziologische Analyse des Literaturbetriebs im postrevolutionären Ägypten ab 1952 liefert Jacquemond (2003).</span> Das Programm der Gastprofessur umfasste die Beteiligung an der Lehre und Forschung im Rahmen des oben genannten, im Aufbau befindlichen Lehr- und Forschungsschwerpunkts zur modernen arabischen Literatur. So bot Hakki – laut dem Abschlussbericht vom 1. August 1979 an die DFG – zusammen mit Naguib und Steppat eine auf Deutsch, Englisch und Arabisch abgehaltene Lehrveranstaltung mit dem Titel „Einführung in die moderne arabische Literatur“ für alle Stu­dierenden an. Parallel dazu wurde eine Übung angeboten, in der Steppat mit Studienanfängern einzelne literarische Texte in Übersetzung las, und eine zweite, in der Hakki mit fortgeschritte­nen Studierenden eine seiner Erzählungen im Original las und unter inhaltlichen und formalen Gesichtspunkten erörterte. Darüber hinaus stand Hakki für Fachgespräche mit Forschenden zur Verfügung, z. B. Naguib, der mit Hakki in „zahlreichen Zusammenkünften“ sein ebenfalls von der DFG gefördertes Habilitationsprojekt erörterte, so der bereits erwähnte Abschlussbericht. Aus dem Habilitationsprojekt, das unvollendet blieb, sind mehrere Beiträge in deutscher und meh­rere – mittlerweile vergriffene – Monographien in arabischer Sprache hervorgegangen, die un­ter arabischsprachigen Literaturkritikern und -interessierten bis heute als Geheimtipp gehandelt werden.</p>



<p>Das Beispiel Hakkis zeigt nicht nur, dass literaturwissenschaftlich-akademische Interessen Naguibs Übersetzungen motivierten, sondern auch, dass beide Tätigkeiten unterschiedlichen Logiken folgten. Denn obwohl Hakki Naguib während der Gastprofessur die Übersetzungsrechte an seinem Gesamtwerk schriftlich übertragen hatte, übersetzte Naguib lediglich einen Romanauszug, der unter dem Titel „Gestern und heute“ in der Anthologie <em>Farahats Republik</em> erschienen ist, und eine Erzählung Hakkis (<em>Die Öllampe der Umm Haschim</em>), um die es wohl im Abschlussbericht an die DFG ging. Aus dem wissenschaftlichen Interesse ist hingegen eine Monographie entstanden, die die sozialen, historischen und ökonomischen Voraussetzungen von Hakkis Gesamtwerk herausarbeitet und in den Kontext seiner Schriftstellergeneration im Ägypten der 1920er und 1930er Jahre einbettet (vgl. Naguib 1985). Das trifft ebenfalls auf Autoren und Werke aus dem 19. Jahrhundert zu, die Naguib im Rahmen seines Habilitations­projekts zur Sozialgeschichte moderner arabischer Literatur aus Ägypten erforschte, aber nicht übersetzte. Naguib scheint früh erkannt zu haben, dass sich nicht alles, was aus literaturwissenschaftlicher Sicht interessant ist, auch für das Übersetzen ins Deutsche eignet.</p>



<p>Zu den Auswahl­kriterien der von ihm übersetzten, herausgegebenen oder verlegten Bücher äußerte sich Naguib in einem Interview mit der ägyptischen Zeitung <em>al-Qahira</em> (Kairo) vom 4. Februar 1986: Er versuche – bei aller Subjektivität – Namen auszuwählen, die als Aushängeschild für die ara­bische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt dienen könnten, z. B. Naguib Machfus, Yusuf Idris oder Saadallah Wannous. Die Bekanntheit oder Beliebtheit eines Autors oder eines Werks in der arabischen Welt sei keine Garantie für einen Erfolg im deutschsprachigen Raum. Ein Werk müsse auch Eigenheiten aufweisen, die sich mit den sprachlich-ästhetischen Mitteln der Zielsprache vermitteln ließen; neoklassizistische Werke mit wenig Gehalt, die nur von den Ma­ximen der klassischen Rhetorik lebten, seien nicht für das Übersetzen geeignet. (Ali 1986: 41) Eine persönliche Präferenz, die Naguib im Interview nicht verrät, die sich jedoch bei der Betrachtung seines translatorischen Œuvres feststellen lässt, ist seine Neigung (als Überset­zer) zur Kurzprosa, den Machfus-Roman ausgenommen, zum Drama sowie zur Lyrik, die er in einer Anthologie einem größeren deutschen Lesepublikum vorstellen wollte – eines der vielen Projekte, die er vor seinem frühen Tod nicht mehr vollenden konnte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="24"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup24">24</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="24">Einzelne Gedichtübersetzungen wurden in der von Walter Höllerer herausgegebenen Zeitschrift <em>Sprache im technischen Zeitalter</em> (Nr. 96/1985) veröffentlicht.</span></p>



<p>Nicht nur das <em>Was</em> des translatorischen Œuvres folgte einer von den akademischen Interessen unabhängigen Logik, sondern auch das <em>Wie</em>. Dass Hakkis <em>Die Öllampe der Umm Haschim</em> in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen ist, mag den Eindruck erwecken, dass es sich hierbei um eine philologische, nur oder primär an Arabischlernende gerichtete Übersetzung handele. Diesen Eindruck verstärkt ein umfangreicher Anmerkungsapparat, der einzelne, insbesondere in den Dialogen vorkommende Erscheinungen des ägyptischen Dialekts erläutert. Gleichwohl betont der verlegerische Peritext, dass die Übersetzung auch für Leser ge­dacht sei, die einfach nur den deutschen Text lesen wollen (vgl. Hakki 1981: 144). In diese Richtung weist auch eine Rezension von 1982. Der Orientalist und Koranübersetzer Hartmut Bobzin kommt nach einem stichprobenartigen Ver­gleich zwischen Naguibs Übersetzung und der zuvor in der DDR in einem Sammelband er­schienenen Übersetzung von Wiebke Walther zu dem Urteil, dass Naguibs „Übersetzung insgesamt gesehen recht flüssig zu lesen, flüssiger sicher als diejenige von Walther, durch die wesent­lich öfter das arabische Gewand hindurchscheint“ (Bobzin 1982: 95). Trotz eines positiven Ge­samturteils über Auswahl, Zweisprachigkeit und Aufmachung des Bandes sowie über die Über­setzung insgesamt bemängelt Bobzin in seiner in der <em>Zeitschrift für Arabische Linguistik</em> veröffentlichten Rezension Ungenauigkeiten und Glättungen und führt dafür Beispiele an, die einzelne Vokabeln und Phrasen betreffen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Abgesehen davon, daß die Wörter von al-mubtalīn bis bayān nicht übersetzt sind, ver­wundert die Übersetzung von &#8218;akṯar ruǧūlatan mit &#8222;aufrechter&#8220;: warum nicht &#8222;männli­cher&#8220;? Naǧāba heißt nicht &#8222;Intelligenz&#8220;, sondern &#8222;Vornehmheit, Adel&#8220;, was einen ganz anderen Sinn ergibt! Ungenau ist aber auch die Übersetzung von &#8218;aqwam lisānan wa-&#8218;afṣaḥ nutqan, denn dies besagt m.&nbsp;E., daß er das (Hoch-)Arabische sowohl besser spricht (im Sinne der Sprachbeherrschung) als auch ausspricht. Diese wenigen Bei­spiele mögen ausreichen, um zu zeigen, daß die Übersetzung nicht immer genau genug ist. (ebd.: 95)</p>
</blockquote>



<p>In den relativ umfangreichen Nachworten zu den von ihm übersetzten oder herausgegebenen Büchern hat sich Naguib nicht zum <em>Wie</em> des Übersetzens geäußert. Wie gründlich er sich mit den Ausgangstexten befasst hat, lässt sich an der Korrespondenz mit den Autoren erkennen, mit denen er u. a. übersetzungsbezogene Fragen zur Lexik und Syntax der arabischen Texte diskutierte. Daraus lässt sich auch schließen, dass hinter Naguibs übersetzerischen Entschei­dungen andere Überlegungen standen als die wörterbuchmäßigen Entsprechungen, die dem Re­zensenten vorschwebten.</p>



<p>Naguib ließ sich auf Texte ein, von deren literarischer Qualität er überzeugt war. Als Literatur­übersetzer war er auch fast immer sein eigener Auftraggeber.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="25"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup25">25</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="25">Eine Ausnahme dürfte die Kurzgeschichte <em>Der Gaukler hat den Teller geraubt </em>von Nagib Machfus sein, die Naguib im Auftrag des <em>ZEIT</em>-Redakteurs Dieter E. Zimmer übersetzte und die am 5. Dezember 1980 im <em>ZEITmagazin</em> Nr. 50 veröffentlicht wurde. Naguib hatte allerdings bereits im Sommer 1969 die <em>ZEIT</em>-Redaktion auf Machfus aufmerksam gemacht. Der Feuilletonchef Rudolf Walter Leonhardt fand Machfus’ Erzählung <em>Anbar Lulu</em> in Naguibs Übersetzung, die der <em>Akzente</em>-Herausgeber Hans Bender zuvor der Länge wegen abgelehnt hatte (Brief vom 7. Juni 1969), „so vorzüglich wie aufschlußreich“ (Brief vom 13. Juni 1969) und ließ sie in der <em>ZEIT </em>Nr. 47/1969 abdrucken. </span>Nichtsdestotrotz war er als Frei­berufler auf mehrere Einnahmequellen angewiesen. So war er als vereidigter Übersetzer und Dolmetscher tätig und übersetzte auch Fach- und Gebrauchstexte. Diese Arbeit dürfte jedoch nur einen geringen Teil seiner beruflichen Tätigkeit ausgemacht haben. Einen beträchtlichen Teil machte hin­gegen sein Engagement für <em>Fikrun wa Fann</em> (<em>Kunst und Gedanke</em>) aus. Für die staatlich geförderte Kulturzeit­schrift für den Dialog mit der islamischen Welt begann Naguib Ende 1971 als Übersetzer (ins Arabische) zu arbeiten. Dass seine Mitwirkung an <em>Fikrun wa Fann</em> nicht irgendein Brotjob war, lässt sich an der Korrespondenz mit den Herausgebern Annemarie Schimmel und Albert Theile ab­lesen. Schon früh hatte Naguib versucht, mit eigenen Ideen die eher konservativ ausgerichtete Kulturzeitschrift moderner zu gestalten. Eine Neuausrichtung gelang ihm jedoch erst nach dem Ausscheiden von Theile und Schimmel im Jahr 1982. Naguib übernahm zusammen mit der Turkologin Erdmute Heller die Redaktion der Zeitschrift, die bis dahin – laut einem Gutachten eines arabischen Lesers aus Tunesien – wegen des historisch-akademischen Gehalts vieler Beiträge als „Museumindex“ über den Orient gewirkt hatte (Schreiben der Botschaft der BRD Tunis vom 21. September 1983). Unter Naguib und Heller bekam die Zeitschrift – wie Stefan Weidner prägnant resümiert – ein neues modernes Gesicht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Suddenly the names of leading cultural figures began to appear in the journal, people who would not have been included under Schimmel and Theile. Contributors included the philosophers Michel Foucault, Martin Heidegger and Jürgen Habermas, writers Günter Grass and Hans Magnus Enzensberger, literary critic Marcel Reich-Ranicki, film-makers Volker Schlöndorff and Margarethe von Trotta, artist Joseph Beuys, con­temporary Arab novelists such as Tayyib Salih and Yahyia Hakki, and a completely new generation of writers like Mohammed Bennis or Mohammed al-Ghuzzi – personalities who really determined contemporary intellectual life in Germany and the Islamic world. The classical Orientalist picture of the Arab world, which had previously shaped the journal, was suddenly subjected to friendly criticism. (Weidner 2013: 56)</p>
</blockquote>



<p>Bereits an einigen Namen, die Weidner anführt, ist die Verbindung zu Naguibs translatorischem Handeln erkennbar: Nicht nur Hakki, sondern auch der Sudanese Salih wurde mit einer Novelle in der zweisprachigen Reihe der Edition Orient dem deutschsprachigen Lesepublikum vorge­stellt. Auch der Name von Hans Magnus Enzensberger, den Naguib im Februar/März 1971 bei einem Besuch arabischer Schriftsteller in West-Berlin kennenlernte, weist auf eine weitere Facette von Naguibs Engagement für die moderne arabische Literatur hin.</p>



<p>Naguibs translatorisches Handeln ging nämlich über das Übersetzen, Herausgeben und Verle­gen hinaus: Ab den frühen 1970er war er als (Mit)-Initiator, (Mit)-Organisator und Referent an Literaturveranstaltungen beteiligt, die das Interesse an moderner arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum wecken sollten. Über eine dieser Literatur­veranstaltungen berichtete beispielsweise der <em>Tagesspiegel</em> vom 30. Juni 1979. Dort kann man nachlesen, dass die Gastprofessur Hakkis auch außerhalb der FU Berlin ein Echo fand (vgl. Anders 1979). Zur Rolle des Initiators und Organisators bzw. Kurators verhalf Naguib ein Netzwerk von Kontakten im Kultur- und Literatur­betrieb in West-Berlin, Kairo, Wien und Beirut. Zu seinem breit gefächerten Netzwerk, das er sich ab den späten 1960er Jahren aufbaute, gehörten die Evangelische Akademie zu Ber­lin, die die literarisch-kulturelle Arbeit als Teil des interreligiösen Dialogs verstand, der Verband deutscher Schriftsteller, der Berliner Autorenverein Neue Gesellschaft für Literatur, das Berli­ner Künstlerprogramm des DAAD, Kunstverein Wien/Alte Schmiede, das Literarische Collo­quium Berlin und das Goethe-Institut Kairo sowie diverse kulturelle Institutionen und Einrich­tungen in Kairo und Beirut, die Studienmission der Arabischen Republik Ägypten in Bonn, die Mission der Liga der arabischen Staaten in Bonn sowie zahlreiche arabische Schriftsteller und Publizisten.</p>



<p>Zu Naguibs translatorischem Engagement, ein breites Publikum über die moderne arabische Literatur zu informieren, gehörten auch Rundfunkbeiträge, in denen er Autoren mit übersetzten Werkauszügen und erzählenden Rahmentexten vorstellte, z. B. für den Südwestfunk (1976) und den Bayerischen Rundfunk (1985). Flankierend dazu lässt sich seine publizistische Tätigkeit für arabische, insbesondere ägyptische (Kultur)Zeitschriften ausmachen, die er bereits nach Ab­schluss seiner Promotion Ende der 1960er Jahre begonnen und in seinen letzten Lebensjahren intensiv betrieben hat. Durch zahlreiche Beiträge zur arabischen Literatur, die eine eigene Stu­die wert sind, trat Naguib in der Rolle auf, die der Prüfungskommission des Lehrgangs für ausländische Deutschlehrer vorschwebte: Er vermittelte „seinen Landsleuten die modernen deutschen Auffassungen von Literatur und dem Umgang mit literarischen Werken“ (FU Berlin UA: StudA-A, 2556).</p>



<p></p>



<p>4</p>



<p>Die Geschichte des Übersetzens moderner arabischer Literatur ins Deutsche wurde noch nicht gründlich erforscht.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="26"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup26">26</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="26">Eine ältere Bibliographie moderner arabischer Literatur auf Deutsch findet sich in Maher / Ule (1979), zum Übersetzen arabischer Literatur in der DDR vgl. Tawfiq (2020), eine Analyse der neueren Entwicklungstendenzen liefert Hetzl (2021). </span>Das Leben und Werk Nagi Naguibs könnte hierfür Ausgangspunkt sein und Anschauungsmaterial bieten. Es wäre für eine solche Geschichte in dreierlei Hinsicht auf­schlussreich: In translationspolitischer Hinsicht ist Naguibs literarisch-translatorische Vermittlungs­arbeit in einen zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet, der von Spannungen zwischen der damaligen Führungsmacht der arabischen Welt, Ägypten, und der Bundesrepublik Deutsch­land geprägt war. Diese Spannungen standen sowohl im Zeichen des Kalten Krieges, zumal Ägypten unter Nasser (1954-1970) dem Ostblock zugerechnet wurde, als auch im Zei­chen des Nahostkonflikts, der mehrere dramatische Wendungen nahm: Junikrieg (1967), Münchener Attentat (1972), Oktoberkrieg (1973) und die anschließende Ölkrise, aber auch der israelisch-ägyptische Friedensvertrag (1978/79). Wissenschaftspolitisch ist Naguibs translato­risches Handeln mit dem Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin aufs engste verbunden, an dem die deutsche Orientalistik mit einer systematischen Erforschung der modernen arabischen Literatur begann. Naguibs Übersetzungen wurden als Bestandteil der For­schung angesehen. Er war also kein Forscher, der einfach so nebenher übersetzte. Aus literatur­soziologischer Sicht wäre zu untersuchen, ob und inwiefern sich der von Dieter E. Zimmer und Hanns Grössel (1976) konstatierte Rückgang von Übersetzungen fremdsprachiger Literaturen ins Deutsche ab den späten 1960er Jahren erhärten lässt und wie sich dieser ggf. auf die Chancen arabischer Literatur auf dem (west)deutschen Buchmarkt ausgewirkt hat. An Naguibs facettenreichem translatorischem Handeln lässt sich das Zusammenspiel dieser hier nur tentativ angerissenen politischen, wissenschaftsinstitutionellen und ökonomischen Rahmenbedingungen studieren, die für den Import moderner arabischer Literatur in den deutschsprachigen Raum ausschlaggebend waren (und wohl immer noch sind). Sein Leben und Werk ließe sich deshalb als ein noch zu schreibendes Kapitel deutsch-arabischer Kultur- und Translationsgeschichte le­sen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Adler, Raissa</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/adler-raissa/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Feb 2024 12:38:11 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009567</guid>

					<description><![CDATA[Raissa Adler ist in erster Linie als Ehefrau des Individualpsychologen Alfred Adler bekannt und bleibt daher in vielen Texten über die Familie oder diese Zeit eine Randfigur. In den Biografien über ihren Mann wird sie als kluge und couragierte Frau beschrieben. Inzwischen ist sie auch als Aktivistin der Frauenbewegung und als Kommunistin porträtiert worden. Zumeist [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p></p>


    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Das Biogramm wurde im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts <em>Exil:Trans</em> zum Leben und Arbeiten von Übersetzern und Übersetzerinnen im Exil (1933–1945) erstellt und erschien zuerst im September 2021 in der an der Universität Wien betreuten biografischen Datenbank des Projekts.</p>


        </p>
    </div>


<p>Raissa Adler ist in erster Linie als Ehefrau des Individualpsychologen Alfred Adler bekannt und bleibt daher in vielen Texten über die Familie oder diese Zeit eine Randfigur. In den Biografien über ihren Mann wird sie als kluge und couragierte Frau beschrieben. Inzwischen ist sie auch als Aktivistin der Frauenbewegung und als Kommunistin porträtiert worden. Zumeist findet sich in diesen Texten die Erwähnung, Raissa Adler sei als Übersetzerin aus dem Russischen und auch jahrelang als Trotzki-Übersetzerin tätig gewesen, bevor sie Wien 1934 verlassen musste. Diese Erwähnung soll nun weiterverfolgt und die übersetzerische Tätigkeit Raissa Adlers konkretisiert und eingeordnet werden.</p>



<p>Raissa Timofejevna Epstein kam im Jahr 1873 in Moskau zur Welt. Sie stammte aus einer wohlhabenden Moskauer Familie und wurde als Kind und Jugendliche von Privatlehrern unterrichtet. Schließlich nahm sie mit 22 Jahren ein Studium der Biologie und Zoologie in Zürich auf. Viele gebildete Russinnen aus wohlhabenden Familien wählten damals diesen Weg und gelten daher auch als Wegbereiterinnen des Frauenstudiums in der Schweiz und darüber hinaus. Raissa Timofejevna Epstein verfolgte ihr naturwissenschaftliches Studium für drei Semester, kam 1896 nach Wien und fand schnell Anschluss in der (akademisch orientierten) Wiener Frauenbewegung. Ihren Mann Alfred Adler lernte sie wohl im Salon des emigrierten russischen Schriftstellers Julian Klazcko kennen. Adler und Epstein heirateten im Dezember 1897 in Smolensk, wo Verwandte von Raissa Adler lebten. Die erste Tochter Valentina Dina wurde im Jahr darauf geboren und die Familie wohnte gemeinsam in der Eisengasse 20 in Wien-Währing. Die Adlers bekamen innerhalb weniger Jahre vier Kinder, weswegen Raissa wenig Zeit für ihr Studium oder feministisches Engagement blieb. Alfred Adler war ein vielbeschäftigter Arzt, der seine wissenschaftlichen und politischen Interessen über die Bedürfnisse der Familie stellte. Die Ehe war deswegen stark zerrüttet, es kam jedoch nie zur Scheidung. Alfred Adler gilt als Begründer der Individualpsychologie und auch seine Frau und drei der Kinder, Valentine, Alexandra und Kurt sollten sich später, in unterschiedlichem Maße, für die Individualpsychologie engagieren.</p>



<p>Eine persönliche Bekanntschaft mit Trotzki ergab sich für die Adlers 1907, als sich dieser nach seiner Flucht aus Sibirien einige Zeit in Wien aufhielt. Raissa Adler freundete sich mit seiner Frau Natalja Sedowa an, die Kinder der beiden Frauen wurden Spielkameraden. Alfred Adler betreute Trotzkis Kinder als Arzt und wurde zudem auch der Nervenarzt von verschiedenen Gefährten Trotzkis. Während des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs 1914 befand sich Raissa Adler mit den Kindern gerade einige Monate in Smolensk. Sie reiste schließlich mit der Familie über Schweden zurück nach Wien, denn in Russland wäre sie inzwischen als feindliche Ausländerin nach Sibirien verbannt worden. Alfred Adler wurde durch seinen Einsatz als Militärarzt geläutert und kam als Pazifist nach Wien zurück. Er engagierte sich in der Zwischenkriegszeit, unterstützt durch seine Familie, für die Erneuerungen des Gemeinwesens in Wien, war in verschiedenen Vereinen tätig und war Mitbegründer der „Vereinigung Sozialistischer Ärzte“. Die Kinder der Adlers waren inzwischen selbst politisch aktiv. Raissa Adler folgte Trotzkis kommunistischer Linie und engagierte sich, unter anderem im Exekutiv- und Arbeitskommittee der „Clarté“, eine auf Barbusse zurückgehende internationale, kommunistische Vereinigung zur Bekämpfung des Krieges und seiner Ursachen. Als Alfred Adlers Engagement wieder nachließ, intensivierte sich Raissas. Sie war im Kreis um Julius Tandler aktiv, arbeitete mit Ärztinnen wie Magret Hilferding zusammen und engagierte sich für (medizinische) Frauenfragen, etwa für Mutterschutz und gegen Mutterschaftszwang. Sie saß im Ausschuss der kommunistischen Roten Hilfe und trat schließlich der sich etablierenden KP bei. Der Kontakt zu Trotzki war nie ganz abgerissen und wurde nun wieder intensiviert.</p>



<p>Während Alfred Kontakte in die USA knüpfte und auch viele internationale Vortragsreisen unternahm, hielt Raissa Adler ab Mitte der 1920-er regelmäßige Stammtische im Café Herrenhof und diskutierte dort mit den jungen, marxistischen Individualpsychologen. Ab 1930 brachte sie sich aktiv in der Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie ein und verfasste dafür mehrere Buchbesprechungen. Sie korrespondierte mit Trotzki und versuchte die KPÖ zu beeinflussen, nicht auf den anti-trotzkistischen Kurs einzuschwenken. Mit Beiträgen in der Zeitschrift, die auf Parteilinie waren, festigte sich ihre Stellung in der Partei aber wieder. Laut biografiA (Korotin 2016: 42f.) und Karl Fallend (2002) war Raissa Adler auch jahrelang als Trotzkis Übersetzerin tätig. Konkret genannt wird ihre Übersetzung eines Artikels über die deutschen Rechten und das „Sekierertum“ der Linken 1929.</p>



<p>In vielen Quellen findet sich der Hinweis, dass Raissa Adler zu dieser Zeit „sowjetische Bücher aus dem Russischen“ übersetzte (Schiferer 2004: 200). Elke Pilz (2005) erwähnt zudem, dass Raissa Adler aufgrund ihrer Sprachkenntnisse in Deutsch, Russisch und Französisch als Übersetzerin arbeitete. Übersetzungen aus dem Französischen sind bisher nicht bekannt. Die früheste publizierte Übersetzung aus dem Jahr 1923 erschien in Hamburg: die deutsche Übersetzung <em>Moral und die Klassennormen</em> des sowjetischen Ökonoms Evgenij Preobraženskij. Sie ist die einzige in Bibliothekskatalogen erfasste Übersetzung.</p>



<p>Im Rahmen von Exil:Trans konnte eine weitere veröffentlichte Übersetzung Adlers ausfindig gemacht werden: <em>Ueber die Musik der Dicken</em> ist eine am 1. Mai 1928 veröffentliche deutsche Übersetzung einer Novelle Gorkis in der Roten Fahne, dem Zentralorgan der österreichischen kommunistischen Partei. Der Übersetzung ist folgende Notiz vorangestellt: „Diese Novelle Gorkis wurde am Gorki-Abend der Oe. A. H.  [Anm.: Österreichische Arbeiterhilfe] vorgelesen und erscheint bei uns zum erstenmal in Druck. —  Nachdruck verboten. — Copyright by M a l i k &#8211; Verlag, Berlin.“ Die Übersetzung erstreckt sich über mehr  als eine ganze Seite. Illustriert ist sie mit einem „Plakat der russischen Freidenker“. Der Übersetzung nachgestellt ist die Zuordnung zu Raissa Adler: „Aus dem russischen Manuskript übersetzt von Raissa Adler“. Ein Kurzbericht in derselben Zeitung berichtet von eben diesem Gorki-Abend der Österreichischen Arbeiter-Hilfe im Volksbildungshaus Margarethen, wo „Maria Guttmann die für den Abend übersandte Skizze „Die Musik der Dicken“ zum Vortrag [brachte], die sehr beifällig aufgenommen wurde.“</p>



<p>1934 wurde Raissa Adler wegen ihrer kommunistischen Aktivitäten verhaftet, konkret wegen der Teilnahme an einer „linken Wohltätigkeitsveranstaltung“, kam aber nach zwei Tagen wieder frei. Nachweislich konnte sie nur für ihre Mitgliedschaft in der Roten Hilfe belangt werden. Alfred Adler sah die Zeit gekommen, in die USA auszureisen, wo er selbst bereits Gastprofessuren innehatte. Nicht nur politisch, sondern auch als nicht praktizierende, dennoch als jüdisch geltende Familie waren sie in Gefahr. Auch die inzwischen erwachsenen und selbst politisch sehr aktiven Kinder verließen Österreich bzw. Deutschland. Raissa Adler stemmte sich gegen eine Ausreise, wurde von Alfred Adler jedoch schließlich dazu gezwungen. Das Ehepaar ging in New York mehr oder weniger getrennte Wege, es sind aber gemeinsame Reisen nach Paris und Locarno belegt. Alfred Adler starb im Mai 1937 bei einer Vortragsreise in Schottland an einem Infarkt, Raissa Adler und zwei ihrer Töchter, Alexandra und Nelly, verbrachten daraufhin einige Jahre in Locarno. 1940 zog Raissa wieder nach New York, obwohl sie sich dort schon beim ersten Aufenthalt nicht wohl gefühlt hatte, aber in der Nähe ihrer zwei Kinder Alexandra und Kurt sein konnte. Mit der englischen Sprache wurde sie nie richtig warm, weshalb sie sich auch nicht wie zuerst geplant der publizistischen Verwertung der Ideen ihres Mannes widmete.</p>



<p>2004 stellte Rüdiger Schiferer nach getaner biografischer Arbeit zu Raissa Adler fest, dass „die Quellen […] eine genaue Lebensbeschreibung derzeit nicht gestatten. Dennoch läßt sich aus Anekdoten sowie aus Erzählungen ihrer Kinder ein Abriß der Person erstellen, der ihre Einbindung in die Wiener Geschichte andeutet und zeigt, daß neben Alfred Adler auch seine Frau Raissa eine interessante und bedeutende Persönlichkeit war.“ (Schiferer 2004: 203). Was lässt sich dieser Aussage über Raissa Adler als Übersetzerin und Vermittlerin hinzufügen? Ihre Übersetzungstätigkeit spielte sich in mehrsprachigen und international vernetzten roten, kommunistischen Kreisen sowie der ebenso internationalen Individualpsychologie ab. Dass sie informell translatorisch arbeitete und vermittelte, legen die bekannten Konstellationen sowie Anekdoten nahe. Das Übersetzen war dabei nicht das zentrale Beschäftigungsfeld und es liegen nur sehr wenige veröffentlichte Übersetzungen vor. Der Gang ins Exil, der Verlust von Alltag und Heimat wogen schwer und sie trat publizistisch und somit auch übersetzerisch nicht mehr in Erscheinung.</p>



<p><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Umanskij, Dmitrij</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/dmitrij-umanskij/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Feb 2024 19:05:40 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009556</guid>

					<description><![CDATA[„Budjonnys Reiterarmee. Übertragen aus dem Russischen von Dmitrij Umanskij“ – so wurde Isaak Babelˈs Werk 1926 im Berliner Malik-Verlag herausgebracht und diese deutsche Ausgabe war die weltweit erste, sie erschien noch knapp vor der russischen Originalausgabe. Von dem Übersetzer Umanskij war in Deutschland lange kaum mehr als der Name bekannt (vgl. noch Jekutsch 2005). Erst [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Das Biogramm soll später durch einen ausführlichen Essay ersetzt werden.</p>


        </p>
    </div>


<p>„<em>Budjonnys Reiterarmee</em>. Übertragen aus dem Russischen von Dmitrij Umanskij“ – so wurde Isaak Babelˈs Werk 1926 im Berliner Malik-Verlag herausgebracht und diese deutsche Ausgabe war die weltweit erste, sie erschien noch knapp vor der russischen Originalausgabe. Von dem Übersetzer Umanskij war in Deutschland lange kaum mehr als der Name bekannt (vgl. noch Jekutsch 2005). Erst jüngere Quellen – durch die Tochter Umanskijs auf einem genealogischen Portal im Internet hinterlegtes Material (Umanski 2011) sowie eine exzellente Archiv-Recherche-Kooperation zwischen dem Institut für russische Literatur (Puschkin-Haus) der Russischen Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg, und Russischer Nationalbibliothek (Ljubimova/Šumilova 2014) – lassen nunmehr zumindest eine grobe Rekonstruktion seiner Lebens- und Schaffensbiographie zu.</p>



<p>Dmitrij Aleksandrovič Umanskij, geboren am 4. März 1901 in Mykolaiv (Nikolaev, Ukraine), lebte 1905 bis 1910 und – nachdem er in Moskau das Abitur gemacht hatte – 1918 bis 1925 in Wien, wo er studierte und zuletzt als Presse-Attaché bei der sowjetischen Vertretung tätig war. Schon ab 1922 übersetzte er für die Verlage Zsolnay (Leonid Leonov) und Malik russische Literatur. 1925 trat er der Kommunistischen Partei Österreichs bei, lebte dann zwei Jahre in Berlin und kehrte 1927 nach Moskau zurück, wo er als Redakteur für den Verlag „Land und Fabrik“ (den nachmaligen „Staatsverlag für schöngeistige Literatur“) sowie für eine staatliche Literatur-Agentur arbeitete. 1934 wurde er Mitglied des Schriftstellerverbands. Im zweiten Weltkrieg war er als Propagandist für die sowjetische Marine tätig, verfasste Flugblätter und betreute Rundfunksendungen in deutscher Sprache. Er starb 1977 in Moskau.</p>



<p>Wie Babelˈ überhaupt zu Malik fand, ist nicht übermittelt. Sehr wahrscheinlich war es seinem Förderer Maksim Gorˈkij zu verdanken, der, vom Berliner Verlag Iwan Ladyschnikow kommend, selbst zu diesem Verlag zu wechseln im Begriff war. Doch genauso könnte Übersetzer Umanskij die Hand im Spiel gehabt haben, ein umtriebiger junger Mann mit Geschäftssinn und Initiative, der noch als Student in Wien Anstalten machte, sich im Literaturbetrieb zu etablieren, Autoren zu vermitteln und an sich zu binden. Erhalten sind seine – teils mit fertigen Verträgen versehenen – Offerten an die prominenten Autoren Konstantin Fedin, Evgenij Zamjatin und Fedor Sologub, in denen er sich als Agent und Übersetzer ins Deutsche empfiehlt und bester Kontakte „zu meinen Übersetzerfreunden (Ruoff, Frisch, Barchan, Luther, Groeger)“,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="3"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup3">3</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="3">Brief Umanskijs an Zamjatin vom 13. August 1914, IMLI, A. 47/3/197/ Bl. 9, zit. nach Ljubimova/Šumilova 2014,&nbsp; übers. A.T.</span> Theaterregisseuren und Verlegern rühmt, was etwas hoch gestapelt scheint. Die Vorstöße glückten nur zum Teil; in manchem scheint er sich übernommen zu haben. Semen Liberman, Mitarbeiter bei Ladyschnikow, riet Zamjatin von Umanskij ab, seine Übersetzungen seien stark überarbeitungsbedürftig, der Aufwand lohne nicht, es gebe genug gute Übersetzer. „Bei Zoščenkos <em>Koza</em> (<em>Ziege</em>) hat er einen Bock geschossen und sie zur Hälfte rasiert“, spottete er.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="4"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup4">4</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="4">Brief Libermans an Zamjatin vom 25. September 1925, IMLI, A. 47/3/122/Bl. 3, zit. nach Ljubimova/Šumilova 2014, übers. A.T. </span>Konstantin Fedin wiederum bezeichnete ihn einem Kollegen gegenüber als „Person von mäßiger Zuverlässigkeit, er überzieht gern und schwätzt viel“ (zit. nach Kabanova 2008:&nbsp;124, übers. A.T.).</p>



<p>Manches an diesen Reaktionen könnte der Immunabwehr des schwer umkämpften Betriebes gegen einen allzu forsch eindringenden Neuling geschuldet sein. Jedenfalls gelang es Umanskij offenbar nicht, Fuß zu fassen, er ging zurück in die Sowjetunion, wo er nunmehr für eine staatliche Literatur-Agentur sowjetische Autoren an den Westen verkaufte, später auch Werke deutscher antifaschistischer Autoren im Exil (Willi Bredel, Theodor Plievier, Friedrich Wolf, Adam Scharrer u.a.) ins Russische übersetzte. 1935 zeichnete er als Redakteur verantwortlich für die Exportausgabe des großen Propagandawerks zur Errichtung des Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanals, wie der damals hieß. Babelˈ indes – die <em>Reiterarmee</em>, zuvor die <em>Odessaer Geschichten</em> – blieb Umanskijs großer Wurf, der ihn überleben sollte. Das Buch (rotes Leinen mit Goldprägung, Heartfields Reihenentwurf) kam sensationell gut an. Rezensionen lieferten keine Geringeren als Kurt Tucholsky in der <em>Weltbühne </em>oder Hermann Hesse in der <em>Frankfurter Zeitung</em>. Eine Werbeanzeige in Upton Sinclairs <em>Sumpf</em> (1928) behauptete gar (was sich andernorts allerdings nicht belegen lässt), dass Thomas Mann Umanskij in einem persönlichen Brief für diese Übersetzung gedankt habe. Ein großer Autor war für Deutschland entdeckt.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><a id="_msocom_1"></a></p>



<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Qvigstad, Just</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/just-qvigstad/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jan 2024 20:58:16 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009394</guid>

					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kundera, Ludvík</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/ludvik-kundera/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jan 2024 12:58:45 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://uelex.de/?post_type=uelex_article&#038;p=2009334</guid>

					<description><![CDATA[Ludvík Kundera ist primär als Übersetzer deutscher Literatur in seine Muttersprache Tschechisch bekannt. Daneben hat er jedoch auch Texte (primär Gedichte) aus dem Tschechischen in die Fremdsprache Deutsch übersetzt, ab den 1960er Jahren sehr oft in enger Kooperation mit Schriftstellern aus der DDR. Die dort etablierte Praxis, bei der Lyriker Gedichte aus ihnen nicht vertrauten [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ludvík Kundera ist primär als Übersetzer deutscher Literatur in seine Muttersprache Tschechisch bekannt. Daneben hat er jedoch auch Texte (primär Gedichte) aus dem Tschechischen in die Fremdsprache Deutsch übersetzt, ab den 1960er Jahren sehr oft in enger Kooperation mit Schriftstellern aus der DDR. Die dort etablierte Praxis, bei der Lyriker Gedichte aus ihnen nicht vertrauten Sprachen auf der Basis philologisch exakter (und gut kommentierter) Interlinearversionen ins Deutsche brachten, hat Kundera wiederholt auch theoretisch reflektiert.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
