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	<title>Rumänisch &#8211; UeLEX</title>
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	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
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		<title>Dayan (Silbermann)</title>
		<link>https://uelex.de/literatur/dayan-silbermann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Jul 2025 14:15:32 +0000</pubDate>
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		<title>Goldmann, Ilse</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/goldmann-ilse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Jul 2025 21:22:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Ein Biogramm von Ilse Goldmann findet sich im „Apparat“ von Silbermann (2015: 354). Demnach war Goldmann in ihren Jugendjahren eine politisch engagierte Intellektuelle und Mitglied der illegalen kommunistischen Jugendorganisation in Czernowitz. In ihrem Haus gab es einen Lesezirkel, zu dem neben Edith Silbermann auch Paul Antschel (Paul Celan) gehört haben soll. Als Czernowitz in Folge [&#8230;]]]></description>
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<p>Ein Biogramm von Ilse Goldmann findet sich im „Apparat“ von Silbermann (2015: 354). Demnach war Goldmann in ihren Jugendjahren eine politisch engagierte Intellektuelle und Mitglied der illegalen kommunistischen Jugendorganisation in Czernowitz. In ihrem Haus gab es einen Lesezirkel, zu dem neben <a href="https://uelex.de/uebersetzer/silbermann-edith/" data-type="uelex_article" data-id="2010394">Edith Silbermann </a>auch Paul Antschel (Paul Celan) gehört haben soll. Als Czernowitz in Folge des Hitler-Stalin-Pakts 1940 an die Sowjetunion fiel, wurde Goldmann ins Innere der SU deportiert. Nach dem Krieg kehrte sie nach Czernowitz, das nun erneut zur Ukrainischen SSR gehörte, zurück. Kurz danach wanderte sie nach Bukarest aus, wo sie durch mehrere Jahrzehnte an der deutschsprachigen Tageszeitung <em>Neuer Weg</em> mitarbeitete.</p>



<p>Als Übersetzerin arbeitete sie aus dem Rumänischen und Russischen in ihre Muttersprache Deutsch. Ihre Übersetzungen (Jugendbücher, Romane, kunsthistorische Werke) scheinen ausschließlich in Bukarester Verlagen erschienen zu sein, einige kunsthistorische Werke wurden als Lizenzausgaben in der Bundesrepublik veröffentlicht. Bei Übersetzungen aus dem Russischen wird in Bibliothekskatalogen mehrmals <a href="https://uelex.de/uebersetzer/kittner-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2012425">Alfred Kittner</a> als Mitübersetzer genannt. Genauere Recherchen stehen aus.</p>
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		<item>
		<title>Kittner, Alfred</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/kittner-alfred/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Jul 2025 18:44:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Eine gründlichere Studie zum übersetzerischen Tun Alfred Kittners liegt bisher nicht vor, auch bibliographische Recherchen stehen noch aus. Recht hagiographisch wird seine Leistung als Lyrik-Übersetzer in einer Monografie von Beatrice Greif eingeschätzt, wobei sie sich auf wenige Beispiele aus der Rumänischen Rundschau der 1960er Jahre beschränkt. Eingangs heißt es bei ihr: Alfred Kittners literarische Tätigkeit [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Eine gründlichere Studie zum übersetzerischen Tun Alfred Kittners liegt bisher nicht vor, auch bibliographische Recherchen stehen noch aus. Recht hagiographisch wird seine Leistung als Lyrik-Übersetzer in einer Monografie von Beatrice Greif eingeschätzt, wobei sie sich auf wenige Beispiele aus der <em>Rumänischen Rundschau </em>der 1960er Jahre beschränkt. Eingangs heißt es bei ihr:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Alfred Kittners literarische Tätigkeit in Bukarest [1945–1980, AFK] offenbart die Vielseitigkeit seiner Persönlichkeit: als Rundfunksprecher, Direktor des Instituts für Auslandsbeziehungen, Dichter und Gesprächspartner in deutschsprachigen Zeitungen, oder als Herausgeber sowie als Verfasser von Vor- und Nachworten, trug Kittner entscheidend zur Vermittlung der deutschen Literatur Rumäniens im In- und Ausland bei. Seine zahlreichen Übertragungen von Werken rumänischer Autoren ins Deutsche leisteten einen entscheidenden Beitrag zur besseren Kenntnis dieser Dichter beziehungsweise Prosaschriftsteller sowohl unter den deutschen Lesern Rumäniens, als auch im binnendeutschen Raum. Zwecks Veranschaulichung seiner sprachlichen Meisterschaft in der Übertragung einiger rumänischer Dichter, werde ich mich auf Übersetzungen von Gedichten Octavian Gogas, Tudor Arghezis, Camil Balthazars, Gellu Naums und Ana Blandianas beziehen. (Greif 2022: 150)</p>
</blockquote>



<p>Ein Hinweis auf den Umfang des translatorischen Œuvres findet sich bei Edith Silbermann (2015: 359f.). Kittner habe ab 1958 als freischaffender Schriftsteller und Übersetzer</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Werke von über vierzig rumänischen Autoren ins Deutsche [gebracht] , u.a. Mihail Eminescu, Tudor Arghezi, Nina Cassian, Alexandru Odobescu, Jean Barth, Marin Preda, Veronica Porumbacu, Zaharia Stancu.</p>
</blockquote>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Karlinger, Felix</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/karlinger-felix/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[sbaumann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Feb 2025 09:57:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, als auflagenstarke Märchenanthologien noch das Sortiment namhafter Verlage zierten, war der Name Felix Karlinger in diversen Buchreihen dieser Art stark präsent. Man kannte ihn zum einen als Mitherausgeber der von Friedrich von der Leyen 1912 im Diederichs Verlag gegründeten, höchst erfolgreichen und erst 2002 eingestellten Märchenserie Märchen der Weltliteratur, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, als auflagenstarke Märchenanthologien noch das Sortiment namhafter Verlage zierten, war der Name Felix Karlinger in diversen Buchreihen dieser Art stark präsent. Man kannte ihn zum einen als Mitherausgeber der von Friedrich von der Leyen 1912 im Diederichs Verlag gegründeten, höchst erfolgreichen und erst 2002 eingestellten Märchenserie <em>Märchen der Weltliteratur</em>, zum anderen war er für all jene ein Begriff, die sich bevorzugt für Märchen und Sagen aus den romanischsprachigen Ländern interessierten und denen sein Name allenthalben auch in Märchenanthologien anderer renommierter Verlage als Sammler, Übersetzer und Herausgeber der Texte begegnete.</p>



<p>Abgesehen von den <em>Märchen der Weltliteratur</em>, die mit den 22 Bänden unter Karlingers Herausgeberschaft großenteils mehrere Auflagen und Lizenzausgaben erreichten, seien hier der Deutsche Taschenbuchverlag, der Fischer Taschenbuchverlag, der Rowohlt Taschenbuchverlag oder der Erich Röth-Verlag mit seiner Märchenserie <em>Das Gesicht der Völker</em> genannt. Karlinger sammelte, übersetzte und edierte Volkserzählungen nicht nur aus sämtlichen Sprachbereichen der Romania, sondern versuchte sich auch am volksläufigen Erzählgut nichtromanischer Sprachen wie etwa dem Baskischen und Griechischen. Viele seiner Märchenbände erzielten beachtliche Auflagenziffern und wurden auch in außereuropäische Sprachen wie z. B. das Japanische übertragen. Mit seinen 1973 in erster Auflage erschienenen <em>Südamerikanischen Märchen</em>, die in den 1990er Jahren die Auflagenzahl von hunderttausend überschritten, bescherte er dem Fischer Taschenbuchverlag sogar einen veritablen Bestseller.</p>



<p>Außerhalb des Gesichtskreises des Märchenliebhabers veröffentlichte Felix Karlinger zahlreiche von ihm gesammelte und ins Deutsche übersetzte Sagen, Legenden und Volkslieder der Romania als Textbelege wissenschaftlicher Abhandlungen, in denen er sich als höchst kompetenter Philologe und Ethnologe präsentierte. Widmete sich nun ein Rezipient seiner für ein breites Publikum konzipierten Märchenanthologien auch der Lektüre der so genannten ‚Paratexte‘ – Einführungen, Nachworte, diverse Appendizes und Anmerkungen –, so konnte er Felix Karlinger auch als jenen äußerst kenntnisreichen, im Geist der Ethnologie sozialisierten und mit Methoden der Feldforschung vertrauten Philologen kennen lernen, als den ihn die Fachwelt schätzte, auch und gerade weil es ihm gelang, wissenschaftliche Forschungsergebnisse in höchst anspruchsvoller und dabei allgemein verständlicher Weise zu vermitteln.</p>



<p><strong>Biographie</strong></p>



<p>Felix Karlinger wurde 1920 als Sohn des Münchner Kunsthistorikers Hans Karlinger (nach dem in München eine Straße benannt ist) geboren. Er verbrachte seine Gymnasialzeit in München und Aachen zumeist in Internaten und sah sich nach der Matura zu einem Musikstudium genötigt, da ihm die Immatrikulation an der Universität unter dem NS-Regime aus politischen Gründen verwehrt worden war. Schon während des Krieges begann er 1940 als Infanterist in der Umgebung von Bordeaux Volkssagen aus der mündlichen Tradition zu sammeln. 1942 war es ihm dann auch möglich, die Universität zu besuchen. Sehr bald erfolgte unter dem Einfluss seiner Lehrer Rudolf Kriss, Gerhard Rohlfs und Hans Rheinfelder die Hinwendung zur Volkskunde und zur Romanischen Philologie, und die Romanistik sollte schließlich das Fach werden, auf das er sowohl aus volkskundlicher Sicht als auch als Sprach- und Literaturwissenschaftler sein Hauptaugenmerk richtete.</p>



<p>1948 wurde er mit eine Arbeit zur <em>Volkskunde der Pyrenäen und ihrer Umwelt im Spiegel des Volksliedes</em> promoviert und begann als Schüler des Musikwissenschaftlers Rudolf von Ficker seine Forschungs- und Lehrtätigkeit zunächst an der Technischen Hochschule in München; ab 1959 setzte er sie an der Universität München fort, nachdem er sich mit einer Arbeit über das sardische Volkslied habilitiert hatte.</p>



<p>Ab den 1950er Jahren unternahm Felix Karlinger zahlreiche Forschungsreisen in die entlegensten Gebiete des Mittelmeerraumes, um dort Märchen, Sagen und Legenden direkt aus dem Munde der Erzähler zu sammeln und zu dokumentieren. Dazu hatte er eine eigene phonetische Stenographie entwickelt. Erst ab 1953 stand ihm ein Tonbandgerät mit Federaufzug und Batterien zur Verfügung, das er aufgrund des hohen Gewichtes von einem Tragtier transportieren ließ.</p>



<p>Obschon die Märchenforschung, wie Felix Karlinger selbst einmal eingestand, nicht in jene Richtung ging, die er von Haus aus angestrebt hatte, veranlasste ihn die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts höchst rege Nachfrage nach Märchentexten aus aller Welt dazu, das von ihm gesammelte Material ins Deutsche zu übersetzen und zu veröffentlichen. So erschien ab 1960 in dichter Abfolge bis weit in die Neunzigerjahre hinein eine Serie von Märchenbänden, an deren Erstellung Felix Karlinger nicht selten auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilnehmen ließ.</p>



<p>1967 wurde Felix Karlinger nach mehrjähriger Lehrtätigkeit in München auf den Lehrstuhl für Romanische Philologie der Universität Salzburg berufen. Trotz des mit dieser Aufgabe verbundenen vermehrten Arbeits- und Zeitaufwandes setzte er seine Feldforschungsreisen noch einige Zeit fort, widmete sich jedoch zugleich vermehrt der Abfassung wissenschaftlicher Abhandlungen und einschlägiger Monographien im Themenbereich der historischen und vergleichenden Erzählforschung. Nach seiner frühzeitigen Emeritierung im Jahr 1980 lehrte Karlinger noch einige Zeit als Gastprofessor in Köln, zog sich danach aber endgültig in den Ruhestand zurück.</p>



<p>Seine Jahre als Pensionär verbrachte er zunächst im niederösterreichischen Geras, ab 1985 im nahe Wien gelegenen Kritzendorf, ohne dabei in seiner rastlosen Publikationstätigkeit nachzulassen. Neben zahlreichen kommerziellen und wissenschaftlichen Textdokumentationen, unselbständig erschienenen Abhandlungen und Monographien schuf er mit seiner 1988 in zweiter Auflage erschienenen <em>Geschichte des Märchens im deutschen Sprachraum</em> ein viel zitiertes Standardwerk. Daneben gelang es Felix Karlinger, sich mit den beiden exquisit gestalteten, bei Diederichs erschienenen Bändchen <em>Märchentage auf Korsika</em> (1984) und <em>Auf Märchensuche im Balkan</em> (1987), in denen er seine Erlebnisse als Feldforscher schildert, als begnadeter Erzähler zu präsentieren.</p>



<p>Am 27. Juni 2000 ist Felix Karlinger nach längerer schwerer Krankheit in Wien verstorben.</p>



<p><strong>Der Feldforscher</strong></p>



<p>In einem Interview für den Österreichischen Rundfunk, das Anfang der Neunzigerjahre in der Sendereihe „Menschenbilder“ unter dem Titel „Nolens volens Märchenforscher“ ausgestrahlt wurde (und das mir als Tonbandkassettenaufnahme vorliegt), stellte Felix Karlinger fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich gehöre zu den aussterbenden Feldforschern, und die Kollegen machen es nicht mehr, infolgedessen fällt das Ganze weg. Die Frage nach der Funktion der Texte, nach der Erzählsituation bleibt unbeantwortet.</p>
</blockquote>



<p>Er selbst habe manche seiner Aufnahmen nachts gemacht, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>wenn wir wo saßen und auf den Autobus warteten oder auf die Eisenbahn. In der Eisenbahn oder im Bus wurde oft weitererzählt. Jedoch der Faden riss, wenn der Erzähler oder ich aussteigen mussten, alles blieb Fragment.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</blockquote>



<p>Es störte ihn,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>dass jemand heute ein Urteil über etwas abgibt, das er nur aus zweiter Hand [der Buchausgabe] kennt. Was hinter den Geschichten, hinter den Erzählern steckt, hat mich immer interessiert.</p>
</blockquote>



<p>Obwohl Sammlungen von Märchen aus Lateinamerika in Felix Karlingers Œuvre prominent vertreten sind, war er als Feldforscher, sieht man vom Baskenland, dem Balkan und Griechenland ab, ausschließlich in europäischen Ländern romanischer Zunge unterwegs. Und hier wiederum galt zunächst sein Hauptaugenmerk mit Korsika und Sardinien dem zentralromanischen Raum; später richtete er sein Interesse vermehrt auch auf die östlichste romanische Sprache, das Rumänische mit seinen Varietäten im Balkanraum, Bessarabien und dem Dnjestr/Dnjepr-Gebiet.</p>



<p>Dass Sardinien anfangs zu seinen bevorzugten Expeditionszielen zählte, begründete Karlinger im Vorwort zu seinem 1973 erschienen Märchenband <em>Das Feigenkörbchen</em> damit, dass Gefahr in Verzug war. Das Sardische war im Begriff, nicht nur zu einem der italienischen Standardsprache angenäherten Dialekt zu werden, sondern auch kulturell zu verarmen und langsam auszusterben. Eine Tatsache, die umso beklagenswerter war, als die sardischen Märchen „das größte Reservoir an Prosatexten darstellen, die wir aus dem Bereich der archaischen Sprachen besitzen.“ Zudem verhalf den sardischen Volkserzählungen das Fehlen einer literarischen Prosa zu einem besonderen Reiz, da hier der Einfluss des Buchmärchens und auch des Kunstmärchens ausfiel (cf. Karlinger 1973a: 5f.). Karlinger beschränkte sich in seiner Auswahl sardischer Märchen nicht auf den eigentlichen Sprachraum des Sardischen mit den beiden Hauptdialekten Logudoresisch und Campidanesisch, sondern bezog auch Texte mit ein, die aus der Hafenstadt Alghero stammten und in deren katalanischem Dialekt vorgetragen worden waren, bzw. Texte im semisardischen Dialekt der Gallura im Nordosten der Insel.</p>



<p>War Anfang der 1950er Jahre das Fehlen von einigermaßen brauchbaren batteriebetriebenen Tonbandgeräten das eine Problem, das sich dem Feldforscher stellte, so kam, nachdem diese zur Verfügung standen, die Scheu der Erzähler vor dem Mikrophon hinzu,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>die mitunter so stark war, dass sie sich entweder weigerten zu erzählen, oder in ihrer Sprache unnatürlich und gezwungen wurden. (Karlinger 1973a: 11) </p>
</blockquote>



<p>Auch war nicht jede Erzählsituation so beschaffen, dass man das Tonbandgerät hätte einsetzen wollen. Felix Karlinger musste dann zum Bleistift greifen und mitstenographieren.</p>



<p>Einen weiteren Explorationsschwerpunkt in Felix Karlingers Märchenforschung stellten die Volkserzählungen in der östlichsten romanischen Sprache, dem Rumänischen, dar. Neben dem Dakorumänischen, das im rumänischen Kernland gesprochen wird und sich in östliche und westliche mundartliche Varietäten aufteilt, finden sich die Varietäten Aromunisch, Meglenorumänisch und Istrorumänisch noch auf dem ehemals jugoslawischen Balkan, im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Nordmazedonien, Albanien und Griechenland sowie auf der Halbinsel Istrien in Gebrauch. In Bessarabien und östlich davon ist das Dakorumänische allerdings bereits stark slawisch gefärbt.</p>



<p>In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als politisches „Tauwetter“ in Rumänien und Jugoslawien bedeutende Reiseerleichterungen und eine gewisse Bewegungsfreiheit gebracht hatte, war hier Felix Karlinger, teils allein, teils mit seinen Studierenden, unterwegs, um Märchen- und Legendentexte zu dokumentieren.</p>



<p>Besonders aufschlussreich war hierbei eine von Karlinger 1964 mit einigen seiner Schülerinnen und Schülern unternommene Expedition in die von Aromunen und Meglenorumänen besiedelten Gebiete an der Grenze zwischen dem damaligen Jugoslawien, Albanien und Griechenland. Dort wurden die Forscher unter anderem Zeugen von Situationen, in denen sich Märchenerzähler der balkanromanischen Varietäten Aromunisch und Meglenorumänisch bedienten, die teilweise griechisch- oder albanischsprachige Zuhörerschaft den Ausführungen jedoch ohne weiteres folgen konnte (cf. Karlinger 1987: 111).&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p>In seinem schon erwähnten Band <em>Auf Märchensuche im Balkan</em> (1987) präsentiert Felix Karlinger dem interessierten Leser nicht nur eine Reihe von Textbelegen als Ergebnis dieser Forschungsreise, sondern vermittelt auch ein Bild vom höchst anregenden, aber auch ziemlich strapaziösen Alltag des Feldforschers in solch abgelegenen Weltgegenden. Von anstrengenden Fußmärschen in unwegsamem Gelände, von schlaflosen Nächten in schmutzigen, von Wanzen und Flöhen bevölkerten Unterkünften und von schwer verdaulicher Kost ist hier die Rede. Aber auch ein arbeitsscheuer Esel wird erwähnt, der seine Last abzustreifen pflegte, indem er sich durch zwei eng nebeneinander stehende Bäume hindurchzwängte. Zudem berichtet Karlinger von Erzählerinnen und Erzählern, deren Vortrag zu hypnoseartigen Zuständen führte.</p>



<p>In seiner 1982 im Erich Röth-Verlag erschienenen Anthologie <em>Rumänische Märchen außerhalb Rumäniens</em> versammelte Felix Karlinger schließlich eine Reihe von Erzähltexten, die teils im Zuge der oben erwähnten Expedition aufgezeichnet worden waren, teils als Ergebnis seiner allein unternommenen Erkundungen in den östlichen Landesteilen Rumäniens in den Band einflossen.</p>



<p>Einige wenige entnahm der Autor Sammlungen, die ihm von dritter Seite zur Verfügung gestellt worden waren. Der größte Teil dieser Texte stammt von Balkanromanen, andere wurden von Wanderhirten erzählt. Es finden sich aber auch Textbelege, die aus Bessarabien (der heutigen Republik Moldau), den rumänischen Sprachinseln zwischen Dnjepr und Dnjestr und sogar dem kaukasischen Vorraum am Kuban stammen.</p>



<p><strong>Der Übersetzer</strong></p>



<p>Im Übersetzen, von dessen Unzulänglichkeit sich Felix Karlinger bei der Transformation fremdsprachiger, zumeist mündlich vorgetragener Volkserzählungen in deutschsprachige Buchmärchen nur zu oft überzeugen musste, sah der Feldforscher keine Leistung an sich, sondern nur ein Vehikel der Textvermittlung von einem Sprachbereich in einen anderen. Er, der überaus Sprachbegabte und mit einem höchst sensiblen, musikalisch geschulten Gehör Ausgestattete, beherrschte die Techniken der Translation in einem bewundernswerten Maße. Zugleich war er sich der nur bedingten Brauchbarkeit dieses Notbehelfs bewusst und beklagte dies allenthalben.</p>



<p>Bedeutete allein die Verschriftlichung eines mündlich vorgetragenen, manchmal sogar frei erfundenen Erzähltextes, der bei jedem weiteren Vortrag oder jeder Nacherzählung als ‚work in progress‘ Veränderungen erfahren konnte, die Fixierung einer verbindlichen Textgestalt, so ging mit der Übersetzung in eine andere Sprache ein weiterer Verfremdungsprozess einher, der den Feldforscher nicht befriedigen konnte.</p>



<p>Als ein weiteres Problem stellte sich dem Übersetzer oft das Mundartliche der dokumentierten Texte in den Weg. Dieses Textcharakteristikum musste bei einer Übersetzung zwangsläufig verloren gehen, wollte er nicht die Märchen wieder irgendeinem Dialekt aus dem deutschen Sprachraum zuordnen und so ein falsches Bild der Texte entwerfen, gar nicht zu reden von der Verunmöglichung einer breiten Diffusion und Rezeption.</p>



<p>In den Paratexten zu seinen Märchenanthologien äußert sich Karlinger nur selten zu seiner Vorgehensweise als Übersetzer. In seinem bereits erwähnten Radiointerview verweist er auf das Korsett, das ihm als Sammler, Übersetzer und Editor kommerziell orientierter Märchenanthologien durch die Erwartungshaltung eines Lesepublikums angelegt wurde, das von früh auf mit den Märchen der Brüder Grimm sozialisiert worden war. Es zwang ihn letztlich in gewissem Maße zu einer „Verfälschung des Urtümlichen“, und dies war mit seinen wissenschaftlichen Zielsetzungen nur schwer vereinbar.</p>



<p>Dem Feldforscher Felix Karlinger begegneten auf seinen Expeditionen auch stotternde Erzähler, die keinen einzigen Satz zu Ende sprachen, in ihrem Erzählfluss stockten, Namen verwechselten und vom Publikum auf ihre Irrtümer aufmerksam gemacht werden mussten. Können derartige Absonderlichkeiten der Erzählweise und die Resonanz des Publikums selbst in einer kommerziellen Textdokumentation in der jeweiligen Landessprache nicht unkorrigiert bleiben, so müssen sie für die Fassung in der Zielsprache Deutsch unter den Tisch fallen.</p>



<p>„Ist der Text übersetzt, so beginnen die Schwierigkeiten mit den Verlegern“, erinnert sich Felix Karlinger und schildert hierzu als Beispiel aus dem Jahr 1959 eine Auseinandersetzung mit dem damaligen Herausgeber der Reihe <em>Märchen der Weltliteratur</em>, Friedrich von der Leyen. Es ging hierbei um Karlingers ersten Märchenband, <em>Inselmärchen des Mittelmeeres</em> (1960), den er dem Verlag angeboten hatte und in dem ein Märchen vertreten war, das den Blaubart-Stoff aufgriff: Blaubart hatte bereits zwei seiner Frauen getötet, weil sie seinem Verlangen, eine Totenhand zu essen, nicht nachgekommen waren, sondern diese versteckt hatten. Die dritte Braut verbrennt die Hand, füllt die Asche in einen Beutel, verbirgt ihn in ihrer Vagina und entkommt so ihrer Bestrafung.</p>



<p>Karlingers adäquate Übersetzung dieses und zweier weiterer Märchen mit eindeutig erotischen Szenen stürzte den Verleger in Verlegenheit: „Wir haben ein breites Lesepublikum, Herr Karlinger“, gab von der Leyen zu bedenken, „die können wir nicht so bringen!“ Im Fall des Blaubart-Märchens einigte man sich schließlich darauf, das Mädchen den Aschenbeutel in der Achselhöhle verbergen zu lassen.</p>



<p>„Es kommt immer wieder vor, dass in Volksmärchen eindeutige Szenen unverblümt geschildert werden“, betont Karlinger,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>trotzdem gibt es kein sexuelles Märchen per se, sondern nur Märchen, in denen eine erotische Episode passiert, und die hat dann einen ganz gezielten Grund: Es geht nicht darum, die Zuhörer ‚aufzugeilen‘, sondern fast immer um eine Auseinandersetzung mit dämonischen Kräften.</p>
</blockquote>



<p>Dem Übersetzer dieses und gleichartiger italienischer Volksmärchen stellte sich in solchen Fällen die Schwierigkeit, dass es in Italien an die achtzig Sexualmetaphern für das weibliche Genital gibt, für die sich im Deutschen keine Entsprechungen finden.</p>



<p>In der Einführung zu seinem 1973 im Erich Röth-Verlag erschienenen Märchenband <em>Das Feigenkörbchen</em>, in dem er großenteils Volkserzählungen versammelt hat, auf die er in den 1950er Jahren während seiner Wanderexpeditionen durch Sardinien gestoßen war, vermisst Karlinger bei den sardischen Volkserzählungen ein gewisses Maß an lokalem Kolorit. „Ihre Motive“, so führt er aus, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>sind fast die gleichen, wie sie im gesamten Mittelmeerraum und darüber hinaus verbreitet sind. Jedoch zeigt die Sprache gewisse Eigentümlichkeiten, die sogar noch in der Übersetzung ein wenig anklingen mögen. Einzelne Wendungen bleiben dabei freilich unübersetzbar, und auch der gelegentlich auftauchende bewusste Gegensatz von Sardisch und Italienisch in der Dialogführung kann in unserer Übersetzung nicht verdeutlicht werden.</p>
</blockquote>



<p>Felix Karlingers Verfahren als Märchenübersetzer lief letztlich darauf hinaus, „die Texte möglichst wörtlich wiederzugeben“. Er war auch bemüht, sämtliche Zeitsprünge mitzumachen, sah sich aber genötigt, „störende Wiederholungen etwas einzuschränken und die Neigung zu Bandwurmsätzen einzudämmen“ (Karlinger, 1973a: 14 f.).</p>



<p>Der Ethnologe in ihm bedauerte ganz besonders den Wirkungsverlust durch die Dokumentation der Texte als Buchmärchen, die ihn der Möglichkeit beraubte, bestimmte Sprechweisen in den gedruckten Text zu übertragen, etwa lautnachahmende Geräusche, Seufzer, Kunstpausen und andere Ausdrucksmittel, die den Redefluss noch lebendiger machten.</p>



<p>1976 begab sich der Märchenforscher Felix Karlinger auf eine ‚mission impossible‘. Er veröffentlichte in der Reihe <em>Die Märchen der Weltliteratur</em> den Band <em>Südamerikanische Indianermärchen</em>, in dem er überwiegend Texte versammelte, die von einem Ethnologen als Indianermythen klassifiziert werden würden, die der Buchtitel aber als Märchen ankündigt.</p>



<p>Karlinger war sich dieser Nähe zum Etikettenschwindel bewusst und suchte dem Problem in seinem Nachwort wortreich beizukommen. Die Argumente, derer er sich dabei bediente, lassen die Nähe des Erzählforschers zur Ethnologie nur allzu deutlich erkennen.</p>



<p>Zum einen übernahm er bereits ins Deutsche übertragene Texte aus Sammlungen deutscher Ethnologen wie Theodor Koch-Grünberg oder Herbert Baldus, die bereits in den 1920er Jahren erschienen waren. Zum anderen räumte er ein, dass</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>uns nur ein geringer Teil der Quellen im Originalidiom vorlag. Meist musste auf Übersetzungen in spanischer oder portugiesischer, seltener auch in französischer, englischer und italienischer Sprache zurückgegriffen werden.</p>
</blockquote>



<p>Doch auch so blieben diese Übersetzungen aus zweiter Hand angesichts der Unterschiede in Stil und Niveau der Märchen ein schwieriges Unterfangen. „Die eigentliche Schwierigkeit“, führt Karlinger in seinem Nachwort aus,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>liegt in jedem Fall in der Umsetzung eines Textes aus einer relativ primitiven Sprache in die Ausdruckswelt Europas. Die beträchtlichen Unterschiede der sprachlichen Ebenen und des Erzählstils bedingen eine deutsche Fassung, die mehr eine inhaltliche Nacherzählung als eine adäquate Übersetzung darstellt. (Karlinger 1976: 276ff.)</p>
</blockquote>



<p>Als Übersetzer indigener Mythen begegnete Karlinger zudem einer gewissen Automatik, die nur durch wirkungsvolles Sprechen und die Einbeziehung gestischer und mimischer Mittel überspielt werden kann, Konkretisationsfaktoren also, die bei einer Verschriftlichung und Übersetzung zwangsläufig wegfallen. Diese Texte mit der eher abstrahierenden Erzählweise des Europäers in Einklang zu bringen, war hier also die große Herausforderung des Sammlers und Übersetzers.</p>



<p><strong>Fazit</strong></p>



<p>Diese wenigen Beispiele translatorischer Problemstellungen, mit denen sich der Märchenforscher Felix Karlinger konfrontiert sah, sobald er daranging, Märchen- und Mythentexte aus aller Welt für ein deutschsprachiges Lesepublikum rezipierbar zu machen, zeigen nur zu deutlich, dass seine Aufgabe wahrhaft komplex war. Nach der oft mühevollen Exploration und der Dokumentation der Volkserzählungen galt es, Sprachbarrieren aus dem Weg zu räumen und den Leser mit der Lebens- und Vorstellungswelt der Erzählerinnen und Erzähler und ihres Publikums vertraut zu machen. Das Übersetzen war für den Polyglotten kein Gegenstand einer translationswissenschaftlichen Annäherung, sondern sprachwissenschaftlich fundiertes Handwerk, das er mit einer bewundernswerten Intuition bis zur Perfektion beherrschte.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Silbermann, Edith</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/silbermann-edith/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 May 2024 13:15:40 +0000</pubDate>
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		<title>Schiff, Julia</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/julia-schiff/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Jul 2023 16:52:52 +0000</pubDate>
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		<title>Perlen rumänischer Dichtkunst</title>
		<link>https://uelex.de/literatur/perlen-rumaenischer-dichtkunst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Nov 2022 13:34:07 +0000</pubDate>
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		<title>Pelesch-Märchen</title>
		<link>https://uelex.de/literatur/pelesch-maerchen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Nov 2022 22:04:06 +0000</pubDate>
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		<title>Margul-Sperber, Alfred</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/margul-sperber-alfred/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Nov 2022 10:27:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Alfred Margul-Sperber stammt aus der Bukowina, dem Buchenland, jener Region am östlichen Rand der einstigen Donaumonarchie und damit am Rand jener Gebiete, in denen mehrere Sprachen und Kulturen zusammentrafen und einen kulturellen Austausch ermöglichten. Hier gab es „eine deutsche Inselkultur, die in einem ethnisch fremden Milieu entstand und in einem engen geographischen Raum existierte“ (Rychlo [&#8230;]]]></description>
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<p>Alfred Margul-Sperber stammt aus der Bukowina, dem Buchenland, jener Region am östlichen Rand der einstigen Donaumonarchie und damit am Rand jener Gebiete, in denen mehrere Sprachen und Kulturen zusammentrafen und einen kulturellen Austausch ermöglichten. Hier gab es „eine deutsche Inselkultur, die in einem ethnisch fremden Milieu entstand und in einem engen geographischen Raum existierte“ (Rychlo 2002: 16). In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kam es in der Hauptstadt der Bukowina zu einer besonders reichen literarischen Blüte. „Sucht man Analogien zum Czernowitzer literarischen Phänomen, so taucht hier am häufigsten eine andere typologisch verwandte und fast gleichzeitige Erscheinung auf – die deutsche Literatur Prags“ (ebd.) Die Rolle des literarischen Mentors, die in Prag Max Brod zufiel, übernahm in der Bukowina Alfred Margul-Sperber, der sich neben eigenen Veröffentlichungen und Übersetzungen vor allem durch die Förderung junger Talente hervortat, wozu ihm u.&nbsp;a. seine Tätigkeit für das <em>Czernowitzer Morgenblatt</em> Gelegenheit bot. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte er seine Mentorentätigkeit fort, indem er Rose Ausländer und Paul Celan im schwierigen Umfeld der Nachkriegszeit Veröffentlichungsmöglichkeiten verschaffte, die zum Ausgangspunkt des literarischen Erfolgs der beiden Autoren wurden.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="biografie"><strong>Biografie</strong></h4>



<p>Alfred Sperber wurde am 23. September 1898 in Storozynetz in der Bukowina geboren. Er stammte aus einer jiddischsprachigen Familie. Nach dem Tod seiner Mutter Margula 1927 nahm er zu deren Gedenken den Namen Margul-Sperber an. Er besuchte das deutsche Gymnasium in Czernowitz. 1914 floh er mit seinen Eltern vor dem russischen Einmarsch nach Wien, wo er 1916 das Kriegsabitur ablegte. Aufgrund der Kriegserfahrungen als Soldat entstand 1917/18 der pazifistische Gedichtzyklus <em>Die schmerzliche Zeit</em>. Nach Kriegsende kehrte Margul-Sperber nach Czernowitz zurück. Aus dieser Zeit stammen seine ersten Veröffentlichungen in Zeitungen. Ab 1920 lebte er, „auf der Flucht vor der Enge der Heimat“ (Kittner 1975: 594), in Paris und New York und übersetzte unter anderem Werke von Guillaume Apollinaire, von Robert Frost, Wallace Stevens, E. E. Cummings und T.&nbsp;S. Eliot, die allerdings erst Jahrzehnte später in der in Bukarest 1968 veröffentlichten Anthologie <em>Weltstimmen</em> erschienen sind (Wichner / Wiesner 1993: 241).</p>



<p>1924/25 kehrte Margul-Sperber in sein Elternhaus nach Storozynetz zurück und arbeitete für das liberal-konservative <em>Czernowitzer Morgenblatt</em>, „in dem er Beiträge nicht nur unter seinem Namen, sondern unter einer Vielzahl von Pseudonymen veröffentlichte“ (Kittner 1975: 594). Er nutzte diese Tätigkeit auch dazu, jüngere Schriftsteller zu fördern<span class="oes-note oes-popup" data-fn="5"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup5">5</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="5">In der Beilage <em>Jugendstimmen</em> veröffentlichte u. a. der Dichter Jona Gruber, der selbst als Übersetzer aus dem Rumänischen tätig war.</span>. In den Jahren 1934 bis 1940 bezog Margul-Sperber sein hauptsächliches Einkommen aus seiner Arbeit als Fremdsprachenkorrespondent.</p>



<p>1940, nach der Besetzung der Nordbukowina durch sowjetische Truppen, zog Margul-Sperber nach Bukarest. Die Freundschaft zu rumänischen Intellektuellen und Schriftstellern hat ihn in der Zeit rassistischer Verfolgung vor der Deportation in ein Arbeits- oder Vernichtungslager in Transnistrien bewahrt (vgl. Wittstock 1998: 143-144). In den ersten Nachkriegsjahren arbeitete Margul-Sperber in Bukarest zunächst in verschiedensten Berufen (Deutsch- und Englisch-Lehrer, Rundfunksprecher, Fachübersetzer usw.), bis er sich als weithin anerkannter freiberuflicher Schriftsteller und Literaturübersetzer etablieren konnte. Er starb am 3. Januar 1967 in Bukarest.</p>



<p>Das literarische Werk von Margul-Sperber, das neben Gedichten vor allem journalistische Texte und Übersetzungen umfasst, ist nur einem kleinen Publikum vertraut. Die politische Großwetterlage nach dem Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg beschränkte die Verbreitung des Werks von Margul-Sperber zunächst weitgehend auf die rumäniendeutsche Sprachgemeinschaft und die DDR. Seine Übersetzungen erschienen in rumänischen Verlagen oder in Literaturzeitschriften der DDR. Sein Freund und Herausgeber seiner Werke Kittner kommentierte: „Aber das war das Verhängnis des Dichters [&#8230;] und hat seine Dichtung so oft um die verdiente Wirkung gebracht, dass sie stets fern von den Orten entstand, an denen über den Erfolg entschieden wurde“ (Kittner 1975: 604).</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="sprachbiographie"><strong>Sprachbiographie</strong></h4>



<p>Eine der Voraussetzungen für die zahlreichen Übersetzungen von Margul-Sperber war neben der Herkunft aus der Bukowina seine klassisch-humanistische Bildung mit dem Schwerpunkt auf Altgriechisch und Latein. Seine Aufenthalte in Paris (1919–1921) und New York (1921–1924) vertieften seine Kenntnisse im Französischen und Englischen (Rosenthal 1984: 43). „Seit 1933 lebten Sperbers in Burdujeni bei Suceava, wo der Dichter und Journalist an einem rumänisch-englischen Schlachthof seine hervorragenden Kenntnisse in beiden Sprachen beruflich [als Fremdsprachenkorrespondent] verwerten konnte“, schreibt Markus Bauer (Bauer 2004: 30). Er weist ferner darauf hin, dass Margul-Sperber von dort aus mit bedeutenden deutschsprachigen, aber auch internationalen Literaten korrespondierte, unter anderem mit Thomas Mann, Hermann Hesse, Martin Buber, Knut Hamsun, Georges Duhamel, Erwin Kisch, Stefan Zweig, T.&nbsp;S. Eliot, Alfred Polgar, Felix Braun, Josef Weinheber und Itzik Manger. Korrespondenzsprache war nicht nur das Deutsche, sondern auch das Französische und Englische.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="rumanische-volksdichtungen-und-andere-ubersetzungen-aus-dem-rumanischen"><strong><em>Rumänische Volksdichtungen</em> und andere Übersetzungen aus dem Rumänischen</strong></h4>



<p>Margul-Sperbers Übersetzungen aus der rumänischen Volksdichtung erschienen in vier Auflagen 1953, 1954, 1968 und 1998, allesamt in Bukarester Verlagen. Die ersten Übersetzungen entstanden, noch ohne Aussicht auf eine Buchveröffentlichung, in den 1930er Jahren. Dabei bezog sich Margul-Sperber auf eine Sammlung von Vasilc Alecsandri, der, ähnlich wie Achim von Arnim und Clemens Brentano für ihre Sammlung <em>Des Knaben Wunderhorn</em> in Deutschland, im rumänischen Sprachraum Volksliedtexte sammelte.</p>



<p>In Gesprächen hat Sperber immer wieder auf die Anregungen und Einsichten hingewiesen, die er von der rumänischen Dichtungsfolklore für sein eigenes Schaffen empfing, und hat seine Arbeit als Volksdichtungs-Übersetzer als einen ausgesprochenen Akt der Dankbarkeit bezeichnet. So konnte er wie keiner neben ihm zum „deutschen Dichter der rumänischen Landschaft“ werden (Kittner 1975: 605).</p>



<p>Für seinen 1953 erschienenen Band <em>Im Wandel der Zeiten. Rumänische Volksdichtungen</em> erhielt er 1954 den rumänischen Staatspreis für Literatur. In seinem Nachruf auf Margul-Sperber schrieb Georg Drozdowski in der Züricher Zeitung <em>Die Tat </em>über die Übertragung der Volksmärchen, Margul-Sperber habe sie zum „Tönen“ gebracht und man spüre, dass „ein Stück seines Herzens in diesem Heimweh der bäuerlichen Doina<span class="oes-note oes-popup" data-fn="6"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup6">6</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="6">Balladenartige Volksmusikrichtung Rumäniens.</span> begraben liegt“ (Drozdowski 1967: 34). Was so sentimental, beinahe kitschig klingt, ist durch die besondere Bedeutung zu erklären, die diese Volksdichtung für Margul-Sperber hatte und die dem mit ihm befreundeten Drozdowski gut bekannt war. Die in der DDR erscheinende <em>Berliner Zeitung </em>vom 23. August 1957 wies darauf hin, dass die Doinen „typisch für das Denken und Fühlen des rumänischen Volkes sind“ und dass es ein Verdienst von Margul-Sperber sei, „einige der besten dem deutschen Leser zugänglich gemacht zu haben.“ Auch der deutsch-rumänische Germanist Claus Stephani lobt in der Zeitschrift des rumänischen Schriftstellerverbandes <em>Neue Literatur</em> die an den Vorlagen orientierte „meisterhafte sprachliche und dichterische Wiedergabe“ (Stephani 1969).</p>



<p>Horst Schuller-Anger hat 1993 die Übersetzungsgeschichte der rumänischen <em>Kloster Argesch-</em>Volksballade untersucht und dabei auch die Übersetzung von Margul-Sperber einbezogen. Er urteilt, dass Margul-Sperber, „das Organisationsprinzip der Vorlage erkennend, konsequent wie im Original Textstellen wiederholt, Haufenreime, überraschende Spielarten des Endreims und Alliterationen verwendet“. Auch die wiederholte Verwendung des gleichen Adjektivs in Formulierungen wie „bis zum Knöchel zart, bis zur Wade zart, bis zur Hüfte zart, zu den Brüsten zart“ vermittle das Klangerlebnis des Originals optimal (Schuller-Anger 1993a: 58).</p>



<p>Außer der Volksdichtung hat Margul-Sperber Werke zahlreicher rumänischer Dichter ins Deutsche gebracht. Hans Lindemann fasst die Bedeutungen dieser Übersetzungen so zusammen: „Alfred Margul-Sperber […] ist der bedeutendste Lyriker, der sich durch seine Nachdichtungen um die Verbreitung rumänischer Lyrik im deutschen Sprachraum verdient gemacht hat“ (Lindemann 1969: 735). Horst Schuller-Anger stellt einen Zusammenhang zwischen den Übersetzungen aus der Volksdichtung und den Übertragungen aus der rumänischen Gegenwartsdichtung her: Die Beschäftigung mit rumänischer Volksdichtung habe Margul-Sperber das „Verständnis für so folklore-geprägte Autoren wie [Mihail] Eminescu […] und [Tudor] Arghezi erleichtert, [was] ihnen Anerkennung und Bewunderung für die deutschen Fassungen eingebracht [und damit seine] Freundschaften zu rumänischen Intellektuellen gefestigt“ habe (Schuller 1993b: 66).</p>



<p>Laut Lăcrămioara Popa lassen sich in Margul-Sperbers</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Beschäftigung mit Übersetzungen […] zwei deutlich voneinander abzugrenzende Etappen unterscheiden: Vor 1944 hatte er es sich aus innerem Antrieb zur Aufgabe gemacht, rumänische Dichtung zu vermitteln […]. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Sperber als literarischer Übersetzer in Bukarest und übersetzte, gelegentlich genötigt, als „Auftragsarbeit“ oder auch aus Freundschaftsgründen, zeitgenössische Autoren wie Al. Philippide, Mihai Beniuc, Marcel Breslaşu, Maria Banuş, Camil Petrescu u.&nbsp;a. (Popa 2015: 190)</p>
</blockquote>



<p>Etwas anders akzentuiert: Bis 1944 entstanden viele Übersetzungen aus Interesse an der rumänischen Volksdichtung, deren Übersetzung der „Schulung“ der eigenen Dichtung galt oder als Freundschaftsdienst wie beispielsweise bei Itzik Manger. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Besatzung wurde das Übersetzen immer mehr zum Broterwerb und zum Mittel, rumänischen Schriftstellern – trotz der politisch bedingten Hindernisse – Zugang zu deutschen Literaturzeitschriften und Verlagen zu öffnen. Damit knüpfte er fast nahtlos an seine Rolle als Redakteur und Literaturvermittler in der Zwischenkriegszeit an, wenn auch jetzt mit einem anderen Zielpublikum.</p>



<p>Differenziert beurteilt Martin A. Hainz die Übersetzung des Werks des Dichters Tudor Arghezi; Margul-Sperber habe das Werk zurückhaltend, an „eine Umformung“ grenzend, übersetzt. „Das klassische Ebenmaß [der Übertragung] duldet die Vielfalt des leichten und lustigen oder aber gravitätischen Dichtens nicht, wie sie Tudor Arghezi verwendet‘‘ (Hainz 2005: 4). Trotzdem spricht Hainz der Version von Margul-Sperber eine Qualität zu, „die sich – auch als genuin poetische – erst auf den zweiten Blick, dann aber nachhaltig erschließt“ (ebd.). Ähnlich lesen sich die wenigen, aber grundsätzlich positiven Äußerungen zu Margul-Sperbers Anthologie <em>Weltstimmen</em>.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="weltstimmen"><strong><em>Weltstimmen</em></strong></h4>



<p>Margul-Sperbers übersetzerisches Hauptwerk erschien 1968 nach seinem Tod unter dem bezeichnenden Titel <em>Weltstimmen</em>. Hauptwerk deshalb, weil es einen Querschnitt seiner Übersetzungen enthält und weil das Übersetzen „sein ganzes Leben als Schriftsteller begleitet“ hat (Hohoff 1968). Enthalten sind in der Sammlung mehr als hundert Übersetzungen aus zehn Sprachen von annähernd sechzig Dichtern:</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:100%">
<figure class="wp-block-table alignleft is-style-stripes has-small-font-size"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td><strong>Sprache</strong></td><td> <strong>Autor</strong></td></tr><tr><td>Französisch</td><td>Victor Hugo, Gérard de Nerval, Charles Baudelaire, Paul Verlaine, Stéphane Mallarmé, Remy de Gourmont, Maurice Maeterlinck, Paul Claudel, Paul Valéry, Jules Romains</td></tr><tr><td>Englisch</td><td>John Donne, William Cowper, Ernest Dowson, A. E. Housman, William Butler Yeats, Walter De La Mare, T. S. Eliot, Dylan Thomas</td></tr><tr><td>Indianisch</td><td>Lieder der Indianer</td></tr><tr><td>Amerikanisch</td><td>Walt Whitman, Emily Dickinson, Edwin Markham, Robert Frost, Carl Sandburg, Vachel Lindsay, Arturo M Giovanniti, Wallache Stevens, Edna St. Vincent Millay, Joyce Kilmer, Gladys Cromwell, E. E. Cummings</td></tr><tr><td>Russisch</td><td>Sergej Jessenin</td></tr><tr><td>Ungarisch</td><td>Attila József</td></tr><tr><td>Jiddisch</td><td>Itzig Manger</td></tr><tr><td>Griechisch</td><td>Giorgos Seferis</td></tr><tr><td>Spanisch</td><td>César Vallejo (Peru), Raúl González Tuñón</td></tr><tr><td>Chinesisch</td><td>Lo Pin-Wang, Li Tai-Pe, Du Fu, Meng Hao-Dschang, Liu Jü-Hsi, Liu Dsung-Yüän, Tsü Hu, Wang An-Schi, Lu Lun, Liu Tschung-Jung, Liu Tscheng-Tsching, Wang Ting-Wien, Tschang Lien, Fan Hi-Wen, Guo Mo-Jo, Liang Tschi-Tao, Jen Jü</td></tr></tbody></table></figure>
</div>
</div>
</div></div>



<p>Angesichts der übersetzerischen Leistung sei es erstaunlich, „dass die Gesamtauflage von <em>Weltstimmen</em> nur 740 Exemplare umfasst“, obwohl die Sammlung „derart schön und sprachlich ausgezeichnet [ist], dass wohl jeder Kenner und Genießer lyrischer Perlen vieles für seinen eigenen Geschmack finden wird“ – so das Urteil von Meier Teich im Tel Aviver „Mitteilungsblatt für die Bukowiner“ <em>Die Stimme </em>(Teich 1969). Und der westdeutsche Kritiker Hans Lindemann schreibt, dass „Sperbers <em>Weltstimmen</em> es wert wären, auch in der Bundesrepublik verlegt zu werden“ (Lindemann 1969: 736). Doch trotz solch positiver Urteile kam es nie zu einem Kontakt mit einem bundesdeutschen Verlag, so dass die Verbreitung der Übersetzungen, auch angesichts der geringen Auflage, auf einen kleinen Leserkreis beschränkt blieb.</p>



<p>Über Margul-Sperbers Vorgehen als Übersetzer bei dieser Anthologie ist wenig bekannt: „[Er] hatte von einigen Sprachen gar keine Kenntnis und musste sicherlich Übersetzungen [aus] ihm bekannte[n] Sprachen nach-dichten‘‘ (Teich 1969). Französisch, Englisch und Rumänisch sprach er allerdings fließend, auch aus dem Jiddischen konnte er übersetzen, wenn auch mit gelegentlicher Unterstützung seines Freundes Itzik Manger. Für die anderen Sprachen, insbesondere für das Chinesische, das Neugriechische, Ungarische oder Spanische dürfte er auf Vorlagen in einer ihm vertrauten Sprache zurückgegriffen haben.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="thomas-s-eliots-waste-land"><strong>T. S. Eliots <em>The Waste Land</em></strong></h4>



<p>In <em>Weltstimmen</em> (1968: 74–85) wurde erstmals Margul-Sperbers Übersetzung von T. S. Eliots Langgedicht <em>The</em> <em>Waste Land</em> veröffentlicht, die indes bereits 1926 entstanden war. Margul-Sperber hatte seine deutsche Version am 18. August 1926 an Eliot gesandt, der sie als „wunderbar“ (zit. nach Schuller 1993b: 67) bezeichnete und erklärte, keinerlei Bedenken gegen ihre Veröffentlichung in einer deutschen oder österreichischen Zeitschrift zu haben (vgl. ebd.). Ferner schrieb Eliot, dass die Übersetzung Margul-Sperbers seine Auffassung stütze, wonach „sich dieses Gedicht besser ins Deutsche als in irgendeine andere Sprache übertragen lässt“ (Rosenthal 1984: 57).</p>



<p>Bevor Margul-Sperber seine Übersetzung veröffentlichen konnte, brachte 1927 die <em>Neue Schweizer Rundschau</em> die Übertragung des renommierten Literaturwissenschaftlers Ernst Robert Curtius. Zwar sandte Margul-Sperber seine Übersetzung dann an die Redaktion der <em>Europäischen Revue</em>. Diese entschied sich jedoch gegen seine Übersetzung und druckte stattdessen ebenfalls die Curtius’sche Fassung (vgl. Kittner 1969).</p>



<p>Späte Anerkennung fand Margul-Sperbers Übersetzung in Rumänien. Wolf Aichelburg schrieb 1969 in der <em>Neuen Literatur</em> (Bukarest), „das Fesselnde an den Eliotübersetzungen“ sei „Sperbers schöpferischer Anteil […] als Kundgebung, als Bekenntnis“ (Aichelburg 1969: 106).</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="itzik-manger"><strong>Itzik Manger</strong></h4>



<p>Margul-Sperber, der Itzik Manger 1932 im <em>Czernowitzer Morgenblatt </em>zum „Prinz[en] der schwarzen Blume unserer Poesie“ gekürt hat, war mit dem jiddischen Schriftsteller befreundet und auch der erste Übersetzer seiner Gedichte ins Deutsche (Gal Ed 2016: 163). Er trug seine Übersetzungen zudem im Rahmen eines literarischen Abends am 3. November 1932 in Czernowitz einem breiteren Publikum vor. Insgesamt 28 Gedichte von Manger hat Margul-Sperber übersetzt, teilweise unterstützt vom Dichter selbst, da er verschiedene jiddische Wendungen nicht kannte (Gad Ed 2016: 271).</p>



<p>In die gemeinsame Übersetzungsarbeit der Freunde lässt der im Bukarester Nationalmuseum für Rumänische Literatur aufbewahrte Nachlass von Margul-Sperber blicken. Dort befinden sich Gedichte in der Handschrift von Itzik Manger samt dessen Transkriptionen, Übersetzungsentwürfe von Margul-Sperber sowie Korrekturen dieser Entwürfe durch Itzik Manger. „Manger, der seine Texte in hebräischer Schrift zu schreiben und zu veröffentlichen pflegte, fertigte die lateinischen Umschriften an, Sperber notierte z. T. seine Übersetzungsentwürfe auf den Rückseiten“ (Wichner/Wiesner 1993: 243).</p>



<p>Erschienen sind die übersetzten Gedichte in den 1930er Jahren zuerst in Czernowitzer Zeitungen und in der siebenbürgischen Zeitschrift <em>Klingsor</em> (Hermannstadt), gesammelt dann in <em>Weltstimmen</em> (1968: 174–214).</p>



<p>Seine Übertragungen begründet Margul-Sperber damit, dass „Itzik Manger selbst nach europäischen Begriffen und Maßstäben ein sehr bedeutender Dichter [sei], dem den Weg zu bahnen […] Kulturpflicht bedeutet“<span class="oes-note oes-popup" data-fn="7"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup7">7</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="7">Alfred Margul-Sperber im <em>Czernowitzer Morgenblatt</em> vom 25. September 1932, S. 11.</span>. In den Augen von Hubert Witt, der Manger ebenfalls übersetzt hat, zählen Margul-Sperbers Übersetzungen zu den „besten bisher vorliegenden“ (Witt 2005), eine Einschätzung, die auch Helmut Braun, der Nachlassverwalter von Rose Ausländer und Herausgeber der Gedichtsammlung <em>Der Prinz der jüdischen Ballade</em> mit Übersetzungen der Gedichte von Itzig Manger, teilt. Für ihn gehören die Übertragungen von Margul-Sperber „zum Besten [&#8230;], was uns bisher vorliegt“ (Braun 2012: 116). Er begründet sein Urteil damit, dass „Margul-Sperber meisterhaft dem Sprachfluss des Jiddischen gerecht wird und dass er die Emotionen, die Manger mit seinen Texten erzeugen wollte, in die deutsche Sprache einbringt“.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="8"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup8">8</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="8">E-Mail von Helmut Braun an die Verfasser vom 24. Januar 2022.</span> Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangte seinerzeit Meier Teich: Bei gründlichem Lesen erkenne man, dass Sperbers Dichtung „nicht nur viel mehr Rhythmus, sondern auch schöneres Hochdeutsch [als die Übersetzung von Hubert Witt] zeigt“ (Teich 1969). Dem westjüdischen Leser die Welt des Ostjudentums nahe zu bringen, das ist im Berlin des Jahres 1936 für Mascha Kaléko eines der Verdienste der Gedichte von Itzik Manger (Kaléko 1936: 9).</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="ubersetzungsbeispiel"><strong>Übersetzungsbeispiel</strong></h4>



<p>Im Folgenden werden jeweils die ersten sechs (von insgesamt elf) Strophen aus drei Übersetzungen des Gedichts <em>Die Ballade vom weißen Brot</em> verglichen. Zwischen den zu Beginn der 1930 Jahre entstandenen Übersetzungen von Margul-Sperber und Rose Ausländer und der 1984 erschienenen Übersetzung von Hubert Witt liegen ungefähr fünfzig Jahre. </p>



<pre class="wp-block-verse has-small-font-size">Stehen Mütter in Tüchern, vermodert, 
Auf dunklen Schwellen vom Abend umlodert:

Bleiche Gesichter, Finger von Toten, 
Dreizehn Apostel, vom Hunger entboten. 

Abend über ihnen entzündet 
Weiß zum Brote den Mond gerundet. 

Strecken die Mütter in traurigem Chor 
Geflickte Hände zum Brote empor: 

„Heiliges Brot, fall in unseren Schoß! 
Heiliges Weizenbrot, still unser Los! 

Hunger knetet in unseren Betten 
Unsere Kinder zu Nachtskeletten!“              Alfred Margul-Sperber (Weltstimmen 1968: 179)

* * *

Stehen Mütter, in Lumpen gehüllt, 
auf dunklen Schwellen im Abendwind. 

Mit bleichem Gesicht und erloschener Hand: 
Dreizehn Apostel aus Hungerland. 

Der Mond über ihnen entzündet sich 
wie ein Brot, so weiß und mütterlich. 

Erheben die Mütter in Trauer und Not 
ihre narbigen Hände zum weißen Brot: 

„Heiliges Brot, unser Hunger ist groß – 
geheiligtes Brot, fall in unsern Schoß! 

Der Hunger knetet zu Nachtskeletten 
unsere Kinder in den Betten!“                        Rose Ausländer (Der Tag vom 13. November 1932: 6)

* * *

Stehn Mütter in zerrissenem Schal 
auf Abendschwellen, dunkel und fahl. 

Blasse Gesichter, erloschene Finger, 
dreizehn bleiche Hungerjünger. 

Über den Köpfen das Abendrot 
zündet den Mond – ein weißes Brot. 

Strecken die Mütter faltige Händ, 
traurig zum weißen Brot gewendt. 

„Heiliges Brot, o fall hernieder, 
komm und gib uns das Leben wieder. 

Der Hunger knetet in unsern Betten
unsere Kinder zu Skeletten ..“                        Hubert Witt (Poesiealbum Nr. 205, 1984: 3)</pre>



<p id="block-c811fe97-f175-49e4-9b64-75cee444e048">Gemeinsam ist den drei Übersetzungen, dass sie den Paarreim, abgesehen von kleinen Abweichungen, und die Zweizeilenstruktur des Originals durchhalten. Auch der Inhalt des Gedichts, das Flehen der verzweifelten Mütter um das „Himmelsbrot“, für das sinnbildlich der Vollmond steht, ist in allen drei Übersetzungen greifbar und sprachlich erlebbar, ebenso ist allen drei Übersetzungen das gebethafte Anrufen des „heiligen Brotes“ und die Personifizierung des Hungers eigen, der die Kinder zu Skeletten „knetet“. Und dennoch unterscheidet sich die sprachliche Gestaltung teilweise erheblich. Schon der Beginn der Übersetzung von Margul-Sperber wirkt durch das Reimpaar „vermodert“ und „umlodert“ weitaus kraftvoller als die eher statisch wirkende Formulierung von Hubert Witt. Auch Rose Ausländer bringt durch den „Abendwind“ etwas Bewegtes in ihre Formulierung ein.</p>



<p>In der Folge sind die sprachlichen Bilder von Margul-Sperber deutlicher als bei Rose Ausländer und Hubert Witt. Er nennt die Verzweiflung beim Namen: Es sind die Finger von Toten, die sich dem Mond zuwenden. Durch die dreizehn Apostel, eine Anspielung auf die dreizehn Personen, die beim letzten Abendmahl Jesu am Tisch saßen, bevor dieser verraten und anschließend gekreuzigt wurde, wecken Margul-Sperber und Rose Ausländer eine direkte religiöse Assoziation, die bei den dreizehn Hungerjüngern, die Hubert Witt verwendet, nicht so deutlich hervortritt, obwohl seine Umschreibung in die gleiche Richtung weist. Der traurige Chor der Mütter von Margul-Sperber spricht den Leser direkt in dem Sinn an, dass die Mütter als Handelnde vereinigt und dennoch zur Hilflosigkeit verurteilt sind. Durch das Wortpaar „Trauer und Not“ versteht es auch Rose Ausländer, die Hoffnungslosigkeit deutlicher auszudrücken als Hubert Witt. Dessen Reimpaar „faltige Händ – gewendt“ wirkt stattdessen sprachlich eher bemüht. Die Hände der Mütter sind bei Margul-Sperber geflickt, bei Rose Ausländer narbig, also in beiden Fällen verletzt, während sie bei Hubert Witt nur „faltig“ sind. Es ist die Unmittelbarkeit der Sprache, die das Berichtete in Margul-Sperbers Übersetzung in ihrer Wirkung dem Leser deutlicher und tragischer erscheinen lässt als in der Version von Hubert Witt.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="fazit"><strong>Fazit</strong></h4>



<p>Alfred Margul-Sperber wird derzeit weder als Dichter noch als Übersetzer oder Vermittler der Literatur der Bukowina von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen, auch wenn Hans Lindemann noch 1973 in pathetischem Ton davon sprach, dass die Gedichte von Margul-Sperber „wegen ihrer starken Aussagekraft niemals der Vergessenheit anheimfallen werden“ (Lindemann 1973). In literaturwissenschaftlichen Arbeiten zur Bukowina nimmt er jedoch eine zentrale Stelle ein, nicht zuletzt als Entdecker und Förderer von Rose Ausländer und Paul Celan. Außerdem fand er, nicht zuletzt durch die Veröffentlichungen einer Auswahl seiner Gedichte im Aachener Rimbaud Verlag, seine eigene, wenn auch kleine, Leserschaft.</p>



<p>Oskar Pastior rief 1967 in Bukarest dazu auf, die Gedichte und Nachdichtungen von Margul-Sperber zu hüten. Sein Freund und Weggefährte Alfred Kittner sprach davon, dass Margul-Sperber „aus dem Gesamtgefüge der deutschen Dichtung nicht wegzudenken“ sei (Kittner 1968: 6). Das sind zwei Stimmen von Weggefährten, die den Umfang des Gesamtwerks von Margul-Sperber kannten und zu würdigen wussten.</p>



<p>Sein übersetzerisches Werk ist umfangreich und wurde von Literatur- und Übersetzungsexperten als beachtenswert und „preiswürdig“ charakterisiert, was u. a. die Verleihung des rumänischen Staatspreises 1954 bezeugt. Die große Bandbreite der Übersetzungen, die von rumänischen Volksdichtungen über klassische rumänische Literatur bis zu Vertretern der Weltliteratur reicht, zeigt die Vielfalt seines literarischen Interesses. Vor allem seine Übersetzungen der Werke rumänischer Schriftsteller hätten diese im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt machen können. Doch die politische Großwetterlage beschränkte deren Verbreitung auf die DDR und die deutschsprachige Minderheit in Rumänien. Westdeutsche Verlage nahmen von den Übersetzungen keine Notiz, was sich auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nur geringfügig änderte. Die während der Trennung Europas entstandenen Lesegewohnheiten wurden weitgehend beibehalten. Während ein Teil seiner Gedichte inzwischen in einem deutschen Verlag erschienen ist, gilt das für die Übersetzungen, abgesehen von den Übersetzungen der Gedichte Itzik Mangers, nicht.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Feindliche Brüder</title>
		<link>https://uelex.de/literatur/feindliche-brueder/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Nov 2022 08:43:55 +0000</pubDate>
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