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	<title>Lemberg &#8211; UeLEX</title>
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	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
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		<title>Bernson, Bernhard, 1888–1963</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/bernson-bernhard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[sbaumann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 16:59:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Bernhard Bernson war ein in Lemberg geborener und längere Zeit in Straßburg ansässiger Schriftsteller, der in der Weimarer Republik für Verlage arbeitete und Theaterstücke mit jüdischer Thematik verfasste, für deren Aufführungen er sich mit viel Elan einsetzte. Im Pariser Exil befasste er sich mit Graphologie und war für zionistische Organisationen tätig. Vor dem Ersten Weltkrieg [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Porträt entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts&nbsp;<a href="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025" data-type="link" data-id="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025"><em>Post-Exil: Trans (2025-2027)</em>.</a></p>


        </p>
    </div>


<p>Bernhard Bernson war ein in Lemberg geborener und längere Zeit in Straßburg ansässiger Schriftsteller, der in der Weimarer Republik für Verlage arbeitete und Theaterstücke mit jüdischer Thematik verfasste, für deren Aufführungen er sich mit viel Elan einsetzte. Im Pariser Exil befasste er sich mit Graphologie und war für zionistische Organisationen tätig. Vor dem Ersten Weltkrieg übersetzte er in Straßburg Erzählungen von Edgar Allan Poe. Bei dieser einen Übersetzung aus dem Englischen blieb es; nach dem Zweiten Weltkrieg übersetzte er in Paris graphologische Fachliteratur aus dem Deutschen ins Französische.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Lebensweg</strong></h2>



<p>Geboren wurde Wilhelm Bernhard Bernson am 25. Dezember 1888 in Lemberg als Sohn eines Kaufmanns in eine jüdische Familie. Laut seinem im Deutschen Exilarchiv aufbewahrten Splitternachlass heiratete er am 13.11.1913 in Straßburg Katharina&nbsp;Martha&nbsp;Michel, die ebenfalls jüdische Tochter eines Fabrikanten. Am 1. Oktober 1914 kam dort die gemeinsame Tochter Ruth zur Welt. Sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erwies, dass die Familie sich längere Zeit im Elsass und dann in Weimar aufhielt. Zusammen mit seiner Frau nahm Bernson 1922 am „De Stijl“-Kurs des damals in Weimar ansässigen Bauhauses unter der Leitung Theo van Doesburgs teil, der in seine neue Kunstrichtung auch die Typographie einbezog. Am 29. April 1927 nennt Bernson in einem Brief Salman Schocken seinen „Brotherr[n]“; ein späterer Brief einer Kollegin bestätigt, dass er auch für den Berliner Verlag Paul Cassirer tätig war. Aufenthalte in Berlin, Erfurt, in Kronberg im Taunus sowie in Nymphenburg bei München sind in den Nachlässen verzeichnet, desgleichen, dass er 1933 nach Frankreich ins Exil ging.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek zählt auch Österreich und die Schweiz von 1942 bis 1945 als Exilländer auf. Dafür fanden sich jedoch keine Belege.</span></p>



<p>Auf der Homepage des Autographenhändlers Kotte wird der Exilbeginn bestätigt und ergänzt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Marthe und Bernhard Bernson sollten 1933 nach Paris emigrieren&nbsp;und dort ein Centre d’études grapho-pédagogiques<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Hierzu ließ sich nichts Näheres finden, eine Anfrage bei dem Autographenhändler blieb unbeantwortet. Der Splitternachlass im Deutschen Exilarchiv enthält einen Zeitungsartikel von Otto Fanta: „Babel und Bibel. Eine Spitzenleistung des Buchdrucks.“&nbsp;<em>Prager Tagblatt</em>&nbsp;11. April 1937, den Bernson vielleicht für diese Einrichtung brauchte (zu Otto Fanta gibt es einen Wikipedia-Artikel).&nbsp;Noch 1957 veröffentlichte Marthe Bernson einen illustrierten Text über den Schrifterwerb von Kindern: „Du gribouillis au dessin, évolution graphique des tout-petits“ Neuchâtel, Paris, Delachaux et Niestlé 1957&nbsp;<em>Collection Techniques de l&#8217;éducation artistique</em>, Nr. 3, 88 Seiten.</span> betreiben; Marthe Bernson selbst war auch als Übersetzerin tätig und übersetzte u. a. C. G. Jungs „Psychologie und Religion“ ins Französische.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="17"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup17">17</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="17">Die Übersetzung (zusammen mit Gilbert Cahen, 1904–2001) unter der dem Titel&nbsp;<em>Psychologie et religion</em>&nbsp;umfasste 222 Seiten und erschien 1958&nbsp;bei&nbsp;Buchet-Chastel-Corrèa in Paris.&nbsp;</span></p>
</blockquote>



<p>In Frankreich betätigte Bernson sich vor allem im Auftrag zionistischer Organisationen. Anfangs lebten Bernsons in Chatillon sous Bagneux an der Seine, dann nahmen sie sich eine kleine Wohnung in Paris. Im Dezember 1933 schrieb Marthe Bernson in einem Brief, dass der Verkauf ihres Hauses in München<span class="oes-note oes-popup" data-fn="18"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup18">18</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="18">Es ließ sich nicht ermitteln, ob und wann Bernsons in München lebten oder ob es sich um eine Familienerbschaft handelte.</span> erfolglos geblieben und das Geld auf einem Sperrkonto eingefroren worden sei. Bernson hatte (teils auch zusammen mit seiner Frau) in Paris Spendenkampagnen für die Jugend-Alijah durchzuführen – also die Vorbereitung jüdischer Jugendlicher&nbsp;auf die Auswanderung nach Palästina –, was sich wegen der Konkurrenz der verschiedenen Gruppierungen schwierig gestaltete, zumal ihn Empfehlungsschreiben oder Auftragsbestätigungen auf dem Postweg oft zögerlich oder gar nicht erreichten. Bernson hatte auch vor, sich mit dem Judentum verschiedener Schriftsteller zu beschäftigen, wie Notizen in seinem Marbacher Nachlass zeigen. Dort schreibt er zum Beispiel, Else Lasker-Schüler trage „ihr Zion im Herzen“.&nbsp;</p>



<p>Nach dem Krieg blieben die Bernsons in Paris. Ende der 1950er Jahre konnte der Buchhändler Fritz Picard, der ebenfalls in Berlin für Schocken gearbeitet und 1951 im Pariser Exil die berühmte Buchhandlung Calligrammes eröffnet hatte, Bernson über eine deutschsprachige Zeitungsannonce aufspüren. Das teilte der Schleswiger Buchhändler Karl Liesegang am 5. Februar 1960 Hans Holtorf, einem gemeinsamen Freund aus der Theaterszene, brieflich mit. Wie die Familie Bernson die Besatzungszeit in Frankreich überstand, schildert seine Frau Marthe den Holtorfs in einem Brief vom 13. Mai 1960 aus Paris:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wir hatten in der schwersten Zeit etwas wie eine zweite Heimat gefunden: In einem Landerziehungsheim,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="19"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup19">19</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="19">Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um die von teils aus der Schweiz stammenden protestantischen Pädagoginnen Marguerite Soubeyran, Catherine Krafft und später Simone Monnier geleitete École de Beauvallon, eine pädagogische Einrichtung, die während des Zweiten Weltkriegs Juden Zuflucht bot.</span> wo wir von 1940–45 unterrichteten, Bernh. u. ich. Die 3 Direktorinnen sind noch jetzt unsere Freundinnen, und haben Ruths beide Söhne in Obhut, wegen Wohnungsmangel der Mutter. Leider liegt Dieulefit (Drȏme) sehr weit weg; Ruth war aber in der Besatzungszeit in Paris geblieben (mit dem Vater der Kinder) und war 3 mal heimlich zu uns gekommen. Jetzt arbeitet sie als industrielle Zeichnerin in einem regelmässigen Betrieb, nachdem sie durch Nachtarbeit im Filmbetrieb ernstlich erkrankte.</p>
</blockquote>



<p>Noch im Juli 1960 bestätigte die ursprünglich aus Prag stammende Übersetzerin Grete Fischer aus London, dass sie Bernson aus ihrer Zeit beim Berliner Verlag Paul Cassirer her kenne, wo ihm René Schickele die Leitung der&nbsp;<em>Weißen Blätter</em>&nbsp;übergeben habe,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="20"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup20">20</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="20">Bernson ließ sich zwar nicht als Herausgeber der&nbsp;<em>Weißen Blätter</em>, jedoch immerhin zweimal als Autor darin nachweisen: „Gespräch um Strindberg“ (Heft 4/5 April/Mai 1920, S. 193–205) und „Dadaistenwitz“ (Heft 7 Juli 1920, S. 330–333).</span> und dass sie sein schriftstellerisches Wirken, das durch die beiden Weltkriege und die Verfolgung gelitten habe, bezeugen könne. Wofür Bernson dieses Empfehlungsschreiben nutzte, ließ sich nicht ermitteln. Wie es scheint, kehrte er nie mehr nach Deutschland zurück. Bernhard Bernson starb am 10. Mai 1963 in Paris.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Literarisches Schaffen</strong></h2>



<p>Bernhard Bernson schrieb zeitlebens vor allem Theaterstücke und einige wenige Erzählungen mit überwiegend jüdischen Themen: ein Schauspiel mit dem Titel&nbsp;<em>Die Befreiten</em>&nbsp;(Wien, München, Zürich: Dreiländerverlag 1919), ein dreisprachiges (Deutsch, Französisch, Jiddisch) Drama mit dem Titel&nbsp;<em>Die Pest</em>, das im mittelalterlichen Straßburg spielt, und ein&nbsp;<em>Märchen vom König Sonntag</em>&nbsp;(beide Berlin: P. Cassirer 1920) sowie einen Sprechchor mit dem Titel&nbsp;<em>Ahasver</em>&nbsp;(1926)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="21"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup21">21</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="21">Im Nachlass in Marbach haben sich verschiedene Fassungen und ein Übungsbuch für Aufführungen erhalten.</span> , der 1934 in französischer Übersetzung in der Zeitschrift&nbsp;<em>Cahiers juifs</em>&nbsp;erschien; Bernson ließ den Text des Sprechchors vom Phonetischen Institut der Pariser Universität auf Schallplatte aufzeichnen und bot ihn dem Schocken Verlag in Berlin zur Veröffentlichung in dessen&nbsp;<em>Bücherei</em>&nbsp;an. Einige weitere Theaterstücke und zusätzliche Fassungen enthält sein Nachlass<span class="oes-note oes-popup" data-fn="22"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup22">22</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="22"><em>Anfang. Schauspiel in einem Akt</em>&nbsp;(ohne Datum),&nbsp;<em>Schöne Kleider</em>&nbsp;(ohne Datum);&nbsp;<em>Der Rosenkeller von Susa. Tragikomisches Spiel in einem Aufzug</em>(ohne Datum);&nbsp;<em>Die Versuchung des Rabbi Micha</em>&nbsp;(ohne Datum);&nbsp;<em>Saul</em>&nbsp;(1918);&nbsp;<em>Hochzeit Wronkow&nbsp;</em>(1925),&nbsp;<em>König Herrin oder Die wiedergefundene Natur. Dramatisches Capriccio in vier Aufzügen</em>&nbsp;(ohne Datum);&nbsp;<em>Kreuzweg</em>&nbsp;(Weihnachtsspiel, um 1925); <em>Tanzspiel</em> (1928).</span>im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, zusammen mit sehr umfangreicher handschriftlicher Korrespondenz, die von 1918 bis 1963 reicht.Vom Exil aus versuchte Bernson, als Urheber die Kontrolle über seinen mehrfach erfolgreich aufgeführten Sprechchor&nbsp;<em>Ahasver</em>&nbsp;zu behalten. Mit Isidor Reiss,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="23"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup23">23</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="23">Zu ihm finden sich online Informationen in einer tschechischen Holocaustopfer-Datenbank.</span>der für zionistische Organisationen in Brünn und Prag<span class="oes-note oes-popup" data-fn="24"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup24">24</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="24">Laut der Korrespondenz mit Bernson waren dies „Sionistická Organisace“ Brno [Zionistische Organisation, Brünn] und „Klub Zioni Atid“ [Klub der zionistischen Zukunft], Praha [Prag].</span> tätig war, stritt er sich, weil dieser das Stück ohne Genehmigung und ohne den Autor zu informieren oder zu vergüten, auf verschiedenen Bühnen eigenmächtig inszenierte. In einem undatierten handschriftlichen Brief schreibt ihm Bernson:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Sie haben sich bisher an keine Abmachung gehalten, die Sie getroffen haben; von den meisten Aufführungen erfahre ich nur von dritter Seite (auch dass sie stets anonym stattfinden), in keinem einzigen Fall ist mir auch nur ein Wort mitgeteilt, geschweige auch die bescheidenste Vergütung geschickt worden. Sie wissen genau, dass die Ahasver-Bücher, die Sie vor länger als einem Jahr bei mir geholt haben, immer noch unbezahlt sind, während ich selbst die Druckkosten bis zum letzten Pfennig habe abtragen müssen.</p>
</blockquote>



<p>Ernst Mechner,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="25"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup25">25</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="25">Zu ihm finden sich online Informationen auf der Seite der Israelischen Nationalbibliothek.</span> der als Vertreter des Jüdischen Nationalfonds „Keren Kajemeth Lejisrael“ Berlin an den Weltrechten des Stücks für das Hauptbüro der KKL in Jerusalem interessiert war, kritisierte seinerseits Reiss wegen der vorenthaltenen Tantiemen. An Bernson wandte sich Mechner wiederholt mit der Bitte um neue Stücke zu jüdischen Anlässen wie Chanukka oder Purim. Bernson antwortete am 27. März 1934:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich bin durchaus Ihrer Meinung, dass die früher so häufigen Missgriffe bei der Gestaltung zionistischer Feiern u. Propagandaveranstaltungen vermieden werden müssen. Die Einsicht dieser Notwendigkeit hat mich ja bestimmt von der allgemeinen literarischen Linie abzubiegen in die jüdische.</p>
</blockquote>



<p>Er fuhr fort:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ein Missverständnis besteht anscheinend auch hinsichtlich meines Widerstands gegen die „unbefugten“ Aufführungen meines „Ahasver“ und anderer Arbeiten: Es ist mir dabei am wenigsten um die „Tantièmen“ und am meisten um den Übelstand zu tun, dass geistige Arbeit für vogelfrei gehalten und ihr gegenüber jede Anstandspflicht verletzt werden kann. Es erübrigt sich wohl, hierzu Erläuterungen zu geben, die dem Ansehen unsrer Bewegung nur abträglich sein können.</p>
</blockquote>



<p>Neben dieser mühsamen eigenhändigen Vertretung der Aufführungsrechte seiner Werke hielt Bernson im Exil auf Französisch Vorträge zur Graphologie, zur Traumdeutung (in seinen im Nachlass erhaltenen umfangreichen Tagebüchern notierte er ausschließlich Träume) sowie zu Riten im Judentum und Symbolen des Hebräischen. Auch in dieser Hinsicht war er „von der allgemeinen literarischen Linie“ abgebogen „in die jüdische“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Translatorisches Handeln</strong></h2>



<p>Bernsons erste Übersetzung stellt einen Sonderfall in seinem Werk dar und hat eine ungewöhnliche, bewegte Geschichte. Es handelt sich um eine Buchübersetzung aus dem Englischen, ohne dass klar wäre, wie er die Sprache erlernte und wie er zu dem Auftrag kam, Erzählungen von Edgar Allan Poe ins Deutsche zu bringen. Womöglich war es durch einen lokalen Kontakt als Auftragsarbeit dazu gekommen. Denn der auf Deutsch immerhin 520 Seiten umfassende Band mit dem Titel&nbsp;<em>Seltsame Geschichten</em>&nbsp;des amerikanischen Autors erschien 1913 und dann noch einmal 1918 an Bernsons damaligem Wohnort Straßburg. Und zwar bei Josef Singer, laut Wikipedia-Eintrag einem Verlag, der bereits seit 1906 einen zweiten Sitz in Leipzig hatte (wo 1923 eine Nachauflage der&nbsp;<em>Seltsamen Geschichten</em>&nbsp;erschien), 1919 ganz dorthin und nach dem Verkauf an andere jüdische Verleger 1926 nach Berlin übersiedelte. 1935 wurde der Verlag vom Carl Fr. Fleischer Verlag übernommen (vermutlich „arisiert“) und beendete seine Existenz. Da befand sich der Übersetzer schon seit zwei Jahren im Exil.</p>



<p>In der Nachkriegszeit erfuhr Bernsons Übersetzung ein von ihm unbemerktes Nachleben, denn der Widerstandskämpfer Ernst Bauer, der in Ulm den Aegis-Verlag gegründet und von der amerikanischen Militärbehörde eine Lizenz erhalten hatte, entdeckte sie wieder. 1946 erscheint zunächst eine zweisprachige Ausgabe von Poes <em>The gold bug / Der goldene Skarabäus</em> (Poe 1946b), deren Urheber ungenannt bleibt und jedenfalls nicht mit Bernson identisch ist, und zwar als Nr. 2 (1946) der Aegis-Zweisprachen-Reihe. Am Ende des unsignierten Nachworts wurde Bernsons Übersetzung in den bibliographischen Angaben als eine von sechs Vorgängerübersetzungen aufgelistet.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="26"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup26">26</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="26">Wörtlich heißt es dort: „Von E. A. Poe&#8217;s Werken sind u. a. folgendeAusgaben erschienen: […] Seltsame Geschichten. Uebers. von Bern-son. Straßburg: Singer.</span> Wer den Text für Aegis übersetzt hat, wurde in dem Bändchen nicht angegeben. Parallel erschien als Band 2 der <em>Aegis Weltreihe</em> eine Auswahl von 13 Erzählungen Edgar Allan Poes (Poe 1946a) – hier nun tatsächlich und auch mit Namensnennung in der Übersetzung von Bernhard Bernson, und zwar mit einem Nachwort, das mit dem der <em>Zweisprachen-Reihe</em> identisch war (und sich von dem Vorwort zu Bernsons Übersetzung von 1923 unterschied), aber ohne den „Goldenen Skarabäus“, den ja anonym jemand anderes<span class="oes-note oes-popup" data-fn="27"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup27">27</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="27">Laut Auskunft per E-Mail vom 10. April 2026 von Joachim Bauer handelte es sich um Otto Wiegandt, den 1898 geborenen Vorsitzenden des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.</span> übersetzt hatte. Eigenartigerweise ist Bernson der einzige der vorhergehenden Poe-Übersetzer, der im präzisierenden oder veredelnden Titel für das englische „gold bug“ das Wort „Skarabäus“ verwendet, der anonyme Übersetzer hat den Titel also vielleicht von ihm übernommen. Für die <em>Aegis-Weltreihe</em> wurden gegenüber der Singer-Ausgabe, mit der sie vom Format und der hellblauen Einbandfarbe her identisch ist, 13 von ursprünglich 20 übersetzten Erzählungen ausgewählt, in veränderter Reihenfolge präsentiert, dafür aber Illustrationen und Epigraphe, die den Erzählungen in der Singer-Ausgabe zur Einstimmung vorangestellt waren, weggelassen. Bernsons Text wurde mit behutsamen Eingriffen leicht modernisierend bearbeitet; die ornamentalen Schnörkel auf dem Einband der Straßburger Ausgabe wurden bei Aegis weggelassen.</p>



<p>Laut einer im Verlagsarchiv aufbewahrten „Notariellen Erklärung“ im&nbsp;<em>Börsenblatt des deutschen Buchhandels</em>&nbsp;hatte Ernst Bauer zur Einholung der Rechte nach Bernhard Bernson und seinem Verlag Josef Singer gesucht und das Honorar für die Nutzung der Übersetzung auf einem Verwahrkonto eingezahlt. Den Singer-Verlag gab es da schon nicht mehr, aber der Übersetzer lebte noch.</p>



<p>Ein weiteres Mal wurde eine Auswahl der von Bernhard Bernson übersetzten Poe-Erzählungen laut Katalog der Deutschen Nationalbibliothek 1957, also auch da noch zu Lebzeiten des Übersetzers, in einer Ausgabe von Volk und Welt wiederverwendet.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="28"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup28">28</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="28">Hier wäre nachzuforschen, ob es Verlagskorrespondenz mit dem Übersetzer gab und ob dieser seine Zustimmung zum Abdruck erteilte und ein Honorar dafür erhielt. Die Suche im Verlagsarchiv im Bestand der Berliner Akademie der Künste ergab dazu keinen Treffer.</span> Er selbst unternahm – vielleicht weil ihn seine verschiedenen Tätigkeiten als Theaterautor, zionistischer Aktivist und Vortragsredner davon abhielten – keinen Versuch, die Rechte daran wiederzuerlangen oder sich nach dem Schicksal seiner Übersetzung zu erkundigen.Vielleicht war ihm aber auch das Englische in die Ferne gerückt. Die französische Sprache muss Bernhard Bernson seit seiner Zeit in Straßburg auf jeden Fall näher gewesen sein. Zumindest traute er sich das Übersetzen aus dem Französischen schon vor seinem Exil zu, wie er dem Theaterregisseur Hans Holtorf (der übrigens zusammen mit seiner dänischen Frau Agathe sämtliche 32 Komödien des dänischen Autors Ludwig Holberg übersetzte) am 29. April 1927 schrieb, auch wenn die in diesem Brief geäußerte Idee nicht realisiert wurde:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Übrigens: Ihr Gedanke – Molièreabend – ist gut. Die beiden Stücke – Medecin maglré lui und mariage forcé eignen sich sehr. Die&nbsp;Uebersetzungenmache ich selbst, wie wir sie brauchen. Ich habe dabei in der Regel eine glückliche Hand. Haben Sie schon einmal an Die Gezierten von Molière gedacht – Les Précieuses ridicules? – die sind für uns wie geschaffen.</p>
</blockquote>



<p>Im Exil waren seine Französisch-Kenntnisse bereits so gut, dass er zusammen mit seiner Frau Marthe einen Text des Schweizer Graphologen Max Pulver (1889–1952), mit dem er bereits seit 1918 korrespondierte und über den er am 8. Februar 1935 einen Vortrag auf Französisch gehalten hatte, ins Französische übersetzte. Die Übersetzung erschien 1936 in der Zeitschrift&nbsp;<em>Graphologie scientifique</em>.</p>



<p>Die im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrte Korrespondenz gewährt einen Einblick in Bernsons Selbstverständnis als Übersetzer wissenschaftlicher Texte, der aufgrund eigener Fachkenntnisse aktiv Veröffentlichungsmöglichkeiten erschließt. So verfasste er auf Französisch Gutachten über die Handschriften von Alfred Döblin, Käthe Kollwitz und Richard von Kullmann und plante noch 1959 eine Sammlung von Porträts, bei denen er sich auf bereits publizierte eigene graphologische Texte stützen wollte. An Pulver schrieb er:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich halte diese Veröffentlichung nicht nur im Interesse Deines Werks für notwendig. Die an Deiner Arbeit heftig interessierten französischen Kollegen brauchen zunächst eine Unterlage, die sie zur vertieften Beschäftigung mit Deinen Büchern anregt. Die Übersetzung eignet sich für diesen Zweck. Sie ist fertig, aber noch nicht ganz abgetippt. Ich schicke das Ganze in den nächsten Tagen mit einigen Fragen und Vorschlägen hinsichtlich der Übersetzung einiger schwieriger Stellen. (Brief von Bernhard Bernson an Max Pulver vom 23. Januar 1935 aus Paris)</p>
</blockquote>



<p>Am 26. Januar 1935 schickte er das Typoskript und erläuterte, wo er Missverständnisse vermeiden, die Rezeption in Frankreich und den dort gängigen Diskurs berücksichtigen musste:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich habe möglichst wörtlich übersetzt und mich bemüht, nichts zu verwischen. Einige Schwierigkeit machten im Deutschen übliche Bezeichnungen wie „gestützte Formen“, „gestützte Nebenrichtung“ usw.: Die Franzosen kennen zur Not den Ausdruck ‚“sacré coeur“ ohne recht zu wissen, worum es sich dabei handelt. Wir haben vorläufig übersetzt: Forme étayée (délié aux pointes dissimulés) und wie auf S. 10 hinzugesetzt: „genre sacré coeur“. Weiterhin musste ich Wendungen wie „sich und andern ein x für ein u vormachen“ S. 134 durch „prendre vessie pour laterne“ S. 5 d. Übers., also nicht dem Wort sondern dem Sinn nach wiedergeben. Ähnlich musste ich auf S. 14 der Übersetzung etwas frei vorgehn, um den französischen Text nicht zu verkrampfen. Ich hoffe, dass im Ganzen kein Lapsus unterlaufen ist und die Übersetzung ihren Zweck erfüllen wird.</p>
</blockquote>



<p>Als er dem Autor die Übersetzung zur Korrektur zuschickte, erörterte Bernson mit ihm Einwände des französischen Redakteurs:</p>



<p>[H]ier kommt nun endlich Dein Ivar Kreuger. Nimm ihn bitte gleich vor und schicke ihn mir so rasch als möglich zurück! Die Übersetzung kann als gelungen und gut bezeichnet werden. Ich habe sie mit Mr. Legrain gründlich durchgesehn (er hat mir zwei Tage dafür zur Verfügung gestellt), es waren aber nur geringfügige Änderungen nötig. Er hält es für richtig, das Wort Exhibitionismus durch „manifestation extérieure etc.“ zu ersetzen (S. 5, Zeile 4 von unten), weil der sexual-pathologische Wortsinn im Französischen an dieser Stelle zu stark hervortreten würde. Dann hat er mir auf Seite 6, Zeile 4 und 8 von oben, „infantil“ durch „enfantin“ ersetzt was mir beim Lesen der Korrektur einfach falsch erscheint. Der Ausdruck „Zweidimensionalität“ im dritten Abschnitt auf Seite 6 „Les paperasses etc.“ geht den Franzosen in der ersten Fassung nicht ein: falls meine Korrektur nicht ausreicht, wäre eine kleine Fussnote angebracht. In der Fussnote auf Seite 1 muss noch der Preis des Buchs in französischen Franken eingesetzt werden. (12. April 1935)</p>



<p>Pulver gab ihm hinsichtlich „infantil“ recht und meinte, dass die anderen Umschreibungen nichts schaden könnten.&nbsp;</p>



<p>Auch wenn hier der Gelegentlich-Übersetzer Bernson die Sprachrichtung gewechselt hat und aus dem Deutschen ins Französische übersetzte, zeigt der Austausch, dass er sich in den Literaturbetrieb des Zufluchtslandes, insbesondere in dessen wissenschaftlichem Grenzbereich der Graphologie, mit der sich etwa auch Henri Bergson und andere Phänomenologen befassten, integrieren konnte. Seine – von ihm vielleicht als einmalige Auftragsarbeit betrachtete – Poe-Übersetzung aus dem Englischen entzog sich seiner Kontrolle und erschien ohne sein Wissen sowohl in der amerikanisch besetzten Zone als auch in der DDR. Ob und wie intensiv nach ihrem Urheber gesucht wurde, bleibt dahingestellt.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Vallentin, Antonina</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/vallentin-antonina/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Sep 2025 19:19:22 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[]]></description>
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			</item>
		<item>
		<title>Zipper, Albert</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/zipper-albert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[sbaumann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Albert Franz Joseph Zipper kam am 8. Mai 1855 im damals galizischen Lemberg zur Welt, wurde also in Gegebenheiten hineingeboren, in denen sich mehrere Kulturen wie die polnische, die ukrainisch-ruthenische oder die deutsch-österreichische unmittelbar und nicht immer konfliktfrei begegneten. Unter diesen historischen Umständen wurde Zipper als Übersetzer, Schriftsteller, Germanist, Herausgeber, Literaturkritiker und Feuilletonist aktiv, neben [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Albert Franz Joseph Zipper kam am 8. Mai 1855 im damals galizischen Lemberg zur Welt, wurde also in Gegebenheiten hineingeboren, in denen sich mehrere Kulturen wie die polnische, die ukrainisch-ruthenische oder die deutsch-österreichische unmittelbar und nicht immer konfliktfrei begegneten. Unter diesen historischen Umständen wurde Zipper als Übersetzer, Schriftsteller, Germanist, Herausgeber, Literaturkritiker und Feuilletonist aktiv, neben seinem eigentlichen Brotberuf als Gymnasialprofessor für Deutsch, Latein und Altgriechisch.</p>



<p>Seine Eltern waren der österreichische Militärbeamte Eduard Zipper und dessen Gattin Josefine, geborene Müller, die Sprache im Elternhaus war Deutsch. Schon während Jugend und Kindheit wechselte Zipper mehrmals zwischen der Hauptstadt Galiziens und Wien: So besuchte er die Schule in Lemberg, dann vor allem aber in Wien, wo er 1872 die Matura ablegte und ein Jahr lang Germanistik und klassische Philologie studierte. Danach ging er wieder zurück nach Lemberg, wo er zusätzlich noch Jura inskribierte und sein Studium in beiden Fakultäten 1877 abschloss. Drei Jahre später promovierte er in Krakau mit einer Arbeit über die dramatischen Bearbeitungen der Hermannsschlacht bei Schlegel, Klopstock, Kleist und Grabbe. Offenbar strebte Zipper eine akademische Laufbahn an, seine Bewerbung um eine Germanistik-Dozentur an der Universität Lemberg im Jahre 1881 blieb jedoch erfolglos. Ab September 1882 arbeitete er als Gymnasiallehrer in Lemberg, zwei Jahre später legte er die Lehramtsprüfung für deutsche Sprache im Haupt- und klassische Philologie im Nebenfach ab, und zwar mit den Unterrichtssprachen Deutsch und Polnisch. Ab dem Studienjahr 1885/86 hielt er außerdem Vorlesungen zur deutschen Sprache und Literatur an der polytechnischen Hochschule. Die einzige Unterbrechung waren die Jahre 1914 bis 1919, als er sich in Wien aufhielt, wo er u. a. Privatunterricht gab. Ein Jahr nach seiner Pensionierung übersiedelte er 1925 von Lemberg nach Krakau, wo er bis zu seinem Tod am 3. April 1936 lebte.</p>



<p>Sein Lebenslauf legt nahe, dass Zippers erste Sprache Deutsch war (was er in autobiographischen Porträts auch selbst so darstellt) und dass dazu eine wohl hervorragende Kenntnis des Polnischen kam, immerhin die zentrale Verkehrssprache in Lemberg seit Einführung der galizischen Autonomie 1867. Hinzu kommt, dass Zipper stets vom Polnischen ins Deutsche übersetzte, die einzige Ausnahme ist der Prolog zu Schillers <em>Wallenstein</em>-Trilogie, den er 1928 für eine von ihm mitherausgegebene Ausgabe neu ins Polnische übertrug. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass er in einem 1877 an den polnischen Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski geschriebenen Brief (Zipper 1877) seine sprachliche Sozialisation etwas anders beschreibt und dabei Polnisch als seine erste Sprache bezeichnet: In ihr habe man ihn sprechen und denken gelehrt. Obwohl sein Vater offenbar sehr polonophil war, scheint dies jedoch ungewöhnlich, vor allem, da zu Hause ja Deutsch gesprochen wurde. Als der Vater – wie erwähnt ein österreichischer Militärbeamter – 1863 versetzt wurde, zog die Familie des damals Achtjährigen nach Wien, wo Zipper nun, wie er in dem Brief an Kraszewski weiter schreibt, „gründliche Deutsch-Kenntnisse“ erworben habe. Als er nach sechs Jahren Schule in Wien für ein Jahr wieder in Lemberg war, habe er jedoch feststellen müssen, dass sein Polnisch ganz verschwunden sei und er es – mithilfe einer auf Deutsch verfassten Grammatik – neu habe lernen müssen. Wieder nach Wien zurückgekehrt, habe sich nun in ihm immer mehr die Überzeugung gefestigt, dass er Pole sei. Zugleich sei er sich aber auch dessen bewusst gewesen, dass er das Polnische nie so beherrschen werde wie das Deutsche, in dem es für ihn so leicht sei, die subtilsten Abstufungen aller Gedanken zum Ausdruck zu bringen, weshalb er sich nur seiner mit völliger Freiheit bedienen könne.</p>



<p>Es muss wohl bis zu einem gewissen Grad offenbleiben, inwiefern Zippers Schilderungen seiner Sprachbiographie wirklich den Tatsachen entsprachen und nicht nur aus einer momentanen Laune des 22-Jährigen resultierten. Verwundern mag auf jeden Fall sein eindeutiges Bekenntnis zum Polnischen und nicht zu einer gewissen Bikulturalität, wie es seiner Biographie wohl eher entsprechen würde.</p>



<p>Diese besondere kulturelle und sprachliche Sozialisation Zippers, die nicht zuletzt den galizischen Realien im Lemberg des 19. Jahrhunderts geschuldet ist, war auch Grundlage seiner Motivation, sich mit dem Übersetzen zu beschäftigen. Als er sich als junger Erwachsener über seine nationale Identität im Klaren zu werden glaubte, wollte er als Pole, der allerdings besser Deutsch als Polnisch spricht, zumindest durch Übersetzungen einen Beitrag zur Kultur jenes Landes leisten, dem er sich am meisten zugehörig fühlte, was er im Brief von 1877 an Kraszewski ebenfalls zum Ausdruck bringt: Immer stärker sei in ihm nicht nur die Überzeugung gewachsen, dass er sich als Pole fühle, sondern auch der Entschluss, sein Leben der Poesie zu widmen, wobei eine nachhaltige Faszination auf ihn gerade die polnische Literatur ausgeübt habe: Mit unglaublichem Zauber hätten ihn die Beschreibungen polnischer Dichter mitgerissen, der Charakter dieser Poesie sei so eigen und so verschieden von der Dichtung anderer Völker. Zippers Begeisterung für die deutsche Literatur war schon seit früher Kindheit u. a. von seinem Vater, der erklärter Schiller-Liebhaber war, gefördert worden, als er aber als Jugendlicher in Wien begann, Polnisch zu lernen, entdeckte er auch die ihm bislang unbekannte polnische Literatur. Dazu verhalfen ihm die damals populären Handbücher von Hipolit Cegielski&nbsp;<em>Nauka Poezji</em>&nbsp;(<em>Die Wissenschaft von der Dichtung</em>) sowie von Władysław Ewaryst Nehring&nbsp;<em>Kurs literatury polskiej dla użytku szkół</em>&nbsp;(<em>Kurs der polnischen Literatur für den Schulgebrauch</em>), das auch außerhalb der Schulen als erste Gesamtdarstellung der neueren polnischen Literatur gelesen wurde.</p>



<p>Wichtig für Zippers literarische Bildung war außerdem sein Schwager Apolinary Ujejski, der ihn für die polnische Literatur begeisterte und ihm zwei Gedichtbände seines Onkels Kornel Ujejski (den Zipper später übersetzen sollte) zukommen ließ. Apolinary Ujejski wird Zipper 1878 eine seiner ersten Mickiewicz-Übersetzungen widmen. Zwar stimme es ihn traurig, heißt es in dem Brief an Kraszewski weiter, dass er nie auf Polnisch werde dichten können, aber vielleicht sei dies eine eigenartige Fügung des Schicksals: Bis heute würden die Deutschen nämlich die polnische Literatur nicht kennen und es gebe kaum – so wörtlich – drei gelungene Übersetzungen polnischer Poesie. Und weiter:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Völker sich kennenlernen müssen, um sich zu lieben. [&#8230;] Aber mit willigem Herzen opfere ich Zeit und Mühe, um den Deutschen das angenehm und bekannt zu machen, dessen sich die polnische Literatur rühmt. Mit der Zeit bemühe ich mich überhaupt darum, ihnen die Geschichte Polens, seiner Bildung und unserer Literatur näherzubringen, ebenso wie jene verschiedenen unbekannten oder bislang im falschen Lichte dargestellten Beziehungen. Wenn diese Arbeit eines Vermittlers dazu beiträgt, diesen Nebel, der die Völker noch trennt, etwas zu zerstreuen, dann wäre ich glücklich. (Zipper 1877: 395a sowie 396a–396b; dt. von M. E.)</p>
</blockquote>



<p>Dieser Wunsch, zwischen den Kulturen zu vermitteln, blieb für Zipper und sein Schaffen charakteristisch, nicht nur für seine Übersetzungen, sondern auch für seine wissenschaftlichen und feuilletonistischen Arbeiten.</p>



<p>Es waren demnach vor allem persönliche Motive, die Zipper zum Übersetzen veranlassten, was er selbst in einem wenige Jahre vor seinem Tod entstandenen Artikel beschreibt (Zipper 1927: 2): Nachdem er von seinem Schwager Apolinary Gedichte von Kornel Ujejski erhalten habe, sei in ihm der Wunsch entstanden, sie seinen Wiener Freunden zugänglich zu machen. Das war mit ungefähr 16 Jahren. Neben Ujejski beschäftigte sich Zipper damals außerdem mit Gedichten von Juliusz Słowacki und Adam Mickiewicz – von ihm die Ballade <em>Trzech budrysów,</em> die er in einer freien Nachdichtung als <em>Alle drei</em> übersetzte. Sie wurde offenbar nie veröffentlicht, eine undatierte Fassung befindet sich in Zippers Nachlass. Seine erste publizierte Übersetzung erschien 1876 in einer Wiener Zeitschrift, als er das damals im südlichen Polen sehr bekannte Volkslied<em> O gwiazdeczko coś błysczała</em> (wörtlich: <em>O kleiner Stern, der du funkeltest</em>), das er seinen Wiener Freunden vorgesungen hatte, unter dem Titel <em>Das Sternlein</em> ins Deutsche übertrug. Es wurde 1893 in einem Band mit Zippers eigenen Gedichten noch einmal abgedruckt; in demselben Band sind außerdem seine frühen Übersetzungen der Ujejski-Gedichte enthalten.</p>



<p>Die zweite Hälfte der 1870er Jahre waren die mit Abstand produktivste Zeit in der Übersetzerlaufbahn von Zipper. Allein 1878, Zipper war gerade 25 Jahre alt, erschienen mehrere Übersetzungen, davon drei eigenständige Buchpublikationen: Erstens handelte es sich dabei um Fragmente aus dem Exkurs zum dritten Teil von Mickiewiczs Drama <em>Dziady</em> (<em>Die Ahnenfeier</em>), die unter dem Titel <em>Petersburg</em> bei Grüning in Hamburg erschienen. Derselbe Verlag brachte außerdem die Übersetzung der Verserzählung <em>Marya</em> von Antoni Malczewski, mit der er bereits 1872 begonnen hatte, zusammen mit einem Vorwort sowie einem Lebenslauf des Autors, beides verfasst von Zipper, heraus. Bei Reclam in Leipzig wurde die Verserzählung <em>Przenajświętsza rodzina</em> von Józef Bohdan Zaleski unter dem Titel <em>Die heilige Familie</em> veröffentlicht, wieder mit einem Vorwort des Übersetzers. Ebenfalls 1878 erschienen außerdem zwei Übersetzungen in Zeitschriften, und zwar jene der Novelle <em>Ludzie dobrzy na jednym wózku do sądu jeżdżą</em> (wörtl.: Gute Menschen fahren immer auf einem Wagen zum Gericht) von Józef Dzierzkowski, die Zipper mit dem Titel <em>Unter Nachbarn</em> übersetzte und die in der <em>Südböhmischen Gemeindezeitung</em> erschienen sein soll<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">Diese Übersetzung konnte nicht ausfindig gemacht werden, die Angabe folgt Kurtzmann (1881: 15).</span>. Die letzte Veröffentlichung Zippers aus dem Jahre 1878 war die Übersetzung des Gedichtes <em>Lazzarone</em> von Teofil Lenartowicz, die in der Wiener Zeitschrift <em>Dichter-Stimmen aus Österreich-Ungarn</em> erschien.</p>



<p>Nach diesen intensiven Anfängen als Übersetzer nahm Zippers Aktivität in den weiteren Jahren immer mehr ab. Im Februar 1886 entstand allerdings, wie er rückblickend schreibt (Zipper 1927: 2), eine seiner wohl herausforderndsten Übersetzungen, nämlich jene von Ujejskis berühmtem Choral <em>Z dymem pożarów</em> (wörtlich: Mit dem Rauch der Brände), in dem die tragischen Ereignisse des galizischen Bauernaufstandes von 1846 literarisch verarbeitet werden und der im 19. Jahrhundert in Südpolen fast den Status einer Nationalhymne genoss. Da er den Choral, schreibt Zipper, als „Eigentum des Volkes“ betrachtet habe, sei es ihm zunächst nicht einmal in den Sinn gekommen, ihn zu übersetzen. Erst nach der persönlichen Bitte eines bekannten Architekten, der von einem Wiener Kollegen nach dem Choral und dessen deutscher Übersetzung gefragt worden sei, habe er sich an die Übertragung ins Deutsche gemacht. Sie erschien einige Jahre später in Zippers Gedichtband von 1893, in dessen viertem Teil sich in erster Linie Übersetzungen aus dem Polnischen (vor allem Mickiewicz und Ujejski), dazu weitere aus der französischen (Victor Hugo, Henri Murger) und englischen (Henry Wadsworth Longfellow) Literatur, finden.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Bei einigen dieser Werke handelte es sich um frühere Übersetzungen Zippers, von denen schon die Rede war, andere dürften neu hinzugekommen und daher etwa in den 1880er Jahren entstanden sein.</span></p>



<p>Die nächste Übersetzung Zippers lässt sich erst für das Jahr 1897 nachweisen, damals übertrug er für eine Theateraufführung einen <em>Prolog</em>, den der Lemberger Autor Stanisław Rossowski verfasst hatte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="11"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup11">11</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="11">Erschienen im Programmheft einer Festvorstellung des allgemeinen österreichischen Apothekervereins im Sommertheater Lemberg, 6. September 1897.</span> Von ihm übersetzte Zipper nach 1900 außerdem das dramatische Märchen <em>Circe</em>, das 1905 gedruckt wurde. Danach folgte eine lange Pause – erst 1925<span class="oes-note oes-popup" data-fn="12"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup12">12</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="12">Eine Ausnahme ist die Übersetzung eines Aufsatzes von Antoni Beaupré über das ostpolnische Kulturzentrum Krzemieniec, die 1916 in Wien gedruckt wurde.</span> erschienen im Band <em>Was die Stunden sangen</em> neben eigenen Gedichten wieder Übersetzungen von Zipper. Neben französischen (Marceline Desbordes-Valmore, Corneille etc.) sowie englischen (u. a. Alfred Tennyson, Thomas Moore), fanden sich darunter mehrere Übersetzungen aus dem Polnischen, erneut vor allem von Autoren aus dem Umkreis der Romantik (Mickiewicz, Zygmunt Krasiński, Kazimierz Brodziński). Dazu kam ein Gedicht der realistischen Autorin Maria Konopnicka.</p>



<p>Insgesamt dominieren somit in Zippers translatorischem Œuvre Autoren aus dem Umkreis der für die polnische Literatur des 19. Jahrhunderts zentralen Epoche der <a href="https://uelex.de/sachartikel/elemente-einer-deutschen-klassisch-romantischen-uebersetzungstheorie-version-1-0-2/" data-type="uelex_article_them" data-id="11925">Romantik</a>. Bemerkenswert ist neben Autoren wie Mickiewicz und Słowacki der Fokus auf galizische Autoren wie Ujejski oder Dzierzkowski sowie eher unbekanntere Dichter wie Lenartowicz. In diesen Zusammenhang gehören ferner Autoren wie Malczewski und Zaleski, die der sog. ukrainischen Schule der polnischen Romantik<span class="oes-note oes-popup" data-fn="13"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup13">13</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="13">Mit diesem Begriff werden Autoren bezeichnet, die aus jenem Teil der Ukraine stammen, der rechts vom Dnepr liegt und der nach der zweiten polnischen Teilung zu Russland kam. Häufig sind in ihren Werken „ukrainische Themen“ wie die Steppe, Kosaken etc. anzutreffen.</span>&nbsp;zugerechnet werden. Aus dem bereits mehrfach erwähnten Brief an Kraszewski geht außerdem hervor, dass Zippers eigenes Verständnis von Literatur und Poesie ebenfalls stark romantisch geprägt war. Es liegt somit die Vermutung nahe, dass er die von ihm übersetzten Autoren und Texte selbst ausgewählt hat. In der Regel handelte es sich dabei um sehr anspruchsvolle Werke, gerade auch, wenn man an seine ersten Übersetzungen denkt, die für einen jungen Übersetzer zweifellos eine große Herausforderung dargestellt haben dürften.</p>



<p>Zippers übersetzerische Laufbahn zerfällt deutlich in zwei Etappen: in die ambitionierten und intensiven Anfänge der 1870er Jahre und in die Zeit danach, in der er nur mehr gelegentlich übersetzte. Es stellt sich die Frage, warum Zipper das Übersetzen nach relativ kurzer Zeit wieder aufgab, obwohl er es zunächst als seine wirkliche Berufung angesehen hatte, der er sein Leben widmen wollte, und obwohl er für diese Tätigkeit gute Voraussetzungen mitbrachte. Ab 1882 arbeitete Zipper als Lehrer, engagierte sich allerdings gleichzeitig in verschiedenen Redaktionen oder wissenschaftlichen Gesellschaften, war also durchaus in der Lage, neben seinem Brotberuf weiteren Aktivitäten nachzugehen. So war er beim Verlag von Ozjasz und Wilhelm Zu(c)kerkandl in Złoczów als literarischer Leiter der nach dem Vorbild Reclams ausgerichteten Reihe <em>Biblioteka Powszechna</em> tätig, in der zwischen 1890 und 1894 fast 100 Bände mit Werken polnischer und ausländischer Schriftsteller erschienen sind. Für Reclam verfasste er in den Jahren 1898-1922 über 30 Bände der sog. <em>Erläuterungen zu Meisterwerken der deutschen Literatur,</em> wo er auf jeweils etwa 50 Seiten kanonische Werke der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts vorstellte. Er fühlte sich, wie auch seine Feuilletons und literaturkritisch-germanistischen Arbeiten zeigen, weiterhin der Idee, zwischen den Kulturen zu vermitteln, verpflichtet.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Der Rückgang seiner publizistischen und übersetzerischen Aktivitäten hat eventuell auch mit einem Augenleiden zu tun, das ihm das Lesen erschwerte und über das er bereits 1877 in dem Brief an Kraszewski klagt. Das war mit 22 Jahren, in einem Nachruf auf ihn wird sogar berichtet, dass er am Ende seines Lebens fast vollständig erblindet gewesen sein soll (vgl. Rollauer 1936: 222).</span></p>



<p>Es gibt leider keinen längeren Text von Zipper über seine Vorstellungen vom Wesen und den Aufgaben der Übersetzung oder über die Rolle des Übersetzers. Im Brief an Kraszewski geht er kurz auf dieses Thema ein (Zipper 1877: 395a–396b). Er finde es, schreibt er 1877, wichtig, selbst ein Dichter zu sein, wenn man Poesie gut übersetzen wolle. Eine Übersetzung ist für ihn ein Neu-Schaffen eines Werkes in einer anderen Sprache – hier fügt er den deutschen Begriff „Nachdichten“ in den ansonsten Polnisch geschriebenen Brief ein; die Übersetzung dürfe aber nicht verraten, dass sie selbst kein Original sei. Er hält es ferner für weitaus schwieriger zu übersetzen, als ein eigenes Werk zu verfassen. Übersetzungen sind für ihn ein wichtiger Teil des literarischen Schaffens eines Volkes, als Vorbild benennt er hierfür die deutsche Literatur. Diese besitze, schreibt Zipper, die Weltliteratur in einem so hohen Maße wie keine andere. Das Schönste aller Zeiten und Völker habe man übersetzt, und das zum Großteil auf meisterhafte Art und Weise.</p>



<p>Am Rande seiner publizierten Übersetzungen, wie in Vorworten, unterstreicht Zipper u. a., dass es für ihn wichtig sei, die Form des jeweiligen Originals zu bewahren, etwa im Falle von Zaleskis <em>Heiliger Familie.</em> Seine Übersetzung von Ujejskis Choral entspreche sogar in metrischer Hinsicht dem Original und könne wie dieses zu der in Polen populären Melodie gesungen werden. Anlässlich anderer Übersetzungen thematisiert er wiederum die allgemeinen Schwierigkeiten, die die Übersetzung der polnischen Literatur ins Deutsche, vor allem wegen ihres „nationalen Charakters“, begleiten.</p>



<p>Eine relativ umfangreiche Forschungsaufgabe wäre es, die Resonanz und Rezeption von Zippers Übersetzungen in der zeitgenössischen Kritik bzw. seine Wahrnehmung als Übersetzer im damaligen literarischen Feld zu erkunden. In einem Zipper-Porträt von 1908 ist die Rede von „hunderten Rezensionen“ auf Polnisch und Deutsch, in denen seine Übersetzungen besprochen worden sein sollen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Der Satz stammt aus einem bibliographisch nicht näher bezeichneten Porträt von Zipper, gedruckt um 1908 im galizischen Złoczów, wobei es nicht ausgeschlossen ist, dass er es selbst verfasste. Es ist online zugänglich auf der Homepage der polnischen Nationalbibliothek: https://polona.pl/item/dr-albert-zipper,NzM5MTg0OTc/ (letzter Aufruf: 17. Juli 2019).</span> Viele Rezeptionsdokumente sind allerdings anlässlich von Jubiläen etc. entstanden, was ihren Charakter und ihre Intention meist deutlich prägt. Ähnlich positiv – aber bis zu einem gewissen Grad ebenso undifferenziert – sind die Rückmeldungen, die er von den von ihm übersetzten Autoren (z. B. Ujejski) erhielt. Eine Erweiterung der Quellenbasis dürfte zu tieferen und verlässlicheren Einblicken in Bezug auf die Qualität und Rezeption von Zippers Übersetzungen in den Augen seiner Zeitgenossen führen, als dies derzeit möglich ist. Ein ebenfalls wichtiges und umfangreicheres Vorhaben wäre es, den Platz und die Rolle, die das Übersetzen im Rahmen der übrigen Tätigkeiten Zippers einnahm, genauer zu beschreiben. Er verfasste nicht nur eigene Werke, insbesondere Gedichte, sondern war auch als Feuilletonist, Literaturkritiker, Redakteur und Herausgeber literarischer Werke, ebenso wie als Autor wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Texte aus dem Bereich deutschsprachiger und polnischer Literatur bzw. der Beziehungen zwischen beiden tätig.</p>



<p>Die bisherige Literatur zu Zipper beschränkt sich auf allgemein-biographische Darstellungen, die versuchen, seine Person und sein Schaffen in ihrer Gesamtheit vorzustellen, ohne dabei Detailfragen, wie z. B. seine Tätigkeit als Übersetzer, Germanist, Literaturkritiker etc., näher ins Auge zu fassen. Neben den dafür notwendigen Recherchen in Bibliotheken und Archiven wäre schließlich eine systematische Sichtung seines handschriftlichen Nachlasses, der in der Krakauer Jagiellonenbibliothek aufbewahrt wird, notwendig.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Einen ersten Schritt stellt der informative Aufsatz von Barbara Widawska (2011) dar.</span> Dieser enthält zum einen die Manuskripte unveröffentlicht gebliebener Übersetzungen (etwa die der romantischen Dramen <em>Ungöttliche Komödie</em> von Zygmunt Krasiński und <em>Beatrix Cenci</em> von Juliusz Słowacki sowie der Dichtung <em>Witolorauda</em> von Kraszewski), zum anderen findet sich dort seine reiche Korrespondenz mit Autoren, Gelehrten, Verlegern etc. aus Österreich, Deutschland und Polen. Vor allem von ihrer Auswertung ist zu erhoffen, die nationalen (galizisch-polnischen) bzw. internationalen Netzwerke sichtbar machen zu können, in die Zipper (und mit ihm wohl manche seiner Zeitgenossen) als Übersetzer, Schriftsteller oder Literaturvermittler eingebettet war.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zinner, Hedda</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/zinner-hedda/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Hedda Zinner gehörte zu den bekannten und sehr prominenten Schriftstellern der DDR, zunächst als Theaterautorin und Verfasserin von Hunderten journalistischer Radiotexte, später durch ihre Prosaarbeiten wie die Romantrilogie&#160;Ahnen und Erben&#160;(1968/73). Kurz vor dem Ende der DDR erschienen 1989 mit dem Band&#160;Selbstbefragung&#160;ihre Erinnerungen an die Exilzeit in Stalins Sowjetunion (1935–1945). In diesen Jahren hat sie auch [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Porträt entstand im Rahmen des DFG-geförderten D-A-CH-Projekts <em>Exil:Trans</em> (2019–2022).</p>


        </p>
    </div>


<p>Hedda Zinner gehörte zu den bekannten und sehr prominenten Schriftstellern der DDR, zunächst als Theaterautorin und Verfasserin von Hunderten journalistischer Radiotexte, später durch ihre Prosaarbeiten wie die Romantrilogie&nbsp;<em>Ahnen und Erben&nbsp;</em>(1968/73). Kurz vor dem Ende der DDR erschienen 1989 mit dem Band&nbsp;<em>Selbstbefragung</em>&nbsp;ihre Erinnerungen an die Exilzeit in Stalins Sowjetunion (1935–1945). In diesen Jahren hat sie auch als Literaturübersetzerin bzw. Nachdichterin gearbeitet. Ihr Interesse galt dabei nicht nur der russischsprachigen Dichtung, sondern auch den Literaturen zahlreicher nationaler Minderheiten, etwa der sowjetjüdischen.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="lebenswegdie-angaben-beruhen-uberwiegend-auf-barck-1994-wurm-2020-sowie-zinner-1989"><strong>Lebensweg</strong></h4>



<p>Die am 20. Mai 1905 als Tochter eines kaiserlich-königlichen Beamten in Lemberg geborene Hedda Zinner wuchs ab 1906 in Wien auf.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="6"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup6">6</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="6">Die Angaben beruhen überwiegend auf Barck (1994), Wurm (2020) sowie Zinner (1989).</span> Sie wurde Schauspielerin mit Engagements zunächst in Wien und dann an verschiedenen reichsdeutschen Bühnen. 1927 heiratete sie den Schauspieler und Schriftsteller Fritz Erpenbeck (1897–1975). Gemeinsam gingen sie 1929 nach Berlin. Zinner trat der KPD und dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller bei und engagierte sich in der Arbeiterkorrespondentenvereinigung „Kopf“. Sie schrieb Reportagen über Verelendung und Massenarbeitslosigkeit für die&nbsp;<em>Rote Fahne</em>&nbsp;(Zentralorgan der KPD) und Bild-Foto-Gedichte für die <em>AIZ</em>, Willi Münzenbergs&nbsp;<em>Arbeiter-Illustrierte-Zeitung</em>. Auf Veranstaltungen der KPD, der Gewerkschaften, der Internationalen Roten Hilfe und der Internationalen Arbeiterhilfe trat sie als Rezitatorin, Sängerin und Agitatorin auf, zuletzt noch Ende Februar 1933 am Tag des Reichstagsbrandes. Ihr Vorbild für ihr eigenes Schreiben war Erich Weinert.</p>



<p>Anfang März 1933 flüchtete sie mit Erpenbeck über Wien nach Prag, wo sie das antifaschistische Kabarett <em>Studio 1934 </em>mit aufbaute (vgl. Schneider 1979: 175–190, Wächter1973: 33–35). 1935 emigrierte sie mit Erpenbeck in die Sowjetunion: „Freiheit! Sicherheit! Endlich!“ (Zinner 1989: 7) – So erinnerte sie sich ein halbes Jahrhundert später an die Euphorie beim Überschreiten der Grenze in Negoreloje, einer „Grenze nicht nur zwischen Ländern, sondern zwischen Welten“ (ebd.). In Moskau wurden beide Mitglieder der Deutschen Sektion des sowjetischen Schriftstellerverbandes. Engen Kontakt hatten Zinner und Erpenbeck zu Johannes R. Becher und Lilly Korpus-Becher sowie zu Andor Gábor und dessen Frau, der Übersetzerin <a href="https://uelex.de/uebersetzer/halpern-olga/" data-type="uelex_article" data-id="2002080">Olga Halpern</a>. 1936 und 1939 erschienen in Moskauer Verlagen ihre ersten Lyrikbände: <em>Unter den Dächern </em>(mit einem Vorwort von Erich Weinert) und <em>Geschehen. Gedichte</em>. Für den deutschsprachigen Dienst des Moskauer Rundfunks schrieb sie Hörspiele und Reportagen über den sowjetischen Alltag.</p>



<p>Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurden Zinner und Erpenbeck auf Anordnung von Georgi Dimitroff mit zahlreichen Komintern-Mitarbeitern nach Ufa, der Hauptstadt der Baschkirischen Autonomen Sowjetrepublik, evakuiert (Zinner 1989: 132). In Ufa kam im April 1942 ihr Sohn John Erpenbeck zur Welt, „unser erstes Kominternkind“ (Dimitroff im Gespräch mit Zinner; ebd.: 156). Hedda Zinner arbeitete während der Evakuierung in Ufa und ab Frühjahr 1943 wieder in Moskau für mehrere Rundfunk(tarn)sender: Deutscher Volkssender, Sender der SA-Fronde, Österreichischer christlicher Sender, Sudentendeutscher Sender. Sie schrieb für den Funk Gedichte, Wochenübersichten in Versen, Hörspiele (u.&nbsp;a.&nbsp;<em>Herr Giesecke in Moskau</em>), Satiren und fingierte Beiträge aus Deutschland (vgl. Wurm 2020: 84–87).</p>



<p>Fritz Erpenbeck kehrte bereits am 30. April 1945 mit der Gruppe Ulbricht nach Berlin zurück, Hedda Zinner folgte ihm im Juni 1945. In der SBZ bzw. der DDR entstanden ein umfangreiches literarisches und publizistisches Œuvre: Erzählungen, Fernsehspiele, Gedichte, Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher, Lieder, Reportagen, Romane, Theaterstücke. Für ihr Werk (und ihre Treue zur Politik der SED) wurde sie vielfach ausgezeichnet, angefangen 1954 mit dem Nationalpreis der DDR III. Klasse über den Vaterländischen Verdienstorden in Gold (1975) bis zum Karl-Marx-Orden der DDR (1980) und dem Nationalpreis I. Klasse (1989). Hedda Zinner starb am 1. Juli 1994 in Berlin. Ihr über ein detailliertes Findbuch (Wurm 2020) gut erschlossener Nachlass (72 Archivkästen) liegt in der Akademie der Künste (Berlin).</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="translatorisches"><strong>Translatorisches</strong></h4>



<p>In seinem Eröffnungsreferat auf dem 1. Allunionskongress der Sowjetschriftsteller (August 1934) hat Maxim Gorki, der Präsident des Kongresses, seine 591 anwesenden Kollegen (570 Männer, 21 Frauen) u.&nbsp;a. aufgefordert, sich um mehrere vernachlässigte Bereiche der Literaturproduktion zu kümmern: Es fehle an Büchern über die „markante Gestalt der sowjetischen Frau, die unbehindert auf allen Gebieten des Aufbaus des sozialistischen Lebens Hervorragendes leistet“ (Gor’kij 1934a: 75); es gebe viel zu wenig Kinderliteratur, denn „unsere Schriftsteller halten es anscheinend für unter ihrer Würde, über und für Kinder zu schreiben (ebd.: 75); die Literaturen der nationalen Minderheiten bzw. der „Bruderrepubliken“ würden sträflich ignoriert, aber „die sowjetische Literatur [ist] nicht nur eine Literatur der russischen Sprache, sondern eine Allunionsliteratur“ (ebd.: 76); und schließlich – darüber sprach Gorki am ausführlichsten – werde bisher die Bedeutung der traditionellen und zeitgenössischen Folklore nicht ausreichend gewürdigt, aber: „Man kann die wirkliche Geschichte des arbeitenden Volkes nicht kennenlernen, ohne das mündliche Volksschaffen zu studieren“ (ebd.: 64). In seinem Schlusswort wiederholte Gorki: „Der Ursprung der Wortkunst liegt in der Folklore. Sammelt eure Folklore, lernt an ihr, bearbeitet sie“, und: „Wir müssen uns gegenseitig und in großem Maßstab mit den Kulturen der Bruderrepubliken vertraut machen“ (Gor’kij 1934b: 376).</p>



<p>Überblickt man Hedda Zinners Reportagen über das Leben in der Sowjetunion der Stalin-Ära sowie ihre im sowjetischen Exil entstandenen Übersetzungen bzw. Nachdichtungen, so kann man sie als exakte Einlösungen der in Gorkis Produktionspoetik von 1934 erhobenen Forderungen charakterisieren. Die beiden 1950 bzw. 1953 im Berliner Verlag Kultur und Fortschritt erschienenen Bände über den&nbsp;<em>Alltag eines nicht alltäglichen Landes</em>&nbsp;behandeln unterschiedlichste Regionen der Sowjetunion, der zweite Band will „einen kleinen Einblick in das Leben der sowjetischen Frau [und] in die Erziehung der Kinder in der Sowjetunion“ vermitteln (Zinner 1953: 21). Noch deutlicher zeigt sich die Übereinstimmung mit Gorkis Aufgabenliste an der Gliederung der 1939 im Kiewer Staatsverlag der Nationalen Minderheiten von Zinner veröffentlichten Lyrik-Sammlung&nbsp;<em>Freie Völker – Freie Lieder</em>.</p>



<p>„Alte Dichtung und Folklore“ ist der erste Abschnitt (Zinner 1939: 7–24) überschrieben mit Nachdichtungen „vorrevolutionärer“ Poesie aus dem Awarischen, Armenischen, Burjatomongolischen, Jakutischen, Mordwinischen, Persischen, Tatarischen und Tschuwaschischen. Um „Neue Folklore“, also nach 1917 entstandene „Volkslieder“, geht es im zweiten Abschnitt (ebd.: 25–52) mit Proben aus der altaischen, belarussischen, burjatischen, daghestanischen<span class="oes-note oes-popup" data-fn="7"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup7">7</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="7">Aus welcher der zahlreichen in Dagestan vertretenen Sprachen der Hedda Zinner vorliegende russische Text übersetzt worden war, lässt sich nicht feststellen (vgl. Zinner 1939: 30 und 1951: 55). </span>, koreanischen, marischen, oirotischen, russischen, taskaischen und turkmenischen Literatur. Es folgen (Abschnitt drei, ebd.: 53–88) Texte aus der vielsprachigen „Sowjetdichtung“: Majakowski, Bagritzki, Rylskij, Dshambul, Kupala, Lahuti, Twardowski, Marschak. Beschlossen wird die Sammlung mit 31 Gedichten aus der „sowjetjüdischen“ bzw. jiddischsprachigen Dichtung (ebd.: 89–133). „Man vermißt nur eine Abteilung“, heißt es in Alfred Kurellas 1940 veröffentlichter Besprechung des Bandes, nämlich</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>ältere russische Lyrik, die etwa die Namen Puschkin, Lermontow, Tjutschew, Feth, Schewtschenko, Brjussow, Block usw. enthalten würde; denn es ist für die Besonderheit der lebendigen Volksdichtung gerade kennzeichnend, daß neben der alten und neuen Volksdichtung und der Sowjetlyrik die älteren russischen Dichter sich ebenso der größten Popularität erfreuen und auf aller Lippen sind (Kurella 1940: 83).</p>
</blockquote>



<p>Hätte Zinner auch von all diesen – mit Ausnahme von Schewtschenko: russischsprachigen – Autoren Gedichte für ihre Auswahl berücksichtigt, wäre ihre Hauptintention kaum umsetzbar gewesen, nämlich die Vielsprachigkeit der in der Sowjetunion entstandenen oder gerade erst entstehenden Dichtung in den Vordergrund zu rücken.</p>



<p>Natürlich konnte Zinner aus all diesen Minderheiten-Sprachen nur mit fremder Hilfe übersetzen. Sogar das Russische, das ihr für viele Nachdichtungen als Mittlersprache diente, war nach sechs Jahren Aufenthalt im Moskauer Exil „leider noch nicht sehr gut“ (Zinner 1989: 163). Für ihre ersten Übertragungen aus dem Russischen hatte sie „mit Podstrotschnik, einer wörtlichen Rohübersetzung“ (ebd.: 48) gearbeitet. Problematisch war, so merkt Kurella an, „dass sie […] vor allem in der Abteilung&nbsp;<em>Neue Folklore&nbsp;</em>[…] oft Zwischenübersetzungen, und zwar zum Teil bereits poetisierte, zugrundegelegt hat“, wodurch „manches von den Besonderheiten der Originale verloren gegangen zu sein [scheint]“ (Kurella 1940: 83f.).</p>



<p>Keine „Zwischenübersetzungen“ benötigte Zinner für die jiddischen Gedichte. Deren deutsche Versionen waren nach einer Begegnung mit Leib Kwitko entstanden, dem Vorsitzenden der Jüdischen Sektion des Sowjetischen Schriftstellerverbandes:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Er las mir verschiedene Gedichte vor, und ich wählte solche, die mir besonders gefielen und von denen ich annahm, daß ich sie vielleicht übersetzen konnte. Hebräische und jiddische Wörter, die mir unverständlich waren, übersetzte er mir. (Ebd.: 49)</p>
</blockquote>



<p>Neben elf Texten von Kwitko enthält Zinners Anthologie&nbsp;<em>Freie Völker – Freie Lieder</em>&nbsp;Gedichte von Itzik Feffer, Schmuel Halkin, David Hofstein und Perez Markisch. Die fünf jüdischen Dichter wurden 1948/49 unter dem Vorwand der Spionage bzw. des Hochverrats verhaftet. Vier von ihnen wurden am 12. August 1952, der sogenannten Nacht der getöteten Poeten, erschossen, Schmuel Halkin überlebte die Stalin-Zeit im Gulag. Im Abstand von einem halben Jahrhundert schrieb Zinner in ihrer die sowjetischen Exiljahre intensiv erinnernden&nbsp;<em>Selbstbefragung</em>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich übersetzte […] viele Gedichte von Kwitko und von anderen jüdischen Dichtern. Echten Dichtern, großen Dichtern. Echten Sowjetbürgern. Zu denken, daß sie ermordet wurden, ist schwer zu ertragen. (Ebd.: 50)</p>



<p>David Hofstein. Ich kannte ihn nicht persönlich. Ich liebte seine Gedichte, Gedichte eines Menschen, der sich der Sowjetunion und ihren Idealen zugehörig fühlte. Auch er ist nicht mehr. (Ebd.: 81)</p>
</blockquote>



<p>Bereits vor Erscheinen der Sammlung hat Zinner einzelne Nachdichtungen in den Moskauer Exilzeitschriften&nbsp;<em>Das Wort</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Internationale Literatur</em>&nbsp;veröffentlicht. Aufschlussreich sind besonders ihre im&nbsp;<em>Wort&nbsp;</em>im November 1937 in Heft 11 abgedruckten Gedichte. Denn sie stehen dort in einem „Volksdichtung“ genannten Themenblock, der mit einem (sich auf Gorkis Referat von 1934 stützenden) Essay von Hugo Huppert (<em>Freiheit und Poesie der Sowjetvölker</em>) eingeleitet wird und dann in den beiden Abschnitten „Aus der Vergangenheit“ bzw. „Unter der Sowjetmacht“ nicht nur Zinner-Nachdichtungen aus dem Tschuwaschischen, Turkmenischen und Persischen<span class="oes-note oes-popup" data-fn="8"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup8">8</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="8">Zinners Nachdichtungen erfolgten nach russischen Übersetzungen, die in dem „1935 im&nbsp;<em>Moskauer Staatsverlag für schöne Literatur</em>&nbsp;herausgegebenen Sammelband&nbsp;<em>Lieder der Völker der UdSSR</em>&nbsp;von A. P. Globa“ veröffentlicht worden waren (<em>Das Wort</em> Jg. 3/1937, H. 11, S. 176).</span>&nbsp;bringt, sondern auch Beispiele aus der armenischen, aserbaidshanischen, daghestanischen, kalmückischen, marischen, tschetschenischen, usbekischen und ukrainischen „Volksdichtung“, die von Klara Blum, Erich Weinert und Huppert selbst ins Deutsche gebracht wurden.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">Am 28. Juni 1938 notiert sich Walter Benjamin Passagen aus einem Gespräch, das er an diesem Tag mit Bertolt Brecht im dänischen Svendborg geführt hat: „Ein Gespräch über die neue Romanliteratur der Sowjets. Wir verfolgen sie nicht mehr. Dann kommen wir auf die Lyrik und auf die Übersetzungen sowjetischer Lyrik aus den verschiedensten Sprachen, mit denen <em>Das Wort</em> überschwemmt wird. Brecht meint, die Autoren drüben haben es schwer. ‚Es wird schon als Vorsatz ausgelegt, wenn in einem Gedicht der Name Stalin nicht vorkommt‘“ (Benjamin 1934/38: 128f.).</span></p>



<p>Ab 1936 muss sich unter den Moskauer Schriftsteller-Exilanten ein regelrechtes Nachdichtungs-Kollektiv gebildet haben, zu dem außer den bereits genannten deutschsprachigen Autoren auch noch Alfred Kurella, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/leschnitzer-franz/" data-type="uelex_article" data-id="2011400">Franz Leschnitzer</a> und Hans Rodenberg gehörten. Die kollektive Arbeitsweise ist am deutlichsten erkennbar an den zuerst 1940 in der&nbsp;<em>Internationalen Literatur</em>&nbsp;(H. 11) veröffentlichten deutschen Versionen von Abschnitten aus dem&nbsp;<em>Kobsar</em>&nbsp;des ukrainischen „Nationaldichters“ Taras Schewtschenko (1814–1861).</p>



<p>Ihre eigenen Schewtschenko-Übertragungen hat Zinner auch in ihrer 1951 bei Kiepenheuer in Weimar erschienenen Neuausgabe von&nbsp;<em>Freie Völker – Freie Lieder</em>&nbsp;veröffentlicht (Zinner 1951: 20–37). Dort findet sich ferner erneut die auf „Peredelkino, August 1939“ datierte Einleitung mit dem Hinweis auf Gorkis Eintreten für das Volkslied und dem Lob auf die „Lenin-Stalinsche Nationalitätenpolitik“, die „die Völker befreit und ihnen die freie Sprache zurückgegeben, ja in manchen Fällen erst eine eigene Schriftsprache geschenkt“ habe (Zinner 1939: 3 und 1951: 6).</p>



<p>Anders als in der Kiewer Ausgabe von 1939 hat sich Zinner in der Weimarer Ausgabe von 1951 auch knapp zum Wie ihres Übersetzens geäußert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Übersetzungen erfolgten durchwegs aus dem Russischen; bei den ukrainischen Gedichten wurde jeweils das ukrainische Original, bei den jüdischen eine deutsche Transkription aus dem Jiddischen helfend und korrigierend benutzt. Es wurde bewußt darauf verzichtet, eigenartige Versmaße, die der deutschen Poetik fremd oder ungeläufig sind – etwa bei Taras Schewtschenko – „anzugleichen“ oder auch den Zeitstil älterer Dichtungen zu „modernisieren“. (Zinner 1951: 7)</p>
</blockquote>



<p>Einzelne Nachdichtungen nahm Zinner 1953 in die beiden Bände&nbsp;<em>Alltag eines nicht alltäglichen Lebens</em>&nbsp;auf (Zinner 1953a: 27, 99, 112, 122f., 145, 206, 246f.; 1953b: 90f., 176f., 180). Gesammelt erschienen gut 100 der insgesamt ca. 150 von Zinner übersetzten Gedichte noch einmal im Buchverlag Der Morgen 1985 unter dem Titel&nbsp;<em>Glas und Spiegel</em>. Der bibliophil gestaltete Band (Auflage: 8000 Exemplare) verstand sich „als Publikation zum 80. Geburtstag der Autorin wie zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus“ (Schubert 1984: 1). Eckhard Petersohns Nachwort zu dieser Ausgabe und die 1984 im Rahmen des Druckgenehmigungsverfahrens erstellten Verlags- und Außengutachten von Ortwin Schubert und Simone Barck sind ergiebige Quellen (vgl. Wurm 2021) für die Beschäftigung mit Hedda Zinners Exilnachdichtungen und den wenigen noch nach 1945 entstandenen Übersetzungen, darunter</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>die unsere Sammlung einleitenden Fabeln [Iwan Krylows] und die am Anfang der fünfziger Jahre in einer illustrierten Ausgabe des Kinderbuchverlages weitverbreitete Verserzählung&nbsp;<em>Mister Twister</em>&nbsp;von Samuil Marschak, die für viele, die damals Kinder waren, eine erste nachhaltige Begegnung mit der Sowjetliteratur wurde. (Petersohn 1985: 116)</p>
</blockquote>



<p>In allen drei Epitexten zu&nbsp;<em>Glas und Spiegel</em>&nbsp;wird auf die von Zinner selbst beanspruchte „Subjektivität als Auswahlprinzip“ verwiesen. Dass – wie bereits in den Ausgaben von 1939 und 1951 – der Jubiläumsband von 1985 auf dem Titelblatt den Namen Hedda Zinner in der Autorzeile positioniert hat und ihr Name „mit keinerlei präzisierendem Hinweis (Nachdichter, Herausgeber etc.)“ versehen war (Schubert 1984: 3), wurde mit eben diesem subjektiven Zugang begründet. Für Zinner waren ihre Nachdichtungen Teile ihres eigenen Schreibens und somit sah sie sich zu Recht in den drei Ausgaben in die eigentlich für Originalautoren reservierte Zeile des Titelblatts gerückt.</p>



<p>Schon 1940 hatte Alfred Kurella in seiner umfangreichen, ganz auf das Übersetzerische ausgerichteten und auch mit kritischen Bemerkungen nicht geizenden Rezension des Zinner-Bandes davon gesprochen, dass ihre besten Übersetzungen nicht nur „Übertragungen“ seien, sondern „ein Stück deutscher Dichtung […], wie Puschkins […] Serbenlieder zur russischen Dichtung und Beethovens schottische Lieder zur deutschen Musik gehören“ (Kurella 1940: 83). Besonderes Lob zollte Kurella den</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Übersetzungen der sowjetjüdischen Dichter, die in den Übertragungen alle ihr besonderes, eigenes Gesicht in vollem Maß bewahrt haben, so daß man keinesfalls Gefahr läuft, Kwitko mit Hofstein oder Halkin zu verwechseln. (Ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Anders als das eine oder andere „Volkslied“ aus den Sammlungen von 1939 und 1951, in denen Lenin und Stalin gerühmt werden<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Vgl. z. B. die „oirotische Legende&nbsp;<em>Goldenes Morgenrot</em>&nbsp;(Zinner 1951: 62–70), das koreanische&nbsp;<em>Fischerlied</em>&nbsp;(ebd.: 71), das belarussische Gedicht&nbsp;<em>Lisaweta</em>&nbsp;(„Unser Chor stimmt jubelnd zu: / Danke, teurer Stalin, du!“ ebd.: 75) oder das aus neun Strophen bestehende „ukrainische Volkslied“&nbsp;<em>Uns führte der Genosse Stalin</em>&nbsp;mit den Schlußstrophen: „Aus den Dörfern kam die Armut, / Hungervolk ließ Mahd und Saat, / Und Genosse Stalin führte / Uns zur großen Freiheitstat. // Still ruht nun das Schwarze Meer, / Böser Sturmwind brüllt nicht wieder. / Ukraine, unsre Mutter, / Singt von Stalin ihre Lieder.“ (Zinner 1951: 60). Vgl. ferner das von Zinner aus dem Russischen übersetzte&nbsp;<em>Volkslied über Stalin</em>, erschienen im Oktober 1946 in der Berliner&nbsp;<em>Illustrierten Rundschau</em>&nbsp;(Nr. 10, S. 4).</span>, wurden Zinners aus dem Jiddischen übersetzte Gedichte vollständig in die Ausgabe von 1985 übernommen, so dass der Leser Kurellas Einschätzung von 1940 überprüfen kann.&nbsp;<em>Auf russischen Feldern</em>&nbsp;ist eins der Hofstein-Gedichte überschrieben. Der vor 80 Jahren im Moskauer Exil aus dem Jiddischen ins Deutsche gebrachte Text scheint mir auch heute noch lesenswert zu sein. Und dasselbe gilt für zahlreiche andere von Zinner nachgedichtete Verse.</p>



<pre class="wp-block-verse">Auf russischen Feldern

Auf russischen Feldern am Abend allein –
kann man einsamer sein, kann man einsamer sein?

Ein Pferdchen, ein altes; ein knarrender Schlitten;
ein Weg, ein verschneiter. Und ich bin inmitten.

Am Himmel weit hinten, am blassen, am weichen,
verglüht noch ein Lichtstreif in traurigem Bleichen;
und vor mir zerdehnt sich die endlose Breite.

Zerstreut ein paar Häuschen ins Weiße, ins Weite:
Der Weiler, versunken im Schnee, schlummert träge.

Zum jüdischen Häusel führn vielerlei Wege.
Die Fenster sind größer, sonst gleicht’s seinen Brüdern;
und Kinder gibt’s viele im Häusel, im niedern.

Mein Weltlein ist winzig, mein Kreis ist nur klein;
komm wochenweis einmal ins Städtchen hinein.

Aus Schweigen drängt Sehnsucht, aus Feldern, verschneet,
aus Wegen und Weglein, die still und verweht:
verborgenes Sehnen nach etwas, das naht …
wie Samen, der wartet und wartet der Saat.

Auf russischen Feldern am Abend allein –
kann man einsamer sein, kann man einsamer sein?

(Zinner 1939: 89; 1951: 40; 1985: 63)</pre>



<p>Außer den hier vorgestellten Übersetzungen ist auf das mit „freie Übertragung aus dem Norwegischen von Hedda Zinner“ signierte Langgedicht&nbsp;<em>Ein deutscher Arbeiter&nbsp;</em>von Nordahl Grieg hinzuweisen (erschienen in&nbsp;<em>Das Wort</em>&nbsp;Jg. 2/1937, H. 10, S. 23–26) sowie auf im Nachlass (vgl. Wurm 2020: 37–39) erhaltene Übersetzungen mehrerer polnischer Gedichte (1950er Jahre). Zwei Gedichte des irakischen Schriftstellers&nbsp;Abd al-Wahhāb al-Bayātī&nbsp;dürfte sie Ende der 1960er oder Anfang der 1970er Jahre in Zusammenarbeit mit ihrer Schwiegertochter, der Arabistin Doris Kilias, ins Deutsche gebracht haben. Von diesen wenigen Ausnahmen abgesehen war Hedda Zinner eine Schriftstellerin, die sich ausschließlich während ihrer Exiljahre als Übersetzerin betätigt hat.</p>



<p>Für die Unterstützung bei meinen Recherchen danke ich Carsten Wurm (Akademie der Künste, Berlin), Regina Elzner (DNB, Deutsches Exilarchiv 1933–1945, Frankfurt am Main), Jenny Erpenbeck und Julija Boguna.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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