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	<title>Österreich (Exil) &#8211; UeLEX</title>
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	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
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		<title>Uhlschmid, Helen</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/uhlschmid-helen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Aug 2025 13:45:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Für ihre Übersetzungen hat Helen Uhlschmid mehrere Namensformen benutzt. Die ersten Publikationen erschienen in den Jahren 1928 bis 1934 unter ihrem Geburtsnamen Helen Woditzka; dann finden sich – vermutlich nach der Eheschließung – mit „Helen Uhlschmid-Woditzka“ signierte Übersetzungen und schließlich – vor allem in den Jahren 1948 bis 1963 – verwendete sie den Namen „Helen [&#8230;]]]></description>
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<p>Für ihre Übersetzungen hat Helen Uhlschmid mehrere Namensformen benutzt. Die ersten Publikationen erschienen in den Jahren 1928 bis 1934 unter ihrem Geburtsnamen Helen Woditzka; dann finden sich – vermutlich nach der Eheschließung – mit „Helen Uhlschmid-Woditzka“ signierte Übersetzungen und schließlich – vor allem in den Jahren 1948 bis 1963 – verwendete sie den Namen „Helen Uhlschmid“. Erst jüngst wurde registriert, dass auch eine 1942 bei Rascher in Zürich und Leipzig erschienene, angeblich von „Margarete Schmid“ erstellte Übersetzung einer Hagar Olsson-Erzählung (<em>Der Holzschnitzer und der Tod. Erzählung aus Karelien</em>) ebenfalls von Uhlschmid stammt.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="3"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup3">3</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="3">Schon 1931 war im Drei Masken Verlag (München, Berlin) ihre deutsche Version des Hagar Olsson-Bandes <em>Det blåser upp till storm</em> (1930) erschienen: <em>Sturm bricht an. Deutsch von Helen Woditzka</em>. Das Buch findet sich in der <em>Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums </em>(Stand vom 31. Dezember 1938); woran sich die Buchkontrolleure gestoßen haben (am Inhalt des Buches, an der finnlandschwedischen Autorin, an der Übersetzerin, am Verlag), lässt sich auf Anhieb nicht sagen. – Eine Übersetzung von Hagar Olssons <em>Chitambo</em>, die sie mehrfach Verlagen in Österreich und der Schweiz anbot, wurde 1934 von der Büchergilde Gutenberg in Zürich abgelehnt, daraufhin überließ sie das deutsche Manuskript 1936 der Autorin.</span> Die Gründe für die Verwendung des Pseudonyms sind noch nicht geklärt, mag sein, dass nur so das strikte Arbeitsverbot für in die Schweiz geflüchtete Personen umgangen werden konnte.</p>



<p>Schaut man auf die Autoren und Titel der ca. 40 seit den späten 1920er Jahren von Uhlschmid aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen ins Deutsche gebrachten Bücher, so lassen sich einige Schwerpunkte erkennen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Sie hat sich seit Beginn ihrer Übersetzerlaufbahn immer wieder Bücher von im weitesten Sinne „linken“ Schriftstellern gewidmet: Martin Andersen Nexö, Hagar Olsson.</li>



<li>Übersetzt wurden sowohl Werke kanonisierter Autoren (Jens Peter Jacobsen, Martin Andersen Nexö, Tarjei Vesaas) wie auch Unterhaltungsliteratur (einschl. Kriminalromanen).</li>



<li>Bevorzugte Genres waren besonders in den Nachkriegsjahren Abenteuer- bzw. Jugendbücher sowie Tiergeschichten.</li>



<li>Auffällig oft spielt die Handlung der übersetzten Bücher in Afrika oder in nördlichen und arktischen Regionen.</li>



<li>Verlegt wurden die meisten ihrer Übersetzungen in Österreich (Graz).</li>
</ul>



<p>Aus translationshistorischer Sicht sind schließlich ihre frühen, ab Mitte der 1930er Jahre veröffentlichten Übersetzungen der Werke des Norwegers Tarjei Vesaas (1897–1970) bemerkenswert. Interessant wäre zu erfahren, wie sie auf diesen Autor gestoßen ist.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="4"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup4">4</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="4">Vesaas Werke wurden in den 2020er Jahren in Deutschland neu entdeckt und von Hinrich Schmidt-Henkel (Jg. 1959) für den Berliner Verlag Guggolz „neuübersetzt“; ein Vergleich mit den 90 Jahre älteren Uhlschmid-Versionen böte sich an. Sebastian Guggolz äußerte sich zu Uhlschmids Versionen: „Die sind nicht schlecht, aber sehr in der Zeit verhaftet. Und in meinem Empfinden kriegt sie den unbedarften, schwingenden Ton von Vesaas nicht richtig hin, bei ihr klingen die Figuren und auch der Text oft ein bisschen kindlich und dümmlich.“ (E-Mail an Klaus-Jürgen Liedtke, 21. August 2025)..</span> Auch ihre Neuübersetzungen der Jacobsen-Romane <em>Fru Marie Grubbe</em> bzw. <em>Niels Lyhne</em> verdienten eine genauere Untersuchung.</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Leschnitzer, Franz</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/leschnitzer-franz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Jan 2025 12:10:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[]]></description>
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			</item>
		<item>
		<title>Rothbart, Irma</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/rothbart-irma/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Aug 2024 21:19:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Irma Rothbart (geboren am 30. November 1896 in Budapest, gestorben am 27. Mai 1967 in Zagreb) übersetzte in den 1930er Jahren zahlreiche Prosatexte ihres Ehemanns Ervin Sinkó (1898–1967) aus dem Ungarischen ins Deutsche, darunter den 1260 Typoskriptseiten umfassenden Roman Optimisták (Die Optimisten). Die im Pariser (1932–1935, 1937–1939) und Moskauer Exil (1935–1937) unternommenen Versuche, für Die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p id="uelex-redaktionelles-id"></p>



<p>Dieses Porträt entstand im Rahmen des DFG-geförderten D-A-CH-Projekts <em>Exil:Trans</em> (2019–2022). Eine Langversion erschien zuerst unter dem Titel <em>Verheddert im Netzwerk der Genossen. Ervin Sinkó und seine Übersetzerin Irma Rothbart im Pariser und Moskauer Exil der 1930er Jahre </em>(Kelletat 2023).</p>


        </p>
    </div>


<p>Irma Rothbart (geboren am 30. November 1896 in Budapest, gestorben am 27. Mai 1967 in Zagreb) übersetzte in den 1930er Jahren zahlreiche Prosatexte ihres Ehemanns Ervin Sinkó (1898–1967) aus dem Ungarischen ins Deutsche, darunter den 1260 Typoskriptseiten umfassenden Roman <em>Optimisták </em>(Die Optimisten). Die im Pariser (1932–1935, 1937–1939) und Moskauer Exil (1935–1937) unternommenen Versuche, für <em>Die Optimisten</em> einen Verlag zu finden, scheiterten, obwohl der Roman u. a. in Romain Rolland, André Malraux, Béla Kun oder <a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">Alfred Kurella</a> namhafte Fürsprecher gefunden hatte. Lediglich das Romankapitel <em>Georg Kosma</em> wurde 1936 in der Moskauer (Exil-)Zeitschrift <em>Internationale Literatur</em> veröffentlicht. Das Gesamttyposkript der Übersetzung ist verschollen.</p>



<p>Irma Rothbart (verheiratete Irma Rothbart-Sinkó) wuchs im vielsprachigen Temeswar auf, das damals Teil des Königreichs Ungarn war. Ihre Eltern waren Janka Rothbart (geborene Rosenwald) und der wohlhabende Unternehmer Jakab Rothbart.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="37"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup37">37</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="37">Illyés (1979: 503) bezeichnet Jakab Rothbart als „reichen Getreidehändler“; genauere Informationen finden sich im Nachruf, der am 11. Dezember 1931 in der Zeitschrift <em>Uj Kelet</em> („Der Neue Osten“) veröffentlicht wurde: geboren in Dusafalva oder dem nahegelegenen Nagyvárad (= Großwardein, rumänisch Oradea), Schulbesuch in Temeswar, zu Ausbildungszwecken längerer Aufenthalt in Paris, 1896 bis 1931 Leitung einer Alkoholfabrik, führendes Mitglied der Handels- und Industriekammer, im Vorstand mehrerer Banken und Unternehmen, Vizepräsident der Börse, Vorsitzender der Josefstädter jüdischen Gemeinde in Temeswar, Mitglied im Stadtrat, Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe, wichtige Rolle bei der Organisation der Jewish Agency in Siebenbürgen.</span>Über Rothbarts Kindheit ist wenig bekannt, insbesondere nichts darüber, welche Sprachen sie in ihrer Familie und in der Schule gelernt hat; in Betracht kommen Deutsch, Ungarisch, Rumänisch und Französisch. Zum Studium der Philologie (Ungarisch und Deutsch) ging sie während des Ersten Weltkriegs nach Budapest. Geschockt vom Anblick verletzter Soldaten in einem Lazarettzug entwickelte sie sich zur Pazifistin und Sozialistin und wechselte ihr Studienfach von der Philologie zur Medizin. </p>



<p>1918 kam sie in Kontakt zu jungen Schriftstellern aus dem Umfeld von Lajos Kassáks „bis zum Extrem antimilitaristischer und antibourgeoiser“ (Sinkó 1990a: 148) Avantgarde-Zeitschrift und Künstlergruppe <em>MA </em>(„Heute“) (vgl. Forgács/Miller 2013: 1128–1136). Den radikalsten Mitgliedern dieses Kreises (Komját, Lengyel, Révai und Sinkó) ermöglichte Rothbart 1918 die Gründung der theoretisch ausgerichteten kommunistischen Zeitschrift <em>Internacionále</em>, indem sie eine Scheinehe mit dem Ingenieur Gyula Hevesi einging und ihre Mitgift zur Finanzierung des Projekts verwandte (Deák 2019: 37; Darabos 2017: 177).</p>



<p>Damals dürfte Rothbart auch Anschluss an jene Intellektuellen gefunden haben, die sich im sogenannten Sonntagskreis um Béla Balázs, Arnold Hauser, György (Georg) Lukács und Károly (Karl) Mannheim versammelt hatten (vgl. Karádi/Vezér 1985). Die mehrheitlich aus assimilierten ungarisch-jüdischen Familien stammenden Bürgersöhne und Bürgertöchter (u. a. Edit Hajós und Anna Lesznai) erfuhren durch den Krieg und die Revolution in Russland – Entmachtung der Bourgeoisie und Errichtung der Räteherrschaft – eine stürmische Radikalisierung. Sie erwarteten eine europa- oder sogar weltweite Fortsetzung des in Russland unter Lenins Führung begonnenen Prozesses, den Anbruch eines neuen Zeitalters, und sie wollten das Ihre dazu beitragen, damit es auch in Ungarn zu einer Übernahme der Staatsmacht durch das Proletariat käme.</p>



<p>Das Hinüberwechseln aus der behüteten Welt eines großbürgerlichen Elternhauses in die Welt der „Diktatur des Proletariats“ vollzog im Chaos der zerfallenden Habsburger Doppelmonarchie auch Irma Rothbart. In der Ära der Ungarischen Räterepublik – 21. März 1919 bis 1. August 1919 – arbeitete sie unter Lukács im Volkskommissariat für Unterrichtswesen, wurde Leiterin der Abteilung für Propaganda unter Jungarbeitern,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="38"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup38">38</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="38">Der ungarische Dramatiker Julius Hay berichtet in seiner Autobiografie <em>Geboren 1900 </em>über seine von der „Medizinstudentin Mitzi Rothbart“ geleitete Arbeit als „Jungarbeiter-Propagandist“ (Hay 1971: 58).</span> hielt Referate auf den Kongressen des Landesverbandes der Jungarbeiter und fuhr im Juni 1919 mit einer Delegation der Ungarischen Kommunistischen Partei zur Beisetzung von <a href="https://uelex.de/uebersetzer/luxemburg-rosa/" data-type="uelex_article" data-id="11569">Rosa Luxemburg</a> nach Berlin (Deák 2019: 40). Nach dem Zusammenbruch der Räterepublik und dem Beginn des Weißen Terrors (vgl. Bodó 2018) wurde sie verhaftet (Sinkó 1990b: 233), konnte aber 1920 nach Wien entkommen. Dort lebte sie mit anderen Anhängern der Räterepublik (u. a. Ernő/Ernst Mannheim und József Revai) in einem Flüchtlingslager (Barackensiedlung Grinzing; vgl. Kerekes 2018) und arbeitete einige Monate für János Lékai im Wiener Sekretariat der Kommunistischen Jugendinternationale. 1920 heiratete sie den zwei Jahre jüngeren Schriftsteller Ervin Sinkó (Künstlername für Franz Spitzer), der in den 1930er Jahren mit seinem autobiografisch fundierten Roman <em>Optimisták </em>die umfangreichste, erste und wohl auch bedeutendste literarische Darstellung der Ungarischen Räterepublik schaffen sollte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="39"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup39">39</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="39">Eine Darstellung der Struktur, der Handlung und der Hauptfiguren des (Schlüssel-)Romans hat Stefan Gužvica (2024a) veröffentlicht.</span></p>



<p>Lukács hat in Wien versucht, Irma Rothbart für einen Verbleib in der Kommunistischen Partei, die sie am 19. Juni 1920 verlassen hatte (Neubauer/Török 2009: 52), zu gewinnen. Anknüpfend an ein Gespräch schrieb sie am 24. Juni 1920 dem „lieben Genossen Lukács“, dass sie fest an den Sieg des Kommunismus glaube, aber seiner Aufforderung zu weiterer Mitarbeit in der Partei nicht nachkommen werde. Denn ihr Gewissen könne sie nicht dem Parteigehorsam unterordnen. Das sage sie nicht dem Parteiführer Lukács, sondern ihrem geschätzten Lehrer, den ihre Entscheidung schmerzlich berühren werde (Wortlaut des ungarischen Originals in Sinkó 1990b: 450f.).</p>



<p>Das moralische Problem, vor das sich Rothbart und Sinkó gestellt sahen, hatte Lukács 1919 in seinem „der jungen Generation der kommunistischen Partei“ gewidmeten <em>Internacionále</em>-Beitrag <em>Taktika és ethika</em> („Taktik und Ethik“) an der Frage nach dem „individuellen Terror“ diskutiert (Lukács 1975: 43–62). In Wien wurde das Thema, ob der Zweck (Erlangung der Staatsmacht) jegliches Mittel heilige oder ob das Tötungsverbot uneingeschränkt zu gelten habe, weiter besprochen. Angeknüpft wurde bereits bei den Diskussionen in Budapest u. a. am Mythos von der Ermordung des Holofernes bzw. an Hebbels <em>Judith</em>-Tragödie, dem Monolog im dritten Akt: „Und wenn Gott zwischen mich und die mir auferlegte Tat die Sünde gesetzt hätte – wer bin ich, daß ich mich dieser entziehen könnte?“ (Hebbel zit. n. Lukács 1975: 53). Als einen „Gedanken größter menschlicher Tragik“ bezeichnete Lukács das im Frühjahr 1919 (ebd.).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="40"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup40">40</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="40">1935 las Béla Kun in Moskau das Typskript der <em>Optimisták</em>. Im Gespräch mit Sinkó und Rothbart erzählte er, wen er alles in den Romanfiguren erkannt hatte: „Die überraschendste Entdeckung war für mich die Figur Vértes’ [= Georg Lukács]. Ich wußte gar nicht, daß man im innersten Zentrum der Diktatur, dort im Hotel ‚Hungária‘, zwei Türen von meinem Zimmer entfernt, Nacht für Nacht diskutierte, um aus dem Marxismus eine marxistische Theologie zu entwickeln und theologische Probleme in marxistische Probleme zu verwandeln.“ (Sinkó 1990a: 117; vgl. Kassák 2021: 113).</span> Nach dem Scheitern der Räterepublik und gründlicherer Lenin-Lektüre erteilte Lukács im Sommer 1920 im Wiener Exil den „Illusionen über Demokratie, über friedlichen Übergang zum Sozialismus“ eine klare Absage:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nur eine nüchtern-sachliche Taktik, die jedes legale und illegale Mittel, ausschließlich von Zweckmäßigkeitsgründen geleitet, abwechselnd anwendet, wird [das] Erziehungswerk des Proletariats in gesunde Bahnen lenken können. (Lukács 1981: 414)</p>
</blockquote>



<p>Auf dieses zur Erkämpfung der Staatsmacht ausgerichtete Zweck-Mittel-Konzept ihres Lehrers konnten sich Rothbart und Sinkó, dieser „unschuldvollste Mensch auf der Welt“ (Gyömrői 1985: 106), nicht einlassen. Gemeinsam verließen sie 1920 Wien und lebten ein Jahr inkognito im inzwischen zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gehörenden Szabadka/Subotica, dem vormaligen Maria-Theresiopel. Nach der Entdeckung des Ehepaars durch die Polizei und angesichts der drohenden Auslieferung der ‚Judeobolschewisten‘ an das durch Weißen Terror und brutalen Antisemitismus beherrschte Ungarn kehrten die beiden nach Wien zurück. Dort lebten sie im Grinzinger Lager, Baracke 23, fünf weitere Jahre. Auf einer im Sommer 1922 aufgenommenen Fotografie sieht man Irma Rothbart und Ervin Sinkó zusammen mit den Emigranten Jelena Andreewna Grabenko (verheiratete Lukács), Dorothea und Károly Garai, Ernő/Ernst Mannheim und József Révai.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="41"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup41">41</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="41">Vgl. die Beschreibung der Fotografie in einem in Dresden geschriebenen Brief von Dorothea Garai an Ervin Sinkó vom 21. März 1963, gut 40 Jahre später! (Sinkó 2006: 262) In diesem Brief berichtet Garai auch über ihre Arbeit als Übersetzerin für die „Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR“ (VEGAAR) sowie als Dolmetscherin u. a. für Gewerkschaftsdelegationen im Moskau der Jahre 1928 bis 1937.</span> Die Auseinandersetzungen über Fragen der revolutionären Gewaltanwendung führten Mitte der 1920er Jahre bei Rothbart und Sinkó zum Konzept eines ethischen Kommunismus und zu einer Hinwendung zu christlichen Positionen. In seinem 1935 in Paris geschriebenen autobiografischen Porträt <em>Szemben a bíróval</em> (Vor dem Richter) schildert Sinkó diese radikale Abkehr von der Gemeinschaft der Budapester Berufsrevolutionäre, seinen „Weg über die Diktatur zu Christus“ (Sinkó 1985: 62):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Jede gegen Gewalt angewendete Gewalt ist die Anerkennung des Gewaltprinzips, und jeder Versuch, das Böse mit Bösem zu vernichten, nährt das Böse nur weiter, und mir schien, das Beste, was ein zum Dienen bereiter Mensch tun könne, sei, Tolstoi folgend mit seinem Leben, im eigenen Alltagsleben Christus’ Beispiel zu verwirklichen. […] Ohne die frühere Gemeinschaft blieb ich allein […] mit meinem Glauben […]. Doch ich bekam für die große Aufgabe, in der unmenschlichen Welt menschlich zu leben,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="42"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup42">42</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="42">Anspielung auf Endre Adys 1916 geschriebenes Gedicht<em> Ember az embertelenségben</em> („Mensch in der Unmenschlichkeit“); eine Nachdichtung Franz Fühmanns in Ady (1977: 66f.).</span> mehr als einen Helfer, ich bekam einen Lebensgefährten, meine Frau, die selbst auch Kommunistin gewesen war, selbst den weißen Terror überlebt hatte […]. Uns gegenseitig bestärkend, versuchten wir in unserem bewegten Emigrantenleben das zu verwirklichen, was wir für unsere einzige Aufgabe hielten […]. Wir wußten, was nicht erlaubt war […]. Es war nicht erlaubt, zur Waffe zu greifen, es war nicht erlaubt, aus Sorge für die morgigen Tage unser Brot heute nicht zu teilen […] nicht erlaubt, nur für uns gegenseitig da zu sein. […] Dies waren jene Wiener Jahre, in denen wir mehr oder weniger außerhalb des Rahmens der bürgerlichen Gesellschaft gemeinsam mit polnischen, deutschen, balkanischen und ungarischen kommunistischen Emigranten von Gelegenheitsarbeiten, minimalen Unterstützungen und der gegenseitigen Armut – denn auch das kann man – lebten. (Ebd.: 61f.)</p>
</blockquote>



<p>Sinkó zeichnete 1924/25 als Herausgeber der in Wien erscheinenden Zeitschrift <em>Testvér </em>(Der Bruder) und veröffentlichte dort ca. fünfzig Artikel u. a. zu Meister Eckhart, Matthias Claudius, Angelus Silesius oder Sören Kierkegaard (Sinkó 1990b: 608–610). Irma Rothbart war in <em>Testvér </em>unter dem Pseudonym Klára Kertész mit vier Beiträgen vertreten (ebd.: 463).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="43"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup43">43</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="43">Zur programmatischen Ausrichtung der Zeitschrift vgl. Kerekes (2018: 67f.); dort auch Hinweise auf ungarische Sekundärliteratur.</span>Vor allem aber setzte sie ihr Medizinstudium fort. Im Februar 1926 wurde sie an der Universität Wien promoviert, ihre Famulatur absolvierte sie im Städtischen Krankenhaus von Sarajewo (Jugoslawien). Nach erneuten kürzeren Aufenthalten in Wien und Graz<span class="oes-note oes-popup" data-fn="44"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup44">44</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="44">Die Wiener <em>Medizinische Wochenschrift</em> (Nr. 30/1927, S. 1009) vermeldet unter dem 23. Juli 1927, dass sich „Dr. Irma Rothbart Spitzer“ in Graz als Ärztin niedergelassen habe.</span> arbeitete sie bis 1931 als Ärztin in dem fast ausschließlich von Batschka-Schwaben bewohnten Dorf Prigrevica Sveti Ivan (St. Johann an der Schanze) in der Vojvodina, unweit von Apatin, dem Heimatort Sinkós, der sich nun ganz dem Schreiben widmete. Von Prigrevica Sveti Ivan ging es – unter Zurücklassung fast aller Bücher (Sinkó 1990a: 82) – nach viereinhalb Jahren und einem Zwischenaufenthalt in Zürich erneut für anderthalb Jahre nach Wien. Eine ihr nach dem Tod des Vaters zugefallene Erbschaft ermöglichte Rothbart dort eine Zusatzausbildung zur Röntgenologin am renommierten Institut Holzknecht (Sinkó 1990b: 490).</p>



<p>Neben ihrer medizinischen Fortbildung begann Rothbart 1931, kürzere Prosatexte ihres Mannes aus dem Ungarischen ins Deutsche zu übersetzen. Die erste dieser Übersetzungen erschien – signiert mit dem Pseudonym Klára Kertész – unter dem Titel <em>Der graue Alltag</em> im April 1931 in der Zürcher Zeitschrift <em>Frauenrecht</em>. Im Oktober folgte in der <em>Wiener Arbeiter-Zeitung</em> die Erzählung <em>Andreas wird bewaffnet</em>, jetzt signiert mit „Irma Rothbart“. Knapp zwanzig von ihr ins Deutsche gebrachte Texte mit Titeln wie <em>Peter ist arbeitslos</em>, <em>Der Unpolitische</em> oder <em>Kleines Ereignis: Budapest 1919</em> verzeichnet die Sinkó-Bibliografie (Sinkó 1990b: 612–614). Darunter finden sich auch die elf Kapitel von <em>Menschen und Fahnen. Eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Kriege</em>, veröffentlicht in Fortsetzungen zwischen Mai 1934 und März 1935. Publiziert wurden die Texte – oft mit der Angabe „Autorisierte Übersetzung aus dem Ungarischen von Irma Rothbart“ – in Wiener Zeitungen wie <em>Das kleine Blatt</em>, <em>Der Wiener Tag</em>, <em>Der Kuckuck</em>, <em>Arbeiter-Zeitung</em> und <em>Der Bücherwurm</em>, aber auch in der Schweiz (<em>Frauenrecht</em>, Zürich; <em>Arbeiter-Zeitung</em>, Basel) und in Deutschland, wo 1931 die Weihnachtserzählung <em>Gyurka springt für Jesus ein</em> in einer Beilage der Bielefelder <em>Volkswacht </em>erschien. In überregionalen deutschen Tageszeitungen oder gar in führenden Literaturzeitschriften wurden Rothbarts Übersetzungen nicht gedruckt und die Honorare für den Originalautor wie für die Übersetzerin dürften nicht üppig gewesen sein.</p>



<p>Gleich nach dem Berliner Reichstagsbrand und in nicht unberechtigter Furcht vor einer Ausbreitung des vom Deutschen Reich her drohenden Faschismus sind Rothbart und Sinkó „aus der stickigen Atmosphäre Wiens“ (Sinkó 1990a: 20) nach Paris übergesiedelt. Dort lebten die beiden von „oft grotesken Gelegenheitsarbeiten“ Rothbarts (ebd.). Für ihren Beruf als Ärztin bekam sie keine Arbeitserlaubnis. Ervin Sinkó brachte an einem „frühen Wintermorgen des Jahres 1934“ (ebd.: 6) seine in der dörflichen Abgeschiedenheit von Prigrevica Sveti Ivan begonnene Niederschrift des Romans <em>Optimisták </em>zum Abschluss. Aber:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was war das Manuskript schon wert, von der Frau des Autors – der Armen – fein säuberlich auf manchmal schwer zu beschaffendem, schönem weißem Papier getippt? Was sollte ein 1200 Seiten starkes Romanmanuskript, wenn es zu den übrigen Manuskripten kam, die auf dem Schrank oder unter dem Bett in einem von schweren Lasten und vielen Reisen arg mitgenommenen Massengrab, genannt Vulkanfiberkoffer, ihr Dasein fristeten? Die Frage […] hat einmal der ungarische Lyriker Andre Ady auf eine kurze Formel gebracht: „Was ist der Mensch wert, wenn er Ungar ist?“ (Ebd.: 7)</p>
</blockquote>



<p>Und wie viel weniger noch war dieser Ungar wert, wenn keine Aussicht bestand, seinen in dreieinhalb Jahren entstandenen Roman in Horthys faschistoidem Ungarn oder im monarchofaschistischen Jugoslawien herausbringen zu können? Den Ausweg wusste Irma Rothbart. Sie begann – noch während Sinkós Arbeit an den Schlusskapiteln – die <em>Optimisták </em>ins Deutsche zu übersetzen (ebd.: 16), weil es „auf jeden Fall leichter wäre, auf der großen Welt jemanden zu finden, der Deutsch lesen konnte, als […] einen, der Ungarisch verstand“ (ebd.: 13). Dennoch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ins Deutsche? Im Jahre 1934, als man in Deutschland selbst bereits gedruckte Werke, falls sie etwas taugten, auf den Scheiterhaufen warf? Einen ungarischen Roman ins Deutsche übersetzen, als ein Heer von deutschen Schriftstellern mit in ganz Europa bekannten Namen, in die Emigration getrieben, nicht einmal mit Originalmanuskripten etwas anfangen konnte? Verfluchte ich die schweren Koffer nicht schon jetzt bei jedem unserer häufigen Umzüge? Besaßen wir überhaupt noch einen Koffer, in dem sich keine Manuskripte befanden? (Ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Sinkó hatte 1934 keinerlei Kontakte zur französischen Literaturszene. Seine Versuche, bei französischen Verlagen oder Zeitschriften Interesse für seinen Roman zu wecken, scheiterten. Doch dann ergab sich vermittelt durch den „roten Grafen“ Mihály Károly<span class="oes-note oes-popup" data-fn="45"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup45">45</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="45">Károly hatte im November 1918 in Budapest die Volksrepublik ausgerufen („Asternrevolution“) und lebte seit Juli 1919 im Pariser Exil.</span>ein Kontakt zu Romain Rolland, dem friedensbewegten Nobelpreisträger von 1915 und weithin geachteten sowjetfreundlichen Schriftsteller. Durch seine Fürsprache erschienen nun zahlreiche Sinkó-Texte in französischen Zeitungen, darunter in <em>Europe </em>der von Jean Guéhenno angeregte, von Yvonne Pujade übersetzte und von Rolland sprachlich redigierte autobiographische Schlüsseltext <em>En face du juge</em> (<em>Szemben a bíróval</em>). <span class="oes-note oes-popup" data-fn="46"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup46">46</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="46">In der erstmals 1985 veröffentlichten, aus dem ungarischen Original erstellten deutschen Übersetzung <em>Vor dem Richter </em>fehlen zwei auf Rollands Anraten geschriebene Schlusspassagen mit Sinkós (angesichts der Ausbreitung des Faschismus und der drohenden Kriegsgefahr) Absage an das Prinzip der Gewaltlosigkeit (vgl. Sinkó 1985: 66 und Sinkó 1935: 71f.)</span> Vor allem aber gelangten Sinkó und Rothbart im Mai 1935 nach Moskau, wo sie sich nach 15 drückenden Exiljahren eine neue dauerhafte Existenz aufzubauen versuchten.</p>



<p>Während sich Sinkó – unterstützt u. a. von Béla Kun und <a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">Alfred Kurella</a> – um die deutsche und russische Veröffentlichung seines Romans über die ungarische Räterepublik in sowjetischen Verlagen bemühte, arbeitete Irma Rothbart als Ärztin, was ihr, anders als zuvor in Paris, umstandslos gestattet wurde. Was Sinkó und Rothbart in den zwei Jahren bis zu ihrer Ausweisung aus der Sowjetunion im April 1937 erlebten, hat Sinkó in einem auf Ungarisch geschriebenen Tagebuch festgehalten. Dieses Tagebuch wurde – von Sinkó 1953/55 ergänzt um einzelne Kontextualisierungen sowie die Vor- und Nachgeschichte des Moskauer Aufenthaltes<span class="oes-note oes-popup" data-fn="47"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup47">47</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="47">In der von mir konsultierten textkritischen ungarischen Ausgabe von 1988 findet sich ein philologischer Bericht des Sinkó-Experten István Bosnyák: Er hat die im Zagreber Nachlass erhaltenen Tagebuchaufzeichnungen aus den 1930er Jahren und sonstigen Materialien (Briefe von Rolland, Verlagsgutachten und -verträge, Zeitungsausschnitte usw.) herangezogen (vgl. Sinkó 1988: 653–655). In der von Bosnyák edierten Neuausgabe sind die von Sinkó 1953/55 hinzugefügten, ca. 100 von insgesamt 600 Druckseiten umfassenden Textteile kursiv gesetzt. So verfährt auch die von George Deák (leider nur zu zwei Dritteln) übersetzte und mit einer profunden Einleitung versehene amerikanische Ausgabe von 2018. Es lassen sich in diesen beiden Ausgaben also deutlich die von Sinkó nachträglich geschriebenen Ergänzungen bzw. Erinnerungen ausmachen.</span> 1955 in kroatischer Übersetzung in Zagreb verlegt (<em>Roman jednog romana. Bilješke iz moskovskog dnevnika od 1935 do 1937 godine</em>; 546 S.). 1961 folgte in zwei Bänden im jugoslawischen Újvidék/Novi Sad die erste ungarische Ausgabe (508 u. 376 S.), die dann von Edmund Trugly aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt und leicht gekürzt 1962 in Köln veröffentlicht wurde: <em>Roman eines Romans. Moskauer Tagebuch</em>.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="48"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup48">48</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="48">Ob Sinkó 1955 bei der Festlegung des Titels <em>Egy regény regénye</em> Thomas Manns 1949 erschienenen <em>Roman eines Romans</em> über die Entstehung des <em>Doktor Faustus</em> vor Augen hatte, kann ich nicht sagen. </span> Diese deutsche Version, aus deren 1990 erschienenem und mit einem Nachwort von Alfred Kantorowicz versehenem fotomechanischen Nachdruck (Sinkó 1990a)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="49"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup49">49</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="49">Die Angabe im verlegerischen Peritext  – „Übersetzt aus dem Serbokroatischen von Edmund Trugly jun.“ – beruht auf einem Irrtum. Trugly hat den ungarischen Originaltext ins Deutsche gebracht. </span>in diesem UeLEX-Beitrag zitiert wird, wurde in den Jahrzehnten vor Öffnung der Moskauer Archive primär dazu genutzt, eine auf zeitgenössischen Quellen beruhende Vorstellung von den Exilbedingungen in der Sowjetunion in den Anfangsjahren des Stalinkults und der stalinistischen „Säuberungen“ zu gewinnen (vgl. Kantorowicz 1977; Sinkó 1976; Walter 1972: 346f.; Walter 1984: 212–220).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="50"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup50">50</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="50">Auch zwei neuere deutschsprachige Beiträge zu Sinkó (Hesse 2017: 454–471; Hesse 2018) stützen sich auf diese deutsche Übersetzung von 1962.</span><code> </code>In Ungarn konnte zensurbedingt die ungarische Originalversion erst 1979 erscheinen.</p>



<p>In seinen Moskauer Tagebuchnotizen hat Ervin Sinkó detailreich die unglaublichen „Irrfahrten“ (Sinkó 1990a: 78) seines Romans bzw. der von Irma Rothbart erstellten deutschen Übersetzung festgehalten (vgl. Kelletat 2023: 412–420, 424–427). Daneben werden viele andere Themen und Ereignisse angesprochen: Spaziergänge der beiden durch die Stadt; Theater-, Opern- und Filmaufführungen („‚Peter‘ mit Franziska Gaál in der Hauptrolle […] ist der einzige ausländische Film, der in den hiesigen Kinos gespielt wird“; Sinkó 1990a: 271); der gemeinsame Besuch im nach Gorki benannten Kulturpark („Triumph der Konzeption des Kindergartens“; ebd.: 139); die satirisch beschriebene Friedhofsbegegnung mit dem Bildhauer Iwan Dmitrijewitsch Schadr, der das Grabmal für Stalins verstorbene Frau Nadjeshda Allilujewa geschaffen hat (ebd.: 192–195); die Teilnahme an einem auch von „vielen jungen Männern und Frauen“ besuchten orthodoxen Gottesdienst (ebd.: 229–231); Gespräche mit deutschen Komintern-Mitarbeitern im Hotel Lux samt Erstaunen darüber, dass man sogar dort damit rechnet, „daß in den Heizkörpern Abhörgeräte untergebracht sind“ (ebd.: 136); die Besichtigung des hochmodernen, weltweit einzigartigen „Abortariums“ und die völlig überraschende wenige Tage darauf erfolgende Wiedereinführung des Abtreibungsverbots (ebd.: 90 u. 108); Alfred Kurellas eloquente Rechtfertigung dieser „Restauration der Familie, der Ehe“ (ebd.: 134f.); die „Emanzipation der Frau“, die in der sozialistischen Revolution „irgendwo steckengeblieben“ sei: „In den führenden Positionen der Regierung und der Partei ausschließlich Männer“ (ebd.: 147); die erfolglos bekämpfte Lieblingslektüre der Mittelschuljugend: „Krimis und Gruselgeschichten“ aus der Zarenzeit statt Awdejenkos <em>Ich liebe</em>, dessen Held freilich „vor allem in seine Maschinen verliebt ist“ (ebd.: 204); der Lohn eines „tschernorabotschij“, eines ungelernten Arbeiters (64 Rubel), im Vergleich zu einer Stenotypistin (125 Rubel) (ebd.: 159) und der fürstlichen Honorierung eines in vier Wochen Arbeit erstellten Filmskripts (10 000 Rubel); die niedrige „Arbeitsleistung des durchschnittlichen Sowjetarbeiters, des Bauern von gestern“, im Vergleich zu Arbeitern in kapitalistischen Unternehmen (ebd.: 143); die Militarisierung der Kinderliteratur (ebd.: 303); Begegnungen mit offiziell nach Moskau eingeladenen französischen Schriftstellern (ebd.: 297 u. 333–339); das Erstaunen Malraux’ während einer von hunderten Autoren besuchten Versammlung des sowjetischen Schriftstellerverbands zu Fragen des Formalismus und Realismus: „Tout ça écrit?“ (ebd.: 338); die „ein wenig zu auffällig organisierte Fröhlichkeitspropaganda“, die Kurella als „eine der Erscheinungsformen des neuen Humanismus“ erklärt – Sinkó und Rothbart „könnten gar nicht ermessen, wie schrecklich die schwierigen Jahre des ersten Fünfjahrplans und die Kollektivierung im Leben dieses Volkes waren, das jetzt erst richtig lernen muß, sorglos zu lachen“ (ebd.: 168); usw. usf.</p>



<p>Um die deutsche Übersetzung des Sinkó-Romans in Moskau veröffentlichen zu können, verlangte Otto Bork<span class="oes-note oes-popup" data-fn="51"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup51">51</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="51">Otto Bork, geboren am 5. September 1893 in Böllberg bei Halle (Saale), trat 1919 der KPD bei, war seit 1920 unter dem Parteinamen Otto Unger Funktionär der KPD, tätig zunächst in der Jugendarbeit, später im militärpolitischen Apparat der Partei. 1932 wurde er Prokurist sämtlicher Zeitungsverlage der KPD. 1933 kam er durch Verrat ins KZ, konnte aber 1934 nach Moskau emigrieren, wo er für die VEGAAR arbeitete. Im November 1937 wurde Unger vom „Volkskommissariat für innere Angelegenheiten“ (NKWD) verhaftet, am 19. März 1939 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag erschossen (vgl. Weber/Herbst 2008: 958f.) </span> von der „Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR“ (VEGAAR) u. a. eine schriftliche Erklärung Béla Kuns, der mächtigsten Figur der Ungarischen Räterepulik und seit 1924 Führungsmitglied der Komintern, dass er keine Einwände gegen die Veröffentlichung des Buches habe. Als diese „Bumaschka“ im Juni 1935 vorlag, wollte der Verlag den Vertrag mit Sinkó noch immer nicht ausstellen, sondern beauftragte im Juli und August 1935 nacheinander die Autoren Hans Günther und Alfred Kurella mit der Erstellung weiterer Gutachten. Am 16. August 1935 ergriff Kurella „mit beispielloser Kühnheit“ (ebd.: 259) für <em>Die Optimisten</em> Partei. Sinkó und Rothbart sahen in Kurella, der heute meist als verknöcherter, spätstalinistischer DDR-Literaturfunktionär erinnert wird, über ihre Moskauer Zeit hinaus einen verlässlichen Freund. Ob er das tatsächlich war, ist schwer einzuschätzen. Etwas skeptisch machen kann einen das, was Kurella am 8. September 1936 in der geschlossenen Parteiversammlung der deutschen Kommission des Sowjet-Schriftstellerverbandes über die beiden gesagt hat:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Noch ein Wort über den Genossen Ervin Sinkó. Ich denke, daß man ihn heranziehen muß, er ist ein guter Genosse und ein sehr guter Schriftsteller. Die Genossen werden auch sein Buch kennen. Der einzige wunde Punkt ist seine Frau, die ihren Stimmungen nach eine ewige Meckerin ist […]. Und die auf ihn einen ungünstigen Einfluß ausübt. Er spricht sehr gut deutsch. Ich habe ihn mit verschiedenen Genossen in Verbindung gebracht. Er ist hier. (zit. n. Müller 1991: 505)<br></p>
</blockquote>



<p>In seinem Gutachten (Wortlaut Sinkó 1990a: 260–264) wies Kurella von Günther vorgeschlagene Kürzungen strikt zurück, empfahl stattdessen eine „Teilung in zwei Bände“, für die er „eine recht schnelle Herausgabe“ wünschte (ebd.: 264). Ausdrücke wie „Leninburschen“, gegen die Einwände erhoben worden waren, erklärte er zu einer Frage der Terminologie und somit der Übersetzung. Zu Rothbarts Übersetzung schrieb er am Ende seines Gutachtens:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>[Sie] ist im ganzen sehr gelungen und scheint ein treues Bild vom Sprachstil des Originals zu geben. Dieser Stil zeichnet sich durch große Einfachheit und Bildhaftigkeit und durch eine sehr stark gestaltende Formulierung der Dialoge aus. Das macht das Buch auch für den einfachen Leser sehr zugänglich. Immerhin spürt man zuweilen, daß die Übersetzung von einem Ausländer gemacht ist, der in Österreich aufgewachsen ist. Manchmal greift die Sprache am richtigen Ausdruck vorbei. Deshalb bedarf die ganze Übersetzung vor Drucklegung einer aufmerksamen Durcharbeitung unter Mitwirkung des Autors. (Ebd.: 264)</p>
</blockquote>



<p></p>



<p>Wie auch immer: Die beiden positiven Gutachten von Günther und Kurella reichten Otto Bork nicht aus. Der Vertrag, hieß es nun, müsse von Borks Chef unterschrieben werden, um rechtskräftig zu werden. „Er heißt Krebs.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="52"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup52">52</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="52">Michail Kreps (in der Exilliteratur oft als Krebs, manchmal auch als Krenz bezeichnet; vgl. Schick 1992: 1 u. 7), geboren 1895, lettischer Kommunist, war Leiter der Verlagsabteilung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) und Direktor der VEGAAR. Kreps wurde am 27. Juli 1937 verhaftet und am 27. Oktober 1937 erschossen (vgl. Vollgraf/Sperl/Hecker 2001: 415). </span>Nomen est omen?“ (ebd.: 265) – Kurella berichtet aus den Ferien von einem Brief Rollands, in dem von „guten Nachrichten […] über die baldige Veröffentlichung der ‚Optimisten‘“ die Rede sei; „woher und von wem erhält Rolland diese guten Nachrichten?“ (Ebd.: 266).</p>



<p>Am 3. Oktober 1935 wurde der Vertrag für die Herausgabe der deutschen Übersetzung des Romans von der VEGAAR unterschrieben. Diese Übersetzung allerdings sollte laut Vertrag bis zum 1. Januar 1936 um gut ein Drittel auf „fünfundreißig Bogen zu je 40 000 Anschlägen“ (= 560 Seiten à 2 500 Zeichen) reduziert werden (ebd.: 285).<br><br>Ihre Moskauer Eindrücke besprachen die beiden 1935 häufig mit Bruno Steiner, einem österreichischen Ingenieur, der bereits seit fünfzehn Jahren in der Sowjetunion lebte (vgl. ebd.: 120–123) und Haus und Haushalt mit Isaak Babel teilte, der dann ebenfalls den Autor der <em>Optimisten </em>kennenlernen wollte. Im Herbst 1935, als eine von der VEGAAR verlangte Kürzung der deutschen Übersetzung von 1200 auf 800 Typoskriptseiten anstand, musste Steiner für längere Zeit nach Wien und überließ seine Wohnung mit Babels Einverständnis Sinkó und Rothbart. Bei nächtlichen Treffen in der Küche entstand eine Freundschaft zwischen den dreien. Der <em>Roman eines Romans </em>ist dadurch auch eine wichtige Quelle für die Babel-Biografik (vgl. Krumm 2005: 158, 167 u. 177f.). Und in jedem Beitrag über Sinkó wird Babels „Charakterisierung“ seines ungarischen Schriftstellerkollegen zitiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Aber Erwin Isidorowitsch! Wie kann man bloß Attribute – eines unmöglicher als das andere! – so häufen wie Sie! Ungar sein ist an sich schon ein Unglück, aber das geht ja irgendwie noch, aber Ungar und Jude sein – das geht auf keine Kuhhaut! Ungar und Jude und kommunistischer ungarischer Schriftsteller – das grenzt schon an Perversität. Aber Ungar, Jude, kommunistischer ungarischer Schriftsteller und dazu noch jugoslawischer Staatsbürger – und das heute –, dagegen nimmt sich die Phantasie von Sacher-Masoch selig einfach wie ein unschuldiger kleiner Pinscher aus!“ Er mußte die Brille ablegen – er lachte, daß ihm die Tränen kamen. Ich habe noch nie einen Menschen so mit dem ganzen Körper lachen sehen. […] Alles deutet darauf hin, daß diese Nacht der Beginn einer Freundschaft gewesen ist. (Sinkó 1990a: 296f.)</p>
</blockquote>



<p>Babel unterstützte Sinkó bei dessen Bemühungen, bei Mosfilm Drehbücher unterzubringen (vgl. Hesse 2017: 465–471), und vermittelte Sinkós autobiografisches Porträt an die Redaktion der <em>Krasnaja Now</em> (Rotes Neuland). Die Veröffentlichung dieses Textes wäre, so Babel Ende Januar 1936, deshalb wichtig, weil dadurch der Weg für die russische Ausgabe der <em>Optimisten</em> frei werden würde. „Macht jemand den Anfang und die anderen sehen, daß alles glatt geht, bekommen auch sie ‚Mut‘“ (Sinkó 1990a: 302). Am 2. Februar konnte Babel berichten, dass einer der Redakteure die Erzählung „bereits gelesen habe und sie so interessant finde, daß er trotz alledem ihre Veröffentlichung befürwortet habe“ (ebd.: 307).</p>



<p>Mit dem „trotz alledem“ dürften auch jene kulturpolitischen Verhärtungen gemeint gewesen sein, die im Anschluss an den vernichtenden <em>Prawda</em>-Artikel vom 28. Januar 1936 über Schostakowitschs Oper <em>Lady Macbeth von Mzensk</em> („Chaos statt Musik“) nicht mehr zu übersehen waren. Eine Woche später sagte Irma Rothbart bei einem der nächtlichen Gespräche in der gemeinsamen Küche,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>sie habe den Eindruck, daß die Kampagne gegen Schostakowitsch lediglich den Auftakt zu einer umfassenden Kampagne bilde, und fragte Babel, ob er auch der gleichen Meinung sei. / „Ich verstehe nur eines nicht: Wie kann man das Leben mit einer so klugen Frau wie dieser Irma Jakowlewna bloß aushalten?“ entgegnete Babel an mich gewandt; diese scherzhafte Bemerkung, über die er sich köstlich amüsierte, war eine Antwort und zugleich auch keine Antwort. (ebd.: 315)</p>
</blockquote>



<p>Die mit Babel geteilte Wohnung in der Bolschoj Nikoloworybinskij pereulok, der Großen Nikoloworobinsker Gasse, war vor allem auch jener Ort, an dem durch drei Monate in relativer Ruhe an der von der VEGAAR verlangten Kürzung der <em>Optimisten </em>gearbeitet werden konnte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich schrieb einige Kapitel völlig neu, um den Umfang wie gewünscht verringern zu können. M. mußte den ganzen Roman noch einmal – zum drittenmal!<span class="oes-note oes-popup" data-fn="53"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup53">53</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="53">Die erste deutsche Übersetzung erstellte Rothbart in Paris, auf eine zweite konnte ich keinen Hinweis finden; dass im Winter 1935/36 eine dritte entstand, wird so auch im ungarischen Original behauptet: „harmadszor!“ (Sinkó 1988: 358). </span>– übersetzen, außerdem half sie mir bei der Kürzung der übrigen Kapitel. (Wir mußten so kürzen, daß nichts Wesentliches verlorenging.) Pohl<span class="oes-note oes-popup" data-fn="54"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup54">54</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="54">Otto Pohl, geboren am 28. März 1872 in Prag, absolvierte dort sein Jura-Studium, wurde Sozialdemokrat, Redakteur der <em>Arbeiter-Zeitung</em> und war ab 1920 in verschiedenen Funktionen in Moskau tätig (u. a. als Gesandter Österreichs). Mit seiner Stieftochter, der Übersetzerin <a href="https://uelex.de/uebersetzer/schwarz-lotte/" data-type="uelex_article" data-id="2002283">Lotte Schwarz</a>, gab er von 1929 bis 1934 die <em>Moskauer Rundschau</em> heraus. Mit seiner Lebenspartnerin Margarethe Schwarz-Kalberg emigrierte er 1937 nach Paris; 1938 wurde ihm nach der Okkupation Österreichs durch das Deutsche Reich das österreichische Ruhegehalt gestrichen; gemeinsam schieden Pohl und Schwarz-Kalberg am 9. Juli 1941 auf der Flucht vor den deutschen Häschern in Vaison-la-Romaine (Südfrankreich) aus dem Leben (vgl. Kelletat 2022: 450 sowie die Informationen zu Pohls Nachlass im Österreichischen Staatsarchiv: ‹www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=1405›; letzter Aufruf: 21. April 2022).</span> korrigierte die deutsche Übersetzung, er fahndete gleichzeitig nach Sätzen, die in eine noch kompaktere Form gebracht werden konnten, sowie nach Möglichkeiten, neue Absätze zu vermeiden. Als wir mit diesen Arbeiten fertig waren, brachte M. [= Mizzi = Irma Rothbart] das Manuskript zu Bork – ich hatte dazu einfach nicht mehr die Kraft. (Ebd.: 285)</p>
</blockquote>



<p>Zu bedenken ist dabei, dass Irma Rothbart die Übersetzungsarbeit neben ihrem Hauptberuf als Ärztin bzw. ausländische Expertin in „Professor Fränkels Krebsinstitut“ erledigte (ebd.: 132). Da Sinkó zunächst vergeblich auf Honorare wartete und ihr Monatslohn (150 Rubel) zum Leben nicht reichte, hatte sie bereits Ende Juni 1935 noch „ein paar Stunden röntgenologische Arbeit in der Poliklinik des ‚Scharikopodschipnik‘, der Kugellagerfabrik, übernommen“ (ebd.: 141). Ihr Monatsgehalt auf beiden Arbeitsstellen deckte jedoch nicht einmal „unseren Anteil am Haushaltsgeld für zwei Wochen – und wir leben schon seit einem Monat auf Babels Kosten“ (ebd.: 349).</p>



<p>Dennoch: Nach fünfzehn Monaten immer neuer Anläufe hatten Sinkó und Rothbart den Eindruck, dass sie es doch noch geschafft hätten, in der Sowjetunion ein neues Leben anzufangen. Sie arbeitete als Ärztin „in einem wissenschaftlichen Institut von Rang“ und er hatte dank eines erfolgreich erledigten Auftrags für Mosfilm so hohe Einnahmen, dass „endlich auch einmal wir sorglos in Urlaub fahren konnten“ (ebd.: 365). Trotz verstörender Moskauer Erlebnisse blieben sie überzeugt, mit ihrer Auswanderung in die Sowjetunion die richtige Entscheidung getroffen zu haben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Von der Minute an, als unser Zug über die Brücke jenes Flusses rollte, der die Sowjetunion vom Königreich Rumänien trennte, war alles, was wir sahen und erlebten, Propaganda für jene andere, im Aufbau befindliche Welt, aus der wir kamen. (Ebd.: 363)</p>
</blockquote>



<p>Den Urlaub wollten sie in einem siebenbürgischen Kurort, im seit 1919 zu Rumänien gehörenden Borszék, verbringen, dort auch Bruno Steiner, dem Mitte Juni 1936 völlig überraschend die Wiedereinreise in die Sowjetunion verwehrt worden war (ebd.: 357), und Sinkós Eltern treffen. Aber es kam nur zu einer Begegnung mit Steiner, der sich – nach fünfzehn Jahren Moskau – in Wien „wie ein Verbannter“ vorkam, der „in dieser Welt der Börsenspekulanten und Geschäftemacher“ seinen Platz nicht mehr finden konnte (ebd.: 366). Dann wurden sie von der Siguranca, der politischen Polizei, als unerwünschte Ausländer aus Rumänien ausgewiesen (ebd.). Kurz vor ihrer Rückkehr in die Sowjetunion lasen sie am Bahnhof von Kischinew die Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, dass in fünf Tagen „ein Prozess gegen Sinowjew, Kamenew, Smirnow und dreizehn weitere Mitangeklagte beginnen würde“ (ebd.: 371). Den Rest ihres Urlaubs verbrachten sie am Schwarzen Meer in Odessa, mit Isaak Babel als Fremdenführer durch die Stadt seiner Jugend.</p>



<p>Ende März 1937, als von den jeweils Verantwortlichen die deutsche und auch die russische Herausgabe der <em>Optimisták </em>mit immer neuen fadenscheinigen Begründungen<em> </em>aufgeschoben worden war (vgl. Kelletat 2023: 424–427),<span class="oes-note oes-popup" data-fn="55"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup55">55</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="55">Diese Scheu der Verlagsleute vor der Übernahme von Verantwortung war gewiss kein Einzelfall. Trude Richter erzählt in ihren Erinnerungen an die Exiljahre in Moskau über die Schwierigkeiten, die ihr Lebenspartner Hans Günther mit seinem Buch <em>Der Herren eigner Geist. Die Ideologie des Nationalsozialismus</em> hatte: „Bereits 1934 lag das Manuskript fertig vor, aber mit dem Erscheinen haperte es. Obwohl sämtliche Lektoren des Verlages Ausländischer Arbeiter in Moskau [sic!] von dem Projekt sehr angetan waren, wollte doch keiner die Verantwortung einer Veröffentlichung übernehmen. So wanderte die Handschrift weiter von einer Instanz zur nächst höheren, stets mit demselben Ergebnis, bis sie endlich auf dem Schreibtisch des Genossen Dimitroff landete. Dieser las sie hintereinander in einer Nacht durch und schrieb mit Rotstift darunter: ‚Unverzüglich veröffentlichen in vier Sprachen.‘ Am nächsten Tag drehten sich die Räder reibungslos […]“ (Richter 1990: 278f.). </span>wurden Rothbart und Sinkó – wie viele andere Ausländer in jener Zeit – aufgefordert, binnen 14 Tagen die Sowjetunion zu verlassen. Freunde und Kollegen in Moskau um Hilfe zu bitten, war aussichtslos und eine Rückkehr nach Jugoslawien kam wegen der in die Pässe gestempelten Sowjetvisen nicht in Betracht. Sie mussten wieder nach Frankreich, aber das französische Konsulat in Moskau erklärte, nur auf Anweisung aus Paris die erforderlichen Einreisevisen ausstellen zu dürfen. Irma Rothbart erreichte in einem nächtlichen Telefongespräch einen ihr entfernt bekannten kommunistischen Arztkollegen in Paris und bat um Hilfe. Seine Reaktion: „Vous pouvez compter sur nous pour que tout ce qui est possible soit fait pour vous.“ (ebd.: 425).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="56"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup56">56</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="56">Übersetzt in Sinkó 1990a: 425: „Sie können sich auf uns verlassen, wir werden alles, was möglich ist, für Sie tun.“</span> An dieser spontanen Hilfsbereitschaft erkannten Rothbart und Sinkó erstmals, in welche Gefahr sie geraten waren<span class="oes-note oes-popup" data-fn="57"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup57">57</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="57">Dass 1937 auf einem Personalbogen der Komintern unter dem Namen Ervin Sinkó vermerkt war: „des Trotzkismus verdächtigt“, konnten die beiden seinerzeit natürlich nicht wissen (vgl. Buckmiller/Meschkat 2007).</span> und als „wie beängstigend dramatisch auch in Paris Genossen die Ereignisse in der Sowjetunion empfanden“ (ebd.). Vier Tage vor Ablauf der Frist bekamen sie das Visum für Frankreich. Nun mussten noch die Durchreisevisen für Österreich und die Schweiz, Geld für die Reisekosten und die Erlaubnis zur Ausfuhr der Manuskripte und Bücher besorgt werden. Für Letzteres war eine Sonderabteilung im Gebäude des Volkskommissariats für Volksbildung zuständig, aber „Lift nje rabotajet“ (ebd.: 426):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>M. und ich schleppten uns mit denselben Vulkanfiberkoffern, die wir vor zwei Jahren in Rouen qualvoll die steile Eisentreppe des Frachters „Witebsk“ [mit dem sie von Frankreich nach Leningrad gekommen waren] hochgeschleppt hatten, um mit ihnen nach Moskau zu fahren, jetzt die Treppe zur dritten Etage des Volkskommissariats für Volksbildung hinauf. Als zusätzliche Last schleppten wir diesesmal noch Exemplare kompletter und gekürzter Fassungen des Manuskripts der <em>Optimisten</em> in verschiedenen Sprachen […]. Und das alles nur, um die Genehmigung zu erwirken, diesen verdammten großen Manuskripthaufen, der sich seit fünfzehn Jahren nur vermehrt und mir immer mehr zu einem dummen Fluch wurde, dorthin zurückzuschleppen, woher wir gekommen waren. (Ebd.)<br></p>
</blockquote>



<p>Das Tagebuch war nicht in einem dieser Koffer, es wurde per Luftpost an einen Pariser Freund geschickt. Am 14. April 1937 verließen Rothbart und Sinkó Moskau, was dem Paar – anders als vielen ihrer Moskauer Bekannten wie Béla Kun<span class="oes-note oes-popup" data-fn="58"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup58">58</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="58">Am 5. September 1936 wurde Béla Kun auf der Zusammenkunft des Zentralkomitees des Politbüros seiner offiziellen Funktionen enthoben, aber noch zum Direktor des Verlags Gesellschaft und Ökonomie (<em>Szocekgiz</em>) ernannt. Am 28. Juni 1937 erfolgte die Verhaftung durch den NKWD, am 29. August 1938 wurde er erschossen (vgl. Székely 2008; Studer 2020: 543f.). </span>oder Isaak Babel<span class="oes-note oes-popup" data-fn="59"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup59">59</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="59">Isaak Babel wurde am 15. Mai 1939 verhaftet und beschuldigt, für den Westen spioniert zu haben. Unter schwerer Folter gestand er, Mitglied einer trotzkistischen Gruppe gewesen zu sein. Während der Gerichtsverhandlung widerrief er das Geständnis. Er wurde er am 26. Januar 1940 für schuldig befunden und am darauffolgenden Tag erschossen. Seine Witwe erfuhr erst 15 Jahre später von seinem Tod. Babels Manuskripte wurden bei seiner Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst beschlagnahmt und später verbrannt.</span> – das Leben rettete. Zum Abschied am Weißrussischen Bahnhof hatten sich noch einige Bekannte eingefunden. Unter ihnen ein Freund aus den Budapester Revolutionstagen, Károly Garai, der Sinkó „ernst, fast flehentlich“ bat: „Du wirst uns draußen nicht in Schande bringen, nicht wahr?“ (ebd.: 428)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="60"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup60">60</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="60">„Karcsi Garai ist ein reiner und guter Mensch“, notierte Sinkó nach einem gemeinsam verbrachten Abend im Juli 1935 (Sinkó 1990a: 216). Garai war in der Weimarer Republik auch in der KPD aktiv. 1933 kam er als politischer Flüchtling in die Sowjetunion, war 1935 unter dem Namen Karl Kürschner Redakteur, 1937 Chefredakteur der Moskauer <em>Deutschen Zentral-Zeitung </em>(vgl. zur DZZ Tashinskiy 2022), wurde im Oktober 1937 verhaftet, 1939 von einem NKWD-Tribunal freigesprochen, arbeitete in der ungarischen Redaktion im Allunions-Rundfunkkomitee, wurde erneut verhaftet und starb am 20. März 1942 im Gulag (vgl. Walter 1984: 234). </span>Ein Komintern-Mitarbeiter wollte Sinkó allein sprechen und trug ihm eine Nachricht für Malraux auf: Der solle in Interviews nicht mehr so unbedacht über die Zusammenarbeit von Revolutionären und Trotzkisten in Spanien sprechen, sonst könnten von ihm in der Sowjetunion keine Texte mehr veröffentlicht werden. Auch Alfred Kurella, der sich vorbehaltlos für die Veröffentlichung von Rothbarts deutscher Version der <em>Optimisták </em>eingesetzt hatte, war erschienen. Er überreichte Sinkó das im Vorjahr veröffentlichte Buch <em>Lettres de Lénine à sa famille, présentées par Henri Barbusse avec la collaboration de Alfred Kurella</em> mit der Widmung „Der Optimist / des Optimisten / dem Optimisten / der Optimisten“ (ebd.).</p>



<p>Die beiden blieben zunächst in Paris. Irma Rothbart durfte zwar nach wie vor nicht als Ärztin arbeiten, aber sie übersetzte „Auszüge für irgendeine chemische Zeitschrift“ (ebd.: 457) und übernahm Schreibarbeiten: „M. klappert auf der Schreibmaschine, täglich zehn Stunden lang“ (ebd.). Sie selbst schrieb im Nachtrag zu einem Brief Sinkós an Alfred Kurella (Paris, 5. Oktober 1937):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Lieber Alfred, […] was mich betrifft, lebe ich in einer Babylonischen Sprachverwirrung: ich übersetze aus dem Ungarischen ins Deutsche u. Französische, aus dem Deutschen ins Französische, aus dem Russischen ins Französische … Aber es geht uns trotz allem gut. Ja, was Sie vielleicht interessieren wird: Ich habe gehört, dass Romain Rolland nach Frankreich übersiedeln wird. / Viele Grüße an alle / von Mizzi. (Sinkó 2001: 398)</p>
</blockquote>



<p>Insgesamt konnten sie hoffen, in Paris einen „Lebensstandard der mehr oder minder konsolidierten Armut zu erreichen“ (Sinkó 1990a: 457). Auch zu deutschen Emigranten hatten sie Kontakt, Rothbart übersetzte Sinkós Kurzroman <em>Sorsok </em>(Schicksale) für Anna Seghers,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="61"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup61">61</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="61">Mit Anna Seghers, damals noch Netty Reiling, waren Sinkó und Rothbart schon Mitte der 1920er Jahre bekannt. In einem Brief an Sinkó vom 23. November 1924 berichtet László Radványi, dass (seine Verlobte) Netty ein Märchen für Sinkós Zeitschrift <em>Testvér </em>geschrieben und dass er selbst mehrere Abonnenten angeworben habe, u. a. Károly (Karl) Mannheim (Sinkó 2001: 294f. u. 517f.). – Mit Seghers, einer „robusten Natur“, sprach Sinkó 1937 auch über die verstörenden Entwicklungen in der Sowjetunion: „sie gestand mir überlegen-merkwürdig lächelnd mit einer Vertraulichkeit, die nur unter alten Freunden möglich ist: ‚Meine Methode: Ich verbiete mir mit Erfolg, über derartiges nachzudenken‘“ (Sinkó 1990a: 437). </span>die das Buch „eventuell bei einem Stockholmer deutschen Emigrantenverlag unterbringen könnte“ (ebd.: 458).</p>



<p>Den Sommer 1939 verbrachten Sinkó und Rothbart am Mittelmeer, in Sanary-sur-Mer. Franz Werfel hatte eine Stenotypistin gesucht und ihm war Rothbart empfohlen worden. Der Lohn, den ihr Werfel zahlte, reichte für beide zum Leben (ebd.). Bei Gesprächen mit Werfel und seiner Frau ging es wieder einmal um Veröffentlichungschancen für <em>Die Optimisten</em>. Werfel erwartete seinen amerikanischen Verleger und machte Sinkó Hoffnungen, dass der auch sein Verleger werden könnte. Ein anderer Besuch kam dann jedoch dem Verleger zuvor: Ribbentrops Besuch in Moskau. Den Beginn des Krieges erlebten Sinkó und Rothbart in Paris. Der <em>Roman eines Romans</em> schließt mit dem Eintrag zum 4. September 1939:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>In Sanary hatte M. keine Zeit, für mich Maschine zu schreiben. Werfel diktierte ihr seinen neuen Roman – ein Hohes Lied auf die „ewigen Werte“ des Katholizismus. Meine Manuskripte türmten sich währenddessen zu Bergen. Heute begann ich, M. zu diktieren. In Sanary hatte ich das zwölfte Kapitel der Vierzehn Tage beendet. Für mindestens fünf Tage war also Stoff zum Diktieren da. Fünf Tage! Werden wir überhaupt noch fünf Tage leben? (Ebd.: 474)</p>
</blockquote>



<p>Über einen weiteren, ebenfalls erfolglos gebliebenen Versuch, für die deutsche Übersetzung seines Romans einen Verleger zu finden, hat sich Sinkó im<em> Roman eines Romans</em> ausgeschwiegen. Es geht um seine Teilnahme an dem literarischen Preisausschreiben, zu dem die in New York ansässige, von Hubertus Prinz zu Löwenstein 1935 gegründete American Guild for German Cultural Freedom 1937 eingeladen hatte. Bis zum 1. Oktober 1938 konnten in deutscher Sprache Manuskripte von Bewerbern beliebiger Nationalität, die aus ihrer „ursprünglichen Heimat aus politischen Gründen vertrieben“ worden waren, eingereicht werden (Lehmann 1993: 374f.). Die äußerst hohe Preissumme von 4520 US-Dollar<span class="oes-note oes-popup" data-fn="62"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup62">62</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="62">Die von der American Guild ab Januar 1938 zunächst jeweils für ein Vierteljahr gezahlten „Arbeitsbeihilfen“ beliefen sich auf 25 bis 50 Dollar pro Monat (Lehmann 1993: 123f.). Brecht bekam im finnischen Exil von der Guild 1940 eine „Scholarship“ von 60 Dollar im Monat, was in Finnmark umgerechnet einem „mittleren bis gehobenen Gehalt“ entsprach (Neureuter 2007: 310).</span>setzte sich aus Honorar-Vorschüssen mehrerer Verlage zusammen, die das gekrönte Werk auf Englisch (Little, Brown &amp; Co., New York, bzw. William Collins, London), Französisch (Albin Michel, Paris), Deutsch (Querido-Verlag, Amsterdam) und Holländisch (Sijthoff-Verlag, Leiden) herausgeben wollten. Das Preisrichtergremium war denkbar prominent zusammengesetzt: Thomas Mann (Vorsitzender), Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Alfred Neumann, Rudolf Olden (ebd.). Bis zum Einsendeschluss gingen in New York 171 Manuskripte (Romane und Sachbücher) von deutschen Exilschriftstellern ein.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="63"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup63">63</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="63">Darunter waren: Günther Anders, Hannah Arendt, Johannes R. Becher, Franz Blei, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/brecht-bertolt/" data-type="uelex_article" data-id="11583">Bertolt Brecht</a>, Oskar Maria Graf, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/hoegner-wilhelm/" data-type="uelex_article" data-id="2002186">Wilhelm Hoegner</a>, Maria Lazar, Soma Morgenstern, Robert Neumann, Karl Otten, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/steinen-helmut-von-den/" data-type="uelex_article" data-id="11637">Helmut von den Steinen</a>, Ernst Weiß, Johannes Wüsten, Paul Zech und Max Zimmering. </span>Aus Paris (25 Boulevard Brune) schickte im September 1938 auch ein „Erwin Sinkó (Franz Spitzer)“ ein aus zwei Bänden bestehendes Typoskript nach New York mit dem Titel <em>Die Optimisten</em>. Als Pseudonym hatte Sinkó „X. Y. Z.“ gewählt.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="64"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup64">64</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="64">Das Archiv der American Guild gelangte 1970 an die Deutsche Bibliothek in Frankfurt/M. Im dortigen Exilarchiv 1933–1945 findet man es unter der Signatur EB 70/117, die Sinkó betreffenden Dokumente unter der Nr. D 09.15.0001–D 09.15.0009 (vgl. auch Sinkó 2006: 519). Zum Exilliteratur-Preisausschreiben insgesamt vgl. Lehmann (1993: 370–399 u. 561f.). </span> Als Übersetzung eines ungarischen Originals hat Sinkó den Text nicht ausgewiesen; von einem „Pseudooriginal“ (in Analogie zur „Pseudoübersetzung“) muss man wohl trotzdem nicht sprechen, denn Sinkó dürfte sehr intensiv an der Ausarbeitung auch der deutschen Version beteiligt gewesen sein. Für die Vorauswahl im Preisausschreiben waren je zwei Personen zuständig, im Fall der <em>Optimisten </em>Richard A. Bermann und Thomas Mann. Der bekam die beiden Bände im November 1938 nach Princeton zugeschickt. „Ladung Konkurrenz-Manuskripte“, steht in Manns Tagebuch unter dem 11. November (Mann 1980: 319). Am 12. Januar notierte er: „Glimmendes Kaminfeuer. Beschäftigung mit Roman-Manuskripten, unter Widerstand, Mißmut. Heimweh nach der Schweiz“ (ebd.: 347), am 18. Januar: „Beschäftigung mit Konkurrenz-Manuskripten“ (ebd.: 349). Eine explizite Stellungnahme zu den <em>Optimisten </em>hat sich von Thomas Mann weder in seinem Tagebuch noch im Archiv der Guild erhalten, wohl aber die knappe Einschätzung durch den Zweitgutachter Richard A. Bermann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Optimisten / Autor: X. Y. Z.: Untertitel: „Historischer Roman.“ Die Historie, die hier erzählt wird, ist die ungarische Revolution von 1919 – gesehen aus der eigenen Perspektive des Budapester Kaffeehauses. Der Autor versteht es sehr wohl, menschliche Wesen zu schildern und Gedanken künstlerisch zu gestalten. Es ist ein Buch von Wert, aber es ist sehr breit und setzt bei dem Leser eine zu genaue Kenntnis des spezifischen Milieus voraus. Richard A. Bermann (DEA, Archiv der American Guild, EB 70/117 – D.09.15.0001–D.09.15.0009)</p>
</blockquote>



<p>Im März 1939 bekam Sinkó die Mitteilung, dass <em>Die Optimisten</em> wieder „zu seiner Verfügung“ stünden. Er bat mit Schreiben vom 26. März, das Manuskript an „Amalia Jaszi c/o George Jaszi“ in Cambridge/Mass. zu senden. Nach einigem Hin und Her zwischen Paris, New York und Cambridge, wer die Portokosten für die Zustellung der beiden Bände übernehmen müsse, ging das Manuskript am 16. Mai 1939 an Amalia Jaszi, die zuvor geschrieben hatte: „You can of course send me the manuscript of my friend Ervin Sinko – I am rather eager to read it“ (ebd.).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="65"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup65">65</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="65">Amalia Jaszi dürfte identisch sein mit Anna Lesznai, geborene Amália J. Moskowitz, aufgewachsen auf dem Landgut Leznai ihres Vaters, in zweiter Ehe mit Oszkár Jászi verheiratet, in dritter Ehe mit Tibor Gergely, mit dem sie 1939 in die USA flüchtete. Sinkó und Rothbart kannte sie aus ihrer Teilnahme am Budapester Sonntagskreis (vgl. die Lesznai betreffenden Passagen in Karádi/Vezér 1985 u. Conrad 2017: 133) sowie ihrer Mitwirkung an Sinkós in Wien 1924/25 herausgegebener Zeitschrift <em>Testvér </em>(vgl. Kerekes 2018: 67). </span>Ob sich das Guild-Typoskript der <em>Optimisten </em>in Amerika erhalten hat, konnte bisher nicht geklärt werden.</p>



<p>Von Paris aus gelang Rothbart und Sinkó nach Kriegsbeginn die Flucht ins Königreich Jugoslawien. Mit der Gründung des kroatischen Ustascha-Staates war Irma Rothbart als Jüdin und Kommunistin auch hier gefährdet, sie floh in den westlichen Teil Bosniens und ließ sich für 61 Tage in einer Kommune in Drvar nieder. In dieser Zeit führte sie ein Tagebuch, das 1987 veröffentlicht wurde. Sie arbeitete dort als Ärztin und in der illegalen kommunistischen Partei. Ihren Mann traf sie in der kroatischen Stadt Knin wieder, dort wurden beide im November 1942 von italienischen Faschisten festgenommen und in ein Konzentrationslager, erst auf der kroatischen Insel Brač, dann auf Rab verbracht, wo sie im Widerstand aktiv waren. Nach der Niederlage Italiens organisierten sie die Flucht aus dem Lager und schlossen sich den jugoslawischen Partisanen an. Irma Rothbart wurde Leiterin eines Partisanen-Spitals der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee, sie war Leutnant und wurde mit dem Orden des Volkshelden ausgezeichnet. Rothbarts gesamte Familie war – mit Ausnahme ihrer Mutter Johanna – im Holocaust ermordet worden (vgl. Gužvica: 2024b).</p>



<p>Mit dem Kriegsende begannen für das Paar endlich etwas ungefährdetere und ruhigere Jahre. Rothbart übernahm Aufgaben beim Aufbau des Gesundheitswesens und beschäftigte sich weiterhin mit Übersetzungen, nun auch aus dem Serbokroatischen ins Ungarische. Sinkó konnte mit Unterstützung von Miroslaw Krleža eine literarische Laufbahn in Titos Jugoslawien beginnen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="66"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup66">66</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="66">Rothbart übersetzte Miroslav Krležas Antikriegs-Erzählungen <em>Hrvatski bog Mars</em> (Der kroatische Gott Mars) ins Ungarische; die Ausgabe (207 S.) erschien 1952 in Újvidék/Novi Sad.</span> Er wurde 1945 Mitglied im Kroatischen Schriftstellerverband, 1951 korrespondierendes und 1960 Vollmitglied der Jugoslawischen Akademie der  Wissenschaften und Künste in Zagreb. Seine Erzählungen, Gedichte und Essays erschienen in Jugoslawien auf Serbokroatisch und Ungarisch. An der Universität Novi Sad wurde 1959 eine ungarische Abteilung eröffnet, die u. a. Lehrer für die Schulen in der Vojvodina ausbilden sollte. Deren Leitung wurde Sinkó übertragen. Er lebte abwechselnd in Zagreb und Novi Sad. Dank einer Rezension von Tamás Aczél über die 1961 im Forum-Verlag (Novi Sad) erschienene zweibändige Ausgabe <em>Egy regény regénye</em> („Roman eines Romans“) wurde man auch in Westdeutschland auf Sinkó und seine Moskauer Tagebücher aufmerksam.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="67"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup67">67</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="67">Die Rezension von Aczél erschien am 1. Juli 1961 in der Londoner exilungarischen Literaturzeitschrift <em>Irodalmi Újság</em> („Literatur-Zeitung“). Eine deutsche Übersetzun<a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">g dieses Textes veröffentlichte zeitnah die <em>Welt </em>(das exakte Datum konnte noch nicht ermittelt werden; v</a>gl. Sinkó 2006: 128 u. 131).</span> Zu dem Kölner Verleger Berend von Nottbeck (Verlag Wissenschaft und Politik) entstand eine freundschaftliche Beziehung. Nach Erscheinen des <em>Romans eines Romans</em> in Nottbecks Verlag ergaben sich weitere Kontakte u. a. zu westdeutschen Gewerkschaftlern. Auch „drüben“ in der DDR, schrieb „Mizzi Sinkó“ am 29. September 1963 an Nottbeck,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>wird es von unseren Landsleuten gierig verschlungen, wo sie es nur zu lesen bekommen – man versichert uns, „alle“ haben es dort gelesen. <a href="https://uelex.de/uebersetzer/kurella-alfred/" data-type="uelex_article" data-id="2014506">Kurella </a>hat auch uns nicht geschrieben, seitdem er das Buch erhalten hat<span class="oes-note oes-popup" data-fn="68"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup68">68</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="68">Schon dass Rothbart und Sinkó nicht im Bruderland Ungarn, sondern im mit der Sowjetunion verfeindeten Jugoslawien lebten, dürfte Kurella verdächtig vorgekommen sein. In einem Brief vom 12. Februar 1975 an das „Politbüro beim ZK der SED – Büro Hager – 102 Berlin, Marx-Engels-Platz“ äußert er sich über den „Renegaten“ Sinkó: „Ervin Sinko, von Geburt Ungar, kam während der Emigrationsjahre nach Moskau, und zar [sic!] Ende der dreißiger Jahre mit einem Empfehlungsbrief von Romain Rolland und erhielt Asyl. Mit ihm hatte ich viel zu tun, worüber ich auch Auskunft geben könnte. Von E. Sinko liegt ein dicker autobiographischer Roman vor: Roman eines Romans. Er schildert darin seine Emigration nach Moskau und die Meinungsverschiedenheiten, die zwischen den verschiedenen Mitgliedern der in Moskau im Exil lebenden Parteiführern [bestanden]. – Sinko erhielt die Erlaubnis zur Wiederausreise.“ (BArch NY 4131/10/0127)</span> […] Und ein merkwürdiges Phänomen: es melden sich längst für uns verschollene Menschen aus der Zeit vor 30 und 40 Jahren, die durch das Buch erfahren haben, dass wir am Leben sind und schicken uns ihre erschütternden Biographien. Nur aus Steiners Familie meldet sich niemand. (Sinkó 2006: 296)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="69"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup69">69</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="69">Die letzten Briefe von Bruno Steiner kamen aus Haifa (22. November 1939 und 27. Mai 1940). Er riet Sinkó und Rothbart dringend ab, nach Palästina zu kommen, hoffte selbst auf ein  Einreisevisum nach Amerika und bat die beiden, brieflichen Kontrakt zu seinem jüngsten Bruder, Walter Steiner, und dessen Familie in Prag herzustellen, denn für ihn war „Korrespondenz mit dem feindlichen Ausland verboten“ (Sinkó 2001: 422).</span></p>
</blockquote>



<p>Zu den „erschütternden Biographien“ gehörte gewiss jene von Dorothea Garai, der Witwe von Károly Garai, der seinerzeit zur Verabschiedung an den Zug in Moskau gekommen war. Seine Frau hatte nach seiner und ihrer eigenen Verhaftung 19 Jahre lang in Straflagern bzw. sibirischer Verbannung leben müssen. Erst 1956 durfte sie in die DDR ausreisen, wo sie allerdings nie heimisch wurde.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Lieber Erwin Sinkó! Sind Sie es?? Baracke 23, 1922?<span class="oes-note oes-popup" data-fn="70"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup70">70</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="70">„Den Namen Baracke 23 hatten sie sich gegeben zu Ehren und im Andenken an die 23 führenden Politiker der Räteregierung, Ottó Korvin an der Spitze, die sich nicht hatten retten können und erschossen worden waren, als Horthy an die Macht kam.“ – So Karl-Heinz Jakobs in seinem auf Gespräche mit und Texte sowie Briefe von Dorothea Garai zurückgehenden Roman <em>Leben und Sterben der Rubina</em> (1999: 37), der auch Episoden aus dem Exilleben von Sinkó und Rothbart wiedergibt. </span>Durch einen Zufall hörte ich diesen Namen unter ‚Neue Bücher‘ im Radio. Wenn Sie es sind, werden Sie mir antworten? Dodo Garai (Brief aus Dresden, 2. Februar 1963; Sinkó 2006: 247)</p>
</blockquote>



<p>Rothbart und Sinkó haben ihr geantwortet und sie hat dann in sehr ausführlichen Briefen über die Zeit in der Sowjetunion, über ihre Einsamkeit in Dresden und über ihr Nicht-Gehörtwerden in der DDR berichtet. Erst im Frühjahr 1964 gelang es ihr, den <em>Roman eines Romans</em> zu lesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Liebste Mizzi, ich saß in dem Lesesaal, und mir kamen manchmal die Tränen – wie schwer hattest vor allem Du es! Und bei alledem, ihr hattet nicht nur Glück überhaupt, ihr hattet das Glück, zusammen zu sein und zusammen bleiben zu können – das ist das allermeiste. – Ja, wirklich, es ist unvorstellbar, welches Glück ihr hattet! Ich habe gestaunt, einfach gestaunt. (Brief vom 12. April 1964; Sinkó 2006: 323)</p>
</blockquote>



<p>Ervin Sinkó starb am 26. März 1967 in Zagreb. Am 5. April bedankte sich Irma Rothbart für ein aus Budapest an sie gerichtetes Beileidschreiben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Lieber Genosse Lukács, Ihr Brief hat mich ganz besonders berührt und ich bedanke mich für diese Anrede, und dafür, dass Sie über sich geschrieben haben. Denn im Großen und Ganzen hatten Sie auch solange eine Lebenspartnerin wie ich einen Lebenspartner. Und auch sie musste gewusst haben, dass es als Aufgabe wie als Arbeit nicht wenig ist, einem anderen Menschen vollkommen zur Seite zu stehen. Selbst in meinem Fall war es das nicht, obwohl man unser Leben nicht mit dem Ihren vergleichen kann. Am schwierigsten ist für mich, dass ich Ervins Pläne kannte, er hatte noch ziemlich viele, schöne Pläne. Er arbeitete an einem Roman, in dem der Berufsrevolutionär das zentrale Problem gewesen wäre. Die vorletzte Unterhaltung mit Ihnen hatte ihn zu dem Entschluss gebracht, darüber zu schreiben, wenngleich er mit Ihnen nicht vollkommen einer Meinung war. Von dem Ganzen wurde sozusagen nur ein Vorspiel fertig. Auch einen Berzsenyi-Band plante er, und noch vieles anderes. Am Tag nach der Beerdigung begann ich, die Papiere zu sortieren, und solange ich damit noch zu tun haben werde, habe ich noch etwas zu tun. All das natürlich völlig anonym, weil ich die Rolle der Schriftsteller-Witwe aus ganzem Herzen hasse, und ich bin auch nicht voreingenommen: Fertige Werke gibt es nicht. Nur von dem Menschen gibt es unzählige Zeichen, und davon soll etwas bleiben, wenn es denn bleibt! Ihnen wünsche ich weiterhin Kraft zur Arbeit wie bislang stets. Mit Dank, hochachtungsvoll, Irma<span class="oes-note oes-popup" data-fn="71"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup71">71</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="71">Auf ein Digitalisat des im Lukács-Archiv (Budapest) aufbewahrten handschriftlichen Briefs stieß ich im Internet (‹http://real-ms.mtak.hu/20722/›; letzter Aufruf: 17. Mai 2021). Für die Übersetzung aus dem Ungarischen danke ich Éva Zádor.</span></p>
</blockquote>



<p>Nachdem sie den Nachlass ihres „Lebenspartners“ geordnet und an das Archiv der Jugoslawischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Zagreb übergeben hatte, schied Irma Rothbart am 27. Mai 1967 freiwillig aus dem Leben.<br><br>1984 wurde Sinkós Nachlass in Zagreb systematisiert, katalogisiert und in 22 Archivkästen verstaut; ein Nachlassverzeichnis hat Ivan Meden veröffentlicht. Die Manuskripte und Typoskripte (Erzählungen, Theaterstücke, Essays, Tagebücher usw.) sind überwiegend auf Ungarisch geschrieben. Im Nachlass gibt es einige weitere von Irma Rothbart ins Deutsche übersetzte Texte ihres Ehemanns, die seinerzeit nicht veröffentlicht wurden, außerdem ca. 700 Typoskriptseiten einer von ihr aus dem Serbokroatischen angefertigten ungarischen Übersetzung der Tagebücher von Vladimir Dedijer sowie eigene Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1920, 1926 und 1941 (Meden 1984: 113–116 u. 124–126). Irma Rothbarts gewichtigste Übersetzung ins Deutsche, der Roman <em>Die Optimisten</em>, muss als verschollen betrachtet werden.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="72"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup72">72</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="72">„[&#8230;] weder das Budapester Petőfi Museum, noch die Kroatische Akademie der Künste (die Sinkós Nachlaß verwaltet), verfügt über das Manusrkipt von Irma Rothbarts Übersetzung der &#8222;Optimisten&#8220;. Schade!“ E-Mail von György Dalos, 9. Februar 2021.</span></p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading">Danksagung</h2>



<p>Für Hinweise, Kritik, Hilfestellungen und Ermunterung bei den umfangreichen Recherchen danke ich Werner Abel, Iris Bäcker, Julija Boguna, Lisette Buchholz, György Dalos, George Deak, Pino Dietiker, Regina Elzner, Jenny Erpenbeck, Fritz Kroehnke, Lídia Nádori, Hans Peter Neureuter, Hazel Rosenstrauch, Marina Rougemont, Klaus von Schilling, Andreas Tretner, Klaus Völker, Irene Weber Henking, Éva Zádor und insbesondere Jouko Nikkinen.</p>



<p><br><br><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Jacobsohn, Edith</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jul 2024 17:21:10 +0000</pubDate>
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		<title>Heilig, Bruno</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Mar 2024 20:56:39 +0000</pubDate>
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		<title>Meisel, Hans</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Jan 2024 11:09:53 +0000</pubDate>
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		<title>Becher, Lilly</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/becher-lilly/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Nov 2022 11:30:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Über das Leben von Lilly Korpus, verheiratete Becher, kann man sich seit 2017 dank der von ihrem früheren Mitarbeiter im Becher-Archiv Rolf Harder geschriebenen Biographie informieren. Das folgende Biogramm stützt sich ganz auf diese verdienstvolle Publikation. Lilly Irene Korpus wurde am 27. Januar 1901 in Nürnberg geboren. Sie wuchs in einem wohlhabend-bürgerlichen Milieu in München [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Über das Leben von Lilly Korpus, verheiratete Becher, kann man sich seit 2017 dank der von ihrem früheren Mitarbeiter im Becher-Archiv Rolf Harder geschriebenen Biographie informieren. Das folgende Biogramm stützt sich ganz auf diese verdienstvolle Publikation.</p>



<p>Lilly Irene Korpus wurde am 27. Januar 1901 in Nürnberg geboren. Sie wuchs in einem wohlhabend-bürgerlichen Milieu in München auf, weitere Einzelheiten über ihre Schulzeit und Jugend sind nicht bekannt. 1919 trat sie aus Empörung über die Ermordung von <a href="https://uelex.de/uebersetzer/luxemburg-rosa/" data-type="uelex_article" data-id="11569">Rosa Luxemburg</a> und Karl Liebknecht in die KPD ein, wodurch es zu einem völligen Bruch mit ihrer Familie gekommen sein soll. Sie lernte in München als Hilfskraft der <em>Vossischen Zeitung</em> das Zeitungsmachen, bekam eine Anstellung bei einem Nachrichtenbüro und zog 1921 nach Berlin.</p>



<p>In Berlin begann sie als Stenotypistin bei der <em>Roten Fahne</em>, für die sie rasch auch Kritiken verfasste, ebenso für Siegfried Jacobsohns <em>Weltbühne</em>. In der KPD machte sie als Funktionärin in kurzer Zeit eine beachtliche Karriere, die jedoch 1925 nach dem von Moskau verordneten Wechsel der Parteiführung von Ruth Fischer zu Ernst Thälmann zu einem abrupten Ende kam, sie hatte sich in Fischers unterlegenes „ultralinkes“ Lager geschlagen. Korpus ging eine Weile stempeln, wurde dann erneut Stenotypistin bei der <em>Roten Fahne</em> und schrieb nebenher zahlreiche Artikel für verschiedene linke Zeitschriften, auch schon für Willi Münzenbergs <em>Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, </em>die <em>AIZ</em>. 1927 wurde sie Chefredakteurin der zunächst monatlich, ab 1931 wöchentlich erscheinenden <em>AIZ</em>, die es Ende der 1920er Jahre auf eine Auflage von 500.000 Exemplaren brachte. Korpus gelang es, auch Autoren wie Kurt Tucholsky an die <em>AIZ </em>zu binden. Der große Erfolg der <em>AIZ</em> führte dazu, dass Korpus und Münzenbergs Lebenspartnerin Babette Groß 1928 als Berater für die Gründung eines französischen Pendants (<em>Nos regards</em>) nach Paris eingeladen wurden.</p>



<p>Entscheidend für ihren weiteren Lebensweg war die Beziehung zu Johannes R. Becher. Im Pariser Exil, wo Lilly Korpus 1934 im Auftrag Münzenbergs an der Zusammenstellung der Dokumentation <em>Der gelbe Fleck</em> arbeitete, „nimmt die Fürsorge Lillys um den geliebten Mann ihren Anfang, die besonders in den kommenden Jahren in der Sowjetunion von existentieller Bedeutung für Johannes R. Becher sein wird“ (Harder 2017: 34). Im November 1935 folgte sie Becher nach Moskau, die Ehe konnten die beiden allerdings erst schließen, nachdem Lillys vorangegangene Ehe mit dem Filmemacher Karl Heinz Járosy offiziell aufgelöst war. Enge Kontakte hatten die Bechers zu den beiden Emigrantenehepaaren Andor Gábor und <a href="https://uelex.de/uebersetzer/olga-halpern/" data-type="uelex_article" data-id="2002080">Olga Halpern</a>, mit denen sie sich ab 1937 eine Wohnung im Schriftstellerhaus teilten, sowie Fritz Erpenbeck und <a href="https://uelex.de/uebersetzer/zinner-hedda/" data-type="uelex_article" data-id="11589">Hedda Zinner</a>, mit denen sie in den Sommermonaten in der Nähe von Moskau gemeinsam eine Datsche bezogen.</p>



<p>Becher wurde in Moskau Chefredakteur der <em>Internationalen Literatur</em>, seine Frau, die im Gegensatz zu ihm das Russische zügig erlernte, eine der wichtigsten Mitarbeiter der Monatsschrift. Ihr Biograph Rolf Harder schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Lilly übersetzte unter „unheimlich vielen Pseudonymen“, die sie später vergaß, aus dem Französischen, Englischen und Russischen für die Zeitschrift. Einige der ihr entfallenen Pseudonyme sind heute bekannt. Sie zeichnete Beiträge mit: Lilly Franken, Lilly Paul [Name ihres ersten Ehemanns Fritz Paul], Lilly Patell, Lilly, L.P., L.F. oder L-y., nie jedoch mit Lilly Becher. Ihre Beiträge finden sich in jedem Jahr zwischen 1936 und 1945, ausgenommen das Jahr 1944. […] Sie übersetzt Autoren wie André Gide, Paul Nizan, Ernest Hemingway, Georges Bernanos, Romain Rolland, Francois Mauriac, Jean-Richard Bloch oder Ilja Ehrenburg. Sie überträgt 21 Mal aus dem Französischen, sechs Mal aus dem Amerikanischen und je einmal aus dem Russischen und Englischen. (Harder 2017: 45f.)</p>
</blockquote>



<p>Darüber hinaus sei es</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>für Lilly wegen ihrer Sprachkenntnisse selbstverständlich gewesen, für Becher alle Zeitungen zu lesen, Extrakte der wichtigsten Ereignisse anzufertigen, zu übersetzen und Bücher zu lesen, um anschließend Inhaltsangaben anzufertigen. (Ebd.: 47)</p>
</blockquote>



<p>Die letzte Übersetzung, die sie in Moskau erarbeitete, galt Wassili Grossmanns <em>Die Hölle von Treblinka</em>, dem Bericht über das Schauderhafteste, was der Roten Armee bei ihrer Rückeroberung der von Deutschland unterworfenen Regionen im Osten Europas begegnete. Die deutsche Version erschien im Mai 1945 in der <em>Internationalen Literatur</em>, signiert mit „Lilly Franken“. Der Moskauer <em>Verlag für fremdsprachige Literatur</em> veröffentlichte den Bericht 1946 zusätzlich als eigene Broschüre, eine zweite Auflage erschien 1947. Im Impressum dieser beiden deutschsprachigen Ausgaben heißt es „Aus dem Russischen übertragen von L. Becher“. Über ihren eigenen jüdischen Familienhintergrund hat Lilly Becher sich so gut wie nie geäußert, auch nicht über den Tod ihrer Mutter und ihrer Schwester im Konzentrationslager. Wir wissen daher auch nicht, über welche Antworten sie selbst nachgedacht haben mag, als sie gegen Ende von Grossmanns Text seine Frage ins Deutsche übersetzte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wie konnte es geschehen? In den Äußerungen zweitrangiger professoraler Scharlatane und dürftiger Provinztheoretiker aus dem Deutschland des vergangenen Jahrhunderts wirkten die embryonalen Züge des Rassenwahns komisch, und die Verachtung, mit welcher der deutsche Spießer auf das „russische Schwein“, das „polnische Vieh“ und „nach Knoblauch stinkende Juden“, den „geilen Franzosen“, den „englischen Krämer“, den „griechischen Fatzken“ und den „tschechischen Dummerjan“ herabsah, diese ganze schwülstige, billige Dutzendware von der Überlegenheit der Deutschen über alle übrigen Völker der Erde wurde von Publizisten und satirischen Schriftstellern seinerzeit nur gutmütig verspottet, bis sich das alles im Verlauf weniger Jahre plötzlich aus „Kindereien“ in eine tödliche Bedrohung der Menschheit, ihres Lebens und ihrer Freiheit verwandelte, bis all das zur Quelle der unglaublichsten, nie gesehenen blutigen Leiden und Verbrechen wurde. Darüber muß man sich Gedanken machen! (Grossmann 1947:&nbsp;51f.)</p>
</blockquote>



<p>Schon Mitte Juni 1945 konnte Lilly Becher aus dem sowjetischen Exil nach Berlin zurückkehren, wo ihr Mann Präsident des <em>Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands</em> wurde und 1954 auch Kulturminister und wo sie selbst an ihre Arbeit aus den 1920er und frühen 1930er Jahren anknüpfen konnte – als Chefredakteurin der <em>Neuen Berliner Illustrierten</em>.</p>



<p>Nach dem Tod ihres Mannes im Oktober 1958 wurde sie Leiterin des Johannes R. Becher-Archivs. Auch wenn Walter Ulbricht Lilly Becher Ende der 1960er Jahre im Kontext der Verfilmung des Becher-Romans <em>Abschied</em> übel mitspielte (vgl. Harder 2017: 99-105), gehörte sie zur DDR-Elite, ausgezeichnet von der Staatsführung u. a. 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold. Sie starb am 20. September 1978 in einem Berliner Pflegeheim. Ihre Hinterlassenschaft vermachte sie „unserem Staat, der Deutschen Demokratischen Republik“ (Harder 2017: 109).</p>



<p>Mit Übersetzungen scheint Lilly Becher sich – ähnlich wie ihre Freundin <a href="https://uelex.de/uebersetzer/zinner-hedda/" data-type="uelex_article" data-id="11589">Hedda Zinner</a> – in den DDR-Jahren nicht mehr befasst zu haben. Sie war eine Exilübersetzerin.</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rutra, Arthur Ernst</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/rutra-arthur-ernst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Sep 2022 15:14:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Arthur Ernst Rutra – geboren am 18. September 1892 als Arthur Ernst Samuely1„Rutra“, anagrammatisch aus Artur gebildet, benutzte Samuely zunächst als Pseudonym, vermutlich mit seiner Konversion zum Katholizismus ließ er „Rutra“ als seinen Familiennamen legalisieren (Blaeulich 2015: 94) – verlebte seine Kindheit im galizisch-vielsprachigen Drohobycz in der Nähe von Lemberg (Lwów).2Ältere Nachschlagewerke (z.&#160;B. Lüdtke 1930:1041) [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Arthur Ernst Rutra – geboren am 18. September 1892 als Arthur Ernst Samuely<span class="oes-note oes-popup" data-fn="6"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup6">6</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="6">„Rutra“, anagrammatisch aus Artur gebildet, benutzte Samuely zunächst als Pseudonym, vermutlich mit seiner Konversion zum Katholizismus ließ er „Rutra“ als seinen Familiennamen legalisieren (Blaeulich 2015: 94) </span>– verlebte seine Kindheit im galizisch-vielsprachigen Drohobycz in der Nähe von Lemberg (Lwów).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="7"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup7">7</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="7">Ältere Nachschlagewerke (z.&nbsp;B. Lüdtke 1930:1041) geben als Geburtsort Wien an, Schuder (1973: 567) als Sterbedatum irrtümlich „Dachau 1939“. </span>1903 kam er mit seiner aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie stammenden Mutter nach Wien (die Eltern hatten sich scheiden lassen), wo er am Mariahilfer Gymnasium die Matura ablegte. Von 1911 bis 1913 studierte er in Wien Jura, ab 1913 Germanistik und Slawistik. 1915 meldete er sich freiwillig zur Armee. Noch im selben Jahr erschien im Kamönenverlag (Leipzig, Wien) sein den gefallenen Kameraden seines Regiments gewidmetes Gedicht <em>Russensturm. Eine Episode aus den Kämpfen in den Karpaten</em>. 1917 erwarb er während der Regiments-Dienstzeit mit einer Dissertation über Ludwig Börne den Doktorgrad.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="8"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup8">8</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="8">Absolutorium und Rigorosen 1915 (Rutra im Schreiben an Franz Brümmer, 15. Juli 1922). Die noch unter dem Namen Samuely eingereichte Börne-Arbeit hat sich nicht erhalten.</span></p>



<p>Von 1918 bis 1933 lebte er als Publizist, Bühnenschriftsteller und Verlagslektor in München (Georg Müller Verlag, Kurt Wolff Verlag, Roland-Verlag), ab 1920 war er Vorstandsmitglied des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und Mitglied des Verbandes Deutscher Bühnenschriftsteller. Größere Erfolge hatte er mit seinen Theaterstücken, insbesondere mit der Tragödie <em>Der Kronprinz</em> von 1928. Max Reinhardt erwarb das Stück für das Deutsche Theater in Berlin, Aufführungen folgten in Hamburg, Nürnberg, Frankfurt, Bochum, Duisburg und in Wien am Burgtheater. „Rutra nimmt in seiner Tragödie eindeutig Stellung für die Demokratie und gegen monarchische Restaurationsversuche“ (Blaeulich 2015: 98).</p>



<p>1933 ging er ins Exil nach Wien, wo er 1935/36 publizistisch einen Schwenk zur Vaterländischen Front bzw. zum Austrofaschismus vollzog.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="9"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup9">9</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="9">Sehr differenziert dargestellt ist Rutras Agieren gegen Hitlers Politik im Aufsatz von Blaeulich (2015: 98-102).</span> Er wurde Mitarbeiter der Zeitschrift <em>Der Christliche Ständestaat</em> und trat 1937 zum Katholizismus über. Sein Engagement in der Auseinandersetzung mit deutschen bzw. nationalsozialistischen Presseangriffen gegen Österreichs Selbständigkeit und vor allem seine Zusammenarbeit mit Hitlers Intimfeind Otto Strasser dürften Ursache gewesen sein für seine Verhaftung unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlers Deutsches Reich. Rutra wurde Anfang April 1938 mit anderen Repräsentanten des Ständestaates in das Konzentrationslager Dachau und später nach Buchenwald deportiert. 1941 verurteilte ihn der Volksgerichtshof in einem Hochverratsprozess zu 15 Jahren Zuchthaus. Am 5. Oktober 1942 wurde er mit 548 weiteren als „Juden“ deklarierten Menschen vom Wiener Aspangbahnhof in die Nähe von Minsk nach Maly Trostinez deportiert, wo er laut der <em>Central Database of Shoa Victims‘ Names</em> (Yad Vashem) am 9. Oktober 1942 ermordet wurde.</p>



<p>Rutras Übersetzungen aus dem Polnischen<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Blaeulich (2015: 96) behauptet, dass Rutras „Herkommen und Muttersprache das Polnische“ gewesen sei. </span> und Französischen (Mitarbeit an der Zola-Gesamtausgabe des Kurt Wolff Verlags) erschienen zwischen 1919 und 1930. Im in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrten Nachlass des Schriftsteller-Lexikographen Franz Brümmer hat sich ein drei Blatt umfassendes Schreiben Rutras vom 15. Juli 1922 erhalten, das u.&nbsp;a. knappe biographische Daten und ein Schriftverzeichnis enthält. Rutra hat dafür Briefbögen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller (SDS) / Gewerkschaft Deutscher Schriftsteller / Gau Bayern benutzt. Unter „Schriftstellerische Arbeiten“ nennt er außer acht Lyrik- und Schauspiel-Veröffentlichungen zwei 1919 erschienene Bände mit Mickiewicz-„Nachdichtungen“: <em>Sonette aus der Krim</em>, <em>Gedichte</em>, <em>Grażyna</em> und <em>Konrad Wallenrod</em>. Unter „Übersetzungen“ listet er drei Titel auf</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Brzozowski: „Flammen“ Roman (mit Richter) Bong-Verlag, Berlin 1920</p>



<p>Chledowski: „Die letzten Valois“ Georg Müller Verlag 1922</p>



<p>Zola: „Der Bauch von Paris“ Kurt Wolff Verlag München (im Erscheinen 1922 oder 23)</p>
</blockquote>



<p>Zu den bereits 1922 genannten Übersetzungen scheinen später noch drei hinzugekommen zu sein: Novellen von Maupassant 1924, der Roman <em>Die Schnapsbude</em> von Emil Zola 1927, und der biographische Lenin-Roman von Ferdynand Antoni Ossendowski, gedruckt 1930 in Berlin in immerhin 20.000 Exemplaren. Die Übersetzungen scheinen von der zeitgenössischen Kritik kaum wahrgenommen worden zu sein. In der von Blaeulich erstellten Bibliographie findet sich lediglich ein Hinweis auf die Zola-Besprechung von Wolfgang Schumann im <em>Kunstwart. Deutscher Dienst am Geiste </em>von 1926. Dort heißt es u.&nbsp;a.:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nun aber ist [Zola] wieder da! Artur Ernst Rutra – der im vorigen Jahr im Kunstwart über Zola schrieb – hat mit Hilfe zahlreicher Übersetzer eine vielbändige, sehr schön ausgestattete Ausgabe der Werke Zolas bei Kurt Wolff in München herausgebracht, und wenn man nur daran nippt, spürt man, daß das längst nicht jene Wassersuppe ist, die vermeintlich vom Realismus verschenkt wurde, eher schon Feuerwein [&#8230;]. Möge die neue Ausgabe – beschämenderweise die erste, die besseres Deutsch bringt! – den Erfolg haben, den sie nach alledem verdient. (Schumann 1926: 384f.)</p>
</blockquote>



<p>„Besseres Deutsch“ – das ist alles, was sich in der Besprechung der zwischen 1922 und 1924 im Kurt Wolff-Verlag erschienenen 20 Zola-Bände mit ihren über 10.000 Druckseiten findet. Dem von Schumann erwähnten Rutra-Essay hatte die Redaktion eine Notiz angefügt, in der auch bereits von der „ersten genügenden und Zola wirklich erschließenden Ausgabe“ die Rede ist, für die Rutra „mehrere Übersetzer“ gewonnen hatte (Rutra 1925b: 219). Laut Katalog der Deutschen Nationalbibliothek handelte es sich um Franz Arens, Franz Blei, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/elsa-brod/" data-type="uelex_article" data-id="2003260">Else Brod</a>, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/max-brod/" data-type="uelex_article" data-id="2006834">Max Brod</a>, Franz Franzius (zwei Bände), Lucy von Jacobi (2 Bände), Hans Kauders, Gertrud Quckama Knoop, Hermine Mache, Wilhelm Printz, Max Pulder, Arthur Ernst Rutra, <a href="https://uelex.de/uebersetzer/rosa-schapire/" data-type="uelex_article" data-id="2008406">Rosa Schapire</a> (2 Bände), Thassilo von Scheffer, Johannes Schlaf (3 Bände) und Hanns Henning Voigt. Wie Rutra als Herausgeber und Verlagslektor diese Übersetzerriege zusammengestellt und die Arbeit an den 20 Bänden verteilt hat, wäre eine eigene Studie wert. Und natürlich verdienten auch seine eigenen Übersetzungen und Nachdichtungen eine gründliche Analyse.</p>



<p>Dass sich der Übersetzer und Verlagsmensch Rutra ebenfalls für das interessierte, was anderswo als in München, Leipzig oder Wien an Übersetzungen angeboten wurde, zeigt ein Passus in seinem auch hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung noch lesenswerten Bericht über eine Fahrt durch die Balkanländer Bosnien, Herzegowina und Dalmatien mit dem Titel <em>B H D – Eine Reise durchs europäische Morgenland</em>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Von Agram bis Bosnisch-Brod trägt die Reise noch internationalen Charakter. Die rege Handelsstadt Agram, Durchgangsstation nach dem Balkan und von deutschem Geschäftsleben stark belebt, bleibt gerne und treu im Gedächtnis. Die Buchhandlungen der Stadt zeugen von gutem geistigen Leben und das deutsche Buch ist neben dem serbo-kroatischen gleich stark vertreten. Ein betriebsamer kroatischer Verlag sorgt durch Nicola Andric für Übertragungen der Weltliteratur, in der Franzosen und Russen freilich das Übergerwicht haben, während die Deutschen eine seltsam anmutende Zusammenstellung von etwas Goethe (Faust und Clavigo) und Schiller (Räuber), E. T. A. Hoffmann, Fouqué und mit einem kühnen Satz Nietzsche, Schopenhauer, Sudermann, Ompteda, Kellermann, Ewers, Schnitzler, Heinrich Mann und Courts-Mahler ergeben &#8230; (Rutra 1925a: 175)</p>
</blockquote>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mendelssohn, Peter de</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/mendelssohn-peter-de/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Aleksey Tashinskiy]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Aug 2022 18:18:11 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Aufgewachsen in Hellerau bei Dresden, wo sein Vater als Goldschmied ar­beitete, studierte Peter Mendelssohn ab 1926, nach Abschluss der Internats­oberschule Strausberg, in Berlin zwei Semester Englisch und Staats­wissen­schaft. Nach Abbruch des Studiums begann er ein Volontariat beim Tages­spiegel und ging 1926/27 als Hilfskorrespondent der Zeitung nach London. 1928/29 war er Redakteur der Nachrichtenagentur United Press [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Zuvor erschienen in: Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Rozmysłowicz, Tomasz: Translation und Exil (1933–1945) I: Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens. Berlin: Frank &amp; Timme 2022, S. 438–440.</p>


        </p>
    </div>


<p>Aufgewachsen in Hellerau bei Dresden, wo sein Vater als Goldschmied ar­beitete, studierte Peter Mendelssohn ab 1926, nach Abschluss der Internats­oberschule Strausberg, in Berlin zwei Semester Englisch und Staats­wissen­schaft. Nach Abbruch des Studiums begann er ein Volontariat beim <em>Tages­spiegel</em> und ging 1926/27 als Hilfskorrespondent der Zeitung nach London. 1928/29 war er Redakteur der Nachrichtenagentur <em>United Press</em> in Berlin. 1929 schrieb er seinen ersten Roman in Paris.</p>



<p>Ab 1930 veröffentlichte er Romane, Erzählungen und Essays in deutscher und englischer Sprache und übersetzte aus dem Englischen und Fran­zö­sischen. Bekannt wurde er vor allem für seine Biographien (u.a. Churchill und Thomas Mann) sowie für seine umfangreiche Monographie <em>S. Fischer und sein Verlag</em> (1970).</p>



<p>1933 ging er zunächst nach Paris und heiratete Edith von Tschirschnitz (die Ehe wurde 1934 geschieden). In seinem dort gegründeten deutschspra­chigen Verlag Mercure de l’Europe/Europäischer Merkur erschien seine Übersetzung aus dem Französischen von André Maurois: <em>Amerika – Neubau oder Chaos</em>.</p>



<p>In Wien heiratete er 1936 die Schriftstellerin, Übersetzerin und Journa­listin Hilde Spiel (1911–1990) und emigrierte noch im selben Jahr mit ihr nach London. Im Exil engagierte er sich für die American Guild for German Cultural Freedom, wurde der Leiter von deren europäischem Büro und konn­te unter anderem Thomas Mann für diese Akademie der deutschen Wissen­schaften und Künste im Exil gewinnen. 1938 vollzog er den Sprachwechsel, und <em>All That Matters</em>, sein erster Roman auf Englisch, erschien; 1939 folgte mit <em>Across the Dark River</em> ein zweiter. 1941 wurde er britischer Staatsbürger. Er übersetzte Erzählungen seiner Ehefrau Hilde Spiel ins Englische, die im <em>Daily Express</em> erschienen, und das Ehepaar übersetzte die von ihm auf Eng­lisch verfasste Erzählung <em>Fortress in the Skies</em>, die unter dem Titel <em>Festung in den Wolken</em> 1946 in Zürich bei Amstutz, Herdeg &amp; Co. erschien, gemeinsam ins Deutsche.</p>



<p>Nach dem Krieg wurde er Pressechef bei der britischen Kontroll­kom­mis­sion in Düsseldorf, berichtete von den Nürnberger Prozessen und war maß­geblich beim Aufbau eines demokratischen Pressewesens in der britischen Besatzungszone beteiligt.</p>



<p>In den 1960er Jahren erschienen seine Übersetzungen der Werke von Desmond Bagley (<em>Die Gnadenlosen</em> 1967), Antony Drew (<em>Stunden im Dunkel</em> 1964), Dorothy Dunnett (<em>Das Königsspiel</em> 1969), John Dennis Fitzgerald (<em>Der Fluch der Fitzgeralds</em> 1962), Mervyn Jones (der Liebesroman <em>John und Mary</em> 1968) und von Steven Runciman (eine rund 1400-seitige Geschichte der Kreuzzüge) aus dem Englischen ins Deutsche.</p>



<p>1970, nach der Scheidung von Hilde Spiel und der Wiedererlangung der deutschen Staatsbürgerschaft, kehrte er dauerhaft in seine Geburtsstadt München zurück. Er blieb mit der Familie von Thomas Mann befreundet und widmete sich als Biograph und Herausgeber, insbesondere der umfang­reichen Tagebücher, seinem Werk.</p>



<p>1972 wurde Peter de Mendelssohn Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 1976 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden und 1978 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.</p>



<p>Sein Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, in der Münchner Stadtbibliothek Monacensia (150 Kassetten) sowie im Institut für Zeitungsforschung in Dortmund (1 Mappe).</p>



<p>Seine 1939 geborene Tochter Christine Shuttleworth ist ebenfalls Überset­zerin. Sie schildert, wie sie von den Eltern zum Übersetzen ermuntert und dass zu Hause eine Mischung aus Englisch und Deutsch gesprochen wurde (Shuttleworth 2014). Der 1941 geborene Sohn (1944–2016) Felix de Men­delssohn, verheiratet mit der amerikanischen Philosophin Susan Neiman, war wie sein gleichnamiger Onkel Psychoanalytiker und publizierte auf Eng­lisch und auf Deutsch.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Klein, Stefan I.</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/klein-stefan-i/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Iris Bäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die übersetzerische Tätigkeit Stefan I. Kleins erstreckte sich über mehr als vier Jahrzehnte. Seine Arbeit als Vermittler ungarischer Prosa begann Klein 1913 mit dem Band&#160;Die magische Laterne, einer Novellensammlung Dezső Kosztolányis; 1957 erschien als seine letzte selbständige Publikation die Anthologie&#160;Ungarische Meistererzähler. Insgesamt legte er in seiner Übersetzerlaufbahn acht Prosaanthologien zeitgenössischer ungarischer Autoren vor. Daneben veröffentlichte [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Die übersetzerische Tätigkeit Stefan I. Kleins erstreckte sich über mehr als vier Jahrzehnte. Seine Arbeit als Vermittler ungarischer Prosa begann Klein 1913 mit dem Band&nbsp;<em>Die magische Laterne</em>, einer Novellensammlung Dezső Kosztolányis; 1957 erschien als seine letzte selbständige Publikation die Anthologie&nbsp;<em>Ungarische Meistererzähler</em>. Insgesamt legte er in seiner Übersetzerlaufbahn acht Prosaanthologien zeitgenössischer ungarischer Autoren vor. Daneben veröffentlichte er eine Reihe von Romanen und Erzählungen namhafter Autoren der Moderne wie Mihály Babits, Dezső Kosztolányi und Ernő Szép.</p>



<p>Stefan Isidor Klein wurde am 10. Mai 1889 als „Sohn eines mährischen Juden und einer slowakischen Mutter“ (Klein 1956, zit. nach Altner 1997: 56) in Wien geboren. Mit acht Jahren siedelte er mit seinen Eltern nach Holics (Holíč, Slowakei, früher auch Weißkirchen) über. Hier, in dem von Ungarn, Deutschen und Slowaken bewohnten Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie erlernte er die ungarische und wohl auch die slowakische Sprache. In Szakolca (Skalica, Slowakei) besuchte er das katholische Gymnasium, in Pressburg (Bratislava) das protestantische Lyzeum. Ebenfalls in Pressburg absolvierte er ein Jurastudium. An der Universität Wien studierte er von 1910 bis 1913 Geschichte, Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Psychologie. Ab 1913 war er in Budapest für zwei Jahre in der Redaktion der deutschsprachigen Tageszeitung&nbsp;<em>Pester Lloyd</em>&nbsp;tätig, arbeitete aber auch für ungarischsprachige Blätter wie&nbsp;<em>Újság</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Világ</em>. Aus dieser Zeit rührten seine vielfältigen Kontakte zu ungarischen Literaten, hauptsächlich aus dem Kreis um die Zeitschrift&nbsp;<em>Nyugat</em>&nbsp;(Westen), die in Ungarn die Tradition der literarischen Moderne begründet hat und sich durch eine „ästhetizistisch-moderne Ausrichtung und weltliterarische Orientierung“ (Kulcsár Szabó 2013: 299) auszeichnete – auch abzulesen an den dort veröffentlichten Übersetzungen und übersetzungspoetologischen Beiträgen.</p>



<p>Wegen eines Lungenleidens begab sich Klein im Frühjahr 1916 zur Kur nach Davos, von dort aus unterhielt er eine rege Korrespondenz nach Budapest und setzte auch seine übersetzerische Tätigkeit fort.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="4"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup4">4</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="4">Die intensive und erfolgreiche Vermittlungstätigkeit belegt etwa die Korrespondenz, die Klein mit Mihály Babits von Oktober 1916 bis August 1923 führte (Babits Mihály Levelezése 2008–2014).</span>&nbsp;In Davos, auf dem „Zauberberg“, lernte er 1918 seine Lebensgefährtin und spätere Frau kennen, die österreichische Schriftstellerin und sehr produktive Übersetzerin Hermynia Zur Mühlen. Mit ihr lebte Klein ab 1919 bis zum Machtantritt Hitlers in Frankfurt am Main. Wegen seiner jüdischen Herkunft und der dezidiert regimekritischen Haltung Zur Mühlens sahen sie sich gezwungen, 1933 Deutschland zu verlassen. Bis 1938 hielten sie sich in Wien auf. Die vierzehn Jahre in Frankfurt am Main waren – gemessen an der Zahl seiner Veröffentlichungen – die produktivste Zeit als Übersetzer. Als Stefan I. Klein und Hermynia Zur Mühlen nach einer Odyssee durch Europa 1939 in London eintrafen, konnte der Fünfzigjährige auf ein recht umfangreiches übersetzerisches Œuvre zurückblicken. Kleins Briefwechsel zeugt von engen, seine Budapester Zeit überdauernden Verbindungen zu „seinen“ Autoren.</p>



<p>Einen intensiven Kontakt pflegte Klein zu Mihály Babits, einem der Vertreter der ungarischen Moderne aus dem Kreis um die Zeitschrift&nbsp;<em>Nyugat</em>. Insgesamt sind mehr als 260 Briefe aus fast dreißig Jahren überliefert (Cséve/Papp 1993: 226-255). Die Übersetzung seiner Prosa ins Deutsche war in der Zwischenkriegszeit das ausschließliche Verdienst Kleins. Nicht weniger eng gestaltete sich sein Verhältnis zu Dezső Kosztolányi, dem zweiten durch&nbsp;<em>Nyugat</em>&nbsp;prominent präsentierten Literaten der Moderne. Seine Novellen waren in den 1910er Jahren in den expressionistischen Zeitschriften&nbsp;<em>Der Sturm</em>,&nbsp;<em>Der Brenner</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Der Friede</em>&nbsp;zu lesen. Sein Roman&nbsp;<em>A véres költő</em>&nbsp;(dt.&nbsp;<em>Der blutige Dichter</em>), der das heikle Verhältnis von Sprache und Macht beleuchtet, erschien 1924 in der Übertragung von Klein erstmals auf Deutsch, zunächst im Konstanzer Verlag Oskar Wöhrle und im Abstand von wenigen Jahren in zwei weiteren Verlagen, jeweils mit einem Vorwort von Thomas Mann.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="5"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup5">5</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="5">Die deutsche Übersetzung des Romans fand in&nbsp;<em>Nyugat</em>&nbsp;positive Resonanz: In Kleins&nbsp;<em>Blutigem Dichter</em>&nbsp;gehe kaum etwas verloren vom lyrischen Reichtum der Kosztolányischen Evokationen, der Schönheit seiner Bilder und der symbolischen Atmosphäre, lobt József Turóczi-Trostler (1924: 475).</span>&nbsp;Der 1913 herausgegebene Novellenband&nbsp;<em>Die magische Laterne</em>, dessen Übersetzung ebenfalls Klein besorgte, hatte Manns Interesse für Kosztolányi als Literaten wecken können – als Übersetzer seiner Novelle&nbsp;<em>Tristan</em>&nbsp;(1903; ung. 1908) kannte er ihn bereits. Dass Kosztolányi seinem Übersetzer auch die Auswahl der zu übersetzenden Texte anvertraute, belegt der Brief vom 22. Juni 1933:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich schicke Dir die Esti-Erzählungen, die in meinem Band nicht enthalten sind […] Diese kannst Du in den deutschen Band aufnehmen. Ich bitte Dich nur, verwahre das Manuskript sorgfältig und schicke es nach der Verwendung zurück, denn ich vertraue Dir mein einziges Exemplar an. (Kosztolányi 1996: 690, Übersetzung C.S.)</p>
</blockquote>



<p>Kleins Vermittlertätigkeit wurde im&nbsp;<em>Nyugat</em>-Kreis wohlwollend aufgenommen. Seine bis 1924 veröffentlichten fünf Prosaanthologien trugen der in der Zeitschrift proklamierten Erneuerung der ungarischen Literatur durchaus Rechnung: Die Literaten waren hier wie dort vertreten. In&nbsp;<em>Nyugat</em>&nbsp;würdigte der Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer Jenő Mohácsi den Übersetzer überschwänglich als „deutschen Apostel der ungarischen Literatur“ (Mohácsi 1927: 641, Übers. C. S.).</p>



<p>Nach 1919, seinem endgültigen Weggang aus Ungarn, blieb Klein, wie erwähnt, in engem Kontakt mit den dortigen Literaten. Ob er wegen einer eventuellen Beteiligung an den revolutionären Ereignissen von 1918 emigrieren musste, konnte nicht eindeutig geklärt werden. In Davos begann er mit der Übersetzung des Romanwerks von Mihály Babits; 1920 erschien der Roman&nbsp;<em>Der Storchkalif</em>&nbsp;im Leipziger Kurt Wolff Verlag (Nachdruck bei Suhrkamp 1984); es folgten weitere Prosabände: 1923 die Novelle&nbsp;<em>Der Sohn des Vergilius Timár</em>&nbsp;und 1926 der Roman&nbsp;<em>Das Kartenhaus</em>.</p>



<p>Der Umzug nach Frankfurt erleichterte den Zugang zu den hier ansässigen Verlagen, großen Zeitungen und Bibliotheken. Márai, der wie Klein in den 1920er Jahren für das Feuilleton der&nbsp;<em>Frankfurter Zeitung</em>&nbsp;arbeitete, zeichnete in seiner Autobiographie&nbsp;<em>Egy polgár vallomásai</em>&nbsp;(dt.&nbsp;<em>Bekenntnisse eines Bürgers</em>) ein kaum verschleiertes Porträt von Stefan I. Klein und Hermynia zur Mühlen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Aus dem Schwarzwald kommend, traf eines Morgens mit zwei Hunden der Übersetzer K. ein, ein dicker, junger ungarischer Schriftsteller, der emigriert war und ständig in Weltschmerz und Gekränktheit um sich blickte; bei ihm war seine Freundin, eine österreichische Gräfin, die die Werke amerikanischer Schriftsteller ins Deutsche übersetzte und später in der linken deutschen Literatur aktiv wurde. Ich erwartete sie am Bahnhof. Ihr Einzug in Frankfurt erregte Aufsehen. […] K. war von Natur aus mißtrauisch, in allem und jedem witterte er Beleidigungen, und seinem Mißtrauen machte er in zornigen Briefen Luft, die er per Einschreiben, Expreß und Luftpost verschickte. […] Die Gräfin hatte er in Davos kennengelernt, während des Krieges; beide waren krank, und im Sanatorium hatten sie eine Zuneigung zueinander gefaßt, die unzerstörbar, reiner und stärker war als jede offizielle Verbindung und die beiden kranken Menschen für ihr ganzes Leben aneinander band. […] Die Hundepflege und das Bücherübersetzen füllten ihr Leben voll aus. Sie übersetzten sehr viel und waren Künstler in ihrem Handwerk. (Márai 2000: 251f.)</p>
</blockquote>



<p>Von der Verbindung profitierten augenscheinlich beide, denn Verlage wie Malik oder der Drei-Masken-Verlag, aber auch&nbsp;<em>Die rote Fahne</em>&nbsp;veröffentlichten Werke, Übersetzungen und Artikel des jeweils anderen.</p>



<p>In der Frankfurter Zeit unterhielten Zur Mühlen und Klein enge Kontakte zu linken Gruppierungen – Hermynia trat sogar der Kommunistischen Partei bei, von der sie sich allerdings in den frühen 1930er Jahren wieder abwandte –, und sie stellten sich in den Dienst einer politisch engagierten Literatur. Kleins Augenmerk galt zwar vor allem den&nbsp;<em>Nyugat</em>-Autoren, neben Babits und Kosztolányi auch Gyula Szini, Ernő Szép und Gyula Krúdy, die als Vertreter der klassischen ungarischen Moderne den Geschmack der damaligen deutschen Leserschaft trafen, er ebnete aber auch den Weg für János Mácza und Sándor Barta, beide Literaten der avantgardistischen Zeitschrift <em>Ma</em>, und platzierte Autoren, die einer proletarischen Literatur verpflichtet waren, in politisch links ausgerichteten Zeitungen und Zeitschriften. Angeregt von Zur Mühlens erfolgreichem Märchenbuch&nbsp;<em>Was Peterchens Freunde erzählen</em>&nbsp;(1921), brachte er 1923 den Märchenband&nbsp;<em>Silavus</em>&nbsp;von Maria Szucsich beim Dresdner Proletarischen Freidenker-Verlag unter. Überhaupt waren die Frankfurter Jahre äußerst produktiv: Neben einer Vielzahl von Übersetzungen in Zeitungen und Zeitschriften – Miklós Salyámosy (1973: 69) erwähnt mehr als 50 Blätter, in denen Klein publizierte –&nbsp;legte Klein mehr als 40 Übersetzungen in Buchform vor, die durchaus positiv von der deutschen Kritik aufgenommen wurden. So schrieb Joseph Roth (1926) über Babits’ Roman&nbsp;<em>Das Kartenhaus</em>: „Wer Ungarn kennen will, lese dieses Buch, das allerdings auch eine ungleich sympathischere Bekanntschaft vermittelt: die mit dem Dichter Babits. – Die Übersetzung Stefan J. Kleins ist klar, flüssig und präzise.“</p>



<p>Wenige Monate nach dem Machtantritt Hitlers beschloss das Literatenpaar, nach Wien überzusiedeln. Bereits Anfang der 1920er Jahre hatten beide wegen ihrer Verbindungen zur kommunistischen Bewegung unter Polizeibeobachtung gestanden (vgl. Altner 1997: 64). Als Hitler 1938 in die österreichische Hauptstadt einmarschierte, flohen Klein und Zur Mühlen nach Bratislava. Dabei mussten sie ihre Bibliothek und alles weitere dinglich vorhandene Vermögen zurücklassen. Es folgte eine aufreibende Flucht über Budapest, Jugoslawien, Italien, die Schweiz und Frankreich, bis sie mit Hilfe des Czech Refugee Trust Funds im Juni 1939 London erreichten – entkräftet, krank, mittellos.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mein Mann kann sich nicht einleben, es fehlen ihm die vielen Zeitungen, die deutschen und ungarischen Bücher, Frankreich war ja auch wirklich viel schöner, schon die Luft in Paris, die wirkliche und die, wie soll ich sagen, moralische, seelische. Alles so leicht, so anmutig und dabei so anständig. (Zur Mühlen: 1939)</p>
</blockquote>



<p>Klein konnte im englischen Exil seine Kontakte zur ungarischen Literaturszene zwar aufrechterhalten, aber es gestaltete sich äußerst schwierig, weiterhin deutsche Übersetzungen unterzubringen. Der niederländische Verlag Allert de Lange, der u. a. Bertolt Brecht, Sigmund Freud, Irmgard Keun und Stefan Zweig herausgab, hatte 1937 Jolán Földes’ Roman&nbsp;<em>Die Straße der fischenden Katze</em>&nbsp;veröffentlicht. Da sich das Buch mit fast 8.500 verkauften Exemplaren als kommerzieller Erfolg erwies, konnte Klein 1938 und 1939 zwei weitere Romane der Autorin bei Allert de Lange veröffentlichen. Während Zur Mühlen, zum Zeitpunkt ihrer Flucht aus Österreich eine bekannte Schriftstellerin, trotz schwerer Krankheit weiterhin ihrer literarischen Tätigkeit nachging, gelang es Klein – wohl auch wegen der fehlenden Englischkenntnisse – nur noch gelegentlich, etwas zu veröffentlichen, etwa bei Schweizer Zeitungen wie der&nbsp;<em>Basler Nationalzeitung</em>&nbsp;(Illés 1969-70: 85). Ob er bei Londoner Exilblättern mitarbeitete, ist ungeklärt.</p>



<p>In den unmittelbaren Nachkriegsjahren dachten beide zunächst an eine Rückkehr nach Wien, die sich aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht realisieren ließ. 1951 starb Hermynia Zur Mühlen, Klein blieb in großer Armut zurück. Er versuchte über das United Restitution Office in London, seine Ansprüche bei den deutschen Entschädigungsbehörden geltend zu machen – doch erfolglos. 1956 und 1957 konnte er, indem er wohl ehemalige Verlagskontakte seiner Frau nutzte, zwei Romanübersetzungen des englischen Autors Nevil Shute Norway im Zürcher Steinberg-Verlag publizieren. Die Korrespondenz mit dem ebenfalls im englischen Exil lebenden Schriftsteller und Kritiker Lajos Hatvany aus dem Jahr 1946 lässt darauf schließen, dass Klein beabsichtigte, einen Band mit Texten von ungarischen Opfern des Naziterrors herauszugeben. Dazu bat er Hatvany um Rat bei der Auswahl der Autoren und um ein Vorwort; das Projekt wurde allerdings nie verwirklicht (Hatvany 1967: 389). Ebenso wenig gelang es Klein, Übersetzungen der Novellen des 1936 verstorbenen Dezső Kosztolányi zu veröffentlichen (Klein 1958 und 1959). Kosztolányi hatte Klein noch in den 1930er Jahren seine Manuskripte überlassen (vgl. Illés 1969-70: 82). „[…] damals hatte ich aus den Manuskripten eine Reihe von Novellen und Skizzen übersetzt. Einige Manuskripte habe ich noch“, schrieb Klein 1950 an die Witwe (zit. nach Illés 1962: 193, Übersetzung C.S.).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="6"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup6">6</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="6">Leider ist der Brief Kleins an Kosztolányis Witwe, auf den sich Illés bezieht, im Archiv des Petőfi Literatur Museums nicht auffindbar. Siehe dazu Józan 2011: 415.</span></p>



<p>Mit der 1957 im Zürcher Classen-Verlag erschienenen Anthologie&nbsp;<em>Ungarische Meistererzähler</em>, einer Auswahl humoristisch-satirischer Kurzgeschichten, konnte Klein noch einmal an frühere Erfolge als Herausgeber von Anthologien anknüpfen. György bzw. George Mikes, ein bereits seit Ende der 1930er Jahre in England lebender Journalist und Autor, schrieb das Vorwort zu diesem „Kaleidoskop ungarischer schriftstellerischer Talente“, welches fast alle Autoren versammelt, die in der ungarischen Prosa Rang und Namen haben, angefangen mit Jókai und Mikszáth, den kanonischen ungarischen Romanciers der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, über Heltai, Herczeg, Móricz, Szép bis zu Kosztolányi und Frigyes Karinthy.</p>



<p>Dies sollte die letzte Buchveröffentlichung Kleins sein. Verbittert über den Verlust seiner Frau, über die ausbleibende Anerkennung ihrer schriftstellerischen Leistung sowie über die wiederholten Fehlschläge seiner Projekte, beabsichtigte er noch 1955 nach Ungarn überzusiedeln. Wilhelm Sternfeld klagt er in einem Brief vom 18. Juni 1955:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich bin nicht gesund genug, um dieses Bettlerleben auf die Dauer auszuhalten. (Der Feuilletondienst im Rowohlt-Verlag hat im vorigen Monat eine einzige Arbeit placiert, da es sich um eine Übersetzung aus dem Ungarischen handelte und ich von dem Honorar 50 % abgeben muß, sind das für mich nicht einmal 10 Schillinge!) (zit. nach Altner 1997: 204)</p>
</blockquote>



<p>Am 6. Oktober 1960 starb Stefan I. Klein völlig verarmt in St. Alban bei London. Sein Nachlass wie auch der Hermynia Zur Mühlens ist verschollen.</p>
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