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	<title>Verfasser übersetzungspoetologischer Texte &#8211; UeLEX</title>
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	<description>Germersheimer Übersetzerlexikon</description>
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		<title>Bergmann, Wolf 1904–1972</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/bergmann-wolf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[sbaumann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 10:54:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Wolf Bergmann war ein Freiburger Germanist und Dichter, der zusammen mit seiner jüdischen Frau mit Unterstützung von Albert Schweitzer ins Exil ging und mit ihr 1937 nach Funchal auf Madeira gelangte. Dort schlug er sich als Sprachlehrer durch und fertigte gelegentlich Übersetzungen aus dem Französischen oder ins Englische an. Vor allem aber schrieb er weiterhin [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Porträt entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts <em><a href="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025" data-type="link" data-id="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025">Post-Exil: Trans (2025-2027)</a></em>.</p>


        </p>
    </div>


<p>Wolf Bergmann war ein Freiburger Germanist und Dichter, der zusammen mit seiner jüdischen Frau mit Unterstützung von Albert Schweitzer ins Exil ging und mit ihr 1937 nach Funchal auf Madeira gelangte. Dort schlug er sich als Sprachlehrer durch und fertigte gelegentlich Übersetzungen aus dem Französischen oder ins Englische an. Vor allem aber schrieb er weiterhin Gedichte auf Deutsch und unterhielt Verbindungen zu evangelischen Kreisen in Deutschland und Freunden wie dem Maler Ludwig Meidner und dem Romanisten Ernst Robert Curtius oder dem französischen Germanisten Robert Minder. In Lissabon wurde er 1960 zum Leiter des Goethe-Instituts, bei dem er, als es noch Instituto Alemão hieß, bereits seit 1954 als Lehrer und Leiter der Sprachkurse sowie im Kulturprogramm tätig war. In Vorträgen beschäftigte er sich mit Übersetzungen aus dem Portugiesischen und trat in der Nachkriegszeit mit einer Auswahl portugiesisch-sprachiger Gedichte für die Schweizer Zeitung <em>Die Tat</em> auch selbst als Übersetzer hervor.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Lebensweg</strong></h2>



<p>Wolf Bergmann (1904–1972) wurde in Freiburg geboren und wuchs dort und in Straßburg auf.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Er hat dann Ger­mani­stik, Romanistik und Ge­schichte in Freiburg, Berlin, Paris, später in Würzburg studiert. Würz­burg, Fran­ken, war für ihn noch einmal eine prägende Erfah­rung. Eine umfangreiche Doktorarbeit über Georg Heym wurde 1933 von dem Frankfurter Litera­turwissenschaftler, Prof. Dr. Paul Schultz, angenom­men. Zur mündli­chen Prü­fung kam es nicht mehr, da ihm die Sensibi­lität für die politische Situation das Leben in Deutschland unmöglich machte. Die enge Freundschaft mit einer Jüdin, Charlotte Ma­nasse, be­stärkte ihn in seiner Besorg­nis. Er verließ Deutsch­land. Rom, das heimatliche Elsass, Basel waren die ersten Sta­tionen des Exils. 1936 in Hüningen im Elsass heirate­ten er und Char­lotte, die, inzwischen pro­movierte Augen­ärztin, eben­falls in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte. Kirchlich ge­traut wurden sie im Basler Münster von Eduard Thur­neysen, dem Karl Barth ver­bundenen späteren Theologie­professor, mit dem Wolf Bergmann sich angefreundet hatte.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mit Hilfe Albert <em>Schweitzers</em> gelang Anfang 1937 die Auswanderung nach Madeira. Dort musste das Ehepaar in bescheidensten Verhältnissen leben. Dank der portu­giesi­schen Aus­länderbehörde war die Aufenthaltsbewil­li­gung zu kei­nem Zeitpunkt ein Problem. Allerdings war es für die Ehe­frau nur kurze Zeit möglich, als Augen­ärztin zu prak­tizie­ren, da ihr die portugiesischen Examina fehlten. Sie nachzuholen, war nicht finanzierbar. Den Lebensunterhalt ver­diente sich das Ehepaar mit Sprachunter­richt. Freundschaften mit Portugie­sen und Ausländern entstan­den. Die Schottische Kirche in Funchal war ein regelmäßi­ger Kontakt. Trotz­dem war die geistige Isolierung von Deutschland und der Ab­bruch der Beziehung zu vielen Freunden eine bittere Exils­erfahrung. [sic!] Der Zusammen­bruch der deut­schen geisti­gen Traditionen und aller Werte in dem verbrecherischen na­tionalsozialisti­schen Regime haben Wolf Bergmann tief erschüttert. 1941 wurde beiden die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen,</p>
</blockquote>



<p>schrieb Georg Laitenberger, von 1974 bis 1986 Pastor der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde von Lissabon, in der <em>Portugal-Post</em> Nr. 25 der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft (Laitenberger 2004: 6a).</p>



<p>Zu Albert Schweitzer führte Charlotte Bergmann in ihren Erinnerungen aus, dass dieser mit ihrem Vater, einem Würzburger HNO-Arzt, befreundet war und ihr und ihrem Mann daher beratend und finanziell zur Seite stand und die beiden auch nach dem Krieg auf Madeira besuchte.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="10"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup10">10</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="10">Laut telefonischer Auskunft des Deutsch-Portugiesen Bernardo Jerosch Herold, der mit Bergmann befreundet war und seinen Nachlass aufbewahrte, hat Schweitzer dem Ehepaar einen Koffer mit der Aufschrift <em>Lambarene</em> geschenkt, der sich im Besitz von Jerosch Herolds Tochter befindet.</span> Zu seiner Sprachbiographie bemerkt sie, dass Wolf Bergmann sich im Selbststudium Englisch beigebracht hatte und dies auf Madeira fortsetzte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wolf, der als Humanist nur Griechisch, Latein und Französisch gelernt hatte, büffelte fleissig die englische Sprache, ich half ihm bei der Aussprache. Abgesehen davon machte er täglich eine Stunde Latein und Griechisch, „um nicht zu verdummen“. (Bergmann o. J.: 19)</p>
</blockquote>



<p>Sie beschreibt, wie das Ehepaar die örtliche Schottische Kirche auch nach Kriegsausbruch weiter besuchen konnte. 1941 seien sie ausgebürgert worden, um dieselbe Zeit hätten sie die Kinder der englischen „evacuees“ aus Gibraltar in verschiedenen Fächern unterrichtet und sich so über Wasser gehalten (ebd.).</p>



<p>Nach Kriegsende habe ihr Mann Berufungen als Germanist an deutsche Universitäten aufgrund seines Anti-Nazitums abgelehnt und Deutschland erst 1952 wieder besucht, wo er in Bonn den SPD-Juristen Arndt und seinen alten Lehrer und guten Freund Ernst Robert Curtius getroffen habe. Sie selbst hatte zuvor den bedeutenden Maler und Freund Ludwig Meidner, der Wolf Bergmann in den 1920er Jahren porträtiert hatte, in London besucht, ihr Mann war dafür zu krank gewesen.</p>



<p>Bis zum Anbruch seines Exils konnte Bergmann bei dem zunächst in Straßburg und dann in Leipzig ansässigen Heitz Verlag einen Band <em>Verse und Gedichte</em> (1930), <em>Sechs Sonette und andere Gedichte</em> (1934) und <em>Das Waldhaus. Gedichte</em> (1936) veröffentlichen. Wie er an Heinrich Hassmann, mit dem er bis kurz vor seinem Tod korrespondierte, am 11. Mai 1936 aus seinem Basler Exil schrieb, sah er sich als Dichter in einer Tradition, die bewusst die lauten Töne vermied:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Und dazu strebe ich eine beruhigende, ganz bewußt ins Kleine und Freundliche gehende Kunst an. Mit George und auch Rilke, mit allen Größenwahnsinnigen und Dunklen, allen Wilden und Tragischen, allem Aufsuchen stürmischer oder qualvoller Dinge, habe ich nichts mehr zu tun. Wenn ich lese, lese ich fast nur noch Rückert, und außer Goethe oder Stifter habe ich in der deutschen Dichtung kaum noch Götter. Meine Rückert-Verehrung zieht naturgemäß eine Beschäftigung mit dem Gedanken der Weltliteratur nach sich, und von des fränkischen Meisters freundlich-stillen Genius lasse ich mich wieder leiten ins nahe und ferne Morgenland, nach Persien, Indien und bis nach China. Behutsam bin ich darauf bedacht, daß es dabei ja immer so zugehe, den Blick vom Freundlichen nicht abgehen zu lassen und den Glauben ans Gütige in irdischer Welt nicht zu versuchen. (Hassmann 1984)</p>
</blockquote>



<p>1948 bot Bergmann dem Verleger Ernst Bauer seine Gedichte zur Veröffentlichung in dessen nach dem Krieg in Ulm gegründeten Aegis-Verlag an. Ohne Erfolg. Allerdings verband Bauer seine Absage mit der Anfrage, ob Bergmann stattdessen für ihn Prosa aus Portugal auswählen und übersetzen wolle:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Erlauben Sie mir nun noch einige Fragen. Haben Sie, sehr geehrter Herr Bergmann, niemals Prosa geschrieben? Vielleicht bestünden auf diesem Gebiet bessere Möglichkeiten. – Ausserdem bringen wir hier im Verlagsrahmen seit zwei Jahren eine Zweisprachenreihe heraus, in der bis jetzt etwa 40 Bändchen [sic! bis Ende 1948 lagen bei Aegis 32 vor, SB] zweisprachig mit klassischen französischen, englischen, italienischen, russischen und spanischen Texten erschienen sind. Polnische, tschechische, schwedische, dänische Texte befinden sich in Vorbereitung. Portugiesische sind geplant, oder besser vorgesehen, doch haben wir das Geeignete noch nicht gefunden. Was wir brauchen, sind Novellen, möglichst von Autoren, bei denen die Schutzfrist (wegen devisen- und urheberrechtlicher Schwierigkeiten) verstrichen ist, d. h. also solche, die vor mehr als 50 Jahren gestorben sind. In Betracht kommen nur wirklich gute Werke mit einer straffen, gefälligen Handlung und einem Stil, der in klares Hochdeutsch leicht übertragen werden kann. Können sie uns nicht in dieser Beziehung einige Vorschläge machen?<span class="oes-note oes-popup" data-fn="11"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup11">11</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="11">Bauer, Ernst (1948): Brief an Wolf Bergmann in Funchal auf Madeira (Nachlass im Privatbesitz von Joachim Bauer, Laichingen)</span></p>
</blockquote>



<p>Daraus wurde jedoch nichts. Möglicherweise ging der Brief verloren, denn er findet sich an keiner Stelle in Bergmanns verstreutem Nachlass. 1951 konnte Bergmann die Gedichte, deren Titel <em>Atlantische Landschaft</em> die Entstehung im und den Einfluss des Exils verrät, im Hamburger Ellermann Verlag veröffentlichen.</p>



<p>1954 wurde er am Instituto Alemão in Lissabon zunächst Deutschlehrer und zwei Jahre später Leiter der Deutschkurse für Erwachsene, 1960 folgte er dem ersten Direktor Manfred Kuder nach. Ab etwa 1962 wurde das Instituto dem Goethe-Institut unterstellt, dessen erster Leiter er somit war (Laitenberger 2004b). An dieser Wirkungsstätte pflegte Bergmann Kontakte zur örtlichen Technischen Hochschule, organisierte ein Kulturprogramm und hielt Vorträge zur deutschen Literatur. „Er war nicht mehr nur Emigrant, der Asyl brauchte, sondern musste in der politischen Situation der späten Salazarzeit öffentlich wirksam werden“, schrieb Georg Laitenberger anlässlich einer Gedenkfeier zu seinem 100. Geburtstag. Laitenberger zitiert aus einem Brief Bergmanns, der die Nelkenrevolution ja nicht mehr erleben sollte und die Erbschaft der Salazar-Zeit als „schwere Last“ beschrieb. Bergmann fragte sich, ob die von Caetano geweckten Hoffnungen und Erwartungen, „zu entfernen, was das Land mit Apathie lähmte“, eingelöst werden würden. Für Laitenberger bewies er damit „wieder etwas von der politischen Sensibilität, die ihn nie verlassen hat“. Über eine spätere Kritik an Bergmann seitens seines Nachfolgers Curt Meyer-Clason äußerte sich Laitenberger empört:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Leider schien der Nachfolger von W.B. in der Institutsleitung, Curt Meyer-Clason, zu denen zu gehören, die die eigene Verstrickung dem Emigranten übelnehmen und ihm die Glaubwürdigkeit, die der Emigrant durch Gradlinigkeit und Eindeutigkeit der Lebensentscheidung gewonnen hat, nicht verzeihen können. In einer Veröffentlichung (<em>Portugiesische Tagebücher</em>, S. 18–22) hat er W.B. und seine Arbeit als Institutsleiter posthum karikiert, für den unkundigen Leser geistreich-originell klingend, aber in Wahrheit nur den Eindruck der eigenen uninformierten, unsensiblen und ungebildeten Arroganz erweckend.“ (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Bergmanns Verhältnis zu den Deutschen in Portugal seinerseits war zwiespältig, wie er gegenüber seinem Freund Heinrich Hassmann in einem Brief vom 24. März 1967 aus Lissabon ausführte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Meine Position hier ist recht sonderbar: So komme ich mit Leuten, die einmal ausgesprochene „Parteileute“ waren, mehr als gut aus und werde eigentlich von diesen weitaus besser verstanden als von ehemaligen „Mitläufern“.</p>



<p>Letzte nehmen mir ihr Mitläufertum sehr übel. Die mildeste Form ihrer Verwirrtheit mir gegenüber ist, daß ich ihnen schillernd vorkomme, weltfremd usw. Die Art, sich an mir dafür schadlos zu halten, daß sie sich damals erniedrigen mußten, ohne zu den Veranstaltern gehören zu können, ist die häufigste. Mitläuferei ist eben etwas sehr Arges. Daß mein nationales Gewissen ruhig sein kann, das versetzt sie in eine gar schlimme Haltung. Würden sie kennen, was in Gerhard Nebels Buch „Portugiesische Tage“ über mich zu lesen steht, wäre es für mich noch ärger: dort figuriere ich als „Montanus“, wohl etwas zu positiv beschrieben, als Schicksal aber ganz richtig erkannt.</p>
</blockquote>



<p>Gerhard Nebels Buch <em>Portugiesische Tage</em> erschien 1966 in Hamburg. Darin lobte er die Portugiesen für ihr Ausharren in den afrikanischen Kolonien, da die Bewohner dort sonst in ihre vorherige Anarchie zurückverfielen (Nebel 1966: 14). In dem Kapitel „Saudade“, in dem die Begegnung mit Bergmann geschildert wird, bedauert Nebel die Abspaltung Portugals von den überlegenen Spaniern und sucht die Mentalität des Landes in Rasse-Begrifflichkeiten zu fassen. Immerhin schilderte Nebel, der in einem Brief vom 9. Juni 1962 an Bergmann dessen Gedichte etwas arrogant als von Theodor Däubler beeinflusst bezeichnete,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="12"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup12">12</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="12">„… die Herkunft von Däubler ist anzumerken, aber es fehlen die Däublerschen Schlacken. Däubler schien ja doch ganz kritiklos gegen sich zu sein, man musste die Edelsteine aus einer Halde auflesen. Dagegen welche zarte Kraft in Ihren Bildern – ich bin ganz begeistert, welche Herzensreinheit!“</span> Bergmann unter dem Spitznamen Montanus freundlicher als <a href="https://uelex.de/uebersetzer/meyer-clason-curt/" data-type="uelex_article" data-id="2000502">Curt Meyer-Clason</a>, der ihm kurz vor seinem Tod begegnete und unterstellte, kein Interesse am Gastland zu haben und zum Organisieren eines Kulturprogramms zu eigenbrötlerisch zu sein (vgl. Meyer-Clason 1979).</p>



<p>Doch Bergmann, von dessen Kulturprogramm noch die Rede sein wird, führte seine Arbeit als Kulturvermittler trotz seiner Skepsis gegenüber dem Salazar-Regime fort und blieb auch nach seiner Pensionierung im Jahr 1969 bis zu seinem Tod 1972 weiter in Portugal, wo er auf dem Deutschen Friedhof Lissabons beerdigt wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vorträge, Gelegenheitstranslation, Übersetzungspoetologie und Korrespondenz</strong></h2>



<p>Auf Madeira war Englisch zur Unterrichtssprache der Bergmanns geworden, und Wolf Bergmann hatte in diesem Zusammenhang auch aus dem Deutschen in diese zweite Sprache seines Exils übersetzt, wie er Heinrich Hassmann am 3. Januar 1947 schilderte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Prosa in einem dichterischen Sinne habe ich nicht geschrieben, es sei denn, man nehme zwei Vorträge als eine solche; diese aber waren nicht nur in englischer Sprache abgefaßt, sondern hatten auch halbwissenschaftlichen Charakter.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich bekam plötzlich Lust zu solchen Sachen, als im Jahre 1944 jene deutschen Offiziere das Land von seinem Unterdrücker befreien wollten. Die Vorträge hießen: „Hölderlin, a myth of purity“ und „What is a Lied?“ Beides vollzog sich in einer sehr feierlichen Umgebung mit Kerzenbeleuchtung und nachfolgendem Supper, eben so, wie englische Menschen derlei gerne vollzogen sehen.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Eine Schülerin von mir, selber von engelhaft-hölderlinschem Aussehen, sagte im Hölderlin-Vortrag einige von dessen Oden und Hymnen, die ich ins Englische übersetzt hatte, her.An Übersetzertätigkeit habe ich überhaupt Einiges hinter mich gebracht, nämlich drei Geschichten von Adalbert Stifter, die ich in Gemeinschaft mit einer hierfür hochbegabten englischen Schülerin übertrug; diese Arbeiten werden momentan in England begutachtet und sind bereits für eine Publikation aussichtsreich beurteilt worden. Dieselbe Schülerin übersetzt jetzt selbständig, nur kontrolliert von mir, den so wichtigen und mehr als zeitgemäßen „Abdias“ von Stifter.&nbsp;</p>
</blockquote>



<p>In Lissabon hielt Bergmann auf Deutsch Vorträge zu verschiedenen Themen, darunter auch zum Übersetzen: „Georg Heym“ (über dessen Lyrik hatte er promoviert), „Deutsche Prosa aus dem 20. Jahrhundert“, „Die Texte in Carl Orffs<em>Trionfi</em>&nbsp;–&nbsp;<em>Catulli Carmina</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Trionfo di Afrodite</em>“, „Aus der Dichtung des Barock“, „Reinhold Schneider – Gedenkstunde anl. seines Todes“, „Otto von Taube, ein deutscher Dichter und Camoes-Übersetzer“ (Kuder 1960).<span class="oes-note oes-popup" data-fn="13"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup13">13</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="13">Das Typoskript eines Berichts, den Manfred Kuder 1960 verfasst hat, in dem Bergmanns Vorträge aufgelistet sind, wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Berliner Historikerin Annette Godefroid, die Teile des Archivs der Bartholomäus-Bruderschaft der Deutschen in Lissabon digitalisiert hat.</span></p>



<p>Im Vortrag zu Taubes 80. Geburtstag würdigt Bergmann Leben und Werk des baltischen Dichters, der wie er selbst in der Nachkriegszeit in der evangelischen Zeitschrift&nbsp;<em>Eckhart</em>&nbsp;veröffentlichte und der&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>den Verlust der Heimat und die Vernichtung von Vorrechten aus der Geburt frühzeitig hinnehmen mußte. Auch dies ließ ihn Schicksal, Geschichte und Recht immer wieder befragen. (Bergmann 1959)</p>
</blockquote>



<p>Dies waren Themen, die auch Bergmann selbst im Exil umkreiste. Für Bergmann hatte sich in Taubes estländischer Heimat trotz der Zugehörigkeit zum Russischen Imperium der Geist des deutschen Mittelalters und eine spezifische Liebe zum Süden und zur Latinität erhalten. Auf diese war Bergmann im eigenen Exil getroffen&nbsp;und an ihr hielt er fest. Es&nbsp;magauch etwas von Überlegungen zum eigenen Lebensweg und der Entscheidung für Geisteswissenschaft, Poesie und Übersetzung mitschwingen, wenn Bergmann Taubes Abkehr von der juristischen Laufbahn beschreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Fioretti des Heiligen Franz hatte er in seinen Referendarjahren übersetzt und auf einem Kongreß in Assisi den Beifall der Franziskusforscher erhalten. Da jetzt eine in ihm brennende ‚Hochglut des Lyrischen‘ nach Ausdruck verlangte, entschloß er sich, den Staatsdienst aufzugeben. (ebd.)<span class="oes-note oes-popup" data-fn="14"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup14">14</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="14">Die&nbsp;<em>Fioretti</em>&nbsp;wurden auch für die oben erwähnte Aegis-Zweisprachenreihe übersetzt, und zwar von Edmund Th. Kauer als Band 15 (1947).</span></p>
</blockquote>



<p>Neben den Romanen hebt Bergmann Taubes Übersetzungen hervor und erwähnt dabei dessen Freund und Weggefährten Reinhold Schneider, der zum christlich-konservativen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gerechnet wird. Mit ihm, ebenso wie mit Taube, hatte Wolf Bergmann, wie aus seinem Nachlass hervorgeht, über viele Jahre hinweg korrespondiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nicht zufällig ist im Leben des Dichters [Otto von Taube] seine Freundschaft mit Reinhold Schneider ein an geistigen Bezügen bedeutender Tatbestand. Und wie wir nicht aufhören können, dem von uns gegangenen Alemannen dafür dankbar zu bleiben, daß er in von Tiefsinn erfüllten Büchern Portugals Geist dem deutschen Bewußtsein nahebrachte, haben wir es dem Balten Otto von Taube zu danken, daß er mit seinen Camoesübersetzungen der deutschen Liebe zu Portugal ein Denkmal errichtete, wie es vorher nicht bestanden hatte. (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Taubes Übersetzungspoetik erläutert Bergmann so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was den Übersetzer leitete, ist dieses: der Inhalt muß möglichst genau, aber ebenso dem Geiste nach da sein. Das verlangt Ernst bis ins Kleinste des Technischen, dann das Entscheidende an Tonfall und Rhythmus, das nur aus dem Seelischen kommen kann. Wortstellung und Satzeinteilung werden so gewahrt, daß sich auch ungewohnte syntaktische Figuren behaupten. Es ist poetisches Deutsch, woraus Eigentümlichkeiten fremder Herkunft und anderer Zeit hervorschimmern. (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Bergmann war wichtig zu betonen, dass Taubes Übersetzungen nichts Museales hätten, sondern „lyrisches Fluidum“, „lyrischen Schwung“ und „kräftige Anschaulichkeit“, und er gab Übersetzungsbeispiele dafür,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>wie der gedankliche Inhalt eines vielleicht weniger bekannten Textes […] auch im Deutsch eines Mannes wie Otto von Taube lyrisch zu schwingen vermag. Es handelt sich um das Thema der Linderung des Schmerzes durch Schmerz. Wie in der Vorlage sind auf die aneinandergereihten Substantiva kräftigste Akzente gesetzt, sie sind nicht hergezählt im Sinne des Metrums, sie haben rhythmischen Drang. (ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Bergmann korrespondierte, wie aus seinem Nachlass im Deutschen Literaturarchiv hervorgeht, außerdem bereits seit 1937 mit René Schickele und besonders häufig mit dem französischen Germanisten Robert Minder, der damals an der Universität von Nancy lehrte, und tauschte sich auch mit diesem über die portugiesische Sprache und ebenfalls über den Renaissancedichter Camões aus.</p>



<p>In einem Französisch verfassten Brief vom Dezember 1946 fragt Minder an, ob er Bergmanns Gedichte an Alfred Döblin zur Veröffentlichung in dessen Literaturzeitschrift schicken dürfe.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="15"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup15">15</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="15">Minder erzählte Bergmann auch von einer Begegnung mit Alfred Döblin 1937 in Paris. Nach dem Krieg setzte sich die Korrespondenz mit Minder fort. Minder schrieb Bergmann am 16. Februar 1946 einen Brief nach Funchal in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch über seine Scheidung und dass er nochmal Döblin getroffen habe, „un homme fier et charmant“, der jetzt in Baden-Baden sei. Er selbst habe sich einige Monate lang verstecken müssen, weil man ihn gesucht habe.</span></p>



<p>Und am 27. Mai 1950 bittet er Bergmann um einen Beitrag für die Zeitschrift&nbsp;<em>Nouvelle Revue Litteraire</em>, den er übersetzen lassen wolle. Mit einer Postkarte vom Juli bedankte er sich bei dem Verfasser:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Absolut der richtige Ton: einfach, tief, echt. Ich danke Dir tausendmal. ‚Hommage à C.‘ wird erst anfang Okt. erscheinen: die Zeit dafür erwies sich als ungünstig im Juli, wo alles schon in Ferien ist.</p>
</blockquote>



<p>Bergmann hielt den Kontakt zur Literaturwissenschaft und auch zu deutschen Intellektuellen aufrecht, darunter sein Weggefährte, der Romanist Ernst Robert Curtius. Dieser stellte ihm am 1. September 1952 ein Empfehlungsschreiben aus, in dem er seine Freundschaft mit Bergmann seit 1927 bekräftigt und von der gemeinsamen deutsch-elsässischen Herkunft spricht, aus der beider Bemühen um die deutsch-französische Verständigung rühre. Er habe Bergmanns Sprach- und Literaturstudien und seine schriftstellerische Produktion über all die Jahre verfolgt.</p>



<p>Auch mit dem bereits erwähnten Reinhold Schneider und Schriftstellern in Deutschland und der Schweiz korrespondierte Bergmann.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="16"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup16">16</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="16">Ab den 1960er Jahren auch mit den Schriftstellerinnen und Schriftstellern Ilse Aichinger und Günter Eich, Thea Sternheim, Karl August Horst, Siegfried Lang, Peter Huchel und Hans Erich Nossack.</span> Schneider bescheinigte Bergmanns Gedichten, im metaphorischen Sinne Übersetzungen zu sein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Sie bringen aus Madeira der deutschen Sprache und Anschauungswelt Geschenke, derengleichen sie meines Wissens noch nie empfangen hat. Es spricht nur für die Gedichte, dass sie sich nicht so leicht erschliessen, dass man sie mehrmals lesen möchte, um sie sich zu gewinnen. Die Verbindung der antiken mit der atlantischen Welt ist Ihnen gelungen. Es ist eine Geistestat. Und da Sie etwas neues geleistet haben, so wurde Ihnen auch ein neuer Klang geschenkt. (18. Oktober 1956)</p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Übersetzer und Vermittler portugiesischsprachiger Lyrik</strong></h2>



<p>Zumindest in einem Fall hat Bergmann im Post-Exil auch im wörtlichen Sinne übersetzt,<span class="oes-note oes-popup" data-fn="17"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup17">17</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="17">Zuvor hatte er auch schon einmal aus dem Französischen übersetzt. Am 23. Dezember 1933 teilte Bergmann seinem Freund Heinrich Hassmann mit: „Im Auftrag meines Vetters in Rom übersetze ich ein schönes und herrliches Werk ‚Die Poesie des Quatrocento‘ von Antoine-Frédéric Ozanam.“ (Hassmann 1984) Eine Veröffentlichung ließ sich aber nicht nachweisen. Und auch Nachkriegsübersetzungen aus dem Griechischen der Antike dienten als Vorübungen für die eigene dichterische Tätigkeit und waren nicht zur Veröffentlichung gedacht.</span> und zwar – da er ja selbst Lyriker war – Gedichte aus dem Portugiesischen ins Deutsche.&nbsp;In der Rubrik „Kunst – Literatur – Forschung“ der Zürcher Zeitung&nbsp;<em>Die Tat</em>&nbsp;(14. Jg., Nr. 158, S. 11) erschien am 19. Juni 1949 eine ganze Seite von Wolf Bergmann unter dem Titel „Gedichte aus Portugal und Brasilien“. In Bergmanns Nachlass im Deutschen Literaturarchiv haben sich Briefe des Redakteurs Max Rychner erhalten, dem Bergmann eigene Gedichte zugeschickt hatte, der sie abdruckte und außerdem am 23. September 1947 – ebenso wie ein Jahr später Ernst Bauer für den Aegis-Verlag – Übersetzungen aus dem Portugiesischen erbat. Nachdem er diese erhalten hatte, fragte Rychner am 17. Februar 1949, ob der Übersetzer nicht auch noch eine kurze Einführung dazu schicken könne: „Man muss doch dem Leser einen Zugang zeigen in die Welt dieser Dichtung.“</p>



<p>Bergmann kam dem Wunsch nach und leitete seine Gedichtübersetzungen ein mit einem Hinweis auf die portugiesische Goethe-Rezeption und das Übersetzen im politischen Kontext:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Portugal wird wahrscheinlich in diesem Goethe-Jahr<span class="oes-note oes-popup" data-fn="18"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup18">18</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="18">Zum 200. Geburtstag des Dichters.</span> seine literarische Sensation haben. Professor Quintela von der Universität Coimbra veranstaltet gerade den Neudruck einer vergessenen&nbsp;<em>Faust</em>-Übersetzung. Beide Teile der Tragödie waren schon vor siebzig Jahren erschienen, doch ist die außergewöhnliche Arbeit nie recht bekanntgeworden, ehe das Buch fast unauffindbar wurde: teils sah der Uebersetzer, Agostinho d’Ornellas, ein madeirensischer Grandseigneur, dem an einem Namen in der Literatur nichts lag, seine Aufgabe als getan an, als er den Druck hatte herstellen lassen, teils war die literarische Lage des Landes, das sich aufs lebhafteste von Frankreich angesprochen fand, der Aufnahme nicht günstig.</p>
</blockquote>



<p>Bergmann selbst wünschte sich gewiss eine der Aufnahme seiner Texte günstige literarische Lage im deutschsprachigen Raum. Er fährt fort mit einer Würdigung der&nbsp;<em>Faust</em>-Übersetzung, in der man sicher auch seinen eigenen Anspruch, seine eigene Übersetzungspoetik erkennen kann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Diesmal könnte es anders sein. Denn die Leistung d’Ornellas‘ erfüllt sehr hohe Forderungen der Uebersetzungskunst: sie hat den unverzagten Ernst für das Kleine im Artistischen und läßt zugleich die Gegenwart eines monumentalen Ganzen, die das Fluidum jedes alterslosen Werks ausmacht, nie vermissen.</p>
</blockquote>



<p>Der portugiesischen Sprache d’Ornellas bescheinigt er eine „außergewöhnliche Biegsamkeit“ und eine „einzigartige Geübtheit im Vers“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Denn Portugal ist nicht nur ein literarisches Land, sondern hat fast immer seine seelischen und geistigen Energien auf die&nbsp;<em>Lyrik</em>&nbsp;konzentriert. Nie entbehrte diese der Hilfe der Kritiker, die hier eine so lebendige Tradition besitzen und von dogmatischen Denksystemen, die mit Poesie nichts zu tun haben, frei sind.</p>
</blockquote>



<p>Wolf Bergmann erweist sich hier als jemand, der offen für die Kultur des Exillandes und die „gefundene“ Sprache war und der den dortigen Umgang mit Literatur als bereichernd und befreiend empfand.</p>



<p>1949 erschienen in der Zeitung&nbsp;<em>Die Tat</em>&nbsp;Übersetzungen von Armindo Rodrigues („Das häßliche Mädchen“), Armando Côrtes-Rodrigues (Aus:&nbsp;<em>Gesänge der Nacht</em>), Cecilia Meireles („Gesang“, „Abschied“, „Wandel“ – letzteres, „Passeio“, auch im Original abgedruckt), Carlos Queiroz („Puppentheater“), Pedro Homem de Melo („Friedhof“). Die sieben Gedichte werden eingerahmt von Erläuterungen zur portugiesischen Mentalität, wie sie sich vor allem im Fado niederschlage, den Bergmann poetisch und zugleich präzise beschreibt. Weiterhin äußert er sich zur Anknüpfung der Moderne an die Tradition, die in Portugal nie ganz abgelegt werde, und bescheinigt den Portugiesen einen besonderen Sinn für Schönheit. In seinem Essay zitiert er weitere Gedichte der übersetzten Dichter sowie Zeilen des allenthalben als Avantgardisten gefeierten Fernando Pessoa, „dessen epigrammartige Gedichte mit ihren wie gehauchten Reimen man sich nicht zu übersetzen getraut“.&nbsp;Die Gedichte seien „der hier benützten Sammlung ‚Liricas Portuguesas‘, ausgezeichnet redigiert von dem madeirensischen Dichter Cabral do Nascimento“, entnommen. Bergmann erläutert, warum in der portugiesischen Lyrik häufig zusammen mit dem Reim auch auf andere Formelemente verzichtet werde, und nennt als Beispiel</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Carlos Queiroz, preisgekrönter Lyriker, intellektuell, oft ironisch und scheinbar unbesorgt um Form; doch vernimmt man vielleicht auch noch in der Uebersetzung ein ausdruckgewilltes Staccato des Originals „Puppentheater“.</p>
</blockquote>



<p>Die Traditionsbewusstheit der portugiesischen Dichtung beschreibt Bergmann so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Dichter in Portugal lieben das Neue, wenn es ihnen als das Reifere von etwas Vergangenem erscheint; sie gehören eben einer Nation an, die vierhundert Jahre politischer Geschichtslosigkeit hinter sich hat und dennoch nicht unterging.</p>
</blockquote>



<p>Ob in diesem Kommentar neben der Einordnung der portugiesischen Literatur in „eine erschimmernde Zeitlosigkeit“ aufgrund der historischen Zusammenhänge verschiedener Fremdherrschaften auch eine Andeutung auf das gerade besiegte „Dritte Reich“ mitschwingt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auf jeden Fall feiert Bergmann die in Rio geborene Autorin azorianischer Abstammung Cecilia Meireles als eine besonders wichtige Vertreterin der portugiesischen Lyrik:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nach dem Chor eines sich noch bewußter gewordenen portugiesischen Symbolismus ist Cecilia Meireles dessen großartige Einzelstimme.&nbsp;</p>
</blockquote>



<p>An ihren Gedichten schätzt er die „sanft tastende Sinnlichkeit“ und die „wundervoll einfache Sprache“: Ihr Subjektivismus“ könne tatsächlich</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>einem insularen Weltgefühl zugeschrieben werden, welches das Portugal des atlantischen Ozeans so gut kennt: auf diesen Inseln mit ihren Wolken und Vulkanen, mit den Walfischen und der oft furchtbaren See ist man, sehr im Unterschied zum Madeirenser in seiner ausgewogenen Kalypsolandschaft, von der Melancholie des Ungetümen und Grenzenlosen umgeben. […] „Im Ozean der Traurigkeit“, sagt ein Meergedicht der Cecilia Meireles, „öffnen die zarten Deltas des Glücks ihre Arme …“</p>
</blockquote>



<p>Das mag auch eine Beschreibung von Bergmanns Gefühlen im Exil gewesen sein, in dem er sich, abgeschnitten von der Heimat, Dankbarkeit für kleine Glücksmomente bewahren konnte.<br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sahl, Hans</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/sahl-hans/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Mar 2026 15:50:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Hans Sahl hat erst im amerikanischen Exil mit dem Übersetzen begonnen. Er wurde dann jedoch zu einem der erfolgreichsten Nachexil-Übersetzer, dank seiner durch viele Jahre auf vielen Bühnen gespielten Dramenübersetzungen (Thornton Wilder, Tennessee Williams, Maxwell Anderson, Arthur Miller, John Osborne). Manche Stücke wurden nur als Bühnenmanuskript gedruckt, andere erzielten auch als Buchausgaben sehr hohe Auflagen, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Biogramm entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts <em><a href="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025" data-type="link" data-id="https://uelex.de/neuigkeiten/#2025">Post-Exil: Trans (2025-2027)</a></em>.</p>


        </p>
    </div>


<p>Hans Sahl hat erst im amerikanischen Exil mit dem Übersetzen begonnen. Er wurde dann jedoch zu einem der erfolgreichsten Nachexil-Übersetzer, dank seiner durch viele Jahre auf vielen Bühnen gespielten Dramenübersetzungen (Thornton Wilder, Tennessee Williams, Maxwell Anderson, Arthur Miller, John Osborne). Manche Stücke wurden nur als Bühnenmanuskript gedruckt, andere erzielten auch als Buchausgaben sehr hohe Auflagen, z. B. wurde Thornton Wilders <em>Unsere kleine Stadt</em> als Fischer-Taschenbuch zwischen 1974 und 1994 in 234 Tausend Exemplaren verkauft.</p>



<p>Sahl kehrte 1953 vorübergehend in die Bundesrepublik zurück, wurde 1954 zum Treffen der Gruppe 47 eingeladen, kehrte aber 1958 in die USA zurück.</p>



<p>Wichtig für sein Nachexil ist auch die Tätigkeit als New Yorker Kulturkorrespondent u. a. für die <em>Neue Zürcher Zeitung</em>, die <em>Süddeutsche Zeitung</em> und die <em>Welt</em>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hofmiller, Josef (Version 1.0)</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/hofmiller-josef-version-1-0/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Dec 2025 23:11:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[[Die UeLEX-Redaktion sucht jemanden, der zu Hofmiller als Übersetzer ein Biogramm oder sogar ein ausführlicheres Porträt erstellen möchte.]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>[Die UeLEX-Redaktion sucht jemanden, der zu Hofmiller als Übersetzer ein Biogramm oder sogar ein ausführlicheres Porträt erstellen möchte.]</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Erb, Elke</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/erb-elke/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[svandenberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Feb 2025 22:20:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hermlin, Stephan</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/hermlin-stephan/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Nov 2024 13:23:06 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hesse, Eva</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/eva-hesse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Jul 2023 16:48:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Eva Hesse wurde am 2. März 1925 in Berlin geboren. Im Alter von sieben Jahren zog sie mit ihrer Familie aufgrund einer Anstellung des Vaters als Leiter des Deutschen Nachrichtenbüros (DNB) und als Pressebeirat an der Deutschen Botschaft nach London (Hanisch 2011: 462). Diesen Ortswechsel erlebte sie zunächst als eine sprachliche Entwurzelung; er führte jedoch [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Eva Hesse wurde am 2. März 1925 in Berlin geboren. Im Alter von sieben Jahren zog sie mit ihrer Familie aufgrund einer Anstellung des Vaters als Leiter des Deutschen Nachrichtenbüros (DNB) und als Pressebeirat an der Deutschen Botschaft nach London (Hanisch 2011: 462). Diesen Ortswechsel erlebte sie zunächst als eine sprachliche Entwurzelung; er führte jedoch auch dazu, dass das „Jonglieren zwischen den Sprachen“ für sie früh zur Normalität wurde (Hesse 2003: 7, 8). Nach einer weiteren Station in Berlin, wohin die Familie mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zurückkehrte, lebte und wirkte Hesse seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu ihrem Tod am 30. März 2020 in München.</p>



<p>Hesses Bedeutung ergibt sich hauptsächlich aus ihrer Herausgabe und häufig damit einhergehenden Translation zahlreicher, insbesondere lyrischer, Werke aus dem angloamerikanischen Sprachraum. Besonders bekannt ist sie als Übersetzerin des Werkes von Ezra Pound, eine Aufgabe, die ihr 1951 vom Arche Verlag angetragen wurde (Hesse 2003: 9). Hesse setzte sich unermüdlich für den Dichter ein, der aufgrund seiner propagandistischen Tätigkeiten für den faschistischen Diktator Mussolini in Amerika diskreditiert war, indem sie ihn nach Deutschland holte, Lesungen organisierte und sich der Übersetzung seines Werkes widmete (Winkler 2020). Dieses Engagement ordnete sie selbst als eine kritische Auseinandersetzung und nicht als eine Identifikation mit Pound ein (Hintermeier 2012). Fast 200 Briefe zeugen von einer regen Korrespondenz und der intensiven Arbeitsbeziehung der Translatorin zum Dichter (Flügge). Laut dem Literaturkritiker Willi Winkler wäre Pound ohne Hesses Einsatz „nicht mehr neu in die Welt gekommen“ (Winkler 2020).</p>



<p>Hesse übersetzte jedoch auch die Werke zahlreicher weiterer angloamerikanischer und englischsprachiger Autoren und Autorinnen, wie Robert Frost, Robinson Jeffers, E. E. Cummings, Langston Hughes, James Laughlin, Marianne Moore, Archibald MacLeish, Samuel Beckett und T. S. Eliot. Michael Basse kommt daher zu der Einschätzung, dass dem deutschsprachigen Publikum ohne Eva Hesses herausgeberische und damit verbunden translatorische Leistung „große Teile der angloamerikanischen Literatur bis heute verborgen geblieben“ wären (Basse 2005: 6). Ihre Übersetzungstätigkeit wurde mit namhaften Übersetzer-Preisen sowie der Ehrendoktorwürde der Maximilians-Universität-München ausgezeichnet.</p>



<p>Zu den zahlreichen Übersetzungen, Anthologien, Buchherausgaben und Autorschaften von Essays und Radiobeiträgen gehört außerdem ein autobiographisches Buch mit dem Titel <em>Vom Zungenreden in der Lyrik: Autobiographisches von der Übersetzerei</em>, in dem sie ihren Werdegang als Übersetzerin beschreibt und ihre translationspoetologischen Vorstellungen verdeutlicht.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Steinitz, Wolfgang</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/steinitz-wolfgang/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Aug 2022 07:24:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Während seines noch nicht abgeschlossenen Promotionsverfahrens wurde Steinitz, Assistent am Ungarischen Institut der Berliner Universität, aus „ras­sischen“ Gründen entlassen. Die Dissertation Der Parallelismus in der fin­nisch-karelischen Volksdichtung erschien 1934 in Helsinki. Im selben Jahr emigrierte er in die Sowjetunion. Dort arbeitete er mit dem Status „ausländischer Spezialist“ als Professor für finnisch-ugrische Sprachen am Leningrader Institut [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[    <div class="uelex-redaktionelles">
        <p class="uelex-redaktionelles-header" id="uelex-redaktionelles-id">Vorbemerkung der Redaktion
            

<p>Dieses Biogramm entstand im Rahmen des DFG-geförderten D-A-CH-Projekts <em>Exil:Trans</em> (2019–2022) und erschien zuerst in: Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Rozmysłowicz, Tomasz: Translation und Exil (1933–1945) I: Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens. Berlin: Frank &amp; Timme 2022, S. 452–453.</p>


        </p>
    </div>


<p>Während seines noch nicht abgeschlossenen Promotionsverfahrens wurde Steinitz, Assistent am Ungarischen Institut der Berliner Universität, aus „ras­sischen“ Gründen entlassen. Die Dissertation <em>Der Parallelismus in der fin­nisch-karelischen Volksdichtung</em> erschien 1934 in Helsinki<em>. </em>Im selben Jahr emigrierte er in die Sowjetunion. Dort arbeitete er mit dem Status „ausländischer Spezialist“ als Professor für finnisch-ugrische Sprachen am Leningrader Institut der Nordvölker. 1937 wurde ihm die Verlängerung der Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung verweigert. Entfernte Verwandte in Schweden bürgten für ihn, so dass er 1937 nach Stockholm ins Exil gehen konnte. 1942 wurden ihm der Doktortitel und die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. In Stockholm hielt er Gastvorlesungen am Ungarischen Institut, befreundete sich u.&nbsp;a. mit Roman Jakobson, arbeitete für die „Emigranten-Selbsthilfe“ und wurde Mitbegründer des Freien Deutschen Kulturbundes. Im Januar 1946 kehrte Steinitz, Mitglied der KPD seit 1927, nach Berlin (SBZ) zurück, wo er zahlreiche wissenschaftliche und politische Leitungsfunktionen übertragen bekam.</p>



<h4 class="wp-block-heading" id="translatorisches"><strong>Translatorisches</strong></h4>



<p>Schon während seines Studiums hat sich Steinitz bei Forschungsaufenthalten in Finnland und Estland (1929–31) als Übersetzer betätigt. Die Dissertation enthält zahlreiche karelische Liedverse, denen jeweils eine deutsche Version beigegeben ist, „um dem des Finnischen Nichtkundigen die Möglichkeit zu selbständiger Prüfung des finnischen Parallelismus zu geben“. Während der Zeit in der Sowjetunion zeichnete Steinitz mündlich tradierte ostjakische Lieder und Erzählungen auf, die er 1939 in Tartu (Estland) im Original und mit von ihm geschaffenen, „auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit“ bedachten Übersetzungen publizieren konnte. Große Verbreitung erlangte das 1944 in Schweden entstandene <em>Russische Lehrbuch</em>.</p>



<p>In der SBZ bzw. DDR sorgte er als Übersetzer und Herausgeber, auch in Kooperation mit Jürgen Kuczynski, für die Verbreitung sowjetrussischer po­litischer und wissenschaftlicher Literatur. Als Vizepräsident der Berliner Aka­demie der Wissenschaften (1954–1963) förderte er neben anderen Großpro­jekten (<em>Wörterbuch der Deutschen Gegenwartssprache</em>, <em>Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten</em>) und im wissenschaftli­chen Austausch u.&nbsp;a. mit Roman Jakobson die Einrichtung der Arbeitsstelle für mathematische Linguistik und automatische Übersetzung. Auch seine Arbeit als „Hilfsslawist“ und als Universitätsprofessor für Finnougristik (For­schungsschwerpunkt: Ostjakologie) war von vielfältigen übersetzerischen Ak­tivitäten begleitet. Eine durch mehrere Jahre vorangetriebene gründliche Neu­bearbeitung des von Anton Schiefner bzw. Martin Buber übersetzten finni­schen „Nationalepos“ <em>Kalevala</em> beendete er drei Tage vor seinem Tod.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hein, Manfred Peter</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/hein-manfred-peter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Mar 2022 11:35:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Der Schriftsteller Manfred Peter Hein hat sich auch als Übersetzer, Nachdichter, Essayist, Herausgeber und komparatistisch arbeitender Literaturwissenschaftler einen Namen gemacht. Sein Engagement galt primär den „kleinen“ Literaturen Nordosteuropas, insbesondere der finnischen. „Die erste Erfahrung mit den Möglichkeiten der literarischen Übersetzung fällt in die […] Schulzeit. Die gestellte Aufgabe: ein Auszug aus A Midsummernights Dream. […] [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Der Schriftsteller Manfred Peter Hein hat sich auch als Übersetzer, Nachdichter, Essayist, Herausgeber und komparatistisch arbeitender Literaturwissenschaftler einen Namen gemacht. Sein Engagement galt primär den „kleinen“ Literaturen Nordosteuropas, insbesondere der finnischen.</p>



<p>„Die erste Erfahrung mit den Möglichkeiten der literarischen Übersetzung fällt in die […] Schulzeit. Die gestellte Aufgabe: ein Auszug aus <em>A Midsummernights Dream</em>. […] Die Schulbank­expedition, die Überfahrt mit Shakespeare: ein jeder Zeit abrufbares Erlebnis nachwievor!“ Das berichtete Hein 2001 in seinem poetologischen Vortrag <em>Übersetzen </em>(Hein 2006: 105). Er ist jedoch nicht zum Shakespeare-Übersetzer geworden, sondern zum herausragenden Vermittler „kleiner“ (nord-, mittel- und süd-) osteuropäischer Literaturen, derjenigen Finnlands vor allem.</p>



<p>Wie es dazu kam, dass es den am 25. Mai 1931 im ostpreußischen Darkehmen (dem heutigen Ozersk in der Oblast Kaliningrad) geborenen Manfred Peter Hein in den 1950er Jahren von West­deutschland nach Finn­land verschlug, wo er in der Nähe von Helsinki seither lebt (vgl. Kelletat 2009), kann in seinen autobiographisch fundierten Prosawerken <em>Fluchtfährte</em> (1999) und <em>Nördliche Landung</em> (2011) sowie in dem Essay <em>Zu Protokoll</em> (1995; in Hein 2006: 99–103) nachgelesen werden. Für sein translatorisches Handeln scheint dreierlei wichtig: dass es durch das Schreiben eigener Gedichte vorbereitet war, dass es sich im Spannungsfeld zwischen „kleinen“ und einer „großen“ Kultur bewegt und dass sich Hein nur auf Texte eingelassen hat, die – seinem eigenen Maßstab gemäß – zum Höhenkamm der Literatur zu rechnen sind. Die Auswahl des zu Übersetzenden traf er selbst, er war fast immer sein eigener Auftraggeber. Unterstützt wurde er beim Übersetzen durch seine finnische Ehefrau Marjatta Hein (Jg. 1934), Gymnasiallehrerein für Deutsch und Finnisch in Leppävaara, Espoo.</p>



<p>Begonnen hat Hein Ende der 1950er Jahre mit Übersetzungen zeitgenössischer finnischer Lyrik und Prosa. Seine Über­setzungen (u.&nbsp;a. Haavikko, Hyry, Meri, Saarikoski) wurden im Zentrum des literarischen Feldes rezipiert, nicht als etwas Marginales oder nördlich Exotisches, sondern als Beiträge zur Literatur der gesamteuropäischen Moderne. Sie erschienen – wohl auch dank der Fürsprache der im Stockholmer Exil lebenden <a href="https://uelex.de/uebersetzer/sachs-nelly/" data-type="uelex_article" data-id="11579">Nelly Sachs</a><span class="oes-note oes-popup" data-fn="3"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup3">3</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="3">Vgl. Heins Bericht über seine Begegnungen mit Nelly Sachs, in dem es u. a. heißt: „Was uns verband, war nicht zuletzt unser beider Übersetzungsarbeit. Ihr Schwergewicht lag bei der um ein Jahr jüngeren, 1916 im Norden die Moderne einleitenden, früh verstorbenen finnlandschwedischen Dichterin <a href="https://uelex.de/uebersetzer/soedergran-edith/" data-type="uelex_article" data-id="11580">Edith Södergran</a> und den zur Gruppe der <em>Fyrtiotalet </em>(1940er) zählenden reichsschwedischen Dichtern der folgenden Generation Gunnar Ekelöf, Erik Lindegren und Karl Vennberg, die durch sie im literarischen Deutschland der 50er–60er Jahre zu einer der großen Entdeckungen werden. Durch ihre Vermittlung konnten meine Übersetzungen neuerer finnischer Poesie, die Gedichte von Paavo Haavikko und Pentti Saarikoski bei Suhrkamp und Luchterhand, in den Verlagen ihrer schwedischen Auswahlbände in nahebeieinanderliegenden oder gleichen Jahren erscheinen. Für meine eigene Poesie gab es selbst mit ihrer Fürsprache im zuendegehenden Jahrzehnt kein Echo mehr“ (Hein 2004: 278).</span> – bei Suhrkamp und Luchterhand, in den <em>Akzenten </em>und im von <a href="https://uelex.de/uebersetzer/enzensberger-hans-magnus-version-1-0/" data-type="uelex_article" data-id="2008891">Hans Magnus En­zens­berger </a>herausgegebenen <em>Kursbuch</em> (vgl. Kelletat 1991: 28-50).&nbsp;</p>


<div class="oes-panel-container oes-panel-container-image" id="figure_2000464"><div class="oes-accordion-wrapper"><div class="oes-accordion-panel oes-panel active"><figure class="oes-panel-figure "><div class="oes-panel-image oes-modal-toggle"><div class="oes-panel-image-container oes-modal-toggle-container"><img decoding="async" id="oes-panel-image-center" src="https://uelex.de/wp-content/uploads/2022/03/HEIN2.png" alt=""><span class="fa fa-expand"></span></div></div><div class="oes-modal-container"><span class="oes-modal-close dashicons dashicons-no"></span><div class="oes-modal-image-container"><img decoding="async" class="oes-modal-image-2000464" src="https://uelex.de/wp-content/uploads/2022/03/HEIN2.png" alt="" id="oes-modal-image-center"></div><div class="oes-modal-content-text oes-modal-content-text-2000464 active"><div class="oes-modal-content-subtitle"></div><table class="oes-table-pop-up"><tr><th>Beschreibung</th><td>Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Manfred Peter Hein. Neuwied und Berlin 1965.</td></tr><tr><th>Datum</th><td>24. März 2022</td></tr></table></div></div><figcaption><div class="oes-panel-figcaption oes-panel-figcaption-2000464 active"><div class="oes-modal-figcaption-credit">Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Manfred Peter Hein. Neuwied und Berlin 1965.</div></div></figcaption></figure></div></div></div>


<p></p>



<p>Ab Mitte der 1960er Jahre arbeitete sich Hein in eine weitere „kleine“ Literatur ein, in die tschechische. Er begann auch hier mit Gedichten der Moderne, mit František Halas (vgl. Brousek 1981). Ein abruptes Ende fand dieses Engagement mit dem Einrücken der Panzer in die Tschechoslowakei und dem Ende des Prager Frühlings. Hein wandte sich erneut Finnland zu, wobei es zu bedeutenden Akzentverschiebungen kam. Diese betrafen die Gattungen, den zeitlichen Zuschnitt sowie die Sprachenpalette.&nbsp;</p>



<p>In den 1970er und 1980er Jahren übersetzte Hein verstärkt Prosatexte und Hörspiele, darunter die von Heißenbüttel und anderen gerühmte, vom <em>Süddeutschen Rundfunk</em> wiederholt ausgestrahlte <em>König-Harald-Tetralogie</em> Paavo Haavikkos. Über­setzt wurden jetzt auch ältere Prosaautoren, darunter Erzählungen des Nobelpreisträgers F.&nbsp;E. Sillanpää sowie des als „unübersetzbar“ geltenden Volter Kilpi. Für die häufig dialektal bzw. regional geprägte Ausdrucksweise älterer finnischer Prosa bzw. für die zahlreich vorkommenden Realienbezeichnungen fand Hein im Rückgriff auf Nieder­deutsch/Ost­preußisches exakte Entsprechungen. Die Rettung ostpreußischen Sprach­ma­terials in die Sprache seiner Übersetzungen verdiente eine eigene Analyse. Heins Prosa-Übersetzungen erschienen 1974 in einer 430 Seiten umfassenden Anthologie, eingeleitet durch den literar- und sozialhistorisch ausgerichteten <em>Beitrag zur finnischen Geschichte und Literatur</em>. Neben der finnisch­sprachigen engagierte er sich ab den späten 70er Jahren auch für die beiden anderen Literaturen Finnlands: für die finnland­schwedische und die lappische bzw. sámische. Das Enga­gement für das Sámische – ablesbar u.&nbsp;a. an seinen in Zusammenarbeit mit Samuli Aikio entstandenen Nach­dichtungen lappischer Juoiks – korrespondiert mit Heins späterem Engagement für die <em>Gesellschaft für bedrohte Völker</em>.&nbsp;</p>



<p>Klar erkennbar ist, dass sein Arbeiten Ende der 1970er Jahre eine neue Kontur bekommen hatte. Es ging Hein jetzt nicht mehr nur darum, finnische Autoren seiner eigenen Generation vorzustellen, sondern er setzte sich zur Aufgabe, die drei Literaturen Finnlands in ihrer historisch gewach­senen Gesamtheit kontinuierlich zu vermitteln, für sie ein Interesse also zunächst zu wecken und dann stetig durch literaturwissenschaftliche und literaturkritische Beiträge sowie durch solide Übersetzungen zu befriedigen. Zu bedenken ist dabei, dass in Westdeutschland in den 1970er Jahren eine fennistische Literaturwissenschaft gar nicht existierte. Heins Anspruch verlangte die Etablierung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin und das auch noch außerhalb des akademischen Betriebs, positiv gewendet: außerhalb universitärer Subordination (vgl. Kelletat 1985 und Hein 1992). Ein solches (auch auf Kanonisierung des nach Deutschland bzw. nach Mitteleuropa zu Vermittelnden zielendes) Vorhaben war in Ein-Mann-Arbeit nicht mehr zu bewältigen. Hein knüpfte daher Kontakte zu Experten für die beteiligten Sprachen und Literaturen und es gelang ihm, <a href="https://uelex.de/schlagworte/kollektives-uebersetzen/" data-type="t_uelex_subject" data-id="206214">junge Leute</a> für das Übersetzen aus den beteiligten Sprachen zu gewinnen (vgl. Bernhardt: 2011). Das Resultat lässt sich an dem zwischen 1980 und 1986 erschienenen Jahrbuch <em>Trajekt</em> sowie der gleichnamigen Buchreihe studieren (vgl. Kelletat 1991: 51–57).&nbsp;</p>



<p>Auf wenig Resonanz stieß Anfang der 1980er Jahre die Entscheidung, in die <em>Trajekt</em>-Arbeit auch die Literaturen Est­lands, Lettlands und Litauens einzubeziehen, u.&nbsp;a. um so den im Kalten Krieg verdeckten Ostseeanrainer-Kosmopolitismus neu erfahrbar zu machen. In Deutschland wurde diese Ausweitung seinerzeit kaum registriert, nach 1991 wäre das vielleicht für eine Weile anders gewesen, zumal bei <em>Trajekt</em> Autoren sowohl aus dem Exil (wie Ilmar Laaban) wie aus Sowjet-Estland (z.&nbsp;B. Jaan Kross und Paul-Eerik Rummo) zu Wort kamen.&nbsp;</p>



<p>Möglich war bei <em>Trajekt</em> auch die Publikation einer – zunächst als Regensburger Dissertation angelegten (vgl. Neureuter 2015) – rezeptionsästhetischen Untersuchung, in der Hein die im Kontext der Heraus­bildung finnischen Nationalbewusstseins erfolgende Kanonisierung des bedeutendsten finnischen Romans, Alexis Kivis <em>Sieben Brüder</em>, analysiert hat. Sein translatorisches Handeln mündet in der 1984, zu Kivis 150. Geburtstag erschienenen Monographie in eine finnische Literatur- und Kulturgeschichte der Jahre 1870–1980 sowie in eine ideologiekritische Analyse der deutsch-finnischen Bezie­hungen in diesem Zeitraum. Die Studie enthält außerdem einen 100 Seiten umfassenden, am russischen Strukturalismus orientierten <em>Kommentierten Romanaufriß</em> mit zahlreichen längeren Zitaten, die sämtlich Neuübersetzungen sind.&nbsp;</p>



<p>Mit Blick auf das übersetzerische Gesamtœuvre sind noch weitere Stationen zu skizzieren: 1991 erschien die von Hein herausgegebene Anthologie <em>Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde 1910–1930</em>, ein 450 Seiten starkes Werk, das in gut zehnjähriger Sammel-, Sichtungs-, Übersetzungs- und Nachdichtungsarbeit entstanden ist, in zahlreichen Begegnungen mit Autoren, <a href="https://uelex.de/schlagworte/kollektives-uebersetzen/" data-type="t_uelex_subject" data-id="206214">Übersetzern </a>und Literaturexperten aus den beteiligten vierzehn „kleinen“ Spra­chen: Bulgarisch, Estnisch, Finnisch, Finnlandschwedisch, Kroatisch, Lettisch, Litauisch, Polnisch, Rumänisch, Serbisch, Slowakisch, Slowenisch, Tschechisch und Ungarisch. <em>Auf der Karte Europas ein Fleck</em> wurde von Rezensenten europaweit gerühmt, der Absatz des Buches entsprach jedoch nicht der Euphorie der Kritik, mehr als 1000 Exemplare dürften vom Zürcher Ammann-Verlag kaum verkauft worden sein.&nbsp;</p>



<p>Heins translatorisches Handeln war von den späten 1970er bis Ende der 1980er Jahre durch vielfältige Kooperationen in einem großen Team geprägt. Nach dem aus ökonomischen Gründen vorzeitig abgebrochenen <em>Trajekt-</em>Projekt musste er in den 1990er Jahren zu überschaubareren Formaten zurückkehren. Er arbei­tete zum einen an Übertragungen bzw. Nachdichtungen von Gedichten der Lettin Amanda Aizpuriete, die er 1992 während einer vom Schwedischen Schriftstellerverband organisierten Ostsee-Anrainer-Kreuzfahrt kennengelernt hatte. Drei Lyrikbände von ihr erschienen zwischen 1993 und 2000 bei Rowohlt, 2011 im Queich-Verlag die von Aizpuriete, Hein und Horst Bernhardt erarbeitete Auswahl lettischer Volkspoesie <em>Wo Gott wirst du bleiben dann</em>. Zum anderen erstellte Hein in diesen Jahren eine Anthologie finnischer Lyrik, die zweisprachig 2004 veröffentlicht wurde: <em>Weithin wie das Wolkenufer</em>. Der zeitliche Rahmen reicht von der ältesten (mündlich tradierten) Volks­poesie bis zu Gedichten der 1990er Jahre. An dieser Sammlung, in die er auch viele seiner in den 1950er und 1960er Jahren ent­standenen Übersetzungen erneut aufgenommen hat, lässt sich studieren, wie sich die Stimme des Übersetzers Hein entwickelt und wie sich sein Ausdrucksrepertoire im Lauf der Jahrzehnte entwickelt hat.&nbsp;</p>



<p>Der sein übersetzerisches Lebenswerk in kondensierter Form präsen­tierenden Anthologie von 2004 hat Hein einen Essay zur Ent­wicklung der finnischen Poesie vorangestellt. Analog ist er in seinen anderen Veröffentlichungen seit Anfang der 1960er Jahre verfahren. Diese oft umfangreichen Begleittexte sind als weitere Facetten seines Arbeitens zu nehmen. Er ist kein unsichtbarer Übersetzer. Die Stimme des Dichters Hein sei in seinen Übertragungen manchmal deutlicher zu vernehmen als die der Originalautoren, bemängelten einzelne Kritiker (vgl. Lassila/Moster 2005). Mit solchem Ausspielen des Dichters gegen den Übersetzer bzw. des Über­setzers gegen den Dichter wurden auch andere Dichter-Übersetzer konfrontiert, etwa Rilke und Celan.&nbsp;</p>



<p>Zu den Chancen sogenannter „kleiner“ bzw. marginalisierter Literaturen, von den „großen“ Literaturen überhaupt wahrge­nommen zu werden, hat sich Hein 1993 aus Anlass der Frank­furter Buchmesse geäußert:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es ginge um die Voraussetzungen für eine Präsentation der zu kurz kom­menden Literaturen, die Kontinuität im Interesse an ihrem Gesamtkontext ga­rantierte. Diese zu schaffen, bedürfte es mehr als des Studiums der Gesetze von Angebot und Nachfrage, das unein­gestanden allein der Verfestigung der herrschenden Lage dient. Utopisches Beginnen –. Aber die Zweifel liegen nicht in der Frage der Realisierbarkeit, sie richten sich auf den vor- und nach­gebeteten Be­wußt­seinstrend. Seit die Nationalromantik auch bei den Kleinen auf Null geschwunden ist, bleibt im Grunde wenig Hoffnung auf eine An­glei­chung des Stands ihrer Literaturen an den der Großen. Die Na­tio­nalismen bäumen sich altneu auf, aber zynisch betrachtet bietet dem Peripheren sich einzig die Chance nationaler Katastrophe, um der er­wünschten Beachtung im Zentrum des Kulturkreises überhaupt oder wieder einmal teilhaftig zu werden. (Hein 2006: 55)</p>
</blockquote>



<p>Das klingt zynisch, aber es entspricht der Lage. Wann je hätte ein litauischer, lettischer oder estnischer Schriftsteller die Chance auf den Literaturnobelpreis gehabt? Vielleicht 1992/93, wenn damals der Aufbruch Richtung Westen in die EU- und NATO-Zugehörigkeit gewaltsam gestoppt worden wäre … So aber mögen Autoren wie Jaan Kross oder Tomas Venclova ver­geblich auf den Anruf aus Stockholm gewartet haben.</p>



<p>Auch zum Problem, ob und wie sich der Kernbereich trans­la­torischen Handelns erschließen lassen könnte, hat Hein Beden­kenswertes formuliert, u.&nbsp;a. in dem bereits eingangs erwähnten, für Übersetzer-Studenten formulierten Vortrag von 2001. Sehr stark hat er für seine jungen Zuhörer das Moment der Sprachbegeisterung hervorgehoben, Begeisterung für das, „was Sprache ist und sein kann idealiter“. Zur Bedeutung des ziel­spra­chigen literarischen Kontextes sagte er: „Worauf man sich einlässt, wenn man literarische Texte zu übersetzen beginnt, verrät ein Indikator, der im Geheimen zu wirken scheint und sich entsprechend überraschend meldet, um anzuzeigen was geht und was nicht geht. Der Eindruck der Undurchschaubarkeit seiner Wirkung gibt indes nach, sowie das literarische Umfeld als sein tragendes Element erkennbar wird, der Übersetzung ins Wort redend, wo diese im sprachlich Verbrauchten sich bewegt.“ (Hein 2006: 107)</p>



<p>Das lässt sich als Heins oberste translatorische Norm lesen: Der literarische Übersetzer hat sich im sprachlich Unverbrauchten zu bewegen. Hier allerdings beginnt ein Problem der Übersetzungskritik: Wer hat die Autorität (oder zumindest die Kompetenz), sprachlich Verbrauchtes von Unverbrauchtem zu scheiden? Die Translationswissenschaft hat sich auf diesem Feld ästhetischer Analyse und Kritik bisher nicht sehr weit vorgewagt. Hein selbst sieht die Schwierigkeit. Wer sollte als „regelnde Instanz“ in Betracht kommen, wenn es um die Beur­teilung einzelner Übersetzungsentscheidungen auf der Mikro­ebene der Texte geht? Dieser „Instanz […] nachzufragen ergibt öffentlich kalkuliert wenig Sinn. Der Übersetzer bleibt mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen.“ Seine Idealvorstellung von einem Übersetzer hat Hein in das Bild des Entdeckers gebracht. 1999 schrieb er in einem Essay über „kleine“ Literaturen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ein Herodot der Literaturen wäre vonnöten, ein Grenzgänger der Grenz­gänger, Sammellinse, die alles einfinge und projizierte, was die Welt der Lite­ratur in extenso zur Welt macht. Herodot als Vor­stellung einer Autorität, vor der nur fündig gewordene Erfahrung zählt, alles abfällt, was bloß Übersetzung auf dem Papier, Bestätigung und nicht Entdeckung von Welt ist. Der Überset­zer erhoben zum Entdecker –, unter Verkehrung der Blickrichtung. Abträg­lichkeit begriffen als Zuträglichkeit im Sinne einer mit roten Zahlen zu schreibenden Ökonomie der Anreicherung eines notwendig zu erweiternden Fundus. Übersetzer, um ein für allemal jene auszustechen, die seit eh und je dem Scheitern der Hoffnung auf ausgleichende Begegnung etablierter mit randständiger Litera­tur erfolgreich assistieren? Mit Trost ist das schöne Ei des Kolumbus-Gedicht des großen František Halas betitelt, das ebenso für den erwünscht unerwünschten Übersetzer wie für den Dichter trauert: „So einfach nach Kolumbus/ ist aufzustellen das Ei/ vollbracht vom Dichter/ tausendmal mit jedem Wort// Ihm bleibt das Erstlingsrecht/ der Entdeckung altbekannter Dinge/ und die Traurigkeit einer Reise zum Pol/ die im Meer endet“. (Hein 2006: 55)</p>
</blockquote>



<p>Für seine Arbeit als Übersetzer wurde Hein mehrfach ausge­zeichnet: 1964 mit dem Weilin &amp; Göös-Preis (Helsinki) für die Anthologie <em>Moderne finnische Lyrik</em>, 1974 mit dem Finnischen Staatspreis für die Prosaanthologie <em>Finnland</em>, 1992 mit dem Horst-Bienek-Sonderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste für <em>Auf der Karte Europas ein Fleck</em>, 1994 mit einer auf Lebenszeit gewährten Künstlerrente des finnischen Unterrichtsministeriums, 1999 mit dem <a href="https://uelex.de/uebersetzerpreise/paul-scheerbart-preis/" data-type="uelex_award" data-id="11473">Paul-Scheerbart-Preis</a> für Lyrikübersetzungen, 2002 von der Akademie der Wissen­schaften und der Literatur in Mainz mit dem Nossack-Preis für Dich­ter und ihre Übersetzer für seine Haavikko-Übersetzungen, 2004 mit dem Lettischen Literaturpreis für das übersetzerische Le­benswerk, 2011 durch Verleihung der Ehrendoktorwürde der Johannes Gutenberg-Universität Mainz für seine Ver­mitt­lerleistung zwischen den europäischen Literaturen sowie 2015 durch Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.</p>



<p>Manfred Peter Hein starb am 10. Mai 2025 in Espoo / Finnland.</p>



<p>Die literaturgeschichtliche und translationswissenschaftliche Auf­ar­beitung des übersetzerischen Œuvres Manfred Peter Heins steckt noch in den Anfängen.<span class="oes-note oes-popup" data-fn="4"><a href="javascript:void(0)"><sup id="popup4">4</sup></a></span><span class="oes_note_popup oes-popup__popup" data-fn="4">Den aktuellen Forschungsstand umreißt ein Abschnitt in der Dissertation von Theresa Heyer (2021: 39–47).</span>Sein Nachlass (einschließlich Ver­lags­korrespondenz) befindet sich im Deutschen Literatur­ar­chiv Mar­bach; Materialien zum Jahrbuch und zur Buchreihe <em>Tra­jekt </em>im Archiv der Finnischen Literaturgesellschaft (Helsinki).</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Brecht, Bertolt</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/brecht-bertolt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Der große Theater-Reformer des 20. Jahrhunderts Bertolt Brecht ist bekannt für seine schonungslose „Verwertung“, Plünderung, kühne Umarbeitung fremder Texte. Dass er gelegentlich auch sensibel und respektvoll übersetzen konnte, ist kaum bekannt. Die große Werkausgabe (GBA) weist die Übersetzungen und Bearbeitungen nur in den Kommentaren als solche aus. Geboren am 10. Februar 1898 in Augsburg, erhielt [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Der große Theater-Reformer des 20. Jahrhunderts Bertolt Brecht ist bekannt für seine schonungslose „Verwertung“, Plünderung, kühne Umarbeitung fremder Texte. Dass er gelegentlich auch sensibel und respektvoll übersetzen konnte, ist kaum bekannt. Die große Werkausgabe (GBA) weist die Übersetzungen und Bearbeitungen nur in den Kommentaren als solche aus.</p>



<p>Geboren am 10. Februar 1898 in Augsburg, erhielt er dort Gymnasialunterricht in Latein ab Sexta (5. Klasse), in Französisch ab Untertertia (8. Kl.) und in Englisch ab Obersekunda (11. Kl.). Später, im skandinavischen Exil (1933–1941), lernte er dänische und schwedische Zeitungen lesen, das Exil in den USA (1941–1947) erforderte tägliche Praxis im Englischen. Doch kommt dieser Spracherwerbsbiographie wenig Bedeutung zu, denn alle für sein eigenes Werk wichtigen Autoren wie Kipling, Rimbaud, Villon, Shakespeare las Brecht entweder in deutscher Übersetzung, oder er stützte sich auf Vorarbeiten sprachkundiger Helfer. In den 1920er Jahren füllte vor allem Elisabeth Hauptmann diese Rolle aus. Die Entstehung der&nbsp;<em>Dreigroschenoper</em>&nbsp;aus ihrer Übersetzung von John Gays&nbsp;<em>Beggar&#8217;s Opera</em>&nbsp;(1728) bleibt für Brechts Umgang mit fremden Texten lange Zeit paradigmatisch. Die Songs, die im „Epischen Theater“, die Handlung unterbrechend, eine recht eigenständige Funktion haben, bieten oft Gelegenheit, Texte verschiedenster Autoren einzublenden (Villon, Kipling). Auch einzelne Strophen, ja Wörter – wie das exotische Mandalay – fluktuieren dabei durch mehrere Stücke:&nbsp;<em>Mann ist Mann</em>,&nbsp;<em>Mahagonny</em>,&nbsp;<em>Dreigroschenoper</em>.</p>



<p>Immerhin bot Brecht dem Übersetzer Hans Reisiger, der die deutsche Kipling-Ausgabe des Leipziger List-Verlags betreute, Ende 1925 an, für den geplanten Lyrik-Band Übersetzungen beizusteuern. Zwischen 1927 und 1930 erschienen unter seinem Namen Übersetzungen folgender Gedichte Kiplings:&nbsp;<em>Cholera Camp</em>&nbsp;(vgl. GBA 13: 349),&nbsp;<em>The Ladies</em>&nbsp;(ebd. 360),&nbsp;<em>Mary</em>,&nbsp;<em>Pity Women</em>&nbsp;(GBA 14: 9). Die <a href="https://uelex.de/schlagworte/kollektives-uebersetzen/" data-type="t_uelex_subject" data-id="206214">Vor-Übersetzungen</a> stammten von <a href="https://uelex.de/uebersetzer/hauptmann-elisabeth/" data-type="uelex_article" data-id="2003947">Elisabeth Hauptmann</a>, Brechts Anteil bleibt oft unklar und mag bisweilen gering gewesen sein. „Doch sein sicherer Instinkt für das richtige Wort zeigt sich in den geringsten Abweichungen“ (Lyon 1976: 66) – ein Instinkt, der hier auf eine tiefere Affinität der beiden Dichter verweist, eine Verwandtschaft ihrer Haltung, Sehweise, Sprache.</p>



<p>Auf wohl noch intensiver empfundener Wahlverwandtschaft beruht die Übersetzung der 12 chinesischen Gedichte, deren erste Hälfte Brecht 1938 in der von ihm mitherausgegebenen Exilzeitschrift&nbsp;<em>Das Wort</em>&nbsp;(Moskau) erscheinen ließ. Die später (1950) hinzugefügte Charakteristik des Dichters Po Chü-yi (772–846), von dem vier der sechs Gedichte stammen, liest sich fast wie ein Selbstporträt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Von sich sagte er: „Wenn die Tyrannen und Günstlinge meine Lieder hörten, sahen sie einander an und verzogen die Gesichter.“ Seine Lieder waren „im Mund von Bauern und Pferdeknechten“, sie standen geschrieben „auf den Wänden von Dorfschulen, Tempeln und Schiffskabinen“. Er wurde zweimal ins Exil geschickt. (GBA 11: 388)</p>
</blockquote>



<p>Die Po Chü-yi-Übersetzungen stehen im Kontext einer breiten Rezeption chinesischer Kultur. Im selben Jahr 1938 entsteht die&nbsp;<em>Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration</em>&nbsp;– nach langer Vertrautheit mit dem Taoismus; seit 1934 schrieb Brecht an seinem&nbsp;<em>Me-ti. Buch der Wendungen</em>, wofür er das kurze, kasuistische Lehrgespräch chinesischer Philosophen, besonders des Mo-Di, kopierte; an das anhaltende Studium der asiatischen Schauspielkunst, an die Auseinandersetzung mit Konfuzius und an den chinesischen Schauplatz des&nbsp;<em>Guten Menschen von Sezuan</em>&nbsp;sei nur erinnert.</p>



<p>In einem Begleittext (1950, GBA 11: 387 f.) betont Brecht selber, dass er die Gedichte „ohne Zuhilfenahme der chinesischen Originale übertragen“ habe; Vorlage seien die „wörtlichen“ Übersetzungen des englischen Sinologen Arthur Waley. Für die deutsche Fassung habe er die „unregelmäßigen Rhythmen“ seiner&nbsp;<em>Deutschen Kriegsfibel</em>&nbsp;(1936) benutzt. In seiner hervorragend gründlichen Ausgabe aller chinesischen Gedichte Brechts demonstriert Antony Tatlow (1973), wie diese zwanglose Übertragung in die eigene Diktion oft Intention und Charakter, ja sogar Wortwahl des chinesischen Originals adäquater treffen als Waleys „wörtliche“ englische Version. Waley wolle möglichst viel von der chinesischen Prosodie und Wortstellung bewahren und wirke daher oft präziös. Brechts lapidare, einfache Sprache gebe den Gedichten ihre Vitalität und Aktualität zurück. Die Feststellung, Brechts „Veranschaulichung beruht auf einer ganzheitlichen Auffassung des Gedichts“ (Tatlow 1973: 81), begründet schließlich, warum man auch bei einem „Nachdichter“, der die Ausgangssprache nicht beherrscht, von echter Übersetzung sprechen kann: Selbst durch den Schleier einer fremden Vorübersetzung hindurch begreift er das Ganze des ursprünglichen Gedichts – eine Divination aus Affinität zum anderen Dichter.</p>



<p>Brecht hat die Maxime seiner Übersetzungspraxis in einer kurzen Reflexion festgehalten – seinem einzigen Theorietext zum Thema:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Gedichte werden bei der Übertragung in eine andere Sprache meist dadurch am meisten beschädigt, daß man zuviel zu übertragen sucht. Man sollte sich vielleicht mit der Übertragung der Gedanken und der Haltung des Dichters begnügen. Was im Rhythmus des Originals ein Element der Haltung des Schreibenden ist, sollte man zu übertragen suchen, nicht mehr davon&#8230; (GBA 22/1: 132)</p>
</blockquote>



<p>Mit dieser (aufklärerischen) Maxime, die das Wie dem Was des Gesagten unterordnet, ist zugleich eine Gegenposition zur (romantischen) Übersetzungstheorie des Freundes Walter Benjamin formuliert. 1938 quartierte sich Benjamin vier Monate lang in Brechts dänischem Dorf Skovsbostrand ein und schrieb seine Studie über&nbsp;<em>Das Paris des Seconde Empire bei Baudelaire</em>. In dieser Zeit übersetzte Brecht zwei Gedichte von Baudelaire –&nbsp;<em>Die kleinen alten Frauen III</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Morgendämmerung</em>&nbsp;(GBA 14: 403, 402); zwei Strophen aus einem Gedicht von Victor Hugo dürften ebenfalls von Benjamin angeregt worden sein (GBA 14: 411). Brechts kritische Vorbehalte gegen Baudelaire, wie sie im Gespräch mit Benjamin zum Ausdruck kommen, schlagen sich auch in der – an sich sehr sensiblen und präzisen – Übersetzung nieder. Tendenzen der Vorlage, die ihm widerstehen (wie hier die Wortpracht des Originals), wird Brecht auch in Zukunft dämpfen, korrigieren oder umdrehen, die Grenze zwischen Übersetzung und Bearbeitung ist bisweilen fließend (vgl. Neureuter 2004). Doch auch die reinen Übersetzungen Brechts verstehen sich nie als bloßes Echo des Originals, sondern als Antwort oder freie Aneignung.</p>



<p>Zu Brechts Freiheit der Aneignung gehörte auch die Beschränkung auf Partien, die ihn interessierten; so übertrug er nur 9 der 23 Strophen des 3. Teils von Shelleys Gedicht&nbsp;<em>Peter Bell</em>&nbsp;– das ganze Poem hat 7 Teile. Ähnliches gilt für Shelleys berühmte&nbsp;<em>Masque of Anarchy</em>, mit der Brecht 1938 „Weite und Vielfalt der realistischen Schreibweise“ demonstrierte (GBA 22/1: 424–433); die deutsche Version – Brecht nennt sie „wörtliche Übersetzung“ – dient dabei allerdings nur dem Verständnis des an erster Stelle mit abgedruckten englischen Texts, ist also keine „literarische Übersetzung“). Hochinteressant ist die Transformation von Kiplings Gedicht&nbsp;<em>If</em>&nbsp;(1909), das englische Schulbücher einst weit verbreiteten, in die chinesisch stilisierte Prosa des&nbsp;<em>Me-Ti</em>-Buchs – interessant besonders durch das Weglassen von Anfang und Schluss (<em>Ideal eines Mannes in früheren Zeiten</em>, GBA 18:134).</p>



<p>Das Exil blieb die ergiebigste Zeit für Brechts Übersetzungen. Es lieferte Gelegenheiten und Begegnungen mit Dichtern anderer Sprachen, die oft den Kontakt mit Brecht suchten, Hilfe leisteten und nicht selten schon ihrerseits Texte von Brecht übersetzt hatten. In Dänemark (1933–1939) half Ruth Berlau Brecht bei der Übersetzung des Gedichts&nbsp;<em>Biskoppen</em>&nbsp;(1934;&nbsp;<em>Der Bischof</em>, GBA 14: 419) von Otto Gelstedt, der seinerseits Stücke Brechts für die dänische Bühne übersetzte. <a href="https://uelex.de/uebersetzer/steffin-margarete/" data-type="uelex_article" data-id="11595">Margarete Steffin</a> übersetzte die Kindheitserinnerungen des hochgeschätzten dänischen Arbeiterdichters, Gesinnungsgenossen und Freundes Martin Andersen-Nexö; das von Brecht gründlich durchkorrigierte Typoskript ist im Nachlass erhalten und lässt seinen doch erwähnenswerten Anteil an der Schlussredaktion erkennen. Dass er seinen Namen hinter den Steffins auf das Titelblatt der Buchausgabe setzen ließ, diente wohl vor allem der Förderung des Buchs bei Verlag und Lesern – ein Muster, das sich wiederholte (so etwa, als Steffin das Gedicht&nbsp;<em>Frühlingsproklamation</em>&nbsp;des schwedischen Dichters Arnold Ljungdal übersetzte, vgl. Neureuter 2010: 11 f.).</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="721" src="https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/02/Brecht-pass-1024x721.png" alt="" class="wp-image-2009620" srcset="https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/02/Brecht-pass-1024x721.png 1024w, https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/02/Brecht-pass-300x211.png 300w, https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/02/Brecht-pass-768x541.png 768w, https://uelex.de/wp-content/uploads/2024/02/Brecht-pass.png 1293w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">(Von der Finnischen Staatspolizei &#8211; Valpo &#8211; ausgestellter Identitätsnachweis. Quelle: Bertolt-Brecht-Archiv 2967)</figcaption></figure>



<p>Zu keiner Zeit seines Exils aber scheint Brecht mehr übersetzt zu haben als während der dreizehn Monate, die er in Finnland verbrachte (1940–1941), auf das im März 1939 beantragte amerikanische Visum wartend. Das Hauptverdienst an den <a href="https://uelex.de/schlagworte/kollektives-uebersetzen/" data-type="t_uelex_subject" data-id="206214">Vor-Übersetzungen</a> kam der aus Estland stammenden finnischen Schriftstellerin <a href="https://uelex.de/uebersetzer/hella-wuolijoki/" data-type="uelex_article" data-id="2007076">Hella Wuolijoki</a> zu, die Brecht auch den Stoff für das Volksstück&nbsp;<em>Herr Puntila und sein Knecht Matti</em>&nbsp;lieferte. Sie war mit Deutsch aufgewachsen und beherrschte es souverän. Sie hat ihm und Margarete Steffin, besonders während des dreimonatigen Zusammenseins auf ihrem Landgut Marlebäck, offensichtlich in die Feder diktiert. So ihr Lieblingsgedicht&nbsp;<em>Tumma</em>&nbsp;(1904) des finnischen Dichters Eino Leino (<em>Der Dunkle</em>, GBA 15: 26–29), so auch die über 800 Verse ihres&nbsp;<em>Kriegslieds</em>, das sie 1915 aus estnischen Volksliedern komponiert hatte. „Es ist ein großes Gedicht“, notierte sich Brecht und beschrieb recht genau den Parallel-Vers der finnischen und estnischen Volkspoesie und sein „dialektisches Moment“ (Journale, 3. Januar 1941; GBA 26: 451 f.). Er hat den Parallel-Vers später (im&nbsp;<em>Kaukasischen Kreidekreis</em>) wiederverwendet, samt 12 wörtlich aus dem&nbsp;<em>Estnischen Kriegslied</em>&nbsp;entnommenen Versen. Wohl für die deutsche Fassung eines Stücks von Hella Wuolijoki übertrug Brecht ein&nbsp;<em>Finnisches Volkslied</em>&nbsp;(GBA 15: 32 f.), indem er die 22 Strophen des Originals in 10 Vierzeilern zusammenzog und den Spott über die asozialen Verhältnisse in der armen Schusterfamilie eher gegen die bürgerlichen Maßstäbe wendete: eine eigenartige Mischung aus genauer Übersetzung und umwertender Bearbeitung.</p>



<p>Neben der Volksdichtung, die seit der Debatte über den Sozialistischen Realismus für einen kommunistischen Autor von besonderer, politischer Aktualität war, zeigte Brecht auch Interesse an zeitgenössischer finnischer Lyrik – am ungereimt-freirhythmischen, zeitbewusst-biographischen Gedicht, wie er es auch selber schrieb. Die <a href="https://uelex.de/schlagworte/kollektives-uebersetzen/" data-type="t_uelex_subject" data-id="206214">Vor-Übersetzungen</a> stammten dabei von dem Publizisten Erkki Vala, dem nach Hella Wuolijoki wichtigsten Vermittler finnischer Verhältnisse. Von Arvo Turtiainens Gedicht&nbsp;<em>Sotakoira</em>&nbsp;(1939,&nbsp;<em>Der Kriegshund</em>) schrieb Brecht sich eine wörtliche Übersetzung in sein Notizbuch, ehe er es weiter bearbeitete (GBA 15: 39 f.). Behutsam und sensibel übertrug er drei Gedichte von Erkki Valas Schwester Katri Vala, die ihrerseits Brechts&nbsp;<em>Wiegenlieder</em>&nbsp;ins Finnische übersetzt hatte. Die leichte Straffung und stilistische Formung nach seinem „gestischen Prinzip“ spricht nur für Brechts Nähe zu seiner Vorlage (<em>Die Landsflüchtigen</em>,&nbsp;<em>Der Sommer von Sörnäs</em>,&nbsp;<em>Die Weidenpfeife</em>, GBA 15: 31). Nicht zu vergessen ist schließlich der freundliche Zufall, der Brecht die altgriechische Anthologie&nbsp;<em>Der Kranz des Meleagros</em>, übersetzt von August Oehler, in die Hand spielte. Er kannte die Sammlung seit Anfang der 1920er Jahre. Die schöne Gegenständlichkeit der griechischen Epigramme passte nicht nur zur neuen Sinnlichkeit der eigenen Lyrik während der Marlebäcker Zeit, regte nicht nur eigene Epigramme an, sondern Brecht redigierte auch vier der Oehlerschen Übertragungen – zum Besseren hin (GBA 15: 14 f.).</p>



<p>Auch während des Exils in den USA (1941–1947) hat Brecht übersetzt, zumeist dann, wenn er an Stücken arbeitete, für die er Lieder brauchte – so für den&nbsp;<em>Schweyk</em>&nbsp;und den&nbsp;<em>Kaukasischen Kreidekreis</em>, in den zwei von Béla Bartók aufgezeichnete mährische Volkslieder gerieten (GBA 8: 32). Aber auch hier gab es freundliche Zufälle wie die Schallplatte, auf welcher der schwarze Sänger Lead Belly (Huddie Ledbetter) das Lied von der&nbsp;<em>Gray Goose</em>&nbsp;singt: die zähe, für den weißen Herrn ungenießbare Gans wird zur Parabel für das Überleben der einstigen Sklaven (<em>Die haltbare Graugans</em>, GBA 15: 178 f.). Eine weitere Anthologie Arthur Waleys veranlasste neue Übersetzungen chinesischer Dichter (<em>Resignation</em>;&nbsp;<em>Der Hut, dem Dichter geschenkt</em>, GBA 15: 111 f.). Der Journal-Eintrag vom 30. November 1944 verrät freilich, wie sehr sogar die Beschäftigung mit dem verehrten Dichter Po-Chü-yi am Rand des eigenen literarischen Werks steht: „Nichts rechtes zu tun [&#8230;]. So übersetze ich ein wenig.“ (GBA 27: 212)</p>



<p>Mit Brechts Rückkehr nach Europa, zuerst in die Schweiz und dann (1948) nach Ostberlin, wo er und Helene Weigel ihr neues Ensemble aufbauten, trat die Theaterarbeit ganz in den Vordergrund. Wie ein Großteil der eigenen Produktion stand auch das Übersetzen vor allem im Dienst politischer Orientierung und der Absicht, die Internationalität (und Geschichte) der antifaschistischen Linksfront zu demonstrieren. So entstanden das Gedicht&nbsp;<em>Gedanken bei einem Flug über die große Mauer</em>&nbsp;nach Mao Tse Tung (1949, GBA 11: 265), das&nbsp;<em>Friedenslied</em>&nbsp;nach Pablo Neruda (1951, GBA 15: 254), die Gedichtfassung von Voltaires&nbsp;<em>Gebet</em>&nbsp;aus der&nbsp;<em>Traité sur la Tolérance</em>&nbsp;(um 1952, GBA 15: 262 f.) sowie ein Briefgedicht aus dem Gefängnis (1933) des türkischen Kommunisten Nazim Hikmet, den Brecht auf einem Schriftstellerkongress im Januar 1956 in Berlin traf (<em>Meine Einzige</em>, 1956, GBA 15: 296 f.); so verstehen sich auch die Eingriffe in die Lorca-Übertragungen von Enrique Beck für eine Radio-Sendung (vgl. Pietrzynski 2003: 228–252) oder die Verwandlung von Maxim Gorkis in rhythmischer Prosa verfasstem Revolutionsgedicht&nbsp;<em>Sturmvogel</em>&nbsp;in Verse (<em>Das Lied vom Sturmvogel</em>, 1954, GBA 15: 281–283).</p>



<p>Wie wenig sich Brecht aber von ideologischen Rücksichten fesseln ließ, wenn es um Poesie ging, zeigt die schöne Übertragung von 70 Versen aus Gabriele d’Annunzios Gedicht&nbsp;<em>La pioggia nel pineto</em>&nbsp;(1899;&nbsp;<em>Regen im Pinienhain</em>, um 1952 [?], GBA 15: 263 f. [der dortige Titel&nbsp;<em>Regen im Kiefernhain</em>&nbsp;ist eine Fehlentscheidung der Herausgeber]). Dazu gibt es ein erstaunliches Bekenntnis zu dem von Mussolini geadelten Dichter: „Es ist mir unmöglich, ihn [&#8230;] verächtlich nennen zu hören. [&#8230;] Er war ein Scharlatan, aber dieser Scharlatan schrieb Hirtengedichte, die kaum untergehen werden [&#8230;].“ (Journale, 18. Juli 1942, GBA 27: 115)</p>



<p>Seine letzte Übersetzungsarbeit wählte Brecht mit Bedacht und Vorsatz. Durch Veröffentlichung von Gedichten des polnischen Dichters Adam Ważyk in der DDR-Zeitung&nbsp;<em>Sonntag</em>&nbsp;am 17. Juni 1956 wird Brecht auf diesen Dichter aufmerksam: ein überzeugter Kommunist, doch gleich ihm bitter enttäuscht von den tatsächlichen Verhältnissen im „real existierenden Sozialismus“. Brecht lässt Ważyk um weitere Gedichte bitten und erhält Roh-Übersetzungen ins Deutsche. So entstehen&nbsp;<em>Poem für Erwachsene</em>,&nbsp;<em>An Paul Eluard</em>,&nbsp;<em>Ansichtskarte aus einer sozialistischen Stadt</em>,&nbsp;<em>Der Mord</em>,&nbsp;<em>Die für uns auf Warschaus Mauern starben</em>,&nbsp;<em>Dialektische Ode</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Die Chronik</em>&nbsp;(GBA 15: 302–314). Die geplante Veröffentlichung der acht Gedichte in der Zeitschrift&nbsp;<em>Sinn und Form</em>&nbsp;kam nicht mehr zustande.</p>



<p>Als Brecht am 14. August 1956 starb, hatte er selber – mit Ausnahme der&nbsp;<em>Chinesischen Gedichte</em>&nbsp;– so gut wie keine seiner Übertragungen und Bearbeitungen drucken lassen. Auch wenn sie am Rande des Werks stehen – sie verdienten es, gesammelt und aus der Werkausgabe als Textgattung eigener Art und Dignität herausgelöst zu werden.</p>
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		<title>Stein, Ernst Eduard</title>
		<link>https://uelex.de/uebersetzer/stein-ernst-eduard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kelletat]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2021 13:52:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Ernst Eduard Stein wurde am 3. Juli 1901 in Wien geboren. Ab 1920 war er Lektor des renommierten E.P. Tal Verlages in Wien, der zeitgenössische deutsche sowie englische und amerikanische Literatur in deutscher Übersetzung herausbrachte. Bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren übersetzte Ernst E. Stein mehrere Dramen von W.B. Yeats ins Deutsche. In der [&#8230;]]]></description>
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<p>Ernst Eduard Stein wurde am 3. Juli 1901 in Wien geboren. Ab 1920 war er Lektor des renommierten E.P. Tal Verlages in Wien, der zeitgenössische deutsche sowie englische und amerikanische Literatur in deutscher Übersetzung herausbrachte. Bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren übersetzte Ernst E. Stein mehrere Dramen von W.B. Yeats ins Deutsche.</p>



<p>In der Nazizeit emigrierte Stein nach London. Er arbeitete als Übersetzer für die BBC, in den späten 40er Jahren auch für die von der amerikanischen Besatzungsmacht gegründete Monatsschrift <em>Neue Auslese. Aus dem Schrifttum aller Länder. </em>Er übertrug unter dem Pseudonym Andreas Sattler die Autobiographie von Stephen Spender <em>Welt zwischen Welten</em> (1952) und unter dem Pseudonym Friedrich Louis Schmied das Buch des bekannten Londoner Theaterkritikers Ivor Brown <em>Shakespeare hinter den Kulissen</em> (1964). In den sechziger Jahren veröffentlichte Ernst E. Stein eine Reihe literarischer Beiträge in der <em>Zeit</em> und in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em>. Er starb am 5. Dezember 1968 im Londoner Exil.</p>
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