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„Man konnte in Ruhe arbeiten“ – Gespräche über das Übersetzen in der DDR

Buchbesprechung zu: Jekatherina Lebedewa / Viktoriya Stukalenko (Hgg): Geteilte Übersetzungen. Literarische Übersetzungs- und Verlagskultur in der DDR und der BRD. Berlin: Frank & Timme, 2025 (= Ost-West-Express. Kultur und Über setzung 52). 398 S. ISBN 978-3-7329-1023-6. € 49,80 [D] / 50,50 [A] pb.

Vorbemerkung der Redaktion

Die Rezension erschien Anfang 2026 in der von Wolfgang Görtschacher und Wolfgang Pöckl hg. Zeitschrift Moderne Sprachen Jg. 68 (2024), S.175–182.

So viel Übersetzerleben bekam man noch nie zwischen zwei Buchdeckeln erzählt: 29 Übersetzerinnen und Übersetzer sowie Verlagslektoren und -lektorinnen beantworten Fragen nach ihrem Elternhaus, ihrer Kindheit, ihrer Schul- und Studienzeit, ihrer Sprach- und Geobiografie, ihrem Weg ins translatorische Berufsleben, ihren Erfahrungen mit dem Übersetzen vor und nach der „Wende“ und dem fast vollständigen Aus für die DDR-Verlage (vgl. Links 2010). Durchaus spannend, mitunter emotional aufwühlend, liest sich, was die 29 Interviewten (20 weiblich, 9 männlich) über ihre Wege in das Lesen, Schreiben, Redigieren, Korrigieren, Lektorieren und Verlegen von Übersetzungen berichten. Veranlasst wurden sie dazu im Rahmen eines am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg von 2020 bis 2024 durchgeführten Oral-History-Projekts. Dieses Projekt, aus dem auch „zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten“ hervorgegangen sind (18), wollte die „Unterschiede zwischen den deutsch-deutschen Übersetzungs- und Verlagskulturen“ aus der „Innensicht der Akteure“ und als „Geschichte von unten“ (9) bzw. als „erlebte Übersetzungsgeschichte“ (14) ans Licht bringen. Ging es zunächst ausschließlich um den Übersetzungs- und Verlagsbetrieb der DDR, so wurde zum Zweck der Kontrastierung auch die „Übersetzungskultur der BRD“ (10) in den Blick genommen. In der Summe kamen 7 west- und 22 ostdeutsche „Akteure“ zu Wort. Gemeinsam ist allen, dass sie bereits „vor der Wende in der DDR oder in der BRD tätig waren“ (9).

Die Beiträge sind – mit Ausnahme der den Auftakt bildenden Interviews mit Thomas Reschke (1932–2026) und Rosemarie Tietze (Jg. 1944) sowie des in die Mitte des Bandes platzierten „Ferninterviews“ mit Werner Creutziger (1929–2025) – nach Geburtsdaten geordnet. Es ergibt sich eine Spanne von mehreren Generationen, von Leonhard Kossuth (1923–2022) und Welta Ehlert (Jg. 1929) über Ilse Tschörtner (1942–2022) und Susanne Rödel (Jg. 1945) bis zu Andreas Tretner (Jg. 1959) und Jekatherina Lebedewa (Jg. 1961), der für das Projekt verantwortlichen Heidelberger IÜD-Professorin und einstigen DDR-Übersetzerin. Zwei weitere Charakteristika des Sammelbandes: Der Berichtszeitraum wurde über die „Wende“-Jahre (1989–1991) hinaus bis in die Gegenwart ausgedehnt und zu Wort kamen überwiegend Leute, die aus dem Russischen übersetzt haben. Unbeabsichtigt entsteht beim Lesen so der Eindruck, dass es in der DDR fast nur Russisch-Übersetzer gegeben hat. Begründet wird die Engführung von den beiden Herausgeberinnen nicht mit ihrer eigenen universitären slawistisch/russistischen Translationsexpertise, sondern damit,

dass gerade die Vermittlung russischer Literatur einen interessanten Untersuchungsgegen stand für die vergleichende Betrachtung der Übersetzungs- und Verlagskulturen bietet, da hier Differenzen markant hervortreten. Während es hinsichtlich westlicher Literatur in der DDR seltener zu Neuentdeckungen kam, da diese weitgehend durch Lizenzen westlicher Verlage übernommen wurde, boten die russische und die multinationalen Literaturen der Sowjetrepubliken für die Lektoren und Übersetzer ein eigenständiges Forschungs- und Arbeitsgebiet. Herausgaben und Übersetzungen sowjetischer Literatur von DDR-Verlagen wurden häufig von westlichen Verlagen gekauft. (10)

Warum – so lässt sich einwenden – sollte die Vermittlung polnischer, lateinamerikanischer oder chinesischer Literatur einen weniger „interessanten Untersuchungsgegenstand“ bilden? Beim Thema Übersetzen „sowjetischer Literatur“ wünschte man sich – jenseits der in diesem Band durch Oral History ermittelten Eindrücke – Resultate empirisch fundierter ost-westlicher Verflechtungsstudien. Dann erst könnte verlässlich bestimmt werden, was es mit den im Titel des Sammelbandes genannten Geteilte[n] Übersetzungen auf sich hatte. Also: Wann und in welchem Umfang wurden welche westdeutschen „Neuentdeckungen“ „westlicher Literatur“ als Lizenzausgaben durch DDR-Verlage übernommen? Wann und in welchem Umfang kauften westdeutsche Verlage DDR-Übersetzungen sowjetischer Literatur – auch schon vor der Aufbruchzeit von Glasnost und Perestroika? Gab es solche Übernahmen durch Westverlage (z. B. Hanser in München) nicht in gravierenderem Umfang bei DDR-Ausgaben russischer „vor-sowjetischer“ Autoren wie Puschkin, Lermontov, Turgenjew, Gogol, Dostojewski, Tolstoi oder Tschechow (vgl. 104)?

Um einen faktenbasierten, buch- und übersetzungshistorischen Vergleich geht es in dem Band freilich nicht. Es geht um einzelne „Stimmen derjenigen, die im Verborgenen wirkten“ (18). Aus dieser Vielstimmigkeit lässt sich Gemeinsames heraushören, Gemeinsames primär für das Übersetzen in der DDR in den 1980er Jahren. Aber auch ein gesamtdeutsches Gemeinsames scheint es gegeben zu haben, nämlich dass in beiden deutschen Staaten das Literaturübersetzen ganz überwiegend in den eigenen vier Wänden als freiberufliche Tätigkeit ausgeübt wurde. Alle anderen Aufgaben, die mit der Produktion und Distribution von Büchern zu tun hatten, wurden in aller Regel von Leuten erledigt, die Monat für Monat ein festes Gehalt überwiesen bekamen. In mehreren Interviews wird von einem Wechsel aus der Position eines festangestellten Lektors oder Verlagsredakteurs in die des freiberuflichen Übersetzers erzählt. Über die materiellen Folgen heißt es bei Ilse Tschörtner (Jg. 1942), dass sie nach der Kündigung ihres Redakteurspostens bei Volk und Welt 1981 „zunächst nur die Hälfte von meinem letzten Gehalt“ an Honoraren bzw. Tantiemen eingenommen habe, etwa 500 Mark (181). Bei Vera Bischitzky (Jg. 1950), die acht Jahre lang als Redakteurin in einem Schulbuchverlag gearbeitet und dann aus politischen Gründen (Verweigerung eines Parteieintritts in die SED) gekündigt hatte, liest man:

Da die Lebenshaltungskosten, Miete, Grundnahrungsmittel usw. subventioniert und dem zufolge gering waren, konnte man ohne Existenzängste gut über die Runden kommen. Auch hatte ich mit einem Leipziger Verlag eine Vereinbarung über mehrere Buchprojekte im Voraus schließen können, das war eine gute Absicherung […]. (235 f.)

DDR-Literaturübersetzer konnten – nach sowjetischem Vorbild – Mitglied im Schriftstellerverband werden. Systematisch abgefragt wurde das in den Interviews nicht, auch die (Nicht-)Mitgliedschaft in der SED oder anderen politischen Parteien wird nur in einigen Gesprächen erwähnt. Für was alles der Schriftstellerverband (SV) im Einzelfall gut war, erzählt Welta Ehlert (Jg. 1929). Sie sei dem Verband

dankbar für zwei Herz-Kreislauf-Kuren in der ČSSR (heute Tschechien, Slowakei), […] kostenlos. Erwähnenswert erscheint mir auch, dass der [Aufbau-]Verlag und der SV für alle meine Reisen ins Baltikum, auch private, die organisatorischen Vorbereitungen unternahm, für Visa und Devisen sorgten[,] für Bahn- und Flugtickets und manches andere. (69)

Vergleichbar erinnert sich Ingeborg Kolinko (Jg. 1940), seit 1975 im Schriftstellerverband, an Aufenthalte im Erholungsheim des Verbands „in Petzow am Schwielowsee, wo man wunderbar arbeiten konnte. […] In den Ferien habe ich sogar meine Kinder mitgenommen“ (154). Das kontrastiert mit Kolinkos Erfahrungen bei ihren vom Schriftstellerverband ermöglichten Besuchen im Westteil Berlins (1987/89), wo sie für ein Übersetzungsprojekt in der Staatsbibliothek ukrainische Lexika und Wörterbücher nutzen wollte:

Ich hatte kein Westgeld, da habe ich Blut gespendet, um mir wenigstens mal in der Bibliothek einen Tee leisten zu können. Das Schöne war, dass ich jeden Abend in „meinen Osten“ zurückfahren konnte. Natürlich habe ich auch Westberlin erkundet – im Doppelstockbus, oben, ganz vorne, von einer Endstation zu anderen. Mit DDR-Ausweis konnte man kostenlos fahren. (154)

Aus dem Interview mit Welta Ehlert erfährt man etwas genauer, wie es in der DDR um die – mitunter durch Interventionen ferngesteuerte („Da kam plötzlich ein Veto aus der SU“; 68; vgl. 149; 207) – translatorische Rezeption der „multinationalen Sowjetliteratur“ (konkret: des Lettischen, Litauischen und Estnischen) bestellt war. Festhalten lässt sich: Es gab sowohl im Aufbau-Verlag wie im Verlag Volk und Welt das Bemühen, für „kleine“ Sprachen und Literaturen (nicht nur der Sowjetunion) Lektoren, Redakteure und Übersetzer auszubilden. Bei Ehlert wird deutlich, dass es für diese Spezialisten (anders als nach der Wende in Westdeutschland) dann auch genug zu tun und zu verdienen gab. Aufschlussreich ist in diesem Kontext ebenfalls das Gespräch mit Kristiane Lichtenfeld (Jg. 1944), die dem Verlag Volk und Welt die Möglichkeit verdankte, als Freiberuflerin ihren Arbeitssprachen Polnisch und Russisch zu Beginn der 1980er Jahre noch das Georgische hinzuzufügen (188). Lichtenfeld geht auch knapp auf das Thema Zensur ein:

Die Bücher wurden von den Verlagen ausgewählt, die besaßen ihre Erfahrung mit der Zensur, vieles wurde erreicht, nicht alles, es war ja ein ständiges Austesten von und Ankämpfen gegen Grenzen. Was mich betrifft, ist mir kein Titel bewusst, der an Zensurbarrieren gescheitert wäre. Es hat auch niemand von mir verlangt, aus Zensurgründen einen Text zu ändern oder gar Streichungen vorzunehmen. […] Die heutige Zeit hat mich gelehrt, dass es in verschiedenen Epochen verschiedene Arten von Zensur geben kann – mal die politische, mal die des Marktes. Beides erfreut wenig. (196)

Ihre Laufbahn hat Welta Ehlert 1954 im Verlag Kultur und Fortschritt als „Kontrollredakteurin für Übersetzungen aus dem Russischen“ begonnen:

Diese Tätigkeit bestand darin, den übersetzten Text sorgfältig mit dem Original zu vergleichen und inhaltliche Abweichungen zu vermerken. Den so überprüften Text bekam dann ein Redakteur für die sprachkünstlerische bzw. stilistische Endbearbeitung. […] Irgendwann brauchte man die gesonderte Übersetzungskontrolle nicht mehr, ich denke, weil die im Verlag nach und nach angestellten jungen Russistik-Absolventen während ihrer Praxis als Kontrollredakteure Stilsicherheit und damit die Befähigung erworben hatten, inhaltliche Richtigkeit und Stil in einem Arbeitsgang zu prüfen. (61 f.)

Für Nicht-DDRler klingt die Bezeichnung „Verlagsredakteur“ sonderbar. Die vermutlich aus Moskauer Verlagen übernommene Trennung zwischen Lektor und Redakteur war im auf Vermittlung ausländischer Gegenwartsliteratur ausgerichteten Verlag Volk und Welt besonders ausgeprägt, sogar für das Finnische wurde dort Mitte der 1980er Jahre ein eigener Redakteur eingestellt. Dass das institutionalisierte redaktionelle Feilen an den übersetzten Texten auch Nachteile haben konnte, dass es im Lauf der Jahre „ein bisschen zur Unifizierung geführt“ haben mag, wird von Andreas Tretner (Jg. 1959), in der DDR-Schlussphase Lektor im Leipziger Reclam-Verlag, thematisiert:

Es gab einen ‚Volk und Welt-Stil‘. Da das kein übler Stil war, ging das noch in Ordnung. Manchmal aber nicht zugunsten eines originären Autorstils. (353 f.).

Zu diesem für die ästhetische Bewertung literarischer Übersetzungen zentralen Aspekt (Verfehlen des Autorstils) wünschte man sich ebenfalls gründlich vergleichende Detailstudien. Die derzeit in den Vordergrund drängende theorieselige Translationswissenschaft müsste dazu allerdings ihre Voreingenommenheit gegenüber philologischer Textarbeit überwinden. Auch in den biografisch und/oder soziologisch interessierten „Translator Studies“ lässt sich eine Abkehr von der Beschäftigung mit übersetzten Texten beobachten.

Dass es zwischen den fünf oder sieben DDR-Verlagen, in denen übersetzte literarische Werke erschienen (welche Verlage waren das genau?), markante Unterschiede in den Arbeitsabläufen gab, lassen einzelne Interview-Passagen erkennen: „Bei Reclam war das alles überschaubarer, in manchem wohl auch zufälliger. Scout, Lektor und Textredakteur in Personalunion“ (354), und diese Person musste dann mitunter auch noch als Übersetzer einspringen.

Breiten Raum nehmen in fast allen Interviews Erinnerungen an die Absurditäten und Unfassbarkeiten der „Wende“-Zeit ein. Mit am lebendigsten geschildert werden sie von Marlies Juhnke (Jg. 1951), die 1974 als Slawistik-Lektorin zum Aufbau-Verlag kam. Sie erlebte dessen 1990 beginnende Umstrukturierung („das Wort kannten wir damals nicht“, 270) in allen Phasen: Der Weggang der jungen Mitarbeiter, die „nun ihre neuen Möglichkeiten zu studieren, zu reisen usw.“ nutzten; dann im Juli 1990 „die ersten 60 Entlassungen“; im Herbst 1990 Schließung der Außenstellen in Weimar und Leipzig.

[1992] wieder jede Menge Entlassungen, bis von den ursprünglich 180 Beschäftigten nur noch etwa 30 übrigblieben. Es kamen neue Kolleginnen und Kollegen aus Westdeutschland dazu; sie wurden besser bezahlt als wir Ossis. Für das Geld, das Sie verdienen, arbeiten die nicht – wurde mir als Betriebsrätin von der Verlagsleitung gesagt. (273)

Es gibt indes auch Schilderungen des überwältigenden Gefühls der Befreiung und der Euphorie der Jahre 1989/90, u. a. bei Andreas Tretner:

Es war eine Atmosphäre der Unerschrockenheit. Man ging durch die Welt und änderte sie. […] Wir waren es neuerdings gewohnt, dass man Demokratie ernst nahm. Das war in dieser kurzen Endphase gegangen: dass wir unseren Verlagsleiter gewählt haben, nachdem wir den alten nach einer Art Misstrauensvotum zum Abdanken gebracht hatten. […] Der Rausch war entstanden, dieser Rückzug der Zensur, das Aufbrechen der Strukturen. Russland hat das vorgemacht. (356; 359)

Über den Einfluss der Sowjetunion bzw. Russlands auf die Überwindung der SED- und Stasi-Herrschaft wäre auch aus translationshistorischer Sicht noch einmal nachzudenken. Stimmt es, was Thomas Reschke (Jg. 1932) behauptet:

Noch heute bin ich überzeugt, dass wir DDR-Übersetzer russischer Literatur ein bisschen zur Wende des Jahres 1989 beigetragen haben. (31)

Die Sieger der reclam-deutschen Wiedervereinigung saßen dann aber nicht in der kreativ aufmüpfigen Leipziger Dependance, sondern im süddeutsch bedächtigen Ditzingen: „Schulbuch und gelbe Hefte, vergilbte Gardinen“ (358). „Wir haben vieles gewonnen, vieles verloren“ (156), so resümiert Ingeborg Kolinko ihre Wende Erfahrung. Entschiedener werden Hell und Dunkel am Schluss des letzten Interviews verteilt. Viktoriya Stukalenko (geb. 1984 in Odessa) fragt dort ihre Band-Mitherausgeberin nach deren „Vorstellungen und Hoffnungen der Wendezeit“. Jekatherina Lebedewa (Jg. 1961) antwortet:

Der Osten wurde im Vereinigungsprozess systematisch entmündigt und belehrt, er hatte keine eigene Stimme, wurde politisch, ökonomisch und sozial benachteiligt. Im Ergebnis zeigt sich heute eine tiefe Spaltung der Gesellschaft. Die Deutungshoheit des Westens über den Osten mit allen Stereotypen und Vorurteilen erklärte die Selbstbefreiung des Ostens zum Sieg des Westens. Diese „Geschichte der Sieger“ wird allmählich hinterfragt, indem der Osten seine eigene Geschichte erzählt. Die Zeit rückt alles zurecht. (374)

Das Gespräch mit Lebedewa und die aus ihrem Privatarchiv stammenden Fotografien im Anhang des Bandes (375-387) haben mich auf eine weitere Besonderheit der mit dem Russischen befassten DDR-Übersetzungs- und Verlagskultur aufmerksam gemacht: Man hatte es in diesen Berliner Kreisen offenkundig mit einer Art Familienbetrieb zu tun. Immer wieder stößt man auf verwandtschaftliche Bande, auf übersetzende oder lektorierende Ehepaare, auf Mütter und Väter, die auch schon dabei waren. Und selbst, wo es nicht um direkte Verwandtschaft geht, wird oft eine familiäre Atmosphäre geschildert, etwa von Thomas Reschke (Jg. 1932):

[W]ir waren damals [nach dem „Tauwetter“ von 1953/64] wie eine große Familie mit täglichem Austausch von Kenntnissen, Gedanken und Erfahrungen. Dass es in unserem Kreis auch mindestens zwei Stasispitzel gab, wussten wir nicht. (28)

Selbst in Überschriften taucht das Bild auf: Bei Henschels war man mit dem Verlag verheiratet (Susanne Rödel), Im Verlag blieb alles „in der Familie“ (Marlies Juhnke).

Dass es in der Wende-Zeit zu unerquicklichen Ruppigkeiten seitens westdeutscher Russisch-Übersetzer gekommen ist, wird in mehreren Interviews beklagt. Insbesondere Mascha Tietzes (Jg. 1944) vermeintliches oder auch tatsächliches Agieren bzw. Intrigieren gegen „diese Ostübersetzer“ wird breit erinnert (z. B. 334 f.). Beginnend mit der Einleitung scheinen mir ganze Passagen des Oral History-Bandes als Anti-Tietze-„Wortgefecht“ (vgl. Lebedewa / Stukalenko 2025) komponiert zu sein. Dass für eine verlässliche Darstellung der 1989/90 ausgebrochenen deutsch-deutschen Übersetzerkonkurrenz die Interview-Methode nicht ausreicht, wird bei einem Vergleich der entsprechenden Äußerungen mit Eveline Passets (Jg. 1958) mustergültiger Recherche aus dem Jahr 2014 deutlich. Unter dem Titel Ein Sprung über die Grenze und nicht wieder zurück berichtete Passet, wie sie ergänzend zu Interviews durch gründliche Archivrecherchen aus schriftlichen Quellen jene „harten Fakten“ ermittelt hat, die seinerzeit fast zwangsläufig zu Missverständnissen und Zerwürfnissen führen mussten (vgl. 347 f.). An deren Beginn stand ausgerechnet die allererste (natürlich den Russisch-Übersetzern vorbehaltene) DDR-BRD-Übersetzerwerkstatt im Straelener Europäischen Übersetzer-Kollegium (März 1989; vgl. Fotografie 384). Dass einer der sieben Ost-Übersetzer sich an eine Radtour „über den Rhein“ nach Holland erinnert (82), hätte die Band-Redaktion nicht durchgehen lassen sollen. Weitere „Fehler“ finden sich kaum, etwa „Lipāja (deutsch Libau)“ statt „Liepāja“ (58) oder „Jan Kross“ statt „Jaan Kross“ (106). Heiteres Kopfschütteln mag die Karlheinz Kasper (Jg. 1933) gestellte Frage auslösen: „Wie erfolgte die Suche nach neuen Publikationsmöglichkeiten unter der eingebrochenen Marktwirtschaft?“ (150)

Mit ihrem Sammelband richten sich die Herausgeberinnen „insbesondere an Studierende sowie junge Übersetzerinnen und Übersetzer“ (18). Denen dürfte das Verständnis mitunter durch zu Insiderisches erschwert werden. So soll der Übersetzer Kossuth sagen, ob er zu einem Slawistik-Sonderlehrgang „vom Staat delegiert“ worden sei (51). Was hatte es mit diesem Lehrgang auf sich und was darf man sich unter der Delegierung durch den Staat vorstellen? An anderer Stelle geht es um einen „Zentralvorstand der DS“ sowie um „West-Emigranten“ (52), um einen Ort in „M-V“ (67), um jemanden; der als „Sonstiger“ nicht Medizin studieren durfte und sich daher für Slawistik / Germanistik entschied (147). Was ein „Hausarbeitstag“ (205) war, kann man sich in Zeiten des „Homeoffice“ in etwa denken, aber was mögen „SMA-Bücher“ (203), ein „Reisekader“ (233), der „Plusauflagenprozess gegen die Bundesregierung“ (271) oder die „Sputnik-Affäre“ (291) gewesen sein?

Für die einst zu schreibende komparatistisch-germanistisch-translationswissenschaftliche Kulturgeschichte des Literaturübersetzens im 20. Jahrhundert bietet der Sammelband reichlich Anschauungsmaterial. Das gilt auch für Spezialthemen wie das Nachdichten auf der Basis von Interlinearversionen (64; 170 f.; 371; vgl. Kelletat 2020), einschließlich der Honoraraspekte: Von DDR-Verlagen wurde bei Lyrik-Übertragungen „sehr gut pro Zeile bezahlt: 1 Mark für die Interlinearübersetzung und 5-7 Mark für die Nachdichtung“ (110). Aufschlussreich für die Machtverhältnisse zwischen Lektorat und Übersetzer erscheint mir auch die Frage, wer in Ost- bzw. Westdeutschland bei Meinungsverschiedenheiten über einzelne Textpassagen das letzte Wort hatte (vgl. 107 vs. 123).

In vielen Interviews wird der Hauptunterschied im deutsch-deutschen Übersetzungsbetrieb klar benannt. Im Osten hatten alle Akteure schlichtweg mehr Zeit für ihr Tun: „Man konnte in Ruhe arbeiten“ (182); „Wir hatten sehr viel mehr Zeit und Ruhe“ (297); „Wir hatten natürlich damals in der DDR viel mehr Zeit“ (335). Da Übersetzer in der DDR von ihren Übersetzungen und sogar vom Nachdichten leben konnten, war es möglich, sich in Ruhe und ohne Zeitdruck oder die Ablenkung durch andere zusätzliche Jobs der Übersetzung zu widmen (373). Dass dieses Mehr an Zeit aus DDR-spezifischen Literaturproduktionsbedingungen resultierte, macht Christoph Links (Jg. 1954) sowohl in seinem luziden Eingangsessay wie in dem mit ihm geführten Interview deutlich. Diese Produktionsbedingungen waren nicht dadurch geprägt, dass das Büchermachen in der DDR vom Staat hoch subventioniert worden wäre – das galt nur für Schulbücher und Publikationen der Akademie der Wissenschaften. Das DDR-Spezifische ergab sich aus der planwirtschaftlich organisierten Struktur des Verlagswesens. In der DDR konkurrierten nicht wie in der ehemaligen BRD 2000 oder sogar 3000 Verlage um die Gunst der Käufer, sondern es gab in den 1970er/80er Jahren lediglich 78 Verlage. Und die hatten voneinander abgegrenzte, staatlich festgelegte Themenbereiche. Dadurch hatten diese „Leitverlage“ jeweils eine Monopolstellung und konnten Monopolgewinne einstreichen. Die Nettoumsatzrenditen lagen mitunter bei 20 oder sogar 30 Prozent. Das wiederum erlaubte den DDR-Verlagen zahlreiche Mitarbeiter zu beschäftigen, die sich um relativ wenige Buchprojekte pro Jahr zu kümmern hatten. 360 Titel produzierten im Schnitt der 1980er Jahre die 185 Mitarbeiter des Aufbau-Verlages, wobei noch gar nicht jene Experten mitgezählt sind, die als „feste freie Mitarbeiter“ ebenfalls Lektoratsarbeiten erledigten, wie z. B. Elga Abramowitz von 1956 bis 1990 für den Aufbau-Verlag (vgl. Rotroff 2020 und 2026). Lag das Verhältnis angestellte Mitarbeiter zu Buchtitel im Aufbau-Verlag bei 1 zu 2, so gab es im Verlag Volk und Welt sogar das Verhältnis 1 zu 1,

eine in westlichen Ländern kaum vorstellbare Relation. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen sind Verhältnisse von eins zu fünf bis eins zu sieben üblich. (24)

Die Folgen der vor-kapitalistischen, nicht-marktwirtschaftlichen Verhältnisse werden in den Interviews unterschiedlich akzentuiert beschrieben. Bei Lola Debüser (Jg. 1934), Mutter der Herausgeberin Lebedewa (vgl. Debüser / Lebedewa 2025), heißt es:

Die Verlagskultur in der DDR war viel organisierter, freundlicher und respektvoller. Es ist unkollegialer und unsolidarischer geworden. Man muss um alles kämpfen. (98)

Ähnlich klingt es bei Susanne Rödel (Jg. 1945): „Es geht ums Geld. So einfach. Bei uns ging es um eine Idee, jetzt ist das Finanzielle der Dreh- und Angelpunkt“ (215). Auf den Punkt bringt es Marlis Juhnke (Jg. 1951): „In der DDR hatte man einfach mehr Zeit, mehr Personal und mehr Geld für Übersetzungen“ (273). Wie die DDR-Literaturverlage ihre buchgeschichtlich einzigartige Personal- und Kapitalstärke genutzt haben, um im Bereich des Übersetzens und Nachdichtens Projekte umzusetzen, auf die sich kein Westverlag hätte einlassen können, lässt sich mit den im Sammelband vereinten Stimmen zum Import sowjetrussischer Werke nicht befriedigend erklären. Hierfür sind weitere und deutlich breitere Studien nötig. Erst sie könnten erweisen, was halt nur unter den Bedingungen der DDR in puncto Literaturübersetzen möglich war.

Literatur

Debüser, Lola / Lebedewa, Jekatherina (2025): Ein deutsch-russisches Leben. Berlin: Frank & Timme.

Kelletat, Andreas F. (2020): „Translatorische Unzulänglichkeit“? Der Nachdichter und Übersetzer Richard Pietraß im Lyrikleseland DDR. In: Aleksey Tashinskiy / Julija Boguna / Andreas F. Kelletat (Hgg.): Übersetzer und Übersetzen in der DDR. Translationshistorische Studien. Berlin: Frank & Timme, 223–275.

Lebedewa, Jekatherina / Stukalenko, Viktoriya (2025). Wortgefechte – deutsche Literaturübersetzung in Ost und West: Projektvorstellung „Übersetzungs- und Verlagskultur in der DDR und der BRD“. In: Chronotopos – Eine Zeitschrift für Übersetzungsgeschichte 5.2: 279–289.

Links, Christoph (2010): Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. 2., aktualisierte Auflage. Berlin: Ch. Links.

Passet, Eveline (2014): Ein Sprung über die Grenze und nicht wieder zurück. In: Sprache im technischen Zeitalter 211: 312–344.

Rotroff, Heidi (2020): Interview mit der Übersetzerin Elga Abramowitz. In: Aleksey Tashinskiy / Julija Boguna / Andreas F. Kelletat (Hgg.): Übersetzer und Übersetzen in der DDR. Translationshistorische Studien. Berlin: Frank & Timme, 151– 164.

Rotroff, Heidi (2026): Die Übersetzerin und Lektorin Elga Abramowitz (1926–2024) und ihr Nachlass: Leben und Wirken im Literaturbetrieb der DDR. Germersheim: FTSK der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. [Dissertation, erscheint demnächst].

Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Kelletat, Andreas F. (Hgg.) (2020): Übersetzer und Übersetzen in der DDR. Translationshistorische Studien. Berlin: Frank & Timme.

Zitierweise

Kelletat, Andreas F.: „Man konnte in Ruhe arbeiten“ – Gespräche über das Übersetzen in der DDR. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 18. August 2026.