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Robert Lippert, 1810–1863

3. April 1810 Leipzig (Königreich Sachsen) - 15. April 1863 Paris (Frankreich)
Original- und Ausgangssprache(n)
Russisch
Zielsprache(n)
Deutsch

Robert Lippert war der Sohn des aus Groß-Glogau/Schlesien gebürtigen jüdischen Kaufmanns und königlich sächsischen Hofagenten Herz Löw (auch: Loeb) Levi (1766-1823) und dessen Ehefrau Esther, geborene Wolf (1768-1833). Der Vater war „Gewährsmann der allhiesigen Juden“ (vor der Gründung der Israelitischen Religionsgemeinde) in Leipzig. Robert war das jüngste von 13 Kindern. Im Jahr 1817 beantragten zwei ältere Brüder die Änderung des Familiennamens in Lippert, um sich von anderen Firmen mit dem Namen Levy unterscheiden zu können. Dem Antrag wurde trotz der Widerstände aus der Leipziger Kaufmannschaft mit der Einschränkung entsprochen, dass die Geschäfte der Brüder unter „Lippert sonst Levy“ geführt werden. (Stadtarchiv Leipzig, Sign. L 726)

Alle Söhne erhielten eine bestmögliche Ausbildung. Dazu gehörte das Erlernen von Fremdsprachen. Neben Jiddisch werden die jüdischen Eltern auch russisch gesprochen haben, wie die meisten aus Galizien stammenden Leipziger Juden zu dieser Zeit.

Robert Lippert besuchte die älteste städtische Bürgerschule, die Alte Nikolaischule (UAL, Rep. M 017), wo er die Hochschulreife erwarb. Während Lipperts Schulzeit war Gottlieb Samuel Forbiger (1751-1828) Rektor. Erst während seiner Amtszeit setzte sich Deutsch als Unterrichtssprache durch. Die Schüler, welche die Universitätsreife anstrebten, lernten weiterhin intensiv Latein, Griechisch, Hebräisch (für angehende Theologen), erweitertes Französisch und Englisch (Fehlberg 2012: 43 ff.). Lippert hat vermutlich noch Anfang 1828 die Nikolaischule gemeinsam mit dem drei Jahre jüngeren Richard Wagner besucht.

Lippert gehörte zum Zeitpunkt seiner Immatrikulation an der Leipziger Universität am 10.10.1828 dem jüdischen Glauben an. Er war somit der erste jüdische Student an der Leipziger Juristenfakultät. Zu diesem Zeitpunkt hatte er, wie vorher zwei seiner älteren Brüder, seinen Familiennamen bereits in Lippert geändert. Am 1. März 1831 kam es zu einem Duell in Fischers Restauration mit dem Studenten Amthor1Wahrscheinlich: Friedrich Ernst Amthor, der in Leipzig seit 1830 Jura studierte und später Advokat in Waldenburg war, wo er am 20.03.1874 starb., über das auch Richard Wagner in seinen Lebenserinnerungen berichtet (Glasenapp 1905, 1. Band: 116). Lippert wird als „Fink“ bezeichnet, er gehörte also keiner Studentenverbindung an. Nur wenige Monate später, am 10.09.1831, ließ sich Lippert in der Kirche St. Nicolai taufen. An der Leipziger Universität studierte er bis 1832. Robert Lippert wurde zum Dr. phil. promoviert, obwohl er nicht als Student der Philosophie immatrikuliert war. Seine Dissertation wurde nicht veröffentlicht, auch das Thema seiner Arbeit ist deshalb nicht bekannt.

1833 war er kurzzeitig als Redakteur des Aufrichtigen und unabhängigen Zeitungsboten tätig. Dabei handelte es sich um eine Beilage zu den Osterländischen Blättern (Leipzig), einer der zahlreichen Zeitschriften, die sein 15 Jahre älterer Bruder, der sich seit seiner Taufe Carl Ferdinand Philippi (1795-1852) nannte, im Grimmaer Verlags-Comptoir herausgab (Reißner 1970: 192). Die Verbindung zu diesem Bruder blieb weiterhin sehr eng. Später übersetzte er anonym für das Verlags-Comptoir Bücher aus dem Russischen.

Im Jahr 1834 wurde Lippert in Grimma zum Notar ernannt, im März 1837 erfolgte seine Zulassung zur Advokatur in Dresden. Diese Tätigkeit hat er offenbar nicht mehr aufgenommen, denn bereits am 17.05.1837 beantragte Lippert in Leipzig die Erteilung eines Passes für Polen und Russland.

Als Übersetzer in Russland

Von 1836 an arbeitete er journalistisch und als Übersetzer aus dem Russischen u. a. für die Zeitung der eleganten Welt. In dieser Dresdner Zeitung erschienen unter seinem Namen feuilletonistische Artikel sowie in den Nummern 152 bis 165 vom 06.08.1838 bis 24.08.1838 eine Übersetzung „nach dem Russischen“ der „Streifzüge“, einer Novelle von [Alexander Alexandrowitsch Bestuschew] Marlinskij.

Lippert lebte zu dieser Zeit in Moskau, wo er in der deutschen lutherischen Kirche St. Peter und Paul am 18.01.1838 die zwei Jahre ältere Sabine Elise (genannt Elisabeth) Armand heiratete. Seine Frau, die in der Literatur mitunter als Russin bezeichnet wird, entstammte der Industriellen-Familie Armand, die Ende des 18. Jahrhunderts aus Frankreich nach Moskau gekommen war und in Puschkino mit wachsendem Erfolg eine Tuchmanufaktur betrieb. Ihr Vater Jean-Louis Armand (1788-1855) war in erster Ehe mit Sabine Elisabeth Ossipowna (1788-1817) verheiratet. Er war 1834 Kaufmann der 3. Gilde, also der untersten Steuerklasse. Der Name der Mutter ist kein Beweis dafür, dass sie Russin war, zumal in dieser Zeit Ehen zwischen Ausländern, also auch Franzosen, und Russen wegen des unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses sehr selten waren. Ossipowna war wohl auch nicht ihr Familienname, sondern kann vielmehr ein Patronym und damit ein Hinweis darauf gewesen sein, dass ihr Vater Josef hieß. Aus dieser Ehe ging auch Louis Eugen Armand (1809-1890) hervor. In der zweiten Ehe des Vaters wurde 1819 eine Tochter namens Sofja geboren. In diese Familie heiratete später die Revolutionärin Inessa Armand (1874-1920) ein.

Als Puschkin-Übersetzer

Ab 1839 trat Lippert als der erste Übersetzer von Alexander Puschkins Dichtungen in die deutsche Sprache hervor.2Bereits 1836 hatte Carl Friedrich von der Borg eine teilweise Übersetzung (Erster Abschnitt in fünf Folgen) des Onegin in die deutsche Sprache vorgelegt (in: Der Refraktor. Ein Centralblatt des deutschen Lebens in Rußland, Nr. 14-18). Im Jahr 1838 war in der Voss‘schen Buchhandlung erschienen: Historische und romantische Erzählungen, Begebenheiten und Skizzen. Nach dem russischen deutsch herausgegeben von Friedrich Tietz (1803-1879). Darin ist „Der Schuß“ aus A. Puschkins Erzählungen des verstorbenen J. P. Bielkin (abweichender Titel: Die Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin) enthalten (S. 72-92). Diese Erzählung fehlt in der Übersetzung von Puschkins Dichtungen, die Lippert 1840 veröffentlichte.Alexander Puschkin war erst zwei Jahre zuvor in einem Duell ums Leben gekommen. Ludwig Bodenstedt (1819-1892), der 1854 Alexander Puschkins Eugen Onegin übersetzen sollte, behauptete, dass Lippert kein Wort Russisch spreche und seine Übersetzung des Onegin in Wirklichkeit von seiner Frau ausgeführt worden sei. Auch Reißner (1970: 192) bezeichnet es als „wahrscheinlich“, dass Lipperts Frau bei der Übertragung geholfen habe. Worauf sich diese Annahme stützt, schreibt Reißner nicht.

Lipperts Übersetzungen erschienen 1840 in Leipzig. Obwohl zur gleichen Zeit Übersetzungen einzelner Puschkin-Dichtungen von Christian Gottlob Tröbst (1812-1888) und Stephan Sabinin (1789-1863) unter dem Titel Alexander Puschkin’s Novellen (1. Band, Jena 1840, ein zweiter Band folgte erst 1848) und des zarentreuen Eduard von Olberg (Gedichte von Alexander Puschkin, Berlin 1840) herauskamen, gebührt Robert Lippert nach Keller das Verdienst, mit seinen Übersetzungen 1840 „einen ersten, durchaus repräsentativen Querschnitt durch Puschkins Schaffen“ geliefert zu haben. Seine Übersetzungen fanden „einhellige Zustimmung“ (Keller 1992: 266). Eine vierte Übersetzung Puschkins aus dem Jahr 1840 wurde von dem Arzt Hirschmann Brandeis (1793-1869) vorgelegt (Die Geschichte des Pugatschew’schen Aufruhrs, Stuttgart 1840).

Der Leipziger Verleger Wilhelm Engelmann bot 1899, im Jahr von Puschkins Säkularfeier, die zweibändige Ausgabe aus dem Jahr 1840 zu einem deutlich herabgesetzten Preis an (vgl. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Nr. 86 vom 15.04.1899, S. 2818). Der Absatz des Buches scheint demnach gering gewesen zu sein.

In Moskau war Lippert „im Interesse und als Gerichtsanwalt einer Buchhandlung“ (Allgemeine Zeitung vom 12.08.1844, S. 7) für den deutschen und den französischen Buchhandel tätig, u. a. auch für den Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel, den 1719 gegründeten ältesten Musikverlag der Welt. Bernhard Breitkopf (1749-1820), Sohn des Firmengründers und Jugendfreund Goethes, betrieb bereits seit 1781 eine Druckerei mit Buchhandlung in St. Petersburg. 

Im Jahr 1841 verzog Lippert nach St. Petersburg (vgl. Reißner 1970: 192). Er war dort einige Jahre als Lehrer und Erzieher der Kinder eines russischen Fürsten angestellt. In Petersburg hat er sich sehr bald einen großen Freundeskreis geschaffen, in dessen Zentrum Graf Sollogub stand. Ob Lippert dessen Kinder unterrichtete, ist nicht überliefert. Protegiert wurde Lippert von Wladimir Fjodorowitsch Odojewski (1803-1869), Vizedirektor der Kaiserlichen Öffentlichen Bibliotheken. Zu Lipperts Bekannten soll auch Wassili Andrejewitsch Schukowski (1783-1852), enger Freund und Testamentsvollstrecker Puschkins, gehört haben. Er soll Schukowski 1841 in St. Petersburg begegnet sein. (Reißner 1970: 192) Schukowski verlegte allerdings noch im gleichen Jahr seinen Wohnsitz nach Deutschland. Zu Lipperts Freundeskreis gehörte zudem der Dichter Pjotr Alexandrowitsch Pletnjow (1792–1866), der viele Jahre Rektor der Universität St. Petersburg war und zu den engen Freunden Puschkins gehörte. Der Publizist Michael Nikiforowitsch Katkow (1818-1887) war ebenfalls mit Lippert bekannt, wie aus dessen Briefwechsel mit dem Journalisten Andrej Aleksandrowitsch Krajewski (1810—1889) hervorgeht. Krajewski „äußerte sich sehr anerkennend“ über Lipperts Übertragung von Lermontovs Gedicht Die Gaben des Terek ins Deutsche (Reißner 1970: 192).Im Jahr 1841 hatte Lippert dem Literaturkritiker und damaligen Hausautor der Vaterländischen Denkwürdigkeiten3Abweichende Übersetzungen des russischen Titels lauten: Vaterländische Notizen oder Vaterländische Annalen Wissarion Grigorjewitsch Belinski (1811-1848) angeboten, ihm Deutschunterricht zu erteilen. Dieser äußert sich ein Jahr später eindeutig negativ über Lipperts Person und sein Wirken (Reißner 1970: 193). Trotzdem übersetzte Lippert Belinskis in den Vaterländischen Denkwürdigkeitenerschienen Aufsatz über Eugène Sue (1804-1857), der mit einer ausführlichen Einleitung Lipperts 1844 in der Zeitung für die elegante Welt erschien.

Lippert berichtete 1841/42 in dem russischen Blatt Vaterländische Denkwürdigkeiten (Allgemeine Zeitung vom 26.08.1844, S. 6) als Mitarbeiter der von Belinski geleiteten Kritikredaktion regelmäßig über ausländische Literatur. Außerdem sind in dieser Zeit vier Artikel über Goethe von ihm nachweisbar. 

Aber Mitarbeiter und Freunde der Zeitschrift waren mit seiner Arbeit nicht zufrieden, und als auch Lipperts Versuch scheiterte, an der Petersburger Universität eine Stellung als Bibliothekar zu bekommen, musste er nach Deutschland zurückkehren. (Reißner 1970: 193). 

Diese Aussagen über die Gründe und den Zeitpunkt seines Weggangs aus St. Petersburg können inzwischen als widerlegt angesehen werden. Zutreffend ist hingegen, dass Lippert durchaus prominente und einflussreiche Gegner hatte, insbesondere Bodenstedt und Herzen. 1846 veröffentlichte er anonym die Schrift Anklagen der Juden in Russland wegen Kindermords. Dieses Buch belegt, dass Lippert mit der Taufe seine Verbindung zum Judentum keineswegs abgebrochen hatte, sondern sich vielmehr publizistisch gegen dessen Verleumdung einsetzte.1845 erschien der Aufsatz „Der Süden nach nordischer Darstellung“ von Graf Sergei Semjonowitsch Uwarow (1786-1855) (Münchener politische Zeitung vom 26.11.1845, S. 2). Eine Anmerkung zu diesem Aufsatz deutet darauf hin, dass Robert Lippert den Beitrag aus dem Russischen übersetzt hatte. 1846 kündigte er die Übersetzung einer Sammlung von Uwarows Schriften im darauffolgenden Jahr an: „Stein und Pozzo di Borgo von Uwaroff“, in: Magazin für die Literatur des Auslandes Nr. 122 vom 10.10.1846, S. 487, hierbei handelt es sich offenbar um eine Übersetzung von R. L., die aber nicht ausdrücklich als solche gekennzeichnet ist. Diese Schrift, 1846 auf Russisch veröffentlicht, erschien im Folgejahr in deutscher (St. Petersburg), französischer (Paris) und englischer (London) Übersetzung. Nur für die deutsche Ausgabe wird Robert Lippert als Übersetzer genannt. Ob er sie auch ins Französische und Englische übersetzt hat, muss offenbleiben.

1847 erschienen im Verlags-Comptoir Grimma von Lipperts Bruder Carl Ferdinand Philippi die Schriften von Iwan Golowin (1816-1890) und von K. F. Rylejew (1795-1826). Clemens Heithus geht davon aus, dass der ungenannte Übersetzer Robert Lippert war (vgl. Heithus 1982: 58).

Im Jahr 1847 veröffentlichte Lippert im 2. Band seiner Nordischen Novellen seine Übersetzung der Kleinrussischen Genrebilder von Nicolai Gogol. Kurze Zeit später erschien sein Aufsatz „Blicke auf die russische Literatur“ im Magazin für die Literatur des Auslandesvom 10.04.1847, in dem er die Bedeutung von Gogols Werk einordnete: 

Gogol (…) trug namentlich zur gänzlichen Reform der ästhetischen Begriffe beim Publikum und den Schriftstellern bei, indem er zuerst auf die künstlerische Auffassung der Wirklichkeit hinwies. (zit. nach Reißner 1970: 222f.)

Konflikte mit der russischen Zensur

Im August 1847 gründete Lipperts Schwager, der Kaufmann Eugen Armand aus Moskau, zusammen mit Lippert in St. Petersburg die Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung E. Armand & Co. 1847 gab es im Börsenblatteine Kontroverse wegen eines Circulars dieser neugegründeten Firma (Börsenblatt vom 03.09.1847, S. 4; vom 17.09.1847, S. 6; 22.10.1847, S. 6). Am 18.09.1847 veröffentlichte Lippert, zu dieser Zeit in Leipzig, eine Erklärung zu den schwerwiegenden Anschuldigungen gegen ihn und die Fa. E. Armand & Co (Börsenblatt vom 21.09.1847, S. 6, sowie vom 26.11.1847, S. 4). Die Auseinandersetzungen wurden durch den damaligen (umstrittenen?) Chefredakteur des Börsenblatts Johannes de Marle betrieben. Nachdem das Circular erschienen war, warnte der Chefredakteur vor betrügerischen Absichten der Firma, insbesondere von Lippert selbst, weil er seinen Namen nicht in der Firmierung nannte. Er sprach Lippert jede buchhändlerische Kompetenz ab und behauptete, dass Armand in Russland niemand kennen würde.Durch die Herausgabe des Eugen Onegin in Puschkins Dichtungen geriet Lippert in einen Konflikt mit der russischen Regierung, weil er große Lücken im Text als von der russischen Zensur veranlasst kennzeichnete. Der russische Staatsrat Nadeschdin brachte seine Verärgerung hierüber in einem Aufsatz über russische Mundarten zum Ausdruck.4Auch sein Bruder Carl Ferdinand Philippi verärgerte immer wieder die sächsischen Behörden, weil er Zensureingriffe in seinen Zeitungen durch entsprechende Striche für jeden Leser deutlich machte (Reißner 1970: 191).Diese Differenzen mit der Regierung scheinen später zugenommen zu haben und eskalierten schließlich im Jahr 1850. Die Chronik der gebildeten Welt berichtete über Aktionen der Regierung, die sich gegen den „Schmuggel verbotener Lektüre“ im ganzen Land richteten. „Alles buchhändlerische Leben in Rußland ist jedoch noch nicht erstickt“, heißt es in dem Bericht, und weiter:

Dr. Lippert, unser Leipziger Landsmann, entging nur mit genauer Noth Sibirien. Er leitete seit Jahren in St. Petersburg die Buchhandlung „Armand et Comp.“ und scheint allerdings im Vertrieb verbotener Schriften sehr thätig gewesen zu sein. Sein Geschäft wurde für immer aufgelöst, er selbst gefänglich eingezogen, bis er nur durch die unermüdliche Fürsprache eines russischen Fürsten, in dessen Hause er früher als Gouverneur der Kinder sehr in Achtung stand, auf freien Fuß gesetzt, jedoch nur mit dem Geheiß entlassen wurde, unverzüglich die Monarchie zu verlassen. Dr. Lippert reiste vor einigen Wochen hier nach Paris durch. Seine Übersetzungen Puschkins und anderer russischer Dichter sind bekannt.

Dieser Bericht könnte Nikolai I. Sazonows (1815-1862) Aussage in einem Brief an Alexander Herzen vom 20.08.1855 stützen, dass Lippert auch mit den Petraschewzen in Verbindung stand. Der Briefschreiber behauptet in diesem Zusammenhang, Lippert habe Russland gehasst. Reißner bemerkt zu dieser Aussage: 

Ob es sich hierbei um eine Aversion gegen das offizielle Rußland oder um eine gewisse Verbitterung infolge seines Scheiterns in Petersburg handelt, wagen wir nicht zu entscheiden. Für einen Haß Lipperts gegen Land, Volk und Kultur Rußlands bietet seine literarische Vermittlungsarbeit jedenfalls keinen Anhaltspunkt. (Reißner 1970: 193)

Leingang geht davon aus, dass Lippert die von ihm übersetzten und im Verlags-Comptoir seines Bruders erschienen, in Russland verbotenen Bücher in seiner Verlagsbuchhandlung in St. Petersburg verkauft hat. (Leingang 2019: 39) 

Als Publizist in Paris

Im Februar 1851 gab Lippert in Paris gemeinsam mit vier weiteren Verlegern5Genannt werden neben Lippert die Verleger und Buchhändler Charles Gosselin (1795-1859), Charles Furne (1794-1859), Edmond Pagnerre (1816-1892) und Victor Lecou.ein Bankett zu Ehren von Alphonse de Lamartine. (Allgemeine Zeitung vom 19.02.1851, S. 14) Die fünf Gastgeber werden im Bericht als die Verleger seiner verschiedenen Werke bezeichnet. Lippert sprach als Letzter einen Toast aus, in dem er, „obgleich Deutscher“, ebenfalls seine Sympathien für Frankreich bekannte und schloss: „Auf die Anerkennung des Princips des literarischen Eigenthums von ganz Europa!“6Weitere Berichte in: Der Humorist vom 21.02.1851, S. 203; Wiener Theaterzeitungvom 22.02.1851, S. 182.Lippert könnte demnach auch zu der Gruppe von Verlegern gehört haben, denen Lamartine 1853 die Rechte an seinen Werken verkaufte (Bayreuther Zeitung vom 10.04.1853, S. 3). Ein undatiertes Schreiben von Lamartine an Lippert stützt diese Annahme. Hierin nimmt Lamartine auf Verhandlungen Bezug, die nicht erfolgreich waren, und zeigt Verständnis für die von Lippert hierfür genannten Gründe. Lamartine bietet ihm gleichzeitig eine andere Schrift für 3.000 Fr. zur Veröffentlichung an.7Universitätsbibliothek Leipzig, Handschriftenabteilung, Sammlung Liebeskind.

Im Januar 1856 wird Robert Lippert durch Dekret der französischen Regierung gestattet, in Paris zu wohnen und zu arbeiten. Im gleichen Jahr ist er als Herausgeber der französischsprachigen monatlichen Zeitschrift Ein Leitfaden für Buchhändler und Bücherliebhaber nachweisbar:

Internationales Bücher-Bulletin. Der Buchhändler Robert Lippert in Paris (früher als deutscher Schriftsteller in St. Petersburg lebend) hat seinen im vorigen Jahre von ihm gegründeten und bisher von ihm allein verfaßten bibliographischen Anzeiger in ein „Bulletin …“ verwandelt, von welchem am 15. April die erste Nummer ausgegeben wurde. Dasselbe soll folgendes enthalten: 1) eine kritische Musterung neuer Bücher; 2) Nachweisung der Rezensionen in anderen Journalen; 3) bibliographisches Verzeichnis aller neuen Bücher; 4) Übersicht der französischen, nichtpolitischen Blätter; 5) Anzeige von Bücherauktionen, sowie von sonstigen Verkäufen alter und seltener Werke in Frankreich und im Auslande. Das „Bulletin“ erscheint zweimal monatlich und kostet jährlich 15 Frances. (Magazin für die Literatur des Auslandes, Band 49, 1856, S. 276)

Im Januar 1859 übernahm der Hachette-Verlag die Herausgabe des Bulletin international du libraire et de l’amateur de livres(Internationales Bulletin des Buchhändlers und Bücherliebhabers).Nach einer kurzen Unterbrechung wurde diese Publikation 1862 in Bulletin du libraire et de l’amateur de livres umbenannt. Sie diente nun ausschließlich den Interessen des Verlags, insbesondere durch die Rubrik „Ankündigungen“, in der kurze Mitteilungen über Hachette-Publikationen und in Kommission genommene Bücher veröffentlicht wurden (Magazin für die Literatur des Auslandes, Band 55, 1859, S. 256). Das Bulletin wurde 1870 eingestellt.

Ein weiterer Hinweis auf Lippert findet sich in einem Brief von Alexander Herzen (1812-1870) an Andrej Krajewski (1810-1889) vom 05.07.1857. In diesem Brief weigert sich Herzen, Lippert in London bei sich zu empfangen. Herzen äußerte sich auch anderweitig wiederholt wenig schmeichelhaft über Robert Lippert. Lippert selbst hatte Iskander (= Herzen) 1846 in einem Aufsatz als „das bedeutendste belletristische Talent der neuesten russischen Literatur“ bezeichnet (vgl. Reißner 1963).

Am 30.12.1862 wird Lippert Vater eines Sohnes, den er in der reformierten Kirche in Paris auf die Namen Louis Robert Henri taufen ließ. Eine Mutter wird in dem Taufeintrag merkwürdigerweise nicht genannt. Seine Frau kann kaum die Mutter gewesen sein, denn sie wäre zu diesem Zeitpunkt bereits 54 Jahre alt gewesen. Auch in dem Heiratseintrag des Sohnes im Jahr 1887 wird keine Mutter genannt. Unklar bleibt auch Lipperts Wechsel zur Reformierten Kirche und wieso er in dem Taufeintrag als Dr. jur. und Advokat bezeichnet wird.

Lippert starb, bevor sein Sohn ein Jahr alt war. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Montparnasse. Es handelte sich um eine Familiengruft, in der im Januar 1888 auch seine Frau Elisabeth geb. Armand beigesetzt wurde. Das Grab wurde im März 1988 eingeebnet und die Knochen in ein Beinhaus überführt.

Lipperts translatorisches und publizistisches Oeuvre 

Die zeitgenössische Kritik bewertete Lipperts Übersetzertätigkeit differenziert, doch überwiegend positiv. Ein sich wiederholender Kritikpunkt ist Lipperts zu freier Umgang mit den russischen Vorlagen. Das gilt insbesondere für seine Übertragung des Eugen Onegin und der Lyrik anderer russischer Dichter. Aber auch Heithus weist in seinem Aufsatz zu Rylejew auf Lipperts Neigung „gefühlsträchtige Stellen des Originaltextes mit eigenen Zugaben auszuschmücken“ mit dem Abdruck eines anschaulichen Beispiels hin: 

Derlei Ergänzungen hat Lippert über das ganze Werk verstreut, ebenso bedenkenlos hat er auch gekürzt. […] Bei vielen Stellen ist schwer zu entscheiden, ob der Übersetzer sich poetische Freiheiten erlaubt hat, ob er nachlässig arbeitete oder aus Unkenntnis des Russischen stark vom Sinn der Vorlage abwich. (Heithus 1982: 62)

Hier klingt ein weiterer ebenso schwerwiegender Vorwurf gegen den Übersetzer Lippert an: Er habe kein Wort Russisch gesprochen und verstanden. Diese von seinem Konkurrenten Bodenstedt erstmals erhobene Anschuldigung wird leider in der Literatur ungeprüft wiederholt. So kolportiert Küenzlen noch 1980 (Bd. 1: 49) diese Behauptung unter Bezugnahme auf eine Schrift Friedrich Dukmeyers aus dem Jahr 1925.

Heithus druckt in seinem Aufsatz zahlreiche Beispiele für Lipperts Abweichungen von der Vorlage ab, kommt dann aber zu dem Schluss: „… doch im allgemeinen weiß Lippert den Sinn und die Stimmung der Vorlage gut wiederzugeben.“ (Heithus 1982: 65)

In der zeitgenössischen Bewertung von Lipperts Herausgeber- und Übersetzertätigkeit schwingen auch sonst immer wieder subjektive Aspekte mit, die mutmaßlich auf den enormen wirtschaftlichen Druck, dem die Verlage, der Buchhandel, aber auch die Übersetzer ausgesetzt waren, widerspiegelt. Auch persönliche Animositäten scheinen, wie bei Alexander Herzen, bei der Kritik vom Lipperts Tätigkeit eine Rolle gespielt zu haben.

Hinzu treten die Probleme, die Lippert mit der russischen Regierung in Bezug auf die Zensur hatte. Das erklärt, warum politisch besonders brisante Publikationen im Verlag seines Bruders in Grimma ausdrücklich ohne Nennung von Robert Lippert als Übersetzer erschienen.

Die Kritik seiner Zeitgenossen

Die Ankündigung von Puschkins Dichtungen in der Zeitung für die elegante Welt mit der Beschreibung Lipperts als „tüchtiger Übersetzer und Kenner des Russischen“ muss wohl eher dem Bereich Werbung als substanzieller sachlicher Kritik zugeordnet werden (Zeitung für die elegante Welt Nr. 77 vom 18.04.1840, S. 312). Die Blätter für literarische Unterhaltung verbinden die Besprechung einer Übersetzung von Gedichten Puschkins durch „E. v. O.“8Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich Eduard von Olberg (1800-1863). Dieser zarentreue Übersetzer gibt an, von „mehreren hochgeschätzten und gelehrten Männern“ zu den Übersetzungen aufgefordert worden zu sein.im Verlag von George Gropius Berlin mit dem Hinweis auf die Neuerscheinung von Lipperts Übersetzungen mit der Bemerkung: „sie dürfte höheren Ansprüchen an Treue und Gewandtheit genügen.“ (Blätter für literarische Unterhaltung vom 27.08.1840, S. 3) Nicolai Nadeschdin (1804-1856)9Kaiserlich russischer Staatsrat und Prof. an der königlich russischen Universität in Moskau, Mitglied der Societät für neurussische Geschichte und Alterthümer in Odessa und der Russischen Geographischen Gesellschaft. Gestorben am 23.01.1856 in St. Petersburg.unterzieht in einem Aufsatz über „Mundarten der russischen Sprache“ in einer Fußnote (S. 200) Lipperts Übersetzungen einer vernichtenden Kritik, indem er schreibt:

Da im vorigen Jahre eine Verdeutschung seiner Dichtungen10von Dr. Robert Lipperterschien, so wollte ich diese Verse aus derselben hier anführen, Herr Lippert aber, welcher bey allen in seiner Übersetzung ausgelassenen und mit Punkten bezeichneten Strophen und Versen nie zu bemerken unterläßt, daß selbe von der russischen Censur gestrichen worden seyen, obgleich es eine bekannte Sache ist, daß Puschkin selbst die meisten im Drucke weggelassen, ja, manche vielleicht gar nicht geschrieben hatte11In der Literatur ist unstreitig, dass Puschkin, nach seiner Begnadigung durch Zar Nikolaus nach St. Petersburg zurückgekehrt, bei der öffentlichen Lesung aus seinem Eugen Onegin sofort Probleme mit der Zensurbehörde bekam., entblödete sich nicht, im dritten Gesange ganze zehn Strophen, von XXII bis XXXI incl., auszulassen. (seiner übrigen Auslassungen und Unrichtigkeiten zu geschweigen, weil ich denn überhaupt den Werth seiner Übersetzung hier nicht näher erörtern will), ohne sich über den Grund hievon auch nur mit einer Sylbe zu äußern. (in: Jahrbücher der Literatur 1841, S. 181 bis 240)

Ein Vortrag von Robert Lippert in Leipzig im Jahr 1844 veranlasst den Kritiker festzustellen: „Robert Lippert spricht das Russische ebenso fertig als er es schreibt.“ (Allgemeine Zeitung vom 12.08.1844, S. 7)

Lipperts Übersetzungen in dem Band Nordisches Novellenbuch aus dem Jahr 1853 werden als „mit vieler Sorgfalt“ ausgeführt beschrieben. Der Kritiker konstatiert, dass sich seine Texte „den Originalen sehr anzuschmiegen“ scheinen. Das deutet darauf hin, dass der Verfasser aus Sicht des Kritikers nicht des Russischen mächtig war. (Deutsche Allgemeine Zeitung vom 19.05.1853, S. 7) Die Petersburger Presse pries dagegen in einer Besprechung der Puschkin-Ausgabe 1841 „in beinahe überschwenglichen Worten die Übersetzungskunst Lipperts und sein poetisches Taktgefühl“ (zit. nach Reißner 1970, S. 192) Eugen Zabel erwähnt in seinen 1885 erschienen Literarischen Streifzügen durch Rußland Lipperts gute Übersetzung von Sollogubs Roman Tarantas, sowie dessen zutreffenden Verweis auf den Ritter von la Mancha und Sancho Panza. (Zabel 1885: 278, 281) Auch noch anlässlich des 50. Todestages von Puschkin (1887) wird an Lipperts Übersetzungen als „sehr anerkennenswerthe Leistung“ erinnert. (Saale-Zeitung, Zeitung für Mitteldeutschland vom 10.02.1887, S. 1)

Zur Bewertung in der neueren Literatur

Harald Raab setzte sich 1964 differenziert mit Lipperts Puschkin-Übersetzungen auseinander. Er gestand ihm zunächst „mehr Format“ zu als den kurz zuvor erschienen Übertragungen von Olbergs ins Deutsche. Die zweibändige Ausgabe Lipperts könne „mit einer gewissen Berechtigung als erste deutsche Puškin-Auswahl gelten“. Er verweist auf die positive Bewertung Karl August Varnhagens (1785-1850) in seinem Puschkin-Aufsatz von 1838.12„Übersetzungen, deren es manche sehr vorzügliche giebt, wir nennen die der Frau von Pawloff gebornen von Jänisch, Karls von der Borg, P. von Goetze’s und Robert Lippert’s“, in: Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, Oktober 1838, S. 484.Lippert soll mit Varnhagen persönlich bekannt gewesen sein. (Raab 1964: 75) Dafür konnte in dem Nachlass Varnhagens jedoch kein Beleg gefunden werden. Lippert schrieb lediglich im Auftrag der Witwe von Ferdinand Koreff (1783-1851) am 20.05.1851 einen Brief an Varnhagen, in dem er ihn „als langjährigen, vertrauten Freund“ Koreffs um Informationen aus der gemeinsamen Jugendzeit für die Abfassung eines Nekrologs bat. Form und Inhalt des Briefes deuten nicht darauf hin, dass sich Lippert und Varnhagen jemals begegnet sind.13Informationen von Nikolaus Gatter, Varnhagen-Gesellschaft e. V., Köln.

Hinsichtlich der Auswahl der von Lippert veröffentlichten Dichtungen moniert Raab die „Bevorzugung der Ballade“. Lippert habe „vorwiegend Gedichte der letzten Lebensjahre Puškins ausgewählt, einer Periode also, die bislang in Deutschland unterschätzt worden war. 

Dennoch wurde die einseitige Orientierung auf die Gattung der Ballade insofern eine neue Quelle von Mißverständnissen, als die Leser in den beiden Bänden Lipperts eine repräsentative Auswahl zu sehen glaubten. Die Gefühls- und Stimmungslyrik wurde von Lippert völlig ausgeklammert. (ebd.)

Die Erwartungen an Robert Lipperts Übersetzungen mochten überzogen gewesen sein, nach Raab wurden sie auf jeden Fall nicht erfüllt: 

Die Übersetzungen selbst waren z. T. gefällig, stießen jedoch niemals über die Schranken des Mittelmäßigen vor. (ebd.)

Allerdings geht Raab in einer Fußnote auch relativierend auf Bodenstedts Verleumdung ein: 

Demgegenüber dürfte die viele Jahre später von Friedrich Bodenstedt in einem Brief an seinen Verleger Decker vom 13. April 1853 aufgestellte Behauptung, Lippert habe kein Wort Russisch gekonnt, unzutreffend und von kleinlichen Erwägungen diktiert sein. (ebd., Fn. 121)

Darüber hinaus beleuchtet Raab das Verhältnis Bodenstedts zu Lippert. Er nimmt Bezug auf ein Gedicht in Bodenstedts Puschkin-Ausgabe, „das in seiner Banalität schlagartig erhellt, wie oberflächlich der deutsche Übersetzer sein russisches Original verstanden hat“. Darüber hinaus erkennt Raab auch eine „bedenkliche geistige Übereinstimmung“ mit der „Zueignung“ Robert Lipperts in dessen zweibändiger Puschkin-Ausgabe von 1840 und vermerkt zu Bodenstedts Plagiat: „Offenbar ließ sich Bodenstedt von einem billigen Ehrgeiz leiten, die Ausgabe Lipperts auf der ganzen Linie zu übertreffen.“ (ebd.: 111f.)

Beim Vergleich der Übersetzungen des Puschkin-Gedichts „Die beiden Raben“ moniert Raab allerdings auch Lipperts „sprachstilistische Unsicherheit“.

Eberhard Reißner würdigt 1970 die Rolle Lipperts für die Einordnung von Gogols Werk wie folgt:

Robert Lippert ist es dann gewesen, der die z.T. richtigen Aussagen über Gogol zusammenfaßte und – gestützt auf die russische Kritik, namentlich Belinskij – die Bedeutung Gogol’s als des Vaters des russischen Frührealismus, der Natürlichen Schule, herausstellte. Seine Vorgänger hatten zwar einzelne Elemente der neuen Richtung wohl gesehen […], hatten aber niemals erkannt und gesagt, daß hiermit eine neue Epoche der russischen Literatur eingeleitet wurde. Hierauf aufmerksam gemacht zu haben, ist das Verdienst Lipperts. (Reißner1970: 222f.)

Peter Brang äußert sich 1971 grundsätzlich zu den Herausforderungen, die die Übertragung des Vers-Romans Eugen Onegin in die deutsche Sprache mit sich bringt. Er bewertet die publizierten ersten Übersetzungen sehr kritisch und kommt zu dem Schluss:

Solche Mängel haften in unterschiedlichem Maße allen deutschen Übertragungen des Eugen Onegin an, von der höchst unbeholfenen ersten Gesamtübersetzung durch Robert Lippert (1840) über Bodenstedts schwachen Verdeutschungsversuch (1854) bis zu der besten deutschen Übersetzung, derjenigen von Theodor Commichau (1916), die in einer Bearbeitung durch Konrad Schmidt der neuen Ausgabe des Aufbau-Verlags zugrunde liegt (2. Auflage, Berlin 1971) … (Brang 1973: 51f.)

László Tarnói befasste sich in einem Aufsatz 1978 auch mit Lipperts Übersetzung von Puschkins „Ballade vom Raben“ und kommt zu dem Ergebnis:

Der hervorstechende Fehler der deutschen Nachdichtung von Chamisso ist gerade, daß er wegen der verkrampften Syntax seiner letzten Zeilen nicht imstande war, die natürliche Ungezwungenheit dieses konzentrierten Höhepunktes zu reflektieren. Vor allem aus diesem Grunde halte ich die nur einige Jahre später entstandene Übersetzung von Robert Lippert, aus der hier die letzten vier Zeilen zitiert werden, für besser gelungen, als die von Chamisso:

Fort zum Walde flog der Falk
Auf den Rappen stieg ein Schalk –
Und sie – harrt des Liebesboten,
des Lebend’gen, nicht des Todten.

Lippert 1848, 1171 (Tarnói 1978: 314f.)

Einer vernichtenden Kritik unterzieht Karin Küenzlen 1980 Lipperts Übersetzung von drei Lermontow-Gedichten: „Die drei Übertragungen Lipperts gehören zu den schlechtesten Verdeutschungen dieser Gedichte.“ Küenzlen kritisiert die Veränderung oder die Hinzufügung der Titel: „Terek“ statt: „Die Gaben des Terek“ und „Die Kosakin. Wiegenlied“ statt „Wiegenlied einer Kosakin“. Bei dem dritten, unbetitelten Gedicht habe er eigenmächtig den Titel „Ahnung“ hinzugefügt. Bei den sachlichen Fehlern weist sie u.a. darauf hin, dass Lippert das „Maiglöckchen“ der Vorlage mit „Veilchen“ übersetzt habe. Abschließend kommt Küenzlen zu folgender Bewertung:

Lippert hat offenbar wenig Sorgfalt darauf verwendet, den Inhalt der Vorlage in einem schönen sprachlichen Ausdruck wiederzugeben. 

Sie bemängelt weiter, dass 

die undeutschen Formulierungen und die Mängel im Satzbau, die in Lipperts Übertragungen auftreten, nicht damit erklärt werden können, daß die Texte schon über 100 Jahre alt sind und die Sprache inzwischen veraltet wäre. Vielmehr ist der Übersetzer nachlässig mit der Sprache umgegangen.

Küenzlen bezieht in ihre Kritik sogar den absurden Vorwurf Bodenstedts mit ein, dass Lippert kein Wort Russisch verstehe und die Übersetzungen von seiner Frau, einer „geborenen Russin“ stammten. (Küenzlen 1980, Bd. 2: 471ff.)

Küenzlen gesteht dem Übersetzer von Lyrik jedoch nicht die geringste kreative Freiheit zu. Sie erwägt deshalb nicht, ob die von ihr als „undeutsche Formulierungen“ kritisierten Mängel nicht auch bewusste Entscheidungen des Übersetzers – der auch Lyriker war! – gewesen sein könnten. Ihre Einschätzung, dass Lippert „nachlässig mit der Sprache umgegangen sei“ erscheint zumindest aus heutiger Sicht oberflächlich. 

Anlässlich einer Neuübertragung des Onegin erinnerte Lew Kopelew 1981 an Lipperts Erstübertragung, um gleich zu monieren:

Die erste deutsche Ausgabe des Jewgenij Onegin veranstaltete Robert Lippert. Das war eher eine prosaische Nacherzählung, geschweige denn eine Nachdichtung. Lippert hatte sogar einige Kapitel des ‚Romans in Versen‘ nach eigenem Gusto umgestellt und umgebaut. (Kopelew 1981)

Clemens Heithus befasste sich 1982 eingehend mit K. F. Rylejews Poem Woinarowski in Deutschland. Dabei ging er – wie oben schon erwähnt – auch der Frage nach, wer der ungenannte Übersetzer einer zweibändigen Ausgabe namens Russische Charaktere war, die 1847 im Verlags-Comptoir Grimma erschienen war und die Rylejews Poem als Anhang enthält. Insbesondere in der Tatsache, dass diese Publikation im Verlag von Robert Lipperts älterem Bruder, Carl Ferdinand Philippi (1795-1852), erschienen war, sieht er ein überzeugendes Indiz, dass diese Übersetzungen von Lippert stammen. Im Vergleich der von ihm untersuchten Übersetzungen des Poems kommt Heithus zu dem Schluss:

Zwar können wir auch die anderen beiden Vojnarovskij-Übertragungen nicht als völlig zufriedenstellend bezeichnen, doch schneidet Lipperts Arbeit beim Vergleich noch am besten ab. Lippert schrieb zu einer Zeit, als den Literaten Reim und Metrum noch geläufig waren, was an dem glatten Sprachfluß leicht zu erkennen ist. Die gelegentlichen Freiheiten, die er sich bei der Umsetzung des russischen Originals erlaubte, wiegen nicht so schwer, wie [Martin] Remanés Stilbrüche.

Oxane Leingang hat sich 2019 in einem auf Russisch erschienenen Aufsatz speziell mit Lipperts Übertragung von Puschkins Märchen Das Märlein vom mächt’gen König, Herrn Silvan, als das erste in deutscher Sprache veröffentlichte und an Kinder gerichtete Werk Puschkins, befasst. Sie verweist darauf, dass es sich um eine freie Nacherzählung von Puschkins Märchen handelt, die zwar inhaltlich am Original orientiert ist, aber Änderungen enthält, um den Text an den kulturellen Kontext der neuen (deutschen) Leserschaft anzupassen. 

Lippert transformiere ursprüngliche Gegebenheiten, insbesondere Personennamen. So habe er den Namen „Saltan“ durch „Silvan“, in Anlehnung an den Namen des antiken römischen Waldgottes Silvanus, ersetzt. Der Ritter „Harald“, den Lippert in „Guidon“ verwandelt, erinnert deutsche Leser an den Helden aus Ludwig Uhlands gleichnamiger Ballade (1815). Leingang konstatiert zusammenfassend, dass sich Lipperts Übersetzungen großer Beliebtheit in der deutschen Presse erfreuten. Die einzige negative Rezension stamme von dem Übersetzer Wolfson. (Leingang 2019: 39f.)

Fazit

Es kann kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, dass sich Robert Lippert der Vermittlung der russischen Literatur und Lebenskultur aus tiefster Überzeugung widmete. Er verstand sich als Brückenbauer und war sich der hohen Hürden, die Schriften russischer Autoren bei der deutschen Leserschaft seiner Zeit zu nehmen hatten, sehr bewusst. Er versuchte deshalb mit seiner Art und Weise der Übertragung diese Hindernisse abzubauen. Dabei setzte er auf Nacherzählungen, die er auch als solche kennzeichnete, und freie Übersetzungen. Es war ihm wichtig, das Verständnis bei den Lesern durch notwendige Anmerkungen zu erleichtern.

Die wortgenaue Übersetzung lag Lippert nicht. Das muss im Zusammenhang damit gesehen werden, dass er auch Lyriker war und deshalb offenkundig eigene kreative Freiräume beanspruchte. Ob diese immer überzeugend genutzt wurden, kann bezweifelt werden. Das gilt insbesondere für seine Entscheidung, russische Personennamen durch deutsche zu ersetzen.

Seine freien Übertragungen ins Deutsche wurden wiederholt zum Vorwand genommen, ihm zu unterstellen, dass er der russischen Sprache nicht mächtig sei. Dies war jedoch mit Sicherheit nicht der Fall. Auch darüber hinaus hatte Lippert mit Anfeindungen persönlicher Art zu kämpfen. Trotzdem hat er seine Bemühungen um die Verbreitung der russischen Literatur im deutschen Sprachraum nicht aufgegeben. Er musste St. Petersburg vielmehr verlassen, weil ihm wegen der Verbreitung verbotener Bücher andernfalls die Deportation nach Sibirien gedroht hätte.In Paris, wohin Lippert mit seiner Familie verzog, war er dann nur noch verlegerisch tätig. Ob er zuletzt als Advokat zugelassen war erscheint fraglich.

Anmerkungen

  • 1
    Wahrscheinlich: Friedrich Ernst Amthor, der in Leipzig seit 1830 Jura studierte und später Advokat in Waldenburg war, wo er am 20.03.1874 starb.
  • 2
    Bereits 1836 hatte Carl Friedrich von der Borg eine teilweise Übersetzung (Erster Abschnitt in fünf Folgen) des Onegin in die deutsche Sprache vorgelegt (in: Der Refraktor. Ein Centralblatt des deutschen Lebens in Rußland, Nr. 14-18). Im Jahr 1838 war in der Voss‘schen Buchhandlung erschienen: Historische und romantische Erzählungen, Begebenheiten und Skizzen. Nach dem russischen deutsch herausgegeben von Friedrich Tietz (1803-1879). Darin ist „Der Schuß“ aus A. Puschkins Erzählungen des verstorbenen J. P. Bielkin (abweichender Titel: Die Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin) enthalten (S. 72-92). Diese Erzählung fehlt in der Übersetzung von Puschkins Dichtungen, die Lippert 1840 veröffentlichte.
  • 3
    Abweichende Übersetzungen des russischen Titels lauten: Vaterländische Notizen oder Vaterländische Annalen
  • 4
    Auch sein Bruder Carl Ferdinand Philippi verärgerte immer wieder die sächsischen Behörden, weil er Zensureingriffe in seinen Zeitungen durch entsprechende Striche für jeden Leser deutlich machte (Reißner 1970: 191).
  • 5
    Genannt werden neben Lippert die Verleger und Buchhändler Charles Gosselin (1795-1859), Charles Furne (1794-1859), Edmond Pagnerre (1816-1892) und Victor Lecou.
  • 6
    Weitere Berichte in: Der Humorist vom 21.02.1851, S. 203; Wiener Theaterzeitungvom 22.02.1851, S. 182.
  • 7
    Universitätsbibliothek Leipzig, Handschriftenabteilung, Sammlung Liebeskind.
  • 8
    Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich Eduard von Olberg (1800-1863). Dieser zarentreue Übersetzer gibt an, von „mehreren hochgeschätzten und gelehrten Männern“ zu den Übersetzungen aufgefordert worden zu sein.
  • 9
    Kaiserlich russischer Staatsrat und Prof. an der königlich russischen Universität in Moskau, Mitglied der Societät für neurussische Geschichte und Alterthümer in Odessa und der Russischen Geographischen Gesellschaft. Gestorben am 23.01.1856 in St. Petersburg.
  • 10
    von Dr. Robert Lippert
  • 11
    In der Literatur ist unstreitig, dass Puschkin, nach seiner Begnadigung durch Zar Nikolaus nach St. Petersburg zurückgekehrt, bei der öffentlichen Lesung aus seinem Eugen Onegin sofort Probleme mit der Zensurbehörde bekam.
  • 12
    „Übersetzungen, deren es manche sehr vorzügliche giebt, wir nennen die der Frau von Pawloff gebornen von Jänisch, Karls von der Borg, P. von Goetze’s und Robert Lippert’s“, in: Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, Oktober 1838, S. 484.
  • 13
    Informationen von Nikolaus Gatter, Varnhagen-Gesellschaft e. V., Köln.

Quellen

Allgemeine Zeitung vom 12.08.1844, S. 7 (Besuch Lipperts in Leipzig 1844).
Bode, Werner (1928): Das Grimmaer Zeitungswesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Grimma.
Börsenblatt des Deutschen Buchhandels Nr. 77 vom 27.08.1847.
Brang, Peter (1973): Eugen Onegin in deutscher Prosa. In: Neue Zürcher Zeitung vom 29.04.1973, S. 51f.
Fehlberg, Frank (2012): 500 Jahre Nikolaitana. Beiträge und Dokumente zu einer Leipziger Schulgeschichte. Beucha: Sax Verlag.
Glasenapp, Carl-Friedrich (1905): Das Leben Richard Wagners, 7 Bände. Leipzig: Breitkopf & Härtel.
Heithus, Clemens (1982): K. F. Ryleevs Poem Vojnarovski in Deutschland. In: Die Welt der Slaven. Internationale Halbjahresschrift für Slavistik, Wiesbaden, S. 57-76.
Kasper, Karlheinz (2009): Klassiker, Verfolgte, Zeitgenossen: Russische Literatur in deutschen Übersetzungen. In: Osteuropa, Bd. 60, Nr. 1, S. 115-148.
Keller, Mechthild (1992): Russen und Rußland aus deutscher Sicht. München: Fink.
Kopelew, Lew (1981): Der lange, schwierige, jetzt erfolgreiche Kampf der Übersetzer um ein Hauptwerk der russischen Literatur: Puschkin erreicht Deutschland. Die Übertragung des Versromans Jewgenij Onegin durch Rolf-Dietrich Keil, in: Die Zeit Nr. 17.
Krause, Irene (1960): Dr. Robert Lippert als Übersetzer und Interpret der russischen Literatur, Diplomarbeit, Berlin. (Diese Diplomarbeit existiert nicht mehr. Reißner hat sie aber noch 1970 für sein Buch ausgewertet. Spätere Autoren zitieren die Arbeit, ohne sie eingesehen zu haben.)
Küenzlen, Karin (1980): Deutsche Übersetzer und deutsche Übersetzungen Lermontowscher Gedichte, 2 Bände. Diss. Uni Tübingen.
Leingang, Oxane (2019): Russian-German literary contacts: The first translations of Russian Works for Children in Germany and their reception in German periodicals (1782–1852) (russisch)
Leipziger Zeitung Nr. 83 vom 31.03.1837 (Zulassung als Advokat).
Raab, Harald (1964): Die Lyrik Puškins in Deutschland (1820-1870), Berlin: Akademie-Verlag.
Razumovskaya, Veronica A. (2014): “Strong” Texts of Russian Culture and Centers of Translation Attraction. In: Journal of Siberian Federal University. Humanities & Social Sciences Bd. 5 (Nr. 7), S. 834-846.
Reißner, Eberhard (1963): Alexander Herzen in Deutschland. Berlin: Akademie-Verlag.
Reißner, Eberhard (1970): Deutschland und die russische Literatur 1800-1848, Berlin: Akademie-Verlag.
Rheilen, Wolfgang (1925): Die Herkunft des Grimmaer Journalisten Carl Ferdinand Philippi. Ein Beitrag zur arischen Abstammung, in: Grimmaer Pflege, Nr. 1 vom Januar 1925.
Tarnói, László (1978): Genetische Beziehungen einer Ballade der ungarischen Romantik. In: Festschrift für Karl Mollay zum 65. Geburtstag. Budapest: Loránd-Eötvös-Universität.
Tille, Armin (1935): Eine Judenfamilie. In: Familiengeschichtliche Blätter, Heft 8/1935. (Hierbei handelt es sich um zwei üble antisemitische Hetzartikel gegen die Familie Lippert, die aber trotzdem immer wieder unkommentiert zitiert werden.)
Zabel, Eugen (1885): Literarische Streifzüge durch Rußland. Berlin: Deubner.
https://weber-gesamtausgabe.de/de/A001473.html (27.06.2021)

Archiv

Zitierweise

Lang, Hubert: Robert Lippert, 1810–1863. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 27. April 2026.
Datum27. April 2026