Leonie Mann, 1916–1986
Vorbemerkung der Redaktion
Dieses Porträt entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts Post-Exil: Trans 1945-1960 (2025-2027).
Leonie („Goschi“) Mann lernte die Muttersprache ihrer tschechischen Mutter im Exil in deren Heimatstadt Prag. Für ihren Vater Heinrich Mann betätigte sie sich dort Anfang der 1930er Jahre als Dolmetscherin. Anfang der 1950er Jahre übersetzte sie ein Puppenspiel aus dem Russischen, Mitte der 1950er Jahre zwei Kinderbücher aus dem Tschechischen. Anfang der 1960er Jahre verfasste sie einen begleitenden Text zu einem Band mit Kinderzeichnungen.
Lebensweg
Geboren wurde Goschi am 10. September 1916 in München als Carla Henriette Maria Leonie Mann. Sie war die einzige Tochter von Heinrich Mann (1871–1950) aus dessen erster Ehe mit der tschechisch-jüdischen Schauspielerin Maria („Mimi“) Kahn (zu Kanová tschechisiert, 1886–1947). Die Ehe wurde 1930 geschieden, nachdem sich Heinrich Mann bereits Ende der 1920er Jahre von ihr getrennt hatte.
Nach der Trennung nahm Leonies Mutter sie mit in ihre Heimatstadt Prag.1In einer Rezension der Memoiren ihres Sohnes Jindřich Mann heißt es, Mutter und Tochter seien bereits vor der Trennung in Prag gewesen und dort geblieben (Helbling 2007), laut Wikipedia-Eintrag sollen Mutter und Tochter aber erst nach der Machtergreifung 1933 nach Prag gegangen sein. Leonie wollte Tänzerin werden und machte eine Ausbildung zur Schauspielerin, trat aber wohl nicht auf.
In Prag lernte Leonie auf jeden Fall rasch die Sprache, und der Vater hielt den Kontakt zu seinem einzigen Kind aufrecht. Bei einem Besuch im Jahr 1934 begleitete sie ihn und dolmetschte bei wichtigen Treffen in literarischen Kreisen:
„Abends trifft [Heinrich Mann] sich mit führenden Mitgliedern des tschechoslowakischen PEN-Clubs. Tochter Leonie, die inzwischen ganz gut Tschechisch spricht, ist als Dolmetscherin dabei. Mit ihr geht Heinrich Mann am nächsten Tag auch auf die Prager Burg. Aber Präsident Masaryk ist zu krank, um ihn zu empfangen.“ (Lange 2025: 298)
1938 organisierte Heinrich Mann, der seine Tochter finanziell unterstützte und dem sie in Briefen von antisemitischen Erfahrungen im Konservatorium berichtete (Juers 2011: 235), für Leonie und ihre Mutter einen Erholungsaufenthalt in der Sowjetunion, den sie jedoch nach zwei Monaten abbrachen, um nach Prag zurückzukehren (Buddenbrookhaus online).
Anfang 1939 fiel Goschi auf den Heiratsschwindler Traugott Max Aschermann herein, der ihr ein Visum für die Ausreise in die USA versprochen hatte und sich stattdessen mit der Mitgift absetzte (Juers 2011: 267). Heinrich Mann versuchte von Frankreich aus zu helfen, konnte aber nicht verhindern, dass Leonie und ihre Mutter von der Besetzung der Tschechoslowakei am 15. März 1939 überrascht wurden (ebd.: 287) und, obwohl sie gerade ein Visum für Schweden erhalten hatten, festgenommen wurden und für zwei Monate ins Gefängnis kamen. Leonies Mutter und Großmutter wurden ins KZ Theresienstadt abtransportiert und Leonie musste Zwangsarbeit leisten. Die Großmutter kam in Theresienstadt ums Leben, die Mutter kehrte 1945 schwer gezeichnet zurück (Buddenbrookhaus online).
Goschi schilderte, wie sie diese Zeit überstand, in dem folgenden Brief an ihre Cousine Emilie („Milka“) Pringsheim:
Prag, den 8.II.1949. Liebe Milka, verzeihe, dass ich deutsch schreibe, ich spreche zwar perfekt tschechisch aber meine tschechische Ortografie ist so mangelhaft, dass ich mich schäme. Dein Brief (ich beantworte ihn erst nach mehr als einem Jahr diese Schande) hat mich sehr gefreut. Du hast wenigstens den Krieg in Ruhe verbracht was ich von mir leider nicht behaupten kann. Zu Anfang des Krieges noch im Jahr 1939 war ich mit Mama zusammen von der Gestapo im Prager Gefängnis Pankrac interniert. Dort verbrachten wir zum Glück nur zwei Monate. Zuvor hat man uns bei unserer Verhaftung gedroht wir kämen ins Konzentrationslager (wegen Papa) aber wie wir erst nach dem Krieg erfuhren, hat sich der Komissar mit schwedischen Kronen bestechen lassen. Das Geld stellte mein Vater von seinen Tantiemen in Schweden zur Verfügung. Dank dieses Geldes wurden wir also nach zwei Monaten entlassen. Unsere Prager Wohnung haben wir schon vor unserer Verhaftunfg aufgegeben und waren in Untermiete gezogen, da wir ein Visum nach Schweden erwarteten und dort hinreisen wollten. Das Visum holten wir uns eines Tages von der schwedischen Gesandtschaft ab und am nächsten Morgen wurden wir von der Gestapo verhaftet. Nach unserer Entlassung aus dem Gefängnis war es nicht mehr möglich ins Ausland zu reisen. Wir bekamen zum Glück damals wieder eine Wohnung in Prag. Im Jahr 1942 gingen meine Großmutter und dann meine arme Mutter nach Theresienstadt. Nur die Mutter ist zurückgekehrt, schwerkrank mit gelähmter Hand und krankem Herzen. Sie wog 49 kg. Nach zwei Jahren starb sie an Gehirnschlag. Ich war die ganze Zeit in Prag. Meine Wohnung verlor ich und mußte in Untermiete ziehen. Da ich als Mischling eine bessere Stellung annehmen durfte und allgemeine Arbeitspflicht war, kam ich als Hilfsarbeiterin in einen deutschen Betrieb. Ende des Jahres 44 mußte ich als Mischling für die SS, Auswanderungspfand der Juden in ausgebombten Häusern Ziegeln wegschaffen, die Dachböden säubern usw. Nach dem Kriege war ich am hiesigen Rundfunk als Übersetzerin und Ansagerin tätig. Kurz vor dem Krieg im Jahre 1939 habe ich mich mit einem Dr. Aschermann verheiratet. Ich war eine Woche verheiratet, als er nach Amerika fur und seit der zeit habe ich nie mehr etwas von ihm gehört. Jetzt bin ich wieder verheiratet und zwar mit einem Redaktör des Nachrichtenbüros des Prager Rundfunks Ludwig Askenazy. Ich bin sehr sehr gücklich, Ludwig ist ungemein braf und wir haben einen reizenden Jungen 11 Monate alt, der natürlich Heinrich ja sogar nach den neuen Gesetzmöglichkeiten hier Mann heist. Dies ist so ziemlich alles was über mich zu berichten wäre. Für Deine Einladung zu Euch danke ich dir herzlich. bis der Junge etwas größer ist wird sie sich vielleicht verwirklichen können. Ich hoffe bald wieder von dir zu hören und freue mich schon sehr auf einen Brief von Dir. Viele Herzlichste Grüße Dir Deinem Mann und Deinem Sohn von deiner Goschi2Archiv Buddenbrookhaus, Signatur: a226, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Im Mai 1945 kam zu einem Wiedersehen mit Leonies Cousin Klaus Mann, der als amerikanischer Soldat an der Befreiung Europas beteiligt war. Er berichtete in einem auf Englisch verfassten Brief vom 24. Mai aus Bayern seinem Onkel Heinrich von seiner Begegnung und beruhigte ihn, was dessen Sorgen um seine Tochter anging:
Goschi is alright. […] Of course, she has been having a pretty terrible time during the six years of Nazi occupation – being a racial “Mischling” and, which is worse, your daughter. In the beginning she was put in jail, but she didn’t have to stay there long. When she was free again, her main trouble was that she couldn’t get any job on account of her “outcast” status. But, as I said before, there is no reason to worry about her, as far as her health and mental wellbeing are concerned. (Mann 1945: 231)
Goschis Mutter habe er zunächst gar nicht erkannt, so abgemagert, ergraut und gezeichnet sei sie, schreibt Klaus weiter, ihr Fall sei wegen des jahrelangen Hungerns und der schrecklichen Zeit in Theresienstadt viel schwerwiegender, aber Goschi kümmere sich um sie (ebd.: 232).
Zur Linderung der Geldnot von Mutter und Tochter, die sich bisher mit dem Verkauf von Möbeln und Schmuck durchgeschlagen, aber die Bücher und Papiere ihres Vaters nicht angetastet habe, richtete Klaus seinem Onkel einen Vorschlag von Mimi aus, den er vernünftig finde. Heinrich solle dem Bildungsminister der neuen tschechischen Regierung schreiben und ihn bitten, „to make your Russian royalties available to your daughter“. Er riet ihm außerdem, seiner Tochter nicht auf Deutsch zu schreiben: „It’s an unpopular language.“ (ebd.)
„Nach dem Krieg“ heißt es auf der Seite des Buddenbrookhauses, „arbeitet Leonie Mann als Übersetzerin und Ansagerin.“ (Buddenbrookhaus online) Im Tschechischen Rundfunk war auch Ludvík Aškenazy (1921–1986) tätig, wahrscheinlich lernte sie den tschechischen Journalisten dort kennen. Um die Zeit, als ihre Mutter starb, heiratete sie ihn. Er war auch Autor von Büchern für Kinder und schrieb später eines mit einem jugendlichen Helden, der ihrem 1948 geborenen gemeinsamen Sohn Jindřich nachempfunden war.3Der Band Dětské etudy erschien 1955 in Prag und 1957 unter dem Titel Wie wir das Glück suchen gingen. Kinder-Etüdenim Ost-Berliner Aufbau Verlag in der Übersetzung von Eliška Glaserová und mit Illustrationen von Helena Zmatlíková. Das Paar hatte noch einen weiteren Sohn, den 1956 geborenen Ludvik.
„Nach dem Tod ihres Vaters [1950] entspinnt sich zwischen Leonie und der restlichen Mann-Familie ein Streit um dessen Nachlass, aus dem sie als Alleinerbin hervorgeht.“ (Buddenbrookhaus online) 1957 vermachte sie den Nachlass Heinrich Manns der Deutschen Akademie für Künste, 1961 erlaubte sie der DDR-Regierung die Umbettung seiner Urne aus dem kalifornischen Santa Monica in ein Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, ebenfalls in Ost-Berlin.
1968 floh Leonie Mann mit ihrer Familie vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen aus Prag und übersiedelte nach München, 1976 zog sie mit ihrem Mann nach Bozen, wo Ludvík 1986 starb. Sie starb ein halbes Jahr später am 25. Oktober 1986 in Berlin und wurde auf dem Zehlendorfer Friedhof im Westen der Stadt beerdigt.
Übersetzungen aus dem Russischen und dem Tschechischen
Ihre erste Veröffentlichung einer Übersetzung ins Deutsche erfolgte beim Mitteldeutschen Verlag in Halle an der Saale in der DDR. Sie könnte bei ihrem Aufenthalt in der Sowjetunion Russisch gelernt haben,4Vielleicht war ihr aber auch ihr Mann beim Übersetzen behilflich, denn Ludvik war, wie es in seinem Wikipedia-Eintrag heißt, 1941 als Flüchtling der Tschechoslowakischen Auslandsarmee beigetreten, die in der UdSSR gegründet worden war. Womöglich hatte er dort Russisch gelernt. denn es handelt sich um die Übersetzung eines von Sergej Preobraszenskij (1903–1967) und dem Leiter des Zentralen Staatlichen Moskauer Puppentheaters Sergej Obraszow (1901–1992) geschriebenen Stücks für Kinder.
In der Schriftenreihe Puppenspiel erschien 1953 der Band Drei sowjetische Puppenspiele mit den Stücken „Die Zaubergalosche“, „Aladins Wunderlampe“ und „Iwan und seine Brüder“5Das im Original Bolšoj Ivan [Der große Ivan] lautende Stück wurde 1937 in Moskau uraufgeführt. Letzteres übersetzte Leonie Mann aus dem Russischen, die beiden anderen Stücke wurden von Klaus Krähner sowie von Elvira und Karl Dedecius übersetzt.
1955 erschien im Prager Verlag Artia ihre Übertragung des 85 Seiten umfassenden Kinderbuchs Die tapferen Ameisenvon Ondřej Sekora (1899–1967), der wie ihre Mutter ein Überlebender des KZ Theresienstadt war. Der Autor ist bis heute berühmt, seine Tiergeschichten wurden zu Vorlagen von Zeichentrickfilmen.
Ein Jahr später erschien, auf Deutsch von Leonie Mann, im selben Verlag das 18 Blatt umfassende Märchen nach dem tschechoslowakischen Zeichenfilm Wo ist Teddy? des Dramaturgen Milan Pavlík (1923–2012), basierend auf einem Szenarium von Eduard Hofman und mit Zeichnungen von Divica Landrová. Das Buch erlebte drei Auflagen.
Wiederum bei Artia erschien 1961 ein Buch mit Arbeiten von Schülern aus Třemošná unter der Leitung von Milada Králová mit dem Titel: Zauberplatte. Tschechische Kinder zeichnen und malen mit einem Text von Leonie Mann-Aškenazy.
Anmerkungen
- 1In einer Rezension der Memoiren ihres Sohnes Jindřich Mann heißt es, Mutter und Tochter seien bereits vor der Trennung in Prag gewesen und dort geblieben (Helbling 2007), laut Wikipedia-Eintrag sollen Mutter und Tochter aber erst nach der Machtergreifung 1933 nach Prag gegangen sein.
- 2Archiv Buddenbrookhaus, Signatur: a226, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
- 3Der Band Dětské etudy erschien 1955 in Prag und 1957 unter dem Titel Wie wir das Glück suchen gingen. Kinder-Etüdenim Ost-Berliner Aufbau Verlag in der Übersetzung von Eliška Glaserová und mit Illustrationen von Helena Zmatlíková.
- 4Vielleicht war ihr aber auch ihr Mann beim Übersetzen behilflich, denn Ludvik war, wie es in seinem Wikipedia-Eintrag heißt, 1941 als Flüchtling der Tschechoslowakischen Auslandsarmee beigetreten, die in der UdSSR gegründet worden war. Womöglich hatte er dort Russisch gelernt.
- 5Das im Original Bolšoj Ivan [Der große Ivan] lautende Stück wurde 1937 in Moskau uraufgeführt.

