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Elsa Brod, 1883–1942

21. August 1883 Prag (Österreich-Ungarn) - 20. Februar 1942 Tel Aviv (Palästina)
Original- und Ausgangssprache(n)
Französisch, Italienisch, Russisch, Tschechisch
Schlagworte
Übersetzte GattungenBiographien, Erzählungen, Romane Sonstige SchlagworteExil (NS-Zeit), Palästina (Exil)

Elsa Brod teilte als Ehefrau von Max Brod das Schicksal vieler literarisch tätiger Frauen ihrer Zeit. Obwohl sie eine Vielzahl von Übersetzungen angefertigt hat, wird sie in literaturwissenschaftlichen oder literaturgeschichtlichen Werken genauso wie in der Tagespresse ihrer Zeit allenfalls am Rande, als Ehefrau des berühmten Schriftstellers, erwähnt. Dieser hat sich nicht nur durch sein eigenes Werk, sondern auch als Nachlassverwalter und Bewahrer des Werks von Franz Kafka einen Namen gemacht. Dabei war Elsa Brod ab 1914 regelmäßig bei Treffen des „engeren“ Prager Kreises dabei (Korotin 2008: 52). In seinem Buch Der Prager Kreis erwähnt Max Brod seine Frau jedoch nicht einmal (Brod 1979a, 1979b). Der Nachlass von Elsa Brod wurde 2018 im Nachlass von Max Brod aufgefunden, als dieser der israelischen Nationalbibliothek übergeben wurde.1Nachlass von Elsa Brod in der Nationalbibliothek Israel, Jerusalem, Elsa Brod Archive ARC. 4* 2058. Eine Auswertung des Nachlasses hat bisher (Stand 2022) nicht stattgefunden.

Biografie, Sprachbiographie und literarische Bedeutung

Elsa Brod wurde als Elsa Taussig am 21. August 1883 in Prag geboren. Ab 1908 mit Max Brod liiert, verlobte sie sich im Dezember 1912 mit ihm2Notiz im Prager Abendblatt vom 17. Dezember 1912, S. 3. und heiratete ihn am 2. Februar 1913. Eine Freundschaft verband sie mit Else Bergmann, der Ehefrau des Pioniers der neuhebräischen Philosophie, Schriftstellers und Bibliothekars Hugo Bergmann, der zu den engen Freunden ihres Mannes zählte. Else Bergmann war auch schriftstellerisch tätig. Elsa Brod stand in Briefkontakt mit Franz Kafka. Für ihren Mann war sie die sorgende Frau, die seine schöpferische Kraft erst ermöglichte und die er in seinen autobiographischen Schriften dennoch kaum erwähnte (Wessling 1984: 96ff.). Trotz der eigenen angegriffenen Gesundheit war sie es, die 1938 die Flucht vor den Nationalsozialisten aus der Tschechoslowakei nach Palästina organisierte und die trotz der eigenen Schwäche für ihren Mann sorgte (ebd.). Sie starb 20. Februar 1942 in Tel Aviv krank und geschwächt, ohne nach der Flucht wieder übersetzerisch oder literarisch tätig geworden zu sein. Ihr Tod „lähmte die dichterische Kraft“ von Max Brod für einige Jahre (ebd.: 98). Die New Yorker deutschsprachige Zeitung Der Aufbau meldete in der Ausgabe vom 11. September 1942, dass „Elsa Brod, die Gattin von Max Brod und bekannte Übersetzerin“ verstorben sei.

Über die Sprachbiographie von Elsa Brod ist nichts bekannt, auch nicht, wann und wo sie Russisch, Französisch und Italienisch lernte, die Sprachen, aus denen sie ins Deutsche übersetzte. Neben den Übersetzungen trat sie literarisch nur wenig hervor. Ihre Lesung der Erzählung Bericht für eine Akademie von Franz Kafka im „Klub jüdischer Frauen und Mädchen“ am 19. Dezember 1917 begründete eine bis heute reichende Tradition des Berichts als Vortragsstück (Korotin 2008: 52). Ab 1917 publizierte sie Beiträge in der jüdischen Prager Wochenschrift Selbstwehr3Z. B. Spielsachen, Beitrag von Elsa Brod vom 14. Juni 1918, S. 2f., im Prager Tagblatt4Z. B. Das moderne Bühnenkleid – Unterredung mit Else Lord vom 20. November 1926, S. 16. und im Neuen Wiener Journal5Z. B. Saint-Lazare – Das Pariser Frauengefängnis vom 21. August 1925, S. 5., war also auch journalistisch tätig. Außerdem war sie die „Muse“ für die literarischen und künstlerischen Arbeiten ihres Mannes Max Brod. Er wurde „auf das Trefflichste von seiner Gattin, Elsa Brod-Taussig, einer fein empfindenden, hochgradig musisch und musikalisch veranlagten Frau unterstützt“, heißt es bei Hans Tramer, der beiläufig auch darauf hinweist, dass „Elsa Brod übrigens als Übersetzerin aus dem Tschechischen und Französischen […] selbständig hervorgetreten“ ist (Tramer 1961: 187).

Übersetzungen

Elsa Brods Übersetzungen erschienen überwiegend in den 1920er Jahren in Zeitungen und Zeitschriften. Dabei fällt auf, dass die Medien, die die Übersetzungen abdruckten, aus nahezu dem gesamten deutschsprachigen Raum stammen. Es ist fraglich, ob Elsa Brod von allen Abdrucken wusste. Die Redaktionen tauschten sich aus und es war bei den zahlreichen Zeitungen im deutschsprachigen Raum kaum überprüfbar, wo was erschienen ist, zumal nicht nur die großen Blätter die Übersetzungen veröffentlichten, sondern auch Zeitungen aus der „Provinz“. Trotz der weiten Verbreitung erzielte Elsa Brod, zumindest was das publizistische Interesse und die Wahrnehmung in der Presse ihrer Zeit betrifft, kaum Aufmerksamkeit. Als seltene Ausnahme kann Felix Weltsch (1884–1964) genannt werden, ein tschechisch-deutscher Journalist, Schriftsteller und Mitglied des „Prager Kreises“, der den Übersetzungen von Elsa Brod „Treffsicherheit und gutes Einfühlungsvermögen“ bescheinigt hat (Weltsch 1943).

Auch eine exakte Angabe, was und wieviel sie übersetzt hat, ist angesichts der Vielzahl der Zeitungen, die ihre Übersetzungen abdruckten, unmöglich. Neben wenigen Büchern sind es vor allem einzelne Erzählungen, überwiegend aus dem Russischen und Französischen, die sie übersetzt hat, wohl auch, weil sich Erzählungen als Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften besser verkaufen ließen.

1. Friedrich Smetana

Elsa Brods Übersetzung der Biografie von Bedřich Smetana aus der Feder von Zdeněk Nejedlý brachte 1924 der Prager Orbis-Verlag heraus. Soweit in Zeitungen über die Biografie berichtet wurde, war weniger die Qualität der Übersetzung interessant als vielmehr die Tatsache an sich, dass es endlich auch eine Biografie über den berühmten tschechischen Nationalkomponisten auf Deutsch gäbe. Das Büchlein (85 S.) müsse „schon deshalb willkommen sein, da […] der Deutsche nichts an Literatur über den tschechischen Meister besitzt“, schrieb etwa das Wiener Neues 8-Uhr-Blatt (23. Juli 1925, S. 6). Die Biographie könne jedem, „der sich überhaupt für moderne Kunst interessiert, wärmstens empfohlen werden“ (Bratislavaer Zeitung am Abend, 12. Juni 1924, S. 2).

2. Übersetzungen aus dem Russischen

Übersetzungen aus dem Russischen lagen in den 1920er Jahren im deutschsprachigen Raum im Trend. „Es wird heute unglaublich viel aus dem Russischen übersetzt und jedes neue Buch wird von Übersetzer und Verleger als eine Offenbarung angepriesen“, schrieb Arthur Luther 1922 in der Frankfurter Zeitung (Luther 1922). Aber auch neuere Untersuchungen weisen auf dieses Phänomen hin: „Ein besonderes Interesse wurde […] auch Erlebnisberichten aus der Zeit der [Russischen] Revolution und Memoiren entgegengebracht“ (Sippl 2006: 801). Elsa Brod folgte diesem Trend und erwies sich, angesichts der zahlreichen Übersetzungen, die sie aus dem Russischen abgeliefert hat, als wahre „Trendsetterin“ in diesem Sinn. Einen Schwerpunkt in ihrem übersetzerischen Werk bilden dabei in Periodika publizierte Übersetzungen von kurzen Erzählungen des sowjetischen Schriftstellers Michail Soschtschenko, die 1927 gesammelt unter dem Titel So lacht Russland im Prager Verlag Adolf Synek erschienen.

Übersetzungspartnerin war dabei (laut Weltsch 1943) ihre Freundin Mary von Pruss-Glowatzky6Persönliche Daten lt. Auskunft des Deutschen Literaturarchivs Marbach vom 27. Juli 2022 nicht zu ermitteln., mit der Elsa Brod weitere Werke übersetzte (vgl. Bibliografie), u. a. den Roman Zwölf Stühle von Ilja Ilf und Jewgeni „Eugen“ Petrow.

Die Übersetzungen von Brod und Pruss-Glowatzky sind „nicht sehr gelungen“, urteilt Friedrich Hübner 2012 in seiner Bibliographie zur Russischen Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen (Hübner 2012: 142). Der Vergleich mit dem Urteil in der Deutschen Zeitung Bohemia über die Übersetzung von Zwölf Stühle – die Zeitung apostrophiert das Buch als „gut übersetzt“ (L. W. 1930) – ist allerdings wenig aussagekräftig, da dieses Urteil zeitgenössisch ist. Nimmt man den wirtschaftlichen Erfolg als Maßstab, fand die Übersetzung wenig Anklang. Zwölf Stühle erschien 1930 in einer Auflage von 3000 Exemplaren und konnte nach zweieinhalb Jahren nur zu knapp einem Drittel abgesetzt werden (Hall 1993: 153). Die Übersetzung von Ein Millionär in Sowjetrussland, der Fortsetzung von Zwölf Stühle, erschien 1932 ebenfalls in einer Auflage von 3000 Exemplaren und musste sogar verramscht werden, weil sie sich als „Ladenhüter“ erwies (ebd.).

Die Zwölf Stühle wurden zumindest noch zweimal ins Deutsche übersetzt, 1958 von Ernst von Eck (Berlin: Eulenspiegel Verlag mit dem Untertitel Ein Schelmenroman) und 2003 von Renate und Thomas Reschke (München: Sammlung Luchterhand).

Ein Vergleich der Übersetzungen scheint schwierig, weil sie unterschiedliche Ziele verfolgten: Elsa Brod und Mary von Pruss-Glowatzky hatten mit ihrer Übersetzung Bezug zum Genre Unterhaltungsliteratur, während Ernst Eck im Rahmen der sozialistischen Kulturpolitik der DDR einen dem Schelmenroman angemessenen augenzwinkernden, aber doch auch wenig kritischen Tonfall zu verleihen schien. Renate und Thomas Reschke erheben dagegen den Anspruch, den Roman dem deutschen Leser nahe am Original zugänglich zu machen. Damit wird deutlich, dass Übersetzung immer in Bezug auf den Rahmen gesehen werden muss, in dem sie zeitlich und gesellschaftlich entsteht (vgl. zum Übersetzungsvergleich Gavrilova 2016: 104ff.).

Die weiteren Übersetzungen, ob in Buchform oder in Zeitungen, fanden und finden in der Literatur keine Beachtung. Auch Besprechungen in der Presse sind kaum zu finden.

Fazit

Elsa Brods übersetzerische Tätigkeit ist beinahe vergessen, so wie sie selbst als Person auch im Schatten ihres Mannes Max Brod fast nicht wahrgenommen wird. Allerdings zeigt der Umfang ihres übersetzerischen Wirkens, dass sie zu ihrer Zeit eine gefragte Übersetzerin war, die unter anderem die Beliebtheit russischer Unterhaltungsliteratur beim Publikum bediente. Die Vielzahl der gerade in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten literarischen Werke wäre ohne Vermittler wie Elsa Brod nicht denkbar. So wie die Neue Sachlichkeit „Zeitungsgedichte“ kannte, erschienen viele Übersetzungen nicht in Buchform, sondern nur in Periodika. Für Frauen wie Elsa Brod war dies eine Möglichkeit, literarisch tätig zu sein, obwohl die Verlage viele der Übersetzungsarbeiten nicht oder nur zurückhaltend in Buchform veröffentlichten.

Was bleibt, ist die Einladung, die Übersetzungen neu zu entdecken. Vor allem der Fokus auf kurze Texte bietet die Möglichkeit, diesen Teil der Lesekultur der Zwischenkriegszeit nachzuvollziehen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Übersetzungsarbeit von Elsa Brod steht dabei erst am Anfang, wobei zu erwarten ist, dass die Erschließung und die Auswertung ihres Nachlasses eine umfassendere Würdigung ihrer übersetzerischen Tätigkeit ermöglichen werden, als dies nun der Fall ist.7Laut E-Mail von Stefan Litt, Israelische Nationalbibliothek, vom 23. Dezember 2021 ist nicht absehbar, ab wann mit der Erschließung des Nachlasses begonnen wird. Eine vorläufige Katalogisierung der Briefe insbesondere an Max Brod ergibt laut E-Mail von Litt vom 6. März 2022, dass in den Briefen nur fallweise erwähnt ist, was Elsa Brod gerade übersetzt. Inhaltlich geht sie nicht weiter auf ihre Übersetzungen ein.

Anmerkungen

  • 1
    Nachlass von Elsa Brod in der Nationalbibliothek Israel, Jerusalem, Elsa Brod Archive ARC. 4* 2058.
  • 2
    Notiz im Prager Abendblatt vom 17. Dezember 1912, S. 3.
  • 3
    Z. B. Spielsachen, Beitrag von Elsa Brod vom 14. Juni 1918, S. 2f.
  • 4
    Z. B. Das moderne Bühnenkleid – Unterredung mit Else Lord vom 20. November 1926, S. 16.
  • 5
    Z. B. Saint-Lazare – Das Pariser Frauengefängnis vom 21. August 1925, S. 5.
  • 6
    Persönliche Daten lt. Auskunft des Deutschen Literaturarchivs Marbach vom 27. Juli 2022 nicht zu ermitteln.
  • 7
    Laut E-Mail von Stefan Litt, Israelische Nationalbibliothek, vom 23. Dezember 2021 ist nicht absehbar, ab wann mit der Erschließung des Nachlasses begonnen wird. Eine vorläufige Katalogisierung der Briefe insbesondere an Max Brod ergibt laut E-Mail von Litt vom 6. März 2022, dass in den Briefen nur fallweise erwähnt ist, was Elsa Brod gerade übersetzt. Inhaltlich geht sie nicht weiter auf ihre Übersetzungen ein.

Literatur

Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder (1979). München, Wien: R. Oldenbourg Verlag, Bd. 1, S. 147.
Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft (2002). Hg. von der Österreichischen Nationalbibliothek. München: Verlag K. G. Saur, Bd. 1, S. 170f.
Brod, Max (1979a): Streitbares Leben – Autobiographie 1884 – 1968. Frankfurt/M.: Insel Verlag.
Brod, Max (1979b): Der Prager Kreis. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag.
Gavrilova, Evgenia (2016): Analyse der Übersetzung von sprachlichen Darstellungsmitteln der Komik in Il'f/Petrovs Roman „Dvenadcat' stul'ev“. Masterarbeit, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Online unter: ‹https://russisch.fb06.uni-mainz.de/files/2018/08/Masterarbeit.-Gavrilova.pdf› (letzter Aufruf 20. August 2022).
Hall, G. Murray (1993): Der Paul Zsolnay Verlag. Von der Gründung bis zur Rückkehr aus dem Exil. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
Hübner, Friedrich (2012): Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen -eine kommentierte Bibliographie. Köln: Böhlau Verlag.
Korotin, Dr. Ilse (2008): Die Frauen des jüdischen Prager Kreises - Kreative Netzwerke und Transaktionsfelder aus historisch-biografischer Perspektive – Endbericht. Wien: Institut für Wissenschaft und Kunst.
L. W. (1930): kurzgefasster Ratgeber für Bücherkäufer. In: Deutsche Zeitung Bohemia, 5.Dezember 1930, S. 2.
Luther, Arthur (1922): [Rezension zu] Alexander Eliasberg, Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts, München 1922. In: Frankfurter Zeitung, Jg. 66, Nr. 242 (31. März 1922).
Sippl, Carmen (2006): Verlage und Übersetzer als russisch-deutsche Kulturvermittler in der Zwischenkriegszeit. In: Eimermacher, Karl / Volpert, Astrid (Hg.): Stürmische Aufbrüche und enttäuschte Hoffnungen - Russen und Deutsche in der Zwischenkriegszeit. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 783–803.
Tramer Hans (1961): Die Dreivölkerstadt Prag. In: Tramer, Hans / Loewenstein, Kurt (Hg.): Robert Weltsch zum 70. Geburtstag von seinen Freunden. Tel Aviv: Bitaon Verlag, S. 138–203.
Wessling, Berndt W. (1984): Max Brod, Ein Porträt zum 100. Geburtstag. Gerlingen Bleicher Verlag.

Archive

Weltsch, Felix (1943): „Elsa Brod“ 1943. In: Nachlass Franz Goldstein, (EB 92/279 – B.01.007b), Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main.

Zitierweise

Czier, Uwe / Primus, Sarah: Elsa Brod, 1883–1942. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 6. September 2022.
BeschreibungElsa Brod, Entstehungsdatum unbekannt (Quelle: Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt/M.)
Datum6. September 2022
Elsa Brod, Entstehungsdatum unbekannt (Quelle: Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt/M.)