Header Icon Header Icon

Suche in UeLEX

Kurt Harrer, 1902–1959

Original- und Ausgangssprache(n)
Polnisch
Schlagworte
Übersetzerisches ProfilDDR-Übersetzer Übersetzte GattungenDramen, Erzählungen, Jugendliteratur, Romane

Kurt Harrer war ein in den 1950er Jahren in der frühen DDR sehr produktiver Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche. Bibliographien nennen zahlreiche mit seinem Namen signierte Übersetzungen, über ihn selbst jedoch ist nur wenig zu finden. Das World Biographical Information System Online (WBIS) kennt keinen Kurt Harrer. Kürschners Deutscher Literaturkalender informiert 1973 im Band Nekrolog 1936–1970:

Harrer, Kurt; * Markdorf/Bd. 19. XI. 1902, † I. 1959; Ges.; Essay, Novelle. Ue: P. (Schuder 1973: 246)

Das genaue Todesdatum und der Sterbeort sind nicht bekannt, nur dass er Ende der 1950er Jahre von der DDR in die Bundesrepublik Deutschland gelangt sein soll.

Unter „Ue: P“ (= Übersetzer aus dem Polnischen) folgen im Kürschner die Kurztitel von immerhin 15 zwischen 1951 und 1957 erschienenen Übersetzungen. Sogar 47 zwischen 1951 und 1973 erschienene Buchausgaben, an denen Harrer „beteiligt“ gewesen sein soll, kennt der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; zur Person „Kurt Harrer“ heißt es dort aber lediglich: „Lebensdaten: ca. 20.Jh.“ (www.d-nb.info/gnd/1104186160; Aufruf 12. Oktober 2022). Selbst in einer polonistisch-germanistischen Fachpublikation findet sich nicht mehr als

Harrer, Kurt. Verstorben. Wirkte vor allem in den 50er Jahren als Übersetzer in der DDR. (Kneip/Orłowski 1988: 539)

Der Name Harrer und Hinweise auf seine Profession finden sich dann jedoch überraschend in einem Nachruf des Polnischen Sprachrats RJP auf die hoch angesehene Sprachforscherin Krystyna Pisarkowa nach ihrem Tod im Jahr 2010:

Krystyna Pisarkowa wurde am 30. Januar 1932 in Danzig als Kind der Musiklehrerin und Pianistin Konstancja Stanisława geb. Kamińska und des Unternehmers  Kurt Harrer geboren, der sich später einen Namen als Übersetzer polnischer Literatur machte. (Pisarek 2010)

Dieser „polnischen Spur“ ist Przemysław Chojnowski weiter nachgegangen und er hat herausgefunden, dass Kurt Harrer schon 1923 zum ersten Mal nach Polen gekommen war und rasch Polnisch gelernt hatte. Später leitete er eine von seinem Adoptivvater in Wolbrom im Süden Polens gegründete Gummiwarenfabrik. Dort lernte er die Musiklehrerin Konstancja Stanisława Kamińska kennen, mit der er nach Danzig umzog, wo dann 1932 die Tochter Krystyna geboren wurde. (Chojnowski 2021, vgl. Pisarek 2010).

Damit dürfte geklärt sein, wie Harrer, der ja kein polonistisches Studium absolviert hat, seine für das spätere Übersetzen erforderlichen Sprach- und Landeskenntnisse erworben hat: durch seine Aufenthalte im Vorkiegs-Polen sowie durch seine bikulturelle Ehe.1In einem Verzeichnis der Dresdner Übersetzersektion des Schriftstellerverbands der DDR mit Angaben zur Tätigkeit vor und nach 1945 ist unter „Harrer“ die Rubrik „vor 1945“ nicht ausgefüllt. Das ist umso erstaunlicher, als Harrer selbst Leiter der Dresdner Sektion war, die Auflistung seiner „eigenen Arbeiten“ ist wohl auch durch ihn selbst erfolgt. Der dort als eigenes Werk angegebene Titel Ein Leben zwischen Rhein und Weichsel ließ sich nicht finden (Archiv des Schriftstellerverbands in der Berliner Akademie der Künste, Akte SV 537 Berichte und Protokolle 1951-1964. Berichte über die Tätigkeit und Entwicklung der Sektionen der Übersetzer sowie Protokolle von Zusammenkünften der Übersetzer 1951-1964 71 Blatt 1-4. o. Datum.) Die Ehe wurde geschieden, der Kontakt zur Tochter scheint aber in den späten 40er und 50er Jahren dennoch recht intensiv gewesen zu sein. Sie soll ihrem Vater, der wegen einer Erkrankung nicht mehr in einem Chemiebetrieb arbeiten konnte, zur Übersetzungstätigkeit geraten haben (vgl. Pisarek 2010: 7). Auch hat Krystyna Harrer, die seinerzeit in Krakau Polonistik studierte, an Publikationen ihres Vaters mitgewirkt, für seine Übersetzung des historischen Romans Die roten Schilde von Iwaszkiewicz schrieb sie ein Nachwort (Harrer 1954: 461-468; vgl. Chojnowski 2021: 116).

Für die 50er Jahre wird auch die deutsche Quellenlage lichter: Im Archiv des Aufbau-Verlags hat sich die reiche Korrespondenz Harrers mit dem Cheflektor Max Schroeder erhalten. Aus ihr wird deutlich, dass aus dem Danziger Industriellen ein sehr produktiver Übersetzer polnischer Literatur geworden war. Neben Vereinbarungen zu einzelnen Übersetzungen finden sich in dem Briefwechsel auch gutachtenartige Empfehlungen auf übersetzungswürdige Titel aus dem Polnischen. Harrer wohnte lt. Briefkopf in Radebeul bei Dresden und er kam nur nach Berlin, wenn im Aufbau-Verlag etwas zu besprechen war.

In den 1950er Jahren bemühte man sich in der DDR intensiv, die Leser mit der Literatur der (ebenfalls „sozialistischen“) benachbarten Volksrepublik Polen bekannt zu machen, doch gab es erst wenige polonistisch ausgebildete Slawisten, und daher auch kaum entsprechend versierte Verlagslektoren. Harrer hat diese Mangelsituation für seine berufliche Neuorientierung genutzt. Er war sehr umtriebig und offenbar in beiden Ländern gut vernetzt, wie auch sein oben erwähnter Briefwechsel mit ddem Aufbau-Verlag erkennen lässt. Er hat dabei nicht nur Übersetzungsverträge mit diesem Verlag geschlossen, sondern auch für weitere DDR-Verlage gearbeitet, so für den Greifenverlag Rudolstadt, den Thüringer Volksverlag, den Berliner Jugendverlag Neues Leben, den Dresdner Sachsenverlag, den Verlag  Brockhaus Leipzig, den Union-Verlag Berlin, sogar für den westdeutschen Verlag Langen-Müller (München).

Zu den großen Romanen des 19. und 20. Jahrhunderts, die Harrer in den 50er Jahren übersetzt hat, gehören u.a. Quo vadis? von Sienkiewicz, drei Romane von Prus (Die Puppe, Pharao und Die Emanzipierten), aber auch Bücher von Gegenwartsautoren wie Iwaszkiewicz, Brandys, Morcinek, alles in allem ein imposantes übersetzerisches Œuvre von ca. 30 zum Teil sehr umfangreichen Texten. Etliche Harrer-Übersetzungen erlebten zudem mehrere Auflagen. Insgesamt gesehen, hat sich Harrer um die Vermittlung polnischer Literatur in der DDR der 50er Jahre verdient gemacht, einige Titel wurden auch von westdeutschen Verlagen übernommen.

Trotz allen Verdienstes muss die Frage nach der Qualität seiner Übersetzung erlaubt sein. Harrer hat offenbar in einem relativ kurzen Zeitraum eine Unmenge an Seiten ins Deutsche gebracht. Hier fällt das fachliche Urteil, soweit vorhanden, recht unterschiedlich aus. So schreibt Agata Paluszek in ihrer Bereska-Monografie (2007):

Bereits 1952 erschienen beim Aufbau-Verlag die ersten zwei polnischen Bücher Die Erzählung des Buchhalters von S. Wygodzki und Pharao von Bolesław Prus, beide in der Übersetzung von Kurt Harrer. Das Fehlen eines auf dem Gebiet der polnischen Literatur sachkundigen Mitarbeiters im Verlag blieb nicht ohne Einfluss auf die Qualität dieser Übersetzungen. (2007: 102)

Etwas deutlicher wird Paluszek (2007: 102) in einer Fußnote:

Die Übersetzungen wurden zur Überarbeitung an Außenlektoren weitergegeben, die in der Regel kein Polnisch konnten. Sie korrigierten die Manuskripte stilistisch, ohne sie mit dem Original zu vergleichen. Dies verursachte teilweise große Abweichungen der Übersetzungen von den Originaltexten.

Es hat sich auch gezeigt, dass die von Harrer übersetzten Bücher in mehreren Auflagen erschienen, es verlagsseitig jedoch häufig zu Veränderungen am Text kam: Ein Nachwort wurde angefügt oder ein zweiter Übersetzer zum Redigieren hinzugezogen, manches musste völlig neu übersetzt werden. An dieser Arbeit war maßgeblich der Polnisch-Übersetzer Bereska beteiligt (vgl. Paluszek 2007: 103). Er redigierte die zweite, veränderte Auflage des 1952 erschienenen Romans Pharao (2. Aufl. 1953) sowie die Romane Die Puppe (1954) und Die Emanzipierten (1957), ferner die Erzählung Die Welle strömt zurück von Prus, die 1959 in der Übersetzung von Kurt Harrer erschienen war, und den ebenfalls von Harrer übersetzen Roman Die Abenteuer in der Sierra Morena oder Die Handschriften von Saragossa von W. Potocki. Henryk Bereska, dem zu dieser Zeit im Aufbau-Verlag angestellten Lektor für polnische Literatur, platzte am Ende der Kragen:

Mein Problem war, die übersetzten Texte dem Original nahezubringen. Dem flotten Übersetzer der polnischen Klassik ging es um rasches Geld. Er diktierte die Romane in die Schreibmaschine, gab sie unbesehen einer pensionierten Deutsch-Lehrerin zum Redigieren, die kein Polnisch konnte, und so mußte ich die Romane Satz für Satz mit dem Original vergleichen und sie fast neu schreiben. Das war – neben dem eisigen politischen Klima – einer der Gründe, weshalb ich es vorzog, selbst zu übersetzen, statt Berge von verstümmelten Texten ad infinitumk zu redigieren. (Bereska 2003: 81)

Harrer gehörte auch der Dresdner Sektion der Übersetzer im DDR-Schriftstellerverband an, war sogar (zeitweise?) ihr Leiter (s.u. Akte SV 257). In einem undatierten, aber offensichtlich aus den fünfziger Jahren stammenden Sitzungsprotokoll wird gegen Harrer der Vorwurf erhoben, er würde das Übersetzen geschäftsmäßig betreiben. So heißt es dort:

Es bestehen zwei Übersetzersektionen: eine in Dresden, eine in Berlin. Die Dresdner Sektion wird geleitet von Kurt Harrer, der in Verdacht steht, ein Geschäft aus seiner Übersetzertätigkeit mit Hilfe von obskuren Übersetzern zu machen. Im Augenblick läuft eine Untersuchung in dieser Angelegenheit. (Akte SV 257 Archiv Schriftstellerverband der DDR)

Über das Ergebnis der Untersuchung geben die erhaltenen Akten keine Auskunft. In Anbetracht seiner vielen Aktivitäten mag der Vorwurf eines geschäftsmäßigen Betriebs des Übersetzens jedoch nicht ganz von der Hand zu weisen sein.

Anmerkungen

  • 1
    In einem Verzeichnis der Dresdner Übersetzersektion des Schriftstellerverbands der DDR mit Angaben zur Tätigkeit vor und nach 1945 ist unter „Harrer“ die Rubrik „vor 1945“ nicht ausgefüllt. Das ist umso erstaunlicher, als Harrer selbst Leiter der Dresdner Sektion war, die Auflistung seiner „eigenen Arbeiten“ ist wohl auch durch ihn selbst erfolgt. Der dort als eigenes Werk angegebene Titel Ein Leben zwischen Rhein und Weichsel ließ sich nicht finden (Archiv des Schriftstellerverbands in der Berliner Akademie der Künste, Akte SV 537 Berichte und Protokolle 1951-1964. Berichte über die Tätigkeit und Entwicklung der Sektionen der Übersetzer sowie Protokolle von Zusammenkünften der Übersetzer 1951-1964 71 Blatt 1-4. o. Datum.)

Literatur

Bereska, Henryk (2003): Porträt einer Lektorin – Jutta Janke. In: Simone Barck, Siegfried Lokatis (Hg.): Fenster zur Welt. Eine Geschichte des DDR-Verlags Volk und Welt. Berlin: Ch. Links Verlag, S. 81–86.
Chojnowski, Przesmysław (2021): Czy Kurt Harrer (1902–1959) to tłumacz zapomniany? In: Szczerbowski, Tadeusz (Hg.): Język „okrągły jak pomarańcza”... Pamięci Profesor Krystyny Pisarkowej w 90. rocznicę Jej urodzin. Kraków: Wydawnictwo Naukowe UP, S. 115–125.
Harrer, Krystyna (1954): Nachwort, Personenregister, genealogische Tafeln. In: Iwaszkiewicz, Jarosław: Die roten Schilde, Deutsch von K. Harrer, Weimar: Thüringer Volksverlag 1954, S. 461–468.
Kneip, Heinz / Orłowski, Hubert (Hg.) (1988): Die Rezeption der polnischen Literatur im deutschsprachigen Raum und die der deutschsprachigen in Polen 1945-1985. Darmstadt: Deutsches Polen-Institut.
Paluszek, Agata (2007): Henryk Bereska als Vermittler polnischer Literatur in der DDR (1949-1990). Leipzig: Edition Kirchhof & Franke.
Pisarek, Walery (2010): Krystyna Pisarkowa. Dzieło jej życia (1932-2010). In: Biuletyn Polskiego Towarzystwa Językoznawczego, Zeszyt LXVI, Kraków, Universitas, S. 5-23.
Schuder, Werner (1973): Kürschners Deutscher Literatur-Kalender. Nekrolog 1936-1970. Berlin, New York: de Gruyter.

Archive

Staatsbibliothek zu Berlin: Archiv des Aufbau-Verlags.
Archiv der Akademie der Künste Berlin (AdK): Archiv Schriftstellerverband der DDR, Akte SV 257 und 537.

Zitierweise

Worbs, Erika: Kurt Harrer, 1902–1959. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 14. Oktober 2022.