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Helen Wolff, 1906–1994

27. Juli 1906 Skopje (Osmanisches Reich) - 28. März 1994 Hanover, NH (USA)
Original- und Ausgangssprache(n)
Englisch, Französisch
Schlagworte
Sonstige SchlagworteExil (NS-Zeit), Frankreich (Exil), Großbritannien (Exil), Italien (Exil), USA (Exil) Übersetzte GattungenFachtexte, Romane

Vorbemerkung der Redaktion

Zuvor erschienen in: Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Rozmysłowicz, Tomasz: Translation und Exil (1933–1945) I: Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens. Berlin: Frank & Timme 2022, S. 464–466.

Helene Mosel kam als Tochter eines deutschen Ingenieurs und einer öster­reichisch-ungarischen Mutter in Üsküp, heute Skopje, zur Welt. Laut Rolf Michaelis wurde zu Hause Türkisch, Serbisch und Deutsch gesprochen. Nach Beginn der Balkankriege verließ der Vater die Familie und die Mutter nahm die Kinder zunächst mit nach Wien und dann nach Deutschland, wo Helen als Externe und erstes Mädchen das Gymnasium von Schondorf be­suchte. Von 1924 bis 1928 war Helen Kindermädchen bei der Frankfurter Industriellenfamilie Philippi, die Mutter lebte mit den Geschwistern in Mün­chen. Dort war auch der Kurt Wolff Verlag ansässig, in dem damals Kafka und die Expressionisten erschienen. 1924 gründete Wolff die Pantheon Casa Editrice mit Sitz in Florenz, nahm Helen, die ein Praktikum bei ihm ange­tre­ten hatte, 1928 mit auf eine Reise nach Paris und beauftragte sie mit einer Übersetzung aus dem Französischen. Diese anspruchsvolle Arbeit – es muss­te aus einem unredigierten Manuskript übersetzt und viel nachrecherchiert werden – führte zu ihrer Festanstellung in seinem Verlag und markierte den Beginn weiterer translatorischer Tätigkeiten: Nach diesem kunsthistorischen Werk aus dem Französischen folgte ein weiteres aus dem Englischen für Kurt Wolffs Verlag sowie 1932 ein womöglich nicht ausgeführter freiberuflicher Übersetzungsauftrag.

Für John Holroyd Reece, dem Kurt Wolff Ende 1929 Anteile an Pantheon verkaufte, und dessen Pegasus Press arbeitete Helen zeitweise in Paris. Später war sie für das dort ansässige Institut International de Coopération Intellec­tuelle als Sekretärin tätig und verfasste ein Theaterstück; im Spätsommer 1932 schrieb sie die Erzählung Hintergrund für Liebe, die ihre Beziehung mit Kurt Wolff und gemeinsame Aufenthalte in Südfrankreich literarisch verar­beitete. Sie heiratete ihn am 27. März 1933 in London, der gemeinsame Sohn Christian wurde im März 1934 in Nizza geboren.

1939 wurde Helen von John Holroyd Reece bei der Albatros Library angestellt. Dort arbeitete sie ehrenamtlich in der Propagandaabteilung des Informationsministeriums und verfasste Flugblätter, die über Deutschland abgeworfen werden sollten. Aus dem freiwilligen Aufenthalt in Südfrankreich wurde aufgrund der regimekritischen Haltung des Paars Exil, und ab Juni 1940 waren Kurt und Helene mehrere Wochen ohne Wissen um den Aufenthalt des anderen auf der Flucht: Helene entkam aus dem Lager Gurs. Mithilfe des Emergency Rescue Committee, u. a. auch durch Emil Oprecht und Frau, gelang den Wolffs die Ausreise aus Europa. Das Ehepaar traf am 21. März 1941 in New York ein.

1942 gründeten sie dort den Verlag Pantheon Books, der viele Autoren in Übersetzung verlegte. 1959 zogen Helen und Kurt Wolff nach Locarno und verkauften ihre Anteile am Verlag, der in den Besitz von Random House überging. 1961 initiierten sie das Imprint Helen and Kurt Wolff Books bei Harcourt Brace Jovanovich. Die Wolffs widmeten sich vor allem der Übertragung und Herausgabe von zeitgenössischer europäischer Literatur ins Amerikanische. Nach dem Tod ihres Ehemanns 1963 kehrte Helen Wolff nach New York zurück und führte das Imprint bis zu ihrem Ruhestand 1986 jahrzehntelang allein weiter.

Als Verlegerin war sie eine bedeutende Vermittlerin deutscher und anderer internationaler Autoren in den USA und arbeitete eng mit deren Übersetzern zusammen: Max Frisch, Italo Calvino, Georges Simenon, Uwe Johnson (der ihr seine Jahrestage widmete), Günter Grass, Amos Oz, György Kon­rad, Umberto Eco.

Helen Wolff wurde 1977 mit dem Verlegerpreis des US-amerikanischen PEN ausgezeichnet. 1981 erhielt sie den Inter Nationes Award for Literature and the Arts und 1985 die Goethe-Medaille des Goethe-Instituts. 1994 wurde ihr posthum der Friedrich-Gundolf-Preis verliehen. Die Laudatio schrieb Günter Grass. Nach ihr und ihrem Mann wurde der Helen-und-Kurt-Wolff-Übersetzerpreis benannt, mit dem literarische Übersetzungen aus dem Deutschen ins Englische gefördert werden sollen. Das Helen und Kurt Wolff-Archiv befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach, die Beinecke Rare Book and Manuscript Library, New York, besitzt ebenfalls Helen and Kurt Wolff Papers.

Literatur

[Anonym]: Wolff, Helen [Lexikoneintrag]. In: Deutsche Biographische Enzyklopädie Online. Herausgegeben von Rudolf Vierhaus. Berlin, New York: K. G. Saur, 2009 / De Gruyter 2011. Online unter: ‹https://www.degruyter.com/database/DBE/entry/dbe.10-5459/html› (letzter Aufruf: 20. September 2021).
Grass, Günter (1994): Laudatio zum Friedrich-Gundolf-Preis. Online unter: ‹https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/friedrich-gundolf-preis/helen-wolff/laudatio› (letzter Aufruf: 20. September 2021).
Michaelis, Rolf (1994): Tür- und Herz-Öffnerin. Deutsche Literatur in den USA: Helen Wolff ist tot. In: Die ZEIT, 8. April 1994.
Mitgang, Herbert (1994): Helen Wolff, a Publisher, Is Dead at 88. In: New York Times, 30. März 1994.
Wolff, Helen (2020): Hintergrund für Liebe. Roman. Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen. Bonn: Weidle Verlag.

Zitierweise

Baumann, Sabine: Helen Wolff, 1906–1994. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 27. Juli 2022.