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Hedwig Jahn, 1845–1919

28. Januar 1845 Neustrelitz (Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz) - 23. Mai 1919 Berlin (Deutsches Reich)
Orte
Berlin
Berufe/Tätigkeiten
Übersetzerin
Original- und Ausgangssprache(n)
Englisch, Französisch, Italienisch, Dänisch
Zielsprache(n)
Deutsch

Rudolfine Marie Sophie Hedwig Jahn wurde am 28. Januar 1845 in Neustrelitz (Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz) als Tochter des Gutsbesitzers Hermann Jahn (1809–1890) und seiner Frau Charlotte Luise Auguste (1820–1906) geboren. 1846 zog die Familie nach Berlin. Wie sich Hedwig Jahn auf ihre Tätigkeit als Übersetzerin für englische, französische, italienische und dänische Literatur vorbereitete, ist nicht bekannt (Behrens 2024: 96). 1893 veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel Blüten ausländischer Lyrik mit von ihr aus dem Englischen, Französischen und Italienischen übersetzten Gedichten aus verschiedenen Zeitepochen.

In den folgenden Jahren befasste sie sich immer wieder intensiv mit dem lyrischen Werk der italienischen Schriftstellerin Ada Negri (1870–1945), und es erschienen drei Bücher mit Gedichten: Schicksal (1894), Stürme (1896) und Mutterschaft (1905) (Biasiolo 2020: 122–123, 127). Zur zweiten Auflage von Schicksal (1895) schrieb Jahn eine Einführung in das Leben und Werk Negris. Zudem stellte sie die Dichterin in kurzen Beiträgen in Frauenzeitschriften und einem Frauenkalender vor (Jahn 1894/1895, Jahn 1895 a, Jahn 1895 b).

Auch in zwei Lyrikanthologien wurden Übersetzungen Jahns aufgenommen. Ein 1897 von Fritz Gundlach (Lebensdaten unbekannt) herausgegebenes Buch mit italienischer Lyrik enthält Gedichte der Schriftsteller Giuseppe Capparozzo (1802–1848), Andrea Maffei (1798–1885), Ferdinando Martini (1841–1928), Pietro Metastasio (1698–1782), Ada Negri, Giovanni Pascoli (1855–1912), Emilio Praga (1839–1875), Felice Romani (1788–1865), Giovanni Gherardo de Rossi (1754–1827), Lorenzo Stecchetti (1845–1916) und Jacopo Vittorelli (1749–1835). In einer von Konrad Beißwanger (1869–1934) konzipierten Anthologie mit Werken von Arbeiterdichtern (1900) sind einige Werke Ada Negris zu finden.

Laut einem Hinweis in einem Gedichtband des italienischen Schriftstellers Luigi Donati (1870–1946) (Le ballate d’amore e di dolore, aprile 1895 – marzo 1897. Seconda edizione. Mailand 1897, Seite links neben der Titelseite) wollte Jahn gemeinsam mit einem Kollegen dessen Buch Tentativi. Prosa e versi (1893) übersetzen. Der Plan wurde allerdings nicht umgesetzt. Der Mediziner und Anthropologe Cesare Lombroso (1835–1909) erkundigte sich 1899 bei ihr, ob sie Gedichte von Giovanni Cena (1870–1917) ins Deutsche übersetzen könnte, was sie jedoch aus Zeitgründen ablehnte.1Università di Torino, Museo di antropologia criminale „Cesare Lombroso“, IT SMAUT Carrara/CL. – Iahn (!), Hedwig_01 Brief von Hedwig Jahn vom 15. August 1899 an Cesare Lombroso.

Ende 1900 bekundete Jahn ihr Interesse an einem Wettbewerb, in dem die besten Übersetzungen des Huldigungsgedichts Reine de vingt ans (1898) des Schriftstellers Jean Rameau (1858–1942) für Königin Wilhelmina der Niederlande (1880–1962) in verschiedene Sprachen ausgezeichnet werden sollten.2 Herald’s Competition for the best Translations of M. Jean Rameau’s Poem, published in the Matin. In: The New York Herald. European Edition Paris Nr. 23.489, 14. Dezember 1900, S. 5.

Hedwig Jahn arbeitete viele Jahre für verschiedene renommierte Verlage als Übersetzerin. Neben den Gedichten Ada Negris übersetzte sie auch Prosa aus dem Italienischen: den autobiographischen Text Neun Monate Gefangenschaft bei Menelik. Erinnerungen eines Kriegsgefangenen in Schoa (März 1896–Januar 1897) (1897) des Offiziers Giovanni Battista Gamerra (1848–1915), die Biografie Antonio Allegri da Correggio. Sein Leben und seine Zeit (1898) des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Corrado Ricci (1858–1934) sowie das Buch Die italienischen Robinsons. Erzählung für die Jugend (1898) des Schriftstellers Emilio Salgari (1862–1911).

Aus dem Französischen übersetzte sie 1898 den Bericht des Unternehmers Henri Lachambre (1846–1904) und seines Neffen Alexis Machuron (1872–1901) über die Ballonexpedition des schwedischen Ingenieurs und Nordpolforschers Salomon August Andrée (1854–1897). 1908 erschien eine Sammlung philosophischer Texte des Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) unter dem Titel Kulturideale.

An einer Edition ausgewählter Werke des englischen Schriftstellers und Kunsthistorikers John Ruskin (1819–1900) beteiligte sich Jahn mit den Büchern Sesam und Lilien (1900) und Steine von Venedig (1903, 1904, 1906). Sie übersetzte ferner aus dem Englischen Romane von Elizabeth Cleghorn Gaskell (1810–1865) (Cranford. Roman einer wunderlichen kleinen Stadt, 1903) und Charles Dickens (1812–1870) (Eine Geschichte von zwei Städten, 1914) sowie die Autobiografie von Richard Jefferies (1848–1887) (Die Geschichte meines Herzens, 1906). Zwei Romanübersetzungen erschienen in Zeitungen: In der Schlinge der irischen Schriftstellerin Annie French Hector (1825–1902) in der Staatsbürger-Zeitung (September bis Dezember 1896) und Soll man lieben? des französischen Schriftstellers Léon de Tinseau (1844–1921) im Hamburger Fremdenblatt (Januar und Februar 1902). Für das Hamburger Fremdenblatt übersetzte sie außerdem zwischen 1891 und 1908 fünfundachtzig Kurzgeschichten englischer, amerikanischer, französischer sowie italienischer zeitgenössischer Autoren und Autorinnen.

Ein Brief Jahns aus dem Jahr 1902 an den Architekten und preußischen Baubeamten Hermann Muthesius (1861–1927) enthält Informationen über ihre Arbeitsweise. Sie schickte ihm die Korrekturbögen der ersten sechs Kapitel ihrer Übersetzung von John Ruskins Stones of Venice mit der Bitte um kritische Durchsicht. Dabei erwähnte sie, dass die Architekten Hermann von der Hude (1830–1908) und Hermann Ende (1829–1907) sie an ihn verwiesen hatten und dass sie sich mit dem Architekten Paul Gottheiner (1838–1919) bereits wegen der Übersetzung von Fachbegriffen ausgetauscht hatte. Sie bat auch Muthesius in einigen Fällen um Übersetzungsvorschläge bzw. die Bestätigung ihrer Formulierungen. Offenbar suchte sie gezielt den Kontakt zu Fachleuten, um eine korrekte Übersetzung bieten zu können.3Werkbundarchiv – Museum der Dinge Berlin, Signatur D 102-3205, Brief von Hedwig Jahn an Hermann Muthesius vom 6. Mai 1902.

Anlässlich ihres 60. Geburtstages würdigte die Zeitschrift Die Woche Jahns jahrelange Arbeit als Übersetzerin mit einer kurzen Notiz und einem Foto.4Die Woche. Moderne Illustrierte Zeitschrift Jg. 7 (1905), Nr. 5, 226. Hedwig Jahn starb am 23. Mai 1919 in Berlin (Behrens 2024: 100).

Anmerkungen

  • 1
    Università di Torino, Museo di antropologia criminale „Cesare Lombroso“, IT SMAUT Carrara/CL. – Iahn (!), Hedwig_01 Brief von Hedwig Jahn vom 15. August 1899 an Cesare Lombroso.
  • 2
    Herald’s Competition for the best Translations of M. Jean Rameau’s Poem, published in the Matin. In: The New York Herald. European Edition Paris Nr. 23.489, 14. Dezember 1900, S. 5.
  • 3
    Werkbundarchiv – Museum der Dinge Berlin, Signatur D 102-3205, Brief von Hedwig Jahn an Hermann Muthesius vom 6. Mai 1902.
  • 4
    Die Woche. Moderne Illustrierte Zeitschrift Jg. 7 (1905), Nr. 5, 226.

Quellen

Behrens, Hermann (2024): Hedwig Jahn – Übersetzerin in stürmischer Zeit. In: Zwischen Lieps und Havelquelle – Dorfzeitung Nr. 15, S. 96–100.
Biasiolo, Monica (2020): „Che son fatti dei gorghi d’ogni abisso, / degli astri d’ogni ciel!...“ Tracce di Ada Negri nell’editoria e nella pubblicistica di lingua tedesca tra fine ottocento e inizio novecento. In: Rivista di letteratura italiana Jg. 38, Nr. 1, S. 121–130.
Gibbels, Elisabeth (Hg.) (2025): Translating Women in Germany in the 19th Century. A Biographical Lexicon. Berlin, S. 183.
Jahn, Hedwig (1894/1895): Ada Negri. In: Universum. Illustrierte Familien-Zeitschrift Jg. 11, Nr. 24, Sp. 2305–2308.
Jahn, Hedwig (1895 a): Ada Negri. Biografische Skizze. In: Illustrierte Frauenzeitung Jg. 22, Nr. 6, S. 46.
Jahn, Hedwig (1895 b): Ada Negri. In: Rudolf Heinrich Greinz (Hg.): Deutscher Frauenkalender für 1896. München, Leipzig, S. 91–98.

Zitierweise

Dagmar Jank: Hedwig Jahn, 1845–1919. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 20. März 2026.