Herberth E. Herlitschka, 1893–1970
I. Lebensweg
Über die frühen Jahre und den familiären Hintergrund des Literaturübersetzers sowie Literaturagenten Herberth Herlitschka lässt sich wenig Gesichertes zusammentragen. Geboren am 26. Dezember 1893 in Wien, als Sohn von Julius und Irma Herlitschka, hörte er zunächst auf den Namen Egon Herlitschka. Die Hinzunahme des alliterativen Vornamens Herberth lässt sich zuerst in Briefen aus 1927 belegen. Ebenfalls bezeugt ist die jüdische Herkunft, durch eigene Bemerkungen gegenüber Verlegern sowie mehrere Eintragungen in jüdischen Tageszeitungen anlässlich seines offiziellen Austrittes aus dem Judentum (1933).
Erste Übersetzungen lassen sich ab 1927 nachweisen – Herlitschka selbst datierte den Anfang seines übersetzerischen Schaffens in einem Brief an den britischen Schriftsteller David Garnett auf 1925. Die erste Kontaktaufnahme zum Zweck der Akquisition von Übersetzungsrechten stammt aus dem Jahr 1923, wie ein Antwortbrief von William Butler Yeats bestätigt. Zu seiner Tätigkeit vor oder neben der literarischen Übersetzung, sei es zur Berufswahl, sei es zu seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, bietet die Quellenlage bedauerlicherweise keine Erkenntnisse. Einzig ein längerer Aufenthalt in England ist verbürgt. Eine biographische Skizze auf den Seiten der University of Reading, wo sein Nachlass geführt wird, geht von vier Studienjahren aus, die er dort verbracht haben mochte (UoR). Gegenüber D. H. Lawrence betonte Herlitschka die Bedeutung dieses Aufenthalts für die Hinwendung zur englischen Literatur:
[…] during my long stay in England, I have, well, call it, fallen in love with English and English letters, and ever since I have made it my chief aim in life to help good English literature over here as best I can […]. (Weiß 2023: 38)
Der Weg in das Feld der Literaturübersetzung wurde höchstwahrscheinlich durch Ernst Eduard Stein unterstützt, der seit 1920 als Lektor für den Wiener Verlag E. P. Tal arbeitete und einige Dramen von William Butler Yeats ins Deutsche übersetzte. Auffallend von Beginn an war Herlitschkas für den deutschen Literaturraum noch weitgehend neuartige Interpretation des Rollenverständnisses als Literaturagent und Übersetzer in Personalunion.1Viele Jahre zuvor trat Marie Franzos im Bereich der skandinavischen Literatur als vermittelnde Übersetzerin auf. Seine engagierte Akquisition von Übersetzungsrechten ermöglichte es ihm wiederholt, Einfluss auf die Platzierung der Bücher und Autoren zu nehmen, in Einzelfällen sogar die Vertragserstellung und Aspekte der Entlohnung zu seinen Gunsten zu gestalten. Mustergültig tritt diese Entwicklung im Falle der Vermittlung von Aldous Huxley an den Insel Verlag zutage, für den sich Herlitschka zuerst bei Huxleys Agent Pinker & Sons die Übersetzungsrechte sicherte, bevor es ihm in Verhandlungen mit den Verleger Anton Kippenberg gelang, diese dem Insel Verlag zu verkaufen. Einzigartig sind dabei besonders die Vertragsklauseln, die Herlitschka als Übersetzer betreffen: So wurde er als einziger Übersetzer für Huxleys deutsche Übersetzungen bestimmt und teilte sich neben einer Einmalzahlung die Tantiemen zu gleichen Teilen mit dem Autor.
In den nachfolgenden Jahren bis zu seiner Flucht nach England baute Herlitschka ein umfangreiches Netzwerk, bestehend aus kulturellen Größen seiner Zeit auf, korrespondierte (mitunter regelmäßig) mit Ezra Pound, Aldous Huxley, D. H. Lawrence (kurz vor seinem Tod, um die Rechte für Lady Chatterley’s Lover abzuwerben), Thornton Wilder, Virginia Woolf sowie W. B. Yeats, um nur einige zu nennen. In diesen Jahren gelang ihm eine erstaunliche Anzahl an Literaturübersetzungen für Individual- und Publikumsverlage, darunter E. P. Tal, Phaidon, Piper, S. Fischer, Reichner, Paul List, die Deutsche Verlagsanstalt, Berman-Fischer und weitere.
Ende 1933 heiratete er Felicitas Epstein (danach Marlys Herlitschka), ihres Zeichens angehende Schriftstellerin und später Co-Übersetzerin an seiner Seite. Zusammen übersetzten sie nach dem Krieg Virginia Woolf sowie Katherine Mansfield. Erste namentliche Erwähnung erfuhr sie 1937 in Ich fliege mit meinem Mann (von Anne Morrow Lindbergh). Mit Wahl und anschließender Machtergreifung der Nationalsozialisten veränderte sich die seit dem Ersten Weltkrieg stark für Übersetzungen aus dem Englischen empfängliche Verlagskultur in Deutschland. 1934 schrieb Herlitschka dazu an Pinker and Sons:
it seemed indeed very uncertain, whether translations generally and that kind of English literature, for which I was going in particularly would have any further chance in Germany. Publishers were very evasive or quite unresponsive to all offers and reminders. (Weiß 2023: 51)
Hatte Herlitschka bis 1938 im Vergleich zu deutschen Übersetzern den Vorteil genossen, dass er als Österreicher von der Zugehörigkeitspflicht zur Reichsschrifttumskammer ausgenommen war, holte ihn die politische Situation im Nachbarland mit der Annexion Österreichs vollends ein. Ohne Aussicht auf Arbeit und unter wachsender Lebensgefahr gelang ihm mit seiner Frau im Juli 1938 die Flucht nach England, für die nächsten dreizehn Jahre die neue Heimat der Herlitschkas. Von den britischen Inseln verhalf er schließlich auch Stein und dessen Mutter noch 1939 zur Flucht. Mit Beginn des deutschen Überfalls auf die Beneluxstaaten und Frankreich spitzte sich die Lage für die Flüchtlinge in England zu. Nach der Internierung in einem Lager für enemy aliens meldete Herlitschka sich, um der Haft zu entgehen, schnellstmöglich zum Freiwilligendienst im AMPC (Auxiliary Military Pioneer Corps). Ab 1942 war er für den BBC German Service tätig und konnte seine Übersetzungstätigkeit wiederaufnehmen, wenngleich der erreichbare Markt für deutsche Übersetzungen erheblich zusammengeschrumpft war. Zehn Jahre nach der Einreise konnten die Herlitschkas 1948 die britische Staatsbürgerschaft erlangen. 1951 erfolgte der Umzug in die Schweiz, wo Herberth Herlitschka am 6. Juni 1970 verstarb. Seine Frau Marlys folgte ihm fünf Jahre später am 26. März 1975.
II. Das übersetzerische Œuvre
Herberth Herlitschkas Hauptaugenmerk galt der modernen erzählenden englischsprachigen Literatur, darunter einige der großen Namen der Epoche wie Virginia Woolf, William Faulkner, Thornton Wilder, Aldous Huxley sowie D. H. Lawrence. Zuerst allein und später zusammen mit seiner Frau Marlys (ab ca. 1937) übertrug er zahlreiche Werke zum ersten Mal ins Deutsche. Den Anfang machte die Geschichtensammlung Die chymische Rose von William Butler Yeats (Hellerau: Hegner 1927). Bereits ein Jahr später folgte mit Thornton Wilders Die Brücke von San Luis Rey ein internationaler Bestseller und Pulitzerpreisträger für den Wiener Verlag E. P. Tal. Zwei Werke des englischen Satirikers Samuel Butlers übersetzte er 1928 und im Folgejahr für den Phaidon Verlag. Mit der Übersetzung von Huxleys Werk für den Insel-Verlag brachte Herlitschka zwischen 1929 und 1932 in vier Jahren ebenso viele Titel heraus, gekrönt mit Brave New World als Welt-Wohin?. Neben Romanen und Kurzgeschichten fand mit John Dos Passos Airways, Inc. von 1928 (Luftfahrt A.G. 1931) zumindest auch ein dramatisches Werk Aufnahme in Herlitschkas Übersetzungsverzeichnis. Eine genauere bibliographische Übersicht ist in dem 2023 erschienen Beitrag von Fritz & Spittaler enthalten.
Ökonomisch und politisch gesehen waren die Zwischenkriegsjahre eine Zeit des Umbruchs und der stetigen Gefahrenzunahme. Ab 1933 bereits war Herlitschka eingeschränkt in der Ausübung seiner Tätigkeit, da bereits einige Verlage zögerten, jene Autoren weiter zu übersetzen, die sich auf den schwarzen Listen der Nationalsozialisten befanden und einige (z. B. Insel) keine weiteren Übersetzungen bei Herlitschka kommissionierten. Ob dies infolge eines Zerwürfnisses geschah (vgl. Sarkowski 1999 über den Insel-Verlag) oder aus verdeckter Diskriminierung erfolgte und die allgemeine Gemengelage nur ein günstiger Anlass war, um einen gelegentlich unangenehm selbstbewussten und für seine Interessen eintretenden Übersetzer loszuwerden, lässt sich dabei nicht immer klar trennen, da die Korrespondenz in Zeiten zunehmender Überwachung seinerzeit allerhöchstens Randaspekte der politischen Entwicklung tangierte.
III. Übersetzerische Gesamtleistung
Eigene Reflexionen des Übersetzers zu seiner Tätigkeit lassen sich in der Korrespondenz mit dem Insel-Verlag und anderen vor allem dort auffinden, wo seine Entscheidungen und Abweichungen der Absprache oder Erklärung bedurften. So lässt sich die Entscheidung, die kulturspezifischen Anspielungen in Brave New World (z. B. Eigennamen sowie Ortsangaben) in den deutschen Kulturraum zu übertragen, letztlich auf Herlitschkas Vorschlag zurückführen. Dazu schrieb er an Anton Kippenberg,
ob man dieses Buch nicht aus dem englischen Milieu weg in ein allgemeineres, deutsch gefärbtes transponieren sollte[.] Dadurch würden die Anspielungen auf Oertlichkeiten für den deutschen Leser ungemein an Witz gewinnen (Weiß 2023: 239).
Die Begründung für die eingreifende Entscheidung, die den Roman noch bis ins nächste Jahrhundert Lesern mit dieser deutschen Prägung zugänglich machte, war laut Herlitschka rezeptionsgeleitet sowie verbunden mit der Hoffnung auf eine absatzsteigernde Wirkung.
Diese Entscheidung stellt sicher eine der stärksten Ausprägungen der den Lesern entgegenkommenden Übersetzungsmethode dar, wie sie Schleiermacher als einen von zwei Gegenpolen postulierte. Dass diese Praxis zu Herlitschkas Zeit nicht unüblich war, lässt sich ebenso an der sprachlichen Verortung von Dialekten bestätigen, wie in Lady Chatterley und ihr Liebhaber oder dem Roman Kindness in a Corner (von Francis Powys), den Herlitschka bereits 1930 ebenfalls für den Insel-Verlag übersetzen und auf Bitten der einflussreichen Verlegergattin Katharina Kippenberg „mit wenigen Retuschen […] nach Norddeutschland unmerklich versetzen“ sollte, da „dieses Buch zu englisch ist“ (Weiß 2023: 240).
Zur Verlegung des Dialektraumes in Lady Chatterley berichtete Herlitschka Frieda Lawrence (nach dem Tode ihres Mannes) noch, dass die Wahl auf den des Salzkammergutes fiel, weil
sich die gerade in diesen Dialektstellen bei aller Derbheit geltend machende Herzlichkeit und Wärme durch einen oberdeutschen (und besonders den gewählten) Dialekt besser herausbringen lässt, als durch einen niederdeutschen d.h. norddeutschen Dialekt (Weiß 2023: 148).
Grundsätzlich kam der Beurteilung der Übersetzungstätigkeit in zeitgenössischen Rezensionen selten mehr als der Umfang einer Randnotiz zu. Einschätzungen dieser Art hätten allerdings auch den Vergleich der zwei Sprachversionen zur Voraussetzung gehabt, was in den wenigsten Fällen die Ausgangslage gewesen sein dürfte (vor allem bei limitierten Veröffentlichungen wie Lady Chatterley). Bestenfalls stößt man dabei auf generelle Aussagen wie: „Die Übersetzung (von Herlitschka) macht einen hervorragenden Eindruck.“ (Wilhelm Süskind, Literatur; Weiß 2023: 283). Franz Blei fand Herlitschkas Übersetzung der Brücke von San Luis Rey immerhin „vortrefflich“ gelungen. Ernst Schwenk (Ernst Polak, ebenfalls wie Herlitschka nach England geflohen) lobte dieselbe Übersetzung als „mit Sorgfalt und Feinheit gearbeitet und ausgezeichnet“ und würdigte den Urhebern „einem unserer besten Übersetzer“ (beide Die Literarische Welt; Weiß 2023: 94f.). Dort wo die Leistung des Übersetzers in Rezensionen unberücksichtigt blieb, aber der Stil und die Ausdrucksstärke des Originalautors hervorgehoben wurden, bleibt zumindest die Frage nach dem Anteil des Übersetzers. Vor allem, wenn dieser nachweislich Eingriffe zur Stilerhöhung und kulturellen Verortung durchgeführt hatte (Weiß 2023: 98f.). Die angesprochene Dialektübersetzung des Protagonisten Oliver Mellors (Midland-Englisch zu Salzkammergut-Bayrisch) in der deutschen Lady Chatterley hatte wiederum Schwenk explizit als „philologische Leistung“ beschrieben (Weiß 2023: 223).
Anmerkungen
- 1Viele Jahre zuvor trat Marie Franzos im Bereich der skandinavischen Literatur als vermittelnde Übersetzerin auf.

