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Anna-Halja Horbatsch, 1924–2011

2. März 1924 Brodina (Rumänien) - 11. Juni 2011 Reichelsheim (Odenwald) (Bundesrepublik Deutschland)
Original- und Ausgangssprache(n)
Ukrainisch
Auszeichnungen
Bundesverdienstkreuz (2006)

Anna-Halja Horbatsch, geb. Lutziak, wurde in der Südbukowina geboren, was ihr ein multikulturelles Gepräge verliehen hat. Sie besuchte eine rumänische Volksschule und nach dem Umzug nach Czernowitz ein rumänisches Gymnasium. In der Familie wurde Ukrainisch gesprochen und in Czernowitz auch Deutsch, denn die Stadt gehörte bis 1918 zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Die Mutter hatte deutsche Wurzeln, daher konnte die Familie 1940 aus der an die Sowjetunion angeschlossenen Bukowina ins Deutsche Reich ausreisen. Anna-Halja besuchte in Deutschland ein Gymnasium, begann mit dem Medizinstudium und wechselte 1946 zum Studium der Slawischen und Romanischen Philologie in Göttingen. 1948 heiratete sie Olexa Horbatsch, einen Landsmann aus Galizien, der gerade an der Ukrainischen Freien Universität in München promovierte. Die junge Familie lebte in München, wo Anna-Halja ihre Slawistik-Studien an der Universität München fortsetzte und dann auch zur ukrainischen Literatur promovierte.

Horbatsch übersetzte seit Ende 1940er Jahre Texte ukrainischer Schriftsteller ins Deutsche und engagierte sich für die Verbreitung ukrainischer Literatur in Westdeutschland. Sie machte sich einen Namen als Übersetzerin, nachdem von ihr zwei große Anthologien ukrainischer Literatur vorbereitet und herausgegeben wurden: Blauer November. Ukrainische Erzähler unseres Jahrhunderts (1959) und Ein Brunnen für Durstige und andere ukrainische Erzählungen (1970). Danach übersetzte sie über zwanzig Bücher aus dem Ukrainischen, darunter Prosa von Mychajlo Kocjubyns’kyj, Hnat Chotkevyč, Andrij Tschajkowskyj, Lyrik von Iwan Switlytschnyj, Jewhen Swerstjuk, Wasyl Stus, Kinderbücher, Essays, Kosakengeschichten, womit sie zur produktivsten Ukrainisch-Übersetzerin in der Bundesrepublik wurde. Zur Popularisierung der ukrainischen Literatur und Kultur trug sie ferner bei durch Teilnahme an wissenschaftlichen Tagungen, durch Vorträge, Gespräche mit Slawisten, literaturwissenschaftliche Publikationen zu Ukraine-relevanten Themen.

1995 gründete Horbatsch, von der Familie unterstützt, ihren eigenen Verlag für die Vermittlung ukrainischer Literatur, den sie nach ihrem Geburtsort Brodina-Verlag nannte. In diesem Verlag erschienen weitere Übersetzungen zeitgenössischer ukrainischer Schriftsteller (Juri Andruchowytsch, Lina Kostenko, Viktor Kordun, Wassyl Herassymjuk u.a.) sowie thematische Anthologien.

Horbatsch verfasste wissenschaftliche Artikel zur ukrainischen Literatur, darunter auch für Kindlers Neues Literaturlexikon, übersetzte zwei Bände der Geschichte der ukrainischen Literatur von Mychajlo Voznjak (mit der Tochter Katharina), stellte zusammen, übersetzte und publizierte das deutsch-ukrainische Lesebuch mit kultur- und literaturhistorischen Prosatexten Die ukrainische Literatur entdecken (2001), sowie eine literaturwissenschaftliche Sammlung Die Ukraine im Spiegel ihrer Literatur. Dichtung als Überlebensweg eines Volkes (2002).

Seit Ende 1960er war sie als Bürgerrechts-Aktivistin tätig und versuchte u.a. durch Amnesty International der Weltöffentlichkeit über die prekäre Situation und die Verfolgungen von ukrainischen Kulturschaffenden in der Sowjetunion zu berichten, diese zu unterstützen und ihre Texte ins Deutsche zu übertragen. Sie organisierte und verschickte Hilfepakete an ukrainische Schriftsteller, die in sowjetischen Lagern waren, und kümmerte sich um die Publikation ihrer Manuskripte. Dank Horbatsch wurden mehrere Zeugnisse über die sowjetische Diktatur veröffentlicht, darunter Politische Gefangene in der Sowjetunion. Dokumente (1976), Jurij Badzio, Walerij Martschenko, Wassyl Stus, drei ukrainische Gewissensgefangene (1985), Dokumente zur Lage in der Ukraine (1991).

Aktiv unterstützte Horbatsch auch die ukrainische griechisch-katholische Kirche, die in der Sowjetunion verboten war, setzte sich für ukrainische Geistliche ein und publizierte zur Situation der Kirche in der Ukraine.

Bis zu ihrem Tode 2011 blieb Horbatsch als Übersetzerin und Kulturmittlerin aktiv, knüpfte Kontakte zwischen der Ukraine und deutschsprachigen Slawisten, setzte sich für den Ausbau der Ukrainistik an der Universität Greifswald ein, arbeitete mit dem Nachlass ihres Mannes, publizierte Bücher, aber in erster Linie engagierte sie sich dafür, ukrainische Literatur deutschsprachigen Lesern als eine reiche, eigenständige Literatur mit langer Tradition vorzustellen. Als Kulturmittlerin hat sie 2006 das Bundesverdienstkreuz sowie mehrere ukrainische Auszeichnungen erhalten.

Der Nachlass von Anna-Halja Horbatsch befindet sich zusammen mit dem ihres Mannes in der Lwiwer Nationalen wissenschaftlichen Stefanyk-Bibliothek.

Quellen

Ivanytska, Maria (2014): Die Entwicklung der deutsch-ukrainischen Literatur-Beziehungen und der Beitrag von Anna-Halja Horbatsch. In: Die Welt der Slawen Jg. 59 (2014), H.2, S. 268–292.

Zitierweise

Ivanytska, Maria: Anna-Halja Horbatsch, 1924–2011. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 20. Januar 2023.