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Nina Rubinstein, 1908–1996

2. Juli 1908 Berlin (Deutsches Reich) - 28. September 1996 New York (USA)
Original- und Ausgangssprache(n)
Deutsch, Englisch, Russisch
Schlagworte
Sonstige SchlagworteExil (NS-Zeit), Frankreich (Exil), Portugal (Exil), USA (Exil) Übersetzerisches ProfilExilübersetzer, Selbstübersetzung Übersetzte GattungenFachtexte, Romane, Sachtexte

Vorbemerkung der Redaktion

Zuvor erschienen in: Tashinskiy, Aleksey / Boguna, Julija / Rozmysłowicz, Tomasz: Translation und Exil (1933–1945) I: Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens. Berlin: Frank & Timme 2022, S. 447–450.

Nina Rubinsteins Lebensweg stand von Anfang an im Zeichen des Exils. Ihr Geburtsort Berlin war die Endstation der Flucht ihrer Eltern aus Russland: Sie war die Tochter zweier aus Lettland stammender exilierter Menschеwiki (Aleksandr Rubinstein, später: Alexander Stein, und Tatiana Rubinstein, geb. Mark). Nina Rubinstein wuchs zwar deutschsprachig auf. Daneben lernte sie aber auch Russisch. Nachdem sich ihre Eltern getrennt und sie mit ihrer Mutter von 1914 bis 1917 in Kopenhagen gelebt hatte, kam über ihren Schulbesuch außerdem noch Dänisch hinzu. 1917 folgte eine kurze Rückkehr nach Russland (Petrograd), das sie 1918 nach der Kriminalisierung und dem Ausschluss anderer Parteien durch die Bolschewiki wieder in Richtung Berlin verließen. Dort angekommen lernte sie in Privatschulen Englisch und Französisch. Nach ihrer Reifeprüfung (1928) begann sie an der Universität Berlin ein Studium der (chinesischen) Kunstgeschichte, das sie aber nach einem Semester wieder abbrach. Sie nahm stattdessen das Studium der Soziologie auf – von 1929 bis 1930 an der Universität Heidelberg, von 1930 bis 1933 an der Universität Frankfurt.

Ganz offensichtlich folgte sie ihrem Lehrer, dem Soziologen Karl Mann­heim, von Heidelberg nach Frankfurt. Mannheim wurde auch ihr Doktor­va­ter. Rubinstein reichte ihre Arbeit über Die französische Emigration nach 1789. Ein Beitrag zur Soziologie der politischen Emigration 1933 ein, konnte sie aber aufgrund der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Entlassung ihres Doktorvaters infolge des Gesetztes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums nicht mehr verteidigen. Während Mannheim nach England (London) floh, emigrierte sie nach Frankreich (Paris), wo sie bis 1940 blieb. Dort plante sie, ihr Doktoratsstudium an der Faculté des Lettres der Sorbonne fortzusetzen. Um sich für ein solches zu bewerben und ein ganzes Studienjahr für ihre Dissertation angerechnet zu bekommen, fing sie an, diese ins Französische zu übersetzen. Es blieb aber nur bei der Einleitung und dem für die Arbeit zentralen Kapitel Zur Herausbildung des Emigrantenbe­wusstseins. Schließlich fehlte ihr die Zeit, da sie auch ihren Lebensunterhalt verdienen musste. Sie arbeitete für eine französische Literaturagentur und betätigte sich außerdem als Feuilletonistin in der Emigrantenpresse.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht sah sich Rubinstein erneut ge­zwungen, die Flucht zu ergreifen. Über Südfrankreich gelang sie 1940 nach Lissabon, von wo aus sie im September desselben Jahres mit dem Schiff in die USA (New York) übersetzte. Dort versuchte sie erneut, ihr Doktorats­stu­dium abzuschließen. Auf Anraten Paul Tillichs fing sie 1941 an der New School for Social Research wieder an zu studieren, und zwar bei ihren alten Lehrern aus Frankfurt und Heidelberg. Da sie das Typoskript ihrer Dissertation bei ihrer Flucht aus Frankreich verloren hatte, bestand für sie jedoch keine Aussicht auf eine Promotion. Sie brach das Studium ab – obwohl ihr nur noch neun „credits“ gefehlt hätten (Raith 1999: 36). Schließlich sollte sie das Typoskript ihrer Dissertation doch noch zurückerhalten. Ihre Pariser Nachbarin hatte das Dokument gefunden und versteckt. Nach Kriegsende schickte sie es an Rubinstein nach New York. Trotzdem sollte es über 50 Jahre dauern, bis sie ihr Dissertationsprojekt offiziell abschließen konnte: 1989 wurde Nina Rubinstein an der Universität Frankfurt mit summa cum laude zum Dr. phil. promoviert. Die Veröffentlichung ihrer Dissertationsschrift konnte sie jedoch nicht mehr miterleben. Sie erschien unter dem Titel Die französische Emigration nach 1789: Ein Beitrag zur Soziologie der politischen Emigration im Jahre 2000 in Graz als sechster Band der Bibliothek sozial­wis­senschaftlicher Emigranten.

Translatorisches

Rubinsteins erste Übersetzungen fallen bereits in die Zeit vor der Flucht nach Frankreich und die USA. Schon während ihrer Schulzeit begann sie damit, russische Literatur ins Deutsche zu übersetzen. Zu den von ihr vor dem Exil übersetzten Autoren gehörten Boris bzw. Dmitrij Tschetwerikov (Die Rebel­lion des Ingenieurs Karinski, Berlin 1931), Boris Nikolajewsky (Asew, die Ges­chichte eines Verrates, Berlin 1932) und Nikolai Bogdanow (Dorf und Kom­mune, Berlin 1933). In Paris übersetzte sie nicht nur Teile ihrer Dissertation, um sich an der Sorbonne zu bewerben. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie ebenfalls als Übersetzerin (und Sekretärin) aus dem Englischen und Deut­schen ins Französische für eine französische Literaturagentur. Nachdem sie ihr Promotionsstudium in New York nicht abschließen konnte, arbeitete sie schließlich als Übersetzerin aus dem Deutschen ins Englische für das U.S. Office of War Information. Darauf folgte von 1947 bis 1954 eine Phase der selbständigen Übersetzungstätigkeit bei internationalen Konferenzen aus dem Englischen und Französischen ins Russische. Von 1955 bis 1968 war sie als Simultandolmetscherin bei den Vereinten Nationen (UNO) angestellt. Nach ihrer Pensionierung 1968 betätigte sie sich weiter als Simultandolmetscherin, außerdem als Übersetzerin russischer Literatur ins Englische und Deutsche. Zu den späteren Übersetzungen gehört Edward Topols U-137 oder Europa wird erschüttert (München 1983).

Literatur

Raith, Dirk (1999): Lebenserfahrung und historische Distanz. Nina Rubinstein (1908–1996) und ihr Beitrag zur Soziologie der politischen Emigration. In: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter Nr. 19, S. 32–41.

Archive

Nachlass-Sammlung des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich: ‹http://agso.uni-graz.at/webarchiv/agsoe02/bestand/39_agsoe/index.htm›.

Zitierweise

Rozmysłowicz, Tomasz: Nina Rubinstein, 1908–1996. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 27. Juli 2022.