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Anne Emmert, 1964–2024

2. Juli 1964 Gütersloh (Bundesrepublik Deutschland) - 15. Januar 2024 Creglingen (Bundesrepublik Deutschland)
Original- und Ausgangssprache(n)
Englisch, Französisch
Zielsprache(n)
Deutsch

Vorspann

Anne Emmert hat in drei Jahrzehnten etwa einhundertfünfzig Titel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Dazu gehörten viele belletristische Titel, ihr Schwerpunkt lag jedoch auf populärwissenschaftlichen und politischen Sachbüchern, in den ersten Jahren ihrer Berufstätigkeit vor allem auf Sachbüchern für Kinder und Jugendliche. 

Anne Emmert steht exemplarisch für die Übersetzer und Übersetzerinnen von Sachliteratur, über deren Arbeit noch seltener und auch lückenhafter berichtet wird als über die ihrer belletristischen Kollegen und Kolleginnen. Emmert hat entschieden dafür gekämpft, diese von der Öffentlichkeit unterschätzte Sparte des Übersetzens sichtbarer zu machen und ihr mehr Anerkennung zu verschaffen. 

Lebensdaten

Anne Emmert wurde am 2. Juli 1964 als Anne Linke in Gütersloh geboren. Ihre Eltern waren Ulrich Linke und Irmgard Linke, geborene Bergemann, Anne hatte einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. 

Sie wuchs in Ostfildern bei Stuttgart auf, nach dem Abitur verbrachte sie ein Jahr als Au Pair in London. Sie studierte in München und Würzburg Anglistik, Amerikanistik und Linguistik und schloss mit dem Magister ab. 1996 promoviert sie an der Universität Würzburg mit einer Arbeit über den irischen Dramatiker Brian Friels. Zwischen dem Magister-Abschluss und der Promotion arbeitet sie „in der Werbeabteilung des Reclam Verlags in Stuttgart und im Lektorat des Tessloff Verlags in Nürnberg“.1Webseite Emmert. Angesichts der Berufe ihrer Eltern, der Vater war Verlagsbuchhändler, die Mutter Buchhändlerin, nannte sie es naheliegend, dass sie „etwas mit Büchern“ habe machen wollen.

In den frühen neunziger Jahren zog sie mit ihrem Mann in das baden-württembergischen Dorf Creglingen, wo sie bis zu ihrem Unfalltod im Januar 2024 lebte und arbeitete.

Berufliche Laufbahn

Angesichts eines Landlebens mit zwei kleinen Kindern, die 1996 und 1998 zur Welt kamen, war Übersetzen, wie sie selbst sagte, zunächst eine „Notlösung“, die sich allerdings „schnell zur Leidenschaft entwickelte“.2Ebd. Der Blick auf ihre Bibliografie zeigt, was das konkret bedeutete, und erlaubt überdies Rückschlüsse auf Alltagsaspekte dieses Berufs, die selten thematisiert werden: Dass Übersetzen für Frauen mit kleinen Kindern eben oft eine „Notlösung“ ist, ein Job, bei dem sich Beruf und Gelderwerb mit den Anforderungen einer Familie in Einklang bringen lassen. 

Emmerts erste Übersetzung war das bebilderte Kindersachbuch Mein erstes großes Batterien-&-Magneten-Buch. Es erschien1993 bei ihrem damaligen Arbeitgeber, dem Tessloff Verlag, und ist mit 48 Seiten typisch für ihre folgenden zehn Berufsjahre. Sie übersetzte vor allem sehr kurze Texte, die sich in die knapp verfügbare Zeit einpassen ließen. Diese Kindersachbücher behandelten allerdings eine breite Palette ungewöhnlicher Sachgebiete, in die sie sich jeweils einarbeiten musste. 2003 wurde sie von einer Übersetzungsagentur angeworben, die sich um die Aufträge kümmerte, alle organisatorische Abläufe regelte und Vollbeschäftigung garantierte. Emmert wollte, so die Agenturleiterin Ute Mihr, „unbedingt ins Erwachsenen-Sachbuch“. In diesen Jahren erweiterte sie ihr Berufsfeld um Roman, vor allem aber um allgemeine Sachbücher. Die Titel wurden mit den Jahren komplexer und handwerklich anspruchsvoller, und nachdem sie ein Jahrzehnt lang allein übersetzt hatte, begannen mit dem Wechsel zur Agentur die Gemeinschaftsübersetzungen. 

Teamübersetzungen

Sie übersetzte oft in Teams. In den ersten Jahren wurden sie von der Agentur organisiert, meist, um allzu knappe Abgabetermine einhalten zu können. Mit Heike Schlatterer beispielsweise kam sie zusammen, weil „wir zum Teil ähnliche Spezialgebiete (Politik, Gesellschaft, Zeit- und Kulturgeschichte) hatten, mitunter ergänzten sie sich auch (bei Anne lag der Schwerpunkt mehr beim Aktuellen und Gesellschaftlichen, bei mir war es das Historische). Ich war manchmal länger mit der Recherche von Zitaten und dergleichen beschäftigt, dann wusste Anne, ‚wann genug ist‘. Aufgeteilt haben wir gemeinsame Übersetzungsprojekte nach Interessensgebieten, aber oft war es ganz schnöde der Zeitdruck (wer schafft wie viel in wie vielen Wochen).“ (Schlatterer, E-Mail an die Verf. 18. Juni 2026)

Mit Judith Elze übersetzte sie Susan Faludis Die Perlenohrringe meines Vaters, weil der Abgabetermin sehr eng war. Sie teilten die Kapitel untereinander auf und „lasen gegenseitig die jeweiligen Kapitelpäckchen Korrektur. Lösungen haben wir uns gemeinsam erarbeitet, entweder per Mail oder per Telefon, aber es gab keine großen Meinungsverschiedenheiten.“3Judith Elze betonte, dass „die Zusammenarbeit mit Anne jedes Mal ungeheuer produktiv und bereichernd“ gewesen sei. Elze empfindet Gemeinschaftsübersetzungen als fruchtbar und bereichernd, auch wenn das gegenseitiges Lektorat Mehraufwand bedeute. „Leider wird das von den Verlagen nicht materiell berücksichtigt, auch wenn wir am Ende sehr positive Rückmeldungen über Qualität und ‚Einheitlichkeit‘ der Texte erhalten.“ (Elze, E-Mail an die Verf. 13. Juni 2026)

Zu diesem Zeitpunkt hatte Emmert die Agentur verlassen und 2015 mit einigen Kollegen und Kolleginnen die Sachbuchwerkstatt gegründet, einen Zusammenschluss professioneller Übersetzer und Übersetzerinnen mit Schwerpunkt Sachbuch. Grundgedanke war ein kostenloses, selbst organisiertes Netzwerk, in dem die traditionellen „Einzelkämpfer“ als Gruppe auftraten. Jede und jeder arbeitete weiterhin für sich, doch sie teilten Wissen und Kontakte, arbeiteten, vor allem bei Termindruck, oft im Team, konnten füreinander einspringen usw. Der Zusammenschluss besteht weiterhin, er vereint die Vorteile einer Agentur ohne deren Nachteile wie eine exklusive Bindung und prozentuale Beteiligung an allen Honoraren.Als Emmert 2014 nicht mehr an die Agentur gebunden war, begann sie für das zur Friedrich-Ebert-Stiftung gehörende Online-Journal Internationale Politik und Gesellschaft zu arbeiten, in knapp zehn Jahren übersetzte sie 181 Beiträge.4Zu den von ihr übersetzten Autoren gehörten Uri Avnery, James Barrat, Urmila Bhoola, Ian Buruma, Amy Chan, Jeremy Corbyn, Thomas L. Friedman, Fred Kaplan, Paul Kennedy, Helen Lewis, Paul Mason, Branko Mlianovic, Marianne Moor, Chantal Mouffe und Robert B. Reich.  Eine solch langfristige feste Arbeitsbeziehung bedeutete finanzielle Sicherheit, fügten sich aber auch in Emmerts politische Arbeit ein.5Anne Emmert war zehn Jahre lang SPD-Stadträtin ihrer Heimatgemeinde Creglingen. 

Schwerpunkt Sachbuchübersetzen 

Im Laufe der Jahre wurde es Emmert immer wichtiger, gegen die Unsichtbarkeit der Sachbuchübersetzer und das (nicht immer) stillschweigende Urteil in der Öffentlichkeit und bei manchen Verlagen anzukämpfen, Sachliteratur sei grundsätzlich weniger anspruchsvoll als Belletristik. Rückblickend auf die Anfänge ihrer Berufstätigkeit sprach sie davon, dass Übersetzungen von Sachbüchern für Kinder und Jugendliche häufig geringgeschätzt werden, obwohl sie nicht nur wegen ihrer Themenbreite durchaus anspruchsvoll sein können: „Wird im Original ein Sachverhalt für die breite Leserschaft vereinfacht dargestellt, muss die Übersetzerin ihn erst verstanden haben, ehe sie ihn auch im Deutschen mit einfachen Worten formulieren kann.“ (Emmert 2023) Das gelte umso mehr, wenn komplexe Sachverhalte auf ein für Kinder verständliches und lesbares Niveau übertragen werden müssen.

In zwei längeren Texten befasste sie sich eingehend mit dieser Arbeit. Solch detaillierte Berichte über die Praxis des Sachbuch-Übersetzens sind äußerst selten.

2022 erhielt sie ein Brockes-Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds, das erfahrenen Übersetzern und Übersetzerinnen eine „schöpferische Auszeit“ ermöglichen soll, um zum Beispiel „die Sprachreservoire im Gehirn durch deutsche Lektüre aufzufüllen“ oder „einmal das Übersetzen und seine Poetik zu reflektieren“. Emmert nutzte dies zu einem Essay über die Vielschichtigkeit des Sachliteratur-Übersetzens, der unter dem Titel Über das Übersetzen von Sachliteratur erschien. (ebd.) 

 „Zur Nonfiction“, schreibt sie, „gehören unter anderem populärwissenschaftliche Sachbücher, Essays, Biografien, Autobiografien, Ratgeber diverser Sachgebiete, Reiseführer, Kochbücher, Bildbände und Jugendsachbücher. Eng verwandte Genres sind Fachbücher, wissenschaftliche und historiografische Werke.“ (ebd.) Ein Sachbuch verhandelt Wirklichkeit, während ein Roman, so das gängige Unterscheidungsmerkmal, Fiktion schafft. Der „starke Wirklichkeitsbezug“ der Sachliteratur bringt „in der Übersetzungsarbeit ein erhebliches Maß an Terminologie-, Sach- und Zitatrecherche mit sich. Recherchiert werden muss immer, wenn man ein Sachgebiet nicht dank vertiefter Vorbildung im Schlaf beherrscht.“ Sie veranschaulicht das an ihrer Arbeit an dem historischen Sachbuch Hitler in Griechenland des britischen Historikers Mark Mazowers. In den folgenden Abschnitten markierte sie im Original die zu recherchierenden Stellen sowie ihre Lösungen, besonders wies sie darauf hin, dass „für den historisch unspezifischen englischen Begriff auch mal die konkrete deutsche Bezeichnung gewählt wurde, zum Beispiel für ‚reports‘ ganz unten ‚Feindlageberichte‘“. 

At Army Group E headquarters outside Salonika it was the intelligence department (Ic/AO) which collected material on the guerillas. The chief analyst on Löhr’s staff was Hans Wende who had been a teacher at the German School in Athens before the war. […] As head of the ‘Greek Resistance Movement‘ section of the Ic department, subordinated to a certain Lieutenant Kurt Waldheim, he had access to information from field commanders, counter-intelligence agents and the local military police. Contacts with anti-communist circles in Athens provided further material. He wrote the first report on ‘the bandit situation in Greece’ in April 1943, at the request of General Winter, Löhrs chief of staff, and within several months was producing reports regularly. 

Im Hauptquartier der Heeresgruppe E bei Saloniki befand sich die Geheimdienstabteilung (Ic/AO), die Informationen über die Partisanen sammelte. Zuständig für »Bandenangelegenheiten« war in Löhrs Mannschaft Hans Wende, der vor dem Krieg als Lehrer an der Deutschen Schule in Athen unterrichtet hatte. […] Als Leiter des Referats »Griechische Widerstandsbewegung« der Abteilung Ic war er einem gewissen Oberleutnant Kurt Waldheim unterstellt, der Zugang zu den Informationen der Feldgendarmerie, desSicherheitsdienstes und der Geheimen Feldpolizei hatte. Kontakte mit antikommunistischen Zirkeln in Athen erbrachten weiteres Material. Seinen ersten Bericht über die „Bandenlage in Griechenland“verfasste Wende im April 1943 auf Anordnung von Löhrs Generalstabschef Generalmajor August Winter, und nach einigen Monaten schrieb er regelmäßig Feindlageberichte. (ebd.)

Selbstverständlich müssen auch in der Belletristik oft Sachbereiche recherchiert werden, doch ein Sachbuch verlangt eine völlig andere Herangehensweise: Was bedeutet es an Terminologie- und Sachrecherche? Wie aufwändig ist die Zitatsuche, vor allem, wenn ursprünglich deutsche Textstellen gefunden und in die Übersetzung eingepasst werden müssen? Die oben zitierten Passagen verdeutlichen, warum beim Übersetzen von Sachbüchern häufiger als bei belletristischen Texten von einem „Handwerk“ gesprochen wird. 

Wie im besten Sinne handwerklich Emmert ihre Übersetzungsangebote anging und auf welch immenses Erfahrungswissen sie sich dabei stützen konnte, beschrieb sie in einem Werkstattbericht über die neunmonatige Arbeit (2018/2019) an Kafkas letzter Prozess von Benjamin Balint.

Als ich zu lesen begann, war ich schon nach zehn Minuten oberflächlicher Lektüre ernüchtert, und zwar durchaus nicht wegen der Qualität des Textes. Vielmehr ließen ein Blick in die Endnoten und eine Zählung der Anführungszeichen (um die 3000) keinen Zweifel daran, was der Übersetzerin blühte: Zitate über Zitate, viele von Franz Kafka und Max Brod, die allermeisten ohne bibliografischen Beleg. In den Fußnoten, in den Endnoten: noch mehr Zitate ohne genaue Quellenangaben.6Emmert weiter: „Diese Schwierigkeiten vor Augen, war, das muss ich gestehen, mein erster Impuls, die Mammutaufgabe großzügig weiterzureichen: Ich fragte im Kollegenkreis herum, ob sich jemand gut mit Kafka oder gar Brod auskenne und Lust habe, sich auf diese Odyssee zu begeben. Die Absagen kamen prompt: Die meisten hatten keine Zeit, eine erfahrene Kollegin fragte, warum der Verlag ein so aufwendiges Buch überhaupt mache.“ (Emmert o. J.) (Emmert o. J.)

Allein die Suche nach den weit über 500 überwiegend unbelegten, zum Teil sehr kurzen Zitaten Kafkas und anderer Schriftsteller beanspruchte drei Wochen. „Manchmal war die englische Übersetzung eines deutschen Originalzitats so frei, dass ein Satz völlig neu aufgebaut werden musste.“ Was das konkret bedeutete, zeigt auch hier ein Vergleich von Original und Übersetzung sowie der Endnoten:

Kafka regarded the ending of „The Metamorphosis,” to take another example, as „imperfect almost to its very marrow.” On the one hand, Kafka was aware of „the enormous world I have inside my head.“ On the other, he recognized that „the inner world can only be lived, not described.“ („I am constantly trying to communicate something incommunicable,“ he wrote.) „Almost every word I wrote jars against the next,“ he noted in 1910. „My doubts stand in a circle around every word.“ [Keine Endnote]

So urteilte Kafka über das Ende von „Die Verwandlung“: „Unvollkommen fast bis in den Grund.“ Die „ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe“ war ihm bewusst, aber: „Die innere Welt läßt sich nur leben, nicht beschreiben.“ An Milena schrieb er 1920, „ich suche nur immerfort etwas Nicht-Mitteilbares mitzuteilen“, und schon 1910 hatte er in seinem Tagebuch beklagt: „Kein Wort fast das ich schreibe paßt zum andern […]. Meine Zweifel stehn um jedes Wort im Kreis herum“. [Endnote:] Kafka, 12. Januar 1914, in: Tagebücher, S. 624; 21. Juni 1913, S. 562. Nachgelassene Schriften und Fragmente2, S. 32. Kafka an Milena Pollak, 26. November 1920, in: Briefe 4, S. 372. 15. Dezember 1910, in: Tagebücher, S. 130. (ebd.)

Wie viele Übersetzer und Übersetzerinnen hatte auch Emmert während der Arbeit Kontakt mit dem Autor. Eher ungewöhnlich war, dass er selbst von Emmerts Recherchearbeit profitierte: „Er korrigierte gerade die Fahnen der englischen Ausgabe und arbeitete alles dankbar ein.“7„Wenn ich im Haupttext auf falsche Zitatzuordnungen stieß, teilte ich das dem Autor umgehend mit, denn er korrigierte gerade die Fahnen der englischen Ausgabe und arbeitete alles dankbar ein. Umgekehrt erhielt ich von ihm im Lauf der Arbeit noch acht Dateien mit Errata und eine Reihe von Ergänzungen.“ (ebd.) 

Sachliteratur beschränkt sich selten auf Wissen und Fakten, ebenso selten verläuft die stilistische Trennlinie zwischen fiction und non-fiction so hart und eindeutig wie oft vermutet. Der Germanist und Sachbuchlektor Andy Hahnemann betont den „hybriden Charakter“ des Sachbuchs, das sich „von Fall zu Fall fiktiver Charaktere, großer Erzählungen, typisierender Wahrnehmungen und persönlicher Erfahrungen, also genuin literarischer Strategien bedienen kann, ohne Tabellen, Formeln, Karten oder andere eher wissenschaftliche Darstellungsmodi aufzugeben“. (Hahnemann 2006) Eine besondere Schwierigkeit des Sachbuchs sah Emmert „oft darin, den individuellen Stil und die verwendeten literarischen Mittel mit der gebotenen Verständlichkeit auszutarieren“, die Annahme eines auktorialen Autor-Erzählers lege „für das Sachbuch eine eindimensionale und einstimmige Erzählung nahe, die sich so nur selten findet“. (Emmert, 2023)

Als Beispiel zitiert sie Faludis Die Perlenohrringe meines Vaters, in dem es ein Nebeneinander mehrerer Stimmen gibt. Der Ton ändert sich mit jeder Perspektive und jeder Erzählebene: „Ein wesentlicher Bestandteil der Übersetzungsarbeit ist daher neben der terminologischen Genauigkeit auch die nachvollziehbare und stilistisch adäquate Darstellung von Fakten oder Argumenten.“ Und weiter:

Als hybrides Genre, würde ich behaupten, stellt das Sachbuch somit besondere Anforderungen an die Übersetzerin: Neben sprachliche und stilistische Überlegungen tritt die intensive Auseinandersetzung mit Weltwissen, Mutmaßungen, Meinungen, kulturellen Diskursen. Diese Kombination aus literarischer Gestaltung und intensivem Wirklichkeitsbezug setzt das Sachbuch von der Fiktion ab. Allerdings sind die Grenzen zur Fiktion fließend, besonders in Hinblick auf Erzählstimmen, Haltung und Ton sowie den Einsatz literarischer Mittel. […] Sachbücher stellen nicht grundsätzlich niedrigere Anforderungen an die sprachliche Kreativität der Übersetzerin als belletristische Werke, sie stellen teilweise andere Anforderungen.

Berufspolitisches Engagement

Der Gedanke von Solidarität und gemeinschaftlichem Handeln waren nicht nur bei den Teamübersetzungen und der Gründung der Sachbuchwerkstatt prägend für ihr Leben. Mitte der 1990er Jahre, sie stand beruflich noch am Anfang, trat Emmert dem Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ) bei und begann sich schon bald berufspolitisch zu engagieren. Etwa Anfang der 2000er rief sie die Werkstatt Englisch-Deutsch/Deutsch-Englisch (später ViceVersa) ins Leben, die sich an der Jahre zuvor von Josef Winiger begründeten Französischwerkstatt orientierte. Sie fand, so die Englisch-Übersetzerin Karen Nölle, dass es so etwas auch für Englischübersetzer geben müsse, „startete eine Umfrage unter Kollegen, sprach mit deren Unterschriften beim DÜF [Deutscher Übersetzerfonds] vor, dann gingen wir zusammen an die Organisation“. Als die Werkstatt gut lief, zog Emmert sich zurück: „Eigentlich war es ihre Werkstatt, aber ihr hat es genügt, sie in Gang zu bringen, dann war sie weg.“ (Nölle, Kondolenzseite VdÜ). Besonders einflussreich war ihr zehn Jahre währendes Engagement in der Honorarkommission des VdÜ, ihre Aufgabe waren die Durchführung und Auswertung der Honorarumfragen (Emmert 2021).

Die REBEKKA 2024 

Mitte Dezember 2023 wurde Anne Emmert die REBEKKA 2024 zugesprochen. Der Übersetzerpreis wird vom Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e.V.  vergeben und ist eine Auszeichnung für langjähriges, begeistertes, herausragendes Übersetzen. Die dreiköpfige Jury ehrte sie als „Übersetzerin, die mit Akribie, Sorgfalt, terminologischer Genauigkeit und sprachlicher Eleganz vor allem Sachbücher übersetzt“ und teilte ihr das unmittelbar nach der Jurysitzung mit. 

Die Pressemeldung wurde am 15. Januar 2024 verschickt, am folgenden Tag kam die Nachricht, dass Anne Emmert und ihr Ehemann Günter am 15. Januar bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. Die Verleihung fand im März 2024 postum auf der Leipziger Buchmesse statt. Einige Verlage, mit denen sie zusammengearbeitet hatte, veröffentlichten im Börsenblatt des deutschen Buchhandels eine gemeinsame Traueranzeige. Dies ist eine für Übersetzer und Übersetzerinnen überaus ungewöhnliche Ehrung.8Die Verlage waren Berenberg, Edition Nautilus, S. Fischer, FISCHER Kinder und Jugendbuch. Der Text lautete: „Anne Emmert war nicht nur eine genaue, zuverlässige Übersetzerin mit einem feinen Sprachgefühl, sondern auch eine geduldige Rechercheurin, die noch die entlegensten Quellen auftrieb und der kein Detail entging. Vor allem aber war sie eine warmherzige, humorvolle, zugewandte, neugierige, engagierte, kluge und schlicht wunderbare Person.“ (Börsenblatt des deutschen Buchhandels, 22. Januar 2024)

Anne Emmert sah sich „als kreative Handwerkerin, die sich in neue Themenfelder, Gedankenwelten und kulturelle Gegebenheiten einarbeitet und einfühlt, die recherchiert, analysiert, interpretiert und sprachliche Eigenheiten, Haltung und Ton des Originals ins Deutsche überträgt.“ Neben dem Sachbuch-Übersetzen, für das sie brannte, wollte sie immer auch erzählende Literatur übersetzen, „eine Arbeit, die für das innere Gleichgewicht unglaublich wichtig ist. Dialoge, Sprachwitz, Atmosphäre, Spannung fordern einfach andere Areale des Gehirns und der Phantasie.“9Der Freundeskreis bittet alle Rebekka-Preisträger und -Preisträgerinnen, aus ihrer Publikationsliste zwei Lieblingstitel zu nennen. Emmert wählte zwei, die sie „sehr gefordert, mir aber auch unheimlich viel Freude gemacht haben: Laurie Penny, Unsagbare Dinge, Edition Nautilus 2015, und Suzette Mayr, Der Schlafwagendiener, Wagenbach 2023.“ (Emmert an Karen Nölle, E-Mail Dezember 2023)(Emmert o. J.)

Dank an: 

Anita Bone-Czerniejewski, Judith Elze, Katrin Harlaß, Eva Linke, Ute Mihr, Ute Schindler-Neidlein, Heike Schlatterer. 

Anmerkungen

  • 1
    Webseite Emmert.
  • 2
    Ebd.
  • 3
    Judith Elze betonte, dass „die Zusammenarbeit mit Anne jedes Mal ungeheuer produktiv und bereichernd“ gewesen sei.
  • 4
    Zu den von ihr übersetzten Autoren gehörten Uri Avnery, James Barrat, Urmila Bhoola, Ian Buruma, Amy Chan, Jeremy Corbyn, Thomas L. Friedman, Fred Kaplan, Paul Kennedy, Helen Lewis, Paul Mason, Branko Mlianovic, Marianne Moor, Chantal Mouffe und Robert B. Reich. 
  • 5
    Anne Emmert war zehn Jahre lang SPD-Stadträtin ihrer Heimatgemeinde Creglingen. 
  • 6
    Emmert weiter: „Diese Schwierigkeiten vor Augen, war, das muss ich gestehen, mein erster Impuls, die Mammutaufgabe großzügig weiterzureichen: Ich fragte im Kollegenkreis herum, ob sich jemand gut mit Kafka oder gar Brod auskenne und Lust habe, sich auf diese Odyssee zu begeben. Die Absagen kamen prompt: Die meisten hatten keine Zeit, eine erfahrene Kollegin fragte, warum der Verlag ein so aufwendiges Buch überhaupt mache.“ (Emmert o. J.)
  • 7
    „Wenn ich im Haupttext auf falsche Zitatzuordnungen stieß, teilte ich das dem Autor umgehend mit, denn er korrigierte gerade die Fahnen der englischen Ausgabe und arbeitete alles dankbar ein. Umgekehrt erhielt ich von ihm im Lauf der Arbeit noch acht Dateien mit Errata und eine Reihe von Ergänzungen.“ (ebd.) 
  • 8
    Die Verlage waren Berenberg, Edition Nautilus, S. Fischer, FISCHER Kinder und Jugendbuch. Der Text lautete: „Anne Emmert war nicht nur eine genaue, zuverlässige Übersetzerin mit einem feinen Sprachgefühl, sondern auch eine geduldige Rechercheurin, die noch die entlegensten Quellen auftrieb und der kein Detail entging. Vor allem aber war sie eine warmherzige, humorvolle, zugewandte, neugierige, engagierte, kluge und schlicht wunderbare Person.“ (Börsenblatt des deutschen Buchhandels, 22. Januar 2024)
  • 9
    Der Freundeskreis bittet alle Rebekka-Preisträger und -Preisträgerinnen, aus ihrer Publikationsliste zwei Lieblingstitel zu nennen. Emmert wählte zwei, die sie „sehr gefordert, mir aber auch unheimlich viel Freude gemacht haben: Laurie Penny, Unsagbare Dinge, Edition Nautilus 2015, und Suzette Mayr, Der Schlafwagendiener, Wagenbach 2023.“ (Emmert an Karen Nölle, E-Mail Dezember 2023)

Quellen

Emmert, Anne (o. J.): Werkstattbericht. Benjamin Balint: Kafkas letzter Prozess. Berlin: Berenberg Verlag 2019. Online unter https://anne-emmert.com/werkstattbericht/ [Letzter Abruf 13. Juni 2026]
Emmert, Anne (2021): Mehr Fairness bitte! In: Wir übersetzen Literatur. Hg. Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.
Emmert, Anne (2023): Über das Übersetzen von Sachliteratur. In: TraLaLit. Magazin für übersetzte Literatur, 31. Mai 2023. Online unter https://www.tralalit.de/2023/05/31/sachbuch-uebersetzen/ [Letzter Abruf 13. 6. 2026]
Hahnemann, Andy (2006): „Aus der Ordnung der Fakten“, Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung 9, Berlin / Hildesheim, S. 8.

Sonstige Quellen

Judith Elze, E-Mail an die Autorin 13. Juni 2026.
Ute Mihr, Telefongespräch mit der Autorin 7. Juli 2026.
Heike Schlatterer, E-Mail an die Autorin 18. Juni 2026.
Webseite Anne Emmert https://anne-emmert.com/ [Letzter Abruf 18. Juni 2026]
Kondolenzbuch des VdÜ https://literaturuebersetzer.de/kondolenzbuch/ [Letzter Abruf 18. Juni 2026]

Zitierweise

Drolshagen, Ebba D.: Anne Emmert, 1964–2024. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 14. Juli 2026.
BeschreibungAnne Emmert (Foto und @ Anita Bone-Czerniejewski)
Datum13. Juli 2026
Anne Emmert (Foto und @ Anita Bone-Czerniejewski)