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Margarete Längsfeld, 1936–2023

11. Juli 1936 Oberhausen (Rheinland) (Deutsches Reich) - 3. August 2023 Ismaning (Bundesrepublik Deutschland)
Berufe/Tätigkeiten
Übersetzerin, VdÜ-Mitglied
Original- und Ausgangssprache(n)
Englisch
Zielsprache(n)
Deutsch
Auszeichnungen
Rebekka – Preis für langjähriges Übersetzen (2024; postum als „Rebekka der ersten Stunde“ )

Vorspann

Wie viele Übersetzer und Übersetzerinnen ihrer Generation, kam Margarete Längsfeld eher zufällig zu ihrem Beruf, der dann zum Lebensinhalt, ja zur Leidenschaft wurde. In den vierzig Jahren ihrer Berufstätigkeit übersetzte sie weit über 200 Titel (Tatz 2023), einige Sachbücher, vor allem aber belletristische Texte. Zu „ihren“ Autorinnen und Autoren gehörten Audre Lorde, Victoria Holt, Kazuo Ishiguro, Rosamunde Pilcher, Carol Shields, Gita Mehta und Rita Mae Brown.

Margarete Längsfeld steht stellvertretend für die zahllosen Übersetzerinnen und Übersetzer, die auf das breite Spektrum von Unterhaltungsliteratur spezialisiert sind. Diese Titel bilden mit teils hohen Auflagen das finanzielle Rückgrat von Verlagen und Buchhandel, werden aber vom deutschen Feuilleton kaum beachtet.

Lebensdaten

Sie kam 1936 als Margarete Maria Steinhauer in Oberhausen zur Welt. Ihre Mutter Maria, geborene Hemmers, „Fabrikantentochter aus großbürgerlichem Hause“, war nicht berufstätig, Vater Josef war Elektroingenieur und arbeitete im Unternehmen seines Schwiegervaters.1Für biographische Details danke ich Sabine Tatz. (Sabine Tatz, E-Mail an die Autorin und Telefongespräche im Juli 2026). Margarete war die ältere von zwei Töchtern. Mit 12 Jahren kam sie in ein katholisches Mädchenpensionat, ein traumatischer Einschnitt war vier Jahre später der Tod der Mutter, die von einem Einbrecher ermordet wurde. Aus einer zweiten Ehe des Vaters hatte Margarete Längsfeld eine weitere Schwester.

Nach dem Abitur in Oberhausen reiste sie für etwa zwei Monate in die USA, es blieb der einzige längere Auslandsaufenthalt ihres Lebens. Ein Studium der Volkswirtschaftslehre in Göttingen brach sie vor der Diplomarbeit ab, um Anfang der 1960er Jahre ihrem späteren Ehemann nach München zu folgen. Wolfgang Längsfeld baute dort die Hochschule für Fernsehen und Film mit auf. Das Paar bekam zwei Töchter und wohnte ab Mitte der 1960er Jahre in Ismaning nördlich von München. Dort blieb sie auch nach der Scheidung, 2007 heiratete sie ihren langjährigen Lebensgefährten Michael (Mike) Wiedemann. 2014 erlitt sie einen Schlaganfall, dessen Folgen ihr Leben stark beeinträchtigten.

Margarete Längsfeld starb im August 2023.

Berufliche Laufbahn

Wie alle Übersetzende ihrer und früherer Generationen war auch Längsfeld Autodidaktin. Eine theoretische Berufsausbildung war damals auch kaum möglich: Der erste bundesrepublikanische Studiengang Literaturübersetzen begann im Wintersemester 1987/88 an der Universität Düsseldorf.2Vgl. Nies u. a. 1989. Die überwiegende Mehrheit der Berufsübersetzer und -übersetzerinnen betrachtete diesen Studiengang damals mit Skepsis, wenn nicht gar leiser Verachtung. Es schien Konsens darüber zu herrschen, dass man wahres literarisches Übersetzen nicht durch ein Studium erlernen kann. Die ersten Übersetzungen, zwei Sachbücher über Pop Art, waren für ihre weitere Laufbahn untypisch. Der in München ansässige Verlag Droemer Knaur hatte sie Wolfgang Längsfeld zur Übersetzung angeboten, vermutlich, weil er auch Kunstkritiken für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er „delegierte sie an seine Frau“, wie ihre Tochter Sabine Tatz berichtete. Pop art von Lucy R. Lippard und der Sammelband Psychedelische Kunst erschienen 1968, bzw. 1969 als Übersetzung „von Wolfgang u. Margarete Längsfeld“. Längsfelds nächste Übersetzung Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus, wieder ein kunsthistorisches Sachbuch, folgte erst sechs Jahre später. Hier trat sie zum ersten Mal als alleinige Übersetzerin in Erscheinung. Ihre Kollegin Martina Tichy berichtete, sie habe in den ersten Jahren kein eigenes Arbeitszimmer gehabt, sondern ihre Übersetzungen im Alltagstrubel mit zwei kleinen Kindern am Esstisch der Familie getippt.3Martina Tichy, Telefongespräche mit der Verfasserin im Juli 2026.

1977 kam mit Ein Blatt im Wind von Lonnie Coleman der erste Roman. Wie Pop Art, erschien auch Coleman im Verlag Droemer Knaur. Dort gab es einen Lektor, der Margarete Längsfeld in den ersten Jahren förderte und regelmäßig mit Aufträgen versorgte.4Der Name des Droemer-Lektors ließ sich leider nicht mehr feststellen. Ihr zweiter wichtiger Mentor war der Rowohlt-Lektor Helmut Frielinghaus.

Dem „Südstaatenschmöker“ Ein Blatt im Wind folgte eine lange Reihe von Unterhaltungsromanen, denen die kritische Anerkennung als „Literatur“ oft versagt blieb, die aber beim Publikum beliebt und kommerziell erfolgreich, mitunter sehr erfolgreich waren. Viele ihrer Übersetzungen erlebten mehrere Auflagen. Allein von Rita May Brown übertrug sie mehr als vierzig Titel, darunter vierundzwanzig aus der Katzen-Krimi-Serie Mrs. Murphy. Damit ist Brown

eine der wenigen amerikanischen Autorinnen mit einem größeren auf deutsch erschienenen Werk, der (fast) konsequent eine deutsche Stimme beschert ist. Seit Jacke wie Hose bestimmt Margarete Längsfeld den Ton, in dem Rita Mae Browns Gestalten hierzulande zu hören sind, den Geschmack ihres Humors. Ihrer Arbeit verdanken wir detailtreue, genussvolle Nachschöpfungen und das Vergnügen, mit der Autorin einen typischen Klang zu verbinden. Dafür ist nicht zuletzt Rita May Brown dankbar, die bei jährlichen Lesereisen erlebt, wie das deutschsprachige Publikum auf Margarete Längsfelds Version ihrer Texte reagiert. (Nölle-Fischer 1997)

Als kleinen Einblick in ihre Arbeit sollen hier einige Passagen aus den ersten Seiten von Victoria Holts Roman Geheimnis einer Nachtigall (1988) kommentiert werden.5Holt, Victoria: Secret for a nightingale (1986). Victoria Holt, Geheimnis einer Nachtigall. München: Droemer Knaur 1988. Typisch für Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche sind beispielsweise verbale Auflösungen:

I was sitting up in bed, shivering, my hands, clammy, clutching the sheets, staring into darkness.

Dann saß ich zitternd im Bett, umklammerte mit feuchten Händen das Laken und starrte in die Dunkelheit.

Wie früher weit mehr als heute üblich, finden sich auch eingefügte Erläuterungen fremder Realienbezeichnungen wie „meine Kinderfrau, die man in Indien Aja nannte“:

I was not exactly an angelic child and my ayah and Mrs. Fearnley, who had been my governess up to the time I was ten years old, had said they never knew what to expect of me.

Ich war nicht gerade ein fügsames Kind, und meine Kinderfrau, die man in Indien Aja nannte, sowie meine Gouvernante Mrs. Fearnley pflegten zu sagen, man wisse nie, wie ich mich verhalten würde.

Auffallend ist in dieser Passage, neben dem Konjunktiv der indirekten Rede, dass bei „angelic child“ auf die Assoziation zu „Engel“, und am Ende des Satzes bei „wie ich mich verhalten würde“ auf den Außenblick verzichtet wurde, wie er in „what to expect of me“ angelegt ist, mit der Folge, dass dieser Satz seine subtile Selbstironie verliert.

Für eine faire Beurteilung solcher Verschiebungen ist zu bedenken, dass für die Übersetzung reiner Unterhaltungsliteratur nicht dieselben Regeln gelten wie für Höhenkamm- und Sachliteratur. So sind etwa auch Kürzungen üblich, manchmal nur weniger Worte, mitunter mehrerer Sätze oder ganzer Abschnitte.

I met Aubry for the first time in India where my father war stationed. I had just gone out to join him after seven years in England, where I have been at school, spending my holidays at the rectory with my Uncle James and Aunt Grace, who had nobly stepped into the breach to look after a brother-in-law’s daughter who must, like all English young ladies of good family, be educated in England. The necessity naturally caused the usual complications to people serving in the outpost of Empire and, as was generally the case, good-natured relatives came to the rescue.

Ich hatte Aubrey in Indien kennengerlernt, wo mein Vater Dienst tat. Ich war seit kurzem wieder bei ihm, nachdem ich sechs [sic] Jahre in England zur Schule gegangen war und die Ferien bei Onkel James und Tante Grace im Pfarrhaus verbracht hatte. Die beiden waren großzügig in die Bresche gesprungen und hatten sich der Tochter des Schwagers angenommen, die wie alle jungen Damen aus guter Familie natürlich in England erzogen werden musste.6Der folgende Satz mit seiner Einordnung des Geschehens fehlt. Bei dem Fehler sechs statt sieben Jahre kann es sich um eine später vorgenommene Änderung im Original handeln. Möglich wäre auch, dass Längsfeld aus einer früheren Fassung übersetzte.

Solche Kürzungen sind dazu gedacht, Informationen und Reflexionen zu entfernen, die Leser und Leserinnen mit einem anderen kulturellen Hintergrund in ihrem Lesefluss stören könnten. Werden aber einer Erzählung wie dieser die vermeintlich entbehrlichen Detailschilderungen und ausschmückenden Umwege genommen, gewinnt der gemächliche Plauderton der Protagonistin auf Deutsch an Tempo und klingt somit moderner als im Original. Eingestreute altmodisch klingende Wendungen (wenn z. B. aus „servants scurrying around“ Dienstboten werden, die „eilends umherhuschen“) können das nicht auffangen.

Für Unterhaltungstexte gab und gibt es häufig Vorgaben aus dem Lektorat der jeweiligen Verlage. Das macht es schwierig, Längsfelds Arbeit anhand der publizierten Texte zu beurteilen. Die Arbeit der Lektoren und Lektorinnen, seien es die Vorgaben, die sie Übersetzern und Übersetzerinnen machen, oder ihre Eingriffen in deren Manuskripte, die im veröffentlichten Text nicht mehr nachzuvollziehen sind, ist der große Faktor X der Buchbranche. Denn in aller Regel erfährt die Öffentlichkeit nichts darüber, welche Rolle sie beim Entstehen eines Titels spielen.

Das gilt selbstverständlich für alle lektorierten und publizierten Texte gleich welcher Art. Und jede belletristische Übersetzung steht vor einer zuerst von Friedrich Schleiermacher formulierten Entscheidung:

Entweder der Uebersezer läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe, und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen. (Schleiermacher 1813: 47)

Doch der Spielraum, der sich daraus ergibt, wird in der Unterhaltungsliteratur häufig großzügiger genutzt als in der sogenannten Höhenkammliteratur. Weil sich ein Roman vor allem „gut lesen“ soll, bringt Unterhaltungsliteratur einen Text im Zweifel immer zum Leser. Hier nun ist der Einfluss des Lektorats mitunter noch gravierender als bei anderen Genres, denn dort liegt in der Regel die letzte Entscheidung darüber, wie viel Fremdes getilgt wird. Dies kann die ursprüngliche Übersetzung so überschreiben, dass die Eigenleistung des Übersetzers kaum noch zu bestimmen ist.

Dass es dabei unter den Beteiligten zu Meinungsverschiedenheiten bis hin zu ernsten Zerwürfnissen kommen kann, liegt auf der Hand. Margarete Längsfeld machte offensichtlich eine Reihe schwieriger Lektoratserfahrungen, die sie in dem Text Lektoriert denn niemand die Lektoren? beschrieb. Sie lobte zum einen die wichtige, hilfreiche Zusammenarbeit mit erfahrenen Lektorinnen und Lektoren, beklagte aber, dass

die jungen Sprachunkundigen Einzug in die Lektorate unserer Verlage gehalten [haben]. Unschuldig-unerfahren dürfen sich die Nachwuchs-Lektoren frisch, frei und ungestraft über unsere Manuskripte hermachen. Gestraft sind nur wir, die wir viel unbezahlte Zeit darauf verwenden müssen, unsere Texte gegen schlechtes Deutsch zu verteidigen. […] Wieso ist es eigentlich unsere Aufgabe, junge Lektoren anzulernen? (Längsfeld 1987a)

Fruchtbar hingegen verlief die Zusammenarbeit mit der damaligen Lektorin Miriam Mandelkow, die für Rowohlt mit Längsfeld an mehreren Romanen von Rita Mae Brown arbeitete. Längsfeld habe ihr „häufig Kommentare zu ihren Übersetzungsentscheidungen in die Fußnoten gesteckt“.7Miriam Mandelkow, Telefongespräch mit der Verfasserin 20. Juli 2026. Unterschiedliche Auffassungen über den zu lektorierenden Text wurden damals noch mit Bleistift auf Papier, brieflich und in langen Telefonaten diskutiert und geklärt. Dabei konnte es stürmisch zugehen. Aber Übersetzerin und Lektorin verstanden sich gut und schätzten einander, Mandelkow sagte, Längsfeld sei ein sehr humorvolles Gegenüber gewesen. Längsfeld arbeitete, so lange sie irgend konnte. Sie war, wie ihre Tochter schrieb, „äußerst diszipliniert, das Übersetzen war ihr Leben“. Ihre letzten Übersetzungen, zwei Kriminalromane von Rita Mae Brown, tippte sie, halbseitig gelähmt, mit nur einer Hand. Das zeugt auch davon, wie wichtig ihr die Autorin Rita Mae Brown im Allgemeinen und deren Katzenkrimis im Besonderen waren.8Die nach Längsfelds Tod erschienen Katzenkrimis von Rita Mae Brown wurden bisher nicht ins Deutsche übersetzt.

Sprachpolitik

Eine ungewöhnliche Erfahrung machte Längsfeld mit der US-amerikanischen Schriftstellerin und Dichterin Audre Lorde. 1987 übertrug der Orlanda Verlag ihr die Übersetzung von Lichtflut, doch „Audre Lorde bestand zunächst auf einer afrodeutschen Übersetzerin; sie befürchtete, eine Weiße könnte ihr ‚Schwarzsein‘, ihre Empfindungen als Schwarze, ihre Probleme nicht vermitteln“ und willigte erst ein, als ihr der Verlag zusicherte, die Ergebnisse von Längsfelds Arbeit „von einer Afrodeutschen gegenlesen zu lassen“. (Längsfeld 1987b) Was heute als sensitivity reading gang und gäbe, ja obligatorisch ist, war damals neu und sorgte bei Verlag und Übersetzerin für große Verunsicherung.

Autorin und Übersetzerin lernten sich anlässlich einer Lesung in Frankfurt am Main kennen. Längsfeld schrieb:

Audre Lorde wollte ihre Gedichte auf englisch, afrodeutsche Frauen sollten ‚meine‘ Texte auf deutsch lesen, und ein Gedicht sollte ich vortragen; Audre Lorde hatte es ausgesucht, es ging um eine schwarze und eine weiße Frau, sie meinte, das könne von einer Weißen gelesen werden. […] Wir mochten und verstanden uns auf Anhieb. […] Nach diesem Abend war nicht mehr die Rede davon, daß die von mir übersetzten Texte und Gedichte von einer Afrodeutschen gegengelesen werden müßten. Die Autorin war mit der Übersetzerin einverstanden. (Längsfeld, 1987b)

Leider sagt sie nicht, ob sie sich den Lorde-Texten anders näherte als anderen Übersetzungen. Hier war sie aufgrund der Bedenken der Autorin in eine Diskussion geraten, die erst Jahrzehnte später, mit der Debatte um die Übersetzung der amerikanischen Dichterin Amanda Gorman nämlich, Fahrt aufnehmen sollte: Wie nah muss ein Übersetzer, eine Übersetzerin den Erfahrungswelten einer Autorin oder eines Autors sein, um eine Übersetzung übernehmen zu dürfen? Oder sehr verkürzt gefragt: Wer darf was übersetzen?9Um diese Frage drehte sich die sogenannten Rijneveld-Debatte von 2021. Zahlreiche Beiträge hierzu finden sich auf der Webseite des Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ). https://literaturuebersetzer.de/aktuelles/medien-ueberblick-rijneveld-debatte-2021/ sowie hier: https://www.toledo-programm.de/talks/1346/beruhrungsangste

Anders war es bei dem Thema nicht-sexistischer Sprachgebrauch, das in Westdeutschland bereits seit Mitte der 1970er Jahre auch jenseits literarischer Kreise äußerst kontrovers diskutiert wurde. Als Längsfeld 2000 einen Text mit dem programmatischen Titel Für die Frau – nicht gegen die Sprache veröffentlichte, hatte sie sich schon seit Jahren mit dem Thema befasst. Sie sprach von „fraueneinbindendem Übersetzen“, das sie zu „fraueneinbindender Sprache“, bzw. zu „nicht sexistischem Sprachgebrauch“ erweiterte, und präsentierte aus ihrem „Übersetzerinnenalltag ein paar Tricks, wie sich frauenfreundlich formulieren läßt, ohne daß die Sprache verhunzt wird“ (Längsfeld, 2000).10Der Aufsatz basiert auf einem Referat, das sie im Juni 2000 auf dem Kongress „Übersetzung aus aller Frauen Länder: Theorie und Praxis feministischer Übersetzung“ an der Karl-Franzens-Universität Graz hielt. Sie wählte geschlechtsneutrale Begriffe wie Lehrerschaft, Kollegium und Kundschaft. Das Wörtchen „man“ lasse sich zwar recht einfach umgehen, sie verwende es aber im Alltag und in literarischen Texten,

unter anderem deshalb. weil es klein geschrieben, mit einem ‚n‘, dem englischen ‚man‘ entspricht, das ja zunächst einmal Mensch heißt und nicht ausschließlich etwas mit dem großgeschriebenen Mannsbild mit zwei ‚n‘ zu tun hat. (Ebd.)

Wenn sich Ausdrücke wie ‚sein eigener Herr sein‘ auf Frauen beziehen, benutzte sie als Alternativen

Frauen stehen auf eigenen Füßen (und nicht ihren Mann), sie sind selbständig, beherrschen fachkundig, nicht fachmännisch ihr Metier: selbst ist die Frau läßt sich vorzüglich benutzen, ohne ironisch zu klingen. (Ebd.)

Sie plädierte auch für einen „konstruierten Plural, der per se beide Geschlechter einbindet“ und meinte damit die inzwischen gebräuchlichen substantivierten Partizipien wie Lesende und Schreibende. Längsfelds Überlegungen und Lösungsvorschläge mögen eindimensional wirken. Eine solche Einschätzung verkennt zum einen den damaligen Forschungs- und Debattenstand zur gendergerechten Sprache, der mit dem heutigen nicht zu vergleichen ist, und zum anderen, wie heftig diese Fragen damals auch unter Übersetzern und Übersetzerinnen diskutiert wurden. Längsfeld erlebte wegen dieses Textes auch im Kollegenkreis durchaus heftigen Gegenwind.

Tandemübersetzungen

Längsfeld hat häufiger mit Kolleginnen und Kollegen im Tandem übersetzt, darunter Martina Tichy. Sie und Barbara Scriba-Sethe wurde Ende der 1990er Jahre vom Rowohlt-Verlag mit Längsfeld zusammengespannt, um Rita Mae Browns Autobiographie zu übersetzen, die zweibändig als Rubinrote Rita und Rubinroter Dschungel erschien. Tichy kam „als damals noch ziemlich blutige (wenn auch nicht mehr blutjunge) Anfängerin mit an Bord“ (Tichy 2023). Obwohl sie sich vorher nicht kannten, nahm Längsfeld die Anfängerin offen auf und behandelte sie als ebenbürtige Kollegin, indem sie beispielsweise die übersetzten Passagen zum Gegenlesen untereinander austauschten. Tichy erwähnte auch, dass Übersetzungstheorien nicht Längsfelds Sache gewesen seien, sie habe sehr nach Gefühl übersetzt – und „gegenüber nicht so gelungenen Originaltexten immer eine entspannte Toleranz gehabt“.11Martina Tichy, Telefongespräch mit der Verfasserin. Im  Juli 2026.

Berufspolitisches und -praktisches

Längsfeld war der persönliche und auch der gewerkschaftliche Zusammenhalt mit ihren Kollegen und Kolleginnen sehr wichtig. Sie gehörte dem Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ) an und war seit der Gründung 1996 aktives Mitglied des Münchner Übersetzer-Forums. Sie und ihr Mann Mike Wiedemann luden auch dann noch zum jährlichen MÜF-Sommerfest in ihren Garten ein, als sie bereits auf den Rollstuhl angewiesen war. Und mit der Hilfe ihres Mannes kam sie trotz dieser Einschränkung noch mehrere Jahre lang zur Jahresversammlung des VdÜ in Wolfenbüttel und nahm auch an Seminaren teil.

In Übersetzerkreisen war sie eine der Ersten, die von der Schreibmaschine auf den Computer und dann, sobald es sie gab, auf einen Laptop wechselte. Und sie war auch eine der Ersten, die betonten, „dass wir Schreibtischarbeiterïnnen nicht vergessen sollten, dass wir auch schonungsbedürftige Körper haben. Diese Einsicht hat sie dann auch gleich in die Praxis umgesetzt.“12Ulrich Blumenbach, E-Mail an die Verfasserin, 17. Juli 2026. Sie begann nämlich bei einer VdÜ-Jahrestagung in Bergneustadt, auf eigene Initiative und außerhalb des offiziellen Kursprogramms, in der samstäglichen Mittagspause eine kostenlose Gymnastikstunde anzubieten.13Sie hatte „diverse Übungsleiter*innen-Scheine gemacht und gab in der VHS in ihrem Heimatdorf Ismaning Gymnastikstunden“. (Sabine Tatz, E-Mail an die Verfasserin, 2. Juli 2026). Damit gab es zum ersten Mal seit Beginn der Jahrestagungen im Jahr 1968 einen Programmpunkt, der nicht im engeren oder weiteren Sinne mit Textarbeit zu tun hatte. Ihre Gymnastik- und Yogastunden begannen in den frühen 1990er Jahren und endeten erst mit Längsfelds Erkrankung. Es ist auch ihr zu verdanken, dass Körperarbeit-Kurse inzwischen zum „offiziellen“ Programm der Jahrestagung gehören.

Rebekka der ersten Stunde

Am 22. März 2024 wurden im Rahmen der Leipziger Buchmesse zwei Kolleginnen mit der Rebekka geehrt. Dieser Preis wird vom Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e.V. vergeben und zeichnet langjähriges, begeistertes und herausragendes Übersetzen aus. Anne Emmert bekam die Rebekka 2024, zum ersten Mal vergeben wurde die Ehrenauszeichnung Rebekka der ersten Stunde, sie ging postum an Margarete Längsfeld.

Dank an: Ulrich Blumenbach, Miriam Mandelkow, Karen Nölle, Sabine Tatz, Martina Tichy.

Anmerkungen

  • 1
    Für biographische Details danke ich Sabine Tatz. (Sabine Tatz, E-Mail an die Autorin und Telefongespräche im Juli 2026).
  • 2
    Vgl. Nies u. a. 1989. Die überwiegende Mehrheit der Berufsübersetzer und -übersetzerinnen betrachtete diesen Studiengang damals mit Skepsis, wenn nicht gar leiser Verachtung. Es schien Konsens darüber zu herrschen, dass man wahres literarisches Übersetzen nicht durch ein Studium erlernen kann.
  • 3
    Martina Tichy, Telefongespräche mit der Verfasserin im Juli 2026.
  • 4
    Der Name des Droemer-Lektors ließ sich leider nicht mehr feststellen.
  • 5
    Holt, Victoria: Secret for a nightingale (1986). Victoria Holt, Geheimnis einer Nachtigall. München: Droemer Knaur 1988.
  • 6
    Der folgende Satz mit seiner Einordnung des Geschehens fehlt. Bei dem Fehler sechs statt sieben Jahre kann es sich um eine später vorgenommene Änderung im Original handeln. Möglich wäre auch, dass Längsfeld aus einer früheren Fassung übersetzte.
  • 7
    Miriam Mandelkow, Telefongespräch mit der Verfasserin 20. Juli 2026.
  • 8
    Die nach Längsfelds Tod erschienen Katzenkrimis von Rita Mae Brown wurden bisher nicht ins Deutsche übersetzt.
  • 9
    Um diese Frage drehte sich die sogenannten Rijneveld-Debatte von 2021. Zahlreiche Beiträge hierzu finden sich auf der Webseite des Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ). https://literaturuebersetzer.de/aktuelles/medien-ueberblick-rijneveld-debatte-2021/ sowie hier: https://www.toledo-programm.de/talks/1346/beruhrungsangste
  • 10
    Der Aufsatz basiert auf einem Referat, das sie im Juni 2000 auf dem Kongress „Übersetzung aus aller Frauen Länder: Theorie und Praxis feministischer Übersetzung“ an der Karl-Franzens-Universität Graz hielt.
  • 11
    Martina Tichy, Telefongespräch mit der Verfasserin. Im  Juli 2026.
  • 12
    Ulrich Blumenbach, E-Mail an die Verfasserin, 17. Juli 2026.
  • 13
    Sie hatte „diverse Übungsleiter*innen-Scheine gemacht und gab in der VHS in ihrem Heimatdorf Ismaning Gymnastikstunden“. (Sabine Tatz, E-Mail an die Verfasserin, 2. Juli 2026).

Quellen

Arlinghaus, Claudia (2023): Das konnte nur Margarete sein [Nachruf auf Margarete Längsfeld]. In: Übersetzen, Jg. 57 (2023), H. 2, Juli-Dezember, S. 16. (Online).
Längsfeld, Margarete (1987a): Lektoriert denn niemand die Lektoren? In: Der Übersetzer, Jg. 23 (1987), H. 3/4, S. 6. (Online).
Längsfeld, Margarete (1987b): Mit afrodeutscher Stimme. In: Der Übersetzer, Jg. 23 (1987), H. 7/8, S. 1f. (Online).
Längsfeld, Margarete (2000): Für die Frau – nicht gegen die Sprache. In: Übersetzen, Jg. 34 (2000), H. 2, S. 5f. (Online).
Nies, Fritz / Glaap, Albert-Reiner / Gössmann, Wilhelm (Hg.) (1989): Ist Literaturübersetzen lehrbar? Beiträge zur Eröffnung des Studiengangs Literaturübersetzen an der Universität Düsseldorf. Tübingen: Gunter Narr Verlag. (Transfer. Düsseldorfer Materialien zur Literaturübersetzung Bd. 1).
Nölle-Fischer, Karen (1997): Rita Mae Brown (* 1944). In: Alexandra Busch u. Dirck Linck (Hg.) Frauenliebe/Männerliebe. Eine lesbisch-schwule Literaturgeschichte in Porträts. Stuttgart: Metzler, S. 86-90.
Schleiermacher, Friedrich (1813): Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersezens. Zit. nachHans Joachim Störig (Hg.): Das Problem des Übersetzens. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1963, S. 38-70.
Sturm, Gisela (2023): Sie machte immer weiter, blickte immer nach vorn. [Nachruf auf Margarete Längsfeld]. In: Übersetzen, Jg. 57 (2023), H. 2, Juli-Dezember, S. 16. (Online).
Tatz, Sabine (2023): Sie ebnete mir den Weg ins Übersetzen. [Nachruf auf Margarete Längsfeld]. In: Übersetzen, Jg. 57 (2023), H. 2, Juli-Dezember, S. 16. (Online).
Tichy, Martina (2023): Übersetzen im Doppelpack. [Nachruf auf Margarete Längsfeld]. In: Übersetzen, Jg. 57 (2023), H. 2, Juli-Dezember, S. 16. (Online).

Zitierweise

Drolshagen, Ebba D.: Margarete Längsfeld, 1936–2023. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 31. Juli 2026.
BeschreibungMargarete Längsfeld, Wolfenbüttel 2013 (© Ebba D. Drolshagen).
Datum27. Juli 2026
Margarete Längsfeld, Wolfenbüttel 2013 (© Ebba D. Drolshagen).

Bibliographie (Auszug)

Übersetzungen (Buchform)

Detaillierte Bibliographie