Heinrich Wallfisch, 1894–1963
Heinrich Wallfisch war ein Rechtsanwalt, der Anfang 1939 seiner Verfolgung als Jude durch Flucht über Holland nach Antwerpen entgehen konnte, dort aber verhaftet wurde und mehrere Gefangenenlager im besetzten Frankreich durchlitt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, wo er 1947 mit seiner Frau in der französischen Besatzungszone in Bühl wieder zusammenkam, betätigte er sich bereits ab Ende der 1940er Jahre zeitweise als Übersetzer aus dem Französischen und brachte literarische Werke von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ins Deutsche. Außerdem bearbeitete er für den Ullstein Verlag einen Französisch-Sprachkurs. Seine Übersetzungen wurden mehrfach neu aufgelegt.
Lebens- und Leidensweg
Curt Heinrich Wallfisch wurde am 7. Juli 1894 in Plauen (heute einem Stadtteil von Dresden) als Sohn des Kaufmanns Hermann Wallfisch und dessen Ehefrau Helene Ida, geb. Schwabe, geboren. Dem Rechtshistoriker Hubert Lang zufolge studierte Wallfisch bis 1922 Jura in Freiburg, Königsberg und Leipzig und war seit 1925 als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen:
Seine Kanzlei betrieb er als Einzelanwalt. Vermutlich war er Frontkämpfer, denn er konnte nach 1933 weiter als Anwalt arbeiten. Wallfisch beriet auswanderungswillige Juden, so u. a. auch den bereits ausgewanderten Kollegen Alfred Jacoby gegenüber der Devisenstelle. (Lang 2014: 624f.)
1928 heiratete Wallfisch die Mannheimerin Maria Kallenberger. Im Nachruf unter der Überschrift „Er war Anwalt, Künstler und Mensch“ liefert der mit „tk“ zeichnende Redakteur1„Das Kürzel ‚tk‘ steht vermutlich für Theo (eigtl. Theodor) Kemper (1916 Duisburg – 1982 Bühl). Kemper kam Mitte der 1950er Jahre nach Bühl, wo er für den Acher- und Bühler Boten als Redakteur und Fotograf tätig war.“ Marco Müller, dem Leiter des Stadtarchivs Bühl, bin ich für diese Auskunft per E-Mail vom 4. September 2025 sowie für zahlreiche Lebensdokumente, das Foto und den Hinweis auf die Freiburger Entschädigungsakte dankbar. des Acher- und Bühler Boten im Februar 1963 ergänzende und zum Teil abweichende Angaben:
Der erste Weltkrieg, aus dem er als einer der letzten Austauschgefangenen 1920 erst zurückkehrte, unterbrach sein Studium. Von 1924 an hatte er zusammen mit einem anderen Rechtsanwalt ein Büro in Leipzig. Dort machte er sich auch 1928 selbstständig. Durch die politischen Verhältnisse wurde Heinrich Wallfisch Ende 1938 gezwungen, Deutschland zu verlassen. In Holland fand er Aufnahme, aber von dort wurde er kurz nach Kriegsbeginn für mehr als vier Jahre in ein Konzentrationslager gebracht. Als er die Freiheit wiedererlangte, ließ er sich in Frankreich nieder. 1947 kam Heinrich Wallfisch nach Bühl und eröffnete eine Rechtsanwaltspraxis. Für einen angesehenen Verlag war er auch als Übersetzer tätig, denn er, der die Weite der Welt liebte, war zugleich ein Freund guter Literatur, der Kunst überhaupt. Schon vor dem zweiten Weltkrieg erschien von ihm übrigens das Handwörterbuch ‚1000 Worte Französisch‘. Viele Arbeiten von ausländischen Schriftstellern wurden erst durch seine Mithilfe deutschen Lesern zugänglich.
Die in Freiburg aufbewahrte umfangreiche Wiedergutmachungsakte half diese Angaben zu präzisieren und ergab, dass Wallfisch mehrere Konzentrations- und Arbeitslager in Südfrankreich überlebte.2Aus ihr geht außerdem hervor, dass er auch für seinen in Straßburg lebenden, aus Leipzig stammenden und über Prag nach Frankreich geflohenen Mandanten Sally Feigenbaum einen Antrag auf Wiedergutmachung stellte. Mit der Badischen Landesstelle für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus und dem Badischen Ministerium für Finanzen führte er einen intensiven Briefwechsel: Die Akten der Eheleute umfassen zusammen rund 700 Seiten. Der Antragsteller musste zahlreiche Rückfragen dazu beantworten, ob die Lager, in denen er sich seine Gesundheitsleiden zugezogen hatte, in deutscher oder nicht vielmehr doch in französischer Hand gewesen seien. Um die Anerkennung seiner Verfolgung und um finanzielle Entschädigung der in Haft erlittenen Gesundheitsschäden musste Wallfisch jahrelang ringen. In den Arolsen Archives haben sich außerdem Dokumente erhalten, denen zufolge Wallfisch nach seinen Angehörigen suchen ließ. Darunter findet sich auch ein von den französischen Besatzungsbehörden ausgestellter Ausweis mit dem zweiten erhaltenen Foto des Exilrückkehrers.Das erste Foto stammt aus Privatbesitz und wurde für diesen Artikel von Marco Müller, dem Leiter des Stadtarchivs Bühl, zur Verfügung gestellt.3Dank gebührt neben Marco Müller auch Christian Herbarth vom Deutschen Exilarchiv Frankfurt am Main in der Deutschen Nationalbibliothek, der auf der Grundlage meiner Recherchen einen Personeneintrag für Heinrich Wallfisch angelegt und den Namen mit den entsprechenden Übersetzungen verknüpft hat.
Laut der Wiedergutmachungsakte galt Wallfisch durch die nationalsozialistischen Gesetze als „Volljude“,4Laut Hubert Lang hatten sich seine Eltern als „Dissidenten“ bezeichnet, ihren jüdischen Glauben also abgelegt. und seine Anwaltskanzlei, die schon einige Zeit lang christliche Mandanten verloren hatte, wurde bei den Novemberpogromen 1938 verwüstet und seine Fachbibliothek vernichtet. Erst nachdem ihn ein Gutachten der „Reichsstelle für Sippenforschung“ erreicht hatte, verließ er am 2. März 1939 Deutschland, überquerte die holländische Grenze bei Bentheim, fuhr von Oldenzaal auf der holländischen Seite nach Amsterdam weiter und erlangte dort ein Touristenvisum für Belgien, wo er in Antwerpen bei einer Madame Parren in der Jacob Jordaen Straat Nr. 50 wohnte. Er wurde in Abwesenheit aus der Anwaltsliste gestrichen, die Ehe wurde 1942 auf Druck der Behörden geschieden. Im April 1946 heiratete er Maria, die im Leipziger Adressbuch von 1940 als Witwe aufgeführt war (Lang 2014: 624), erneut. Dafür kam er zunächst vorübergehend aus Frankreich nach Deutschland mit einem Laissez-Passer, einer Reisegenehmigung, für die er sich vom Pariser Oberrabbiner Dr. Weil sein Judentum bescheinigen lassen musste.
Seine in Leipzig ausgebombte Frau sei vor den Russen geflohen und habe in Bühl Arbeit in der Rüstungsindustrie gefunden, heißt es in Heinrich Wallfischs Briefen in der Akte. Nach Bühl, das nach dem Krieg in der französisch besetzten Zone lag, folgte er ihr, als er im Sommer 1947 endgültig zurückkehren konnte. Dort wurden die beiden zunächst als Displaced Persons untergebracht. Wallfischs Vater stammte aus Schlesien5Da Schlesien inzwischen zu Polen gehörte, habe er trotz des Einsatzes von Freunden nicht an die Geburtsurkunde seines 1862 geborenen Vaters Dr. Hermann Wallfisch gelangen können, schreibt Heinrich Wallfisch in einer Eidesstattlichen Versicherung. seine aus dem tschechischen Olmütz. Seine Cousine und ihr Mann wurden nach Wallfischs Auskunft in Auschwitz ermordet, die Tochter seines Bruders Hellmut konnte nach Palästina emigrieren.
Seine eigene Flucht musste er gegenüber den baden-württembergischen Behörden, die offenbar die Verantwortung auf den belgischen oder französischen Staat abzuwälzen hofften, wiederholt beschreiben:
Es ging dann ein Leidensweg los. Ich kam dann nach Belgien zu Verwandten, aber ich hatte ja nichts. Ich habe flämische Kinder für die französische Schule vorbereitet und verdiente etwas (ungefähr eine Mahlzeit täglich).
1940 wurde er in Antwerpen ausgebombt und von Zivilbeamten verhaftet, die alle Juden im Stadthuis zusammentrieben. Es folgte Lagerhaft in dem als „Hölle von Perpignan“ bekannten St. Cyprien, in Gurs und Château-Bégué – Cazaubon sowie ein Arbeitskommando in Buzy, Basses Pyrenées. Die Résistance hatte ihm ein gefälschtes Dokument ausgestellt, das ihn zu „Henri Vallier“ und 8 Jahre älter machte, um ihn auch als Franzosen vor dem Arbeitseinsatz zu schützen. Diese lebensrettende falsche Carte d’Identité hat er von den deutschen Behörden zurückerbeten, sie ließ sich nicht mehr auffinden. Durch den „Überfall eines Maquis“6In der Akte wird Capitaine Georges Luino La Chapelle de la Tour du Pin (Isère) als Bürge genannt. Sorrel (2023) geht in einem Buch über den ebenfalls von Wallfisch als Bürgen genannten Abbé Glasberg auf die Befreiung jüdischer Gefangener, darunter auch Wallfisch durch einen Maquis ein. (wahrscheinlich ist damit eine Rettungsaktion durch die Résistance gemeint) wurde er im Sommer 1944 vor der Deportation in ein Vernichtungslager gerettet. Nach schwerer Bergwerksarbeit, bei der er stundenlang bis zur Taille im Wasser stehen musste, war er stark abgemagert, litt an Asthma und Herzschwäche. Auch die Leber war durch eine Malaria-Erkrankung geschädigt, sodass er mehrmals an Gelbsucht erkrankte. Nach der Befreiung Frankreichs schlug Heinrich Wallfisch sich nach Paris durch, wo er „eine Reihe von Berufen“ ausübte, von denen er sich „jedoch nicht ernähren konnte“, unter anderem gab er „Deutschunterricht an einem franz. Mädchenlyzeum: das war meine netteste Zeit“ (Dokument Nr. 216). Sprachunterricht als Brotberuf in Antwerpen und Paris waren Betätigungen, die ihm nach der Rückkehr aus dem Exil womöglich für seine translatorische Tätigkeit zugutekamen.
Erst nach zahlreichen Aufforderungen und Mahnungen an die deutschen Behörden, die all seine Angaben in Zweifel zogen, Zeugnisse, ärztliche Gutachten und eidesstattliche Erklärungen etwa seiner Geschwister und Freunde dazu verlangten, dass er vor der Flucht bei guter Gesundheit war, und ihm nur zögerlich einzelne Summen auszahlten, wurde ihm Anfang Dezember 1962 eine Berufsunfähigkeitsrente bewilligt, wenige Monate später, am 24. Februar 1963, verstarb der Antragsteller. Wallfischs Witwe und ihre Anwälte mussten zahlreiche weitere Anträge stellen.
Als Übersetzer literarischer Werke von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir
Für Nachkriegsdeutschland waren die französischen Existenzialisten einflussreiche, wichtige Autoren. Laut Rowohlt-Verlagsgeschichte bemühte sich der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt bereits 1948 um die Rechte an den Werken von Albert Camus und Jean-Paul Sartre (Gieselbusch et al. 2008: 146). Sartre wurde von dem Schriftsteller und Autor humoristisch-fantastischer Kurzgeschichten Kurt Kusenberg betreut. Der „frankophile und kunstsinnige“ (ebd.) Kusenberg war in Bühl zur Schule gegangen (Pearson 1992: 11) und im Februar 1947 nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in einem amerikanischen Lager in der Nähe von Neapel ins Elternhaus nach Bühl zurückgekehrt (ebd.: 18).7Laut Mohr et al. (2002) führten Kusenbergs Kriegserfahrungen dazu, dass er sich später für Pazifismus und gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland aussprach. Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, der nach dem Ausschluss seines Vaters Ernst Rowohlt aus Goebbels Reichsschrifttumskammer die Geschäfte des Rowohlt-Verlages unter dem Dach der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart bis in die Kriegszeit weitergeführt hatte, erhielt bereits im November 1945 in Stuttgart eine Lizenz in der amerikanischen Zone und gründete eine Filiale des Verlags in Baden-Baden, am Sitz der französischen Militärregierung, um auch eine Lizenz für die französische Zone zu bekommen. Bis 1950, als Ernst Rowohlt die Filialen wieder unter einem Dach in Hamburg zusammenführte, repräsentierte Kusenberg die Baden-Badener Filiale (Pearson 1992: S. 18f.). Man kann davon ausgehen, dass Kusenberg und Wallfisch sich in der nahe Baden-Baden gelegenen Kleinstadt Bühl kennenlernten und dass es so zur Beauftragung des Exilrückkehrers Wallfisch als Übersetzer kam.
1949 erschien seine Übersetzung von Jean-Paul Sartres wohl bekanntestem Roman La nausée unter der „Dep. Nr. 8769“und dem deutschen Titel Der Ekel. Außerdem übersetzte Wallfisch (bis auf die Titelgeschichte, die Hans Reisiger ins Deutsche brachte) vier Erzählungen von Jean-Paul Sartre, die 1950 in einem Band unter dem Titel Die Mauer auf Deutsch erschienen.8Der bedeutende Übersetzer von Walt Whitman und Gustave Flaubert Hans Reisiger war mit Thomas Mann befreundet und wurde in dessen Roman Dr. Faustus als Rüdiger Schildknapp verewigt. Manns Aufforderung, ins Exil zu gehen, folgte Reisiger nicht. Nach dem Krieg wurde er Lektor bei Rowohlt. Reisiger übersetzte die Titelgeschichte, Wallfisch die anderen vier Erzählungen des Bandes. Der Übersetzer wurde jeweils oben auf der Impressumseite genannt.
Bereits im Juni 1948 war in Heft 11 des zweiten Jahrgangs der monatlich erscheinenden Rowohlt-Hauszeitschrift Story – Erzähler des Auslands Wallfischs Übersetzung einer dieser Erzählungen, „Das Zimmer“, als Titelgeschichte auf den Seiten 3–11 unter Nennung seines Namens am Ende der Erzählung als Vorabdruck erschienen. Wahrscheinlich hatte der Abdruck dieser französischen Geschichte in Übersetzung dazu geführt, dass Rowohlt die Zeitschrift überhaupt drucken konnte. Denn am 24. Januar 1948 hatte Ledig-Rowohlt bei Kusenberg angefragt,
ob es wohl möglich wäre, die Franzosen für ‚story‘ zu interessieren. „Ich habe jetzt noch Papier für 2 Hefte von je 40 000 Auflage und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wäre man allenfalls dort bereit, bei jeweiliger Veröffentlichung von zwei französischen Autoren, auch der ‚story‘ Papier zuzuschießen?‘“ (Gieselbusch et al. 2008: S. 146)
1950 erschien bei Rowohlt dann der Reisebericht L’Amerique au jour le jour von Sartres Lebensgefährtin Simone de Beauvoir unter dem deutschen Titel Amerika Tag und Nacht in Heinrich Wallfischs Übersetzung.
Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sind zwei Briefe aufbewahrt, einer von Wallfisch vom 3. November 1955 an den Rowohlt Verlag, bei dem die Sartre-Übersetzungen erschienen, und eine Antwort des Verlags vom 11. November desselben Jahres. In seinem Schreiben empfahl Wallfisch unter Verweis auf eine Rezension in Le Monde den Roman L’Alouette au miroir von Christine de Rivoyre zur Publikation. Im Antwortschreiben vom 11. November bedankte sich der Lektor Dr. Willi Wolfradt für den Hinweis und entschuldigte sich im Voraus, dass die Bearbeitung dauern könne, aber er werde das Buch beim französischen Verlag Plon bestellen. Erst 1969 erschien eine Übersetzung der französischen Autorin bei Rowohlt, aber nicht von Heinrich Wallfisch, der 1963 verstorben war. Aus dieser Minimalkorrespondenz geht aber immerhin hervor, dass er mit dem Lektorat weiterhin Kontakte pflegte. Dank der Lektüre französischer Zeitungen und weil er auch das Urteil und den Rang einzelner Kritiker einordnen konnte, wurde er auf literarische Werke aufmerksam und brachte sich als Übersetzer dafür ins Spiel.
Der oben zitierte Nachruf erwähnt auch das 1952 wieder aufgelegte erfolgreiche Wörterbuch 1000 Worte Französisch, das man ebenfalls zu den Produkten der translatorischen Tätigkeit Wallfischs zählen kann. Bei dieser populären Nachkriegsausgabe (1954 lag die Auflage bereits bei 179.000 Exemplaren, gedruckt in der ehemaligen Ullstein-Druckerei im Berliner Stadtteil Tempelhof, die von den Besatzungsbehörden genutzt wurde) handelt es sich um einen unterhaltsamen illustrierten Kurs mit Aussprachetipps – etwa, dass man sich die Nase zuhalten solle, um die Nasallaute des Französischen hervorzubringen. Anders als der Nachrufverfasser schreibt, gab es diesen Kurs bereits in der Vorkriegszeit. Erschienen war er erstmals 1924 im Berliner Ullstein-Verlag in 13 Heften. Die Nachkriegsausgabe vermerkt:
Die 1000 Worte Französisch wurden ursprünglich von Dr. Ernst Wallenberg und Christian Bouchholtz bearbeitet. Die vorliegende Auflage bearbeitete Heinrich Wallfisch.
Ernst Wallenberg (1878–1948) war leitender Angestellter des Ullstein-Verlags und Redakteur bekannter Zeitschriften gewesen und im Exil in New York gestorben. Der Autor Christian Bouchholtz war unter anderem Redakteur der BZ am Mittag gewesen und hatte die Bücher Schüsse vor Warschau (1916), Kurfürstendamm (1921) und Der Mann mit dem bösen Blick (1921) veröffentlicht. Was mit Bouchholtz geschah und wie es dazu kam, dass Heinrich Wallfisch an ihrer beider Stelle die Nachkriegsauflage bearbeitete, ließ sich nicht ermitteln.
Zu seiner literarischen Arbeit schrieb Wallfisch am 9. Februar 1958 an das Landesamt für Wiedergutmachung in Freiburg i. Br., dass er sich ihr aus gesundheitlichen Gründen zugewendet habe, da es sich um eine im Vergleich zum Anwaltsberuf leichtere Tätigkeit handelte:
„Als ich im Sommer 1947 aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrte, und als ich 1948 wieder daran ging, eine Anwaltskanzlei zu eröffnen, war ich bereits ein schwerkranker Mann. Sie wissen, dass Herr Med.-Rat Dr. Pawlowski den Ausbruch meiner Krankheit auf den 1.1.1942 fixiert hat. Ich selbst habe bei meiner Heimkehr nicht geglaubt, dass ich noch werde praktizieren können, denn es kam ja neben meiner rein körperlichen Behinderung noch dazu, dass ich 9 Jahre aus dem Beruf heraus war, dass ich nachstudieren und mich mit dem gänzlich veränderten Rechtsleben vertraut machen musste. So habe ich mich fürs erste der Literatur zugewendet. Dies war eine Schreibtischarbeit ohne Termine, Konferenzen, Reisen, Plädoyers, – ohne Treppensteigen, Besuche in Gefängnissen u.s.w., und ich wäre dabei geblieben, wenn diese Arbeit nicht so elend bezahlt worden wäre. Wir konnten nicht davon leben, wir waren völlig vermögenslos, in Leipzig und Antwerpen total ausgebombt, wir besassen keinen Teller und kein Kopfkissen –: kurz, ich musste wieder um meine Zulassung als Anwalt eingeben. […] Ich muss aber bei der Bewertung meiner sozialen Stellung nochmals zurückkommen auf meine literarische Tätigkeit als freier Mitarbeiter im Rowohlt Verlag (Hamburg) und im Ullstein Verlag (Berlin). Ich habe mir nach meiner Emigration als Übersetzer schöngeistiger, literarischer Werke und als Verfasser einer Sprachlehre (Ullstein) einen Namen gemacht, der über die Grenzen unserer Heimat hinausgeht. Ich bin in Deutschland der erste Übersetzer des bekannten Existential-Philosophen Jean-Paul Sartre und seiner Gattin Simone de Beauvoir gewesen, und meine Arbeiten haben im In- und Ausland Beachtung gefunden. –
Inwiefern er „der erste Übersetzer“ gewesen sein soll, geht zumindest aus dem von ihm beigefügten Verlagsprospekt, in dem er seine Werke handschriftlich rot unterstrichen hat, nicht hervor. Der Hamburger (mit Susanna Rademacher verheiratete) Übersetzer, Lektor und Schriftsteller (und Mitglied der Gruppe 47) Hans Georg Brenner (1903–1961), der außerdem noch Werke von Albert Camus, Valéry Larbaud oder Jean Genet übersetzte und ebenfalls Lektor bei Rowohlt war, hat mehr Werke von Sartre als Wallfisch übersetzt. Die ebenfalls unbehelligt durchs ‚Dritte Reich‘ gekommene Romanistin und Übersetzerin Eva Rechel-Mertens (1895–1981) übersetzte im Vergleich zu Wallfisch mehr von Simone de Beauvoir. Und Hans Reisiger muss als Ko-Übersetzer des Erzählungsbandes, der in dem Verlagsprospekt nicht genannt wird, ebenfalls noch erwähnt werden. Aber auch in chronologischer Hinsicht war Wallfisch nicht der erste Sartre-Übersetzer. Das Theaterstück Die ehrbare Dirne war bereits 1947 auf Deutsch von H. Rienau erschienen, der oder die außerdem in der Nachkriegszeit von Sartre den Roman Die schmutzigen Hände und von Yves Jamiaque das Stück Der Kyborg oder Die Reise in der Vertikalen aus dem Französischen sowie von Diego Fabbri das Theaterstück Verführer aus dem Italienischen übersetzt hatte. Sartres Essay Die Judenfrage war 1948 in der Übersetzung der Schweizerin Hedi (Hedwig) Wurzian im Zürcher Europa-Verlag erschienen. Dafür blieben Heinrich Wallfischs Übersetzungen lange auf dem Markt: Noch 1981 wurde seine Version der Erzählungen im Band Die Mauer im 103. Tausend und seine Version des Romans Der Ekel im 275. Tausend verkauft. Und noch 1994 legte Rowohlt seine deutsche Fassung von de Beauvoirs Reisebericht Amerika Tag und Nacht neu auf. In der DDR publizierte der Aufbau Verlag 1982 in einer Lizenzausgabe vier Erzählungen („Das Zimmer“, „Herostrat“, „Intimität“ und „Die Kindheit eines Chefs“) in Wallfischs Übersetzung neben Neuübersetzungen des Romans Der Ekel und der ursprünglich von Hans Reisiger übersetzten Erzählung „Le Mur“ (unter dem neuen deutschen Titel „Die Wand“) von Uli Aumüller. Und der Deutsche Audio Verlag verwendete Wallfischs Fassung des Romans Der Ekel noch 2017 für eine Hörbuchausgabe in Ganzlesung.
Vielleicht wollte Wallfisch gegenüber den Behörden, vor denen er sich rechtfertigen musste, mit dem Adjektiv „der erste“ aber auch einfach seine Qualität als Übersetzer unterstreichen. Aus dem Prospekt geht hervor, dass die Basler Zeitung seine Fassung von Der Ekel „eine ausgezeichnete deutsche Übertragung“ nannte und die Frankfurter Allgemeine Zeitung das Buch ebenfalls rezensierte: „Die Formulierungen“, heißt es dort über Sartres Erzählkunst, und das muss für die besprochene deutsche Ausgabe zumindest ebenfalls gelten, „treffen mit brutaler Eleganz ins Herz der Dinge.“
Im ersten Doppelheft von 1990 der Zeitschrift Der Übersetzer äußerte sich der damals frisch mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnete Sartre-Übersetzer Traugott König hingegen kritisch zu der Frage, „Warum viele alte Sartre-Übersetzungen durch neue ersetzt werden“, und schrieb:
Die erste Rezeption geschah bald nach dem Krieg — als diese im Grunde strenge Philosophie und Moral weitgehend als Ermunterung zu einer bindungslosen antibürgerlichen Lebensweise aufgefaßt wurde, was zu den bekannten Erscheinungen der existentialistischen Mode bei Jugendlichen dieser Jahre führte. Die Hauptrolle spielten dabei sicher Sartres frühe Stücke und sein Film ‚Das Spiel ist aus‘, an deren Aufführungen sich eine ganze Generation noch heute nostalgisch erinnert. (König 1990: 1)
König erläuterte, dass man bei den Übersetzungen der Nachkriegszeit an die innere Emigration angeknüpft habe, bezieht sich aber im Wesentlichen in seiner Kritik auf Justus Strellers Übersetzung von Das Sein und das Nichts, in der zentrale Passagen gestrichen und grundlegende Begriffe vernebelt worden seien. Der aus Biberach stammende Streller war, anders als Wallfisch, in der Tat nie im Exil gewesen und hatte anders als dieser das philosophische, nicht das literarische Werk übersetzt.
Fazit
Der in Dresden geborene und in Leipzig als Rechtsanwalt tätige Heinrich Wallfisch konnte sich nach seiner Rückkehr aus dem französischen Exil aufgrund der lokalen Nähe zum in Baden-Baden für die französische Besatzungszone lizensierten Rowohlt Verlag und dessen in seiner neuen Heimat Bühl ansässigen Lektor Kurt Kusenberg als Übersetzer literarischer Werke von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir einen Namen machen und einen populären Französisch-Kurs des Ullstein Verlags neu bearbeiten. Dafür kamen ihm seine im Exil gestärkten Französisch-Kenntnisse zugute. Er hätte seine literarische Tätigkeit gerne länger und hauptberuflich ausgeübt, kehrte aber aufgrund der schlechten Bezahlung zum Anwaltsberuf zurück und erstritt für das erlittene Unrecht Wiedergutmachung. Seine Übersetzungen sind trotz Neuübersetzungen von Sartres philosophischem Werk lange über seinen Tod hinaus lieferbar geblieben.
Anmerkungen
- 1„Das Kürzel ‚tk‘ steht vermutlich für Theo (eigtl. Theodor) Kemper (1916 Duisburg – 1982 Bühl). Kemper kam Mitte der 1950er Jahre nach Bühl, wo er für den Acher- und Bühler Boten als Redakteur und Fotograf tätig war.“ Marco Müller, dem Leiter des Stadtarchivs Bühl, bin ich für diese Auskunft per E-Mail vom 4. September 2025 sowie für zahlreiche Lebensdokumente, das Foto und den Hinweis auf die Freiburger Entschädigungsakte dankbar.
- 2Aus ihr geht außerdem hervor, dass er auch für seinen in Straßburg lebenden, aus Leipzig stammenden und über Prag nach Frankreich geflohenen Mandanten Sally Feigenbaum einen Antrag auf Wiedergutmachung stellte.
- 3Dank gebührt neben Marco Müller auch Christian Herbarth vom Deutschen Exilarchiv Frankfurt am Main in der Deutschen Nationalbibliothek, der auf der Grundlage meiner Recherchen einen Personeneintrag für Heinrich Wallfisch angelegt und den Namen mit den entsprechenden Übersetzungen verknüpft hat.
- 4Laut Hubert Lang hatten sich seine Eltern als „Dissidenten“ bezeichnet, ihren jüdischen Glauben also abgelegt.
- 5Da Schlesien inzwischen zu Polen gehörte, habe er trotz des Einsatzes von Freunden nicht an die Geburtsurkunde seines 1862 geborenen Vaters Dr. Hermann Wallfisch gelangen können, schreibt Heinrich Wallfisch in einer Eidesstattlichen Versicherung.
- 6In der Akte wird Capitaine Georges Luino La Chapelle de la Tour du Pin (Isère) als Bürge genannt. Sorrel (2023) geht in einem Buch über den ebenfalls von Wallfisch als Bürgen genannten Abbé Glasberg auf die Befreiung jüdischer Gefangener, darunter auch Wallfisch durch einen Maquis ein.
- 7Laut Mohr et al. (2002) führten Kusenbergs Kriegserfahrungen dazu, dass er sich später für Pazifismus und gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland aussprach.
- 8Der bedeutende Übersetzer von Walt Whitman und Gustave Flaubert Hans Reisiger war mit Thomas Mann befreundet und wurde in dessen Roman Dr. Faustus als Rüdiger Schildknapp verewigt. Manns Aufforderung, ins Exil zu gehen, folgte Reisiger nicht. Nach dem Krieg wurde er Lektor bei Rowohlt. Reisiger übersetzte die Titelgeschichte, Wallfisch die anderen vier Erzählungen des Bandes.