Wolf Bergmann, 1904–1972
Wolf Bergmann war ein Freiburger Germanist und Dichter, der zusammen mit seiner jüdischen Frau mit Unterstützung von Albert Schweitzer ins Exil ging und mit ihr 1937 nach Funchal auf Madeira gelangte. Dort schlug er sich als Sprachlehrer durch und fertigte gelegentlich Übersetzungen aus dem Französischen oder ins Englische an. Vor allem aber schrieb er weiterhin Gedichte auf Deutsch und unterhielt Verbindungen zu evangelischen Kreisen in Deutschland und Freunden wie dem Maler Ludwig Meidner und dem Romanisten Ernst Robert Curtius oder dem französischen Germanisten Robert Minder. In Lissabon wurde er 1960 zum Leiter des Goethe-Instituts, bei dem er, als es noch Instituto Alemão hieß, bereits seit 1954 als Lehrer und Leiter der Sprachkurse sowie im Kulturprogramm tätig war. In Vorträgen beschäftigte er sich mit Übersetzungen aus dem Portugiesischen und trat in der Nachkriegszeit mit einer Auswahl portugiesisch-sprachiger Gedichte für die Schweizer Zeitung Die Tat auch selbst als Übersetzer hervor.
Lebensweg
Wolf Bergmann (1904–1972) wurde in Freiburg geboren und wuchs dort und in Straßburg auf.
Er hat dann Germanistik, Romanistik und Geschichte in Freiburg, Berlin, Paris, später in Würzburg studiert. Würzburg, Franken, war für ihn noch einmal eine prägende Erfahrung. Eine umfangreiche Doktorarbeit über Georg Heym wurde 1933 von dem Frankfurter Literaturwissenschaftler, Prof. Dr. Paul Schultz, angenommen. Zur mündlichen Prüfung kam es nicht mehr, da ihm die Sensibilität für die politische Situation das Leben in Deutschland unmöglich machte. Die enge Freundschaft mit einer Jüdin, Charlotte Manasse, bestärkte ihn in seiner Besorgnis. Er verließ Deutschland. Rom, das heimatliche Elsass, Basel waren die ersten Stationen des Exils. 1936 in Hüningen im Elsass heirateten er und Charlotte, die, inzwischen promovierte Augenärztin, ebenfalls in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte. Kirchlich getraut wurden sie im Basler Münster von Eduard Thurneysen, dem Karl Barth verbundenen späteren Theologieprofessor, mit dem Wolf Bergmann sich angefreundet hatte.
Mit Hilfe Albert Schweitzers gelang Anfang 1937 die Auswanderung nach Madeira. Dort musste das Ehepaar in bescheidensten Verhältnissen leben. Dank der portugiesischen Ausländerbehörde war die Aufenthaltsbewilligung zu keinem Zeitpunkt ein Problem. Allerdings war es für die Ehefrau nur kurze Zeit möglich, als Augenärztin zu praktizieren, da ihr die portugiesischen Examina fehlten. Sie nachzuholen, war nicht finanzierbar. Den Lebensunterhalt verdiente sich das Ehepaar mit Sprachunterricht. Freundschaften mit Portugiesen und Ausländern entstanden. Die Schottische Kirche in Funchal war ein regelmäßiger Kontakt. Trotzdem war die geistige Isolierung von Deutschland und der Abbruch der Beziehung zu vielen Freunden eine bittere Exilserfahrung. [sic!] Der Zusammenbruch der deutschen geistigen Traditionen und aller Werte in dem verbrecherischen nationalsozialistischen Regime haben Wolf Bergmann tief erschüttert. 1941 wurde beiden die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen,
schrieb Georg Laitenberger, von 1974 bis 1986 Pastor der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde von Lissabon, in der Portugal-Post Nr. 25 der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft (Laitenberger 2004: 6a).
Zu Albert Schweitzer führte Charlotte Bergmann in ihren Erinnerungen aus, dass dieser mit ihrem Vater, einem Würzburger HNO-Arzt, befreundet war und ihr und ihrem Mann daher beratend und finanziell zur Seite stand und die beiden auch nach dem Krieg auf Madeira besuchte.1Laut telefonischer Auskunft des Deutsch-Portugiesen Bernardo Jerosch Herold, der mit Bergmann befreundet war und seinen Nachlass aufbewahrte, hat Schweitzer dem Ehepaar einen Koffer mit der Aufschrift Lambarene geschenkt, der sich im Besitz von Jerosch Herolds Tochter befindet. Zu seiner Sprachbiographie bemerkt sie, dass Wolf Bergmann sich im Selbststudium Englisch beigebracht hatte und dies auf Madeira fortsetzte:
Wolf, der als Humanist nur Griechisch, Latein und Französisch gelernt hatte, büffelte fleissig die englische Sprache, ich half ihm bei der Aussprache. Abgesehen davon machte er täglich eine Stunde Latein und Griechisch, „um nicht zu verdummen“. (Bergmann o. J.: 19)
Sie beschreibt, wie das Ehepaar die örtliche Schottische Kirche auch nach Kriegsausbruch weiter besuchen konnte. 1941 seien sie ausgebürgert worden, um dieselbe Zeit hätten sie die Kinder der englischen „evacuees“ aus Gibraltar in verschiedenen Fächern unterrichtet und sich so über Wasser gehalten (ebd.).
Nach Kriegsende habe ihr Mann Berufungen als Germanist an deutsche Universitäten aufgrund seines Anti-Nazitums abgelehnt und Deutschland erst 1952 wieder besucht, wo er in Bonn den SPD-Juristen Arndt und seinen alten Lehrer und guten Freund Ernst Robert Curtius getroffen habe. Sie selbst hatte zuvor den bedeutenden Maler und Freund Ludwig Meidner, der Wolf Bergmann in den 1920er Jahren porträtiert hatte, in London besucht, ihr Mann war dafür zu krank gewesen.
Bis zum Anbruch seines Exils konnte Bergmann bei dem zunächst in Straßburg und dann in Leipzig ansässigen Heitz Verlag einen Band Verse und Gedichte (1930), Sechs Sonette und andere Gedichte (1934) und Das Waldhaus. Gedichte (1936) veröffentlichen. Wie er an Heinrich Hassmann, mit dem er bis kurz vor seinem Tod korrespondierte, am 11. Mai 1936 aus seinem Basler Exil schrieb, sah er sich als Dichter in einer Tradition, die bewusst die lauten Töne vermied:
Und dazu strebe ich eine beruhigende, ganz bewußt ins Kleine und Freundliche gehende Kunst an. Mit George und auch Rilke, mit allen Größenwahnsinnigen und Dunklen, allen Wilden und Tragischen, allem Aufsuchen stürmischer oder qualvoller Dinge, habe ich nichts mehr zu tun. Wenn ich lese, lese ich fast nur noch Rückert, und außer Goethe oder Stifter habe ich in der deutschen Dichtung kaum noch Götter. Meine Rückert-Verehrung zieht naturgemäß eine Beschäftigung mit dem Gedanken der Weltliteratur nach sich, und von des fränkischen Meisters freundlich-stillen Genius lasse ich mich wieder leiten ins nahe und ferne Morgenland, nach Persien, Indien und bis nach China. Behutsam bin ich darauf bedacht, daß es dabei ja immer so zugehe, den Blick vom Freundlichen nicht abgehen zu lassen und den Glauben ans Gütige in irdischer Welt nicht zu versuchen. (Hassmann 1984)
1948 bot Bergmann dem Verleger Ernst Bauer seine Gedichte zur Veröffentlichung in dessen nach dem Krieg in Ulm gegründeten Aegis-Verlag an. Ohne Erfolg. Allerdings verband Bauer seine Absage mit der Anfrage, ob Bergmann stattdessen für ihn Prosa aus Portugal auswählen und übersetzen wolle:
Erlauben Sie mir nun noch einige Fragen. Haben Sie, sehr geehrter Herr Bergmann, niemals Prosa geschrieben? Vielleicht bestünden auf diesem Gebiet bessere Möglichkeiten. – Ausserdem bringen wir hier im Verlagsrahmen seit zwei Jahren eine Zweisprachenreihe heraus, in der bis jetzt etwa 40 Bändchen [sic! bis Ende 1948 lagen bei Aegis 32 vor, SB] zweisprachig mit klassischen französischen, englischen, italienischen, russischen und spanischen Texten erschienen sind. Polnische, tschechische, schwedische, dänische Texte befinden sich in Vorbereitung. Portugiesische sind geplant, oder besser vorgesehen, doch haben wir das Geeignete noch nicht gefunden. Was wir brauchen, sind Novellen, möglichst von Autoren, bei denen die Schutzfrist (wegen devisen- und urheberrechtlicher Schwierigkeiten) verstrichen ist, d. h. also solche, die vor mehr als 50 Jahren gestorben sind. In Betracht kommen nur wirklich gute Werke mit einer straffen, gefälligen Handlung und einem Stil, der in klares Hochdeutsch leicht übertragen werden kann. Können sie uns nicht in dieser Beziehung einige Vorschläge machen?2Bauer, Ernst (1948): Brief an Wolf Bergmann in Funchal auf Madeira (Nachlass im Privatbesitz von Joachim Bauer, Laichingen)
Daraus wurde jedoch nichts. Möglicherweise ging der Brief verloren, denn er findet sich an keiner Stelle in Bergmanns verstreutem Nachlass. 1951 konnte Bergmann die Gedichte, deren Titel Atlantische Landschaft die Entstehung im und den Einfluss des Exils verrät, im Hamburger Ellermann Verlag veröffentlichen.
1954 wurde er am Instituto Alemão in Lissabon zunächst Deutschlehrer und zwei Jahre später Leiter der Deutschkurse für Erwachsene, 1960 folgte er dem ersten Direktor Manfred Kuder nach. Ab etwa 1962 wurde das Instituto dem Goethe-Institut unterstellt, dessen erster Leiter er somit war (Laitenberger 2004b). An dieser Wirkungsstätte pflegte Bergmann Kontakte zur örtlichen Technischen Hochschule, organisierte ein Kulturprogramm und hielt Vorträge zur deutschen Literatur. „Er war nicht mehr nur Emigrant, der Asyl brauchte, sondern musste in der politischen Situation der späten Salazarzeit öffentlich wirksam werden“, schrieb Georg Laitenberger anlässlich einer Gedenkfeier zu seinem 100. Geburtstag. Laitenberger zitiert aus einem Brief Bergmanns, der die Nelkenrevolution ja nicht mehr erleben sollte und die Erbschaft der Salazar-Zeit als „schwere Last“ beschrieb. Bergmann fragte sich, ob die von Caetano geweckten Hoffnungen und Erwartungen, „zu entfernen, was das Land mit Apathie lähmte“, eingelöst werden würden. Für Laitenberger bewies er damit „wieder etwas von der politischen Sensibilität, die ihn nie verlassen hat“. Über eine spätere Kritik an Bergmann seitens seines Nachfolgers Curt Meyer-Clason äußerte sich Laitenberger empört:
Leider schien der Nachfolger von W.B. in der Institutsleitung, Curt Meyer-Clason, zu denen zu gehören, die die eigene Verstrickung dem Emigranten übelnehmen und ihm die Glaubwürdigkeit, die der Emigrant durch Gradlinigkeit und Eindeutigkeit der Lebensentscheidung gewonnen hat, nicht verzeihen können. In einer Veröffentlichung (Portugiesische Tagebücher, S. 18–22) hat er W.B. und seine Arbeit als Institutsleiter posthum karikiert, für den unkundigen Leser geistreich-originell klingend, aber in Wahrheit nur den Eindruck der eigenen uninformierten, unsensiblen und ungebildeten Arroganz erweckend.“ (ebd.)
Bergmanns Verhältnis zu den Deutschen in Portugal seinerseits war zwiespältig, wie er gegenüber seinem Freund Heinrich Hassmann in einem Brief vom 24. März 1967 aus Lissabon ausführte:
Meine Position hier ist recht sonderbar: So komme ich mit Leuten, die einmal ausgesprochene „Parteileute“ waren, mehr als gut aus und werde eigentlich von diesen weitaus besser verstanden als von ehemaligen „Mitläufern“.
Letzte nehmen mir ihr Mitläufertum sehr übel. Die mildeste Form ihrer Verwirrtheit mir gegenüber ist, daß ich ihnen schillernd vorkomme, weltfremd usw. Die Art, sich an mir dafür schadlos zu halten, daß sie sich damals erniedrigen mußten, ohne zu den Veranstaltern gehören zu können, ist die häufigste. Mitläuferei ist eben etwas sehr Arges. Daß mein nationales Gewissen ruhig sein kann, das versetzt sie in eine gar schlimme Haltung. Würden sie kennen, was in Gerhard Nebels Buch „Portugiesische Tage“ über mich zu lesen steht, wäre es für mich noch ärger: dort figuriere ich als „Montanus“, wohl etwas zu positiv beschrieben, als Schicksal aber ganz richtig erkannt.
Gerhard Nebels Buch Portugiesische Tage erschien 1966 in Hamburg. Darin lobte er die Portugiesen für ihr Ausharren in den afrikanischen Kolonien, da die Bewohner dort sonst in ihre vorherige Anarchie zurückverfielen (Nebel 1966: 14). In dem Kapitel „Saudade“, in dem die Begegnung mit Bergmann geschildert wird, bedauert Nebel die Abspaltung Portugals von den überlegenen Spaniern und sucht die Mentalität des Landes in Rasse-Begrifflichkeiten zu fassen. Immerhin schilderte Nebel, der in einem Brief vom 9. Juni 1962 an Bergmann dessen Gedichte etwas arrogant als von Theodor Däubler beeinflusst bezeichnete,3„… die Herkunft von Däubler ist anzumerken, aber es fehlen die Däublerschen Schlacken. Däubler schien ja doch ganz kritiklos gegen sich zu sein, man musste die Edelsteine aus einer Halde auflesen. Dagegen welche zarte Kraft in Ihren Bildern – ich bin ganz begeistert, welche Herzensreinheit!“ Bergmann unter dem Spitznamen Montanus freundlicher als Curt Meyer-Clason, der ihm kurz vor seinem Tod begegnete und unterstellte, kein Interesse am Gastland zu haben und zum Organisieren eines Kulturprogramms zu eigenbrötlerisch zu sein (vgl. Meyer-Clason 1979).
Doch Bergmann, von dessen Kulturprogramm noch die Rede sein wird, führte seine Arbeit als Kulturvermittler trotz seiner Skepsis gegenüber dem Salazar-Regime fort und blieb auch nach seiner Pensionierung im Jahr 1969 bis zu seinem Tod 1972 weiter in Portugal, wo er auf dem Deutschen Friedhof Lissabons beerdigt wurde.
Vorträge, Gelegenheitstranslation, Übersetzungspoetologie und Korrespondenz
Auf Madeira war Englisch zur Unterrichtssprache der Bergmanns geworden, und Wolf Bergmann hatte in diesem Zusammenhang auch aus dem Deutschen in diese zweite Sprache seines Exils übersetzt, wie er Heinrich Hassmann am 3. Januar 1947 schilderte:
Prosa in einem dichterischen Sinne habe ich nicht geschrieben, es sei denn, man nehme zwei Vorträge als eine solche; diese aber waren nicht nur in englischer Sprache abgefaßt, sondern hatten auch halbwissenschaftlichen Charakter.
Ich bekam plötzlich Lust zu solchen Sachen, als im Jahre 1944 jene deutschen Offiziere das Land von seinem Unterdrücker befreien wollten. Die Vorträge hießen: „Hölderlin, a myth of purity“ und „What is a Lied?“ Beides vollzog sich in einer sehr feierlichen Umgebung mit Kerzenbeleuchtung und nachfolgendem Supper, eben so, wie englische Menschen derlei gerne vollzogen sehen.
Eine Schülerin von mir, selber von engelhaft-hölderlinschem Aussehen, sagte im Hölderlin-Vortrag einige von dessen Oden und Hymnen, die ich ins Englische übersetzt hatte, her.An Übersetzertätigkeit habe ich überhaupt Einiges hinter mich gebracht, nämlich drei Geschichten von Adalbert Stifter, die ich in Gemeinschaft mit einer hierfür hochbegabten englischen Schülerin übertrug; diese Arbeiten werden momentan in England begutachtet und sind bereits für eine Publikation aussichtsreich beurteilt worden. Dieselbe Schülerin übersetzt jetzt selbständig, nur kontrolliert von mir, den so wichtigen und mehr als zeitgemäßen „Abdias“ von Stifter.
In Lissabon hielt Bergmann auf Deutsch Vorträge zu verschiedenen Themen, darunter auch zum Übersetzen: „Georg Heym“ (über dessen Lyrik hatte er promoviert), „Deutsche Prosa aus dem 20. Jahrhundert“, „Die Texte in Carl OrffsTrionfi – Catulli Carmina und Trionfo di Afrodite“, „Aus der Dichtung des Barock“, „Reinhold Schneider – Gedenkstunde anl. seines Todes“, „Otto von Taube, ein deutscher Dichter und Camoes-Übersetzer“ (Kuder 1960).4Das Typoskript eines Berichts, den Manfred Kuder 1960 verfasst hat, in dem Bergmanns Vorträge aufgelistet sind, wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Berliner Historikerin Annette Godefroid, die Teile des Archivs der Bartholomäus-Bruderschaft der Deutschen in Lissabon digitalisiert hat.
Im Vortrag zu Taubes 80. Geburtstag würdigt Bergmann Leben und Werk des baltischen Dichters, der wie er selbst in der Nachkriegszeit in der evangelischen Zeitschrift Eckhart veröffentlichte und der
den Verlust der Heimat und die Vernichtung von Vorrechten aus der Geburt frühzeitig hinnehmen mußte. Auch dies ließ ihn Schicksal, Geschichte und Recht immer wieder befragen. (Bergmann 1959)
Dies waren Themen, die auch Bergmann selbst im Exil umkreiste. Für Bergmann hatte sich in Taubes estländischer Heimat trotz der Zugehörigkeit zum Russischen Imperium der Geist des deutschen Mittelalters und eine spezifische Liebe zum Süden und zur Latinität erhalten. Auf diese war Bergmann im eigenen Exil getroffen und an ihr hielt er fest. Es magauch etwas von Überlegungen zum eigenen Lebensweg und der Entscheidung für Geisteswissenschaft, Poesie und Übersetzung mitschwingen, wenn Bergmann Taubes Abkehr von der juristischen Laufbahn beschreibt:
Die Fioretti des Heiligen Franz hatte er in seinen Referendarjahren übersetzt und auf einem Kongreß in Assisi den Beifall der Franziskusforscher erhalten. Da jetzt eine in ihm brennende ‚Hochglut des Lyrischen‘ nach Ausdruck verlangte, entschloß er sich, den Staatsdienst aufzugeben. (ebd.)5Die Fioretti wurden auch für die oben erwähnte Aegis-Zweisprachenreihe übersetzt, und zwar von Edmund Th. Kauer als Band 15 (1947).
Neben den Romanen hebt Bergmann Taubes Übersetzungen hervor und erwähnt dabei dessen Freund und Weggefährten Reinhold Schneider, der zum christlich-konservativen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gerechnet wird. Mit ihm, ebenso wie mit Taube, hatte Wolf Bergmann, wie aus seinem Nachlass hervorgeht, über viele Jahre hinweg korrespondiert:
Nicht zufällig ist im Leben des Dichters [Otto von Taube] seine Freundschaft mit Reinhold Schneider ein an geistigen Bezügen bedeutender Tatbestand. Und wie wir nicht aufhören können, dem von uns gegangenen Alemannen dafür dankbar zu bleiben, daß er in von Tiefsinn erfüllten Büchern Portugals Geist dem deutschen Bewußtsein nahebrachte, haben wir es dem Balten Otto von Taube zu danken, daß er mit seinen Camoesübersetzungen der deutschen Liebe zu Portugal ein Denkmal errichtete, wie es vorher nicht bestanden hatte. (ebd.)
Taubes Übersetzungspoetik erläutert Bergmann so:
Was den Übersetzer leitete, ist dieses: der Inhalt muß möglichst genau, aber ebenso dem Geiste nach da sein. Das verlangt Ernst bis ins Kleinste des Technischen, dann das Entscheidende an Tonfall und Rhythmus, das nur aus dem Seelischen kommen kann. Wortstellung und Satzeinteilung werden so gewahrt, daß sich auch ungewohnte syntaktische Figuren behaupten. Es ist poetisches Deutsch, woraus Eigentümlichkeiten fremder Herkunft und anderer Zeit hervorschimmern. (ebd.)
Bergmann war wichtig zu betonen, dass Taubes Übersetzungen nichts Museales hätten, sondern „lyrisches Fluidum“, „lyrischen Schwung“ und „kräftige Anschaulichkeit“, und er gab Übersetzungsbeispiele dafür,
wie der gedankliche Inhalt eines vielleicht weniger bekannten Textes […] auch im Deutsch eines Mannes wie Otto von Taube lyrisch zu schwingen vermag. Es handelt sich um das Thema der Linderung des Schmerzes durch Schmerz. Wie in der Vorlage sind auf die aneinandergereihten Substantiva kräftigste Akzente gesetzt, sie sind nicht hergezählt im Sinne des Metrums, sie haben rhythmischen Drang. (ebd.)
Bergmann korrespondierte, wie aus seinem Nachlass im Deutschen Literaturarchiv hervorgeht, außerdem bereits seit 1937 mit René Schickele und besonders häufig mit dem französischen Germanisten Robert Minder, der damals an der Universität von Nancy lehrte, und tauschte sich auch mit diesem über die portugiesische Sprache und ebenfalls über den Renaissancedichter Camões aus.
In einem Französisch verfassten Brief vom Dezember 1946 fragt Minder an, ob er Bergmanns Gedichte an Alfred Döblin zur Veröffentlichung in dessen Literaturzeitschrift schicken dürfe.6Minder erzählte Bergmann auch von einer Begegnung mit Alfred Döblin 1937 in Paris. Nach dem Krieg setzte sich die Korrespondenz mit Minder fort. Minder schrieb Bergmann am 16. Februar 1946 einen Brief nach Funchal in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch über seine Scheidung und dass er nochmal Döblin getroffen habe, „un homme fier et charmant“, der jetzt in Baden-Baden sei. Er selbst habe sich einige Monate lang verstecken müssen, weil man ihn gesucht habe.
Und am 27. Mai 1950 bittet er Bergmann um einen Beitrag für die Zeitschrift Nouvelle Revue Litteraire, den er übersetzen lassen wolle. Mit einer Postkarte vom Juli bedankte er sich bei dem Verfasser:
Absolut der richtige Ton: einfach, tief, echt. Ich danke Dir tausendmal. ‚Hommage à C.‘ wird erst anfang Okt. erscheinen: die Zeit dafür erwies sich als ungünstig im Juli, wo alles schon in Ferien ist.
Bergmann hielt den Kontakt zur Literaturwissenschaft und auch zu deutschen Intellektuellen aufrecht, darunter sein Weggefährte, der Romanist Ernst Robert Curtius. Dieser stellte ihm am 1. September 1952 ein Empfehlungsschreiben aus, in dem er seine Freundschaft mit Bergmann seit 1927 bekräftigt und von der gemeinsamen deutsch-elsässischen Herkunft spricht, aus der beider Bemühen um die deutsch-französische Verständigung rühre. Er habe Bergmanns Sprach- und Literaturstudien und seine schriftstellerische Produktion über all die Jahre verfolgt.
Auch mit dem bereits erwähnten Reinhold Schneider und Schriftstellern in Deutschland und der Schweiz korrespondierte Bergmann.7Ab den 1960er Jahren auch mit den Schriftstellerinnen und Schriftstellern Ilse Aichinger und Günter Eich, Thea Sternheim, Karl August Horst, Siegfried Lang, Peter Huchel und Hans Erich Nossack. Schneider bescheinigte Bergmanns Gedichten, im metaphorischen Sinne Übersetzungen zu sein:
Sie bringen aus Madeira der deutschen Sprache und Anschauungswelt Geschenke, derengleichen sie meines Wissens noch nie empfangen hat. Es spricht nur für die Gedichte, dass sie sich nicht so leicht erschliessen, dass man sie mehrmals lesen möchte, um sie sich zu gewinnen. Die Verbindung der antiken mit der atlantischen Welt ist Ihnen gelungen. Es ist eine Geistestat. Und da Sie etwas neues geleistet haben, so wurde Ihnen auch ein neuer Klang geschenkt. (18. Oktober 1956)
Übersetzer und Vermittler portugiesischsprachiger Lyrik
Zumindest in einem Fall hat Bergmann im Post-Exil auch im wörtlichen Sinne übersetzt,8Zuvor hatte er auch schon einmal aus dem Französischen übersetzt. Am 23. Dezember 1933 teilte Bergmann seinem Freund Heinrich Hassmann mit: „Im Auftrag meines Vetters in Rom übersetze ich ein schönes und herrliches Werk ‚Die Poesie des Quatrocento‘ von Antoine-Frédéric Ozanam.“ (Hassmann 1984) Eine Veröffentlichung ließ sich aber nicht nachweisen. Und auch Nachkriegsübersetzungen aus dem Griechischen der Antike dienten als Vorübungen für die eigene dichterische Tätigkeit und waren nicht zur Veröffentlichung gedacht. und zwar – da er ja selbst Lyriker war – Gedichte aus dem Portugiesischen ins Deutsche. In der Rubrik „Kunst – Literatur – Forschung“ der Zürcher Zeitung Die Tat (14. Jg., Nr. 158, S. 11) erschien am 19. Juni 1949 eine ganze Seite von Wolf Bergmann unter dem Titel „Gedichte aus Portugal und Brasilien“. In Bergmanns Nachlass im Deutschen Literaturarchiv haben sich Briefe des Redakteurs Max Rychner erhalten, dem Bergmann eigene Gedichte zugeschickt hatte, der sie abdruckte und außerdem am 23. September 1947 – ebenso wie ein Jahr später Ernst Bauer für den Aegis-Verlag – Übersetzungen aus dem Portugiesischen erbat. Nachdem er diese erhalten hatte, fragte Rychner am 17. Februar 1949, ob der Übersetzer nicht auch noch eine kurze Einführung dazu schicken könne: „Man muss doch dem Leser einen Zugang zeigen in die Welt dieser Dichtung.“
Bergmann kam dem Wunsch nach und leitete seine Gedichtübersetzungen ein mit einem Hinweis auf die portugiesische Goethe-Rezeption und das Übersetzen im politischen Kontext:
Portugal wird wahrscheinlich in diesem Goethe-Jahr9Zum 200. Geburtstag des Dichters. seine literarische Sensation haben. Professor Quintela von der Universität Coimbra veranstaltet gerade den Neudruck einer vergessenen Faust-Übersetzung. Beide Teile der Tragödie waren schon vor siebzig Jahren erschienen, doch ist die außergewöhnliche Arbeit nie recht bekanntgeworden, ehe das Buch fast unauffindbar wurde: teils sah der Uebersetzer, Agostinho d’Ornellas, ein madeirensischer Grandseigneur, dem an einem Namen in der Literatur nichts lag, seine Aufgabe als getan an, als er den Druck hatte herstellen lassen, teils war die literarische Lage des Landes, das sich aufs lebhafteste von Frankreich angesprochen fand, der Aufnahme nicht günstig.
Bergmann selbst wünschte sich gewiss eine der Aufnahme seiner Texte günstige literarische Lage im deutschsprachigen Raum. Er fährt fort mit einer Würdigung der Faust-Übersetzung, in der man sicher auch seinen eigenen Anspruch, seine eigene Übersetzungspoetik erkennen kann:
Diesmal könnte es anders sein. Denn die Leistung d’Ornellas‘ erfüllt sehr hohe Forderungen der Uebersetzungskunst: sie hat den unverzagten Ernst für das Kleine im Artistischen und läßt zugleich die Gegenwart eines monumentalen Ganzen, die das Fluidum jedes alterslosen Werks ausmacht, nie vermissen.
Der portugiesischen Sprache d’Ornellas bescheinigt er eine „außergewöhnliche Biegsamkeit“ und eine „einzigartige Geübtheit im Vers“:
Denn Portugal ist nicht nur ein literarisches Land, sondern hat fast immer seine seelischen und geistigen Energien auf die Lyrik konzentriert. Nie entbehrte diese der Hilfe der Kritiker, die hier eine so lebendige Tradition besitzen und von dogmatischen Denksystemen, die mit Poesie nichts zu tun haben, frei sind.
Wolf Bergmann erweist sich hier als jemand, der offen für die Kultur des Exillandes und die „gefundene“ Sprache war und der den dortigen Umgang mit Literatur als bereichernd und befreiend empfand.
1949 erschienen in der Zeitung Die Tat Übersetzungen von Armindo Rodrigues („Das häßliche Mädchen“), Armando Côrtes-Rodrigues (Aus: Gesänge der Nacht), Cecilia Meireles („Gesang“, „Abschied“, „Wandel“ – letzteres, „Passeio“, auch im Original abgedruckt), Carlos Queiroz („Puppentheater“), Pedro Homem de Melo („Friedhof“). Die sieben Gedichte werden eingerahmt von Erläuterungen zur portugiesischen Mentalität, wie sie sich vor allem im Fado niederschlage, den Bergmann poetisch und zugleich präzise beschreibt. Weiterhin äußert er sich zur Anknüpfung der Moderne an die Tradition, die in Portugal nie ganz abgelegt werde, und bescheinigt den Portugiesen einen besonderen Sinn für Schönheit. In seinem Essay zitiert er weitere Gedichte der übersetzten Dichter sowie Zeilen des allenthalben als Avantgardisten gefeierten Fernando Pessoa, „dessen epigrammartige Gedichte mit ihren wie gehauchten Reimen man sich nicht zu übersetzen getraut“. Die Gedichte seien „der hier benützten Sammlung ‚Liricas Portuguesas‘, ausgezeichnet redigiert von dem madeirensischen Dichter Cabral do Nascimento“, entnommen. Bergmann erläutert, warum in der portugiesischen Lyrik häufig zusammen mit dem Reim auch auf andere Formelemente verzichtet werde, und nennt als Beispiel
Carlos Queiroz, preisgekrönter Lyriker, intellektuell, oft ironisch und scheinbar unbesorgt um Form; doch vernimmt man vielleicht auch noch in der Uebersetzung ein ausdruckgewilltes Staccato des Originals „Puppentheater“.
Die Traditionsbewusstheit der portugiesischen Dichtung beschreibt Bergmann so:
Die Dichter in Portugal lieben das Neue, wenn es ihnen als das Reifere von etwas Vergangenem erscheint; sie gehören eben einer Nation an, die vierhundert Jahre politischer Geschichtslosigkeit hinter sich hat und dennoch nicht unterging.
Ob in diesem Kommentar neben der Einordnung der portugiesischen Literatur in „eine erschimmernde Zeitlosigkeit“ aufgrund der historischen Zusammenhänge verschiedener Fremdherrschaften auch eine Andeutung auf das gerade besiegte „Dritte Reich“ mitschwingt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auf jeden Fall feiert Bergmann die in Rio geborene Autorin azorianischer Abstammung Cecilia Meireles als eine besonders wichtige Vertreterin der portugiesischen Lyrik:
Nach dem Chor eines sich noch bewußter gewordenen portugiesischen Symbolismus ist Cecilia Meireles dessen großartige Einzelstimme.
An ihren Gedichten schätzt er die „sanft tastende Sinnlichkeit“ und die „wundervoll einfache Sprache“: Ihr Subjektivismus“ könne tatsächlich
einem insularen Weltgefühl zugeschrieben werden, welches das Portugal des atlantischen Ozeans so gut kennt: auf diesen Inseln mit ihren Wolken und Vulkanen, mit den Walfischen und der oft furchtbaren See ist man, sehr im Unterschied zum Madeirenser in seiner ausgewogenen Kalypsolandschaft, von der Melancholie des Ungetümen und Grenzenlosen umgeben. […] „Im Ozean der Traurigkeit“, sagt ein Meergedicht der Cecilia Meireles, „öffnen die zarten Deltas des Glücks ihre Arme …“
Das mag auch eine Beschreibung von Bergmanns Gefühlen im Exil gewesen sein, in dem er sich, abgeschnitten von der Heimat, Dankbarkeit für kleine Glücksmomente bewahren konnte.
Anmerkungen
- 1Laut telefonischer Auskunft des Deutsch-Portugiesen Bernardo Jerosch Herold, der mit Bergmann befreundet war und seinen Nachlass aufbewahrte, hat Schweitzer dem Ehepaar einen Koffer mit der Aufschrift Lambarene geschenkt, der sich im Besitz von Jerosch Herolds Tochter befindet.
- 2Bauer, Ernst (1948): Brief an Wolf Bergmann in Funchal auf Madeira (Nachlass im Privatbesitz von Joachim Bauer, Laichingen)
- 3„… die Herkunft von Däubler ist anzumerken, aber es fehlen die Däublerschen Schlacken. Däubler schien ja doch ganz kritiklos gegen sich zu sein, man musste die Edelsteine aus einer Halde auflesen. Dagegen welche zarte Kraft in Ihren Bildern – ich bin ganz begeistert, welche Herzensreinheit!“
- 4Das Typoskript eines Berichts, den Manfred Kuder 1960 verfasst hat, in dem Bergmanns Vorträge aufgelistet sind, wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Berliner Historikerin Annette Godefroid, die Teile des Archivs der Bartholomäus-Bruderschaft der Deutschen in Lissabon digitalisiert hat.
- 5Die Fioretti wurden auch für die oben erwähnte Aegis-Zweisprachenreihe übersetzt, und zwar von Edmund Th. Kauer als Band 15 (1947).
- 6Minder erzählte Bergmann auch von einer Begegnung mit Alfred Döblin 1937 in Paris. Nach dem Krieg setzte sich die Korrespondenz mit Minder fort. Minder schrieb Bergmann am 16. Februar 1946 einen Brief nach Funchal in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch über seine Scheidung und dass er nochmal Döblin getroffen habe, „un homme fier et charmant“, der jetzt in Baden-Baden sei. Er selbst habe sich einige Monate lang verstecken müssen, weil man ihn gesucht habe.
- 7Ab den 1960er Jahren auch mit den Schriftstellerinnen und Schriftstellern Ilse Aichinger und Günter Eich, Thea Sternheim, Karl August Horst, Siegfried Lang, Peter Huchel und Hans Erich Nossack.
- 8Zuvor hatte er auch schon einmal aus dem Französischen übersetzt. Am 23. Dezember 1933 teilte Bergmann seinem Freund Heinrich Hassmann mit: „Im Auftrag meines Vetters in Rom übersetze ich ein schönes und herrliches Werk ‚Die Poesie des Quatrocento‘ von Antoine-Frédéric Ozanam.“ (Hassmann 1984) Eine Veröffentlichung ließ sich aber nicht nachweisen. Und auch Nachkriegsübersetzungen aus dem Griechischen der Antike dienten als Vorübungen für die eigene dichterische Tätigkeit und waren nicht zur Veröffentlichung gedacht.
- 9Zum 200. Geburtstag des Dichters.
