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Johann Wilhelm von Archenholz, 1741–1812

3. September 1743 Danzig-Langfuhr (Königlich Preußen im Königreich Polen) - 28. Februar 1812 Öjendorf (Königreich Dänemark)
Original- und Ausgangssprache(n)
Französisch, Englisch, Italienisch
Zielsprache(n)
Deutsch

Im Killy Literaturlexikon firmiert Johann Wilhelm von Archenholz (auch: Archenholtz) als „Historiker, Publizist und Herausgeber“ (Griep / Walcher 2008: 186). Von einer Tätigkeit als Übersetzer ist in dem Lexikonartikel nicht die Rede. Folgt man dagegen der Heidelberger Übersetzungsbibliographie nichtfiktionaler Texte (Atayan et al. 2025), so war Archenholz einer der produktivsten Übersetzer seiner Zeit, denn die Bibliographie enthält mehr als 800 (!) Titel, bei denen er als Übersetzer angegeben ist.1Offenkundig stammen allerdings nicht alle Übersetzungen, die in dieser Bibliographie unter Archenholzʼ Namen erfasst sind, von Archenholz selbst, sondern z.T. auch von anderen Mitarbeitern der von ihm herausgegebenen Zeitschriften.

Johann Wilhelm von Archenholz wurde 1741 in Langfuhr bei Danzig geboren.2Nach anderen Angaben: 1743, 1745, 1748. Ich folge hier Archenholzʼ Biograph Ruof (1915: 135), der sich auf die Eintragung im Totenregister der Kirche zu Steinbeck bei Hamburg beruft. Sein Vater war Leutnant im Dienst der Freien Stadt Danzig, der Großvater mütterlicherseits preußischer Offizier. Eine Offizierslaufbahn war also vorgezeichnet. Nach seiner militärischen Ausbildung in Berlin nahm er am Siebenjährigen Krieg teil und stieg zum Hauptmann auf. Sein Dienst endete jedoch bereits 1763, „offiziell mit einem ehrenvollen Abschied als Hauptmann, tatsächlich wegen seiner übergroßen Leidenschaft für das Glücksspiel“ (Griep / Walcher 2008: 186). In den Folgejahren bereiste er zahlreiche süd-, west- und nordeuropäische Länder, in England soll er sich sechs Jahre lang aufgehalten haben. Anfang der 1780er Jahre kehrte er aus Geldnot nach Deutschland zurück und wurde zunächst in Dresden, dann in Hamburg als Publizist tätig. Das frühe Ausscheiden aus dem Militärdienst hinderte Archenholz nicht daran, seine Publikationen stets mit dem Zusatz „vormals Hauptmann in Königl. Preußischen Diensten“ zu signieren (Maurer 1987: 183).

Seine erste Zeitschrift, Litteratur und Völkerkunde (1782-1786), fortgesetzt 1787–1791 unter dem Titel Neue Litteratur und Völkerkunde, war bereits ein Publikumserfolg. Das gleiche gilt für seine erste Monographie, England und Italien (1785), die von einem Jahrbuchprojekt gefolgt wurde, den Annalen der Brittischen Geschichte (1788–1800). Seine Erlebnisse als Soldat verarbeitete er in der populären Geschichte des Siebenjährigen Krieges (1788). 1791 ging er, von den Ereignissen der Französischen Revolution angezogen, nach Paris, das er jedoch bereits im Folgejahr wieder verließ, da ihn die Herrschaft der Jakobiner abschreckte. Ab 1792 gab er die viel beachtete, politisch-historische Monatsschrift Minerva heraus, die zunächst vor allem aus Frankreich, später auch aus anderen europäischen Ländern berichtete und nach Archenholzʼ Tod (1812) noch bis 1858 fortgeführt wurde.3Die Minerva wurde auch im Ausland gelesen und erreichte zeitweise eine Auflagenhöhe von 3000 Exemplaren (vgl. Bovekamp 2009: 38). Seinen Lebensabend verbrachte Archenholz auf einem herrschaftlichen Landsitz im heute zum Hamburger Stadtteil Billstedt gehörenden Öjendorf.

Michael Maurer charakterisiert Archenholzʼ Schriften folgendermaßen:

Nach den Maßstäben der Aufklärung war er ein brillanter Geschichtsschreiber, der seine Quellen geschickt zu benutzen wußte und sie stets zu einer anregenden Darstellung umschuf. Nach dem im 19. Jahrhundert entwickelten Maßstäben der deutschen Geschichtswissenschaft sind seine historischen Schriften nicht viel wert, weil sie nur selten auf primäre Quellen zurückgehen, nicht quellenkritisch gearbeitet sind und mehr auf Wirkung als auf Exaktheit zielten. (Maurer 1987: 187)4Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Archenholz kein professioneller Historiker war, sondern ein „literarisch geprägter Seiteneinsteiger“ (Jaeger 2011: 264).

Ein Großteil seiner Quellen waren Übersetzungen aus dem Französischen und dem Englischen, die in den von ihm herausgegebenen Zeitschriften abgedruckt worden sind. Da nur ein Teil dieser Übersetzungen signiert ist, kann nicht mit Sicherheit bestimmt werden, welche Übersetzungen von Archenholz selbst stammten und welche von anderen Mitarbeitern der jeweiligen Zeitschrift. Es ist zu vermuten, dass zahlreiche der nicht signierten Übersetzungen tatsächlich auf Archenholz zurückgehen, da er nicht nur der Herausgeber „seiner“ Zeitschriften war, sondern in der Regel auch deren produktivster Autor.5Ruof schätzt, dass Archenholzʼ bekannteste Zeitschrift, Minerva, zu etwa einem Viertel aus dessen eigenen Beiträgen besteht (vgl. Ruof 1915: 130). Dabei sind die Übersetzungen m.W. nicht einberechnet.

Häufig handelt es sich bei den Übersetzungen um Reden aus der französischen Nationalversammlung, wie z.B. die Rede des Herrn von Mirabeau, über den Familientractat mit Spanien, gehalten am 25. August 1790, die 1791 in Band 5 der Zeitschrift Neue Litteratur und Völkerkunde (S. 17–26) erschien oder die Rede des Königs der Franzosen gehalten in der National-Versammlung am 13ten December 1791, die 1792 in Band 1 der Minerva (S. 213–219) abgedruckt wurde, jeweils ohne Signatur. Von Archenholz mit „v.A.“ signiert sind einige seiner eigenen Beiträge, z.B. Berichte aus dem Parlament, die in der Regel auch Übersetzungen enthalten. Dies gilt z.B. für einen Bericht mit dem Titel Kersaint’s Anklage und Vertheidigung aus Band 6 der Minerva von 1793 (S. 80–84), der zu einem großen Teil aus einer Übersetzung der Verteidigungsrede von Armand de Kersaint besteht, der der Verschwörung zur Wiederherstellung der Monarchie beschuldigt worden war.

Einige Übersetzungen sind aufgrund von entsprechenden Signaturen anderen Mitarbeitern der Zeitschriften zuzuordnen. Ein besonders produktiver Autor und Übersetzer in den Anfangsjahren der Revolution war der Diplomat Karl Friedrich Reinhard (1761–1837), der zu den ersten Bänden der Minerva zahlreiche mit „R.“ signierte Übersetzungen beisteuerte, wie sein Biograph Lang ausführt:

Meist sind es Übersetzungen aus Reden und Berichten, Anekdoten, Lesefrüchte, auch biographische Notizen, kurz ein Allerlei, wie man es für ein solches Journal brauchte. (Lang 1896: 77)

Beispielhaft genannt sei das Schreiben des Procurators der Gemeinde von Paris M. Manuel an die Polizei-Beamten dieser Hauptstadt, das in Band 1 der Minerva von 1792 (S. 233–235) erschien. Auch der „deutsche Girondist“ (Deinert 1981) Konrad Engelbert Oelsner (1764–1828), Archenholzʼ zweiter wichtiger Mitarbeiter in der Anfangszeit der Minerva, den er, wie Reinhard, in Frankreich kennengelernt hatte, hat einige Übersetzungen beigesteuert, wenn auch weniger als Reinhard. Exemplarisch genannt sei der Text Rechenschaft Petions, abgelegt seinen Mitbürgern. Im Januar 1793. (Im Auszuge), der 1793 in Band 5 der Minerva (S. 439–464) abgedruckt wurde.

In sprachlicher Hinsicht fällt auf, dass die Übersetzungen aus dem Französischen von Archenholz und seinen Mitarbeitern zahlreiche Entlehnungen enthalten, wie z.B. Administrator, Constitution, Procurator, Representant oder Tribunal, was aber für die damalige Zeit nicht unüblich war (vgl. Abdelfettah 1989).

Auch in den Annalen der Brittischen Geschichte finden sich zahlreiche Übersetzungen, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen. Die Ausgangssprache ist in diesem Fall selbstverständlich das Englische, aber es gibt noch weitere Unterschiede: Es finden sich weniger einzelne Übersetzungen kürzerer Texte, stattdessen umfangreiche Berichte mit integrierten Auszügen übersetzter Texte. So beginnt der 1796 erschienene Band 12, Annalen der Brittischen Geschichte des Jahrs 1794, mit einem über 200 Seiten starken Abschnitt Geschichte des Parlaments von Archenholz, der die Übersetzungen mehrerer Reden aus dem britischen Oberhaus enthält, u.a. Königliche Rede, Grosse Debatten über die Adresse im Oberhause, Merkwürdige Oppositions-Reden des Herzogs von Norfolk, und des Marquis von Landsdown und Schlußrede des Ministers Pitt. Anders als bei den oben erwähnten Übersetzungen von Reden aus der französischen Nationalversammlung, die nur sparsame Anmerkungen enthalten, fügt Archenholz nun einigen Reden umfangreichere Kommentare hinzu. Im Kontext der Rede von Lord Stair aus der Debatte um die Rede des Königs erläutert Archenholz in einer langen (hier gekürzt wiedergegebenen) Fußnote seinen eigenen Standpunkt:

Hier ist die Erklärung zweyer edler Männer [= Lord Stair und Mr. Fox], die der französischen Revolution anfangs sehr hold waren, über den nachherigen Revolutions-Zustand, der alles änderte. […] Auch der Verfasser dieser Annalen hat seine Freude über den Anfang der Revolution nicht verhehlet, sondern sie durch ernstliche Handlungen gezeigt, auch sie an mehreren Stellen dieses Werks laut geäußert; er überläßt es nun einsichtsvollen Lesern, ob nach einer gänzlichen Umstaltung des Gegenstandes, nachdem ein schönes Weib in ein scheußliches Ungeheuer verwandelt wurde, die laute Verachtung desselben, die er sich zur Pflicht macht, ein Zeugnis wandelbarer Grundsätze genannt werden könne. (S. 63)

Archenholz hat auch einige Übersetzungen von Monographien vorgelegt.6Vgl. die Übersetzungsbibliographie zu dem vorliegenden UeLEX-Artikel.

Ich beschränke mich im Folgenden auf das Werk Die Engländer in Indien, das Ute Rieger (1994: 41) als Archenholzʼ „einzige umfangreiche Übersetzungsarbeit“ bezeichnet. Diese dreibändige Monographie, die in den Jahren 1786 bis 1788 erschien, basiert auf dem Werk A History of the Military Transactions of the British Nation in Indostan from the Year 1745 des britischen Historikers Robert Orme. Wie bereits der Untertitel „Nach Orme“ andeutet, betrachtete Archenholz seine Schrift nicht als Übersetzung im engeren Sinne. In seinem „Vorbericht“ schreibt er:

Bey seiner [Ormes] großen Genauigkeit aber geht er nur gar zu oft ins Kleinliche, und spinnt wenigbedeutende Kriegsvorfälle viele Seiten lang aus. Da dieses keine Uebersetzung seines Werks, sondern eine freye Bearbeitung desselben ist, so habe ich diesem Fehler so viel wie möglich abgeholfen. Dennoch dürften unkriegerische Leser hier vielleicht ein noch überflüssiges Detail finden. Man erinnert sie aber zu bedenken, daß hier alles wie eine Kette an einander hängt, Ursachen und Wirkungen, und daher, wenn gleich, das Abkürzen, doch das Weglassen nicht statt fand […]. (S. 1f.)

Archenholzʼ Bearbeitung stieß in Deutschland auf relativ wenig Interesse. Rieger bewertet sie angesichts des großen Arbeitsaufwands als „eine ausgesprochene Liebhaberarbeit Archenholzʼ“ (Rieger 1994: 42).

Insgesamt steht ein Großteil von Archenholzʼ Übersetzungstätigkeit im Dienst seiner publizistischen Arbeit, wobei seine Tätigkeiten als Übersetzer, Herausgeber und Autor nicht immer klar getrennt werden können. In der neueren Sekundärliteratur wird er vor allem als Zeitzeuge und Historiker wahrgenommen. Als Übersetzer bleibt er noch zu entdecken.   

Anmerkungen

  • 1
    Offenkundig stammen allerdings nicht alle Übersetzungen, die in dieser Bibliographie unter Archenholzʼ Namen erfasst sind, von Archenholz selbst, sondern z.T. auch von anderen Mitarbeitern der von ihm herausgegebenen Zeitschriften.
  • 2
    Nach anderen Angaben: 1743, 1745, 1748. Ich folge hier Archenholzʼ Biograph Ruof (1915: 135), der sich auf die Eintragung im Totenregister der Kirche zu Steinbeck bei Hamburg beruft.
  • 3
    Die Minerva wurde auch im Ausland gelesen und erreichte zeitweise eine Auflagenhöhe von 3000 Exemplaren (vgl. Bovekamp 2009: 38).
  • 4
    Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Archenholz kein professioneller Historiker war, sondern ein „literarisch geprägter Seiteneinsteiger“ (Jaeger 2011: 264).
  • 5
    Ruof schätzt, dass Archenholzʼ bekannteste Zeitschrift, Minerva, zu etwa einem Viertel aus dessen eigenen Beiträgen besteht (vgl. Ruof 1915: 130). Dabei sind die Übersetzungen m.W. nicht einberechnet.
  • 6
    Vgl. die Übersetzungsbibliographie zu dem vorliegenden UeLEX-Artikel.

Quellen

Abdelfettah, Ahcène (1989): Die Rezeption der Französischen Revolution durch den deutschen öffentlichen Sprachgebrauch. Untersucht an ausgewählten historisch-politischen Zeitschriften (1789–1802). Heidelberg: Winter.
Archenholz, Johann Wilhelm von (Hg.) (1787–1791): Neue Litteratur und Völkerkunde. Ein periodisches Werk. 10 Bände. Leipzig: Göschen.
Archenholz, Johann Wilhelm von (Hg.) (1789–1800): Annalen der Brittischen Geschichte. 20 Bände. Tübingen: Cotta (u.a.).
Archenholz, Johann Wilhelm von (Hg.) (1792–1810): Minerva. Ein Journal für Geschichte, Politik und Literatur. 73 Bände. Berlin: Unger (u.a.).
Atayan, Vahram et al. (2025): Heidelberger Übersetzungsbibliographie nichtfiktionaler Texte. Universität Heidelberg: Institut für Übersetzen und Dolmetschen. Online: www.hueb.iued.uni-heidelberg.de/de/
Bovekamp, Boris (2009): Die Zeitschrift „Minerva“ und ihre Herausgeber Johann Wilhelm von Archenholz (1743–1812) und Friedrich Alexander Bran (1767–1831). Ein Beitrag zur Kompatibilität von Militär, Aufklärung und Liberalismus. Kiel: Ludwig.
Deinet, Klaus (1981): Konrad Engelbert Oelsner und die Französische Revolution. Geschichtserfahrung und Geschichtsdeutung eines deutschen Girondisten. München: Oldenbourg.
Griep, Wolfgang / Walcher, Bernhard (2008): Archenholtz, Johann Wilhelm von, in: Kühlmann, Wilhelm (Hg.): Killy Literaturlexikon. Berlin, New York: De Gruyter, Bd. 1, S. 186–187.
Jaeger, Stephan (2011): Performative Geschichtsschreibung. Forster, Herder, Schiller, Archenholz und die Brüder Schlegel. Berlin, Boston: De Gruyter.
Lang, Wilhelm (1896): Graf Reinhard. Ein deutsch-französisches Lebensbild 1761–1837. Bamberg: Koch.
Maurer, Michael (1987): Aufklärung und Anglophilie in Deutschland. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Orme, Robert / Archenholz, Johann Wilhelm von (1786–1788): Die Engländer in Indien. Nach Orme. Von J.W. von Archenholz. 3 Bände. Leipzig: Dykische Buchhandlung.
Rieger, Ute (1994): Johann Wilhelm von Archenholz als „Zeitbürger“. Eine historisch-analytische Untersuchung zur Aufklärung in Deutschland. Berlin: Duncker und Humblot.
Ruof, Friedrich (1915): Johann Wilhelm von Archenholtz. Ein deutscher Schriftsteller zur Zeit der Französischen Revolution und Napoleons (1741–1812). Lübeck: Matthiesen (Vaduz: Kraus Reprint 1965).

Zitierweise

Schreiber, Michael: Johann Wilhelm von Archenholz, 1741–1812. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 30. September 2026.
BeschreibungJ.W.v.Archenholz. Maler: Friedrich Georg Weitsch (Herkunft/Rechte: Porträtsammlung Freundschaftstempel im Gleimhaus Halberstadt / Ulrich Schrader; CC BY-NC-SA).
Datum30. September 2026
J.W.v.Archenholz. Maler: Friedrich Georg Weitsch (Herkunft/Rechte: Porträtsammlung Freundschaftstempel im Gleimhaus Halberstadt / Ulrich Schrader; CC BY-NC-SA).

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