Lore Kornell, 1895–1981
Vorbemerkung der Redaktion
Dieses Porträt entstand im Rahmen des deutsch-österreichisch-schweizerischen Forschungsprojekts Post-Exil: Trans 1945-1960 (2025-2027).
Die Sängerin Lore Kornell (1895–1981) wechselte im Exil in Frankreich 1947 ihren Beruf und wurde zur Theaterberichterstatterin und Übersetzerin. Sie übertrug Gedichte und eine große Zahl von Theaterstücken aus dem Französischen, überwiegend von den damaligen Avantgarde-Autoren. Besonders viele Dramen sowie darüber hinaus Aufsätze, Reden, Tagebücher und einen Roman1Der Einzelgänger [Le solitaire]. 163 Seiten. München: Hanser 1973. übersetzte sie von Eugène Ionesco, der, aus Rumänien kommend, ebenso wie sie in Paris Zuflucht gefunden hatte. Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren blieb sie – inzwischen nach München übergesiedelt, aber immer noch häufig in Paris – als Vermittlerin und mit ihren Texten als Theaterübersetzerin auf deutschen Bühnen sowie in Sammelbänden und Werkausgaben präsent.
Lebensweg: Posen – Berlin – Paris – München
Lore Kornell stammte aus Posen, wo sie am 29. Dezember 1895 als einzige Tochter des Rechtsanwalts Heinrich Kirschner und seiner Frau Cesia2Heinrich Kirschner, geb. 14. April 1867 in Rogasen als Sohn des Eisenwarenhändlers Julius Kirschner und seiner Frau, hatte Jura studiert und bis 1918 als Anwalt und Notar praktiziert, bis er Polen aufgrund seiner deutschen Nationalität verlassen musste. 1894 hatte er Cesia Flatau, die Tochter eines Holzgroßhändlers aus Posen, geheiratet. In Berlin wurde er durch Vermittlung seiner Tochter Leiter eines Wohnungsamtes und baute sich eine neue Anwaltskanzlei auf, in der seine Frau als „Bürovorsteher“ tätig war. Laut einer Akte im Entschädigungsamt wurden die Eheleute am 2. Oktober 1942 aus Berlin mit dem sogenannten „3. großen Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert, wo sie ums Leben kamen. Bevor ihr Entschädigung bewilligt wurde, musste die Tochter mehrere Personen angeben, die den seinerzeit neu aufgebauten Wohlstand der Familie bezeugten und beglaubigten, dass der Vater in der Lage gewesen wäre, seinen Beruf weiterhin auszuüben. zur Welt kam; ihr Vorname lautete eigentlich Lucie. Nach Abschluss des Realgymnasiums absolvierte sie eine Ausbildung zur Sprachlehrerin. Ab 1913 studierte sie in Berlin Klavier und Musiktheorie und erhielt eine Gesangsausbildung.3Laut Pasdzierny (2015) absolvierte sie am Stern’schen Konservatorium von 1913/1914−1919 ein Klavier- und Musiktheoriestudium bei Gustav Pohl und Wilhelm Klatte und erhielt daneben privaten Gesangsunterricht bei Konrad von Zawilowsky, Magda von Dulong und Vittorino Moratti. Mit Fremdsprachenunterricht finanzierte sie sich nach dem Ersten Weltkrieg zusätzlich Schauspielunterricht an der Schule des berühmten, in Wien und Berlin wirkenden Regisseurs Max Reinhardt (1873–1943) und begann eine Konzertkarriere. Als Liedsängerin trat sie an vielen in- und ausländischen Bühnen (zuletzt in Kopenhagen, Warschau und Moskau) sowie im Rundfunk auf. Am 4. Juli 1921 heiratete sie Paul Obst, der bei der Berliner Geschäftsstelle der Frankfurter Metallbank angestellt war. Das Paar hatte keine Kinder.
Die Akte über die Anträge auf Entschädigung, die Lore Kornell nach dem Krieg stellte, enthält Auflistungen ihres umfangreichen Repertoires auf Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch sowie ihrer Konzertaktivitäten samt Programmheften und Kritiken. Im biografischen Eintrag des Lexikons verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit der Universität Hamburg heißt es, dass ihre Karriere aufgrund der Nürnberger Gesetze abrupt zu Ende gegangen sei, Auftritte gestrichen wurden und ihr im August 1935 die weitere Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer verwehrt worden sei. Nach eigenen Angaben wurde sie 1933 aus dem Berliner Verband konzertierender Künstler ausgeschlossen (undatierter Lebenslauf in der Entschädigungsakte). Nachdem sie einige ihrer in die Emigration gezwungenen Gesangsschüler verlor, habe sich Kornell auch selbst zur Flucht aus Deutschland entschlossen und sei im April 1938 nach Frankreich emigriert (Pasdzierny 2015). Die Akten zu ihrem Mann Paul Obst (geb. 28. Februar 1891 in Potsdam) im französischen Nationalarchiv sowie im Archiv der Préfecture de Police bei Paris bestätigen, dass das Ehepaar mit der Bahn nach Frankreich einreiste, sich den Hausrat samt Flügel liefern ließ und nach einigen Tagen in dasselbe Gebäude einzog, in dem eine polnischstämmige Cousine von Paul wohnte.4Ihrer Berliner Entschädigungsakte zufolge hatte Lore Kornell als Sängerin mindestens einmal, am 31. März 1927, schon in Paris gastiert, bevor sie elf Jahre später dorthin flüchtete. Dort hatte sie mit dem Komponisten Felix Günther (1886–1951), der über Wien in die USA emigrierte, zusammen ein Vortragskonzert gegeben. Mit Bezug auf eine französische Bescheinigung vom 7. Juni 1956 Jahres bestätigt Lore Kornells Anwältin, dass die Eheleute in Paris gemeinsam steuerlich veranlagt waren und nur ein geringfügiges Einkommen bezogen (Schreiben vom 27. Oktober 1956 in der Entschädigungsakte).5Laut den Polizeiakten betrug ihr Einkommen als freie Journalistin und Übersetzerin nach dem Krieg 70.000 Francs. Über Kornells Zeit in Paris sei wenig bekannt, heißt es in dem Lexikonartikel, außer dass sie im Mai 1940 als „unerwünschte Ausländerin“ in das Lager Gurs deportiert wurde (Pasdzierny 2015). Sie musste sich im Pariser Velodrôme d’Hiver einfinden und wurde vom 15. Mai bis 9. August 1940 in Gurs festgehalten (so mehrfach in der Entschädigungsakte). Ihren Mann, der zunächst in Paris für den Lokomotivenzulieferbetrieb Orenstein & Koppel an den Champs Elysées tätig war, hatte man den französischen Polizeiakten zufolge schon am 12. Oktober 1939 entweder über das Sammellager in Roland-Garros oder über Colombe6Hierüber gibt es in den Unterlagen widersprüchliche Angaben. nach Le Vernet d’Ariège verbracht, einem berüchtigten Lager. Bis zu ihrer eigenen Festnahme erkundigte sie sich in zahlreichen Briefen nach ihm. Gerade noch rechtzeitig vor der Deportation wurde er am 25. Juli 1940 befreit und vom Roten Kreuz in ein Sammellager nach Straßburg gebracht, von wo aus er nach Paris zurückkehrte. Wegen der drohenden Einberufung zum Militär7Aus den Unterlagen geht nicht hervor, um welche Armee es sich handelte. musste er sich laut eigenen Angaben bei Freunden in Neuilly verstecken, meldete sich aber im September 1944 freiwillig. Mehrere Bürgen sagten für ihn aus und bezeugten, er sei ein klarer Nazigegner gewesen und habe französischen Freunden und Kollegen geholfen, die von den Deutschen inhaftiert worden waren. Nach Überwachung des Ehepaars durch die Polizei, bei der sie sich täglich melden mussten, und nach einer erneuten Inhaftierung und Verhören in Drancy nahm der vom Verdacht auf Spionage für die Deutschen entlastete Paul Obst 1947 seine Beschäftigung als Ingenieur und Kaufmann bei Orenstein & Koppel wieder auf. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
Lore Kornell hielt sich nach ihrer Entlassung aus dem Lager Gurs noch eine Weile in Südfrankreich auf, „teilweise vermutlich im Versteck bzw. in der Illegalität“ (Pasdzierny 2015). Über diesen Abschnitt von Kornells Biographie sei nichts Genaueres bekannt, heißt es bei Pasdzierny weiter. In den Archives départementales, Département des Pyrénées-Atlantiques, hat sich ihr Dossier Nr. 1610 erhalten. Dort nannte sie sich Lucie Mauermann und machte falsche Angaben zu ihrer Identität, insbesondere verschwieg sie, dass sie Jüdin war.8Nachricht des Archivs per E-Mail an die Verf. vom 19. Juni 2026. Sie war dort zur gleichen Zeit interniert wie Elisabeth Serelman-Küchler (1904–1965), die nach dem Krieg zu ihrer Übersetzerkollegin für die Zeitschrift Lancelot wurde. Wie Elisabeth war „Lucie Mauermann“ in Pau in Südfrankreich untergetaucht, wo sie laut dem Gurs-Dossier einmal aufgegriffen und festgenommen wurde. In dieser Zeit lieferte sie einem Résistance-Netzwerk Informationen über die deutsche Armee und erhielt dafür am 2. Februar 1946 eine Auszeichnung der dem Geheimdienst der Forces Françaises Libres zugehörigen Direction générale des études et recherches (so heißt es in einem Bericht in den Polizeiakten). 1942 waren Lores Eltern, die seit 1919 ebenfalls in Berlin gelebt hatten, ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Beide kamen dort ums Leben (Pasdzierny 2015 und Entschädigungsakte).
Nach der Befreiung Frankreichs zog Kornell 1944 zunächst nach Paris zurück, wo sie sich beruflich neu orientierte und Tätigkeiten als Übersetzerin und Journalistin aufnahm. Im Mai 1956 kehrte sie dauerhaft nach Deutschland zurück. (Pasdzierny 2015)
Erst zehn Jahre nach der Befreiung und ihrer Rückkehr nach Paris, 1954, konnte sie die deutsche Staatsbürgerschaft wiedererlangen, die ihr aberkannt worden war. Ihre Rückkehr nach Deutschland zwei Jahre danach führte sie jedoch nicht nach Berlin, sondern nach München.
An Auskünften über ihr Wirken als Übersetzerin enthält ihre Entschädigungsakte lediglich den Vermerk, dass die Einkünfte aus dieser Tätigkeit gering gewesen seien. Mit dieser Behauptung sollte aber vielleicht nur Druck auf die säumigen Behörden ausgeübt werden, die ihre Anwältin hinhielten und mit immer neuen Begründungen die Bearbeitung des Antrags aufschoben. Im oben zitierten Lexikon-Eintrag heißt es weiter:
Eine Dokumentation und Würdigung von Kornells Schaffen steht noch völlig aus.9Tatsächlich wird sie weder in der rororo-Monographie über Eugène Ionesco erwähnt (Bondy 1975), noch gibt es in der von deren Autor François Bondy zusammen mit Irène Kuhn herausgegebenen sechsbändigen Werkausgabe des Dramatikers nähere Angaben zu ihr (Bondy / Kuhn 1985). Dies betrifft auch ihre Tätigkeit als Sängerin, wobei insbesondere ihre frühe Hinwendung zu alter Musik hervorzuheben ist. Vor allem aber verdient ihre Leistung als Übersetzerin Aufmerksamkeit, nicht zuletzt vor dem Hintergrund ihrer durch Exil und Rückkehr erzwungenermaßen vertieften Fähigkeiten als Vermittlerin zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen. (Pasdzierny 2015)
Ihr übersetzerisches Wirken soll im Folgenden erstmals ausführlich gewürdigt werden.
Translatorisches Handeln im Post-Exil
In den Polizeiakten der Präfektur von Paris gab Lore Kornell nach Kriegsende zu Protokoll, sie schreibe Artikel über Kunst, Literatur, Theater, Musik, Kino und Mode für die (1834 gegründete) deutschsprachige, damals täglich erscheinende Staatszeitung in New York, das Echo der Woche in München und die (neun Monate nach Kriegsende mit Lizenz der britischen Militärregierung gegründete)Rheinische Post in Düsseldorf. Sie sei als Kulturkorrespondentin für die Agentur Kronos Dienst Press10Richtiger: Chronos-Dienst der französischen Besatzungsbehörde in Deutschland. in Baden-Baden akkreditiert, wie der Mitgliedsausweis des Verbandes La Presse Diplomatiquebekräftigte. Diese journalistische Tätigkeit basierte also auf Kontakten zu den Publikationsorganen der Besatzungsbehörden in Deutschland, und sie eröffnete ihr den Zugang zu den Pariser Bühnen.
Ihre erste veröffentlichte Übersetzungsarbeit war die Nacherzählung der mittelalterlichen Romanze Tristan et Iseult des Literaturwissenschafters und Mediävisten Joseph Bédier (1864–1938): Ihre deutsche Bühnenfassung11Eine Prosafassung unter dem Titel Der Roman von Tristan und Isolde hatte der Schriftsteller Rudolf G. Binding bereits 1911 bei Insel publiziert. erschien 1948 als Buch unter dem Titel Tristan und Isolde im von den französischen Besatzungsbehörden gegründeten Verlag Lancelot.12Sie gibt an, sie habe das Übersetzen als neue Tätigkeit 1947 aufgenommen (Schreiben ihrer Anwältin an das Entschädigungsamt Berlin vom 27. Oktober 1956, S. 4, in der Akte).
Bei Bédier zitiert Marke, der König von England, gegenüber einem Gefährten den Titelhelden Tristan. Dieser habe zu ihm gesagt:
Damals, als ich durch Länder und über Meere irrte, war ich im Lande jener Schönen, die Ihr begehrt. Welches Land das ist? Ihr werdet es nicht eher erfahren, als wenn ich von dort zurückkehre. (Bédier 1948: 8)
Dem König imponiert Tristan, weil er ihm gegen einen Tyrannen beigestanden hat. Der Topos vom Widerstand gegen die Tyrannei war sicherlich auch ein Grund für Bédier, das mittelalterliche Epos aufzugreifen.13In Frankreich hatte es schon vor dem Krieg und zuletzt 1943 nach einem Drehbuch von Jean Cocteau mehrere Verfilmungen von Tristan et Yseult gegeben, zu internationaler Berühmtheit gelangt ist der Stoff durch Richard Wagners Oper.
In der folgenden Passage könnte die Übersetzerin Lore Kornell ihr eigenes Schicksal als Exilantin, die der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und potenziellem Verrat ausgesetzt war, wiedererkannt haben:
OGRIN: Herr Tristan, Freund, seht sie hier, zu meinen Füßen weinend, und so schön.
TRISTAN: Ja, ich habe tiefes Mitleid mit ihr. Was habe ich aus ihrer Jugend, aus ihrer Schönheit gemacht? Statt Seide zu handhaben in einem Schlosse, führt sie um meinetwillen dies harte und bittere Leben.
OGRIN: Ihr habt Mitleid mit ihr und sie mit Euch. Hört drum meinen Rat: Vertraut sie mir an! . . . Ich führe sie in meine Einsiedelei. Dort bleibe sie als an einem Zufluchtsort, und ich gehe, um König Marke anzuflehen . . .
TRISTAN (zornig): Hat er sie nicht dem Scheiterhaufen überantwortet? Und Ihr wollt mir versichern, daß er Eurer Bitte Gehör schenken wird?
OGRIN: Versichern? Wie könnte ich das wohl? Doch ob Marke verzeiht oder nicht, was hat das zu sagen? Er hat Isolde zum Weibe genommen nach den Gesetzen von Rom. Gebt sie ihm zurück, denn sie ist sein.
TRISTAN: Nein, sie ist nicht mehr sein; er hat sie den Aussätzigen überantwortet, und von den Aussätzigen gewann ich sie zurück: seither ist sie mein, und ich behalte sie. (Isolde flüchtet sich in Tristans Arme.)
OGRIN (nimmt seine Krücke und macht sich auf den Weg) Tristan, Isolde, Gott helfe Euch, denn Ihr habt diese Welt verloren und jene! Ach! Kann man Toten beistehen? (Bédier 1948: 48f.)
Mit dem Stück hatte die Liedsängerin Lore Kornell vor allem aber auch Gelegenheit, ihre Fähigkeiten als Lyrik- und Liedübersetzerin mit Gefühl für Rhythmus und Reim unter Beweis zu stellen:
Goldfäden, Silberfäden webt
die schöne Frau mit zarter Hand.
Ihr Spinnrad ist von Elfenbein
ihr Weberschifflein Diamant.
Aus Amethyst ist das Gemach,
das Bett mit Seide überspannt.
„Doch wer ist’s, der Dir Dienerinnen,
o Schöne, an die hundert gibt?“
„Der König ist es“, sagt die Schöne,
„mein guter Herr, der mich sehr liebt.“ (Bédier 1948: 50)
Vielleicht hatte sie das häufig vertonte „Gretchen am Spinnrade“ aus Goethes Faust im Ohr, auch wenn die Tonalität bei Bédier und Kornell hier weniger ruhelos, leidenschaftlich und mädchenhaft klingt als vielmehr prunkvolle Würde ausstrahlt.
Jedenfalls übersetzt Lore Kornell auch in der Folge Lyrik. So beteiligt sie sich an der Anthologie Lebendiges Frankreich, einem 180 Seiten umfassenden zweisprachigen Band, der 1950 im Zürcher Europa-Verlag erscheint. Als Herausgeber figuriert der aus Heidelberg nach Frankreich ins Exil gegangene Indologe und Südostasienkundler Pierre (eigentlich Peter F.) Fabricius (1912–1988), während Kornell und Hilde Prahl als Mitwirkende genannt werden. Lore Kornell bringt für den Band vier Sonette von Jean Cassou, ein Gedicht mit dem Titel „Otages“ („Geiseln“) von Pierre Emmanuel, ein Gedicht von Pierre-Jean Jouve, ein Gedicht von Georges Ribemont-Dessaignes, zwei von Pierre Seghers und eines von Edith Thomas mit dem Titel „All meine Freunde sind tot“ ins Deutsche.
In seinem im Herbst 1949 in Paris verfassten Vorwort schreibt Fabricius, der die meisten Gedichte des Bandes übersetzte:
Ursprünglich trugen wir uns mit der Absicht, ausschließlich Dichtungen aufzunehmen, die aus dem Geist der französischen Widerstandsbewegung entstanden sind, zu einer Zeit also, die die Jahre 1940–1944 begreift. Nun haben wir aber die Feststellung gemacht, daß dieser sehr knappe, oft politisch gebundene Rahmen das Dichterische an sich beeinträchtigen könnte, ganz besonders aber, wenn wir uns an eine nichtfranzösische Leserschaft richten, die nicht immer an den erwähnten Ereignissen oder Episoden so teilgenommen hat wie wir.
Er versteht also sich und seine beiden Mitübersetzerinnen als Teil des Widerstands. Da die französische Kultur mit ihrer Begründung der Menschenrechte etwas Klassisches habe, enthalte der Band auch ältere Gedichte in dieser Tradition, und neben Dichtern des Surrealismus wie Paul Éluard von der äußersten Linken der französischen Kultur wolle der Band auch auf die Ursprünge der Moderne zurückgehen:
Wenn wir nun die eigentliche Dichtung der Résistance auf die oben erwähnten Quellen hin befragen, dann können wir getrost antworten, daß diese Widerstandsdichtung so schlagkräftig sein konnte, weil ihre Dichter nicht nur einer persönlichen Trauer Stimme liehen, sondern sich für das Heiligste ihres an einer langen, herrlichen Tradition genährten Volkes einsetzten: für die Freiheit und Schönheit einer Kultur, die Gefahr lief, überrannt zu werden.
Wahrscheinlich kannten sich Fabricius und Kornell aus Paris.141947 hatte er in der Reihe „Stimmen bedrängter Völker“ bereits Französische Dichter in der Gefangenschaft: Eine Anthologie in französischer und deutscher Sprache, Auswahl und deutsche Nachdichtungen von Pierre Fabricius, bei Oprecht in Zürich veröffentlicht.
Lore Kornell publizierte zahlreiche weitere Übersetzungen in der Zeitschrift Lancelot. Der Bote aus Frankreich. Die Zeitschrift wurde als eines der alliierten Magazine von 1946 bis 1951 als Monatsschrift von Baden-Baden, seit 1945 Sitz der französischen Militärverwaltung, und später von Neuwied am Rhein aus verlegt.15Ab 1947 lobte Lancelot einen Literaturpreis für einen Roman aus, der im gleichnamigen Verlag in Buchform auf Deutsch und in Übersetzung bei einem französischen Verlag erscheinen sollte. Es erschienen zunehmend längere Novellen oder Romane in Fortsetzungen, etwa Werden und Vergehen des belgischen Autors Franz Hellens in der Übersetzung von Curt Speth oder Freude an der Musik von Roland Manuel in der Übersetzung von Renate Lerbs-Linau (*1914). Ohne Nennung des Übersetzers und Exilanten Heinrich Wallfisch (1894–1963) erschien ein Auszug aus dessen bei Rowohlt erschienener Übersetzung von Simone de Beauvoirs Reisebericht Amerika, Tag und Nacht (Nr. 28, 1950). Herausgeberin war Jacqueline Grappin16Ihre Lebensdaten ließen sich nicht ermitteln. – eine Übersetzerin aus dem Russischen ins Französische.17Grappin, geborene Prévost, war bis zur Scheidung 1956 die Ehefrau des Germanisten und Deutschlehrers Pierre Grappin (1915–1997), Autor eines deutsch-französischen Wörterbuchs, der Memoiren eines Humanisten sowie germanistischer und pädagogischer Werke, der ebenfalls regelmäßig im Lancelot publizierte. 1946 erschien Aux portes de la ville von Evgueni Riss in ihrer Übersetzung im Pariser Verlag Nouvelle Edition. Riss hatte zusammen mit Vsevolod Voyevodin ein Stück mit dem Titel Bedingt ermordet geschrieben, das Dmitri Schostakowitsch als Opus 31 vertonte. Es wurde nur ein einziges Mal aufgeführt.
In den Heften mit Beiträgen und biographischen Kurznotizen namhafter französischer Autoren wie Paul Éluard, Romain Rolland, Jean-Paul Sartre oder Tristan Tzara wurden Übersetzende anfangs nur in Einzelfällen bei Lyrik, dann regelmäßig erwähnt. Unter ihnen war Kornells Exilgefährtin und Koübersetzerin Hilde Prahl, die anfangs als „H. Prahl“ zeichnete, sowie die mit ihr in Gurs internierte Elisabeth Serelman-Küchler (1904–1965).18Auf die Münchnerin, Tochter des Romanisten und Lancelot-Übersetzers Walther Küchler sowie laut Katalog der Deutschen Nationalbibliothek zweite Ehefrau des kommunistischen jüdischen Arztes Hans Serelman (1898–1944), verfasste Helmut M. Braehm, damals Präsident des Verbands deutschsprachiger Literaturübersetzer, einen Nachruf in der Zeitschrift Der Übersetzer (3. Jg. Nr. 2 1966, S. 4). Dabei erwähnte er den von ihrer französischstämmigen Mutter übernommenen Vornamen Jeanne, aber nicht die Tatsache, dass auch sie – wie Lore Kornell – eine Verfolgte des Nationalsozialismus gewesen war. Wie erwähnt ging Küchler, die ihren Mann im Exil kennenlernte, nach der Entlassung aus Gurs nach Pau, vielleicht konnte auch Lore Kornell dort untertauchen (Seifert 2017: 223 passim).
In Lore Kornells Übersetzung erschien in Lancelot zunächst Bédiers Tristan und Isolde, das auch noch einmal in Buchform bei Lancelot herauskam und in einer kurzen Meldung von A. M. in der Überparteilichen Tageszeitung für Politik, Wirtschaft und kulturelles Leben West-Echo vom 3. Juni 1949, S. 4, lobend besprochen wurde: „Die Bühnen sollten sich dieser qualitätsvollen, sprachlich äußerst beschwingten Nachdichtung nicht verschließen.“
Des Weiteren erschienen in Lancelot von ihr der Minnesang „Alba“ des Troubadours Guiraut de Borneil (Nr. 12, 1948), „Die Ballade von den Königen“ von Rudolf Leonhardt (Nr. 20, 1949), die Tagebucheinträge zu „Bayreuth“ von Romain Rolland (Nr. 28, 1950), zwei Gedichte von Arthur Rimbaud (Nr. 30, 1951) sowie ein Nachruf auf André Gide, ein Interview mit Raymond Queneau anlässlich seiner Aufnahme in die Académie Goncourt (Nr. 31, 1951), im selben Heft das Gedicht „Geburtstag“ von Jules Supervielle und das Gedicht „Gewißheit“ von Paul Éluard.
Louis Aragons (1899−1974) Langgedicht „Der Schrei der Rohrdommel“ erschien in Lore Kornells Übersetzung in Heft 9, 1948, der Zeitschrift.19In Heft 13 desselben Jahres wurde ohne weiteren Kommentar die alternative Übersetzung eines Lesers abgedruckt. Das Widmungsgedicht „Les yeux d’Elsa“ an seine Frau, die Schriftstellerin Elsa Triolet, wurde unter dem Titel „Elsas Augen“ ebenfalls in Lore Kornells Übersetzung in einem Themenheft über die Liebe (Nr. 29, 1951, S. 34–36) veröffentlicht, für das sie auch weitere Gedichte Aragons übersetzte, die Elsa Triolet zusammengestellt hatte. Kornells Übersetzung von Aragons „Das strahlende Antlitz der Liebe (Nizza, im Februar 1942)“, wurde 1987, also posthum, in die von Irene Selle herausgegebene Anthologie Frankreich meines Herzens. Die Résistance in Gedicht und Essay aufgenommen (Selle 1987: 122f.).
Theaterübersetzung
Eugène Ionesco (1909–1994), der im gleichen Jahr 1938 wie sie aus Rumänien nach Frankreich gezogen war und ihr wichtigster Autor wurde, lernte Lore Kornell in Pariser Theaterkreisen kennen.20In ihrer Entschädigungsakte heißt es, dass sie zwar nicht ihren Lebensunterhalt mit Theaterkritiken bestreiten konnte, dadurch aber zumindest umsonst ins Theater kam. Dies bestätigt der spanische Dramatiker und bildende Künstler Fernando Arrabal (*1932), der 1955 aus Spanien nach Paris übersiedelte.21E-Mail an die Verf. vom 30. März 2026. Arrabal zufolge verkehrte sie außerdem mit Samuel Beckett (1906–1989) und Ionescos Landsmann Emil Cioran (1911–1995). Ihn selbst besuchte sie nach dessen Auskunft zum ersten Mal in Begleitung des deutschen „ZERO“-Malers Otto Piene (1928–2014). Sie habe ihn auch einmal zusammen mit Johannes Piron (1923–1989) besucht, der im niederländischen Widerstand aktiv gewesen war und neben Lore Kornell ebenfalls Werke von Arrabal übersetzte.22Mit Piron und Emma Biber zusammen übersetzte Lore Kornell 1972 für den Münchner Desch Verlag das Buch Gold-Gotha. Meine Begegnungen mit Reichtum, Macht und Schönheit des Aristokraten, Filmschauspielers und Gesellschaftslöwen José-Luis de Vilallonga – vielleicht eine Auftragsarbeit, aber jedenfalls auch wieder Teil ihres auf die Exilerfahrung gegründeten kollegialen Netzwerks. Bei diesem Besuch ebenfalls anwesend war der von 1936 bis 1939 ebenfalls in Paris exilierte Verleger Joseph Melzer (1907–1984), der 1969 einen skandalträchtigen Bildband über Arrabal herausbringen sollte.
Kornell übersetzte insgesamt sechs Werke von Arrabal, darunter außer dem 1996 von Otfried Büsing (*1955) vertonten Anti-Kriegs-Stück Picknick im Felde seinen Einakter Guernica über die Luftangriffe der deutschen und italienischen Faschisten auf die baskische Stadt – die Übersetzerin merkte in einer Fußnote zum Text an, es handele sich bei der stummen Rolle einer Mutter, die mit ihrer Tochter durch die Trümmer geht, um eine Anspielung auf Pablo Picassos berühmtes gleichnamiges Gemälde. Außerdem übersetzte sie Arrabals Stück Das Dreirad, sein „mystisches Drama“ Gebet sowie den Einakter Die beiden Henker und Fando und Lis, die alle in dem Band Schwarzes Theater(Neuwied/Berlin: Luchterhand 1963) versammelt sind. In einem Nachwort stellt sie den damals in Deutschland noch wenig bekannten Autor vor:
Arrabal schildert eine Welt, wie er sie sieht, blutgierig, heiter, zärtlich und überschattet vom Alpdruck, den die jungen Spanier von heute durch Bürgerkrieg, Kirchen- und Polizeiterror und in Konzentrationslagern kennen gelernt haben. In ungeschminkter, grausamer, transparenter, treffender Kindersprache und aus einer Situation absurdester Roheit und Unglaubwürdigkeit heraus verkünden Arrabals Geschöpfe unbeirrt ein neues Evangelium, das einfachste und schwerste, kaum zu verwirklichende:
Das Evangelium der Güte.
Arrabal ist Spanier, schreibt aber, obwohl er bis vor wenigen Jahren in Spanien gelebt hat, französisch.[…] Arrabals Stücke sind keine Tendenzstücke, vielmehr schreibt er aus einer Art von Selbsterhaltungstrieb heraus. Arrabal hat Angst. Und er handelt wie ein Kind, wenn es Angst hat – oder wie Charlie Chaplin in seinen ersten Filmen –: Er lacht. Ein bitteres Lachen. Und zu seinem Erstaunen merkt er, dass es ihn befreit, dass seine Ketten ihm leichter scheinen und die Mauern, hinter denen er sich gefangen glaubte, Risse bekommen. (Kornell in: Arrabal um 1960)
Auf ihre frühe Bédier-Übersetzung folgten Übersetzungen des Autors und Dramaturgen André Lem (1926–?) sowie von Marcel Aymé (1902–1967). Es sollte sich zeigen, dass sie nicht nur die Bühnenwerke bestimmter Autoren übersetzte, sondern für bestimmte, auf den Vertrieb von Bühnenmanuskripten spezialisierte Verlage in Deutschland und der Schweiz tätig war und ihr Portfolio dabei im Lauf der Jahre vermutlich in deren Auftrag erweiterte. Die Exilerfahrung spielte in diesem Netzwerk ebenfalls eine Rolle.
Lem und Ayme übersetzte sie Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre ebenso wie Alejandro Casona (1903–1965), der während des Spanischen Bürgerkriegs in Frankreich lebte, für den Zürcher Europa-Verlag.23Ich habe noch keine Erklärung gefunden, ob und wenn ja woher sie Spanisch konnte oder ob es französische Fassungen gab, auf denen ihre Übersetzungen beruhten. Nur zwei der vier Stücke übersetzte sie zusammen mit anderen, nämlich mit Walter Oberer und Miklos Konkoly, die anderen beiden allein. Die Beziehung der Übersetzerin zu diesem von Emil Oprecht im Exil gegründeten Bühnenverlag war also für sie ziemlich produktiv.
Ebenfalls in den 1950er Jahren erschienen Lore Kornells Übersetzungen von insgesamt sechs Theaterstücken des in Poltawa geborenen russisch-französischen Dramatikers und Drehbuchautors Georges Neveux (1900–1982) für den damals in Berlin-Dahlem ansässigen Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb und für den Zürcher Stauffacher Verlag sein auf einem Roman basierendes und als Oper vertontes Werk Julia oder Das Traumbuch (1957). Für Neveux, der seinerseits aus dem Deutschen ins Französische übersetzte und an deutschen Theaterstücken interessiert war, die er dann auch selbst inszenieren wollte, wurde sie im Post-Exil vermittelnd tätig, indem sie im Juni 1953 mit Suhrkamp über die Rechte an Bertolt Brechts Der gute Mensch von Sezuan24Der Verlag wies darauf hin, dass dieses Stück bereits von Jeanne Stern (1908–1998), einer Freundin von Anna Seghers (1900–1983), ins Französische übersetzt worden sei. korrespondierte und im Mai 1954 mit der Theaterabteilung des S. Fischer Verlags über Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick und zwei Komödien von Hofmannsthal (Briefwechsel Deutsches Literaturarchiv, Marbach).25Ihr wurde mitgeteilt, dass die Rechte an diesen Texten für Frankreich bereits vergeben seien. Das stattdessen angebotene Stück „Cristinas Heimreise“ lehnte sie als für Frankreich ungeeignet ab.
1951 auf Französisch uraufgeführt wurde das Stück La ville dont le prince est un enfant von Henry de Montherlant.26Aufgrund seiner herablassenden Äußerungen bezeichnete Simone de Beauvoir diesen Autor in ihrem Buch Das andere Geschlecht (übersetzt von Eva Rechel-Mertens und Fritz Montfort, Hamburg: Rowohlt 1951) als Frauenfeind und widmete ihm in ihrer Kritik ein ganzes Kapitel. Lore Kornells Übersetzung Das Land, dessen König ein Kind ist. Schauspiel in drei Akten erschien ohne Jahresangabe im Münchener Verlag Langen Müller. Lore Kornells Übersetzung Das Land, dessen König ein Kind ist. Schauspiel in drei Akten erschien ohne Jahresangabe im Münchener Verlag Langen Müller.27In einem handschriftlichen Protokoll vom Januar 1954 in den Polizeiakten gibt sie an, „autorisierte Übersetzerin des Bühnenautors Henry de Montherlant“ (1895–1972) zu sein. Dort erschien auch (ebenfalls ohne Jahresangabe, aber wahrscheinlich um 1960) der Band Die Stunde des Theaters. Kritik und Interpretation mit Besprechungen des Pariser Kritikers Gabriel Marcel zu Theaterstücken von Jean Giraudoux, ebenjenem Henry de Montherlant, Jean Anouilh, Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Die Übersetzung legte die in München lebende Schriftstellerin und Übersetzerin Susanne Kaiser (1932–2007) gemeinsam mit Lore Kornell vor, ohne dass gekennzeichnet wäre, welche Übersetzerin welche Kapitel übernommen hat. Die Zitate aus den besprochenen Stücken wurden laut Impressum den autorisierten deutschen Übersetzungen entnommen. Kaiser und Kornell könnten sich aus München gekannt haben.
In Kornells umfangreichem Œuvre ist Colette Audry (1906–1990), deren Stück Soledad. Schauspiel in 3 Akten28Das Original erschien 1956 bei Éditions Dengel, der darauf basierende Fernsehfilm 1960, die deutsche Ausgabe trägt keine Jahresangabe. Kornell in den 1950er Jahren für den Münchner Theaterverlag Kurt Desch übersetzte, eine von nur zwei weiblichen Autoren.29Die andere war Gaby Bruyère, deren Komödie in drei Akten Les cavaleurs (wörtlich etwa „Die Schürzenjäger“) sie 1966 unter dem einfallsreichen Titel Gelegenheit macht Liebe übersetzte. Die Komödie endet mit einem lang ausgehaltenen herrlichen Ton einer Sängerin, das mag der Sängerin Lore Kornell gefallen haben. Audry war mit dem Germanisten Robert Minder (1902–1980) verheiratet. 1940 unterstützte sie gemeinsam mit ihrem Mann den Schriftsteller und späteren Kulturoffizier Alfred Döblin (1878–1957) und dessen Familie bei deren Flucht durch Südwestfrankreich – ein weiteres Beispiel für die Exil‑ und Widerstandsverbindungen zwischen Übersetzerin und „ihren“ Autoren. Diese Verbindung spiegelt sich auch im Stück selbst: Die Titelfigur Soledad („Einsamkeit“) ist eine junge Übersetzerin, die zusammen mit Paco und Sebastian in einer Widerstandsgruppe aktiv ist. Die Handlung setzt mit Soledads Verhaftung ein, und wie in den Regieanweisungen vermerkt, „spielt sich in einem Lande unter diktatorischer Herrschaft im Zeitraum von drei Tagen“ ab.
Für Desch übersetzte Kornell außerdem das 1959 verfilmte Schauspiel Marie-Octobre des Autorentrios Julien Duvivier, Henri Jeanson und Jacques Robert und 1965 Zoo oder Der menschenfreundliche Mörder. Eine juristische, zoologische und moralische Komödie in drei Akten von Vercors, wie der Résistance-Deckname des Autors und Karikaturisten Jean Bruller (1902–1991) lautete. Kornells gemeinsam mit Brullers Ehefrau, der britischen Journalistin Rita Barisse (1917–2001), vorgelegte Übersetzung erschien ein Jahr später auch noch einmal bei Henschel in Ost-Berlin.
Für den Zürcher Verlag Stauffacher übersetzte Lore Kornell ab den 1950er Jahren außerdem Werke des für seine Spionageromane bekannten Autors Jean-Pierre Conty (1917–1984) und noch kurz vor ihrem Tod Schule der Amazonen (1980) von Jean-Claude Danaud (*1948); von diesem Autor übertrug sie des Weiteren (ebenfalls um 1980) für den Schweizer Rundfunk das Hörspiel30Es ließen sich keine weiteren Hörspielübersetzungen von Lore Kornell nachweisen. Der Phonograph treibt auf dem Meer. Für Stauffacher entstanden auch noch Übersetzungen Kornells von dem amerikanisch-französischen Schriftsteller Julien Green (1900–1998) sowie von dem Dramatiker und Regisseur Albert Husson (1912–1978) und weiteren Autoren.
Für den ebenfalls bereits genannten Kiepenheuer Bühnenverlag, für den sie fünf Stücke von Georges Neveux übersetzt hatte (ein weiteres übersetzte sie für Stauffacher), übersetzte Lore Kornell außerdem insgesamt zehn Stücke des belgisch-französischen Dramatikers Félicien Marceau (1913–2012), eine Komödie des Dramatikers und Drehbuchautors Claude-André Puget (1905–1975) und zwei weitere Komödien von Alexandre Rivemale (1918–2010) sowie Der rote Fluss (1960) des aus Algerien stammenden französischen Autors Jules Roy (1907–2000) und Die Erde ist rund (1960) des französischen Dramatikers und Drehbuchautors Armand Salacrou (1899–1989).31Die Erde ist rund in Kornells Übersetzung war bereits in dem Lancelot-Themenheft über die Liebe, Nr. 29 (1951) erstabgedruckt worden.
Kornells Übersetzungen von Jacques Audibertis (1899–1965) Der Glapion-Effekt und Arrabals Picknick im Felde wurden 1961 in den umfangreichen, rund 500 Seiten starken Band Französisches Theater der Avantgarde aufgenommen.32Herausgegeben von Joachim Schondorff und mit einem Vorwort versehen von Hans Schwab-Felisch. München: Langen-Müller 1961.
Lore Kornells wichtigster, bis heute bedeutender Bühnenautor war zweifellos der rumänisch-französische Autor Eugène Ionesco. Im broschierten Typoskript des von ihr übersetzten Stücks Delirium zu zweit – auf unbegrenzte Zeit. Ein langer Akt ist keine Jahreszahl angegeben. Es erschien laut Katalog der Deutschen Nationalbibliothek 1960 im Münchner Theaterverlag Kurt Desch, der auch in Wien und Basel Dependancen hatte. Da lebte Lore Kornell bereits im Post-Exil in München, hatte aber weiterhin eine Wohnung in Paris und traf sich mit dem Autor und seiner Frau Rodica häufiger dort.
Delirium war die erste ihrer zahlreichen Übersetzungen des international populären rumänisch-französischen Theaterautors. Dabei handelte es sich laut einer Ankündigung des Theaters Dortmund „um ein Meisterstück des bösen, absurden Humors“:
Während drinnen im endlosen Beziehungslärm eine kleine Welt versinkt, bricht draußen die Hölle los. Doch ein Paar hält sich mit den mächtigen Ritualen ihrer Eheschlachten und Meinungsverschiedenheiten Umsturz, Bürgerkrieg und Revolution wortwörtlich vom Leib.
1967 wurde das Stück – womöglich auf Basis von Kornells deutschem Text – Grundlage für einen deutschen Fernsehfilm mit Wanda Rotha (1901–1982) und Wolf Frees (1909–1974). Die Hauptdarstellerin war eine österreichische Schauspielerin aus Wien, die in der Weimarer Republik in Magdeburg, Hamburg und am Kabarett der Komiker in Berlin aufgetreten war und als Jüdin über die Tschechoslowakei nach Großbritannien fliehen musste, also das Exilschicksal mit der Übersetzerin teilte.
Lore Kornells Übersetzungswerk umfasste zudem zahlreiche weitere Stücke von Ionesco, die unter anderem aufgenommen wurden in Band 3 von Eugène Ionescos Theaterstücken, der 1964 bei Luchterhand erschien. Ausgerechnet das berühmte algerienkriegs‑kritische Stück Die Nashörner – das später oft als Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gelesen wurde, vom Autor selbst aber eher als allgemeine Kritik an Rassismus und Diktatur verstanden werden wollte – wurde nicht von Kornell, sondern von einem männlichen Übersetzerduo ins Deutsche übertragen.33Claus Bremer (1924–1996), Theatermann und Übersetzer weiterer Ionesco‑Stücke, und Christoph Schwerin (1933–1996), Sohn eines der Attentäter vom 20. Juli 1944 und bei Berman‑Fischer Lektor für französische Literatur. Dafür stammen die Übersetzungen unter anderen der folgenden Werke von Lore Kornell: Hunger und Durst (eine Parabel auf Entwurzelung und Verfolgung, die auch noch einmal in der Zeitschrift Theater heute abgedruckt wurde34Im Heft vom April 1965, S. 53–68), Fußgänger der Luft, Das große Massakerspiel (das unter dem Titel Triumph des Todes unter anderem im Herbst 1970 im Nationaltheater Mannheim aufgeführt wurde35Der Neckar-Bote erwähnte sie in beiden Ankündigungen des Spielplans vom 25. September sowie vom 2. Oktober 1970, jeweils S. 9, namentlich als Übersetzerin), Der Mann mit den Koffern (über einen Exilanten mit ungenügenden Papieren in den Fängen der Bürokratie), Der neue Mieter36Auch noch einmal aufgenommen in Absurdes Theater. Stücke von Ionesco, Arrabal, Tardieu, Ghelderode, Audiberti. München: dtv 1. Aufl. 1966, 4. Aufl. 1972 41. bis 50. Tausend, S. 71–92., Kurze Stücke und Texte (um 1969)37Darin Die Lücke (La lacune) S. 4–19, Das harte Ei (L’Oeuf dur) S. 21–44, Wie man ein hartes Ei zubereitet (Pour preparer un oeuf dur) S. 45–51, Gehen lernen (Apprendre a marcher) S. 53–57, das von Derick Mendel in der Choreographie und Inszenierung für die Tänzerinnen Françoise und Dominique ausgearbeitet wurde, und Der heiratsfähige junge Mann (Le jeune homme à marier) S. 59–69, das als Ballett vom dänischen Fernsehen im Februar 1965 mit Josette Amiel und Flemming Flindt von der Pariser Oper aufgeführt wurde. Inszenierung und Choreographie: Flemming Flindt. sowie 1976 Ionescos Tagebuch (Journal en miettes) und die 1979 anlässlich des Erker-Treffens in Sankt Gallen gehaltene Rede des Autors.
Über den Abdruck von Auszügen aus Fußgänger der Luft und dem Tagebuch führte sie 1961–62 einen Briefwechsel mit Hans Paeschke (1911–1991), dem Herausgeber der Münchener Literaturzeitschrift Merkur, aus dem wie schon im Fall von Georges Neveux ihre Vermittlerrolle hervorgeht (DLA).38Durch eine Sorglosigkeit Ionescos kam es zum Abdruck des Textes in Akzente in der Übersetzung von jemand anderem und zu einem Ausfallhonorar für Lore Kornell, die Paeschke im Vorfeld ermahnt hatte, sich der Rechte zu vergewissern, und die darauf bestand, Ionescos Übersetzerin zu sein. 1969 kam Paeschke noch einmal mit der Bitte auf sie zu, Auszüge aus dem Tagebuch in ihrer Übersetzung abdrucken zu dürfen.
Am Ende des 95 Seiten umfassenden Bandes Hunger und Durst. Ein Stück in drei Teilen von Eugène Ionesco (Kornell 1964) – in Lore Kornells Übersetzung im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt – heißt es, vermutlich in ihren eigenen Worten:
Die Übersetzerin: Lore Kornell war nach Musikstudien in ihrer Heimatstadt Berlin Sängerin, wurde Übersetzerin bei der ersten deutsch-französischen Monatszeitschrift Lancelot, Theaterberichterstatterin. Übersetzte Gedichte von Aragon, Pierre Emmanuel, Casson und anderen, wandte sich dann ausschließlich dem Theater zu und übersetzte Stücke französischer Autoren wie Julien Green, Marcel Aymé, Salacrou, Gabriel Marcel, Jules Roy, Félicien Marceau, Achard, Ionesco. Lebt in München und Paris. (Kornell in: Ionesco 1964: 95)
Von den genannten und weiteren Autoren übersetzte sie im Zeitraum von 1948 bis 1980 fast 20 Gedichte und insgesamt an die 90 zum Teil verfilmte, vertonte oder als Hörspiel gesendete Stücke sowie neben einigen sonstigen Textsorten einen Roman „ihres“ Autors Eugène Ionesco, mit dem sie die Erfahrung des Exils und das Theaterleben in Paris verband.39Im Deutschen Literaturarchiv sind weitere Programmhefte aufbewahrt und verzeichnet: So übersetzte Lore Kornell die „comédie burlesque“ Morgen: Ein Fenster zur Straße des rumänisch-jüdischen Autors Jean-Claude Grumberg, die 1969 unter der Regie von Horst Siede 1969 am Schauspielhaus Zürich Premiere hatte, sowie Werke des Barockkomponisten André Campra, des Autors und Widerstandskämpfers Jean-Louis Curtis (1917–1995) und des Dramatikers Claude Baldy (1904–?).
Außerdem übersetzte sie in den 1960er Jahren Stücke zweier französischer Autoren,40Von Jacques Mauclair: Der ewige Gatte. Dramatische Komödie in 2 Akten nach einer Novelle von Dostojewski (1963) sowie von Jacques Deval: Keine Angst vor der Hölle? Stück in 3 Akten (1963) und An jedem Finger eine … Komödie in 3 Akten (1969). die vom Thomas Sessler Bühnenverlag vertreten werden. Gegründet wurde dieser von George Marton (1899–1979), der wiederum zur gleichen Zeit wie Lore Kornell nach Paris ins Exil ging und mit ihr den Einsatz für Bühnenliteratur des Widerstands und deren Vermittlung nach Deutschland teilte.
Fazit
Lore Kornell überwand den Bruch, den das Exil für die europaweit konzertierende Berliner Sängerin bedeutete, durch einen Berufswechsel zur Theaterberichterstatterin und Übersetzerin, bei dem ihr die bereits zuvor erworbenen Kenntnisse als Fremdsprachenlehrerin zugutekamen. Im Kreis von Exilgefährten wie Pierre Fabricius, Hilde Prahl und Elisabeth Serelman‑Küchler fand sie bei der alliierten Zeitschrift Lancelot im Nachkriegsdeutschland ein neues literarisches Betätigungsfeld, bei dem ihre Bühnenerfahrung von Nutzen war. Ihr translatorisches Œuvre umfasst Lyrik namhafter französischer Autoren und Auftragsarbeiten wie Übersetzungen von Interviews und Nachrufen. Die Bühne, auf der sie nun nicht mehr selbst auftrat, blieb ihr wichtig, und sie widmete dem Theaterübersetzen den überwiegenden Teil ihres Schaffens. Sie übersetzte Werke bedeutender Autoren für namhafte Bühnenverlage in Deutschland und der Schweiz, die zum Teil selbst eine Exilgeschichte besaßen, und konnte sich auch in München ein neues lokales Netzwerk aufbauen. Mit einem zweiten Standbein in Paris hielt sie die Verbindung zur dortigen Theaterszene und betätigte sich auch als Vermittlerin in beide Richtungen.
Neben historischen Stoffen enthält ihr Werk – zu dem auch Gemeinschaftsarbeiten mit anderen Übersetzerinnen und Übersetzern zählen – vor allem Gegenwartsliteratur aus dem Geist der französischen Widerstandsbewegung und des absurden Theaters.
Lore Kornells Nachlass hat sich wahrscheinlich nicht erhalten.41Auch ist unbekannt, wo sie begraben ist. Die Monacensia besitzt immerhin ein undatiertes Foto, aufgenommen von Isolde Ohlbaum, von einer Lesung unbekannten Datums in der Münchner Autorenbuchhandlung, bei der Ionescos Witwe Rodica Ionesco (1910–2004), der Münchener Schriftsteller und Literaturkritiker Fritz Arnold (1916–1999) als Moderator und die Übersetzerin und Kulturvermittlerin Lore Kornell zusammen auftraten. Außerdem hat sich im Fonds Eugène Ionesco der Bibliothèque nationale de France ein kleiner Briefwechsel zwischen der Übersetzerin und ihrem wichtigsten Autor erhalten.42Nach brieflicher Kontaktaufnahme zur Tochter Marie-France Ionesco und deren Genehmigung zur Einsicht steht nun noch die Einsicht in die Digitalisate aus. Ihr breites Schaffen würde eine weitergehende Auseinandersetzung mit den literarischen Qualitäten ihres Übersetzens unbedingt lohnen.
Anmerkungen
- 1Der Einzelgänger [Le solitaire]. 163 Seiten. München: Hanser 1973.
- 2Heinrich Kirschner, geb. 14. April 1867 in Rogasen als Sohn des Eisenwarenhändlers Julius Kirschner und seiner Frau, hatte Jura studiert und bis 1918 als Anwalt und Notar praktiziert, bis er Polen aufgrund seiner deutschen Nationalität verlassen musste. 1894 hatte er Cesia Flatau, die Tochter eines Holzgroßhändlers aus Posen, geheiratet. In Berlin wurde er durch Vermittlung seiner Tochter Leiter eines Wohnungsamtes und baute sich eine neue Anwaltskanzlei auf, in der seine Frau als „Bürovorsteher“ tätig war. Laut einer Akte im Entschädigungsamt wurden die Eheleute am 2. Oktober 1942 aus Berlin mit dem sogenannten „3. großen Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert, wo sie ums Leben kamen. Bevor ihr Entschädigung bewilligt wurde, musste die Tochter mehrere Personen angeben, die den seinerzeit neu aufgebauten Wohlstand der Familie bezeugten und beglaubigten, dass der Vater in der Lage gewesen wäre, seinen Beruf weiterhin auszuüben.
- 3Laut Pasdzierny (2015) absolvierte sie am Stern’schen Konservatorium von 1913/1914−1919 ein Klavier- und Musiktheoriestudium bei Gustav Pohl und Wilhelm Klatte und erhielt daneben privaten Gesangsunterricht bei Konrad von Zawilowsky, Magda von Dulong und Vittorino Moratti.
- 4Ihrer Berliner Entschädigungsakte zufolge hatte Lore Kornell als Sängerin mindestens einmal, am 31. März 1927, schon in Paris gastiert, bevor sie elf Jahre später dorthin flüchtete. Dort hatte sie mit dem Komponisten Felix Günther (1886–1951), der über Wien in die USA emigrierte, zusammen ein Vortragskonzert gegeben.
- 5Laut den Polizeiakten betrug ihr Einkommen als freie Journalistin und Übersetzerin nach dem Krieg 70.000 Francs.
- 6Hierüber gibt es in den Unterlagen widersprüchliche Angaben.
- 7Aus den Unterlagen geht nicht hervor, um welche Armee es sich handelte.
- 8Nachricht des Archivs per E-Mail an die Verf. vom 19. Juni 2026.
- 9Tatsächlich wird sie weder in der rororo-Monographie über Eugène Ionesco erwähnt (Bondy 1975), noch gibt es in der von deren Autor François Bondy zusammen mit Irène Kuhn herausgegebenen sechsbändigen Werkausgabe des Dramatikers nähere Angaben zu ihr (Bondy / Kuhn 1985).
- 10Richtiger: Chronos-Dienst der französischen Besatzungsbehörde in Deutschland.
- 11Eine Prosafassung unter dem Titel Der Roman von Tristan und Isolde hatte der Schriftsteller Rudolf G. Binding bereits 1911 bei Insel publiziert.
- 12Sie gibt an, sie habe das Übersetzen als neue Tätigkeit 1947 aufgenommen (Schreiben ihrer Anwältin an das Entschädigungsamt Berlin vom 27. Oktober 1956, S. 4, in der Akte).
- 13In Frankreich hatte es schon vor dem Krieg und zuletzt 1943 nach einem Drehbuch von Jean Cocteau mehrere Verfilmungen von Tristan et Yseult gegeben, zu internationaler Berühmtheit gelangt ist der Stoff durch Richard Wagners Oper.
- 141947 hatte er in der Reihe „Stimmen bedrängter Völker“ bereits Französische Dichter in der Gefangenschaft: Eine Anthologie in französischer und deutscher Sprache, Auswahl und deutsche Nachdichtungen von Pierre Fabricius, bei Oprecht in Zürich veröffentlicht.
- 15Ab 1947 lobte Lancelot einen Literaturpreis für einen Roman aus, der im gleichnamigen Verlag in Buchform auf Deutsch und in Übersetzung bei einem französischen Verlag erscheinen sollte. Es erschienen zunehmend längere Novellen oder Romane in Fortsetzungen, etwa Werden und Vergehen des belgischen Autors Franz Hellens in der Übersetzung von Curt Speth oder Freude an der Musik von Roland Manuel in der Übersetzung von Renate Lerbs-Linau (*1914). Ohne Nennung des Übersetzers und Exilanten Heinrich Wallfisch (1894–1963) erschien ein Auszug aus dessen bei Rowohlt erschienener Übersetzung von Simone de Beauvoirs Reisebericht Amerika, Tag und Nacht (Nr. 28, 1950).
- 16Ihre Lebensdaten ließen sich nicht ermitteln.
- 17Grappin, geborene Prévost, war bis zur Scheidung 1956 die Ehefrau des Germanisten und Deutschlehrers Pierre Grappin (1915–1997), Autor eines deutsch-französischen Wörterbuchs, der Memoiren eines Humanisten sowie germanistischer und pädagogischer Werke, der ebenfalls regelmäßig im Lancelot publizierte. 1946 erschien Aux portes de la ville von Evgueni Riss in ihrer Übersetzung im Pariser Verlag Nouvelle Edition. Riss hatte zusammen mit Vsevolod Voyevodin ein Stück mit dem Titel Bedingt ermordet geschrieben, das Dmitri Schostakowitsch als Opus 31 vertonte. Es wurde nur ein einziges Mal aufgeführt.
- 18Auf die Münchnerin, Tochter des Romanisten und Lancelot-Übersetzers Walther Küchler sowie laut Katalog der Deutschen Nationalbibliothek zweite Ehefrau des kommunistischen jüdischen Arztes Hans Serelman (1898–1944), verfasste Helmut M. Braehm, damals Präsident des Verbands deutschsprachiger Literaturübersetzer, einen Nachruf in der Zeitschrift Der Übersetzer (3. Jg. Nr. 2 1966, S. 4). Dabei erwähnte er den von ihrer französischstämmigen Mutter übernommenen Vornamen Jeanne, aber nicht die Tatsache, dass auch sie – wie Lore Kornell – eine Verfolgte des Nationalsozialismus gewesen war. Wie erwähnt ging Küchler, die ihren Mann im Exil kennenlernte, nach der Entlassung aus Gurs nach Pau, vielleicht konnte auch Lore Kornell dort untertauchen (Seifert 2017: 223 passim).
- 19In Heft 13 desselben Jahres wurde ohne weiteren Kommentar die alternative Übersetzung eines Lesers abgedruckt.
- 20In ihrer Entschädigungsakte heißt es, dass sie zwar nicht ihren Lebensunterhalt mit Theaterkritiken bestreiten konnte, dadurch aber zumindest umsonst ins Theater kam.
- 21E-Mail an die Verf. vom 30. März 2026.
- 22Mit Piron und Emma Biber zusammen übersetzte Lore Kornell 1972 für den Münchner Desch Verlag das Buch Gold-Gotha. Meine Begegnungen mit Reichtum, Macht und Schönheit des Aristokraten, Filmschauspielers und Gesellschaftslöwen José-Luis de Vilallonga – vielleicht eine Auftragsarbeit, aber jedenfalls auch wieder Teil ihres auf die Exilerfahrung gegründeten kollegialen Netzwerks.
- 23Ich habe noch keine Erklärung gefunden, ob und wenn ja woher sie Spanisch konnte oder ob es französische Fassungen gab, auf denen ihre Übersetzungen beruhten. Nur zwei der vier Stücke übersetzte sie zusammen mit anderen, nämlich mit Walter Oberer und Miklos Konkoly, die anderen beiden allein.
- 24Der Verlag wies darauf hin, dass dieses Stück bereits von Jeanne Stern (1908–1998), einer Freundin von Anna Seghers (1900–1983), ins Französische übersetzt worden sei.
- 25Ihr wurde mitgeteilt, dass die Rechte an diesen Texten für Frankreich bereits vergeben seien. Das stattdessen angebotene Stück „Cristinas Heimreise“ lehnte sie als für Frankreich ungeeignet ab.
- 26Aufgrund seiner herablassenden Äußerungen bezeichnete Simone de Beauvoir diesen Autor in ihrem Buch Das andere Geschlecht (übersetzt von Eva Rechel-Mertens und Fritz Montfort, Hamburg: Rowohlt 1951) als Frauenfeind und widmete ihm in ihrer Kritik ein ganzes Kapitel. Lore Kornells Übersetzung Das Land, dessen König ein Kind ist. Schauspiel in drei Akten erschien ohne Jahresangabe im Münchener Verlag Langen Müller.
- 27In einem handschriftlichen Protokoll vom Januar 1954 in den Polizeiakten gibt sie an, „autorisierte Übersetzerin des Bühnenautors Henry de Montherlant“ (1895–1972) zu sein.
- 28Das Original erschien 1956 bei Éditions Dengel, der darauf basierende Fernsehfilm 1960, die deutsche Ausgabe trägt keine Jahresangabe.
- 29Die andere war Gaby Bruyère, deren Komödie in drei Akten Les cavaleurs (wörtlich etwa „Die Schürzenjäger“) sie 1966 unter dem einfallsreichen Titel Gelegenheit macht Liebe übersetzte. Die Komödie endet mit einem lang ausgehaltenen herrlichen Ton einer Sängerin, das mag der Sängerin Lore Kornell gefallen haben.
- 30Es ließen sich keine weiteren Hörspielübersetzungen von Lore Kornell nachweisen.
- 31Die Erde ist rund in Kornells Übersetzung war bereits in dem Lancelot-Themenheft über die Liebe, Nr. 29 (1951) erstabgedruckt worden.
- 32Herausgegeben von Joachim Schondorff und mit einem Vorwort versehen von Hans Schwab-Felisch. München: Langen-Müller 1961.
- 33Claus Bremer (1924–1996), Theatermann und Übersetzer weiterer Ionesco‑Stücke, und Christoph Schwerin (1933–1996), Sohn eines der Attentäter vom 20. Juli 1944 und bei Berman‑Fischer Lektor für französische Literatur.
- 34Im Heft vom April 1965, S. 53–68
- 35Der Neckar-Bote erwähnte sie in beiden Ankündigungen des Spielplans vom 25. September sowie vom 2. Oktober 1970, jeweils S. 9, namentlich als Übersetzerin
- 36Auch noch einmal aufgenommen in Absurdes Theater. Stücke von Ionesco, Arrabal, Tardieu, Ghelderode, Audiberti. München: dtv 1. Aufl. 1966, 4. Aufl. 1972 41. bis 50. Tausend, S. 71–92.
- 37Darin Die Lücke (La lacune) S. 4–19, Das harte Ei (L’Oeuf dur) S. 21–44, Wie man ein hartes Ei zubereitet (Pour preparer un oeuf dur) S. 45–51, Gehen lernen (Apprendre a marcher) S. 53–57, das von Derick Mendel in der Choreographie und Inszenierung für die Tänzerinnen Françoise und Dominique ausgearbeitet wurde, und Der heiratsfähige junge Mann (Le jeune homme à marier) S. 59–69, das als Ballett vom dänischen Fernsehen im Februar 1965 mit Josette Amiel und Flemming Flindt von der Pariser Oper aufgeführt wurde. Inszenierung und Choreographie: Flemming Flindt.
- 38Durch eine Sorglosigkeit Ionescos kam es zum Abdruck des Textes in Akzente in der Übersetzung von jemand anderem und zu einem Ausfallhonorar für Lore Kornell, die Paeschke im Vorfeld ermahnt hatte, sich der Rechte zu vergewissern, und die darauf bestand, Ionescos Übersetzerin zu sein. 1969 kam Paeschke noch einmal mit der Bitte auf sie zu, Auszüge aus dem Tagebuch in ihrer Übersetzung abdrucken zu dürfen.
- 39Im Deutschen Literaturarchiv sind weitere Programmhefte aufbewahrt und verzeichnet: So übersetzte Lore Kornell die „comédie burlesque“ Morgen: Ein Fenster zur Straße des rumänisch-jüdischen Autors Jean-Claude Grumberg, die 1969 unter der Regie von Horst Siede 1969 am Schauspielhaus Zürich Premiere hatte, sowie Werke des Barockkomponisten André Campra, des Autors und Widerstandskämpfers Jean-Louis Curtis (1917–1995) und des Dramatikers Claude Baldy (1904–?).
- 40Von Jacques Mauclair: Der ewige Gatte. Dramatische Komödie in 2 Akten nach einer Novelle von Dostojewski (1963) sowie von Jacques Deval: Keine Angst vor der Hölle? Stück in 3 Akten (1963) und An jedem Finger eine … Komödie in 3 Akten (1969).
- 41Auch ist unbekannt, wo sie begraben ist.
- 42Nach brieflicher Kontaktaufnahme zur Tochter Marie-France Ionesco und deren Genehmigung zur Einsicht steht nun noch die Einsicht in die Digitalisate aus.
