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Elisabeth Edl, Jg. 1956

16. Oktober 1956 Wagna (Steiermark) (Österreich)
Original- und Ausgangssprache(n)
Französisch
Zielsprache(n)
Deutsch

Lebensstationen

Elisabeth Edl stammt aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern (geb. 1924 bzw. 1925) lebten in dem Dorf Prigrevica Sveti Ivan in der Vojvodina als Kinder relativ wohlhabender Bauern. Als Donauschwaben wurden ihre Eltern 1944 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, in sowjetische Arbeitslager verschleppt und kamen nach ihrer Freilassung 1948 als Flüchtlinge in das österreichische Aufnahmelager Wagna (Steiermark, nahe der Grenze zu Slowenien). Das Flüchtlingslager, meistens nur als Lager Wagna bezeichnet, bestand von 1914 bis 1963 als Barackensiedlung auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde. 1955 erhielt die Familie die österreichische Staatsbürgerschaft und somit hatte Elisabeth Edl, geboren am 16. Oktober 1956 in Wagna, die österreichische Staatsbürgerschaft. Die Eltern, die ihren ganzen Besitz durch Vertreibung und Enteignung verloren hatten, wurden dort Arbeiter, aber eine gute Ausbildung der Kinder war ihnen wichtig und sie haben die Tochter Elisabeth, was Schule und Studium angeht, immer unterstützt und in ihren Entscheidungen freie Wahl gelassen.

Elisabeth Edl war seit ihrer Kindheit in verschiedenen Sprachmelodien zuhause und hatte ein frühes Bewusstsein für Sprachunterschiede entwickelt. Ihre Eltern und Verwandten sprachen aufgrund ihrer Herkunft in einem anderen Dialekt als die südsteirischen Nachbarn, die Großmutter konnte Ungarisch (das sie in der Schule gelernt hatte) und die Eltern Serbisch (zu ihren Schulzeiten war Serbisch Amtssprache). Elisabeth Edl besuchte vier Jahre die Volksschule in Leibnitz/Steiermark und acht Jahre den neusprachlichen Zweig im dortigen Gymnasium mit den Schulsprachen Englisch (8 Jahre), Latein (6 Jahre), Französisch (4 Jahre). Lieblingsfächer waren Deutsch, Geschichte, Englisch und Französisch, wobei zunächst ein großes Interesse an deutschsprachiger Literatur bestand; man rezitierte Theaterstücke in verteilten Rollen und auch fremdsprachige Stücke in Übersetzung (Shakespeare, Jean Anouilh, Calderón was sie sehr mochte). Und dann in der Abschlussklasse: dank einer ganz jungen Deutschlehrerin, lasen sie z.B. Handke (Wunschloses Unglück) und den Chandos-Brief von Hofmannsthal, der ihr in besonderer Erinnerung ist. Elisabeth Edl war eine Leseratte und hatte schon als Kind mit zehn, elf, zwölf Jahren jede Menge Karl May-Bücher gelesen. Mit vierzehn, fünfzehn, sechzehn waren Zola und Camus (in Übersetzung) ihre Lieblingsautoren, dann kam noch Saint-Exupéry dazu. Das erste Buch, das sie auf Französisch las, war Le Petit Prince, den sie dann Jahrzehnte später neu übersetzt hat. Elisabeth Edl studierte von 1975 bis 1983 – nur unterbrochen durch das Schuljahr 1979/80 als Fremdsprachenassistentin am Lycée Jean Dautet in La Rochelle (Frankreich) – Germanistik und Romanistik (Französisch, dann noch Spanisch als Erweiterungsfach) in Graz, hat Deutsch und Französisch als Hauptfächer abgeschlossen mit je einer Diplomarbeit und zwei unabhängigen Prüfungsverfahren mit dem Abschluss „Lehramt“ (Titel Mag. phil.), das dem deutschen Staatsexamen entspricht. Sie hatte in beiden Fächern eine Vorliebe für das 20. Jahrhundert, in der französischen Literatur mochte sie vor allem die Dadaisten und Surrealisten, und lange Zeit war Raymond Queneau ihr unbestrittener Lieblingsautor. In der Germanistik studierte sie gleichermaßen Literatur- und Sprachwissenschaft, genoss also auch eine sehr solide Ausbildung in alter Sprache und Sprachentwicklung (Gotisch bis Neuhochdeutsch). Sie hat sich bevorzugt mit österreichischer Gegenwartsliteratur beschäftigt; für ihre Diplomarbeit über George Saikos Roman Der Mann im Schilf (spielt 1934, während des Nazi-Putsches und der Ermordung von Dollfuß) hat sie viel Sigmund Freud und Theweleit gelesen. Bei den Romanisten dagegen wurde moderne Sprachwissenschaft betrieben, und ihre Diplomarbeit war eine sprachwissenschaftlich-fachdidaktische Arbeit. Wichtig war ihr die hochschulpolitische Arbeit, also Institutsvertretung, Studienrichtungsvertretung und gewählte Studentenvertreterin bei den Romanisten. Unabhängig von Uni-Veranstaltungen, gab es eine Studentengruppe, in der man sich für Reformen der Lehre engagierte und Bücher des Germanisten Utz Maas las: seine Thesen zu Sprachnorm, Sprachpolitik (Kann man Sprache lehren? Für eine andere Sprachwissenschaft), Unterdrückung von Minderheitensprachen am Beispiel Frankreich interessierten, aber auch dessen Biographien und wissenschaftlichen Profile von mehr als 300 Sprachforscherinnen und Sprachforschern, die im Nationalsozialismus aus rassistischen oder politischen Gründen verfolgt wurden, emigrierten, im Konzentrationslager umkamen oder Suizid begingen.1Beispielhaft einige Titel der Bücher von Utz Maas: Sprachforschung in der Zeit des Nationalsozialismus: Verfolgung, Vertreibung, Politisierung und die inhaltliche Neuausrichtung der Sprachwissenschaft (2016); Sprachpolitik und politische Sprachwissenschaft (1989), Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933-1945 (1996).

Das Interesse für jüdische Autoren bzw. die Thematik der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden war da und Autoren wie Joseph Roth haben als Lesestoff sicher eine wichtige Rolle gespielt (s. ihr UeLEX-Artikel zu Redtenbacher und ihre Übersetzungen von Berr, Frenzel, Weil, Green, Modiano).

Übersetzen hat ihr schon während des Studiums Spaß gemacht, aber da bei den Romanisten die verpflichtenden Übersetzungsübungen literarischer Texte eigentlich eher Sprachkontrollübungen waren, hat Edl zusätzlich am damaligen Grazer Dolmetschinstitut weitere Veranstaltungen besucht, um mit anderen Textgattungen und Übersetzungsmethoden in Berührung zu kommen. Nach dem Studium war sie von 1983 bis 1989 Lektorin am Germanistischen Institut der Universität Poitiers, von 1989 bis 1995 Lehrbeauftragte an der École Supérieure de Commerce, Poitiers. Sie hat als Lektorin besonders gern Übersetzungskurse übernommen, sich große Mühe gemacht bei Textauswahl und Vorbereitung und mehrere Jahre hintereinander den Thème-Kurs geleitet, also die Übersetzung vom Französischen in die Fremdsprache Deutsch. Und dann kam es zu einem ersten großen Übersetzungsauftrag. Ihr Lektorenkollege Wolfgang Matz hatte Kontakt zu Michael Krüger, dem Herausgeber der Zeitschrift Akzente, den sie kühn nach einem kleineren literarischen Text zum Übersetzen baten. Krüger hatte die vier Bände der Cahiers von Simone Weil in seiner Schublade, und die hat er ihnen angeboten, ohne eine Probeübersetzung zu verlangen. Ein wahnsinniges Angebot! Nach reiflicher Überlegung (wegen des Umfangs) sagten beide zu, bekamen sofort einen Übersetzervertrag für alle 4 Bände und haben Michael Krüger davon überzeugt, dass sie unbedingt noch einen Herausgebervertrag brauchten, die französische Vorlage war ja unkommentiert ohne Nachweis der meistens versteckten Zitate, Anspielungen etc. So haben sie sich ab 1989 nach den vormittäglichen Lehrveranstaltungen im Tandem von 14 bis 20 Uhr zehn Jahre lang durch die Cahiers gearbeitet. Von da an hatte die übersetzerische Tätigkeit im Leben von Edl einen vorrangigen Platz. Der erste Band der cahiers erschien 1992, der vierte 1998, da lebten sie bereits in München. Geld haben sie in der ganzen Zeit mit Unterrichten verdient. Edl bemühte sich weiter um Übersetzungsaufträge französischer Werke des 20. Jahrhunderts. Sie wurde betraut mit der Übersetzung der Tagebücher von (dem ihr sehr geschätzten) Green, Frenkel und Berr, mit deren Nichte Mariette Job, die das Tagebuch ediert hat, sie immer noch in regelmäßiger Verbindung steht. Gemeinsam mit dem ehemaligen Hanser-Lektor Wolfgang Matz, mit dem sie seit 2004 verheiratet ist, hat sie seit Jahrzehnten  u.a. Gracq, Green, Flaubert, Simenon und Lyrik von Philippe Jaccottet, Wandelère und Yves Bonnefoy übersetzt.2Wolfgang Matz war von 1987 bis 1995 in Poitiers (Frankreich), wo er am Institut für deutsche Sprache und Literatur lehrte und als Literaturübersetzer tätig war; von 1995 bis 2020 arbeitete er als Verlagslektor bei Hanser in München. Als Übersetzer französischer Prosa und Lyrik und Literaturkritiker wurde er mit dem Paul Celan-, dem Petrarca-Preis und 2024 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.

Seit 1995 lebt Edl in München als freie Romanistin und Literaturübersetzerin französischer Werke des 19. und 20. Jahrhunderts. 2013 erhielt sie eine August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin. Für ihre Übersetzungen und Editionen französischer Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Das übersetzerische Œuvre

Elisabeth Edl hat literarische Werke des 19. und 20. Jahrhunderts aus dem Französischen übersetzt, die unterschiedlichsten Gattungen bzw. Textsorten angehören: Biographien, Briefe, Erzählungen, Essays, philosophische, politische und kunstgeschichtliche Sachtexte, Romane, Tagebücher, Theaterstücke. Die Originalwerke stammen von Autoren wie Hélène Berr, Yves Bonnefoy, Flaubert, Françoise Frenkel, Julien Green, Julien Gracq, Philippe Jaccottet, Patrick Modiano, George Sand, Georges Simenon, Stendhal, Jules Verne, Frédéric Wandelère und Simone Weil.

Zu Edls übersetzerischen Handeln gehört auch ihre Arbeit als Herausgeberin von eigens für die deutschen Ausgaben zusammengestellten französischen Texten (Auswahlen zu Flaubert, Jaccottet oder Colette). Eine differentielle Gruppierung der übertragenen Texte ergibt folgendes Bild: Edl hat zunächst Texte (oft Tagebücher) übersetzt, die die Lebensgeschichten jüdischer Autoren während der Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg thematisieren: Okkupationszeit, Verfolgung, Verhaftung, Entwurzelung und Exil. Schon vor ihrer Zeit in Poitiers hat sie zusammen mit Wolfgang Matz die cahiers von Simone Weil herausgegeben. Später folgten die Tagebücher Julien Greens, Hélène Berrs und die noch vor 1945 entstandenen Texte von Françoise Frenkel. Auch mehrere Romane von Patrick Modiano (z. B. Dora Bruder) sind dieser Thematik zuzuordnen. Eine zweite Gruppe umfasst die großen Romane des 19. Jahrhunderts von Stendhal, Flaubert und George Sand sowie die „modernen Klassiker“ Green, Gracq, Simenon (zusammen mit Wolfgang Matz) und Modiano. Eine dritte Gruppe umfasst die im Tandem mit Wolfgang Matz übersetzte Lyrik von Bonnefoye, Jaccottet und Wandelère.

Ein wichtiger Teil ihrer translatorischen Tätigkeit sind die den deutschen Ausgaben beigefügten Kommentare und Anmerkungen. Edl ergänzt den übersetzten Text jeweils durch Sacherklärungen, ein Nachwort bzw. einen Anhang. Der Sachkommentar kann umfassen: „Erklärungen zu historischem Hintergrund, zu politischem und sozialem Kontext, Hinweise auf Anspielungen oder versteckte Zitate, werk- und lebensgeschichtliche Erläuterungen, sowie das Aufzeigen von Querverbindungen zu anderen Werken des Autors, zu Briefen und Tagebüchern“ (Edl 2012: S. 31). Diese Erläuterungen sind auf den deutschen Leser zugeschnitten und sollen es ihm ermöglichen, das jeweilige Werk im historischen und ästhetischen Umfeld zu verstehen. Z.B. analysiert sie in ihren Anmerkungen zu Stendhals Rot und Schwarz (S. 764–868) den historischen, politischen und sozialen Hintergrund des Romans, und skizziert im Nachwort (S. 679–726) dessen Entstehungsgeschichte in Verbindung mit der Biografie Stendhals.

Editionsphilologische Angaben informieren über den jeweils benutzten Ausgangstext und weitere herangezogene Editionen, ferner über die eigenen Editionsprinzipien und vor allem über die Grundsätze der Übersetzung. Im Nachwort wird über die Entstehungsgeschichte und Rezeption des Werks berichtet, ergänzt um eine Kurzbiographie des Autors sowie zusätzliche Dokumente. Besonders aufwändig gestaltete sich die – durch mehr als zehn Jahre erarbeitete – deutsche Ausgabe der Notizhefte von Simone Weil: Ihr intensives Quellenstudium haben Edl und Marz in Anmerkungen zu Editionsgeschichte und Editionsprinzipien dargelegt (s. die Einleitung zu Band I, vgl. Cahiers I, S. 8 und S. 9–12; s. auch Cahiers II, S.356f., Cahiers III, S. 413 und Cahiers IV, S.365–367). Ihre Übersetzung fußt ausnahmslos auf den Originaltexten der Hefte von Simone Weil, wobei auf die ausgelassenen mathematischen Gleichungen, geometrischen Skizzen und Abschriften aus Texten anderer Autoren in Fußnoten hingewiesen wird. Da das französische Manuskript keine Zitatnachweise enthält, wurden diese von den Herausgebern ermittelt (vgl. Namensregister und Register der Bibelstellen, Glossar der Begriffe und Namen aus dem Sanskrit, Übersetzungen aus den Upanischaden und der Bhagavadgita).

Ihre deutschen Übersetzungen ergänzt Edl durch wichtige Beigaben wie z. B. Stendhals Selbstrezension von Rot und Schwarz oder Balzacs Studie zur Kartause von Parma. Der Anhang zu Edls Madame Bovary-Ausgabe umfasst 200 Seiten mit Baudelaires Lobeshymne auf den Roman, der Übersetzung der Prozessdokumente (die hier zum ersten Mal in deutscher Sprache zu lesen sind), einer Chronik, einem Nachwort zu „Sprache und Übersetzung“ sowie einem Anmerkungsteil, in dem u.a. die Wortwahl an schwierigen Stellen begründet wird. Zu Edls übersetzerischem Œuvre gehören schließlich ihre übersetzungspoetologischen Überlegungen. In mehreren Aufsätzen hat sie ihre Übersetzungsstrategien und -techniken, ihr methodisches Vorgehen und die konkrete translatorische Tätigkeit erläutert sowie ihre übersetzerischen Entscheidungen begründet. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der (u.a. vom Hanser Verlag mit seiner Reihe Hanser Klassiker Neuübersetzungen benutzte) Begriff bzw. das Konzept der Neuübersetzun.

Anmerkungen

  • 1
    Beispielhaft einige Titel der Bücher von Utz Maas: Sprachforschung in der Zeit des Nationalsozialismus: Verfolgung, Vertreibung, Politisierung und die inhaltliche Neuausrichtung der Sprachwissenschaft (2016); Sprachpolitik und politische Sprachwissenschaft (1989), Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933-1945 (1996).
  • 2
    Wolfgang Matz war von 1987 bis 1995 in Poitiers (Frankreich), wo er am Institut für deutsche Sprache und Literatur lehrte und als Literaturübersetzer tätig war; von 1995 bis 2020 arbeitete er als Verlagslektor bei Hanser in München. Als Übersetzer französischer Prosa und Lyrik und Literaturkritiker wurde er mit dem Paul Celan-, dem Petrarca-Preis und 2024 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.

Zitierweise

Kupsch-Losereit, Sigrid: Elisabeth Edl, Jg. 1956. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 28. Januar 2026.

Bibliographie (Auszug)

Übersetzungen (Buchform)

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