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Susanna Rademacher, 1899–1980

21. November 1899 Berlin (Deutsches Reich) - 1. September 1980 München (Bundesrepublik Deutschland)
Original- und Ausgangssprache(n)
Englisch, Französisch, Italienisch
Zielsprache(n)
Deutsch
Auszeichnungen
Hieronymusring (1979)

Susanna Rademacher gehört zu den bedeutenden literarischen Übersetzern und Übersetzerinnen der westdeutschen Nachkriegszeit, sie übersetzte die „großen Namen“ der englischsprachigen Gegenwartsliteratur jener Zeit: John Barth, James Baldwin, Graham Greene, Christopher Isherwood, Rona Jaffe, D. H. Lawrence, Malcolm Lowry, John Masters, Horace McCoy, Carson McCullers, Toni Morrison, Vladimir Nabokov, George Orwell, Katherine Anne Porter, Isaac Bashevis Singer, Edmund Wilson, Thomas Wolfe. Sie war Gründungsmitglied des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e. V.  (VdÜ) und erste Trägerin des Hieronymusrings, einer Auszeichnung, die für sie ins Leben gerufen wurde.1Der Name des Verbands ist heute Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.

Susanna Rademacher steht exemplarisch für die Übersetzerinnen der Nachkriegszeit, für die literarisches Übersetzen nicht nur interessanter Zeitvertreib, sondern ebenso Berufung wie Beruf und Erwerbstätigkeit war. 

Lebensdaten

Susanna Brenner-Rademacher kam 21. November 1899 in Berlin als Susanna Else Jenny Gaspary zur Welt. Ihre Eltern waren der Unternehmer, Verleger und Schriftsteller Alfred Joseph Gaspary und seine Frau Jenny Sophie Adele, geb. Jacoby-Scherbening. Sie hatte eine Schwester, der Vater verstarb bereits 1908. 

Rademacher ging früh einen eigenen, recht ungewöhnlichen Weg, denn sie bestand darauf, statt der für ein junges Mädchen ihres Standes übliche höhere Töchterschule die legendäre reformpädagogische Freie Schulgemeinde Wickersdorf zu besuchen. Eine ihrer Lehrerinnen war die Sozialistin Hedda Korsch, die ihr, wie sie selbst sagte, zur „geistigen Mutter“ wurde. (Winiger 2014b) 

Es ist nicht bekannt, wie sie ihre Sprachen erworben hat und warum sie neben Englisch, das zu ihrer Hauptsprache werden sollte, auch Französisch und Italienisch beherrschte. Nach dem Abitur begann sie in Berlin Volkswirtschaft zu studieren, betrieb das Studium aber nur halbherzig. Stattdessen „tingelte [sie] hauptsächlich mit einer Theatergruppe durchs Land, einen Engel in Faust II gebend“. (Winiger 2014b)

1921 heiratete sie den Mathematiker Hans Rademacher, der bis 1919 in Wickersdorf unterrichtet hatte.2Hans Rademacher (1892–1969) war überzeugter Pazifist. Er trat der Liga für die Menschenrechte bei und leitete die lokale Gruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. Beide Organisationen wurden 1933 verboten, Rademacher aus politischen Gründen (u. a. Unterstützung von Emil Julius Gumbel) entlassen; 1934 folgte er einer Einladung in die USA, wo er bis zu seinem Tod an mehreren Universitäten lehrte.  Nach 1925 übernahm er eine Professur in Breslau, im selben Jahr kam Tochter Karin zur Welt. Die Ehe wurde 1929 geschieden.3Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bemühte er sich um das alleinige Sorgerecht für die gemeinsame Tochter, dabei führte er auch an, dass Susanna „Halbjüdin“ sei. Ihre Mutter Jenny Gaspary half ihrer Tochter mit der Lüge, Alfred Joseph Gaspary sei nicht Susannas leiblicher Vater. Alfred Gasparys Schwester Else Henriette Staffelstein wurde im September 1942 aus Leipzig nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 16. Oktober 1942 ums Leben kam.  (Vgl: https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/4734/staffelstein-else-henriette [letzter Abruf 15. Juni 2026]) Danach lebte Susanna Rademacher mit ihrer Tochter in Berlin und arbeitete als Sekretärin. 1946 heiratete sie Hans Georg Brenner (1903−1961). Er war Schriftsteller, Sartre- und Camus-Übersetzer, ab 1945 auch Lektor des Rowohlt Verlags in Stuttgart, außerdem Mitglied und Namensgeber der Gruppe 47; Susanna Rademacher war „lange Jahre hindurch häufiger Gast bei den Treffen, wo man sie gern ‚die Königin‘ nannte“. (Winiger 2014b)

Um 1960 zog sie allein nach München, wo sie bis zu ihrem Tod lebte.

Berufliche Laufbahn

In den späten 1940er Jahren, im Alter von fünfzig Jahren, begann sie, literarische Texte zu übersetzen. Das war fraglos auf Brenner zurückzuführen, der eines Abends ein englischsprachiges Buch mit nach Hause brachte und meinte, das solle er übersetzen. Susanna wandte ein, er könne ja gar kein Englisch, worauf er entgegnete: „Aber du.“ (Winiger 2014b)

Um welches Buch es sich handelte, wissen wir nicht. Die älteste, im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnete Übersetzung Rademachers ist Christopher Isherwoods Leb’ wohl, Berlin (1949 im Rowohlt Verlag), doch erste Übersetzungen erschienen schon 1947 in der Zeitschrift Story − Erzähler des Auslands. Ein monatliches Leseheft des Rowohlt Verlags, darunter die Erzählung Harmonikas ausverkauft von Thyde Monnier aus dem Französischen, sowie Oktobersonne von Tommaso Landolfi aus dem Italienischen.4Story − Erzähler des Auslands. Ein monatliches Leseheft des Rowohlt Verlags; Monnier, 2. Jg. Heft 2, 1947, S. 1115; Landolfi, 2. Jg, Heft 4, 1947, S. 712. Ich danke Sabine Baumann für den Hinweis. Sie firmierte als Susanna Rademacher. Das blieb ihr Berufsname, obwohl sie nach der zweiten Heirat Brenner-Rademacher hieß. 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet unter diesem Namen 54 Titel, 37 davon erschienen im Rowohlt Verlag,5Die für diesen Zeitraum aufgeführten Titel aus den DDR-Verlagen Reclam und Volk & Welt waren Lizenzausgaben.an den sie von 1962 bis 1973 vertraglich gebunden war:

Ich habe seit einiger Zeit einen Exklusiv-Vertrag mit dem Rowohlt-Verlag, der mich verpflichtet, nur für diesen zu übersetzen,

schrieb sie 1965 an den Chefredakteur der Münchener Kulturzeitschrift Merkur Hans Paeschke (Archiv Brenner, Deutsches Literaturarchiv).6Das Brenner-Archiv enthält zahlreiche Dokumente von Susanna Brenner-Rademacher. Es handelt sich zum einen um eine umfangreiche, sehr private Korrespondenz zwischen den Ehepartnern, zum anderen um Korrespondenz, die Brenner-Rademacher nach dem Tod ihres Ehemannes führte und die sein Werk betrafen. Zu der Übersetzerin Susanna Brenner-Rademacher enthält es nahezu nichts.  Zu der Vereinbarung gehörte auch das Verfassen von Gutachten. Anfang der 1970er Jahre beendete der Rowohlt Verlag diese Ausschließlichkeitsverträge. Der Übersetzer Kai Molvig, der selbst fünf Jahre lang einen solchen Vertrag hatte, schrieb 1972 an die langjährige Assistentin der Übersetzungsabteilung Liselotte Hohlwein: 

Frau Rademacher rief mich an, sie habe einen „ominösen Brief“ vom Verlag bekommen […] … So ist es also dazu gekommen, zur Kündigung ihres Vertrages. Nicht sehr komisch für Frau R. obwohl sie ja sicher weiter von euch beschäftigt werden wird, nicht wahr? (Rowohlt Verlagsarchiv, DLA)

Obwohl Rademacher eine sowohl renommierte als auch fleißige literarische Übersetzerin war, reichten die Honorare für die literarischen Übersetzungen für den Lebensunterhalt offenbar nicht aus. Darum arbeitete sie auch regelmäßig für Reader’s Digest. (Brenner-Archiv, DLA) 

Rademacher hat sich schriftlich nur wenig über die Arbeit des Übersetzens und ihre eigene Einstellung dazu geäußert. 1966 erwähnte sie in einem Essay, sie folge beim Übersetzen keinen theoretischen Positionen, jede Entscheidung „ergibt sich aus der Praxis, während der Arbeit. Wie sie ausfällt, ist eine sehr subjektive Angelegenheit und von Fall zu Fall verschieden“:

Jede Übersetzung ist notwendig Interpretation und Nachvollzug. So wie der Übersetzer das Original versteht und deutet, so wird er es in seiner Sprache wiederzugeben suchen, und ob er sich dabei des Mittels der Entfremdung oder der Verfremdung bedient, hängt außer von ihm selbst vom Charakter und von der Kategorie des Originals und vom Zweck der Übersetzung ab. (Brenner-Rademacher 1966)

Eine große Rolle spielte für sie die Persönlichkeit des Übersetzers und der Übersetzerin; ohne Einfühlung, „ohne die Freude am Nachempfinden und Nachvollziehen gehe es nicht“ (Brenner-Rademacher 1966). Sie räumt ein, dass sie gern Schriftstellerin geworden wäre:

Viele Übersetzer sind einfach verhinderte Schriftsteller. Ich bekenne mich selbst zu dieser Kategorie: ich schreibe leidenschaftlich gern, aber mir fällt nichts ein. So versuche ich denn, meine Lust am Schreiben in den Dienst fremder Autoren zu stellen, mich in sie einzufühlen, geradezu in sie hineinzukriechen, um das, was sie mir in ihrer Sprache schenken, in meiner Sprache weiterzugeben. (ebd.)7Der Text basiert auf einem längeren Vortrag, den Rademacher 1965 im Goethe House, New York gehalten hat.

Doch der Übersetzer habe „niemals die Befriedigung, etwas Vollkommenes zu schaffen“. Wie herausragend sie sich in einen Autor „einfühlen“ konnte, zeigte sich bei einem „Wettbewerb der Übersetzer“, den die Wochenzeitung Die Zeit 1965 ausschrieb.

Als Text war die kurze Erzählung The Revenge von Graham Greene vorgegeben. Die Redaktion erhielt sechshundertzwanzig Einsendungen, eine unabhängige Jury wählte die besten aus. […] Der erste Preis ging an Susanna Brenner-Rademacher.8Der Wettbewerb inspirierte Dieter E. Zimmer zu sehr grundsätzlichen Gedanken zum Übersetzen, die immer noch häufig zitiert werden. DIE  ZEIT veröffentlichte sowohl die Originalerzählung als auch Rademachers Übersetzung. DIE ZEIT, Nr. 15/1965.  (Vgl. https://www.zeit.de/1965/15/der-wettbewerb-der-uebersetzer [letzter Abruf 15. 6. 2026])

Sie bezeichnete die Auszeichnung „erstens als persönliche Anerkennung, zweitens als Plus für den Verband Deutscher Übersetzer, denn die übrigen Preisträger sind alle Außenseiter“. Um an anderer Stelle bescheiden einzuschränken:

Es gibt ja keine absolut richtige Übersetzung, und die Entscheidung ist in so einem Fall weitgehend eine Ermessens- und Geschmacksfrage. (Brenner-Archiv, DLA)

Beim Internationalen Kongress literarischer Übersetzer in Hamburg ehrte 1965 Rolf Italiaander, Kongresspräsident und Gründer des VdÜ, seine Kollegin Rademacher, indem er die Verdienste der zu diesem Zeitpunkt fünfundsechzig Jahre alten Preisträgerin zwei toten Männern zuschrieb:

Sie wollen es bitte gestatten, dass ich ein paar Worte dem ersten Preisträger widme. Susanna Brenner-Rademacher war mit unserem verstorbenen Freund, dem Schriftsteller und Übersetzer Hans Georg Brenner, verheiratet; er war Lektor bei Rowohlt und Classen. Frau Susanna wurde in Wickersdorf bei dem großen Pädagogen Gustav Wynecken erzogen und wuchs in ihrer Ehe sehr schnell in die literarische Arbeit hinein. Die Präzision, die ihren heutigen Übersetzungen eigen ist, hat sie von ihrem Mann gelernt, der vielen von uns ein strenger Lehrmeister war. (Italiaander 1965:168)9Für den Hinweis auf das Zitat danke ich Petra Bös. 

1963 erschien bei Rowohlt Katherine Anne Porters Das Narrenschiff (Ship of fools) in ihrer Übersetzung.  Als der Züricher Manesse Verlag den Roman 2010 in einer „überarbeiteten und kommentierten Neuausgabe“ herausbrachte, entschied man sich, die Erstübersetzung zu übernehmen:

Der eingehende Vergleich mit dem Original zeigt, dass Susanna Rademachers Narrenschiff alle Erfordernisse erfüllt, die an eine qualitativ hochwertige deutsche Fassung zu stellen sind, sowohl, was inhaltliche und formale Stimmigkeit, als auch, was stilistische Eleganz betrifft.

Man habe sich darauf beschränkt, „augenscheinliche Unstimmigkeiten zu beseitigen, die Interpunktion dem Original anzugleichen“ und die Druckfassung auf die gültige Rechtschreibung umzustellen.10Katherine Anne Porter, Das Narrenschiff. Zürich: Manesse 2010. Überarb. und kommentierte Neuausgabe. Übers. von Susanna Rademacher. Zitiert aus: München: btb 2013, S.701. 

Die Münchner Literaturübersetzerin Tanja Handels hat zwei weitere Erstübersetzungen von Susanna Rademacher neu übersetzt: Toni Morrisons Debüt The Bluest Eye (Sehr blaue Augen) (Rademacher 1979, Handels 2023), Carson McCullers’ Roman The Heart Is a Lonely Hunter (Das Herz ist ein einsamer Jäger) (Rademacher 1952, 1963 für die Taschenbuchausgabe von ihr überarbeitet, Handels 2027). Handels schreibt:

Wenn ich beide Erstfassungen übersetzerisch betrachte, entsteht für mich ein durchaus komplexes Bild: Ich glaube, Susanna Rademacher war für die Zeit, in der sie übersetzt hat, eine regelrecht bahnbrechende Übersetzerin, weil sie einerseits sehr gewissenhaft am Original geblieben ist, andererseits aber den funktionierenden deutschen Text und die deutsche Idiomatik in den Mittelpunkt stellt. Diese Kombination findet sich in den 50er-, 60er- und 70er Jahren gerade bei Übersetzungen aus dem Englischen nach meiner Wahrnehmung nicht allzu oft. Auffallend ist für mich in beiden Texten ihr Umgang mit dem AAVE (African-American Vernacular English), das sie nicht, wie damals häufig üblich, grammatikalisch falsch übersetzt, sondern als eigene Sprachvariante würdigt und nur leicht umgangssprachlich-mündlich markiert ins Deutsche holt. Allerdings bedient sie sich dabei auf lexikalischer Ebene sehr stark der Umgangssprache ihrer Zeit, und das führt dann zu Dialogen wie diesem hier aus Sehr blaue Augen, der doch recht angestaubt klingt, während das Original nicht so leicht einem Jahrzehnt zuzuordnen ist:

„Eigentlich dachte ich, Henry würd sie eines Tages heiraten?“
„Die Alte?“
„Na ja, Henry ist auch kein heuriger Hase mehr.“
„Nein, aber auch kein Mummelgreis.“11Toni Morrison, Sehr blaue Augen. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch  2021, 23. Auflage, S. 22f.). Übersetzt von Susanna Rademacher. 

“I kind of thought Henry would marry her one of these days.”
“That old woman?”
“Well, Henry ain’t no chicken.”
“No, but he ain’t no buzzard, either.”12Toni Morrison, The Bluest Eye. New York u. a.: Vintage International 2007, S. 14.

Auch die Fehler, die ihr durchaus unterlaufen – wenn sie etwa die Underground Railroad als frühe Variante einer U-Bahn missversteht – scheinen mir im Rückblick verzeihlich, wenn man bedenkt, unter wie viel komfortableren Bedingungen wir heute arbeiten, gerade, was Schwarze Literatur anbelangt (es fällt auf, dass ihr bei Carson McCullers weniger Fehler unterlaufen als bei Toni Morrison), sowohl in Hinblick auf Recherchemöglichkeiten als auch auf die Vielfalt von Texten anderer Autorinnen und Autoren, die uns ohne weiteres zugänglich sind. Mein Fazit wäre also: Susanna Rademacher war in ihrer Zeit eine sicherlich hervorragende Übersetzerin aus dem Englischen – mit heutigen Augen betrachtet sind ihre Übersetzungen durch ihre Zeitgebundenheit aber auch ein sehr gutes Beispiel dafür, dass gerade Übersetzungen von modernen Klassikern schneller altern als ihre Originale.13Tanja Handels an die Autorin, E-Mail vom 15. Juni 2026. Ich danke Tanja Handels für den Beitrag. Sie selbst stellte bei ihrer Übersetzung die Vogel-Metaphorik stärker in den Vordergrund: „Ich dachte ja immer, Henry heiratet sie irgendwann.“ „Die alte Wachtel?“ „Na, Henry ist auch kein Küken mehr.“ „Aber auch kein alter Geier.“ (Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Mit einem Nachwort von Alice Hasters. Hamburg: Rowohlt 2023, S. 29) 

Berufspolitisches Engagement

1954, von Rademacher waren zu diesem Zeitpunkt elf Übersetzungen erschienen, gehörten sie und Hans Georg Brenner zu den Gründungsmitgliedern des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke – dem VdÜ. Die Gemeinschaft mit den Kollegen und Kolleginnen war ihr sehr wichtig, sie erwähnte oft, dass sie in der Gewerkschafts-Arbeit immer eine treibende Kraft gewesen sei.14Für diese und weitere Informationen danke ich Rademachers Patentochter Dr. Susanna Partsch, die auch deren Rechte verwaltet. Der VdÜ wurde 1974 als „Bundessparte Übersetzer“ Teil der Industriegewerkschaft Druck und Papier; heute gehört der VdÜ zur Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. 

In frühen Verbands-Unterlagen wird sie häufig als die „Grande Dame“ oder „First Lady“ des Verbands bezeichnet. Für den Rowohlt-Lektor Helmut Frielinghaus war sie „eine Respekt einflößende Säule des VdÜ, eine Galionsfigur, um es respektlos zu sagen“, für den Übersetzer und Verbandskollegen Josef Winiger „eine der prägenden Persönlichkeiten im VdÜ“.15Der Französischübersetzer Josef Winiger (1943−2025) war jahrzehntelang ein sehr aktives VdÜ-Mitglied, der sich in vielen Bereichen und Funktionen für den Berufsstand engagierte.  Das ist insofern bemerkenswert, als sie seit 1964 dem Vorstand angehörte, aber nie ein anderes Amt als das der Beisitzerin innehatte.  Als solche war sie für die Mitgliederbetreuung zuständig (was ihr den launigen Beinamen „Familienministerin“ eintrug). „Die meisten von uns liebten und verehrten sie als unsere ‚Mother of Invention‘“, schrieb Klaus Birkenhauer in seiner Totenrede.16Dieser Name geht auf Elmar Tophoven zurück, worauf sich der Name bezog, ob auf das englische Sprichwort („Necessity is the mother of invention“, sinngemäß „Not macht erfinderisch“) oder die amerikanische Band von Frank Zappa, Mothers of Invention, ist leider nicht bekannt. Klaus Birkenhauer zitiert ihn in seiner „Totenrede“. Der Französischübersetzer Elmar Tophoven (1923−1989) war ein sehr aktives VdÜ-Mitglied. Die Gründung des Europäischen Übersetzer-Kollegiums (EÜK) in Straelen geht maßgeblich auf seine und Klaus Birkenhauers Initiative zurück. Der Englischübersetzer Birkenhauer (1934−2001) war unter anderem Herausgeber der Zeitschrift Der Übersetzer, von 1976 bis 1991 Erster Vorsitzender des VdÜ und seit Gründung bis zu seinem Tod Projektleiter des EÜK.  

Josef Winiger erwähnte, dass viele der frühen VdÜ-Mitglieder „aus schierer Literaturbegeisterung“ übersetzten,

vor allem die vier Frauen der Gründergruppe: Susanna Brenner-Rademacher, Thyra Dohrenburg (Übersetzerin u. a. von Astrid Lindgren und Hans Christian Andersen), Anna-Liese Kornitzky und Karin von Schab (Übersetzerin u. a. von Daphne DuMaurier und Elizabeth von Arnim). Sie exerzierten vor, was die meisten Literaturübersetzer heute tun: Übersetzen um des Übersetzens, um der Spracharbeit willen. Und sie betrachteten ihr Tun nicht als Nebenbeschäftigung, sondern als Profession. (Winiger 2014a) 

Hieronymusring 

Als Zeichen ihrer Wertschätzung als Mensch und als Übersetzerin dachten sich der Vorstand des VdÜ und der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt gemeinsam eine besondere Ehrung nach dem Vorbild des Iffland-Rings für Theaterschauspieler aus:

Die deutschsprachigen Übersetzer und der Rowohlt-Verlag stiften anläßlich des 80. Geburtstages einer hervorragenden Übersetzerin, die nie mit einem Preis gekrönt wurde, den ‚Hieronymus-Ring‘ der deutschsprachigen Übersetzer. Er wird am 21. November 1979 zum ersten Mal an Frau Susanna Brenner-Rademacher verliehen.17Pressemeldung, 20. November 1979, in: Der Übersetzer Nr. 11/1979;16. Jahrgang 

Elmar Tophoven, Helmut Frielinghaus, Klaus Birkenhauer und Ursula Brackmann, allesamt hochrangige Mitglieder des VdÜ, erschienen persönlich, um die Preisträgerin zu ehren.18Ursula Brackmann (1928–2019), selbst nicht Übersetzerin, war von 1964 bis ca. 2005 eine zentrale Figur des VdÜ. Sie war u. a. Geschäftsführerin und zweite Vorsitzende und organisierte drei Jahrzehnte lang die VdÜ-Jahrestreffen in Eßlingen, Bad Boll und Bergneustadt.  

Der Hieronymus-Ring ist eine undotierte, gleichwohl in Übersetzerkreisen hoch geschätzte Auszeichnung, die bis heute von einem Übersetzer zum anderen weitergegeben wird. Da Rademacher starb, bevor sie ihren Nachfolger benennen konnte, entschieden sich der Vorstand des VdÜ und Ledig-Rowohlt für Kai Molvig als zweiten Ringträger. Er sagte in seiner Danksagung: „Besonders hat mich gefreut, daß ich der Nachfolger von Frau Rademacher bin, deren Arbeit ich immer bewundert habe.“ (Rowohlt-Archiv, DLA)

Nachruhm

Susanna Brenner-Rademacher starb am 22. September 1980 in München. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung würdigte sie in einem kurzen Nachruf:

Ihre Übersetzungen zeichneten sich durch ein hohes Maß an künstlerischer Einfühlsamkeit, stilistischer Präzision und sprachlichem Reichtum aus. (FAZ, 24. September 1980)

Anmerkungen

  • 1
    Der Name des Verbands ist heute Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.
  • 2
    Hans Rademacher (1892–1969) war überzeugter Pazifist. Er trat der Liga für die Menschenrechte bei und leitete die lokale Gruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. Beide Organisationen wurden 1933 verboten, Rademacher aus politischen Gründen (u. a. Unterstützung von Emil Julius Gumbel) entlassen; 1934 folgte er einer Einladung in die USA, wo er bis zu seinem Tod an mehreren Universitäten lehrte. 
  • 3
    Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bemühte er sich um das alleinige Sorgerecht für die gemeinsame Tochter, dabei führte er auch an, dass Susanna „Halbjüdin“ sei. Ihre Mutter Jenny Gaspary half ihrer Tochter mit der Lüge, Alfred Joseph Gaspary sei nicht Susannas leiblicher Vater. Alfred Gasparys Schwester Else Henriette Staffelstein wurde im September 1942 aus Leipzig nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 16. Oktober 1942 ums Leben kam.  (Vgl: https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/4734/staffelstein-else-henriette [letzter Abruf 15. Juni 2026])
  • 4
    Story − Erzähler des Auslands. Ein monatliches Leseheft des Rowohlt Verlags; Monnier, 2. Jg. Heft 2, 1947, S. 1115; Landolfi, 2. Jg, Heft 4, 1947, S. 712. Ich danke Sabine Baumann für den Hinweis. 
  • 5
    Die für diesen Zeitraum aufgeführten Titel aus den DDR-Verlagen Reclam und Volk & Welt waren Lizenzausgaben.
  • 6
    Das Brenner-Archiv enthält zahlreiche Dokumente von Susanna Brenner-Rademacher. Es handelt sich zum einen um eine umfangreiche, sehr private Korrespondenz zwischen den Ehepartnern, zum anderen um Korrespondenz, die Brenner-Rademacher nach dem Tod ihres Ehemannes führte und die sein Werk betrafen. Zu der Übersetzerin Susanna Brenner-Rademacher enthält es nahezu nichts. 
  • 7
    Der Text basiert auf einem längeren Vortrag, den Rademacher 1965 im Goethe House, New York gehalten hat.
  • 8
    Der Wettbewerb inspirierte Dieter E. Zimmer zu sehr grundsätzlichen Gedanken zum Übersetzen, die immer noch häufig zitiert werden. DIE  ZEIT veröffentlichte sowohl die Originalerzählung als auch Rademachers Übersetzung. DIE ZEIT, Nr. 15/1965.  (Vgl. https://www.zeit.de/1965/15/der-wettbewerb-der-uebersetzer [letzter Abruf 15. 6. 2026])
  • 9
    Für den Hinweis auf das Zitat danke ich Petra Bös.
  • 10
    Katherine Anne Porter, Das Narrenschiff. Zürich: Manesse 2010. Überarb. und kommentierte Neuausgabe. Übers. von Susanna Rademacher. Zitiert aus: München: btb 2013, S.701. 
  • 11
    Toni Morrison, Sehr blaue Augen. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch  2021, 23. Auflage, S. 22f.). Übersetzt von Susanna Rademacher. 
  • 12
    Toni Morrison, The Bluest Eye. New York u. a.: Vintage International 2007, S. 14.
  • 13
    Tanja Handels an die Autorin, E-Mail vom 15. Juni 2026. Ich danke Tanja Handels für den Beitrag. Sie selbst stellte bei ihrer Übersetzung die Vogel-Metaphorik stärker in den Vordergrund: „Ich dachte ja immer, Henry heiratet sie irgendwann.“ „Die alte Wachtel?“ „Na, Henry ist auch kein Küken mehr.“ „Aber auch kein alter Geier.“ (Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Mit einem Nachwort von Alice Hasters. Hamburg: Rowohlt 2023, S. 29) 
  • 14
    Für diese und weitere Informationen danke ich Rademachers Patentochter Dr. Susanna Partsch, die auch deren Rechte verwaltet. Der VdÜ wurde 1974 als „Bundessparte Übersetzer“ Teil der Industriegewerkschaft Druck und Papier; heute gehört der VdÜ zur Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. 
  • 15
    Der Französischübersetzer Josef Winiger (1943−2025) war jahrzehntelang ein sehr aktives VdÜ-Mitglied, der sich in vielen Bereichen und Funktionen für den Berufsstand engagierte. 
  • 16
    Dieser Name geht auf Elmar Tophoven zurück, worauf sich der Name bezog, ob auf das englische Sprichwort („Necessity is the mother of invention“, sinngemäß „Not macht erfinderisch“) oder die amerikanische Band von Frank Zappa, Mothers of Invention, ist leider nicht bekannt. Klaus Birkenhauer zitiert ihn in seiner „Totenrede“. Der Französischübersetzer Elmar Tophoven (1923−1989) war ein sehr aktives VdÜ-Mitglied. Die Gründung des Europäischen Übersetzer-Kollegiums (EÜK) in Straelen geht maßgeblich auf seine und Klaus Birkenhauers Initiative zurück. Der Englischübersetzer Birkenhauer (1934−2001) war unter anderem Herausgeber der Zeitschrift Der Übersetzer, von 1976 bis 1991 Erster Vorsitzender des VdÜ und seit Gründung bis zu seinem Tod Projektleiter des EÜK. 
  • 17
    Pressemeldung, 20. November 1979, in: Der Übersetzer Nr. 11/1979;16. Jahrgang 
  • 18
    Ursula Brackmann (1928–2019), selbst nicht Übersetzerin, war von 1964 bis ca. 2005 eine zentrale Figur des VdÜ. Sie war u. a. Geschäftsführerin und zweite Vorsitzende und organisierte drei Jahrzehnte lang die VdÜ-Jahrestreffen in Eßlingen, Bad Boll und Bergneustadt.  

Quellen

Birkenhauer, Klaus (1980): Aus der Totenrede auf Susanna Brenner-Rademacher. In: Der Übersetzer, Nr. 11−12.
Brenner-Rademacher, Susanna (1966): „Der ewig unzulängliche Übersetzer“. In: Der Übersetzer, Nr. 2, 1966. Leicht gekürzt in: Die Begegnung: Autor, Verleger, Buchhändler, Leser; Jahresgruß der Buchhandlung Elwert & Meurer. 13 (1977/78), S. 55−58.
Frielinghaus, Helmut (2004): Aufbrüche, damals und jetzt. In: Übersetzen, Nr. 2−3.
Italiaander, Rolf (Hg.) (1965): übersetzen. Vorträge und Beiträge vom Internationalen Kongreß literarischer Übersetzer in Hamburg 1965. Frankfurt/M., Bonn: Athenäum.
Winiger, Josef (2014a): Der VdÜ – ein berufsständischer Verband mit Strahlkraft über das Berufsständische hinaus. In: Helga Pfetsch (Hrsg.): Souveräne Brückenbauer. 60 Jahre Verband der Literaturübersetzer VdÜ. Sonderheft Sprache im technischen Zeitalter, SpritZ. Köln: Böhlau. Online: https:// literaturuebersetzer.de/site/assets/files/3273/winiger-_vdu_-chronik.pdf
Winiger, Josef (2014b): Susanna Brenner-Rademacher 1899−1980. Gründungsmitglied und „First Lady“ des VdÜ. In: Helga Pfetsch (Hrsg.): Souveräne Brückenbauer. 60 Jahre Verband der Literaturübersetzer VdÜ. Sonderheft Sprache im technischen Zeitalter, SpritZ. Köln: Böhlau. Online: https://literaturuebersetzer.de/site/assets/files/1113/winiger_brenner-rademacher.pdf

Archiv

Nachlass Hans Georg Brenner, Handschriftensammlung, Deutsches Literaturarchiv, Marbach. Ihr eigener Nachlass hat sich nicht erhalten.

Zitierweise

Drolshagen, Ebba D.: Susanna Rademacher, 1899–1980. In: Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX (online), 8. Juli 2026.
BeschreibungSusanna Brenner-Rademacher an ihrem 80. Geburtstag mit dem Hieronymus-Ring. (© privat)
Datum26. Juni 2026
Susanna Brenner-Rademacher an ihrem 80. Geburtstag mit dem Hieronymus-Ring. (© privat)

Bibliographie

Übersetzungen (Buchform)

Detaillierte Bibliographie