Erich Einhorn, 1920–1974
Einhorns Vaterstadt Czernowitz
Erich Einhorn (1920–1974) stammt aus Czernowitz in der Bukowina. Das „Buchenland“ war bis 1918 ein Kronland der Habsburgermonarchie, Czernowitz galt als das „Klein-Wien“ am äußersten Ostrand des Reiches. Nach der Zerschlagung des österreichisch-ungarischen Vielvölkerreichs durch die Siegermächte im Ersten Weltkrieg kam die Bukowina zum Königreich Rumänien. Der nördliche Teil mit Czernowitz, in dem es trotz (oder sogar wegen) der forcierten Rumänisierung und eines heftigen Antisemitismus durch zwei Jahrzehnte zu einer Blüte der (jüdisch-)deutschsprachigen Kultur gekommen war,1Vgl. die aus Alfred Margul-Sperbers Nachlass 2009 mit dem Titel Die Buche herausgegebene Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina, ferner das von Ernest Wichner und Herbert Wiesner 1993 herausgegebene Berliner Ausstellungsbuch In der Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina (2. Aufl. 1995) sowie die einschlägigen Kapitel im 2023 erschienenen Handbuch der Literaturen aus Czernowitz und der Bukowina (hg. von Corbea-Hoișie u. a.). fiel im Juni 1940 – in Vollzug der Deutsch-Sowjetischen Verträge und geheimen Zusatzabkommen vom August und September 1939 – an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik.2„Wir waren als Juden damals schon sehr verfolgt und empfanden diese Abtretung daher als Befreiung. Wir wußten zwar nicht, wie sich alles gestalten würde, aber für den Augenblick waren wir die Sorge der Diskriminierung los.“ (Kittner 1996: 47)
Die rabiate Russifizierung und Ukrainisierung und auch politisch-soziale Homogenisierung der multiethnischen Region wurde durch den Überfall des Deutschen Reiches und seiner „Waffenbrüder“ auf die Sowjetunion im Juni 1941 unterbrochen. Für knapp drei Jahre war Czernowitz erneut Teil des nunmehr von Antonescu diktatorisch regierten und mit Hitlers Deutschem Reich verbündeten Rumänien, was zur Auslöschung der Mehrheit seiner jüdischen Bevölkerung führte (vgl. Zach 1996). Der Siegeszug der Roten Armee nach der Schlacht um Stalingrad bewirkte, dass die Bukowina Ende März 1944 ein zweites Mal an die Sowjetukraine angeschlossen wurde.31988, als sich manches zum Besseren zu wenden schien, hat Karl Schlögel Czernowitz in der damals noch sowjetischen Ukraine besucht. Sein wiederlesenswertes Stadt-Porträt Cernowitz – City upon the Hill findet sich in Schlögel (1991: 80–115).
Einwohner, die die rumänische Staatsbürgerschaft besessen hatten, durften im Frühjahr 1945 die Sowjetunion verlassen und nach Rumänien ausreisen. Davon machten viele Gebrauch, unter ihnen ein der Vernichtung im Holocaust entronnener Jugendfreund Erich Einhorns: Paul Antschel. Antschel rumänisierte seinen Familiennamen in Bukarest, wo er als Übersetzer russischer Literatur ins Rumänische tätig wurde, zu Ancel. Durch Umstellung der Buchstaben entstand der Name des 1947/48 via Wien nach Paris emigrierten Dichters Paul Celan (1920–1970).
Aus den Papieren ihres 1974 in Moskau verstorbenen Vaters und aus dem in Marbach verwahrten Celan-Nachlass hat Marina Dmitrieva-Einhorn 1999 bzw. 2001 den Briefwechsel zwischen Einhorn und Celan herausgegeben und kommentiert. Ihren Begleittexten lassen sich Informationen zum Bildungsweg sowie zur Sprach- und Topobiografie des Übersetzers Erich Einhorn entnehmen. In mehreren E-Mails hat mir Marina Dmitrieva-Einhorn 2024 und 2026 weitere Informationen über Leben und Werk ihres Vaters zukommen lassen. Ergiebig für Einhorns (und auch Celans) Jugend- und Studienjahre in Czernowitz sind auch Pearl Fichmans4Pearl Spiegel Fichman wurde wie ihre Kommilitonen Einhorn und Celan 1920 in Czernowitz geboren. Sie emigrierte 1947 in die Vereinigten Staaten, 1950 nach Israel, 1957 erneut in die USA. Sie arbeitete als Sprachlehrerin und Übersetzerin in New York und starb 2006 in Pittsburgh. Ihre seit 1989 vorliegenden Erinnerungen nutzte John Felstiner für seine Celan-Biografie (1995), im Celan-Handbuch (May u. a. 2012) kommt der Name Fichman nicht vor. 1989 in den USA veröffentlichte Erinnerungstexte Before Memories Fade. Das Kapitel 4 – Russians Overnight – berichtet über die einschneidenden Veränderungen nach der sowjetischen Okkupation von 1940:
Thus, on June 27, 1940, we became overnight Soviet subjects, with all that it implied. It implied plenty. Unexpectedly, overnight, we realized that we were in a different country, with a new regime, a new language – a change that was supposed to mean a new stability. After all, the Soviet Union is a world power and we will be part of an egalitarian society. After all, instead of getting into the clutches of a fiendish, fascist regime, we had escaped the antisemitism of Romania and our life as Jews would be the equal to anybody else’s, so we thought. […] Logically, I should have been overjoyed since my world views were in accordance with a socialist world order. However, the pact of nonaggression, the partition of Poland, the attack of Finland, the cynicism of Soviet politics had shaken my outlook. One did not know essentially what to expect. (Fichman 1995: Chapter 4)
Kapitel 19 ihres Erinnerungsbuches hat Fichman schlicht mit Erich überschrieben. Es enthält eine (leider nicht stets verlässliche) biografische Skizze Einhorns, der 1940/41 zusammen mit Fichman in einer nur acht Personen umfassenden Studiengruppe Anglistik studierte.
Einhorns Lebensweg
Erich Einhorn wurde am 2. Juni 1920 in Czernowitz geboren. Er war der einzige Sohn eines erfolgreichen Rechtsanwalts.5„Mein Großvater war Anwalt und ein hochdekorierter Offizier der Kavallerie im Ersten Weltkrieg, im ‚mosaischen Regiment‘ der KuK-Armee.“ (E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 10. Januar 2025). Die Muttersprache war Deutsch. Seine Tochter erwähnt Ferienaufenthalte zusammen mit Celan „in Frumosul bei Czernowitz, wo Einhorns Onkel ein Holzsägewerk betrieb“, und auch „gemeinsame Wanderungen durch die Karpaten“ (Dmitrieva-Einhorn 2001: 25). Einhorn absolvierte ein Privatgymnasium, neben dem Deutschen und Rumänischen werden das Lateinische, Altgriechische, Französische und Englische weitere Schulfremdsprachen gewesen sein, später kam noch das Italienische hinzu. Nach bestandener Matura nahm Einhorn 1939 das Anglistik-Studium an der Philologischen Fakultät der Universität Czernowitz auf. Pearl Fichman schreibt in ihren Erinnerungen an das – bereits auf sowjetische Curricula umgestellte – Studienjahr 1940/41:
Erich was a local student, close friend of Paul Antschel (Celan), who was in the French section. […] Erich became a close colleague and friend of mine. We spent half a day in class, six days a week, enduring classes of history of the Communist party, according to the latest revision by the politbureau, Ukrainian and Russian grammar and „Preparedness for War,“ a military course, taught by a colonel and using regular guns and ammunition and English courses, too. In the afternoon, we did some of the assignments together, at my house. / He was not politically oriented at all. The only son of a successful lawyer, Erich was highly educated and widely read – he had not made up his mind what to do professionally. He definitely had a strong literary bent. We became very good friends and had a true understanding of each other’s ideas, even if they were not fully translated into words. A look sufficed. We had a kind of shorthand, an unspoken understanding. / Erich was tall, dark blond, blue-eyed, athletic looking. He looked the picture of health and well-being. Actually, he could be mistaken for a typical Northerner, German or Swede. (Fichman 1995: Chapter 19; vgl. Chalfen 1979: 54f.)
Was Fichman über die politische Haltung Einhorns schreibt, steht im Widerspruch zu dem, was seine Tochter mitteilt: Celan und Einhorn verband eine „für die Czernowitzer Jugend jener Zeit typische, leicht frondierende linksintellektuelle Einstellung“, bei „Celan […] mit deutlicherem kommunistischem Akzent als bei Einhorn“ (Dmitrieva-Einhorn 2001: 25). Auch Chalfen berichtet, dass Celan „mit Erich Einhorn die Begeisterung für die Wiener Arbeiter von 1934 und im Jahr 1936 für die republikanischen Kämpfer in Spanien geteilt“ hat (Chalfen 1979: 114). In einem Artikel für die Zeit erwähnte Dmitrieva-Einhorn 1995 auch noch die „Begeisterung […] vor allem für das unbekannte, damals so anziehende Sowjetrußland“.
Die größte Herausforderung in dem – wie Edith Silbermann formuliert – „ersten Russenjahr“ (Silbermann 2015: 126) dürfte für die in Czernowitz aufgewachsenen Studenten das Erlernen des Russischen und Ukrainischen („in record time“) gewesen sein:
Dictionaries were non-existent and the textbooks were of poor quality. We grinned and bore it, with good humor and sarcasm. Looking around us, at our mediocre teachers and at the low level of the Soviet students,6Das niedrige Niveau erklärt sich auch daraus, dass die aus der Ukraine gekommenen Studenten anders als ihre Czernowitzer Kommilitonen die Hochschulzugangsberechtigung bereits nach zehn Schuljahren erhalten hatten. we really had so much knowledge and now, we needed to acquire knowledge of something completely different and this in a hurry, in record time, immediately, now. (Fichman 1995: Chapter 19)7Ähnlich die Schilderung im Kapitel Russians Overnight: „We all labored hard on the Slavic languages; we read Pushkin and Shevchenko and started to enjoy some more recent writers and poets like Yessenin, Mayakovsky and Madelstamm [sic]” (1995: Chapter 4).
Beim Abzug der Roten Armee aus Czernowitz wurde im Frühsommer 1941 auch die Universität ins sowjetische Hinterland evakuiert.8Lt. Israel Chalfen „verließen nur einige wenige der jüdischen Studenten Czernowitz mit den Sowjets, unter ihnen Erich Einhorn und Gustav Chomed. Paul Antschel aber blieb“ (Chalfen 1979: 114). Anders die Darstellung der Zeitzeugin Edith Silbermann: „Erich Einhorn wurde mit vielen [Hervorh. AFK] anderen Studenten auf Lkws, die von der Universität bereitgestellt wurden, ins Innere der Sowjetunion evakuiert“ (Silbermann 2010: 54). Bei Alfred Kittner, einem weiteren Zeitzeugen, heißt es: „Die Russen verließen fluchtartig die Stadt. Viele Czernowitzer schlossen sich der Roten Armee an, vor allem große Teile der Studentenschaft […]. Man hatte Angst, unter den Rumänen zurückzubleiben, und verließ Hals über Kopf die Stadt, die bald wie ausgestorben wirkte.“ (Kittner 1996: 55) Einhorn gelangte mit anderen Studenten zunächst nach Stawropol im Nordkaukasus, 1942 ins kirgisische Osch und schließlich nach Rostow am Don, wo er an der Historischen Fakultät der Universität sein Studium fortsetzte. Im September 1944 wurde er zum Militärdienst einberufen:
In 1944, Erich returned to Czernovitz in uniform. He was in the military service and spent a few weeks back home. Again, I enjoyed immensely his lively company […]. Soon he was transferred to a unit of people, who were fluent in foreign languages. It was a unit of translators, going West with the advancing troops. I hated to see him go, yet that was the pattern of the war years. (Ebd.)
Als Militärdolmetscher diente er von Juni 1945 bis März 1946 in Berlin (im Generalstab von Marschall Schukow) und danach bis Januar 1949 in Wien (vgl. Dmitrieva-Einhorn 1999: 10, Silbermann 2015: 353). Aus seiner Zeit in Wien hat Einhorn „Konzert-Affichen“ aufbewahrt, denn: „mein Vater hatte eine merkwürdige Funktion gehabt, Konzerte als Kriegs-Zensor zu beaufsichtigen“.9E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024. In Wien ist er noch einmal Celan begegnet, der im Sommer 1948 nach Paris ging.10Über „das Verhältnis Celan/Einhorn in Wien“ hat Jürgen C. Thömig 2018 (anknüpfend an vorsichtige Andeutungen zu Einhorns Wiener Aufenthalt von Marina Dmitrieva-Einhorn; 1999: 11) einen umfangreichen, mit waghalsigen Spekulationen arbeitenden Aufsatz veröffentlicht, in dem er u. a. die „Hypothesen“ vertritt, Celan habe „in seinen frühen Gedichten […] einen Mythos um die Jugend Erich Einhorns und um dessen Leben in der UdSSR ersonnen“ (S. 210), habe seinen Freund „hysterisch verhöhnt“ (S. 215), habe mit Ingeborg Bachmann „oft viel zu negativ über Erich Einhorn“ gesprochen (S. 222), sie indes wollte „den historischen Erich Einhorn rehabilitieren“ (ebd.) usw. Einhorn blieb in der Sowjetunion, in Moskau, gewiss auch, um den Kontakt zu seinen Eltern aufrechterhalten zu können, die – anders als Celans Eltern – in Czernowitz überlebt hatten und nun wieder Bürger der Sowjetukraine waren (vgl. Dmitrieva-Einhorn 1995).
Ab 1949 arbeitete Einhorn als Fremdsprachendozent an Moskauer Hochschulen. Rumänisch unterrichtete er an der Akademie für Außenhandel, Italienisch am Institut für Fremdsprachen (Dmitrieva-Einhorn 2001: 28; Silbermann 2015: 353). Im Zuge des in der Endphase der Stalinschen Diktatur entfachten antijüdischen Terrors (vgl. Lustiger 2000) bzw. der sogenannten Antikosmopolitismus-Kampgane wurde Einhorn 1952 entlassen. „Eine Zeitlang war ich Sprachlehrer,“ heißt es eher verhüllend im Brief an Celan vom 11. Juni 1962, „jetzt arbeite ich als Übersetzer (ins Deutsche): Belletristik, Publizistik, ab und zu Gedichte“ (Celan/Einhorn 2001: 5).
Über Einhorns Leben in Moskau ist nur wenig bekannt,11„Die Czernowitzer Kultur wurde [nach 1941] in alle Winde zerstreut, Stationen der Emigration sind Bukarest, Wien, Paris, New York und Tel Aviv, auch Düsseldorf oder Lenzkirch,“ so heißt es in Helmut Böttigers Orte Paul Celans (1996). Moskau als Emigrations- und die Sowjetunion als Überlebensort kommen bei ihm wie bei fast allen anderen Experten der „Czernowitzer Kultur“ nicht vor, die Lebenswege von Personen wie Gustav Chomed (geb. 1920 in Czernowitz), Erich Einhorn oder Lazar Steinmetz (geb. 1920 in Czernowitz) blieben unerforscht. etwa dass er verheiratet war und eine 1953 geborene Tochter hatte, dass er 1960 nach dem Tod seines Vaters Moses Einhorn seine fast erblindete Mutter von Czernowitz zu sich nach Moskau holte (ebd.)12Rosa Einhorn verstarb 1971 in Moskau (Celan/Einhorn 2001: 17). und dass seine Wohnung zu einem Treffpunkt von Musikern und Literaten wurde, die sich Musikstücke aus seiner großen Schallplattensammlung anhörten.13Vgl. den Brief an Celan vom 11. Juni 1962, in dem es u. a. heißt: „Ich bin nämlich ein leidenschaftlicher Plattensammler und möchte Dich darum um dies bitten: wenn es irgendwie geht, mir ein paar Platten zu schicken, u. zw. den wunderbaren Liedersänger Fischer-Dieskau (vielleicht Lieder von Hugo Wolf – die Mörike-Lieder, besonders den ergreifenden Feuerreiter, Schubert, Bach-Kantaten oder Brahms, außer den Magelonen-Liedern, die hab ich).“ (Celan/Einhorn 2001: 5) Seine Tochter erinnert sich an Teilnehmer dieser Treffen und an andere Mitglieder seines Moskauer Freundes- und Kollegenkreises: Hilde Angarowa, Spartak Borissow, Edisson Denissow, Philip Herschkowitz, Nikolai Komlev, Alexander Michailow, Elizaveta Mnatsakanova, Alexander Rabinowitsch, Leonid Steinmetz („der beste Freund meines Vaters“), Frida Wigdorowa.14E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024 und 23. Februar 2026.
Zur Frage, wie in der Familie Einhorn mit dem Jüdischen umgegangen wurde, schrieb mir seine Tochter:
Erich Einhorn war ein assimilierter, nicht religiöser Jude, aber ein Jude. Das Jüdischsein war für ihn sehr wichtig und bei uns zu Hause präsent. Darüber unterhielt er sich mit jenen deutschsprachigen jüdischen Freunden, mit denen er das offen besprechen konnte. Wir haben viele jüdisch stämmige Gäste gehabt, aus Czernowitz und anderswoher. Aber der einzige jüdische Feiertag, den wir manchmal gefeiert haben, war Pessach. Zu diesem Anlass wurde ich immer, noch als Teenagerin, in die Moskauer Synagoge geschickt, wo man Matzen bekommen konnte. Als meine Großmutter zu uns kam, hat mein Vater eine Gesellschafterin für sie angestellt, mit der sie halb-Jiddisch, halb-Deutsch gesprochen hat. Diese Frau hat jüdische Speisen, wie etwa gefillte Fisch, gekocht, was sich bei unseren Gästen einer großen Beliebtheit erfreute. Auch mein Bewusstsein als Jüdin (so habe ich mich, und nicht als Russin, empfunden) hat sich sehr früh etabliert.15E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 23. Februar 2026.
Das übersetzerische Tun
Von 1953 bis zu seinem Tod hat Erich Einhorn hauptberuflich als Übersetzer gearbeitet. Mit wenigen Ausnahmen übertrug er russische Texte in seine Muttersprache Deutsch. Hauptarbeitgeber war die Zeitschrift Nowoje Wremja, für deren deutschsprachige Ausgabe Neue Zeit (wechselnde Untertitel: Wochenschrift für Weltpolitik, Moskauer Hefte für Politik) er Artikel über die sowjetische Außenpolitik übersetzte. Welche Beiträge er dort genau durch die Jahrzehnte übersetzt oder redigiert hat, wird sich vermutlich nicht mehr feststellen lassen, denn die Namen der Textbearbeiter wurden in den einzelnen Heften nicht angegeben.
Die Übersetzungen für die Neue Zeit dürften das sein, was Einhorn 1962 im Brief an Celan als „Publizistik“ bezeichnet hat. In den Texten ging es darum, einem westlichen Publikum in deutscher Sprache die offizielle sowjetische Sicht auf aktuelle politische Entwicklungen zu vermitteln. Das sollte auch Timur Timofejews Monografie Das Programm der KPdSU und der Westen leisten, die 1963 – also mitten im kältesten Kalten Krieg (Bau der Berliner Mauer, Kuba-Krise) – im Wiener Europa Verlag erschien und von einem Kollektiv übersetzt worden war: Lili Keith, Erich Einhorn, Heddy Hofmaier und Spartak Borissow. Wer welche Kapitel des Buchs ins Deutsche gebracht hat, lässt sich nicht erkennen. Der 208 Seiten starke Band gehörte zur Reihe Europäische Perspektiven, deren Zielsetzung vom Wiener Verlag so beschrieben wurde:
Wir leben in einer geteilten Welt. Die Probleme sind zahlreicher und komplizierter, die Diskussionen aber seltener und kürzer geworden. Und doch ist das Gespräch zwischen Vertretern verschiedener Anschauungen […] notwendig. Die Buchreihe Europäische Perspektiven will solchen Gesprächen dienen. Sie stellt Standpunkte zur Diskussion und ist bemüht, Mauern einzureißen, die zu errichten heute modern geworden ist. (Klappentext zu Timofejew 1963)
Die ideologische Stoßrichtung des Historikers und Wirtschaftswissenschaftlers Timofejew machen Kapitelüberschriften wie Kommunismus bedeutet Frieden oder Der Kapitalismus im Schraubstock der Widersprüche deutlich, ebenso das Glaubensbekenntnis der Schlusssätze, die vor dem Hintergrund von Chruschtschows Thesen zur „friedlichen Koexistenz“ zu lesen sind:
Wir glauben zutiefst an den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus. Dieser Sieg ist historisch unvermeidlich. Er ist, davon sind wir überzeugt, unter den Verhältnissen des friedlichen ökonomischen Wettbewerbs der beiden Systeme durchaus möglich. (Timofejew 1963: 206)
Im verlegerischen Peritext heißt es über das Buch: „Vorbereitet von der sowjetischen Presseagentur Nowosti (APN), Moskau“ (ebd.: 4). Zehn Jahre später, 1973, erschien im APN-Verlag, also nicht bei einem „westlichen“ Partner, eine von Einhorn allein übersetzte Monografie. Deren Verfasser, Igor Melnikow, ließ schon im Titel deutlich werden, wie es seinerzeit um den „Wettbewerb“ der beiden sogenannten Supermächte bestellt war: Pentagon: Aggressionsherde. Die amerikanischen Militärbasen gefährden die Weltsicherheit. Dass Einhorn mit dem Inhalt der von ihm eingedeutschten publizistischen Texte konform ging, darf man bezweifeln. Seine Tochter sagt, dass er „seine Übersetzungsarbeit in der ‚Neuen Zeit‘ sowie die üblichen Auftragsübersetzungen gehasst“ hat16E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 23. Februar 2026. und versucht habe, „weniger Propaganda-Aufträge anzunehmen, was nicht einfach war, weil er hauptberuflich bei der Zeitschrift Novoe vremja gearbeitet hat“.17E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
Ohne weltanschauliche Vorbehalte wird Einhorn ein drittes, wiederum vom Verlag der Presseagentur Nowosti (APN) in Moskau vorbereitetes Buch übersetzt haben: Lew Besymenskis Sonderakte „Barbarossa“. Im Umfang von 352 Seiten erschien das Buch 1968 bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart. Die Taschenbuchausgabe von 1973 (rororo Bd. 6838) erläutert im Untertitel: Dokumentarbericht zur Vorgeschichte des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion – aus sowjetischer Sicht.
Wer sich für das Auf und Ab in der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen und insbesondere für Planung, Beginn und Verlauf des im Juni 1941 vom Deutschen Reich losgetretenen Krieges gegen die Sowjetunion interessiert, wird die Übersetzung dieses russischen „Dokumentarberichts“ auch sechzig Jahre nach seiner Entstehung noch mit Gewinn lesen. So schildert Besymenski ausführlich (S. 41–162), wie die sowjetische Seite im Vorfeld des Hitler-Stalin-Pakts mit England und Frankreich über ein Anti-Hitler-Bündnis beraten hat, „um die Aggression abzuwehren, die bereits Europa und vor allem Polen bedrohte“ (Besymenski 1968: 43).
Ebenfalls kaum bekannt wird deutschen Lesern der 1960er Jahre der im Auftrag Heinrich Himmlers von Wissenschaftlern konzipierte „Generalplan Ost“ gewesen sein, der „die Vernichtung von Millionen und Abermillionen Menschen vorsah“ (ebd.: 237) und die Errichtung eines gigantischen deutschen Kolonialreichs, das – gründlich „germanisiert“ – vom Nordkap bis ans Kaspische Meer reichen sollte (vgl. ebd.: 237–242).
Im Sommer 1941 gingen Hitler und seine Militärs von der optimistischen Annahme aus, dass die Sowjetunion bzw. – wie es damals stets hieß – Russland durch einen weiteren Blitzkrieg, einen „Weltblitzkrieg“, innerhalb weniger Monate besiegt sein würde. Besymenski stellte in seiner Studie die unter Historikern verpönte Frage, was eigentlich nicht nur mit der Sowjetunion, sondern mit ganz Europa, ja der ganzen Welt geschehen wäre, wenn der Barbarossa-Plan aufgegangen und der deutsche Vormarsch nicht vor Moskau im Spätherbst 1941 und endgültig in Stalingrad an der Jahreswende 1942/43 gestoppt worden wäre. Besymenskis Antworten waren keine reine Spekulation, sondern er gewann sie aus der „Rekonstruktion“ von Projekten, „die für die Zeit ‚nach Barbarossa‘ in der Reichskanzlei ausgeheckt wurden“, als „fast ganz Europa auf dem Operationstisch [lag]“ (ebd.: 272):
Es war bereits von Skalpellen der deutschen Divisionen zerschnitten, und nun galt es, Europa zu einer Neuordnung wieder zusammenzuflicken. Adolf Hitler sagte damals, daß „die Zusammenschweißung Europas nicht durch das Einigungsbestreben einer Fülle von Staatsmännern ermöglicht worden sei, sondern nur mit Waffengewalt zu machen gewesen wäre. Oder wie er am 8. Mai 1943 seinen Gauleitern auseinandersetzte: Man müsse mit der „Vielstaatlichkeit“ in Europa aufräumen und ein einheitliches Europa schaffen, dem sei aber nur Deutschland gewachsen. Eine „andere herrschende Kraft“ dürfe es nicht geben. (Ebd.: S. 272f.)
Die Pläne der deutschen Reichsführung für das „einheitliche Europa“ hatten bei manchen von Land zu Land vorgesehenen Unterschieden eines gemeinsam:
die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung [im Original kursiv]. Die entsprechende Weisung gab Göring schon am 31. Juli 1941 in einem Schreiben an Heydrich: „Ich beauftrage Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa.“ (Ebd.: 273)
Besymenski zitiert aus dem Wannsee-Protokoll die Auflistung der „für die Endlösung in Betracht kommenden rund 11 Millionen Juden“ und geht dann über zu den Planungen für die „Deportierung nach dem Osten“ bzw. „Ausrottung von 85 Prozent der polnischen Bevölkerung […]. Sogar der Zeitplan der Deportationen war festgelegt: 30 Jahre, jedes Jahr 120 Zugladungen“ (ebd.: 274). „Rekonstruiert“ werden ferner die Pläne für Frankreich (Schaffung der Marionettenstaaten „Bretonien“ und „Burgund“), England, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, die Schweiz usw. Vollends schwindlig wird dem Leser bei jenen Passagen, in denen Besymenski über Hitlers Pläne für „Afrika und Asien nach ‚Barbarossa‘“ sowie „Last but not least: Gegen die USA“ berichtet (S. 284–292).1835 Jahre nach Besymenski hat sich Ralph Giordano ebenfalls des Themas angenommen in seinem Buch Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg (Köln: Kiepenheuer & Witsch 2000, 9. Aufl. 2022). „Wie Deutschland, wie Westeuropa, wie die Welt nach dem gewonnenen Krieg aussehen würde, das war beschrieben in zahlreichen Denkschriften, Direktiven, Verordnungen, die nur darauf warteten, aus der Schublade gezogen zu werden – was Giordano dann tat, nach der Niederlage“ (Klappentext). In Giordanos Literaturverzeichnis kommt Besymenskis Buch nicht vor. All diese deutschen Unterwerfungsdelirien hatten den Sieg über die Rote Armee zur unabdingbaren Voraussetzung.
Mit anderen Worten: Das Unternehmen „Barbarossa“ war ein weltweites Sesam-öffne-dich. Aber weder mit dem Schlüssel der Wehrmacht noch mit dem Dietrich der SS ließ sich das Stahlschloß aufbrechen, mit dem der Weg nach Moskau und weiter nach London, Delhi und Washington gesperrt war. […] Der Autor einer der ersten und gründlichsten Forschungen zum Plan „Barbarossa“, Peter de Mendelssohn, schrieb: „Hätte die Sowjetunion nicht standgehalten, dann hätte niemand standgehalten.“ (Ebd.: 293)
Es kann sein, dass diese Einhorn-Übersetzung ebenfalls eine Auftragsarbeit war. Aber fest steht, dass es in diesem Buch auch um das Schicksal seines Verfassers wie seines Übersetzers ging: Beide wären bei einem Gelingen des Barbarossa-Plans als Juden ermordet worden.19Besymenskis Barbarossa-Buch kann man vorwerfen, dass in ihm – entsprechend der damaligen offiziellen Darstellung – die geheimen Zusatzprotokolle zum Molotow-Ribbentrop-Pakt von 1939 nicht erwähnt werden. Warum dem so war und was er nach (zeitweiligem) Zugang zu Stalins Archiv im Kreml außer diesen Zusatzprotokollen an bisher streng geheimen Dokumenten über Stalins Säuberungen der Roten Armee, den finnisch-sowjetischen Krieg von 1939/40 und die Annexion der drei baltischen Staaten herausgefunden hat, ist in seiner Monografie Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren von 2002 nachzulesen.
Mit Lev Besymensky stand mein Vater in freundschaftlicher Beziehung. Ich weiß, dass er dieses Buch als die erste ehrliche Darstellung des Krieges schätzte, besonders, was das Schicksal der Juden betrifft. Das Buch ist in meiner Moskauer Wohnung geblieben. Im Moment ist Moskau leider nicht erreichbar.20E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
Die Erarbeitung der deutschen Version des Barbarossa-Buches, die vom Rowohlt-Verlag 1973 als Beitrag zur neuen bundesdeutschen Ostpolitik, aber auch zur „emotionalen“ Umorientierung gepriesen wurde (Besymenski 1973: Klappentext), kann als Einhorns bedeutendste Übersetzungsleistung insgesamt oder zumindest im Bereich der Publizistik charakterisiert werden.
Für das Literaturübersetzen muss seine deutsche Version eines Romans von Frida Wigdorowa hervorgehoben werden: Sascha Moskwina, Umfang 579 Seiten, veröffentlicht 1964 nicht in einem deutschen Verlag, sondern in Moskau im Verlag Progreß.21In DDR-Verlagen waren 1951 Wigdorowas Erzählung Meine Schulklasse. Aufzeichnungen einer Lehrerin (Berlin: Rütten & Loening, Übersetzer: Josi von Koskull) sowie 1960 der „pädagogische Roman“ Heimkehr der Außenseiter (Berlin: Verlag Kultur und Fortschritt, Übersetzerin: Halina Wiegershausen) erschienen. Man kann den – im russischen Original 1961 bzw. 1964/65 in verschiedenen Ausgaben verlegten22Welche russischen Ausgaben von Einhorn als Prätext für seine deutsche Version benutzt wurden, müsste von Russisten genauer untersucht werden; zu der Frage schrieb mir seine Tochter: „Es war damals üblich, Unterlagen für Übersetzungen frei zu gestalten. Besonders galt das für den Verlag ‚Progress‘, wo die Übersetzung erschienen war.“ (E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 10. Januar 2025). – Roman als Auftakt zu jenen Werken lesen, die aus dem Leben einfacher Leute in den Jahrzehnten der Herrschaft Stalins erzählen. Wigdarowa gestaltet dies in Form eines Familienromans:
Im Mittelpunkt steht eine Moskauer Familie, meine Heldin ist eine Krankenschwerster, sie ist aber Mutter zweier Kinder, also handelt dieses Buch ebenfalls [wie ihre beiden zuvor bereits in der DDR erschienenen Bücher; AFK] von Erziehung. Und von Liebe. (Wigdorowa-Zitat, Klappentext)
Den meist nur knapp angedeuteten zeitgeschichtlichen Kontext bilden Ereignisse wie der Spanische Bürgerkrieg, Beginn, Verlauf und Ende des deutsch-sowjetischen Krieges sowie Stalins Tod. Einzelne Passagen lesen sich wie Versuche, die Welt des Sagbaren auszudehnen. Als charakteristisch für die Tauwetter-Periode oder auch als Vorwegnahme der Glasnost-Forderungen der 1980er Jahre klingen in Wigdorowas Roman Sätze wie „lohnt es denn zu schreiben, wenn man nicht über alles die Wahrheit schreiben darf?“ (Wigdorowa 1964: 375).23Wie Einhorn hatte auch Wigdorowa während der „Antikosmopolitismus“-Kampagne ihren Arbeitsplatz (Journalistin bei der Komsomolskaja Prawda) verloren.
Dass Einhorns Übersetzung des literarisch durchaus beachtlichen Romans nicht auch von einem DDR-Verlag übernommen wurde, dürfte mit Wigdorowas Rolle im Prozess gegen den Dichter Joseph Brodsky zusammenhängen. Im Frühjahr 1964 machte sie sich im Leningrader Gerichtssaal Notizen über den Prozessverlauf. Sie richtete Beschwerden an offizielle Stellen wie den Generalstaatsanwalt der UdSSR. Ihre Aufzeichnungen gab sie in den Samisdat. Sie gelangten ins westliche Ausland und könnten dank der Proteste von Moskau-freundlichen Linksintellektuellen (etwa von Jean Paul Sartre) zur vorzeitigen Entlassung Brodskys aus dem Straflager beigetragen haben. Sie selbst sollte aus dem Schriftstellerband ausgeschlossen werden und ihr Name verschwand nach ihrem frühen Tod (7. August 1965) „fast vollständig aus der literarischen Öffentlichkeit. Sie wurde in keinem Lexikon der sowjetischen Literatur mehr erwähnt“ (Kusowkin 2016), aber in der russischen Literaturszene blieb sie in Erinnerung als „offenbar großartige, rastlose Frau, vielen schwärmten von ihr“.24E-Mail von Andreas Tretner an AFK, 10. November 2024.
* * *
Unter Einhorns Übersetzungen lassen sich zwei weitere Textgruppen ausmachen, zum einen Veröffentlichungen über die Moskauer Ballettschule oder das Berjoska-Tanzensemble, zum anderen Zukunftserzählungen bzw. Texte aus dem Bereich der sowjetischen Phantastik: Die Erzählung Ein Roboter bricht aus von Arkadi und Boris Strugazki wurde in der DDR mehrmals nachgedruckt, der Roman Das Geheimnis des Glaskegels von Alexander Polestschuk erschien im Moskauer Verlag für Fremdsprachige Literatur in der Serie Wissenschaft und Phantasie. Auf eine weitere, ihrem Vater „sehr willkommene Auftragsarbeit“ machte mich seine Tochter aufmerksam:
die Übersetzung des Kapitels Russische Kunst, das der Kunsthistoriker und mein späterer Lehrer Viktor Nikitich Lasarev für die [1968 in Westdeutschland erschienene; AFK] Propyläen-Kunstgeschichte geschrieben hat.25E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
Auch zum Wie seines Übersetzens schrieb mir Marina Dmitrieva-Einhorn:
Mein Vater hat meistens zu Hause gearbeitet. Er hat seine Übersetzungen diktiert, und eine Stenotypistin hat es sofort eingetippt. Das waren ausschließlich deutsche Emigrantinnen, die in Moskau lebten.26E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
Zu Einhorns übersetzerischem Tun gehörte in den 1960er Jahren seine Beschäftigung mit Celans Nachdichtungen russischer Poesie. In einem Brief vom 26. Dezember 1962 reagierte er auf Celans Bitte, seine unlängst bei S. Fischer in Frankfurt herausgekommenen Jessenin-Übertragungen durchzusehen: „Wenn Du […] Fehler entdeckst, so sag es mir bitte unumwunden (und recht bald)“ (Celan/Einhorn 2001: 9). Einhorn lobt in seiner Antwort zunächst kräftig Celans Übersetzung, er habe „erst jetzt so richtig erkannt, was für ein gewaltiges Stück Arbeit das war“, weist dann aber auch auf Schwachstellen hin. Einzelne Verbesserungsvorschläge hat Celan für die Jessenin-Auswahl in der 1963 erschienenen Anthologie Drei russische Dichter übernommen: Zum Beispiel wurde aus „Aserbeidschan“ das korrekte „Aserbaidschan“; im Gedicht Dem Abend denkt versonnen nach der Weg wurde die zweite Zeile „im Blau stehn – blauer – Ebereschenzweige“ korrigiert in „im Rot stehn – röter – Ebereschenzweige“ und in Du Land, dem Regen lieb wurde der „Schwan, der himbeerfarbne“ durch die „himbeerfarbne Melde“ ersetzt.27Verglichen wurden von mir die Ausgaben Jessenin (1961) und Celan (1963).
Im Oktober 1966 – also vier Jahre nach seinem Brief mit den Jessenin-Korrekturen – fragt Einhorn aus Weimar, wo er an einem „internationalen Sprach-Seminar“ teilnahm, in einem nach Frankreich geschickten Brief: „Hast Du damals übrigens meine Bemerkungen zu Jessenin bekommen?“ (Celan/Einhorn 2001: 13). Celan antwortete postwendend aus Paris:
Für Deine Bemerkungen zu meiner Jessenin-Übersetzung – die, nebenbei, auf das diverseste totgeschwiegen bzw. „verrissen“ wurde – habe ich Dir schon seinerzeit brieflich gedankt, aber dieser Brief dürfte Dich nicht erreicht haben. Nochmals herzlichen Dank also. Leider besitze ich im Augenblick kein Exemplar meiner in der Fischer-Bücherei erschienenen „Drei russischen Dichter“ mehr, darin hatte ich, Deinen Anregungen folgend, einiges verbessert. (Ebd.: 14)
Die – womöglich auch Postzensur-bedingten – Stockungen im Briefwechsel der beiden Jugendfreunde lassen nebenbei erkennen, unter welchen Bedingungen Einhorn in Moskau gelebt und gearbeitet hat. Gewiss, er kannte Schriftsteller persönlich und wurde vom Sowjetischen Schriftstellerverband 1967 für seine „herausragenden deutschen Übersetzungen klassischer russischer und moderner sowjetischer Literatur“ ausgezeichnet.28Die in Moskau auf den 23. September 1967 ausgestellte Urkunde des Schriftstellerverbands wurde von Konstantin Fedin unterzeichnet (Original im Besitz von Marina Dmitrieva-Einhorn). Er konnte sogar mit Hilfe von Ilja Ehrenburg einen Briefwechsel zwischen Celan und der in Tarussa lebenden Witwe von Ossip Mandelstam ermöglichen und hat sich erfolgreich für russische Übersetzungen und für Vertonungen von Celan-Gedichten engagiert.29Vgl. u. a. die Hinweise auf einen 1962 entstandenen Celan-Liederzyklus von Philip Herschkowitz in Dmitrieva-Einhorn (1999: 15). Aber, so resümiert seine Tochter, er tat das
stets auf der schwankenden Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Die Unmöglichkeit, sich frei zu äußern, dem Freund ehrlich und offen zu schreiben, was er in Wirklichkeit dachte und empfand, wie schwer es war, in diesem Land zu leben, von dem sie einst so fasziniert waren, dürfte ihm den Briefwechsel gelegentlich auch recht bitter gemacht haben. (Dmitrieva-Einhorn 2001: 29)
Schlussbemerkung
Im Germersheimer Übersetzerlexikon wurden bereits zahlreiche Personen vorgestellt, die in der Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland, Österreich oder der Tschechoslowakei auswandern bzw. fliehen mussten. Manche hatten sich schon in der Zwischenkriegszeit mit dem Übersetzen ins Deutsche beschäftigt, andere sind im Exil oder auch erst im Nach-Exil zu Übersetzern geworden. Weitgehend unbeachtet blieben bisher jene deutschsprachigen Nicht-Deutschen, die – oft wegen ihrer jüdischen Herkunft – während des Krieges im Osten Europas vor Hitlers Armeen ins Innere der Sowjetunion geflüchtet sind und nach 1945 als Übersetzer in ihre deutsche Muttersprache gearbeitet haben. Zu dieser bisher nicht erforschten Gruppe gehört Erich Einhorn. Auch eine Kulturgeschichte, die nach den Lebenswegen der aus Czernowitz und der Bukowina stammenden deutschsprachigen Mittlergestalten fragt, sollte nicht nur jene in den Blick nehmen, die in den Westen gelangt sind. Im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis von Erich Einhorn könnte man auch unter diesem Aspekt fündig werden.
Anmerkungen
- 1Vgl. die aus Alfred Margul-Sperbers Nachlass 2009 mit dem Titel Die Buche herausgegebene Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina, ferner das von Ernest Wichner und Herbert Wiesner 1993 herausgegebene Berliner Ausstellungsbuch In der Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina (2. Aufl. 1995) sowie die einschlägigen Kapitel im 2023 erschienenen Handbuch der Literaturen aus Czernowitz und der Bukowina (hg. von Corbea-Hoișie u. a.).
- 2„Wir waren als Juden damals schon sehr verfolgt und empfanden diese Abtretung daher als Befreiung. Wir wußten zwar nicht, wie sich alles gestalten würde, aber für den Augenblick waren wir die Sorge der Diskriminierung los.“ (Kittner 1996: 47)
- 31988, als sich manches zum Besseren zu wenden schien, hat Karl Schlögel Czernowitz in der damals noch sowjetischen Ukraine besucht. Sein wiederlesenswertes Stadt-Porträt Cernowitz – City upon the Hill findet sich in Schlögel (1991: 80–115).
- 4Pearl Spiegel Fichman wurde wie ihre Kommilitonen Einhorn und Celan 1920 in Czernowitz geboren. Sie emigrierte 1947 in die Vereinigten Staaten, 1950 nach Israel, 1957 erneut in die USA. Sie arbeitete als Sprachlehrerin und Übersetzerin in New York und starb 2006 in Pittsburgh. Ihre seit 1989 vorliegenden Erinnerungen nutzte John Felstiner für seine Celan-Biografie (1995), im Celan-Handbuch (May u. a. 2012) kommt der Name Fichman nicht vor.
- 5„Mein Großvater war Anwalt und ein hochdekorierter Offizier der Kavallerie im Ersten Weltkrieg, im ‚mosaischen Regiment‘ der KuK-Armee.“ (E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 10. Januar 2025).
- 6Das niedrige Niveau erklärt sich auch daraus, dass die aus der Ukraine gekommenen Studenten anders als ihre Czernowitzer Kommilitonen die Hochschulzugangsberechtigung bereits nach zehn Schuljahren erhalten hatten.
- 7Ähnlich die Schilderung im Kapitel Russians Overnight: „We all labored hard on the Slavic languages; we read Pushkin and Shevchenko and started to enjoy some more recent writers and poets like Yessenin, Mayakovsky and Madelstamm [sic]” (1995: Chapter 4).
- 8Lt. Israel Chalfen „verließen nur einige wenige der jüdischen Studenten Czernowitz mit den Sowjets, unter ihnen Erich Einhorn und Gustav Chomed. Paul Antschel aber blieb“ (Chalfen 1979: 114). Anders die Darstellung der Zeitzeugin Edith Silbermann: „Erich Einhorn wurde mit vielen [Hervorh. AFK] anderen Studenten auf Lkws, die von der Universität bereitgestellt wurden, ins Innere der Sowjetunion evakuiert“ (Silbermann 2010: 54). Bei Alfred Kittner, einem weiteren Zeitzeugen, heißt es: „Die Russen verließen fluchtartig die Stadt. Viele Czernowitzer schlossen sich der Roten Armee an, vor allem große Teile der Studentenschaft […]. Man hatte Angst, unter den Rumänen zurückzubleiben, und verließ Hals über Kopf die Stadt, die bald wie ausgestorben wirkte.“ (Kittner 1996: 55)
- 9E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
- 10Über „das Verhältnis Celan/Einhorn in Wien“ hat Jürgen C. Thömig 2018 (anknüpfend an vorsichtige Andeutungen zu Einhorns Wiener Aufenthalt von Marina Dmitrieva-Einhorn; 1999: 11) einen umfangreichen, mit waghalsigen Spekulationen arbeitenden Aufsatz veröffentlicht, in dem er u. a. die „Hypothesen“ vertritt, Celan habe „in seinen frühen Gedichten […] einen Mythos um die Jugend Erich Einhorns und um dessen Leben in der UdSSR ersonnen“ (S. 210), habe seinen Freund „hysterisch verhöhnt“ (S. 215), habe mit Ingeborg Bachmann „oft viel zu negativ über Erich Einhorn“ gesprochen (S. 222), sie indes wollte „den historischen Erich Einhorn rehabilitieren“ (ebd.) usw.
- 11„Die Czernowitzer Kultur wurde [nach 1941] in alle Winde zerstreut, Stationen der Emigration sind Bukarest, Wien, Paris, New York und Tel Aviv, auch Düsseldorf oder Lenzkirch,“ so heißt es in Helmut Böttigers Orte Paul Celans (1996). Moskau als Emigrations- und die Sowjetunion als Überlebensort kommen bei ihm wie bei fast allen anderen Experten der „Czernowitzer Kultur“ nicht vor, die Lebenswege von Personen wie Gustav Chomed (geb. 1920 in Czernowitz), Erich Einhorn oder Lazar Steinmetz (geb. 1920 in Czernowitz) blieben unerforscht.
- 12Rosa Einhorn verstarb 1971 in Moskau (Celan/Einhorn 2001: 17).
- 13Vgl. den Brief an Celan vom 11. Juni 1962, in dem es u. a. heißt: „Ich bin nämlich ein leidenschaftlicher Plattensammler und möchte Dich darum um dies bitten: wenn es irgendwie geht, mir ein paar Platten zu schicken, u. zw. den wunderbaren Liedersänger Fischer-Dieskau (vielleicht Lieder von Hugo Wolf – die Mörike-Lieder, besonders den ergreifenden Feuerreiter, Schubert, Bach-Kantaten oder Brahms, außer den Magelonen-Liedern, die hab ich).“ (Celan/Einhorn 2001: 5)
- 14E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024 und 23. Februar 2026.
- 15E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 23. Februar 2026.
- 16E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 23. Februar 2026.
- 17E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
- 1835 Jahre nach Besymenski hat sich Ralph Giordano ebenfalls des Themas angenommen in seinem Buch Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg (Köln: Kiepenheuer & Witsch 2000, 9. Aufl. 2022). „Wie Deutschland, wie Westeuropa, wie die Welt nach dem gewonnenen Krieg aussehen würde, das war beschrieben in zahlreichen Denkschriften, Direktiven, Verordnungen, die nur darauf warteten, aus der Schublade gezogen zu werden – was Giordano dann tat, nach der Niederlage“ (Klappentext). In Giordanos Literaturverzeichnis kommt Besymenskis Buch nicht vor.
- 19Besymenskis Barbarossa-Buch kann man vorwerfen, dass in ihm – entsprechend der damaligen offiziellen Darstellung – die geheimen Zusatzprotokolle zum Molotow-Ribbentrop-Pakt von 1939 nicht erwähnt werden. Warum dem so war und was er nach (zeitweiligem) Zugang zu Stalins Archiv im Kreml außer diesen Zusatzprotokollen an bisher streng geheimen Dokumenten über Stalins Säuberungen der Roten Armee, den finnisch-sowjetischen Krieg von 1939/40 und die Annexion der drei baltischen Staaten herausgefunden hat, ist in seiner Monografie Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren von 2002 nachzulesen.
- 20E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
- 21In DDR-Verlagen waren 1951 Wigdorowas Erzählung Meine Schulklasse. Aufzeichnungen einer Lehrerin (Berlin: Rütten & Loening, Übersetzer: Josi von Koskull) sowie 1960 der „pädagogische Roman“ Heimkehr der Außenseiter (Berlin: Verlag Kultur und Fortschritt, Übersetzerin: Halina Wiegershausen) erschienen.
- 22Welche russischen Ausgaben von Einhorn als Prätext für seine deutsche Version benutzt wurden, müsste von Russisten genauer untersucht werden; zu der Frage schrieb mir seine Tochter: „Es war damals üblich, Unterlagen für Übersetzungen frei zu gestalten. Besonders galt das für den Verlag ‚Progress‘, wo die Übersetzung erschienen war.“ (E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 10. Januar 2025).
- 23Wie Einhorn hatte auch Wigdorowa während der „Antikosmopolitismus“-Kampagne ihren Arbeitsplatz (Journalistin bei der Komsomolskaja Prawda) verloren.
- 24E-Mail von Andreas Tretner an AFK, 10. November 2024.
- 25E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
- 26E-Mail von Marina Dmitrieva-Einhorn an AFK, 16. November 2024.
- 27Verglichen wurden von mir die Ausgaben Jessenin (1961) und Celan (1963).
- 28Die in Moskau auf den 23. September 1967 ausgestellte Urkunde des Schriftstellerverbands wurde von Konstantin Fedin unterzeichnet (Original im Besitz von Marina Dmitrieva-Einhorn).
- 29Vgl. u. a. die Hinweise auf einen 1962 entstandenen Celan-Liederzyklus von Philip Herschkowitz in Dmitrieva-Einhorn (1999: 15).

