Gottlob Regis (1791–1854)
Gottlob Regis hat viele Jahre seines Lebens der Übersetzung und Herausgabe von Rabelais’ Gargantua und Pantagruel gewidmet, die als seine „Hauptleistung“ gelten (Häntzschel 2010: 479). Er war jedoch auch ein bedeutender Übersetzer aus dem Englischen, Italienischen, Spanischen und Altgriechischen.
Johann Gottlob Regis, dessen Vater Prediger an der Leipziger Nikolaikirche war und dessen Mutter aus einer bekannten Gelehrtenfamilie stammte, ging in Leipzig und Roßleben zur Schule und studierte anschließend (1809–1812) in Leipzig Jura. 1816 übersiedelte er nach Halle und 1825 nach Breslau, wo er – nachdem er sich vergeblich um eine Anstellung an der Universität Breslau bemüht hatte – „als Privatgelehrter ein zurückgezogenes Leben in bescheidenen Verhältnissen [führte]“ (Dierks 2003: 271). Er blieb unverheiratet. 1841 gewährte ihm König Friedrich Wilhelm IV eine Pension von 300 Talern. Im Folgejahr verlieh ihm die Universität Breslau einen Ehrendoktortitel (vgl. Elias 1888).
Regis’ erste kürzere Übersetzungen, Gedichte aus dem Italienischen und Englischen, erschienen ab 1818 in verschiedenen literaturwissenschaftlichen Zeitungen (vgl. Goedeke 1990: 1122). Die erste monographische Übersetzung ist eine Versübersetzung von Shakespeares Drama Timon von Athen (1821), von dem zuvor lediglich eine „freie Prosabearbeitung“ (Elias 1888) existiert hatte. 1836 folgt der Shakspeare-Almanach mit Übersetzungen der 154 Sonette und anderer kürzerer Texte. Die Sammlung wird von einem Vorwort und verschiedenen Anmerkungen begleitet. Vorwort und Anmerkungen gelten vor allem den Ausgangstexten. In einigen Fällen kommentiert der Übersetzer auch seine Übersetzung, z. B. wenn er eine Passage seiner Übersetzung mit einer Formulierung von Goethe rechtfertigt (vgl. Tgahrt 1982: 542). Eine weitere Anthologie mit Übersetzungen aus dem Englischen ist das Swift-Büchlein (1847), das Ausschnitte aus Swifts Korrespondenz enthält.
Bereits kurz nach dem Erscheinen seiner ersten Shakespeare-Übersetzung hatte sich Regis einer anderen Übersetzung zugewandt, deren Entstehung sich über zwanzig Jahre hinzog, der vollständigen Übersetzung von Rabelais’ Gargantua und Pantagruel (vgl. Schrader 1964: 518). Regis’ deutscher Rabelais erschien in den Jahren 1832 bis 1841 in drei Bänden: einem Textband und zwei Bänden mit Anmerkungen. Allein der Umfang der Übersetzung und der Anmerkungen kennzeichnen Regis’ Arbeit als philologische Großtat. In der mehr als 200 Seiten starken Einleitung zum ersten Band der Anmerkungen geht Regis u. a. ausführlich auf frühere Rabelais-Übersetzungen ein. Neben einer Würdigung von Fischarts Geschichtklitterung, von der Regis auch einige Formulierungen übernommen hat, finden sich dort u. a. auch Informationen zur Rabelais-Rezeption in England (vgl. Regis 1839: CLXVIff.).
Regis’ Leistung wurde bereits zu Lebzeiten anerkannt (vgl. Tgahrt 1982: 539f.). In einer Rezension zum Textband der Übersetzung in der Nouvelle Revue Germanique wird Regis als einer der besten Kenner Rabelais’ bezeichnet: „[…] car peu de littérateurs, même français, peuvent se vanter de comprendre aussi parfaitement Rabelais que M. Regis“ (Anon. 1833). Regis’ Übersetzung wurde mehrfach neu aufgelegt (meist ohne die umfangreichen Anmerkungen). In seinem Nachwort zur Hanser-Ausgabe von 1964 schreibt Ludwig Schrader:
Regis’ Übersetzung gibt das Original in allen seinen Nuancen, auch mit seinen Schwierigkeiten wieder. Regis hat nirgends gekürzt oder vereinfacht. Wortspiele, Dialektalismen, Wort-Neuschöpfungen, die zahllosen gelehrten Elemente – alle diese Züge, die wesentlich zu Rabelais’ Werk gehören, sind bei Regis erhalten oder, von seltenen Einzelfällen abgesehen, auf das zutreffendste durch Gleichwertiges ersetzt. Dazu tragen nicht zuletzt die von Regis sorgfältig ausgewählten deutschen Archaismen bei. Philologische Akribie und künstlerische Sprachkraft sind in Regis’ Arbeit die glücklichste Synthese eingegangen. (Schrader 1964: 518f.)
In einigen Neuauflagen von Regis’ Übersetzung fehlen allerdings nicht nur die Anmerkungen, auch die Übersetzung selbst wurde gekürzt und vereinfacht. Jürgen von Stackelberg weist dieses nach am Beispiel einer 1960 bei Goldmann erschienenen Überarbeitung von Regis’ Übersetzung durch Ulrich Rauscher. Die bei Rabelais so häufigen skatologischen Formulierungen werden bei Goldmann gekürzt oder ganz gestrichen. Regis’ bildhafte Sprache wird nivelliert, wie im folgenden Beispiel:
„Vous parlez de baiser demoisselles?“ – „Meint ihr ich soll die Fräuleins lang schnäbeln?“ (Regis) – „Die Frauenzimmer küssen?“ (Goldmann). (Vgl. Stackelberg 1978: 45ff.)
In den Jahren 1840 bis 1842 sind drei Übersetzungen aus dem Italienischen (Boiardos Verliebter Roland, Michelangelos Gedichte und Machiavellis Fürst) erschienen. Daniele Vecchiato hat eine vergleichende Analyse von drei Übersetzungen des Orlando innamorato aus den Jahren 1819 bis 1840 vorgelegt. Interessant ist vor allem der Vergleich von Regis’ Übersetzung mit derjenigen von Johann Diederich Gries. Insbesondere im Hinblick auf die Wiedergabe phonetischer und syntaktischer Stilmittel bleibt Regis’ Übersetzung näher am Ausgangstext (vgl. Vecchiato 2019: 317f.):
D’ira soffiando si come un serpente Mena a doe mano e bate dente a dente. (Boiardo) Faucht schlangengleich ihn voll’ Erbitt’rung an, Haut mit zwey Händen, und knirscht Zahn auf Zahn. (Regis) Und nun, vor Zorn wie eine Schlange blasend, Haut er mit beiden Händen zu, wie rasend. (Gries)
Julius Elias charakterisiert in seiner Biographie Regis’ die unterschiedlichen Übersetzungsweisen von Gries und Regis folgendermaßen:
Ueber Gries’ Werken ruht der heitere mannichfaltige Glanz, die leichte Freiheit und der zauberhafte Reiz romantischer Uebersetzungskunst; R. [Regis] ist ernst, kraftvoll, gewissenhaft, oft sonderbar, aber stets feinsinnig und interessant; jener opfert der Schönheit vieles, dieser kennt nur die Wahrheit; Gries besitzt eine Verständlichkeit, die schmeichelt, und setzt nichts voraus, R. verlangt einen reisen [sic; reifen] Leser und stellt vor den Genuß den Schweiß. (Elias 1888: 561)
Regis’ Übersetzungen aus dem Italienischen sind beim zeitgenössischen Fachpublikum auf relativ großes Interesse gestoßen (vgl. die bei Goedeke 1990: 1121f. verzeichneten Rezensionen). Weniger Beachtung fanden seine vereinzelten Übersetzungen aus dem Spanischen (Das Liederbuch vom Cid, 1843) und Altgriechischen (Epigramme der griechischen Anthologie, 1856).
Übersetzungstheoretische Schriften hat Regis nicht hinterlassen. Die Vorworte seiner Übersetzungen gelten meist dem Autor des Originals, nicht dem Übersetzer:
Das charakterisierte ihn und seinen Willen, als Person verborgen zu bleiben, wie der denn in keiner Vorrede über sich selbst und seine Übersetzungsgrundlagen etwas verlauten ließ. (Tgahrt 1982: 523)
Wünschenswert wäre eine systematische Auswertung von Regis’ Briefen an seinen Freund Carl Gustav Carus, die bisher allerdings lediglich als digitalisierte Handschriften vorliegen (Regis 2018) und bibliographisch nicht näher erschlossen sind. Für die Briefe von Carus an Regis existiert zwar ein Inhaltsverzeichnis mit Namen- und Sachregister (Carus 2000), im Hinblick auf translatorische Fragestellungen sind Carus’ Briefe jedoch wenig ergiebig.

