Guido Meister, 1922–2008
Guido Meister ist insbesondere für seine Camus-Übersetzungen der 1950er und 60er Jahre bekannt. Nach fast drei Jahrzehnten als literarischer Übersetzer übertrug er ab Mitte der 70er Jahre vor allem kunsthistorische Sachtexte.
Knapp die Hälfte der ihm zugeschriebenen Übersetzungen erschienen unter dem Namen „Guido G. Meister“. Dies ist ein Sammelpseudonym für eine Zusammenarbeit von Guido Meister mit seiner ersten Ehefrau Gertrud Meister.
Lebenslauf
Guido Meister kam 1922 in Basel zur Welt. Sein Vater Ludwig Meister (1891–1960), gebürtiger Deutscher aus Frankfurt am Main, war Kaufmann, weitere Informationen über ihn gibt es nicht. Seine Mutter Paula Meister-Calvino (1894–1987), eine Schweizerin aus Lugano, war Übersetzerin u. a. von Charlotte Brontë und Giovanni Verga. Er hatte einen älteren Bruder. Meister studierte ab 1941 in Basel und kurz in Genf.1Er studierte vermutlich Romanistik. Von Dezember 1945 bis Juli 1949 war er an der Pariser Sorbonne immatrikuliert und daneben „als Assistent für deutsche Sprache im Lycée Louis-le-Grand in Paris“ tätig (Meister 1951a: ???). Ab April 1949 gab er zusammen mit Albert Béguin, Albert Camus, René Char und Jean Vagne die Literaturzeitschrift Empédocle heraus, die monatlich erschien, aber nach elf Ausgaben eingestellt werden musste. Ab dem Wintersemester 1949/50 war er wieder in Basel eingeschrieben, wo er 1951 mit einer Arbeit zu Jean Giraudoux promoviert wurde. Danach kehrte er offenbar nach Paris zurück, „Ende November 1956 vertrat C[elan] den erkrankten Guido Meister als Lektor für Deutsche Sprache an der École normale supérieure Saint Cloud“ (May et al. 2008: 13). Insgesamt lebte er vierzehn Jahre in Frankreich.
In den frühen 1960er zog er nach Mexico City, Dem ging offenbar eine persönliche Krise voraus, über die nur bekannt ist, dass er Anfang der 1960er einen schweren Autounfall hatte und dass seine Ehe geschieden wurde. 1962 litt er noch, wie er schrieb, „an allerlei Ungewißheiten, die […] durch meine französische Vergangenheit bedingt sind“ (Lutrand Archiv); 1966 erwähnt er in einem Brief an Paul Celan die „recht prekären Verhältnissen“ vor seinem Umzug nach Mexiko, die „geistig, seelisch und materiell überaus schweren Zeiten“. 1963 heiratete er die Mexikanerin Yolanda Villasenor de Pola.
Etwa zehn Jahre nach dem Umsiedlung begann er offenbar, zwischen Europa und Mexiko zu pendeln, mehrere Monate im Jahr lebte er in dem provenzalischen Dorf Gordes. Die Gründe für die Auswanderung nach Mexiko sind ebenso unbekannt wie die für die Rückkehr nach Europa oder die Wahl von Gordes als Wohnsitz. Er blieb offenbar zeitlebens Schweizer Staatsbürger und starb im 4. Juli 2008 in Mexiko City.
Guido und Gertrud Meister
Meisters erste uns bekannte Übersetzung stammt aus dem Jahr 1947, die letzte datiert auf 1998. Dabei trat er sowohl als „Guido Meister“ als auch als „Guido G. Meister“ in Erscheinung, letzteres macht knapp die Hälfte der Guido Meister zugeschriebenen Übersetzungen aus.
Als „Guido Meister“ übertrug er bis 1956 Belletristik und Sachtexte aus dem Französischen ins Deutsche, aber auch aus dem Deutschen ins Französische, darunter für Gallimard den 1951 von Rowohlt verlegten Bestseller Der Fragebogen von Ernst von Salomon. Etwa ab 1962 arbeitete er erneut als „Guido Meister“ und übersetzte für deutschsprachige Verlage Belletristik aus dem Französischen und Spanischen, 1980 beispielsweise erschienen im Züricher Manesse-Verlag George Sands Romane Der Teufelsteich und François, das Findelkind. Danach wurden literarische Übersetzungen selten, es dominieren Reiseführer, kunsthistorische Arbeiten und Ausstellungskataloge aus den genannten Sprachen sowie aus dem Englischen. Bereits ab 1948 aber existieren auch Übersetzungen als „Guido G. Meister“. Der Innsbrucker Abendland Verlag veröffentlichte 1948 Albert Camus‘ Die Pest mit der Angabe „Einzig berechtigte, vom Verfasser autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Guido G. Meister“.2Die Rechte für die deutschsprachige Übersetzung lagen, sowie bekannt, beim Rauch Verlag, wo Die Pest allerdings erst 1949 erschien. Soweit nachprüfbar gilt diese Namensform für all seine Camus-Übersetzungen, für zahlreiche Romane anderer Autoren sowie für mehrere kunsthistorische Sachbücher.
Die verfügbaren Quellen lösen „Guido G. Meister“ als Sammelpseudonym für Guido Meister und seine erste Ehefrau Gertrud Meister auf.3Die Quelle dieser Information war nicht abschließend zu klären. Die Erschließungsstelle der Deutschen Nationalbibliothek teilte auf Anfrage mit, die Quelle dafür sei „The National union catalog / Pre-1956 imprints (herausgegeben von der Library of Congress https://d-nb.info/011140771“ (E-Mail an die Verf. vom 3. Juli 2026). Nach Angaben der Datenbank Genealogy heiratete Meister am 28. Dezember 1945 in Basel Gertrud (Trudi) Flückiger. Als ihr Geburtstag wird der 6. April 1918 genannt, der Name lässt vermuten, dass sie Schweizerin war. Unter dem Namen Flückiger ist sie nur in der 1945 im Europa-Verlag (Zürich, New York) erschienenen deutschsprachigen Ausgabe der Résistance-Anthologie Le Livre Noir du Vercors (1944; dt. Das schwarze Buch von Vercors) nachweisbar, als eine von sechs Übersetzern, darunter auch Guido Meister.4Das schwarze Buch von Vercors. Autoren: Albert Béguin, Pierre Courthion, Paul du Bochet, Richard Heyd, Georges Menkes und Lucien Tronchet. Mit einem Gedicht von Pierre Emmanuel. Aus dem Französischen übersetzt von Suzanne Billeter, Jean Bollack, Monique Bollinger, Werner Fink, Gertrud Flückiger und Guido Meister. Zürich, New York: Europa Verlag, 1945.
Celan erwähnte sie 1957 in einem Weihnachtsgruß („Gertrud und Guido Meister, mit den herzlichen Wünschen Gisèle et Paul Celan Paris, Weihnachten 1955“) sowie 1959 in einer handschriftlichen Widmung seiner Übersetzung von Arthur Rimbauds Das trunkene Schiff: „A Gertrud et Guido Meister qui m’ont tout appris en matière de traduction. Leur ami Paul Celan Janvier 59“.5Celans Karte und das Buch mit seiner Widmung stammen offensichtlich aus dem Nachlass von Guido oder Gertrud Meister. Sie wurden durch die Pariser Librarie Le Feu Follet verkauft. Wie das Antiquariat in deren Besitz gekommen ist, ist nicht ersichtlich. Wir wissen nicht, worin diese „Lehre“ bestand, der amerikanische Literaturkritiker John Felstiner erwähnt, Celan habe „(zusammen mit Guido G. Meister) eine geistvolle Übersetzung der ersten Strophe von Lewis Carrolls Jabberwocky“ ersonnen (Felstiner 1997: 261).
Meister erwähnt seine erste Ehefrau nur einmal, nämlich in der Verlagsausgabe seiner Dissertation. Die Widmung lautet „Meiner Frau“, in Großbuchstaben ohne Namensnennung. Darüber hinaus wissen wir weder, wie und wo Gertrud Meister vor der Ehe und nach der Scheidung lebte, noch, ob sie auch unter anderem Namen übersetzte. In der umfangreichen Korrespondenz zwischen dem Rowohlt Verlag und Meister wird sie nicht erwähnt. Ihr Anteil an den Übersetzungen bleibt ebenso Gegenstand von Spekulationen wie die Frage, ob und wie sich das Ende der Ehe und der Zusammenarbeit auf Guido Meisters spätere Übersetzungen auswirkte.
Obwohl die Ehe 1961 geschieden wurde, findet sich in der Rowohlt-Korrespondenz erst 1991 der Hinweis: „Aus persönlichen Gründen ist mein Name als Übersetzer seit vielen Jahren nicht den ‚Guido G. Meister‘, sondern lediglich ‚Guido Meister‘.“ (Rowohlt Verlagsarchiv, DLA) Dass 1980 bzw. 1991 Camus’ Reisetagebücher und der dritte Band der Tagebücher unter dem Sammelpseudonym erschienen, war offenbar mangelnder Kommunikation geschuldet.
Die Camus-Übersetzungen
Der Rowohlt Verlag erwarb 1950 vom Rauch Verlag die Lizenz für Meisters Übersetzung von Camus’ Die Pest. Die Zusammenarbeit zwischen Übersetzer und Verlag verlief zunächst geschmeidig und offenbar zu beiderseitiger Zufriedenheit, der Umgangston zwischen Meister und dem Rowohlt-Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt war freundlich, ja freundschaftlich. Ledig-Rowohlt versicherte ihm mehrfach und nachdrücklich sein Wohlwollen; Meisters Mutter Paola Meister-Calvino schrieb 1961 an Ledig-Rowohlt: „Guido hat es sehr nötig, in einer Freundschaft wie Sie sie geäußert haben, sein allzulang zerknüllertes Selbstvertrauen wieder zu finden.“ Im Sommer 1962 bat er ihn, sich in Mexiko nach „nicht nach amerikanischer Schablone verfaßten mexikanischen Kriminalromanen“ umzuschauen. (Rowohlt Verlagsarchiv, DLA). Häufiges Thema der damaligen Korrespondenz war Meisters Wunsch, im Rowohlt-Theater-Verlag mexikanische Dramatiker unterzubringen. (Lutrand-Archiv, 20. Juli 1962 und andere)
Er übersetzte zunächst auch für andere Verlage wie Hanser und Ullstein. Im Februar 1961 erwog Fritz J. Raddatz, stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlages,
Meister fest unter Vertrag als Übersetzer zu nehmen und ihm dafür eine bestimmte monatliche Pauschale zu zahlen, gleichgültig ob er nun jeden Monat eine Übersetzung hat oder nicht. Das Honorar würde natürlich jeweils gegengerechnet werden.
Er fände „es gut, wenn wir einige wenige erstklassige Übersetzer an das Haus binden, die dann allerdings nicht mehr für andere Verlage arbeiten könnten“. (Lutrand Archiv, 20. Februar 1961). Auch andere Übersetzer und Übersetzerinnen wie Susanna Rademacher und Kai Molvig hatten solche Exklusiv-Verträge, Elmar Tophoven sollte ein Angebot gemacht werden. Meister erhielt im Juli 1962, zunächst auf sechs Monate befristet, ein monatliches Fixum von 1.000 DM, doch schon Anfang 1963 teilte ihm Ledig-Rowohlt mit, man habe „zunächst die laufenden Monatsraten“ einstellen müssen, da „eine wesentliche Grundlage zur weiteren Finanzierung Ihrer dortigen Arbeit und Tätigkeit“ fehle. Offenbar war der Theaterverlag von den angebotenen mexikanischen Dramatikern nicht überzeugt.
Im selben Brief äußerte Ledig-Rowohlt allerdings auch gravierende Kritik an Meisters Übersetzung des Camus-Hörspiels Les Silences de Paris (Paris schweigt). Darüber war Meister so empört, dass Edmond Lutrand, der seit 1952 mit seiner Frau Rita das Pariser Büro des Rowohlt-Verlages leitete, als Vermittler an Meister schrieb. Er erwähnt den „Blitz- und Donnerbrief, den der gute H.M.L.R. Dir für die Übersetzung von ‚Silence d Paris’“ schickte.
Wir kennen das Temperament von unserem guten Ledig-Rowohlt, und Du weißt auch, wie solche Explosionen zu Stande kommen können, von irgendeiner Seite wird gezwickt, und dann sprüht die Galle in verkehrter Richtung.
Er rät Meister dringend, Ledig-Rowohlt ‚plein pouvoir‘ geben, die Übersetzung mit seinen [L-R’s] Verbesserungen herauszubringen. (Lutrant-Archiv, 16. Mai 1963) Meister folgt seinem Rat.6Es wurde offenbar erwogen, die Zusammenarbeit mit Meister zu beenden, denn am 15. November 1963 schreibt Lutrand an Ledig-Rowohlt: „Glaubst Du, dass wir Meister überhaupt nicht mehr für Übersetzungen heranziehen sollten?“ (Lutrand Archiv) Trotz des Zwists übertrug Ledig-Rowohlt ihm den zweiten Band der Tagebücher, doch auch diese Zusammenarbeit verlief schlecht, ja katastrophal. Entsetzt über die zahllosen Eingriffe des Lektorats, schrieb Meister Ende 1966 an Ledig-Rowohlt:
Ich habe leider den Eindruck, dass die Lektoratsarbeit mit dem festen Vorsatz unternommen wurde, möglichst viel zu ändern – ob mit einer gegen mich persönlich gerichteten Absicht oder aus andere Gründen oder ‚einfach so‘, ohne Grund, kann ich natürlich nicht entscheiden.
In einer ausführlichen Antwort lehnte Ledig-Rowohlt Meisters Änderungen ab, wobei er im Ton verbindlich und um gesichtswahrende Formulierungen bemüht blieb:
Bei Ihren Korrekturen gewann ich gelegentlich den Eindruck, als seien Sie dem deutschen Sprachduktus vielleicht schon etwas ferngerückt, was durchaus verständlich wäre, nachdem Sie ja nun schon seit Jahren in fremden Sprachraum leben. Zudem ist ja auch eine Sprache etwas Lebendiges und daher Änderungen unterworfen, auch in den unterschwelligen Bereichen. (Rowohlt Verlagsarchiv, DLA)
Weder das Originalmanuskript noch das offenbar sehr umfangreiche Lektorat sind erhalten, sicher scheint, dass sich Meisters Arbeit anhand der Druckfassung translatorisch nicht beurteilen lässt.
Bei diesen und späteren Meinungsverschiedenheiten erwähnte Meister mehrfach ein Treffen zwischen Camus, Ledig-Rowohlt und ihm selbst Ende der vierziger Jahre. Bei dieser Gelegenheit habe Camus ihn, Meister, als seinen Übersetzer autorisiert, Ledig-Rowohlt habe dem zugestimmt. Eine solche mündliche Vereinbarung wurde seitens des Rowohlt Verlags weder bestätigt noch explizit bestritten.7Meister war zu keinem Zeitpunkt Camus’ alleiniger Übersetzer, 1948 erschien im Rauch Verlag Der Fremde in der Übersetzung von Georg Goyert, 1950, ebenfalls bei Rauch, Der Mythos von Sisyphos in der „Berechtigten Übertragung aus dem Französischen von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch“.
1971 hatte Eva Rechel-Mertens den Camus-Roman Der glückliche Tod übersetzt, worüber sich Meister in einem Brief an Ledig-Rowohlt bitter beklagt: Er sei bei der Übersetzung von La Mort heureuse übergangen worden, irgend jemand hege „den Wunsch, mich auszuschalten“ (Archiv Lutrand, 3. November 1971). Man hätte ihm sagen sollen, dass er den Roman nur übersetzen könne, wenn er in Europa „zur Verfügung stehe – eine Bedingung, die ich ohne die geringste Schwierigkeit hätte erfüllen können“ (ebd.). Überdies habe jemand Mme Camus, wie er bei einem Gespräch mit ihr erfahren habe, eingeflüstert, er, Meister, habe wegen der Jahre in Mexiko „den Kontakt mit der deutschen Sprache verloren“ (ebd.).
1978, also sieben Jahre später, wandte Meister sich erneut an den Verlag und bot an, Camus’ Reisetagebücher zu übertragen. Er habe über zehn Jahre lang in Mexiko gelebt, die Arbeitsbeziehungen seien damals wegen „der recht schwierigen und häufig etwas unsicheren Postverbindungen“ abgebrochen. Nun aber lebe er in Frankreich: „Ich möchte meine traditionelle Aufgabe an Camus’ Werk weiterführen.“ Erneut berief er sich auf seine Freundschaft mit Camus und dessen Wunsch, nur er, Meister, solle sein Werk übersetzen.
Bei der erneuten Korrespondenz ging es noch einmal um die Übersetzung von La Mort heureuse. Ledig-Rowohlt verteidigte seine damaligen Entscheidung mit den Worten, Rechel-Mertens sei geographisch näher gewesen, und wiederholte, dass Meister sich wohl der deutschen Sprache entfremdet habe.
Wir hatten nämlich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Ihre lange Ansässigkeit in Mexiko etwas den Kontakt mit der sich ja stetig wandelnden deutschen Sprache verloren hatten.
Eine weitere Zusammenarbeit sei nur möglich, wenn „Sie uns redaktionell völlig freie Hand ließen“ (HMLR, 5. Mai 1978). Meister antwortete, „dass ich Ihre kritische Einstellung als eine Art Herausforderung ansehe, die ich akzeptiere“. Rowohlt ließ sich darauf ein, 1980 erschienen die Reisetagebücher in Meisters Übersetzung.
1989, Ledig-Rowohlt hatte den Verlag 1982 an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck verkauft, übersetzte Meister Camus’ Tagebuch März 1951 – Dezember 1959 und erhielt DM 26 für die Manuskriptseite, ein für damalige Verhältnisse außerordentlich hohes Honorar. Der Übersetzername im Buch lautet Guido G. Meister. Ende 1993 teilte ihm der Verlag mit, dass man nun alle Rechte an Camus erworben habe:
Ihnen wird nicht verborgen geblieben sein, daß Ihre Fassung von ‚Die Pest‘ im Laufe der Jahre oft und bisweilen recht herb kritisiert worden ist und das blieb Gallimard und den Erben nicht verborgen. So geht die Übertragung der deutschsprachigen Rechte an Rowohlt von der Voraussetzung aus, daß wir eine neue Übersetzung anfertigen lassen, wir haben uns auch dazu bereit erklärt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Die Pest in der Übersetzung von Guido G. Meister eine verkaufte Auflage von über einer Millionen Exemplaren. Trotz dieser brüsken Zurückweisung wandte sich Meister bereits im Mai 1994 erneut an den Rowohlt-Lektor Heepe: Gerade sei Le Premier Homme aus Camus’ Nachlass erschienen, er stehe „selbstverständlich sofort für die Übersetzung zur Verfügung“, er wolle „Camus bis zum Schluss treu bleiben“. Heepe informierte ihn sehr höflich, dass man im Verlag für die Neuübersetzungen andere Entscheidungen getroffen habe, auch „für die Übertragung dieses nachgelassenen Textes gibt es bereits Absprachen, die wir nicht rückgängig machen können“.8Die Übersetzung von Le Premier Homme und die Neuübersetzung von La peste besorgte Uli Aumüller. Meister reagierte mit einem letzten, bitter-sarkastischen Brief an die Lektoren Hans-Georg Heepe und Delf Schmidt, der in dem Vorwurf gipfelte, sie seien keine Verleger, sondern manager, „die sich in den Dienst des Meistbietenden stellen […] und bei der Verteilung der Aufträge vor allem ihre Freunde berücksichtigen“. Dem legte er einen dreiseitigen Abschiedsbrief an den 1992 verstorbenen Ledig-Rowohlt bei, in dem er detailliert schilderte, wie man „mich (und Dich!) hintergangen hat“. Die wesentliche Passage des Briefes lautet:
Du erinnerst Dich – natürlich – an unsere Begegnungen in Paris und vor allem an unsere Zusammenkunft mit Albert Camus – kurz nachdem er Les Justes fertigestellt [sic] hatte –, an [sic] der im wesentlichen beschlossen wurde, dass ich auf Camus’ Wunsch und Jean Greniers9Der Schriftsteller und Philosoph Jean Grenier (1898-1971) war Albert Camus’ Lehrer und enger Freund. Drängen und mit Deinem vorbehaltlosen Einverständnis der einzige und ausschliessliche Übersetzer aller seiner Werke sein sollte; dass Du mich batest, nur für L’Homme révolté eine Ausnahme zu machen, weil gleichzeitig die vier ersten Theaterstücke übertragen werden mussten und sie für Dich dringender waren als L’Homme révolté; dass Du mich batest, für diese vier Theaterstücke auf Tantiemen zu verzichten, weil Du finanziell schon stark belastet warst, und dass ich mich damit einverstanden erklärte (obwohl wir beide wissen, dass das Kunsthandwerk des Übersetzers das einzige Handwerk ohne goldenen Boden ist), zumal auch Camus mich darum bat und mir gleichzeitig versicherte, er werde noch viele Stücke schreiben und dann persönlich für meine korrekte Beteiligung besorgt sein. […] Zweifellos erinnerst Du Dich auch, dass Du mich damals batest, für Deinen Verlag auch „den ganzen Sartre“ zu übersetzen, und dass ich dies ablehnt, weil es mir nicht möglich schien, in diesem besonderen Fall „zwei Herren zu dienen“. (Meister 1994)
Meisters Camus-Übersetzungen wurden, wie Heepe erwähnte, häufig kritisiert. 2003 sprach Gustav Seibt in einem Text über Die Pest von der „mittlerweile überholten Übersetzung von Guido G. Meister“, die zu sehr „dem natürlichen Pathos des Französischen“ verfalle und sich unverständliche „begriffliche Freizügigkeiten“ gestatte.10Süddeutsche Zeitung, 12. März 2003. Zitiert in Perlentaucher; https://www.perlentaucher.de/buch/albert-camus/die-pest.html (Letzter Abruf 5. Juli 2026)
Hinrich Schmidt-Henkel hat 2015 mehrere Camus-Dramen neu übersetzt. An Meisters Übersetzungen fielen ihm das alte Vokabular, vor allem aber viele schlecht sprechbare Formulierungen auf, die den Erfordernissen des Theaters nicht gerecht wurden.Hinrich Schmidt-Henkel.11E-Mail an die Verfasserin vom 5. September 2026. Die Gegenüberstellung einer kurzen Passage aus Das Missverständnis illustriert dies:
Guido Meister, 1959.
DIE MUTTER: Nicht diese Ruhe meinte ich. Ach nein, ein Altweibertraum! Nur nach Frieden, nach Nichts-mehr-müssen sehne ich mich. Sie versucht zu lachen. Es tönt dumm, aber weißt du, Martha, an manchen Abenden wandelt mich beinahe ein Verlangen nach Frömmigkeit an.
MARTHA: Du bist nicht alt genug, um diese Zuflucht zur Religion nehmen zu müssen, Mutter. Du hast Besseres zu tun.
DIE MUTTER: Du weißt genau, daß ich scherze. Aber schließlich darf man sich wohl ein bißchen gehenlassen, wenn man am Ende seines Lebens steht. Man kann sich nicht immer steif und hart machen wie du, Martha. Dazu bist du nun deinerseits nicht alt genug. Und ich kenne manches Mädchen, das im gleichen Jahr geboren ist wie du und lauter Torheit im Kopf hat. (Camus 1959)
Hinrich Schmidt-Henkel, 2013
DIE MUTTER: Diese Art Ruhe meine ich gar nicht. Nein, es ist ein Alte-Frauen-Traum. Etwas Frieden, etwas Entspannung, mehr nicht. (Lacht matt) Es klingt vielleicht dumm, Martha, aber abends hätte ich manchmal fast Lust, fromm zu sein.
MARTHA: Das wäre übertrieben, so alt sind Sie noch gar nicht, Mutter. Sie haben Besseres zu tun.
DIE MUTTER: Du weißt ja, ich mache Scherze. Warum auch nicht! Am Ende eines Lebens darf man sich auch mal gehenlassen. Aber man kann nicht immer so starr und steif sein wie du, Martha. Außerdem, auch zu deinem Alter passt das nicht. Ich kenne viele Mädchen, die sind im selben Jahr geboren wie du und haben nichts als Verrücktheiten im Kopf. (Camus 2013)
Erwerbstätigkeit
Die Deutsche Nationalbibliothek weist in fünfzig Berufsjahren 53 Titel für Guido Meister und 41 für Guido G. Meister nach.12In ausländischen Verlagen könnten weitere Übersetzungen erschienen sein, die die Deutsche Nationalbibliothek nicht erfasst. Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass es sich um eine nennenswerte Zahl handelt. Meister muss also weitere Einkommensquellen gehabt haben. Schon 1950 schlug er Hans Paeschke, dem Chefredakteur der Zeitschrift Merkur, den Autor Louis Guilloux zur Übersetzung vor und brachte sich dabei als Übersetzer ins Gespräch. Das habe einen
erdgebundene[n] Grund, […] die Tatsache nämlich, dass ich auf Arbeit angewiesen bin. Sie wissen ja sicher selbst, wie schwer es ist, sich durchzusetzen, wenn man auf die Geborgenheit irgendeiner Staatskrippe verzichtet, um sich dem Beruf zu widmen, den man als den allein richtigen erkannt hat.13Aus dem Kontext des Briefes geht hervor, dass Paeschke auch Lizenzen für dtv erwarb.
Weil er ein festes Einkommen brauchte, nahm er 1963 in Mexiko eine Stelle als Leiter der Übersetzungsabteilung eines Ingenieurunternehmens an, wo er für Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch zuständig war.14Lutrand schrieb im November 1963 an Meister: „Ich kann verstehen, dass Deine Arbeit auch als Leiter der Übersetzungs-Abteilung Dich nicht sonderlich interessiert. Aber wenn Du dadurch Deine Papiere – und das ist doch verdammt wichtig – in Ordnung bringst, Geld verdienst und Dir Beziehungen schaffst, […] dann sollte Dir das doch eine Genugtuung sein. (Rowohlt Verlagsarchiv, DLA). Ab Mitte der 1970er Jahre übersetze er vor allem Sachtexte für Kunstbuchverlage und Museen, ob er sich allein damit finanzieren konnte, ist unbekannt.
Die Einblicke in Guido Meister Leben als Übersetzer ergeben das Bild eines Mannes, der eine starke Berufung fühlte, die er nicht so leben konnte, wie er sich das wünschte. Vieles mag mit seinem Privatleben zusammenhängen, das bei der Recherche viele Leerstellen aufweist und zahlreiche Fragen unbeantwortet lässt – allen voran die, welche Rolle Gertrud Meister bei den frühen Camus-Übersetzungen spielte.
Guido Meisters Nachlass hat sich nicht erhalten. Allerdings finden sich in Verlagsarchiven zahlreiche Dokumente zu seiner Arbeit als Übersetzer.
Dank an:
Christoph Hilse (Deutsches Literaturarchiv Marbach), Hinrich Schmidt-Henkel, Elisabeth Thielecke sowie an das Team Inhaltserschließung der Deutschen Nationalbibliothek.
Anmerkungen
- 1Er studierte vermutlich Romanistik.
- 2Die Rechte für die deutschsprachige Übersetzung lagen, sowie bekannt, beim Rauch Verlag, wo Die Pest allerdings erst 1949 erschien.
- 3Die Quelle dieser Information war nicht abschließend zu klären. Die Erschließungsstelle der Deutschen Nationalbibliothek teilte auf Anfrage mit, die Quelle dafür sei „The National union catalog / Pre-1956 imprints (herausgegeben von der Library of Congress https://d-nb.info/011140771“ (E-Mail an die Verf. vom 3. Juli 2026).
- 4Das schwarze Buch von Vercors. Autoren: Albert Béguin, Pierre Courthion, Paul du Bochet, Richard Heyd, Georges Menkes und Lucien Tronchet. Mit einem Gedicht von Pierre Emmanuel. Aus dem Französischen übersetzt von Suzanne Billeter, Jean Bollack, Monique Bollinger, Werner Fink, Gertrud Flückiger und Guido Meister. Zürich, New York: Europa Verlag, 1945.
- 5Celans Karte und das Buch mit seiner Widmung stammen offensichtlich aus dem Nachlass von Guido oder Gertrud Meister. Sie wurden durch die Pariser Librarie Le Feu Follet verkauft. Wie das Antiquariat in deren Besitz gekommen ist, ist nicht ersichtlich.
- 6Es wurde offenbar erwogen, die Zusammenarbeit mit Meister zu beenden, denn am 15. November 1963 schreibt Lutrand an Ledig-Rowohlt: „Glaubst Du, dass wir Meister überhaupt nicht mehr für Übersetzungen heranziehen sollten?“ (Lutrand Archiv)
- 7Meister war zu keinem Zeitpunkt Camus’ alleiniger Übersetzer, 1948 erschien im Rauch Verlag Der Fremde in der Übersetzung von Georg Goyert, 1950, ebenfalls bei Rauch, Der Mythos von Sisyphos in der „Berechtigten Übertragung aus dem Französischen von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch“.
- 8Die Übersetzung von Le Premier Homme und die Neuübersetzung von La peste besorgte Uli Aumüller.
- 9Der Schriftsteller und Philosoph Jean Grenier (1898-1971) war Albert Camus’ Lehrer und enger Freund.
- 10Süddeutsche Zeitung, 12. März 2003. Zitiert in Perlentaucher; https://www.perlentaucher.de/buch/albert-camus/die-pest.html (Letzter Abruf 5. Juli 2026)
- 11E-Mail an die Verfasserin vom 5. September 2026.
- 12In ausländischen Verlagen könnten weitere Übersetzungen erschienen sein, die die Deutsche Nationalbibliothek nicht erfasst. Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass es sich um eine nennenswerte Zahl handelt.
- 13Aus dem Kontext des Briefes geht hervor, dass Paeschke auch Lizenzen für dtv erwarb.
- 14Lutrand schrieb im November 1963 an Meister: „Ich kann verstehen, dass Deine Arbeit auch als Leiter der Übersetzungs-Abteilung Dich nicht sonderlich interessiert. Aber wenn Du dadurch Deine Papiere – und das ist doch verdammt wichtig – in Ordnung bringst, Geld verdienst und Dir Beziehungen schaffst, […] dann sollte Dir das doch eine Genugtuung sein. (Rowohlt Verlagsarchiv, DLA).
